Aberglaube: Spinne

Schon gewusst…?

Der norwegische König Olav I. Tryggvason drohte im 10. Jahrhundert damit, alle Isländer in Norwegen töten zu lassen, nachdem ihm der aus Island zurückgekehrte Missionar Þangbrandr (Thangbrand) mitgeteilt hatte, dass wenig Aussicht auf eine Christianisierung des Landes bestehe.

  • Spinne


    1. Etymologisches


    Spinne kurzweg bedeutet entweder die Haussp. (tegenaria domestica) oder die Kreuzsp. (epeira diadema), die im Franz. als araignée porte-croix bezeichnet wird (wegen der lichten, ein Kreuz darstellenden Fleckchen auf dem Rücken). Die Spinne ist in verschiedenen Sprachen nach dem Spinnen oder Weben1) benannt (vgl. steir. Spinnerin2)). Hochd. Spinne beruht auf mhd. spinne < ahd. spinna3). Vgl. hierzu engl. spider, dän. spinder, schwed. spindel4), ndd. spente, spinte, spenne5), schweiz. špinnmugg6), holl. spinnkop7). Franz.-dial. filère, filandreuse (Vogesen)8) beruhen ohne Zweifel auf Übertragung aus dem Deutschen (Bedeutungslehnwort). Im Altengl. wird die Spinne als »Weberin« bezeichnet in gangewaefre »Gangweberin«?9). Vereinzelt steht altengl. hunta »Jägerin«10). Auf die Eigenart der Spinne, ihr Opfer mit zusammengekrallten Füßen zu ergreifen, beruht siegerländ. kremm zu mhd. krimmen »drücken, kratzen«11).
    Andere Namen beziehen sich auf die vermeintliche Giftigkeit der Spinne (s. weiter unten). So heißt sie in Creuse geradezu vrin < lat. venenum (franz. venin »Gift«)12). Die Giftigkeit des Tieres ist auch angedeutet in altengl. attorcoppe, dän. edderkop. Altengl. áttor, bzw. dän. edder ist deutsch Eiter, dessen Grundbedeutung »tierisches Gift« ist13). Ebenso ist altengl. lobbe »Spinne« verwandt mit got. lubja- »Gift«, altnord. lyf »Arznei«, altengl. lybb »Gift« ahd. luppi id.14).
    In den romanischen Sprachen sind die Nachkommen von aranea15) < griech. ??????16) zahlreich vgl. 16): altprov. aranha, eranha, limous. ragno, altfrz. araigne, iraigne, neufrz. araignée Spinnegewebe > Spinne, span. araña, port. aranha. Auf araneus17) beruht ital. ragno friaul. rañ. Auch im Altengl. ist aranea als r?n?e erhalten18). Personifikationen bietet das Pariser Argot19): tendeuse (von tendre »spannen«), vagabonde, maçonne »Maurerin«.



