Kalevala - Der finnische Nationalepos

Schon gewusst…?

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  • Neunundvierzigste Rune


    Noch nicht wollt' die Sonne scheinen,
    Nicht das Gold des Mondes leuchten
    In den Stuben von Wäinölä,
    Auf den Fluren Kalewalas;
    Frost geriet an alle Saaten,
    An die Herden schlechtes Leben,
    An die Vögel fremdes Wesen,
    Langeweile an die Menschen,
    Da das Sonnenlicht nicht strahlte,
    Nicht des Mondes Schein erglänzte.


    Kannte wohl der Hecht die Gruben,
    Kannt' der Aar der Vögel Bahnen,
    Und der Wind der Schiffe Zeiten;
    Unbewußt blieb es den Menschen,
    Wann der Morgen wieder graute,
    Wann die Nacht sich niedersenkte
    Auf die nebelreiche Spitze,
    Auf das dunstumwobne Eiland.


    Es berieten sich die Jungen
    Und die Ältern überlegten,
    Wie man ohne Mond wohl leben,
    Ohne Sonne bleiben sollte
    In den kargen Länderstrecken,
    Auf des Nordens armem Boden.


    Es berieten sich die Jungfraun,
    Mägdlein suchten einen Ausweg,
    Gingen zu des Schmiedes Esse,
    Sprachen Worte solcher Weise:
    Hebe, Schmied, dich von dem Lager
    An der Wand, am Feuerherde,
    Schmiede einen neuen Mond uns,
    Eine neue runde Sonne!
    Schlimm ist's ohne Schein des Mondes,
    Unbehaglich ohne Sonne.


    Hob der Schmied sich von dem Lager
    An der Wand, am Feuerherde,
    Einen neuen Mond zu schmieden,
    Eine neue Sonnenscheibe;
    Bildet einen Mond von Gold dann,
    Formt aus Silber eine Sonne.


    Kam der alte Wäinämöinen,
    Setzte sich an seiner Türe,
    Redet Worte solcher Weise:
    Schmieder du, mein lieber Bruder,
    Was denn klopfst du in der Schmiede,
    Hämmerst du nun immerwährend?


    Sprach der Schmieder Ilmarinen
    Selber Worte dieser Weise:
    Bilde einen Mond aus Gold nun,
    Aus dem Silber eine Sonne,
    An den Himmel sie zu tragen,
    Über sechs bestirnte Decken.


    Sprach der alte Wäinämöinen
    Selber darauf diese Worte:
    O du Schmieder Ilmarinen,
    Machest dir vergebne Mühe!
    Nicht erglänzt das Gold als Mondlicht,
    Nimmer strahlt die Silbersonne.


    Bildet einen Mond der Schmieder,
    Hämmert auch die Sonne fertig,
    Hebet eifrig sie nach oben,
    Trägt sie sorgsam in die Höhe,
    Trägt den Mond zum Tannenwipfel,
    In die Fichtenkron' die Sonne;
    Schweiß entströmte da dem Kopfe,
    Feuchtigkeit der Stirn des Trägers,
    So beschwerlich war die Arbeit,
    So voll Mühe war das Heben.


    Hatte schon den Mond erhoben,
    Hatte hingesetzt die Sonne,
    Hing der Mond im Tannenwipfel,
    In der Fichtenkron' die Sonne;
    Doch der Mond will nicht erglänzen,
    Und die Sonne will nicht strahlen.


    Sprach der alte Wäinämöinen
    Selber Worte solcher Weise:
    Zeit ist's, nun das Los zu fragen
    Und die Zeichen zu erforschen,
    Wo die Sonne hingeraten,
    Wohin uns der Mond entkommen.


    Selbst der alte Wäinämöinen,
    Dieser ew'ge Zaubersprecher,
    Schneidet Späne von der Erle,
    Leget sorglich sie in Ordnung,
    Geht die Lose dann zu wenden,
    Mit den Fingern sie zu kehren,
    Redet Worte solcher Weise,
    Läßt auf diese Art sich hören:
    Von dem Schöpfer heisch' ich Kunde,
    Fordre zuverläss'ge Antwort:
    Wahrhaft sprich, des Schöpfers Zeichen,
    Rede zu mir, Los Jumalas,
    Wohin ist die Sonn' geraten,
    Wohin ist der Mond gefallen,
    Da man nicht im Gang der Zeiten
    Beide an dem Himmel schauet?


    Sprich, o Los, du nach der Wahrheit,
    Sprich nicht nach dem Sinn des Mannes,
    Bringe hierher wahre Worte
    Und erricht' ein festes Bündnis!
    Sollte mich das Los belügen,
    Werde ich's nach unten werfen,
    Werd' ich's in das Feuer schütten,
    Daß das Zeichen dort verbrenne.


    Bracht' das Los nun wahre Worte,
    Gab der Männer Zeichen Antwort,
    Sagte, daß die Sonn' geraten,
    Daß der Mond hinabgesunken
    In den Steinberg von Pohjola,
    In des Kupferberges Innres.


    Wäinämöinen alt und wahrhaft
    Redet Worte solcher Weise:
    Wenn ich nach Pohjola gehe,
    Zu dem Pfad der Nordlandsöhne,
    Mache ich den Mond erglänzen
    Und das Gold der Sonne strahlen.


    Eilig geht er, zieht von dannen
    Nach dem nimmerhellen Nordland,
    Schreitet einen Tag, den zweiten,
    Endlich an dem dritten Tage
    Kommt des Nordens Tor zum Vorschein,
    Sind die Steineshügel sichtbar.


    Ruft sogleich mit starker Stimme
    An dem Flusse von Pohjola:
    Bringet hierher einen Nachen,
    Daß den Fluß ich übersetze!


    Da sein Rufen man nicht höret,
    Nicht das Boot zu ihm gebracht wird,
    Sammelt Holz er einen Haufen,
    Zweige einer dürren Tanne,
    Macht ein Feuer an dem Ufer,
    Daß ein starker Rauch sich hebet;
    Zu dem Himmel steigt das Feuer,
    Und der Rauch dringt in die Lüfte.


    Louhi, sie, des Nordlands Wirtin,
    Kommt von ungefähr ans Fenster,
    Schauet auf des Sundes Mündung,
    Redet Worte solcher Weise:
    Was für Feuer brennet dorten
    An der Mündung dieses Sundes?
    Ist zu klein für Kriegesfeuer,
    Ist zu groß als Netzzugflamme.


