Sibirische Mythen vom Ursprung der Schamanen

Schon gewusst…?

Jarl, verwandt mit dem englischen „Earl“, dem deutschen Grafen entsprechend, war ab der Germanischen Eisenzeit (375 n. Chr.) bis ins Hochmittelalter ein Fürstentitel in den nordischen Ländern. Es ist daher eher unwahrscheinlich das es einen Jarl im Gebiet des heutigen Deutschland gab.

  • <p><strong>Sibirische Mythen vom Ursprung der Schamanen</strong></p>
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    <p>Gewisse Legenden erklären den gegenwärtigen Tiefstand der Schamanen aus dem «Hochmut» des «ersten Schamanen», der mit Gott in Wettstreit getreten sei. Als nach der burjatischen Version der erste Schamane, Khara-Gyrgän, seine Macht für unbegrenzt erklärt hatte, wollte Gott ihn auf die Probe stellen; er nahm die Seele eines jungen Mädchens und schloß sie in eine Flasche. Um sicher zu sein, daß die Seele nicht entkommen konnte, verstopfte Gott die Flasche mit dem Finger. Der Schamane flog auf seinem Tamburin sitzend in die Himmel, bemerkte die Seele des jungen Mädchens, verwandelte sich, um sie zu befreien, in eine Spinne und stach Gott ins Gesicht. Dieser zog seinen Finger heraus und die Seele des jungen Mädchens entkam. Gott wurde wütend und begrenzte die Macht Khara-Gyrgäns, und in der Folge ging die Zauberkraft der Schamanen bedeutend zurück2.</p>
    <p>Nach der jakutischen Überlieferung besaß der «erste Schamane» außerordentliche Macht und weigerte sich in seinem Stolz, den obersten Gott der Jakuten anzuerkennen. Der Körper dieses Schamanen bestand aus einer Menge Schlangen. Gott schickte Feuer, um ihn zu verbrennen, aber aus den Flammen ging eine Kröte hervor; aus diesem Tier wurden die «Dämonen», welche den Jakuten hervorragende Schamanen und Schamaninnen lieferten3. Die Turukan-Tungusen haben eine andere Legende: Der «erste Schamane» hat sich selbst gemacht, aus eigener Kraft und mit Hilfe des Teufels. Er entflog durch das Loch der Jurte und kam nach einiger Zeit in Begleitung von Schwänen wieder4.</p>
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    <p>Wir haben es hier mit einer dualistischen Vorstellung zu tun, die wahrscheinlich iranische Einflüsse zeigt. Es ist auch durchaus möglich, daß diese Art von Legenden sich mehr auf den Ursprung der «schwarzen Schamanen» bezieht, die nur mit der Unterwelt und dem «Teufel» in Beziehung stehen. Aber die meisten von diesen Ursprungsmythen lassen das Höchste Wesen selber oder als seinen Vertreter den Adler, den Sonnenvogel, auftreten.</p>
    <p>So erzählen die Buriäten: Im Anfang gab es nur die Götter (lengri) im Westen und die Bösen Geister im Osten. Die Götter erschufen den Menschen und dieser lebte glücklich bis zu dem Augenblick, wo die bösen Geister die Krankheit und den Tod auf der Erde ausbreiteten. Die Götter beschlossen, den Menschen einen Schamanen zu geben, der gegen die Krankheit und den Tod kämpfen sollte, und sie schickten den Adler. Aber die Menschen verstanden seine Sprache nicht; außerdem hatten sie kein Zutrauen zu einem gewöhnlichen Vogel. Der Adler kehrte zu den Göttern zurück und bat sie, ihm die Gabe des Wortes zu verleihen oder aber einen buriätischen Schamanen zu den Menschen zu schicken. Die Götter schickten ihn wieder herunter mit dem Befehl, der ersten Person, der er auf Erden begegne, die Gabe des Schamanisierens zu verleihen. Wieder auf der Erde angekommen, bemerkte der Adler eine Frau, die neben einem Baum eingeschlafen war, und vereinigte sich mit ihr. Nach einiger Zeit brachte die Frau einen Sohn zur Welt und dieser wurde der «erste Schamane». Nach einer anderen Variante konnte die Frau infolge ihrer Beziehungen zu dem Adler die Geister sehen und wurde selbst Schamanin 5.</p>