    2. Biologisches


    Im Altertum glaubte man, die Spinne sei aus dem Blute eines Ungeheuers der Titanen, des Typhon oder der Gorgonen hervorgegangen20). Nach Megenberg21) können Spinnen entstehen aus verfaulten Gegenständen, aus »gefaulten« Sonnenstäubchen und endlich aus dem Speichel, den der Mensch nach der Mahlzeit auswirft. Über das »Spinnen« sagt Megenberg22): Dieser Wurm, d.i. die Spinne, besitzt die besondere Eigenschaft, aus seinen Därmen Fäden spinnen und Netze weben zu können, mit denen er die Fliegen fängt. Die Spinnen haben nämlich eine Wolle produzierende Kraft, durch die sie die Fäden hervorbringen. Häufig därmt sich die Spinne bei ihrem Spinnen so aus, daß nichts mehr in ihr bleibt und sie zugrunde gehen muß. Man sagt auch, die weibliche Spinne spänne und webte die Netze und die männliche fange die Fliegen damit. Weiters bemerkt Megenberg23), die Spinne könne nicht verhungern, denn sie lebe von Säften und Feuchtigkeiten. Sie habe die Gewohnheit, sich an einem Faden über dem Kopf einer Schlange zu schaukeln. Strecke diese den Kopf in die Höhe, so beiße sie die Schlange so gewaltig, daß sie bis aufs Gehirn komme und sie so umbringe24). Hinsichtlich ihrer Lebensweise heißt es bei Megenberg25), sie mache nicht eher neue Beute als bis sie die vorher erlegte völlig aufgezehrt habe. Nach polnischem Aberglauben (Kujawien in Posen) gilt die Spinne gleich dem Salamander als unverbrennbar26). Wirft man eine Kreuzsp. ins Feuer, so verbrennt sie nicht, sondern platzt auf, bekommt Flügel und fliegt davon27). Sie gilt allgemein als giftig. Das Gift saugt sie aus den Blumen28). Ihr Stich gilt als tödlich29). Sie vergiftet das Hausgesinde, indem sie ihr Gift von der Zimmerdecke in die Suppenschüssel herabläßt30). Schon im Mittelalter glaubte man von ihr, sie vergifte alle Speisen31). Noch jetzt gelten in Westböhmen Speisen, die mit dem Saft der Spinne in Berührung geraten, als todbringend. Dem Tode geweiht ist auch, wer unmittelbar von diesem Saft berührt wird32). Gifttränke, sog. »böse« Tränke, wurden noch im 17. Jh. aus einem Gemisch von Wein und Spinnen bereitet33). Ebenso werden Kreuzsp.n wie Gift eingegeben34). Fällt eine Spinne ins Wasser, muß es ausgeschüttet werden, da es durch die Spinne vergiftet wird35). Eine Einschränkung erfährt der Aberglaube von der Giftigkeit der Spinne durch die Meinung, ihr Speichel sei nur im Sommer, in der Begattungszeit giftig36). Umgekehrt soll der Speichel eines Menschen in nüchternem Zustand für die Spinne tödliches Gift sein37). Die Spinne (Kreuzsp.) kann aber auch wohltätig wirken, indem sie im Hause alles Gift an sich zieht und aus allem Gift saugt38).

    Von den geistigen Fähigkeiten der Spinne hat das Volk eine gute Meinung. Nach dem bestiaire d'amour39) übertrifft sie alle übrigen Tiere an feinem Taktgefühl. In den afrikanischen Volksmärchen spielt sie die Rolle des schlauen Fuchses40). Sie fasziniert die Kröte41), gegen die sie eine natürliche Abneigung hat42), und ist eine Feindin des Seidenwurms43). Ihr Orientierungssinn gilt als unbeirrbar. Wirft die Bäuerin Spinnen zum Fenster hinaus, sagt sie: »Den nächsten Morgen sind sie wieder in ihrem Eck; sie kennen ihre Heimat«44).



    3. Animismus und Dämonismus


    a) Seelenepiphanie. Als eigentliche Seelenepiphanie erscheint die Spinne selten. In Schwaben entschlüpft einem schlafenden Mädchen die Seele in Spinnengestalt. Es ist wie tot, bis ihm die Spinne wieder in den Mund kriecht45). Der Hexencharakter dieses Mädchens ist nicht ausgesprochen, in einer anderen Version ist jedoch ausdrücklich von einer Hexe die Rede46).

    b) Zauberei, Gottheit, Hexe47). Die Vorstellung der Verwandlung weiblicher Wesen in Spinnen ist sehr alt. So wurde schon Arachne (griech. ?????? »Spinne«, siehe unter 1), die ehrgeizige Weberin der griechischen Sage, von der eifersüchtigen Athene, der Meisterin der Webekunst, in eine Spinne verwandelt vgl. 47). In Polen und Ungarn erscheint die Arachne-Sage christianisiert. An Stelle der Arachne trat Maria48). In einer Schweizer Sage49) verwandelt sich die den Bauer verfolgende Spinne plötzlich in eine Jungfrau und führt ihn in eine schimmernde Grotte, die einer katholischen Wallfahrtskirche ähnelt. In Tirol zeigt sich der hilfsbereiten Bäuerin eine Spinne als wunderschöne Frau (Elfin) im Wochenbett und erweist sich ihr in der Folge wohltätig50). Bei vielen Indianerstämmen gilt die Spinne als gütiges, helfendes Wesen, den Indianern Südamerikas erscheint sie als Sonne51). Sie ist die Schöpferin von Mensch und Tier52) und lehrt die Menschen die Kunst des Netzstrickens vgl. 52). Vielfach ist sie Totemtier. Ihr Gewebe bildet die Brücke zwischen Himmel und Erde53). Bei den Kongonegern holt sie mit anderen Tieren das Feuer vom Himmel54).