    Selbst der Sohn des Pohjaländers
    Stürzet eilends zu dem Hofe,
    Um zu schauen, um zu hören,
    Um genau sich umzusehen:
    An des Flusses anderm Ufer
    Ist ein stolzer Held, der schreitet.


    Rief der alte Wäinämöinen
    Darauf noch zum andern Male:
    Bring ein Boot, o Sohn des Nordens,
    Bring das Boot dem Wäinämöinen!


    Also sprach der Sohn des Nordens,
    Redet selber diese Worte:
    Nicht sind müßig hier die Boote,
    Brauch' die Finger du zum Rudern,
    Deine Hand als Steuerruder
    Durch den Fluß im Land des Nordens!


    Dacht' der alte Wäinämöinen,
    Dachte nach und überlegte:
    Nicht wird als ein Mann der gelten,
    Der sich von dem Wege wendet.
    Ging als Hecht dann in die Fluten,
    Als ein Schnäpel in das Wasser,
    Schwimmet durch den Sund geschwinde,
    Eilends zieht er durch die Strecke,
    Macht dann einen Schritt, den zweiten,
    Schreitet auf des Nordlands Ufer.


    Sprachen so des Nordens Söhne,
    Redet so der schlimme Haufen:
    Komm nur nach dem Hof Pohjolas!
    Nach dem Hof Pohjolas ging er.


    Sprachen so des Nordens Söhne,
    Redete der schlimme Haufen:
    Komm nur in Pohjolas Stube!
    Nach Pohjolas Stube ging er;
    Setzt den Fuß nun in das Vorhaus,
    An den Türgriff seine Hände,
    Dringet darauf in die Stube,
    Schreitet unter die Bedachung.


    Trinken Honigtrank dort Männer,
    Schlürfen von dem süßen Seime,
    Haben Schwerter in dem Gürtel,
    Haben Waffen dort die Helden
    Zu dem Untergange Wäinös,
    Zu dem Tod des Wogenfreundes.


    Fragen also den Gekommnen,
    Sprechen Worte solcher Weise:
    Was wirst, schlechter Mann, du sagen,
    Was, o Schwimmheld, du verkünden?

    „Ich bin so etwas wie ein Antikörper der New-Age-Bewegung. Meine Funktion besteht darin, auf die Möglichkeit aufmerksam zu machen, hey, weißt du, einiges von all dem Kram könnte auch riesengroßer Quatsch sein!“


    Ceterum censeo progeniem hominum esse deminuendam.

  • Wäinämöinen alt und wahrhaft
    Redet Worte solcher Weise:
    Sage Wunder von dem Monde,
    Seltsam Wesen von der Sonne;
    Wohin floh von uns die Sonne,
    Wohin ist der Mond verschwunden?


    Sprechen so des Nordens Söhne,
    Redet so der schlimme Haufen:
    Dahin floh von euch die Sonne,
    Floh die Sonne, schwand der Mond euch,
    In den Stein mit buntem Busen,
    In den eisenfesten Felsen;
    Kommen dorther nicht in Freiheit,
    Können nicht erlöset werden.


    Spricht der alte Wäinämöinen,
    Selber Worte solcher Weise:
    Kommt der Mond nicht aus dem Steine,
    Aus dem Felsen nicht die Sonne,
    Wollen an den Kampf wir gehen,
    Mit dem Schwerte wir beginnen!


    Zieht das Schwert, enthüllt das Eisen,
    Reißet aus der Scheid' das wilde,
    An der Spitze scheint das Mondlicht,
    An dem Griffe glänzt die Sonne,
    Auf dem Rücken steht ein Rößlein,
    An dem Knopfe miaut ein Kätzchen.


    Maßen darauf ihre Schwerter,
    Prüften eilends ihre Klingen;
    Nur ein kleines Stückchen länger
    War das Schwert des alten Wäinö,
    Um des Gerstenkornes Dicke,
    Um die Breite eines Strohhalms.


    Gingen auf den Hof nach außen,
    Auf die flachgebahnten Fluren;
    Hieb der alte Wäinämöinen
    Mit dem Schwert, so daß es blitzte,
    Einmal hieb er, hieb das zweite,
    Schälte da gleich Rübenwurzeln,
    Schlug da ab gleich Flachses Köpfen
    Vieler Nordlandssöhne Köpfe.


    Ging der alte Wäinämöinen
    Darauf, um den Mond zu sehen,
    Um die Sonne sich zu holen
    Aus dem Stein mit buntem Busen,
    Aus dem stahlgefüllten Berge,
    Aus dem eisenfesten Felsen.


    War ein wenig nur gegangen,
    Eine kleine Streck' geschritten,
    Sieht da eine grüne Insel,
    Darauf eine schöne Birke,
    Einen Steinblock an der Birke,
    Unterm Steinblock einen Felsen,
    Neun der Türen an dem Felsen,
    Hundert Riegel an den Türen.


    Sieht da einen Spalt im Steine,
    Einen schwachen Streif am Felsen;
    Zieht das Schwert aus seiner Scheide,
    Kratzt ein Zeichen auf den Stein hin
    Mit des Schwertes Feuerklinge,
    Mit dem flammenreichen Eisen:
    Auseinander sprang der Stein da,
    Spaltete sich in drei Stücke.


    Wäinämöinen alt und wahrhaft
    Schaute in des Steines Spalten:
    Trinken Bier dort viele Schlangen,
    Würze schlürfen ein die Nattern
    In des bunten Steines Innerm,
    In dem Schoß des leberfarbnen.


    Sprach der alte Wäinämöinen
    Selber Worte solcher Weise:
    Deshalb hat die arme Wirtin
    Gar so wenig Bier erhalten,
    Da die Schlangen Bier hier trinken,
    Nattern von dem Malztrank schlürfen!


    Schneidet ab der Schlangen Köpfe,
    Bricht der bösen Nattern Nacken,
    Redet Worte solcher Weise,
    Läßt auf diese Art sich hören:
    Mögen nie im Lauf der Zeiten,
    Niemals mehr von diesem Tage
    Schlangen unser Süßbier trinken,
    Nattern unsern Malztrank schlürfen!


