Wenn Sterben zum Geschäft wird....

Schon gewusst…?

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  • Hammer! Das ist echt krass. Wir haben das gleiche bei uns auch gerade in der Familie. Meine Großmutter wird auch am Leben gehalten seit 2 Jahren und es hat keinen Sinn eigentlich. Aber da eine meiner Tanten gegen den Tod ist, bleibt meine Großmutter leider "Halbtot".
    Aber im Video erklärt er das ziemlich gut wie ich finde.
    Danke für das Video, direkt weitergeleitet an meine Family.

    Die wirkliche Entdeckungsreise strebt nicht
    nach neuem Land, sondern danach,
    Dinge mit neuen Augen zu sehen.


    :thor:

  • Solche Geschichten sind der Grund, weswegen ich eine grundlegende Skepsis an der Motivation vieler Ärzte habe. Insbesondere bei solchen, die ich nicht näher kenne. Beim Hausarzt merkt man ja recht schnell, ob er eine Koryphäe auf seinem Gebiet ist und kann, wen man sich unsicher ist, den Arzt wechseln. Im Krankenhaus ist das nicht so einfach. Hier ist das Risiko, übertherapiert zu werden, noch wesentlich höher als beim "normalen" Arzt. Gerade auf Station ist man nur eine Nummer. Da ist kein Platz für persönliche Belange.


    Sobald Geld im Spiel ist, ist alles andere sogut wie egal. Wen juckt das Leid eines todkranken Patientens, wenn man gut absahnen und sich noch einreden kann, etwas Gutes geleistet zu haben. Man ist nur einer von vielen.


    Ein weiteres Problem sehe ich aber auch in der Gesellschaft. Der Tod ist ein Thema, über das hier kaum einer redet. Wenn gestorben wird, dann bitte steril und leise, so dass es keiner mitbekommt. Entsprechend still ist es also auch um die Menschen herum, die leidvoll ihrem Ende entgegentreten, aber nicht mehr schreien können. Sie haben keinen Anwalt und sind den Lebensrettern ausgeliefert.


    Für mich wäre das das Schlimmste. Ans Bett gefesselt zu sein, ohne, dass jemand deine Wünsche wahrnimmt oder respektiert. Es ist kaum vorstellbar, wie es sich anfühlen muss, wenn man will, dass mit der Behandlung aufhört wird, aber man dir unterstellt, dass du nicht Herr deiner Sinne bist.


    Ich hoffe, dass die Nornen einen ruhiges Endes für mich geplant haben.

  • Ich kann das Video gerade nicht sehen, hatte aber in der Bekanntschaft den Fall, das eine 90jährige nach drei schlaganfällen und folgenden Wachkoma (?) Mit atmen als einziger selbstständiger tätigkeit noch das ganze brimborium an Lebensverlängernden Maßnahmen erdulden sollte.
    Trotz entsprechender Patientenverfügung mussten die angehörigen die Unterlassung dieser Masnahmen regelrecht erzwingen.
    Um daraufhin regelrecht aus der Klinik geworfen zu werden. Knapp 2 Tage Zeit, alles zu Hause zu organisieren, mit pflegebett, Pallidienst usw.
    Das schlimmste war, das den Angehörigen dann noch regelrecht Vorwürfe gemacht worden.
    Die Dame war sehr zäh... sie hätte evtl Jahre in diesen Nicht-zustand verbracht, hätten die Angehörigen nicht die patientenverfügung und die Kraft gehabt, diese durch zusetzen.
    So durfte sie nach ein paar Tagen friedlich zu Hause gehen.
    Ich weiß nicht was die Klinik geritten hat- Geld oder beruflicher Ehrgeiz der Ärzte... Ich fand es entsetzlich und grausam.


    Ich hab eine Patientenverfügung, zudem Bevollmächtigte denen ich vertraue, das auch durch zusetzen.
    Alles andere wäre ein Alptraum.

  • Trotz entsprechender Patientenverfügung mussten die angehörigen die Unterlassung dieser Masnahmen regelrecht erzwingen.

    Welchen Sinn haben Patientenverfügungen denn, wenn man sich nicht darauf verlassen kann, dass sich auch danach gerichtet wird?