    „Ich bin so etwas wie ein Antikörper der New-Age-Bewegung. Meine Funktion besteht darin, auf die Möglichkeit aufmerksam zu machen, hey, weißt du, einiges von all dem Kram könnte auch riesengroßer Quatsch sein!“


    Ceterum censeo progeniem hominum esse deminuendam.

  • Im Gegensatz zu dieser optimistischen Auffassung erscheint die Spinne häufig als verderbenbringendes Hexentier. In der Oberpfalz verhindert sie die Geburt55). Bei den Wenden haben die Vampire die Gestalt von riesigen Spinnen56). Nach japanischem Volksglauben hausen gewaltige Spinnendämonen in Erdlöchern57). In Wallonien bringt eine Großmutter ihre Enkelkinder in Spinnengestalt ums Leben58). In der Wildg'fahrhöhle am Naturnser Sonnenberg lauert die riesige Totenkopfsp. Eindringende umspinnt sie mit ihren Fäden, die stark und fest wie Pferdeschweifhaare sind59). Homöopathisch wird die Spinne gegen den bösen Blick verwendet60). Als Liebeszauber dient sie, bzw. ihr Gespinnst bei den Wenden61) und anderswo62). H.H. Ewers hat das Motiv der dämonischen Spinne meisterlich in seiner Erzählung »Die Spinne« verarbeitet63) (In der Sammlung »Die Besessenen«. München 1918).

    c) Zwerg, Kobold. Auch Zwerge nehmen nicht selten Spinnengestalt an. Nach Grimm64) bedeutet schwed. dwerg »Zwerg« und »Spinne«. In der Basse- Bretagne gibt es nach dem Volksglauben Spinnen, die in der Nacht dick und groß werden und die Schlafenden erwürgen, auch nehmen sie zuweilen die Gestalt von Kobolden (lutins) an65). In Schlesien erscheint ein Berggeist als glühende Spinne66), wobei das Glühen deutlich auf den dämonischen Charakter des Tieres weist.

    d) Teufel. Die Spinne tritt in engste Beziehung zum Teufel, der gelegentlich auch ihre Gestalt annimmt67). In Gleiwitz (Schlesien) heißt die Spinne der Ungenannte68). Nach lettischer Sage läßt sich die Spinne an einem Faden in die Hölle hinab, um dem schlafenden Teufel das Feuer zu rauben69). In slawischen Mythen tut sie dem Teufel Botendienste70). Wie Satan zur Spinne wurde, erzählt eine bulgarische Sage71). Als die Geister, die sich gegen Gott empört hatten, von diesem aus dem Himmel vertrieben wurden, blieb einer in der Luft hängen und wurde zur Spinne Daher soll der Mensch, sieht er eine Spinne, sie töten, denn er sündigt, läßt er Gottes Feind am Leben. In einer Emmentaler Sage72) küßt der Teufel die Wange einer Frau und erzeugt dadurch eine schwarze Beule, aus der eine schwarze Spinne hervorkriecht. Nach dem Tode der Frau setzt sich die Spinne auf andere Personen, die sämtlich schwarze Beulen (d.i. die Pest) empfangen. Schließlich wird die Spinne in einen Balken verpflöckt (Vgl. Gotthelfs Erzählung »Die schwarze Spinne«)73). Von der Verpflockung des Teufels in Spinnengestalt ist auch in einer Appenzeller Sage die Rede74). Sieht man auf dem Körper des Sterbenden eine Spinne, so ist dies der Teufel, der Gott die Seele strittig macht (Naintré)75). Als dämonischer spiritus familiaris wird die Spinne in einem Glas gehalten76). Landtman77) konstruiert Beziehungen der Spinne zu dem Gotte Loki, dem altnordisch-heidnischen Vorläufer Satans. Auf der Wesensgleichheit von Teufel und Spinne beruht auch der schwäbische Volksglaube78), der Teufel verstehe sich aufs Spinnen.