    Sucht der alte Wäinämöinen,
    Dieser ew'ge Zaubersprecher,
    Mit der Faust die Tür zu rütteln,
    Mit der Worte Kraft die Riegel;
    Händen weichen nicht die Türen,
    Worten folgen nicht die Riegel.


    Sprach der alte Wäinämöinen
    Selber Worte solcher Weise:
    Weib nur ist der Waffenlose,
    Schwächling ist der Beilberaubte.
    Ging sofort nun in die Heimat,
    Tiefen Hauptes, trüber Laune,
    Daß den Mond er nicht erhalten,
    Nicht die Sonne schon ergriffen.


    Sprach der muntre Lemminkäinen:
    O du alter Wäinämöinen!
    Weshalb nahmst du mich nicht mit dir
    Zum Genossen beim Beschwören?
    Schon gesprengt wär'n alle Schlösser,
    Schon zerbrochen alle Riegel,
    Losgemacht der Mond zu glänzen,
    Sonne auferweckt zu strahlen.


    Wäinämöinen alt und wahrhaft
    Redet selber diese Worte:
    Worte brechen nicht die Riegel,
    Zauber sprenget nicht die Schlösser,
    Fäuste können sie nicht rühren,
    Nicht der Ellenbogen wenden.


    Ging nun nach des Schmiedes Esse,
    Redet Worte solcher Weise:
    O du Schmieder Ilmarinen!
    Schmied' dreizackig mir die Hacke,
    Schmiede mir ein Dutzend Bohrer,
    Einen starken Bund von Schlüsseln,
    Daß den Mond ich aus dem Steine,
    Aus dem Fels die Sonne hole.


    Selbst der Schmieder Ilmarinen,
    Dieser ew'ge Hämmerkünstler,
    Hämmert, was der Mann verlangte,
    Hämmert ihm ein Dutzend Bohrer,
    Hämmert einen Bund von Schlüsseln,
    Auch ein gutes Bündel Speere,
    Nicht zu große, nicht zu kleine,
    Hämmert sie von Mittelgröße.


    Louhi, sie, Pohjolas Wirtin,
    Nordlands zähnearme Alte,
    Schafft aus Federn sich zwei Flügel,
    Hebt sich flatternd in die Lüfte;
    Fliegt erst in des Hauses Nähe,
    Schwingt sich ferner dann und ferner,
    Durch das weite Meer Pohjolas,
    Zu der Esse Ilmarinens.


    Öffnet da der Schmied sein Fenster,
    Denkt, ein Sturmwind sei's, der nahet;
    War kein Sturmwind, der ihm nahte,
    War ein Habicht grau von Farbe.


    Spricht der Schmieder Ilmarinen
    Worte nun auf solche Weise:
    Was wohl suchst du, Waldes Vogel,
    Weshalb sitzst du an dem Fenster?


    Fing der Vogel an zu sprechen,
    Also redete der Habicht:
    O du Schmieder Ilmarinen,
    Der du immerwährend hämmerst,
    Bist fürwahr ein rechter Meister,
    Bist ein echter Hämmerkünstler!


    Sprach der Schmieder Ilmarinen,
    Redet selber diese Worte:
    Das ist wohl kein großes Wunder,
    Wenn ich bin ein guter Schmieder,
    Da den Himmel ich geschmiedet,
    Ich der Lüfte Dach gehämmert.


    Fing der Vogel an zu sprechen,
    Also redete der Habicht:
    Was wohl formst du jetzt, o Schmieder,
    Waffenschmied, was ist dein Werk nun?


    Gab der Schmieder Ilmarinen
    Diese Worte ihm zur Antwort:
    Schmiede einen starken Halsring
    Für die Alte von Pohjola,
    Daß sie angeheftet werde
    An dem Saum des festen Berges.


    Louhi, sie, Pohjolas Wirtin,
    Nordlands zähnearme Alte,
    Sah die Unglücksstunde nahen,
    Unheil ihrem Haupte drohen,
    Eilends floh sie durch die Lüfte,
    Rettete sich nach Pohjola.


    Läßt den Mond nun aus dem Steine,
    Läßt die Sonne aus dem Felsen,
    Selbst verwandelt sie das Aussehn,
    Schafft sich um in eine Taube;
    Flatternd kommt sie angeflogen
    Zu der Esse Ilmarinens,
    Fliegt als Vogel zu der Türe,
    Fliegt als Taube zu der Schwelle.


    Spricht der Schmieder Ilmarinen
    Selber Worte dieser Weise:
    Weshalb kommst du hergeflogen,
    Kommst du, Taube, zu der Schwelle?


    Antwort gibt ihm von der Türe,
    Von der Schwelle ihm die Taube:
    Deshalb bin ich an der Schwelle,
    Um die Kunde dir zu bringen,
    Schon entstieg der Mond dem Steine,
    Kam die Sonne aus dem Felsen.


    Selbst der Schmieder Ilmarinen
    Geht hinaus, um nachzuschauen,
    Schreitet zu der Tür der Esse,
    Schauet scharf empor zum Himmel,
    Sieht das Mondlicht wieder glänzen,
    Sieht der Sonne Licht erstrahlen.


    Geht alsbald zu Wäinämöinen,
    Redet Worte solcher Weise:
    O du alter Wäinämöinen,
    Zaubersprecher aller Zeiten!
    Komm den Mond nun anzuschauen,
    Komm die Sonne zu betrachten,
    Sind fürwahr schon an dem Himmel,
    An den altgewohnten Plätzen.


    Wäinämöinen alt und wahrhaft
    Schreitet auf den Hof nun selber,
    Hebt sogleich sein Haupt zur Höhe,
    Wendet seinen Blick zum Himmel:
    Oben steht der Mond wie früher,
    Freigeworden ist die Sonne.


    Fängt der alte Wäinämöinen
    Selber darauf an zu sprechen,
    Redet Worte solcher Weise,
    Läßt auf diese Art sich hören:
    Heil dir, Mond, erglänzend wieder
    Zeigst du uns die schönen Wangen!
    Heil dir, Goldne, strahlend wieder
    Hebst du dich empor, o Sonne!


    Frei bist, Goldmond, du des Felsens,
    Frei des Steins du, schöne Sonne,
    Kehrtet gleich dem goldnen Kuckuck,
    Gleich der sanften Silbertaube
    Zu den wohlvertrauten Stätten,
    Fandet die gewohnten Bahnen.