  • Man hat den Willen des Patienten schwarz auf weiß, notfalls- so hab ich das gemacht- notariell beglaubigt.
    Und damit kann man auf die umsetzung bestehen, rechtliche Sicherheit für alle Seiten.
    Und um ganz sicher zu gehen habe ich noch Bevollmächtigte eintragen lassen, so dass gar kein Zweifel besteht, wer entscheidet- auch über die köpfe meiner Verwandschaft hinweg.
    So sehe ich das als Laie.
    Das können dir evtl andere hier noch besser erklären.
    Ohne die Verfügung hätte die alte Dame wohl noch lange auf dieser Seite dahin vegetieren müssen.
    Traurig genug dass die Angehörigen überhaupt darum kämpfen mussten.
    Aber so konnten sie es wenigstens

  • Du kannst unter Umständen sogar die Beatmungsmaschine ausmachen.
    Ärzte lamentieren immer es sei Mord....
    Nur wenn es keinen Sionn mehr macht ist es gesetzlich erlaubt.
    Außerdem gibt es soetwas wie palliative Sedierung.
    Das heißt,man kriegt was zum Schlafen und ohne weiteres Eingreifen macht die Natur den Rest....

    Die schönste Art fern zu sehen ist immer noch der Sternenhimmel in der Nacht

  • Mich würde ja schon mal interessieren ob die Seele den Körper vor oder erst nach dem körperlichen Tod verlässt. Vor allem in solchen Fällen.

    From all the things I've lost, I miss my mind the most...


    hvars þú böl kannt kveðu þat bölvi at ok gefat þínum fjándum frið

  • Also was ich so bislang diesbezüglich gesehen habe, ist dass vor allem die jungen Ärzte echte Schissbuxen sind wenn es um solche Entscheidungen geht. Es ist ja nicht mal eben eine Entscheidung, ob ich nu die Erdbeermarmelade oder das Himbeergelee aufs Brötchen möchte. Es geht um schwerwiegende, wen nicht die Schwerstwiegenste (gibts hier überhaupt ein Superlativ?) Entscheidung überhaupt, die ein Mediziner für seinen Schutzbefohlenen, nämlich seinen Patienten, zu treffen hat.


    Dabei gibt es nämlich noch einen anderen Aspekt, der hier noch nicht erwähnt wurde. Es ist nicht das Geld für das Klinikum, es ist sein eigener Arsch. Der selbe Arsch, der dem Doc seitens der Juristen frittiert, aufgerissen bis zur Halskrause und danach zu Markte getragen wird, wenn er die falsche Entscheidung trifft.


    Folgendes Beispiel: Die schwer pflegebedürftige, stockdemente Ommi wird von uns (Rettungsdienst) mit deutlichem Brodeln (ein Atemgeräusch, welches man schon hört wenn man zur Haustür reinkommt und echt heftig ist. Hat man gern bei prä-finalen, also im Sterben liegenden Patienten) zu Hause im Pflegebett angetroffen. Sie ist nur noch ein Häufchen Mensch, erbarmungswürdig. Die Familie, welche die Betreuungsvollmacht besitzt, verlangt, dass die Patientin ins Krankenhaus gebracht wird. Wir möchten der Dame gern ihren Frieden und sie in Ruhe gehen lassen. Dürfen wir aber nicht. Es gibt immer wieder Angehörige, die nicht loslassen können/wollen. Auch in Pflegeheimen. Da muss tatsächlich ein Patient ins Krankenhaus gekarrt werden, wenn die Familie das (vermutlich oder tatsächlich) wünscht. Denn es gilt ja juristisch die Vermutung, dass ein Mensch möchte, dass ihm geholfen wird. Ganz gleich welches Alter oder welche Vorerkrankungen. Wenn uns (es kann jedem von uns hier im Forum passieren) ein Mensch vor die Füße fällt und reanimationspflichtig wird. Dann fragen wir nicht, ob denn vielleicht der Mensch gar keine Lust mehr hat zu leben. Nö. Atmung kontrollieren und wir fangen an zu drücken. 30:2. Nächster Defi, anschließen wie auf den Piktogrammen gezeigt und den (echt idiotensicheren) Anweisungen folgen. Und nein, es kann euch niemand belangen wenn ihr jemandem die Brusthaare zerbruzzelt habt.


    Ich bin vom Thema abgekommen, sorry.


    Wir waren beim Patienten im Krankenhaus, welcher nicht sterben darf. Ihr glaubt nicht, über was sich Menschen beschweren. In solch einem Fall hat das echt ein schwerwiegendes juristisches Nachspiel, auch wenn man es in der Öffentlichkeit nicht so wahrnimmt. Und natürlich hat man in Krankenhäusern eine Hierarchie und ein junger Assistenzarzt wird mit sowas nicht allein gelassen. Aber auch der Oberarzt muss sich vor dem Chefarzt verantworten, und der vor der Klinikleitung. Und wir sollten uns vor Augen führen, Medizin ist keine Mathematik. Hier ist 1+1 nicht immer 2, sondern auch gern mal 5 oder 3. Und Patientenwunsch (in diesem Fall Angehörigenwunsch) hat Vorrang.