    4. Krankheitsdämon. a) Pest. Schon im Altertum galt das häufige Vorkommen von Spinnweben für ein Zeichen der drohenden Pest79). Auf eine solche deutet noch jetzt das Vorhandensein einer Spinne in einem Gallapfel80). Mit der in eine Linde gebannten Pest vergleicht sich die eingezapfte und wieder losgelassene Spinne, die auch als ein »Sterbet« im Lande herumläuft81). Hoffmann-Krayer vermutet82), daß die Emmentaler Sage von der schwarzen Pest83) nach Gotthelfs Erzählung »Die schwarze Spinne« umgebildet worden sei.
    b) Spinne im und am menschlichen Körper. Der Glaube an eine Gehirnsp., die Wahnsinn hervorruft, ordnet sich der allgemeinen Vorstellung unter, daß durch das Vorhandensein von Insekten im menschlichen Hirn die geistigen Funktionen gestört werden84). Die imaginäre Hirnsp. findet sich bei Franzosen, Deutschen und Engländern85). Einen Niederschlag dieses Volksglaubens bietet die Phraseologie der betreffenden Sprachen. Deutsch: jemandem eine Spinne in den Kopf setzen. – Franz.: avoir une araignée dans le plafond, eine Spinne an der Zimmerdecke haben. – Engl.: to have got cobwebs in ons's brain, Spinnweben in seinem Hirn haben. Das Motiv der Hirnsp. hat Piero Giacosa in seiner phantastischen Erzählung Il ragno ed il professore86) behandelt (in dem Buche: Specchi dell'enigma, Milano 1916). Von einer dämonischen Riesensp., deren bloßer Anblick den Menschen um den Verstand bringt, berichtet Höfler87). Vgl. die Erzählung von Erckmann-Chatrian: L'araignée crabe88) (in Contes fantastiques. Paris 1881). Daß im Pariser Volksglauben Spinnen, die den Frauen während des Schlafes in den Mund kriechen, Unterleibsleiden hervorrufen, geht aus einer Stelle bei Zola: Une page d'amour S. 39689) hervor. Juckende oder kitzelnde Hautempfindungen haben zur Vorstellung von riesigen Spinnen geführt, die am Leibe des Schlafenden emporkriechen90).
    c) Ausschlag. Eine über den Mund krabbelnde Spinne erzeugt nach Schweizer Volksglauben Blasen an den Lippen91) (Vgl. rumän. rîie »Spinne« > »Krätze«92)). Läuft sie über das Auge, so entzündet es sich (Anhalt)93).


    79) Keller Antike Tierwelt 2, 469. 80) Grimm Mythologie 3, 471 Nr. 968. 81) Ders. op. cit. 3, 347; SAVk. 18, 82. 82) SAVk. 25, 51. 83) SAVk. 25, S. 51–53. 84) WS. 7, 129. 85) Riegler Tier 278. 86) SAVk. 26, S. 76–82. 87) Krankheitsnamen s.v. Spinne; SAVk. 26, 74. 88) SAVk. 26, S. 81–86. 89) SAVk. 26, 79. 90) SAVk. 26, 79. 91) SAVk. 10, 341. 92) Meyer-Lübke REWb. Nr. 593. 93) Wirth Beiträge 4–5, S. 37.


    5. Spinne als Orakel. Ihrem dualistischen Wesen entsprechend gilt die Spinne bald als wohltätig, bald als bösartig. Ob sie Gutes oder Böses bedeutet, hängt oft von der Zahl der Individuen ab. So gilt nach englischem Aberglauben eine einzelne Spinne als schlechtes Zeichen (Sorge), zwei oder drei bedeuten etwas Gutes (Frohsinn, Hochzeit), vier sind ein Todeszeichen:


    One for sorrow – two for mirth
    Three for a wedding – four for death94).