    Steig, o Sonne, jeden Morgen,
    Ewig fort von diesem Tage;
    Bring uns täglich Glückesgrüße,
    Daß sich unsre Habe häufe,
    Beute unsern Fingern nahe,
    Glück der Spitze unsrer Angeln!


    Wandle deine Bahn im Segen,
    Deinen Weg in hoher Wonne,
    Schließ in Schönheit deinen Bogen,
    Ruh' am Abend in der Freude!

    „Ich bin so etwas wie ein Antikörper der New-Age-Bewegung. Meine Funktion besteht darin, auf die Möglichkeit aufmerksam zu machen, hey, weißt du, einiges von all dem Kram könnte auch riesengroßer Quatsch sein!“


    Ceterum censeo progeniem hominum esse deminuendam.

  • Fünfzigste Rune


    Marjatta, die schöne Jüngste,
    Wuchs schon lange in dem Hause,
    In dem Haus des hohen Vaters,
    In der trauten Mutter Stube;
    Sie verbraucht wohl fünf der Ketten,
    Nutzte ab wohl sechs der Ringe
    An den Schlüsseln ihres Vaters,
    Die an ihrem Busen glänzten.


    Sie verschliß der Schwelle Hälfte
    Mit dem schimmernd schönen Saume,
    Nutzte ab des Balkens Hälfte
    Mit dem feinen seidnen Kopftuch,
    Auch die Hälfte eines Pfostens
    Mit des weichen Ärmels Mündung,
    Und die Bretter auf dem Boden
    Mit dem Absatz ihrer Schuhe.


    Marjatta, die schöne Jüngste,
    Dieses kleingewachsne Mädchen,
    Pflegte lange ihre Keuschheit,
    War stets schamhaft und bescheiden,
    Nährte sich von schönen Fischen
    Und von weicher Fichtenrinde,
    Nie aß sie ein Ei der Henne,
    Die des Hahns Mutwillen folgte,
    Aß auch niemals Fleisch des Schafes,
    War es schon gepaart dem Widder.


    Schickt die Mutter sie zum Melken,
    Geht sie dennoch nicht zu melken,
    Redet selber diese Worte:
    Nicht wird eine solche Jungfrau
    Je der Kühe Euter fassen,
    Die die Stiere schon besprangen,
    Nicht melkt sie, da von der Färse,
    Von dem Kalbe keine Milch fließt.


    Schickt der Vater sie zum Schlitten,
    Will nicht in des Hengstes Schlitten,
    Bringt der Bruder eine Stute,
    Spricht die Jungfrau diese Worte:
    Will nicht mit der Stute fahren,
    Die dem Hengste untertan ist,
    Fahre nicht, wenn mich nicht Füllen,
    Monatalte mich nicht ziehen.


    Marjatta, die schöne Jüngste,
    Welche stets jungfräulich lebte,
    Mädchenhaft den Kopf stets senkte,
    Schöngelockt und rein und schamhaft,
    Führt' die Herde auf die Weide,
    Schritt zur Seite ihrer Lämmer.


    Gehen auf dem Berg die Lämmer,
    Auf des Hügels Spitz' die Schafe,
    Schreitet auf der Flur die Jungfrau,
    Hüpfet in dem Erlenhaine
    Bei dem Ruf des goldnen Kuckucks,
    Bei dem Sang des Silbervogels.


    Marjatta, die schöne Jüngste,
    Schauet hin und lauschet fleißig,
    Setzt sich auf die Beerenwiese,
    An den Abhang hin des Berges,
    Redet Worte solcher Weise,
    Selber spricht sie diese Worte:
    Rufe du, o goldner Kuckuck,
    Singe du, o Silbervogel,
    Trillre laut, du Zinnesbusen,
    Sprich, du wundersame Beere,
    Geh' ich lang noch unbehaubet,
    Lange ich als Lämmerhirtin
    Auf den weitgedehnten Fluren,
    Auf des Haines breitem Boden:
    Einen Sommer oder zwei noch,
    Fünf der Sommer oder sechs noch,
    Oder wohl gar zehn der Sommer,
    Oder diesen kaum zu Ende?


    Marjatta, die schöne Jüngste,
    Lebte lange so als Hirtin;
    Übel ist das Hirtenleben,
    Und zumal für eine Jungfrau:
    Schlangen kriechen in dem Grase,
    Auf dem Boden schleicht die Eidechs'.


    Doch nicht schlichen damals Schlangen,
    Nicht die Eidechs' auf dem Boden,
    Von dem Berge rief die Beere,
    Von der Flur die Preiselbeere:
    Komm, o Jungfrau, mich zu pflücken,
    Mich, Rotwangige, zu lesen,
    Mich, o Zinnbrust, auszureißen,
    Kupfergurt, mich zu erwählen,
    Ehe mich die Schnecke aufzehrt,
    Eh' der schwarze Wurm mich einschlingt!
    Hundert haben mich gesehen,
    Tausend haben hier gesessen,
    Hundert Mädchen, tausend Weiber,
    Kinder auch in großen Scharen,
    Keiner hat mich je berühret,
    Hat mich Arme je gepflücket.


    Marjatta, die schöne Jüngste,
    Ging ein wenig auf dem Wege,
    Ging die Beere anzuschauen,
    Ging die rote abzupflücken
    Mit den schönen Fingerspitzen,
    Mit den wunderfeinen Händen.


    Sieht die Beere an dem Berge,
    Auf der Flur die Preiselbeere;
    Ist wie eine Preiselbeere
    Anzusehn, und allzu hoch doch,
    Um vom Boden, allzu niedrig,
    Um vom Baum sie zu erreichen.


    Nahm ein Stäbchen von der Heide,
    Schlug die Beere drauf zu Boden;
    Von dem Boden stieg die Beere
    Hin auf ihre schönen Schuhe,
    Von den schönen Schuhen stieg sie
    Hin auf ihre keuschen Kniee,
    Von den keuschen Knieen stieg sie
    Auf den klaren Saum des Kleides.


    Stieg dann zu des Gürtels Streifen,
    Von dem Gürtel zu den Brüsten,
    Von den Brüsten zu dem Kinne,
    Von dem Kinne zu den Lippen,
    Schlüpfet dann in ihren Mund ein,
    Schaukelt sich auf ihrer Zunge,
    Von der Zunge zu der Kehle,
    Gleitet nieder in den Magen.