    <p>Aus diesem Grund wird in anderen Legenden das Erscheinen eines Adlers als ein Zeichen schamanischer Berufung gedeutet. Ein buriäti- sches Mädchen sah eines Tages einen Adler, der Lämmer stahl, verstand das Zeichen und war gezwungen Schamanin zu werden. Seine Initiation dauerte sieben Jahre; nach seinem Tode wurde es sajan («Geist», «Idol») und fuhr fort, die Kinder vor bösen Geistern zu beschützen *.</p>
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    <p>Auch bei den Turushansker Jakuten gilt der Adler als der Schöpfer des ersten Schamanen. Doch der Adler trägt auch den Namen des höchsten Wesens, Ajy (der «Schöpfer») oder Ajy tojen (der «Schöpfer des Lichtes»). Die Kinder Ajy tojens werden als Vogelgeister dargestellt, die auf den Zweigen des Weltenbaumes sitzen; im Wipfel befindet sich der Adler mit zwei Köpfen, Tojon Kötör («der Herr der Vögel»), welcher wahrscheinlich Ajy tojen selbst verkörpert ’. Die Jakuten wie übrigens eine Anzahl anderer sibirischer Völker setzen eine Beziehung zwischen dem Adler und den heiligen Bäumen, besonders der Birke. Als Ajy tojen den Schamanen erschuf, pflanzte er gleichzeitig in seiner himmlischen Wohnung eine Birke mit acht Ästen und auf diesen Ästen Nestern, in denen die Kinder des Schöpfers waren. Außerdem pflanzte er drei Bäume auf der Erde; zur Erinnerung an sie besitzt auch der Schamane einen Baum, von dessen Leben er in gewisser Weise abhängt8. Es wurde schon erwähnt, daß in den schamanischen Initiationsträumen der Kandidat zum Weltenbaum gebracht wird, in dessen Wipfel sich der Herr der Welt befindet. Zuweilen wird das Höchste Wesen in Gestalt eines Adlers vorgestellt und zwischen den Zweigen des Baumes befinden sich die Seelen der künftigen Schamanen (vgl. Emsheimer, Schamanentrommel und Trommelbaum, S. 174). Wahrscheinlich hat dieses mythische Bild einen altorientalischen Prototyp.</p>
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    <p>Bei den Jakuten wird der Adler immer auch in Beziehung zu den Schmieden gebracht, denen ja derselbe Ursprung zugeschrieben wird wie den Schamanen (Sternberg, Adlerkult, S. 141). Nach den Jennissej- Ostjaken, den Teleuten, Orotschen und noch anderen sibirischen Völkern wurde der erste Schamane von einem Adler gezeugt oder zum mindesten durch einen Adler in seiner Kunst unterrichtet9.</p>
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    <p>Erinnern wir uns an die Rolle des Adlers in den Berichten über schamanische Initiationen und die vogelgestaltigen Elemente der Schamanentracht, welche den Schamanen auf magische Weise in einen Adler verwandeln. Diese Konstellation offenbart einen komplexen Symbolismus, der sich um ein himmlisches göttliches Wesen und um die Idee des magischen Flugs zum Zentrum der Welt (= Weltenbaum) kristallisiert und dem wir in der Folge noch öfter begegnen werden. Aber schon jetzt muß betont werden, daß die Rolle der Ahnen bei der Auserwählung eines Schamanen nicht so groß ist wie man glauben möchte. Die Ahnen sind nur die Abkommen jenes mythischen «ersten Schamanen», welcher unmittelbar von dem Höchsten Wesen geschaffen wurde, dessen Solarisierung sich in seiner Adlergestalt zeigt. Die scha- manische Berufung durch die Seelen der Ahnen ist manchmal nur die Weitergabe einer übernatürlichen Botschaft, des Erbes aus einem mythischen illud tempus.</p>