    Die Spinne kann prophezeien und wird daher wie ein Orakel befragt. Dies geschah schon im Altertum, wovon Beispiele bei Hopf95), wo auch von den Spinnenorakeln südamerikanischer und australischer Stämme die Rede ist vgl. 95). Aus deutschem Gebiet liegen zahlreiche Beispiele vor. Auf den Bettstollen eines Sterbenden gesetzt, verrät sie aus der Richtung, in die sie läuft, ob der Verscheidende noch ein Erbe besitzt und wo er es verborgen hat96). Der Getreidepreis im Herbste wird hoch oder niedrig sein, je nachdem die Spinne ihr Gespinnst hoch oben unter der Ähre oder tiefer unten um den Halm angesetzt hat (Arensdorf, Quellendorf)97). Über die etwas komplizierte Art und Weise, wie man mittels einer Spinne einen Dieb entdeckt, berichtet John98). Eine Spinne, die sich vor jemandem herunterläßt, bedeutet eine Nachricht oder eine Neuigkeit99). Sonst bedeutet Spinnenangang Besuch100).


    94) Rolland Faune 3, 242. 95) Tierorakel 223. 96) Birlinger Volksth. 1, 119. 97) ZfVk. 7, 150. 98) Westböhmen 323. 99) Hovorka u. Kronfeld 1, 401; Wolf Beiträge 1, 249. 100) John Erzgebirge 33; Fogel Pennsylvania 80 Nr. 288 f.; 95 Nr. 384.

    „Ich bin so etwas wie ein Antikörper der New-Age-Bewegung. Meine Funktion besteht darin, auf die Möglichkeit aufmerksam zu machen, hey, weißt du, einiges von all dem Kram könnte auch riesengroßer Quatsch sein!“


    Ceterum censeo progeniem hominum esse deminuendam.

  • 6. Gutes Omen. a) allgemein. Es ist begreiflich, daß die Kreuzsp. wegen des Kreuzeszeichens auf dem Rücken in hohem Ansehen steht101) und im allgemeinen als glückbringend gilt102). Vielfach wird sie für heilig gehalten (Tirol, Pfalz)103), in Tirol heißt sie Muttergottestierchen104). Aber auch die Haussp. gilt oft als ein gutes Omen105). Ganz besonders bedeuten kleine Spinnen Glück106). Die jungen Spinnen werden vom Volke für eine eigene Art gehalten und Glückssp.n – westf. glücksköbbekes107) – genannt108). Häufig ist die Farbe maßgebend: weiß109), rot110) oder schwarz111). Im Erzgebirge ruft man der Spinne zu:


    Bringst du Glück, so bleibst du stehen,
    Bringst du keins, so kannst du gehen112).



    b) Nach der Tageszeit. ?) Morgen und Mittag. Verhältnismäßig selten gilt die Spinne morgens oder vormittags als gutes Omen113); eher ist dies der Fall zu Mittag114).



    ?) Abend. Ein ausgesprochenes Glücksomen ist die Spinne am Abend:


    Spinne am Abend,
    erquickend und labend;


    franz.:


    araignée du soir,
    bon espoir;


    fläm.:


    s'avonds min (Liebe)115).



    c) Art des Umgangs. Vielfach herrscht die Auffassung vor, die Spinne müsse, um ein gutes Omen zu sein, mit dem Menschen irgendwie in Berührung kommen, so z.B. über das Kleid kriechen116), an ihm hinauflaufen117), oder sich auf ihn von der Decke herablassen118). In Oberösterreich gilt es als besonderes Glückszeichen, läuft einem eine Spinne auf dem Kopf119), in Steiermark, wenn sie einem über die Brust gegen das Herz kriecht120). Um Glück zu haben, läßt man sich die Spinne dreimal über die Hand laufen121). Auch eine Spinne auf dem Spinnrocken macht wenigstens für einen Tag glücklich122).



    d) Geld. Das Glück, das die Spinne bringt, besteht gemäß der materialistischen Denkweise des Volkes in Mehrung von Hab und Gut. Kommt eine Spinne ins Zimmer123), fällt sie einem plötzlich auf den Arm124) oder sieht man sie spinnend125), so bedeutet dies Geld. In Frankreich gilt derselbe Aberglaube126). In England heißt eine kleine Art goldig gefärbter Spinnen (aranea scenica) money spider. Schwingt man sie dreimal um den Kopf und steckt sie dann in die Tasche, wird sich diese bald mit Geld füllen127). Auch zeigt diese Spinne an, wo Gold zu finden ist128).