    Marjatta, die schöne Jüngste,
    Schwoll davon und wurde schwanger,
    Sie erlangte große Fülle,
    Wurde überschwer am Leibe.


    Fing an ungeschnürt zu gehen,
    Ohne Gürtel sich zu kleiden,
    Heimlich in der Badestube,
    In dem finstern Raum zu weilen.


    Immer dachte schon die Mutter,
    Überlegte so die Alte:
    Was geschah wohl mit Marjatta,
    Was mit unserm lieben Hühnchen,
    Daß sie ungeschnürt nun schreitet,
    Ohne Gürtel stets sich kleidet,
    In die Badstub' heimlich gehet,
    In dem finstern Raume weilet?


    Also redete ein Kindlein,
    Sprach ein Kindlein diese Worte:
    Das geschah mit der Marjatta,
    Dieses Unheil mit der Armen:
    Allzulang hat auf der Weide,
    Bei der Herde sie geweilet.


    Und es trug des Leibes Schwere,
    Seine Fülle sie mit Schmerzen,
    Sieben Monate, den achten,
    Neun der Monde nacheinander,
    Nach der Rechnung alter Weiber
    Noch des zehnten Monats Hälfte.


    In dem zehnten dieser Monde
    Kam die Jungfrau sehr in Schmerzen,
    Hart gestaltete ihr Leib sich,
    Drückte sie mit großen Qualen.


    Bittet um ein Bad die Mutter:
    Meine vielgeliebte Mutter!
    Du gewähr' mir eine Stelle,
    Einen warmen Raum bereit' mir,
    Eine Freistatt schaff dem Mädchen,
    Seine Wehen hinzutragen.


    Spricht die Mutter diese Worte,
    Gibt die Alte ihr zur Antwort:
    Wehe dir, du Hiisi-Buhle!
    Neben wem hast du gelegen,
    War's der Unbeweibten einer
    Oder der beweibten Helden?


    Marjatta, die schöne Jüngste,
    Gibt zur Antwort diese Worte:
    Weder bei dem unbeweibten,
    Noch auch beim beweibten Manne;
    Ging zum beerenreichen Berge,
    Ging die Preiselbeere pflücken,
    Nahm, was ich für eine Beere
    Hielt, und tat es auf die Zunge,
    Rasch glitt es in meine Kehle,
    Schlüpfte es in meinen Magen!
    Davon schwoll ich, wurde schwanger,
    Daher ward mir meine Fülle.


    Bittet um ein Bad den Vater:
    O mein vielgeliebter Vater!
    Du gewähr' mir eine Stätte,
    Einen warmen Raum bereit' mir,
    Wo die Arme Ruhe finde,
    Meine Pein gelindert werde.


    Spricht der Vater diese Worte,
    Gibt der Alte ihr zur Antwort:
    Gehe, Dirne, du von dannen,
    Weich von hinnen, Feuerbuhle,
    Zu dem Felsenhaus des Bären,
    Zu des Brummers Steingemächern,
    Kannst, du Dirne, dort gebären,
    Dort, du Schlechte, niederkommen!


    Marjatta, die schöne Jüngste,
    Redet weise diese Worte:
    Bin mit nichten eine Dirne,
    Wahrlich keine Feuerbuhle,
    Werde einen großen Helden,
    Einen edlen Mann gebären,
    Der den Mächt'gen wird gebieten
    Und sogar dem Wäinämöinen.


    In Bedrängnis war die Jungfrau,
    Wohin sie die Schritte lenke
    Und von wem ein Bad erbitte;
    Redet Worte solcher Weise:
    Piltti, du mein kleines Mädchen,
    Du die beste meiner Mägde!
    Bitte um ein Bad im Dorfe,
    Such' ein Bad beim Sarabache,
    Wo die Arme Ruhe finde,
    Ihre Qual gelindert werde;
    Gehe schnell und eil' behende,
    Denn es ist gar bald vonnöten!


    Piltti, dieses kleine Mädchen,
    Redet Worte solcher Weise:
    Wen soll um das Bad ich bitten,
    Wen um Hilfe ich ersuchen?


    Marjatta, die schöne Jüngste,
    Redet selber diese Worte:
    Bitte um ein Bad den Ruotus
    An dem Eingang von Sariola!

    „Ich bin so etwas wie ein Antikörper der New-Age-Bewegung. Meine Funktion besteht darin, auf die Möglichkeit aufmerksam zu machen, hey, weißt du, einiges von all dem Kram könnte auch riesengroßer Quatsch sein!“


    Ceterum censeo progeniem hominum esse deminuendam.

  • Piltti, dieses kleine Mädchen,
    War gehorsam ihrem Worte,
    Fertig stets auch ungebeten,
    Rasch selbst ohne alle Mahnung,
    Eilte fort dem Dampfe ähnlich,
    Auf den Hof dem Rauch vergleichbar;
    Hob den Saum mit ihren Armen,
    Mit den Händen ihre Röcke,
    Eilt' und lief mit raschem Schritte
    Grade zu dem Haus des Ruotus;
    Berge bebten, als sie hinschritt,
    Hügel wankten, als sie eilte,
    Zapfen sprangen auf der Heide,
    Steine hüpften auf dem Sumpfe,
    Kam zum Hause des Ruotus,
    Trat hinein in seine Wohnung.


    Aß und trank der garst'ge Ruotus
    Grad im Hemd, nach Art der Großen,
    Saß zu Häupten seines Tisches,
    Angetan mit feinem Linnen.


    Bei dem Mahl sprach Ruotus also,
    Auf den Tisch gestützt, mit Barschheit:
    Was hast, Schlechte, du zu sagen,
    Woher kommst du, Wicht, gelaufen?


    Piltti, dieses kleine Mädchen,
    Redet Worte solcher Weise:
    Komme, um ein Bad zu bitten,
    Such' ein Bad beim Sarabache,
    Daß die Arme Ruhe finde,
    Hilfe der Bedrängten werde.


    Kommt das garst'ge Weib des Ruotus,
    Stemmt die Hände an die Seiten,
    Schreitet vorwärts auf der Diele,
    Eilet auf des Bodens Mitte,
    Forschet eifrig selber also,
    Redet Worte solcher Weise:
    Für wen willst das Bad du haben,
    Für wen bittest du um Hilfe?