    Nun kann man natürlich sagen, "ja, mag sein, aber ich doch nicht!" Und woher soll der Doc wissen, dass sich sein Gegenüber nicht zu Hause doch entschließt zum Anwalt zu laufen? Es gibt ja schon genügend Diskussionen bei der Organspende (Vielleicht nehmen sie meine Organe und verhökern sie wenn ich noch leben könnte)


    Wo ich eher die Geschäftemacherei sehe, ist das Bestattungswesen. Es muss ja heute alles "schöner, größer, besser". Sind wir doch mal ehrlich, es werden Unsummen für Holzkisten ausgegeben, die eh nur zum Verbuddeln gedacht sind. Und mit irgendwelchen umweltschädlichen Geschichten sind sie wahrscheinlich auch noch imprägniert. Wozu? Nur, damit die Kegelfreunde von Omma Erna und Oppa Wilfried sehen, wie lieb wir sie doch hatten *husthust*? Und der Blumenschmuck muss ja auch üppiger sein als bei der Frau Meier von nebenan.

  • http://www.kn-online.de/Nachri…_QHcz6U3mbh85FyZ4THDvlTVI
    Berlin
    Der Wittener Arzt Matthias Thöns hat viel Erfahrung mit Sterbenden. Und mit Kranken, die den nahenden Tod fürchten. „Von den 400 Patienten, die ich jährlich betreue, äußern 100 Sterbewünsche“, sagt er. „Bei fast allen verschwinden sie durch gute Palliativversorgung, aber eben nicht bei allen.“ Auch diesen Menschen will er helfen.
    Herr Thöns, warum haben Sie mit anderen Palliativmedizinern Verfassungsbeschwerde gegen die 2015 beschlossene Änderung der Rechtslage bei der Sterbehilfe erhoben?
    Die Politiker haben die Öffentlichkeit glauben lassen, dass durch die Gesetzesänderung Sterbehilfevereinen das Handwerk gelegt werden soll, die mit dem Leid der Menschen viel Geld verdienen. Im Gesetz steht die Formulierung, strafbar mache sich, wer „geschäftsmäßig“ Sterbehilfe leiste. Für Laien klingt dieser Begriff richtig, schließlich will man ja Geschäfte mit dem Tod unterbinden. Doch tatsächlich verstehen Juristen unter diesem Begriff, dass jemand etwas wiederholt tut und plant. Und deshalb sind auch die Palliativmediziner betroffen.
    Das müssen Sie näher erläutern.
    Die Befürworter der Gesetzesänderung haben immer argumentiert, wenn ein Arzt in einem Ausnahmefall Beihilfe zum Suizid leiste, sei das natürlich straffrei. Aber das war nur eine Schutzbehauptung. Wenn ich als Mediziner eine derartige Gewissensentscheidung treffe, dann werde ich mich das nächste Mal auch so entscheiden. Das Gewissen ist doch keine Eintagsfliege. Und deshalb mache ich mich schon mit einem einzigen Fall strafbar. Damit die Dimension klar wird: Von den 400 Patienten, die ich jährlich betreue, äußern 100 Sterbewünsche. Bei fast allen verschwinden sie durch gute Palliativversorgung, aber eben nicht bei allen.
    Der inzwischen verstorbene CDU-Politiker Peter Hintze hat vor genau diesem Problem gewarnt. Warum hat man nicht auf ihn gehört?
    Die Formulierung in der Gesetzesänderung ist kein Versehen. Es wurde das umgesetzt, was in tiefkatholischen Kreisen gewünscht war, für die jeder Selbstmord des Teufels ist. Das Gesetz bewirkt ein Totalverbot jeder Suizidhilfe. Ich glaube, die Öffentlichkeit wurde getäuscht.
    Hat sich Ihre Arbeit seit Inkrafttreten des Gesetzes geändert?
    Die Staatsanwaltschaft hat gegen mich ermittelt. Der Vorwurf: Ich hätte einem Patienten trotz Kenntnis seiner Suizidgedanken Medikamente in tödlicher Dosis verschrieben. Der Mann, der an ALS litt, einer fortschreitenden Muskellähmung, hatte sich ohne mein Wissen und Wollen das Leben genommen – mit Medikamenten aus der Notfallbox.
    Was ist das?
    Palliativmediziner verschreiben Patienten eine solche Box zum Beispiel mit Morphium, damit sie sich bei akuten Schmerzen und Atemnot selbst helfen können. Wenn Patienten diese Substanzen aber missbräuchlich überdosieren, sind sie tödlich. Nach der neuen Rechtslage mache ich mich mit der Verschreibung der Box strafbar, wenn jemand bezeugt, dass der Patient mir gegenüber Selbstmordgedanken geäußert hat. Meine ganz normale palliativmedizinische Tätigkeit wird kriminalisiert. Ich stehe immer mit einem Bein im Gefängnis.