    e) Lotterie. Häufig dient die Spinne als Orakel beim Lotteriespiel. Man sperrt das Tier in ein Glas, eine Schachtel, ein Kästchen, einen ungebrauchten Topf und legt die 90 Nummern des Zahlenlottos dazu. Diejenigen Nummern, die die Spinne umspinnt, werden in der nächsten Ziehung gezogen129). Ähnlich ist ein in der Picardie130) geübter Brauch, um im Spiele Glück zu haben (Vgl. das ital. Sprichwort: Ragno porta guadagno). Man verschließt eine Spinne in eine Schachtel und wartet, bis das Insekt zu Staub zerfällt. Diesen streut man dann auf die Karten und ist seines Glückes im Spiel sicher. Ein ähnliches Motiv benützt Theuriet in seiner Skizze »L'araignée«131) (Aus der Sammlung »Contes de la primevère«. Paris 1897).



    f) Verwandlung in Geld und dgl. Auch unmittelbar spendet die Spinne Schätze. Bis weit ins 18. Jh. hinein läßt sich der Aberglaube verfolgen, eine in eine Schachtel gesperrte Kreuzsp. verwandle sich nach einer gewissen Zeit (6 bis 7 Jahre) in Gold oder Edelstein132).



    g) Befreiung vom Militärdienst. Wer eine Kreuzsp. bei sich trägt, wird nach Hettinger Volksglauben frei vom Militärdienst133). In den Départements Loire-et- Cher, Deux-Sèvres, Gironde wurde den Rekruten, bevor sie zur Auslosung gingen, ohne daß sie davon wußten, eine lebende Spinne in das Westenfutter genäht, damit sie eine gute Nummer zögen. Ähnliches geschieht in Lothringen134).



    h) Freier (s. auch »Spinngewebe«). Vorzugsweise deutsch ist der Volksglaube, die Spinne im Haus bedeute einen Freier135), wohl deshalb, weil eine Braut besonders fleißig spinnen und weben muß136). Daher nennt man auch das Spinnengewebe überdem Bett den Heimatsbrief137), tschech. psanicka »Briefchen«138), im Ndd. Brutlaken oder Brutsleier (Brautlaken, Brautschleier)139).


    „Ich bin so etwas wie ein Antikörper der New-Age-Bewegung. Meine Funktion besteht darin, auf die Möglichkeit aufmerksam zu machen, hey, weißt du, einiges von all dem Kram könnte auch riesengroßer Quatsch sein!“


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  • i) Schutzmittel. Vereinzelt findet sich der Glaube, die Spinne, namentlich Kreuzsp., schütze das Haus gegen Blitz140). Ebenso wird sie im Stalle gern gesehen141), denn sie bewahrt das Vieh vor Krankheit (Tirol)142), indem sie die giftigen Stoffe aus der Luft an sich zieht. Nur am Karfreitag soll der Stall von Spinnen gesäubert werden (Ellwangen)143). Sie schützt ferner gegen Hexen (Pfalz, Schwaben, Tirol)144) und hält den Hagel ab145). Eine Kreuzsp. im Gewehrlauf hindert das Losgehen des Schusses146). In geschichtlichen Anekdoten spielt die Spinne die Rolle einer Beschützerin von Flüchtlingen. Sie überzieht die Höhle, in der sich ein Verfolgter (z.B. Mahomet) versteckt hat, mit ihrem Gewebe147).



    j) Spinne nicht töten. Nach dem Vorgebrachten ist es begreiflich, daß nahezu im ganzen deutschen Sprachgebiet die Spinne als unverletzlich gilt. Wer eine Spinne tötet, heißt es, töte sein Glück148). Die Hausfrau entfernt wohl das Spinnengewebe an der Wand, das Tier selbst aber tötet sie nicht149). Eine Wöchnerin soll keine Kreuzsp. töten, sonst gerät ihr kein Hefenzeug150). Die Spinne darf nicht nur nicht getötet, sie darf auch nicht vertrieben werden151). Ganz vereinzelt das Gegenteil: Das Töten einer Spinne bringt Glück152), verhütet Unglück153).