    Spricht das kleine Mädchen Piltti:
    Bitte darum für Marjatta.


    Spricht das garst'ge Weib des Ruotus,
    Redet selber diese Worte:
    Frei ist hier kein Bad für Fremde,
    Keine Badstub' in Sariola;
    Bäder gibt's im Schwendenlande,
    Einen Stall im Fichtenwalde,
    Daß die Feuerbuhl' gebäre,
    Dort die Dirne niederkomme;
    Wenn das Pferd dort schnauft und atmet,
    Könnet ihr im Dampfe baden!


    Piltti, dieses kleine Mädchen,
    Läuft zurück mit schnellen Schritten,
    Eilt und rennt mit allen Kräften,
    Redet, als sie angekommen:
    Ist kein Bad im Dorf zu finden,
    Keine Stub' am Sarabache;
    Sprach das garst'ge Weib des Ruotus,
    Redet Worte solcher Weise:
    Frei ist hier kein Bad für Fremde,
    Keine Badstub' in Sariola;
    Bäder gibt's im Schwendenlande,
    Einen Stall im Fichtenwalde,
    Daß die Feuerbuhl' gebäre,
    Dort die Dirne niederkomme;
    Wenn das Pferd dort schnauft und atmet,
    Könnet ihr im Dampfe baden!
    Solche Worte sprach die Böse,
    Solches gab sie mir zur Antwort.


    Marjatta, die zarte Jungfrau,
    Fing darauf nun an zu weinen,
    Redet selber diese Worte:
    Werde jetzt wohl gehen müssen
    Wie ein armer Tagelöhner,
    Wie ein Knecht, den man gedungen,
    Gehen zu dem Schwendenlande,
    In den Fichtenwald zum Grasplatz.


    Rafft die Kleider mit den Fingern,
    Faßt den Rocksaum mit den Händen;
    Nimmt in ihren Arm den Quast dann,
    Einen weichen Blätterbesen,
    Schreitet schnellen Schrittes vorwärts
    In des Leibes argen Qualen
    Zu dem Haus im Fichtenwalde,
    Zu dem Stall am Tapioberge.


    Redet Worte solcher Weise,
    Läßt auf diese Art sich hören:
    Komm, o Schöpfer, mir zur Hilfe,
    Eil', Erbarmer, her zum Schutze
    Bei dem mühevollen Werke,
    In der gar zu schweren Stunde!
    Lös' die Jungfrau von der Drangsal,
    Von des Leibes Wehn das Mädchen,
    Daß sie nicht in Schmerz vergehe,
    Bei der Qual sie nicht ersterbe!


    Als zum Ziele sie gekommen,
    Spricht sie selber diese Worte:
    Atme nun, mein teures Rößlein,
    Schnaufe nun, du starkes Füllen,
    Badedampf hier zu verbreiten,
    Bades Wärme mir zu senden,
    Daß die Arme Ruhe finde,
    Hilfe der Bedrängten werde!


    Atmete das gute Rößlein,
    Schnaufte da das starke Füllen
    Hin zum schmerzgedrückten Leibe;
    Wenn das Rößlein Atem holte,
    War es wie der Badstub' Wärme,
    Wie der Wassertropfen Sprühen.


    Marjatta, die zarte Jungfrau,
    Sie, das keusche kleine Mädchen,
    Badete nun zur Genüge
    Ihren Leib in dieser Wärme;
    Bracht' zum Vorschein dann ein Söhnlein,
    Legte das unschuld'ge Kindlein
    Auf das Heu zur Seit' des Pferdes,
    Auf des schönbemähnten Krippe.


    Wusch darauf das kleine Söhnlein,
    Wickelte es ein in Windeln;
    Nahm den Knaben auf die Kniee,
    Barg das Kind in ihrem Schoße.


    So versteckt hielt sie ihr Söhnlein
    Und erzog den Vielgeliebten,
    Ihren lieben goldnen Apfel,
    Ihr geliebtes Silberstöcklein,
    Nährte es in ihren Armen,
    Wendet' es auf ihren Händen.


    Hielt den Sohn auf ihren Knieen,
    Hielt das Kind in ihrem Schoße,
    Fing den Kopf an ihm zu bürsten,
    Seine Haare durchzukämmen;
    Von den Knien verschwand der Knabe,
    Von dem Schoße ihr das Kindlein.


    Marjatta, die zarte Jungfrau,
    Kam alsdann in große Trübsal;
    Macht sich auf das Kind zu suchen,
    Sucht ihr liebes kleines Söhnlein,
    Suchet ihren goldnen Apfel,
    Sucht ihr liebes Silberstöcklein,
    Sucht es unter einem Mühlstein,
    Unter einer Schlittenkufe,
    Unter einem großen Siebe,
    Sucht es unter einem Tragkorb,
    Rührt die Bäume, teilt die Kräuter
    Und durchwühlt die weichen Gräser.


    Lang sucht sie ihr liebes Söhnlein,
    Sucht ihr Söhnlein, ihren Kleinen,
    Auf den Hügeln, in den Hainen,
    Auf dem weiten Heidelande,
    Schaut auf jedes Heideblümchen,
    Stochert jeden Strauch im Busch auf,
    Gräbt an den Wacholderwurzeln,
    Hebt die Zweige an den Bäumen.


    Denkt nun weiter fortzugehen,
    Machet eilig sich ans Wandern;
    Kommt ein Sternlein ihr entgegen.
    Sie verneigt sich vor dem Sterne:
    Stern, den Jumala geschaffen!
    Weißt du nichts von meinem Sohne,
    Wo mein kleiner Sohn geblieben,
    Wo mein goldner Apfel weilet?


    Gibt der Stern ihr diese Antwort:
    Wüßt' ich's auch, würd' ich's nicht sagen;
    Denn mich selber auch erschuf er,
    Daß ich bei solch schlechten Tagen
    In dem Frost muß ewig glänzen,
    In den Finsternissen funkeln.


    Denkt nun weiter fortzugehen,
    Machet eilig sich ans Wandern;
    Kommt der Mond ihr drauf entgegen.
    Sie verneigt sich vor dem Monde:
    Mond, den Jumala geschaffen!
    Weißt du nichts von meinem Sohne,
    Wo mein kleiner Sohn geblieben,
    Wo mein goldner Apfel weilet?