    Wie ist das Verfahren ausgegangen?
    Spaß macht es nicht, wenn einem ein Tötungsdelikt vorgeworfen wird und die Polizei mit Durchsuchungsbeschluss vor der Praxis steht. Das ist dann zwar irgendwann im Sande verlaufen. Aber ich glaube, dass die Staatsanwaltschaften die Verfolgung bisher noch nicht richtig scharf gestellt haben, weil auch sie auf das Urteil des Verfassungsgerichtswarten. Ich bin mir sicher: Bestätigt Karlsruhe das Gesetz, dürfte sich die Zahl der Verfahren gegen Ärzte sprunghaft erhöhen.
    Was sagen Sie heute Patienten, die über einen „Plan B“ sprechen wollen?
    Die Gesetzesänderung hängt wie ein Damoklesschwert über meiner Tätigkeit. Früher konnte ich die 100 Patienten, die mich danach gefragt haben, immer damit beruhigen, dass ich auch dann helfe, wenn die Schmerzlinderung nicht gelingt. Das allein hilft und reicht den meisten. Am Ende war es vielleicht ein Patient, bei dem nur noch der Suizid als Ausweg blieb. Heute lehne ich jede derartige Anfrage ab. Mein Praxispersonal hat strikte Anweisung, die Anrufer nicht einmal durchzustellen. Das ist entsetzlich, weil ich weiß, ich lasse Hilfsbedürftige im Stich.
    Verhalten sich alle Ihre Kollegen so?
    Früher gab es eine Grauzone. Jeder konnte mit ein wenig Recherche einen Arzt finden, der bereit war, in einer Extremsituation beim Suizid beizustehen. Diese Mediziner findet man heute nicht mehr, denn sie würden sich strafbar machen.
    Hat die Gesetzesänderung generell Einfluss darauf, wie mit Patienten am Lebensende umgegangen wird?
    Der Trend zur Lebenserhaltung um jeden Preis hat zugenommen. Selbst wenn dabei fehlerhaft behandelt wird, braucht ein Arzt keine Strafe zu fürchten, egal wie schlecht die Lebensqualität des Patienten ist und ob er das möchte. Vor einigen Tagen hat der Bundesgerichtshof ein ganz entsetzliches Urteil gefällt, bei dem es um die Weiterbehandlung eines furchtbar leidenden, demenzkranken Patienten ging. Der behandelnde Arzt hatte gegen medizinische Leitlinien verstoßen. Aber er wurde nicht bestraft mit der Begründung, er habe Leben verlängert. Absurd.
    Haben Sie so etwas selbst erlebt?
    Wir hatten einen 86-jährigen Krebskranken, der beatmet und künstlich ernährt wurde und an der Dialyse hing. Gegen seinen Willen und den der Familie wurde er nochmals operiert, danach fiel er ins Wachkoma. Erst ein Betreuungsrichter beendete die Tragödie. Unser Team übernahm, der Mann starb – ohne Schmerzen. Obwohl er längst tot war, weigerte sich der Intensivdienst, die Beatmung abzustellen, die Familie saß beim Toten, der Brustkorb hob und senkte sich, das Gerät bimmelte. Mit Beatmung wird extrem viel Geld verdient.
    Wurde mit der Änderung wenigstens das Ziel erreicht, den Sterbehilfevereinen das Handwerk zu legen?
    Der Verein Sterbehilfe Deutschland, auf den das neue Gesetz eigentlich zielte, hat seinen Sitz inzwischen nach Zürich verlegt. Reiche fahren in die Schweiz, den Armen bleiben Brücke, Bahngleis oder Strick.

    Die schönste Art fern zu sehen ist immer noch der Sternenhimmel in der Nacht

  • Wie war das nochmal mit der Trennung von Staat und Kirche?

    Diese Trennung existiert nur auf dem Papier...die "Gläubigen-Vereine" haben überall ihre Finger drin...

  • Danke für den Beitrag. Es ist eine Mischung aus Wahnsinn und unglaublicher Überheblichkeit, der wir solche Gesetze verdanken.


    Das Bild zeichnet sich leider fort. Die Vormunschaftsgerichte sind nicht selten sogar noch unmenschlicher. Immer wieder drängt sich das Gefühl auf, das gezielt gegen den Patienten- oder Familienwillen gehandelt wird. Es wird jedes Dokument angegriffen, als sei der Sinn der Gerichte, Leid und Chaos zu bringen. Man fragt sich oft, ob das Böse in den Gerichten doch existiert und dann wird klar, dass die Richter einfach nur menschenfeindlichen Vorgaben aus der Politik folgen.