    „Ich bin so etwas wie ein Antikörper der New-Age-Bewegung. Meine Funktion besteht darin, auf die Möglichkeit aufmerksam zu machen, hey, weißt du, einiges von all dem Kram könnte auch riesengroßer Quatsch sein!“


    Ceterum censeo progeniem hominum esse deminuendam.

    2 Mal editiert, zuletzt von Firnwulf ()

  • <p>1 Vgl. u. ». Rasmussen, Intellectual Culture of the Iglulik Eskimos, S. 131; Köprülü- zade Mehmed Fuad, Influence du chamanisme turco-mongol sur les ordres mystiques musulmans (in Mémoires de l’Institut de Turcologie de l’Université de Stamboul. N. S., 1. Bd, 1929), S. 17.</p>
    <p>2 S. Shashkov, Skamanstto v Sibiri (St. Petersburg 1864), S. 8t, zitiert bei V. M. Mikhailowski, Shamanism in Siberia, S. 63; andere Varianten: Harva, Religiöse Vorstellungen, S. 545 f. Vgl. auch W. Schmidt, Ursprung, 10. Bd. (1952), 215-218, 391 f. usw.</p>
    <p>3 Pripuzov, zitiert bei Mikhailowski, S. 64.</p>
    <p>4 P. I. Tretiakov, Turushanskij Kraj, ego priroäa i jiteli (St. Petersburg 1871), S. 210 f.; Mikhailowski, S. 64. Gewisse Einzelheiten dieser Legenden (Der Flug durch das Loch der Jurte, die Schwäne usw.) werden uns noch beschäftigen.</p>
    <p>5 Agapitov und Changalov, Materialy, S. 41 f.; Mikhailowski, S. 64; Harva, Die religiösen Vorstellungen der allai sehen Völker, S. 465 f. Eine ähnliche Mythe ist bei den Pondo in Südafrika bezeugt; s. W. J. Petty, The primordial Ocean (London 1955), S. 143 f.</p>
    <p>6 Garma Sandschejew, IVellanscbauung und Schamanismus der Alaren-Burjäten, S. 605.</p>
    <p>7 Leo Sternberg, Der Adlerkuli bei den Völkern Sibiriens. Vergleichende Folklore- Studie (Archiv für Religionswissenschaft 28, 1930, S. 125-153). Vgl. die analogen Vorstellungen bei den Ket oder Jenissei-«Ostjaken», s. B. D. Shimkin, A sketch of the Ket, or Yenttsei Ostyak (Ethnos IV, 1939, S. 147-176), S. 160 ff.</p>
    <p>8 Sternberg. Adlerkult, S. 134. Über die Beziehungen zwischen Baum, Seele und Geburt im Glauben der Mongolen und Sibiren vgl. U. Pestalozza, II manicheismo presto i Turchi occidental! ed oriental: (Reale instituto Lombardo di Scienze e Lettere, Rendiconti, Bd. 67, 1934, S. 417-497), S. 487 ff.</p>
    <p>9 Sternberg, Adlerkult, S. 143 f. über den Adler im Glauben der Jakuten s. W. Sie- rozewski. Du chamanisme, S. 218 f.; über die Bedeutung des Adlers in der Religion und Mythologie der sibirischen Völker vgl, Harva, Die religiösen Vorstellungen, S. 465 ff.; bestimmte Stämme nähren manchmal den Adler mit rohem Fleisch, vgl. D. Zelenin, Kuh ongonov v Sibiri (Moskau, 1936), S. 182 ff., doch scheint dieser Kult sporadisch und spät zu sein. Bei den Tungusen ist der «Kult, des Adlers dagegen unbedeutend (s. Shirokogorov, Psychomental Complex of the Tungus, S. 298). Sternberg, a. a. O., S. 131, erinnert an Wäinämöinen, den «ersten Schamanen, der finnischen mythologischen Tradition, der ebenfalls von einem Adler abstammte, s. Kalevala, 1. Rune, Vers 270 ff. (vgl. die Analyse dieses Motivs in Kaarle Krohn, Kalevala- Studien, V.. Väinämöinen (FFC Nr. 75, Helsinki 1938, 15 ff.). Der höchste Himmelsgott der Finnen, Ukko, nennt sich auch Aijä (lappisch Aijo, Aije), was Sternberg mit Ajy zusammenbringt. Wie der jakutische Ajy ist auch der finnische Aijä der Ahnherr der Schamanen. Der «weiße Schamane» heißt bei den Jakuten Ajy Ojûna, nach Sternberg sehr nahe dem finnischen Aijä Ukko. Das Motiv vom Adler und Weltenbaum fänden wir in der germanischen Mythologie wieder (Yggdrasil). Odin wird manchmal «Adler, genannt (vgl. z. B. E. Mogk, Germanische Mythologie, Straßburg 1898, S. 342 f.).</p>

    „Ich bin so etwas wie ein Antikörper der New-Age-Bewegung. Meine Funktion besteht darin, auf die Möglichkeit aufmerksam zu machen, hey, weißt du, einiges von all dem Kram könnte auch riesengroßer Quatsch sein!“


    Ceterum censeo progeniem hominum esse deminuendam.

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