    Gibt der Mond ihr diese Antwort:
    Wüßt' ich's auch, würd' ich's nicht sagen;
    Denn mich selber auch erschuf er,
    Daß ich bei solch schlechten Tagen
    Einsam bei der Nacht muß wachen
    Und den ganzen Tag lang schlafen.


    Denkt nun weiter fortzugehen,
    Machet eilig sich ans Wandern;
    Kommt die Sonne ihr entgegen.
    Sie verneigt sich vor der Sonne:
    Sonne, Jumalas Geschöpf du!
    Weißt du nichts von meinem Sohne,
    Wo mein kleiner Sohn geblieben,
    Wo mein goldner Apfel weilet?


    Klüglich antwortet die Sonne:
    Kenne wohl dein liebes Söhnlein;
    Denn mich selber auch erschuf er,
    Daß ich in den guten Tagen
    In dem Golde rauschend gehe,
    In dem Silber schön erstrahle.


    Kenne schon dein liebes Söhnlein,
    Kenne, Arme, deinen Kleinen.
    Dorten ist dein kleines Söhnlein,
    Ist dein lieber, goldner Apfel,
    Steckt im Sumpfe bis zum Gurte,
    In der Heide bis zum Arme.


    Marjatta, die zarte Jungfrau,
    Sucht den Sohn nun in dem Sumpfe;
    Findet ihren Sohn im Sumpfe,
    Bringt von dort ihn fort nach Hause.


    Darauf wuchs der Sohn Marjattas,
    Wuchs der Knabe voller Schönheit;
    Doch man konnt' ihn nicht benennen,
    Keinen Namen trug der Knabe:
    Blümlein nannte ihn die Mutter,
    Fremde ihn den Müßiggänger.


    Ward gesucht nun, wer ihn taufen,
    Ihn besprengen könnt' mit Wasser,
    Kam ein Alter, ihn zu taufen,
    Wirokannas, ihn zu segnen.


    Sprach der Alte diese Worte,
    Redet selbst auf diese Weise:
    Werde diesen Zaubervollen,
    Werd' den Seltsamen nicht taufen,
    Wird er nicht zuvor geprüfet,
    Nicht geprüfet und gerichtet.


    Wer wohl sollte ihn da prüfen,
    Wer ihn prüfen, wer ihn richten?
    Wäinämöinen alt und wahrhaft,
    Dieser ew'ge Zaubersprecher,
    Kam den Knaben da zu prüfen,
    Ihn zu prüfen und zu richten.

    „Ich bin so etwas wie ein Antikörper der New-Age-Bewegung. Meine Funktion besteht darin, auf die Möglichkeit aufmerksam zu machen, hey, weißt du, einiges von all dem Kram könnte auch riesengroßer Quatsch sein!“


    Ceterum censeo progeniem hominum esse deminuendam.

  • Wäinämöinen alt und wahrhaft
    Fällte darauf dieses Urteil:
    Da der Sohn vom Sumpf empfangen,
    Von der Beere ist entstanden,
    Soll man ihn zu Boden legen
    Auf die beerenreiche Wiese,
    Oder zu dem Sumpf ihn führen,
    An dem Baum den Kopf zerschlagen!


    Sprach das Vierzehntageknäblein,
    Das zwei Wochen alte redet:
    O du Alter ohne Einsicht,
    Ohne Einsicht, ohne Tatkraft,
    Töricht fälltest du das Urteil,
    Legtest unrecht das Gesetz aus!
    Wurdest nicht ob größrer Sünde,
    Nicht ob törichterer Taten
    Selber du zum Sumpf geführet,
    Nicht am Baum dein Kopf zerschlagen,
    Als du einst in jungen Jahren
    Deiner Mutter Kind verschenkt hast,
    Als ein Lösgeld für dein Leben,
    Um dich selber zu befreien.


    Wurdest damals nicht geführet
    Und auch später nicht zum Sumpfe,
    Als du einst in jungen Jahren
    Junge Mädchen sinken ließest
    In der Meeresfluten Tiefe,
    Auf den schwarzen Schlamm des Bodens.


    Tauft der Alte rasch den Knaben,
    Segnet schnell das liebe Kindlein,
    Daß es König von Karjala,
    Hüter aller Mächte werde.


    Ward der alte Wäinämöinen
    Drauf beschämt und sehr verdrießlich,
    Machte sich dann auf zu gehen,
    Wanderte zum Meeresstrande,
    Und dort hob er an zu singen,
    Sang zum allerletzten Male,
    Sang ein Boot sich ganz aus Kupfer,
    Einen erzbeschlagnen Nachen.


    Setzte selbst sich an das Ende,
    Zog von dannen auf dem Meere:
    Also sprach er noch beim Scheiden,
    Redete noch dies im Fahren:
    Laß die liebe Zeit nur hingehn,
    Tage gehn und Tage kommen,
    Man wird meiner schon bedürfen,
    Nach mir schauen, nach mir suchen,
    Daß ich neu den Sampo schaffe,
    Neu das Saitenspiel erbaue,
    Neu den Mond zum Himmel führe,
    Frei die neue Sonne mache,
    Wenn nicht Mond noch Sonne scheinen
    Und der Welt die Freud' entschwindet.


    Fuhr der alte Wäinämöinen
    Mit der Segel lautem Rauschen
    Auf dem kupferreichen Boote,
    Auf dem erzbeschlagnen Nachen,
    Bis zum Orte, wo die Erde
    Und der Himmel sich begegnen.


    Blieb mit seinem Boot dort haften,
    Mit dem Nachen dorten stehen,
    Doch zurück ließ er die Harfe,
    Ließ das schöne Spiel in Suomi,
    Seinem Volk ließ ew'ge Freude,
    Großen Sang er seinen Kindern.


    * * *

    „Ich bin so etwas wie ein Antikörper der New-Age-Bewegung. Meine Funktion besteht darin, auf die Möglichkeit aufmerksam zu machen, hey, weißt du, einiges von all dem Kram könnte auch riesengroßer Quatsch sein!“


    Ceterum censeo progeniem hominum esse deminuendam.