    "A sane and normal society is one in which people habitually disagree, because general agreement is relatively rare outside the sphere of instinctive human qualities." C.G. Jung

    "Ich verlasse mich darauf, dass die Götter auch wollen, dass wir überleben. Sie werden uns nicht im Stich lassen, wenn wir sie nicht vergessen" Fortabt Sjael

  • https://amp.zdf.de/nachrichten…U5gDJeAkXOUq8JsSIpM1TtD-U
    28.05.2019 06:54 Uhr
    Dürfen Menschen ihr Leben selbstbestimmt beenden und dafür ein Medikament vom Staat bekommen? Der Fall eines Ehepaares beschäftigt jetzt das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig.


    Es ist eine Überlegung, die vielleicht schon mancher angestellt hat. Da ist man im statistisch letzten Drittel des Lebens angekommen und bilanziert die bisherigen Jahre: Das eigene erfüllte Leben mit Ausbildung, Job und Ruhestand; die jahrzehntelange gemeinsame treue Zeit mit dem Partner; die Kinder, die inzwischen erwachsen und selbst schon Eltern sind. Es geht einem noch gut. Aber man sieht Gleichaltrige, bei denen körperliche Gebrechen zunehmen, die vielleicht auch leiden. Da sind dann diese Gedanken: Darf ich nicht selbst entscheiden, wann ich dieses Leben beende, wenn es mir noch gut geht? Das möchte ich auch ganz offiziell tun, mit Unterstützung des Staates, den ich dafür um Hilfe bitte. Jetzt, wo ich das alles noch mit klarem Verstand tun kann.


    Das Leben selbstbestimmt beenden
    [/quote]Der Fall, über den das Bundesverwaltungsgericht (BVerwG) in Leipzig jetzt verhandelt, spielt genauso. Ein Ehepaar möchte vom Bundesinstitut für Arzneimittel (BfArm) eine tödliche Dosis Natriumpentobarbital erhalten, um beide Leben selbstbestimmt zu beenden. Sie ist Mitte 70, ihr Mann Anfang 80. Die Goldene Hochzeit feierten sie vor einem Jahr. Sie haben drei erwachsene Söhne, sowie mehrere Enkelkinder. Seit langem befassen sie sich mit dem Gedanken eines selbstbestimmten Sterbens. Gegenüber dem BfArm führen sie aus, dass sie im Freundes- und Bekanntenkreis schlimme Schicksale miterlebt hätten: ein qualvoller Krebstod, ein jahrelanger demenzieller Verfall.
    Ihr Bestreben sei es, dass ihnen nach schönen und erfüllten Zeiten solche Schicksale erspart bleiben. Sie wollten keinen beschwerlichen Lebensabend und wollten diesen auch nicht ohne den anderen verbringen. Bei der Frau ließen die körperlichen und geistigen Kräfte zusehends nach - dem eigenen Verfall wolle man nicht weiter zusehen müssen. Ihr Leben solle zu einem Zeitpunkt enden, in dem sie noch handlungsfähig seien und in dem sie noch von einem rundherum gelungenen Leben sprechen könnten. Sie stünden niemandem mehr gegenüber in der Pflicht. Zwei Psychiater bestätigten die Geschäftsfähigkeit des Ehepaares. Deren Einsichts- und Urteilsfähigkeit waren untersucht worden.
    Die gerichtlichen Vorinstanzen, das Verwaltungsgericht (VG) Köln und das Oberverwaltungsgericht (OVG) Münster hatten ihre Anträge abgelehnt. Im Betäubungsmittelgesetz sei geregelt, dass eine Nutzung von Betäubungsmitteln zur Selbsttötung nicht dazu diene, die notwendige medizinische Versorgung der Bevölkerung sicherzustellen. Außerdem habe der Gesetzgeber mit der Schaffung des Paragrafen 217 des Strafgesetzbuches (StGB), der die geschäftsmäßige Förderung der Selbsttötung unter Strafe stellt, zum Ausdruck gebracht, dass der Grundsatz das Leben zu erhalten und zu schützen an erster Stelle stehe.
    Ein Anspruch auf Zugang zu einer tödlichen Dosis eines Betäubungsmittels zur Durchführung einer Selbsttötung lasse sich aus keiner Vorschrift ableiten. Wegen grundsätzlicher Bedeutung hat aber das OVG die Revision zum BVerwG zugelassen.
    Das sagt das Strafgesetzbuch zu Selbsttötung:




    § 217 Geschäftsmäßige Förderung der Selbsttötung

    • Wer in der Absicht, die Selbsttötung eines anderen zu fördern, diesem hierzu geschäftsmäßig die Gelegenheit gewährt, verschafft oder vermittelt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.
    • Als Teilnehmer bleibt straffrei, wer selbst nicht geschäftsmäßig handelt und entweder Angehöriger des in Absatz 1 genannten anderen ist oder diesem nahesteht.

