Aberglaube: Branntwein

Schon gewusst…?

Frouwa/Freya (an. Freyja)


Die Göttin der Liebe und der Fruchtbarkeit. Sie wählt vor Odin die Hälfte der gefallenen Helden, die zu ihr nach Folkwang statt nach Walhall kommen.

  • Branntwein1).


    1. Die Kunst der Branntweindestillation kam vom Orient über Italien2) nach Europa und Deutschland3); wie bei den arabischen Ärzten, so spielt er auch im Arzneischrank der deutschen Ärzte seit dem 14. Jh. eine große Rolle4). Aber sehr bald wird er auch als Genuß- und Berauschungsmittel geschätzt, und schon 1496 muß z.Branntwein der Nürnberger Rat5) den Sonntagsverkauf wegen der schädlichen Wirkung auf die Gesundheit verbieten. Besonders seit dem 16. Jh. ist der Genuß des Branntweins in Verbindung mit dem Abnehmen des Hausbieres6) sehr verbreitet7); in den Vierlanden8) wird 1753 das Brennen untersagt. Zedler9) führt Belege für den übermäßigen Branntweingenuß im 16. und 17. Jh. an. Auch jetzt huldigt man z.Branntwein im badischen Kinzigtal und im Renchtal sehr dem Branntwein10).



    2. Branntwein als Opfer für Kobolde und andere Geister


    Branntwein ist der gierig ersehnte Trank der Seelen-, Vegetations- und Hausgeister (vgl. Bier). In Jütland11) gießt man die letzten Tropfen Schnaps auf den Boden; in Schweden12) will der Hauskobold am Julabend auf dem Platz des Hausherrn sein Glas Schnaps sehen. Diesem für seinen Herrn Butter und Milch und Geld heranschleppenden Hauskobold entspricht der Spiritus familiaris am Lechrain13), ein Käfer, der in einem Glas mit scharfem Branntwein aufbewahrt ist. In Zell14) sollen einmal am Dreikönigsabend drei »Pechtrne« mit Schnaps bewirtet worden sein. Zu Windisch-Bleiberg15) naschte ein Zwerg aus der Branntweinflasche eines Bergmannes, bis er von einem Liter Branntwein berauscht am Boden liegen blieb; entdeckt, versprach er dem Bergmann, er werde ihm eine Goldader für ein Fläschchen Branntwein zeigen. Auch der Waldmann16) im Rosental berauscht sich mit Schnaps, den eine Bäuerin in die Milch schüttet; der »wilde Mann« im Sagwald17) trinkt ein ganzes Fäßchen Branntwein Den pommerschen Kobold18) lockt der Branntwein an.


    3. Branntwein als Totenopfer


    Vor allem verlangen die Totengeister nach diesem Lebenstrank; in Ostpreußen19) trinkt man bei der Leichenwache keinen Branntwein; denn man glaubt, daß der Geist des Toten die Finger hineinstecke und davon koste; bei den Kassuben20) in Pommern legt man den Säufern eine Flasche Branntwein in den Sarg; in Königsberg21) legt man heimlich eine Flasche Branntwein dem Sarge bei, um in den Himmel zu kommen, ähnlich in Ungarn22), in Kurland23) und Schweden24). In Schönborn25) bei Neustadt an der Orla gossen früher die Verwandten, die das Grab aushoben, von dem bei dieser Arbeit genossenen Branntwein in das fertige Grab; bei den Letten26) wird am Grabe Erbsenbrei gereicht und Branntwein ins Grab gegossen. In Ablösung dieses Opfers wird am Rhein27) bei der Totenwache und beim Begräbnismahl Branntwein gereicht, auf Sylt28) bekommen die Sargleger Branntwein, in Westschleswig29) gingen bei der Sarglegung Mädchen mit Sirup-Branntwein herum und reichten den Anwesenden einen Löffel davon; im Stubaital30) (Tirol) erhalten die Leichenwächter Branntwein



    4. Branntwein als Vegetationsopfer


    Nach dem Bericht von v. Münchhausen tröpfelten die Schnitter im Schaumburgischen31) vor 150 Jahren nach dem letzten Sensenschlag Branntwein auf den Ackerboden für den Wôld. Wenn der Bauer in Marksuhl32) am ersten Dienstag im Mai den Lein sät, findet er als Frühstück neben Eierkuchen Branntwein im Leinsack; das Frühstück muß er, auf seinem Acker sitzend, verzehren; in Mecklenburg33) suchen die Mähder an dem Tag des Roggenschnittes die Branntweinflaschen in einem mit Wasser gefüllten Zuber zu erhaschen, der vor dem Herrenhaus steht. Am Fastnachtmontag gibt es, wenn die Lechrainer34) mit dem Dreschen fertig sind, zu den »Looskuechel« Branntwein; in Tirol35) feiern die Sennen die letzten 8 Tage auf der Alm bei Melkermus und Schnaps; der »Brautträger« (Träger der letzten Getreidegarbe) wird in Tirol mit Schnaps und Honig festlich bewirtet36). Beim Kirmesbegraben wird in Thüringen37) ein Loch gegraben und Branntwein hineingeschüttet oder eine Flasche mit Branntwein wird vergraben; im Saarland38) ist Branntwein das bevorzugte Kirmesgetränk.