    7. Böses Omen. a) Allgemeines. Abweichend vom heutigen Aberglauben erschien den Alten die Spinne nie als gutes Omen154). Träume von Giftsp.n galten als schlechtes Vorzeichen155). Im modernen Volksglauben überwiegen zwar die Fälle einer günstigen Deutung des Spinnenangangs, doch scheint die freundliche Auffassung der Spinne erst durch das Christentum (Kreuzsp. = Kreuzträgerin) Eingang gefunden zu haben. Die immerhin zahlreichen Fälle einer ungünstigen Deutung des Angangs scheinen Überbleibsel einer altheidnischen Auffassung. So gilt die Kreuzsp. nicht selten als unglückbringendes Tier156), wenn man ihr unversehens begegnet157), sie gar berührt oder in die Hand nimmt158). Doch heißt es ausdrücklich: Spinnt eine Kreuzsp. über einer Haustüre ein Gewebe, so bedeutet dies Glück für das Haus, ist es aber eine andere Spinne, so ist das Gegenteil der Fall159).



    b) Am Morgen. Häufig richtet sich das Omen nach der Tageszeit. Gilt die Spinne am Abend meist als günstiges Vorzeichen (s. oben), so ist sie des Morgens, bzw. vormittags ein böses Omen160): Spinne am Morgen, Kummer und Sorgen, franz. araignée du matin, chagrin. Daher töten die Juden die Spinne am Morgen161).



    c) Am Nachmittag, Abend, nachts. Selten gilt die Spinne zu anderen Tageszeiten als schlechte Vorbedeutung: so am Nachmittag162), am Abend163), zur Nachtzeit164).



    d) Färbung und Laufrichtung. Zuweilen ist für die Beurteilung des Angangs die Färbung maßgebend: eine schwarze Spinne bedeutet Trauer165), eine weiße Tod166) oder es wird die Laufrichtung beobachtet: Unglück bedeutet es, läuft die Spinne von einem fort167) oder an einem herum168). Ebenso ist es ein schlechtes Zeichen, läßt sie sich an einem Menschen herab169).



    e) Tod. Läuft die Spinne über das Bett eines Kranken oder an der Wand bei ihm hin, so zeigt sie dessen Tod an170). Einen Todesfall bedeutet es auch, wenn sich eine Spinne in der Milch findet171).



    f) Zank. Auf der richtigen Beobachtung, daß die Spinnen untereinander sehr unverträglich sind und sich gegenseitig aufs heftigste bekämpfen172), beruht der Volksglaube, eine große Spinne bedeute Zank173). Vgl. span. arañero »störrisch« (Jagdterminus)174), dial. franz. aragneux (Mayenne) »zänkisch«175). Auch altfranz. hargner »zanken«, hargneux »zänkisch« gehören hierher176). Ein Heranziehen von fränk. harmjan »plagen«177) ist wohl nicht nötig.



    8. Wetterprophezeiungen. Spinnen gelten allerorten als Wetterpropheten178). Erwähnt sei die auf Wissenschaftlichkeit Anspruch erhebende Untersuchung über die meteorologische Bedeutung der Spinnen von dem Franzosen Quatremer d'Isjonval, erschienen in gekürzter Übersetzung von Jos. Schmid (München 1801), kurz besprochen bei Hopf179).



    a) Schönwetter. Wenn die Kreuzsp. mitten in ihrem Netze sitzt180) oder fleißig daran webt181), ist es ein Zeichen von schönem Wetter.


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  • b) Regen. Verhält sich die Spinne still182), läßt sie sich auf den Boden herab183), ist ihr Gewebe naß184), sammelt sie Speisen und Vorräte185), besagt es Regen. Im Sarganser Land deutet es auf Niederschläge, wenn große Spinnen herumkriechen186), wie überhaupt mancherorts unruhige Spinnen als Zeichen eines höchst ungünstigen Witterungswechsels gelten187). Je weiter sich die Spinne von ihrem Zufluchtsorte entfernt, desto unbeständiger wird das Wetter sein188). Sitzt die Spinne mürrisch im Winkel, bedeutet dies schlechtes Wetter189), bei Plinius (XI c. 24) jedoch das Gegenteil190). In Böhmen fängt es an zu regnen, wenn man eine Kreuzsp. tötet191).



    c) Sturm. Zerreißt eine Spinne ihr Netz192), so gibt es Sturm. Ebenso, wenn sie am »Rande des Netzes« sitzt193). Eine Änderung in der Windrichtung tritt ein, wenn eine Kreuzsp. ihr Netz verläßt und anderswo ein neues spinnt194).



    d) Gewitter. Läuft eine Kreuzsp. plötzlich aus ihrem Netz weg und verbirgt sich, so ist ein Gewitter im Anzug195).



    e) Frost und Tauwetter. Webt eine Haussp. ihr Netz in der Nähe des Ofens, steht Frost bevor196). Tut sie dies nahe beim Fenster, tritt Tauwetter ein197).