    Sterbehilfe beschäftigt auch das Bundesverfassungsgericht
    [/quote]Ein wichtiges Verfahren, denn das Thema Sterbehilfe steht derzeit überhaupt auf der Agenda höchstrichterlicher Rechtsprechung. 2017 urteilte das Bundesverwaltungsgericht, dass es in besonderen Einzelfällen schwerer und unheilbarer Erkrankungen möglich sein muss, vom Staat eine tödliche Dosis Natriumpentobarbital zu bekommen, doch umgesetzt wurde das Urteil bis heute nicht. Denn das Bundesgesundheitsministerium, das dem BfArm gegenüber weisungsbefugt ist, will erst ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts abwarten. Das höchste deutsche Gericht hatte Mitte April Verfassungsbeschwerden gegen den genannten Paragraf 217 StGB verhandelt; ein Urteil wird frühestens in der zweiten Jahreshälfte erwartet.


    Trotz dieser vielfältigen Gemengelage verhandeln die obersten Verwaltungsrichter jetzt den Fall des Ehepaares. Wann eine Entscheidung kommt, ist offen. Das selbstbestimmte Ende in Würde - es wird auch über diesen Fall hinaus weiter Thema sein.

    Die schönste Art fern zu sehen ist immer noch der Sternenhimmel in der Nacht

  • https://www.jetzt.de/job/besta…xfoo8FDZKEvOuELyRB3YGL1io

    Caitlin Doughty bei der Arbeit am Krematoriumsofen. In ihrem Buch beschreibt sie, wie ihr dort wegen einer Panne mal heißes Menschenfett aufs Kleid spritzte.
    Foto: Caitlin Doughty


    Die Februarsonne scheint durchs Fenster, der Kaffee dampft und Catlin sitzt im ärmellosen Kleid am Tisch und sagt: „Ich will verwesen!“ Mit mehr als 1,80 Meter, ihren leuchtenden grünen Augen, der tiefen, lauten Stimme und viel Mimik, viel Gestik ist sie derzeit zwar komplett unverwest und das pure Leben – aber dieses Leben widmet sie eben der Suche nach dem guten Tod. „Ich möchte Teil des natürlichen Kreislaufs sein“, sagt die unverweste Caitlin, „denn ich esse tierische Produkte und konsumiere natürliche Ressourcen. Was für eine Hybris wäre es da zu sagen: ‚Mich kriegt ihr nicht! Wenn ich sterbe, will ich in einen versiegelten Sarg gelegt oder verbrannt werden!’“
    Caitlin Doughty ist 31 Jahre alt und Bestatterin. Am Vorabend hat sie in einem Anatomie-Hörsaal der Berliner Charité ihr Buch vorgestellt, das im vergangenen Jahr in den USA erschienen ist, dort zum Bestseller wurde und mittlerweile in neun Sprachen übersetzt wurde. Es heißt „Fragen Sie Ihren Bestatter. Lektionen aus dem Krematorium“ (C.H. Beck) und ist eine Mischung aus Autobiographie und Sachbuch über den Tod. Caitlin, aufgewachsen auf Hawaii und mittlerweile in Los Angeles Zuhause, schreibt darin zum einen sehr unterhaltsam über ihren Job. Wieso sie sich mit Anfang 20 für eine Ausbildung im Krematorium entschieden hat, wie diese ablief ist und was sie gelernt hat. Warum man dicke Menschen am Morgen als erstes verbrennt, wie ihr wegen einer Panne im Krematoriumsofen mal heißes Menschenfett aufs Kleid spritzte und wie sie Babyleichen im Dutzend aus der Kühlkammer abholen musste. Zum anderen vollzieht sie auf der Grundlage gründlicher Recherche nach, wie sich Bestattungen im Laufe der Geschichte verändert haben und wie man in anderen Kulturen mit Toten umgeht.


    Wer seiner toten Großmutter selbst Lippenstift auftragen möchte, kann das bei Caitlin tun.


