Schamanentum und Religion des Jungpaläolithikum

Schon gewusst…?

Die politische Organisation der Wikinger gleicht am ehesten einem demokratischen System.
In Island tagte vor über 1000 Jahren zudem das „Thingvellir“, das als eines der ältesten Parlamente der Welt gilt.

  • Schamanentum und Religion des Jungpaläolithikum

    Welche Bedeutung den Höhlenbildern im Leben des Jungpaläolithikers zukam, ist ungewiß; sie sind recht verschieden gedeutet worden. Religiös-kultische Motive mögen sich mit der Freude am künstlerischen Schaffen verbunden haben. Neben einfachen Kunsterzeugnissen gibt es jedenfalls Bilder, die eindeutig kultisch-religiöse Vorstellungen widerspiegeln. Die spezifische Aussage ist aber immer sehr schwer zu erkennen. So gibt es Bisons, auf deren Körper einige Pfeile eingezeichnet sind; oder einem verwundeten Bären strömt anscheinend Blut aus dem Maul. Sind das eidetische Illustrationen glückhafter Jagderlebnisse?

    Oder waren es Bannbilder – Tabus –, Ausdruck jagdzauberischer Vorstellungen, die vor der Jagd eine suggestive Wirkung auf die erhoffte Beute versprachen?

    Darstellungen von Menschen, die in Tierhäute eingehüllt sind und als Kopfaufsatz Geweihe, Gehörne oder Tierkappen tragen, sind schon eindeutiger. Es ist ziemlich sicher, daß es sich um tanzende Schamane oder Zauberer handelt. Die Gedankenwelt des Jungpaläolithikers dürfte stark schamanistisch gewesen sein, vom Glauben an die Wirksamkeit der Geister, die über Mittelsmänner zu beschwören waren, von Tabuvorschriften und ähnlichen Vorstellungen.


    Mancher Kleinkunstgegenstand kann einst am Fantasiekleid des Schamanen gehangen haben oder beim Zelebrieren magischer Handlungen benutzt worden sein. Eins der von den Geisterbeschwörern fast aller heutigen Naturvölker noch benutzten Geräte ist uns auch aus dem Jungpaläolithikum bekannt geworden: das Schwirrholz. Das aus Holz oder Knochen angefertigte dünne, meist weidenblattartig geformte und im Querschnitt etwa uhrglasförmig gewölbte Gerät wird an einer Schnur befestigt und verursacht, über dem Kopf im Kreis geschwungen, ein propellerartig brummendes Geräusch. Je nach Größe lassen sich verschiedene Töne erzeugen, die als Geisterstimmen gelten. In der Kulturschicht der Ahrensburger Stufe fand sich ein durchlochtes, 13,3 Zentimeter langes Renknochen-Schwirrgerät, mit dem man heute noch die Stimme eines paläolithischen Geistes heraufbeschwören kann; aber nur, wenn man es links herumschwingt, rechts herum bleibt es stumm.

    Auf einen Fruchtbarkeitszauber sind wohl die gefundenen Frauenreliefs und Frauenskulpturen zurückzuführen. Das gleiche religiöse Gedankengut dürfte sich auch in folgenden Funden aussprechen: In den Schlammschichten der Hamburger (13000 Jahre) und Ahrensburger Kulturen (10500 Jahre) wurden die Reste von dreißig ganzkörperlich versenkten Rentieren entdeckt. Alle Exemplare waren zweijährige weibliche Tiere, die durch Pfeilschüsse erlegt und ins Lager gebracht worden waren. Man öffnete ihnen die Brusthöhle und füllte sie mit einem oder mehreren kleinen Steinen im Gewicht von jeweils acht bis zehn Kilo. Nachdem die Geweihe durch das Abschlagen aller Sprossenspitzen entschärft waren, wurden die Tiere in den Teichen versenkt und durch das Gewicht der Steine am Grunde festgehalten. Allem Anschein nach haben die Tundrenjäger bei ihren jeweils dreimonatigen Aufenthalten nur ein oder höchstens zwei Tiere versenkt.

    Diese Tiere, auf deren vorzügliches Wildbret man verzichtete, waren sicherlich Opfer für eine Gottheit, die auf das Schicksal von Mensch und Tier einzuwirken vermochte. Die Mehrzahl der heutigen Naturvölker glaubt an ein Totenreich in der Unterwelt. Wenn auch die Jungpaläolithiker ähnliche Vorstellungen hatten, so mögen sie sich in Gebirgsgebieten die Zugänge in den unzulänglichen Höhlenspalten gedacht haben; Flachlandbewohner dagegen können die Zugänge in den unerforschlichen Gründen der Teiche vermutet haben.

    Im Wasser des Uferbereiches hatte man im Teich von Stellmoor einen 2,12 Meter langen Pfahl aus Kiefernspaltholz errichtet, auf dessen Spitze ein Renschädel gestülpt war. Nicht eine kapitale Jagdtrophäe war damit zur Schau gestellt, sondern der Schädel einer sechzehnjährigen Renkuh, die nur kümmerliche, zurückgesetzte Geweihstummel trug. Es war der Schädel des ältesten der dort erjagten tausend Rentiere, dem als dem Muttertier, das die meisten Jungen zur Welt gebracht hatte, in fruchtbarkeits- oder jagdzauberlichem Ritus eine Ehrung widerfahren war.