    9. Volksmedizin. In der Heilkunst spielen Gifte eine große Rolle, daher gilt im Volksglauben die Spinne wegen ihrer vermeintlichen Giftigkeit als Heilmittel. Bezeichnenderweise tritt sie in einem Kameruner Tiermärchen als Arzt auf198).

    a) Verwendungsarten. Man kennt verschiedene Verwendungsarten. Man läßt die Spinne über die Hände laufen199), legt sie auf200), zerquetscht sie201), verschluckt sie202), nimmt sie mit Öl203), in gedörrtem Zustand204), als Pulver205), trägt sie in einer Nußschale206), in einer entkernten Pflaume207), in einem Beutelchen208), in einem Fingerhut209). Man bereitet ferner aus Spinnen ein Pflaster210) oder mit Ölzusatz eine Salbe211). Auch sperrt man sie in ein Schächtelchen, worin sie sich im Laufe von sieben Jahren in einen Stein verwandelt, der als Gegengift und sonstiges Heilmittel verwendet wird212).



    b) Gegen äußere Krankheiten. Die Spinne ist gut gegen Geschwüre (»bösen« Finger)213), Nasenbluten214), Krebs215), Kropf216), Zahnweh217), Augenleiden218).



    c) Gegen innere Krankheiten. In Fällen von Vergiftung schluckte man als Gegengift Spinnen, da man glaubte, sie saugten das Gift auf219). Dies wird z.B. von Paracelsus berichtet220). Vielfach wird die Spinne bei innerlichen Krankheiten verwendet221), namentlich wenn diese ansteckend sind222). Allgemein dient die Spinne (Kreuzsp.) zur Bekämpfung des Fiebers223). Außerdem wird sie angewendet gegen Schwindsucht224), Hartleibigkeit225), Blattern226), Gelbsucht227), Keuchhusten228), Rheumatismus229).



    d) Tierarzneikunde. Auch in der volkstümlichen Tierarzneikunde findet die Spinne Verwendung. Man gibt sie bei manchen Krankheiten Hühnern und Kanarienvögeln ein230).


    230) Baumgarten Aus der Heimat 1, 123; Bartsch Mecklenburg 2, 184; ZfrwVk. 193, S. 68.


    Zusammenfassung


    Die Spinne liefert der Volkskunde einen sehr interessanten Mythenkomplex. Während sie im Altertum negativ gewertet wird, zeigt sich späterhin eine dualistische Auffassung vom Wesen des Tieres. Bald erscheint sie als Schutzgeist, bald als böser Dämon. Als solcher spielt sie im Hexen- und Teufelsglauben eine gewisse Rolle, wobei ihre Bedeutung in Verwandlungssagen zu betonen ist. Ihre doppelte Wertung als Orakeltier im guten und bösen Sinn hängt meist von der Stunde des Angangs ab (z.B. am Morgen gutes, am Abend böses Zeichen). In Haus und Stall wird sie geschont, in der Meinung, sie zöge als giftiges Tier die giftigen Stoffe aus der Luft an sich. In der Volksmedizin findet sie vielfach Verwendung, hauptsächlich gegen Fieber. Auf die dichterische Phantasie hat die Spinne eine große Anziehungskraft ausgeübt231).


    Lexikon: Spinne. Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens (vgl. HWA Bd. 8, S. 265 ff.)

    „Ich bin so etwas wie ein Antikörper der New-Age-Bewegung. Meine Funktion besteht darin, auf die Möglichkeit aufmerksam zu machen, hey, weißt du, einiges von all dem Kram könnte auch riesengroßer Quatsch sein!“


    Ceterum censeo progeniem hominum esse deminuendam.