    Das alles wird zusammengehalten von ihrer Mission: Den Menschen ihre Toten und damit den Tod an sich wieder näher zu bringen. Denn in der westlichen Welt, sagt Caitlin, leben wir in einer „Kultur der Todesverweigerung“. Leichen werden vor uns versteckt (wer hat schon mal eine gesehen?) und dann für viel Geld beerdigt oder zu Dumping-Preisen im Krematorium entsorgt. Und weil wir den Tod aus unserem Leben ausschließen, haben wir Angst vor ihm. Caitlin will, dass wir ihn wieder reinlassen. Dass wir uns entspannen und sagen: Der Tod gehört zum Leben dazu. Oder es sogar wie Kafka sehen: „Der Sinn des Lebens besteht darin, dass es endet.“
    Das Buch ist nur ein Baustein ihrer Mission. Auf ihrem (sehr lustigen!) Youtube-Kanal „Ask a Mortitian“ beantwortet Caitlin schon seit 2011 Fragen rund um das Sterben und ihren Job (Ist das wirklich die Asche meiner Mutter? Was passiert beim Kremieren mit Brustimplantaten? Wie soll ich mit meinen Kindern über den Tod sprechen?). Unter dem Namen „The Order of the Good Death“ leitet sie ein Forum für Bestatter, Künstler und Akademiker, die sich über das Thema austauschen. Und in ihrem vor sechs Monaten eröffneten Bestattungsunternehmen „Undertaking L.A.“ bietet sie Familien an, bei jedem Schritt einer Beisetzung selbst mitzuwirken. Wer den Leichnam seines besten Freundes selbst waschen möchte, kann das tun. Wer seiner toten Großmutter Lippenstift auftragen möchte, kann das tun. Wer das Grab des Vaters ausheben möchte, kann das tun. Die britische Zeitung Independent nennt Caitlin: „Champion der alternativen Bestattungsindustrie“.
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    Foto: Mara Zehler
    Der Begriff „alternativ“ und die Sache mit dem „natürlichen Kreislauf“, das klingt alles ein bisschen nach Hippie. Oder Hipster. Nach diesem Trend zur Natürlichkeit und zum Selbermachen. Alle wollen ja jetzt alles wieder anfassen und spüren und sehen. Sie stricken sich selbst Pullover, bauen Gemüse an, wollen dem Schwein in die Augen sehen, bevor sie es essen, und ihre Kinder zur Welt bringen, in dem sie sich im Geburtshaus an Seile hängen und schreien. „Ja, auf jeden Fall ist das, was ich mache, Teil dieses Trends“, sagt Caitlin, und zwar mit einer Selbstverständlichkeit, die jede negative Wertung sofort plattmacht. „Die Leute sind es einfach leid, dass große Firmen alles übernehmen und vorschreiben, was man früher selbst gemacht hat und selbst bestimmen konnte.“ In Caitlins Heimat, den USA, ist dieser Backlash noch extremer als in Europa, weil eben auch die Konzerne größer und mächtiger sind. Auch in der Bestattungsbranche: SCI, Service Corporation International, ist ein milliardenschweres Unternehmen mit Hauptsitz in Texas. Es betreibt mehr als 1500 Bestattungsunternehmen und 400 Friedhöfe in 43 US-Staaten sowie in Kanada und Puerto Rico.
    Caitlin will mit ihrem Unternehmen weg von dieser anonymen, industrialisierten Form des Bestattens. Eine traditionelle Beerdigung kann in den USA, wo auch das aufwändige Einbalsamieren und Aufbahren üblich ist, bis zu 10.000 Dollar kosten. Viele Menschen sehen darin die reine Profitgier. Um das Vertrauen der Kunden in die Branche zurückzugewinnen, soll „Undertaking L.A.“ non-profit sein: Caitlin und ihre Mitarbeiter bekommen ein normales Gehalt, und alles, was sie darüber hinaus erwirtschaften, fließt zurück in die Firma und in Extra-Angebote wie Workshops. Bisher läuft es für Caitlin gut mit der neuen Firma. Es freut sie, wie schnell die Menschen sich an einen Toten herantrauen, wenn man sie nur lässt: „Oft sagen Kunden, dass sie nur zuschauen wollen, wie wir den Leichnam zurechtmachen. Dann sehen sie, wie wir ihrer Oma Lippenstift auftragen und sagen: ‚Halt, so würde sie es nicht machen, lassen Sie mich mal’ – und plötzlich lackieren sie auch die Nägel und machen die Haare.“
    Caitlin sagt, die Arbeit mit Toten sei auch ein "feministischer Akt"
    Man kann sich gut vorstellen, wie Caitlin einen durch den Trauerprozess führt. Einem zeigt, wie man eine Leiche wäscht, und übernimmt, wenn man überfordert ist. Sie ist ein fröhlicher, humorvoller, aber auch einnehmender und warmer Mensch. Jemand, von dem man gerne fest in den Arm genommen werden möchte, wenn man traurig ist, weil dann das Energielevel sicher schnell wieder steigt. Und sie ist, und das spielt in ihrem Job eben auch eine Rolle: eine Frau. Die ihre Weiblichkeit betont, mit langen, schwarz gefärbten Haaren, auffälligem Vintage-Schmuck und bunten Kleidern (sie trage, sagt sie, „nie Hosen“). Einer Reporterin des New Yorker sagte sie, die Arbeit mit toten Körpern sei für sie eine Art „feministischer Akt“. Jetzt in Berlin erklärt sie, wie sie das meint: „Früher war es in Familien und Gemeinden Aufgabe der Frauen, sich um die Toten zu kümmern. Dann entstand die Bestattungsindustrie. Männer haben den Job übernommen – und wurden dafür bezahlt.“ In den vergangenen 100 Jahren haben solche Männer hart dafür gearbeitet, dass Bestatter als Job anerkannt wird, für den man bestimmte Fähigkeiten braucht. Und dann kommt eine Caitlin Doughty und sagt: Jeder kann sich um Tote kümmern, jeder kann ihnen nah sein.
    Dafür musste sie sich kritisieren lassen, zum Beispiel in ihrem Youtube-Kanal und nicht selten mit Verweis darauf, dass sie als Frau nicht für die Arbeit am Leichnam gemacht sei. „Ich bin also nicht nur eine junge Frau, was für manche eh schon ein Problem ist, sondern sage ihnen auch noch, dass ihr Job nicht so wichtig ist, wie sie denken. Das macht sie natürlich sauer und kratzt an ihrem Ego.“ Caitlin ist aber längst nicht mehr allein als junge Frau unter männlichen Bestattern. Die Branche wird weiblicher. Die Reporterin des New Yorker hat an Caitlins Kühlschrank zwei Fotos entdeckt: zwei Abschlussklassen des California College of Mortuary Science, an dem auch Caitlin nach ihrer Ausbildung im Krematorium studiert hat, um noch tiefer in das Fach einzusteigen. Die Abschlussklasse von 1973 bestand aus 44 Männern und zwei Frauen. Caitlins Klasse von 2010 aus 22 Frauen und neun Männern.
    Kritik an Caitlins alternativen Bestattungsmethoden und ihrem Kampf für einen natürlicheren Umgang mit Toten gibt es aber nicht nur von Männern. „Manche Leute beklagen sich bei mir: ‚Sag mir nicht, was mit meinem toten Körper passieren soll! Ich kann das selbst entscheiden.’ Aber genau das wünsche ich mir ja auch. Nur gerade kann man diese Entscheidung eben nicht selbst treffen.“