  • Werd' den Mund nun schließen müssen,
    Meine Zunge fest nun binden,
    Werde von dem Liede lassen,
    Von dem muntern Sange abstehn;
    Ruhen müssen selbst die Rosse,
    Wenn sie lange sind gelaufen,
    Auch der Sense Stahl wird stumpfer,
    Wenn sie Sommergras gehauen,
    Auch das Wasser sinket nieder,
    Wenn es in dem Flusse strömet
    Selbst das Feuer muß verlöschen,
    Wenn es in der Nacht gelodert;
    Warum sollt' der Sang nicht endlich,
    Nicht das Lied zuletzt ermatten
    Nach des Abends langer Freude,
    Nach dem Untergang der Sonne?


    Also hört' ich oftmals sagen,
    Hört' ich oftmals wiederholen:
    Selbst des Wasserfalles Strömung
    Läßt nicht alles Wasser fließen;
    Also wird der gute Sänger
    Auch nicht alle Lieder singen;
    Besser ist's die Weisheit sparen,
    Als inmitten abzubrechen.


    So verzichtend, so beendend,
    So beschließend, so verlassend,
    Wickle ich zum Knäul die Lieder,
    Roll' ich sie zu einem Bündel,
    Tu' sie zu der Kammer Vorrat,
    Wohlbewahrt vom Schloß aus Knochen,
    Daß sie niemals dort entrinnen,
    Nicht im Lauf der Zeit entkommen,
    Ohne daß das Schloß man sprenget,
    Daß die Knochen auf man tuet,
    Daß die Zähne auf man sperret
    Und die Zunge man beweget.


    Was auch wär' es, wenn ich sänge,
    Viele Lieder von mir gäbe,
    Wenn in jedem Tal ich sänge,
    Jeden Föhrenhain durchgirrte?
    Nicht am Leben ist die Mutter,
    Nicht die Alte wach hier oben,
    Nicht mehr kann die Goldne hören,
    Kann die Liebe es vernehmen;
    Tannen sind es, die mich hören,
    Fichtenzweige, die's erlernen,
    Zärtlich neigen sich die Birken,
    Mich umfangen Ebereschen.


    Klein verließ mich meine Mutter,
    Unerwachsen mich die Teure,
    Wie die Lerche auf dem Felsen,
    Wie ein Drosselchen auf Steinen,
    Gleich der Lerche dort zu zwitschern,
    Gleich der Drossel dort zu lärmen,
    In der Obhut einer Fremden,
    In stiefmütterlicher Pflege;
    Diese trieb den armen Knaben,
    Trieb das Kind ohn' alle Liebe
    Nach der Windseite der Stube,
    Nach der Nordseite des Hauses,
    Daß der Wind den Schutzentblößten,
    Unbarmherzig mich entführte.


    Fing als Lerche an zu ziehen,
    Fing als Vöglein an zu wandern,
    Still am Boden hinzuschreiten,
    Mühvoll meinen Weg zu wandeln,
    Lernte jeden Wind da kennen,
    Jedes Brausen ich begreifen,
    In dem Froste lernt' ich zittern,
    In der Kälte lernt' ich klagen.


    Gibt auch jetzt gar viele Menschen,
    Oftmals Leute, welche zu mir
    Mit gehäss'ger Stimme reden,
    Mit gar barscher Stimme stechen;
    Welche meiner Zunge fluchen,
    Über meine Stimme schreien,
    Die mein Summen tadeln wollen,
    Die mein Singen lästig finden,
    Sagen, daß ich übel singe
    Und das Lied nicht richtig sage.


    Mögt ihr nicht, o guten Leute,
    Gar Verwundern drob verspüren,
    Daß ich Kind so viel gesungen,
    Daß ich Kleiner schlecht gezwitschert!
    Bin in keiner Lehr' gewesen,
    War nicht bei den mächt'gen Männern,
    Hab' nicht fremde Wort' empfangen,
    Keine Rede aus der Ferne.


    Andre waren in der Lehre,
    Ich nur konnte nicht von Hause,
    Von der Seite meiner Mutter,
    Aus der Nähe dieser einz'gen;
    Hatt' zu Hause meine Lehre,
    Unterm Sparren unsres Speichers,
    An der Spindel meiner Mutter,
    An dem Schnitzspan meines Bruders,
    Schon in meiner frühsten Jugend,
    In dem ganz zerlumpten Hemde.


    Doch wie dieses nun auch sein mag,
    Zeigt' ich doch den Weg den Sängern,
    Zeigt' den Weg und bog den Wipfel,
    Brach die Zweige, bahnt' die Pfade;
    Hier nun führt der Weg in Zukunft,
    Hier eröffnet sich der Fußpfad
    Für die kundigeren Sänger,
    Für die reichern Runensprecher
    In der Jugend, die emporsteigt,
    In dem wachsenden Geschlechte.

    „Ich bin so etwas wie ein Antikörper der New-Age-Bewegung. Meine Funktion besteht darin, auf die Möglichkeit aufmerksam zu machen, hey, weißt du, einiges von all dem Kram könnte auch riesengroßer Quatsch sein!“


    Ceterum censeo progeniem hominum esse deminuendam.

  • :rulez: So fertig...


    Irgendwann versuch ich noch mal ein Pdf-Dokument daraus zu machen.


    Mein zweit liebster Gedichtzyklus, ratet mal was mein liebster ist :eek:


    „Ich bin so etwas wie ein Antikörper der New-Age-Bewegung. Meine Funktion besteht darin, auf die Möglichkeit aufmerksam zu machen, hey, weißt du, einiges von all dem Kram könnte auch riesengroßer Quatsch sein!“


    Ceterum censeo progeniem hominum esse deminuendam.

  • Firnwulf... fleißig und wahrhaft/wahrhaft fleißig... :thumbup: !


    Danke für deine Mühen... :) ! Obwohl ich das Kalevala in Buchform habe, hab ich immer wieder mal hier reingelinst :rulez: & ein paar Passagen gelesen...! Das Werk gefällt mir insofern gut, da es sehr lyrisch ist, viele Metaphern hat & atmosphärisch geschrieben ist...!


    Wäinämöinen ist wahrlich ein Skaldengott... :Heil_Odin: ! Der Legende nach hat er auch das Kantele erfunden... Ein Instrument, in welchem "die Harmonie der Weltordnung als Klang schläft, den nur die große Seele Wäinämöinens vernimmt..."


    Hab schon mal auf so einem Teil gespielt... Klingt wirklich schön :thumbup:




    Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren!

    Die Würde des Thor ist unantastbar... :vikinghammer:




  • der finnische Nationalepos gefällt mir fast besser als die Edda

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