    Vor allem von den zirkumpolaren Naturvölkern kennen wir den vor der Christianisierung geübten Brauch, an Opferplätzen auf dem Lande Knochen, Geweihe, Werkzeuge und Waffen niederzulegen, so daß sich kleine Knochenhügel bildeten, aus denen Holzpfahle aufragten, die mit Tierschädeln bestückt waren. Wahrscheinlich haben auch die nichtnordischen Jungpaläolithiker in dieser Form geopfert, aber die Knochenhügel sind unter freiem Himmel vergangen. Wir müssen unsere Hoffnungen, dennoch solche Belege zu finden, auf die Lößgebiete setzen, in denen Lagerplätze und Häuser überweht, überdeckt und konserviert wurden. In den großen Lößlagerplätzen, so bei Predmost, sind Reste von Tausenden von Mammuts gefunden worden, die im Laufe von vielen Jahrhunderten erlegt worden waren. Es gibt dort auch Knochenhügel; da nicht daran gedacht werden kann, daß die Elefanten alle im Lagerplatz erbeutet worden sind, müssen die Knochen, ganz gleich, ob sie von erbeuteten oder verendeten Tieren stammen, noch im Fleisch steckten oder nackt waren, herbeigebracht worden sein, was mit Fellunterlagen auf Schnee leicht zu bewältigen war. Die Knochen finden sich in großen, aufgeschichteten Haufen, die oft nur aus Stoßzähnen, Schulterblättern oder Langknochen regelrecht aufgebaut worden sind.

    „Ich bin so etwas wie ein Antikörper der New-Age-Bewegung. Meine Funktion besteht darin, auf die Möglichkeit aufmerksam zu machen, hey, weißt du, einiges von all dem Kram könnte auch riesengroßer Quatsch sein!“


    Ceterum censeo progeniem hominum esse deminuendam.

    2 Mal editiert, zuletzt von Firnwulf ()

  • Daß es sich um eine Hortung von Rohmaterial zur Weiterverarbeitung handeln könnte, ist, abgesehen von der Tatsache, daß man Werkstoff von jedem neuen Beutetier gewinnen konnte, unwahrscheinlich. Die Anhäufungen sprechen auch nicht nur für ein ent-wickeltes Bedürfnis zur Reinhaltung des Lagerplatzes, denn dann würden die Haufen alle Arten von Knochen enthalten. Am stärksten befriedigt die Auffassung, daß es sich um Opferplätze gehandelt hat, nicht um vulgäre Lagerplätze, allenfalls wie in Norddeutschland um Lagerplätze, an denen man auch opferte. Solche Kultplätze könnten vom selben Stamm jahrhundertelang benutzt worden sein. Die Hamburger Renjäger beschickten allerdings einen Teich immer nur einmal mit Opfergaben, der dann in der Zukunft für Angehörige derselben Gruppe tabu war. Dagegen wurde der Ahrensburger Opferteich nach Ausweis der zweihunderttausend gleichartigen Flintartefakte jahrzehnte- oder jahrhundertelang immer wieder einmal vom selben Stamm aufgesucht, so daß sich im Teich langsam eine mit Schlamm durchsetzte Kulturschicht von einem halben Meter Dicke bildete, die mehr als zwanzigtausend Knochen enthielt.


    Tief im Innern einiger westeuropäischer Höhlen fanden sicher kultische Veranstaltungen statt. Es wurden aus Lehm modellierte, fast naturgroße, kopflose Plastiken von Bären gefunden, vor deren Halsende ein Bärenschädel lag, so daß man annehmen darf, daß der Lehmkern mit einem Bärenfell überzogen wurde, dem noch der ganze Kopf anhaftete. Solche Figuren wurden vielleicht im Ritual des Festes der Mannbarwerdung anscheinend mit Pfeilen beschossen. Im Bodenlehm der Höhlen wurden Abdrücke von unbekleideten Füßen der Jungpaläolithiker entdeckt.


    Für das nordwestdeutsche Jungpaläolithikum läßt sich eindeutig die Verwendung verschieden gefärbten Flintmaterials durch die einzelnen Gruppen nachweisen. Die Hamburger Jäger vom Typus Meiendorf schlugen ihre Artefakte nur aus blaugrauem Flint, die Hamburger Jäger vom Poggenwisch-Typ nur aus bräunlich-gelbem, buntem Feuerstein. Einige Träger von Federmesser Kulturen verwendeten nur grauen, andere nur bräunlichen Flint. Die Artefakte der Ahrensburger Renjäger vom Fundplatz Stellmoor sind alle aus graublauem Flint gefertigt worden, desgleichen typologisch zugehörige Vorkommen von anderen Plätzen. Bei diesen örtlich vielfach beobachteten Unterschieden ist zu bedenken, daß es sich nicht um Material handelt, das verschiedenen anstehenden Schichten entnommen werden konnte, sondern um Flintknollen, die aus dem Moränenschutt, der alle »Farben« enthielt, herausgesucht werden mußten.


    Ohne Zweifel hat der Jungpaläolithiker an ein Jenseits geglaubt. Zahlreiche Gräber zeugen von der Beisetzung der Toten in einfachen oder mit Steinplatten oder Mammutschulterblättern abgedeckten Gruben. Die Toten waren mit Kleidung und Schmuck versehen, vielfach auch mit rotem Ocker überstreut; zur Reise in die ewigen Jagdgründe gab man ihnen Waffen und Nahrung mit auf den Weg.


    Alfred Rust: Der primitive Mensch

    „Ich bin so etwas wie ein Antikörper der New-Age-Bewegung. Meine Funktion besteht darin, auf die Möglichkeit aufmerksam zu machen, hey, weißt du, einiges von all dem Kram könnte auch riesengroßer Quatsch sein!“


    Ceterum censeo progeniem hominum esse deminuendam.

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