    „Es ist ein schöner Gedanke, dass ich, würde ich morgen sterben, hier in Berlin in einem Friedwald beerdigt werden könnte.“


    Caitlin will also niemandem sagen: „Es ist falsch, wenn du deine Mutter einäschern lässt!“ Sie will dafür sorgen, dass man mehr Auswahl hat als traditionelle Beerdigung und Einäscherung. Dass sich die Branche öffnet. Dass junge Menschen mit neuen Ideen für den guten Tod diese diskutieren und umsetzen. Damit man sich, zum Beispiel, dafür entscheiden kann, nach dem Tod einfach in der Natur zu verwesen. Aber auch, damit der Tod nicht mehr vor uns versteckt und uns unsere Trauer nicht mehr weggenommen wird. Damit wir die Hand eines lieben Menschen, der gerade gestorben ist, ohne Angst halten können und die Zeit haben, zu verstehen, was da gerade passiert ist und passiert.
    Caitlin beschreibt in ihrem Buch, wie sie mit ihrem Kollegen eine Leiche abholt, eine alte Dame mit dichtem, weißen Haar, deren Angehörige sie selbst gewaschen und mit frischen Blumen geschmückt haben – und wie sie nach der Hand dieser Dame greift: „Sie war kälter als die eines lebenden Menschen, aber wärmer als ein bloßer Gegenstand.“ In diesem Satz stecken Trauer, Schönheit, Leben, Tod, Vergänglichkeit. Aber eines ganz sicher nicht: Angst.
    Caitlin sitzt immer noch am Fenster im hellen Berliner Morgenlicht und denkt über ihre eigene Vergänglichkeit nach. „Es ist ein schöner Gedanke, dass ich, würde ich morgen sterben, hier in Berlin in einem Friedwald beerdigt werden könnte.“ Ist sie also bereit, morgen zu sterben? „Ich bin vorbereitet“, sagte sie, „Menschen wissen, was mit meiner Leiche passieren soll und haben alle meine Passwörter. Aber bereit bin ich nicht. Ich habe hier noch so viel zu tun. Meine Arbeit für einen guten Tod hat doch gerade erst begonnen!“

    Die schönste Art fern zu sehen ist immer noch der Sternenhimmel in der Nacht

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