    „Ich bin so etwas wie ein Antikörper der New-Age-Bewegung. Meine Funktion besteht darin, auf die Möglichkeit aufmerksam zu machen, hey, weißt du, einiges von all dem Kram könnte auch riesengroßer Quatsch sein!“


    Ceterum censeo progeniem hominum esse deminuendam.

  • 5. Branntwein und Jahresfeste


    Am heiligen Abend trinkt man in Schlesien39) Schnaps, damit einem der Ärger im nächsten Jahr nichts schadet; das heißt man den Wurm »begießen«; im Erzgebirge40) trinkt man drei Schluck Branntwein, um gesund zu bleiben; in Schlesien wird das Schnapstrinken, um den Wurm zu ersäufen, auch auf den letzten41) Tag des Jahres gelegt. Wenn man in der Oberpfalz42) an Fastnacht Schnaps trinkt, beißen einen die Schnaken nicht, auch in Westböhmen43); im Böhmerwald44) schüttet der Knecht dem Vieh am Fastnachtdienstag Branntwein in die Ohren, um den Mißbildungen am Huf vorzubeugen; in Tirol45) finden wir Branntwein als Spende für den Faßreiter am Fastnachtdienstag.



    6. Branntwein und Familienfeste


    Wie bei den Sippenfesten und Hochzeitsfeierlichkeiten der Südslaven46), so spielt der Branntwein auch in Deutschland besonders bei den Werbe- und Vermählungsgebräuchen eine große Rolle. Wenn auch die Stärkung des Tirolerburschen47), der beim Fensterln von seinem Schatz Branntwein bekommt, eine einfache, rein menschliche Erklärung finden kann, so ist die Bedeutung des Branntweins als Fruchtbarkeitssymbol bei den mecklenburgischen Bräuchen klar: Wenn die Brautleute zur Kirche fahren, reichen die Brautjungfern jedem Begegnenden ein Glas oder eine Flasche Branntwein48). Bei der Rückkehr von der Trauung hielt man früher an der Grenzscheide bei Kritzkow49) an, aß wagenradgroße Kringel und trank Branntwein aus einer Gießkanne. In Thüringen50) nehmen die Brautleute auf dem Wege zur Trauung eine Bouteille Branntwein mit und lassen jeden Begegnenden trinken; weist jemand den Branntwein zurück, so wird die Ehe unglücklich. In Westfalen51) reichte früher der Brautvater der Braut neben Brotrinde ein Glas Branntwein, die Braut warf das Glas Branntwein über den Kopf weg auf die Erde. Im Saalfeldischen eilte früher eine Brautjungfer dem von der Trauung heimkehrenden Hochzeitszug voraus und bot dem Bräutigam ein Glas Bier oder Branntwein, dieser leerte das Glas aus und warf es rückwärts; zerbrach das Glas, so war es gut52). Bei der Werbung im Westerwald53) gibt der Bursche beim ersten Versuch der Annäherung Geld, damit das Mädchen Schnaps im Gasthaus hole; dieser Brauch ist wohl in der Vorliebe dieser ärmlichen Bevölkerung für Branntwein begründet. In Ostpreußen54) flicht sich die Braut einen Groschen ins Haar und kauft dafür nach der Trauung Branntwein und trinkt ihn aus; dann wird der Mann nie mehr als für einen Groschen trinken. Wenn an der Saar die junge Mutter beim »Kindches-Kafe« eingeweibert ist, muß sie den Freundinnen Zucker und Schnaps spenden55).



    7. Branntwein und Brüderschaft


    Wie bei Bier und Wein, so schließt man auch bei Branntwein Verträge und Freundschaften ab. Nach einem schlesischen Zeugnis aus dem 17. Jh. machen zwei Bauern, die ein Verbrechen begangen haben, aus, daß sie sich nicht verraten; »sie gießen Bier auff den Tisch und tippen ein«; wenn jetzt noch zwei Männer zusammen Schnaps trinken, so halten sie das Glas empor und schauen sich an und lassen die Fingerspitzen sich berühren56); das Anstoßen mit den Fingern und Tipfen ist als Rechtsgebrauch auch sonst belegt57). Wenn bei den Kleinrussen zwei Männer ewige Brüderschaft schließen wollen, so schwören sie vor dem Heiligenbild Treue und trinken Schnaps; sie heißen Schnapsbrüder58).



    8. Branntweintrinken


    In Schlesien59) ist es Sitte, nach jedem Schluck sich zu schütteln und das Gesicht zu verziehen. Um einem Branntweintrinker das Laster abzugewöhnen, gibt es verschiedene Mittel: ein Bauer in Wien probierte folgendes Rezept aus: er legte eine Nadel, mit der ein sezierter Körper zugenäht wurde60), in Branntwein und trank davon; die Medici raten, Mäuse, Frösche oder Aale in Branntwein zu ersäufen und davon dem Saufbruder vorzusetzen61); nach einem drastischen Rezept in Mecklenburg62) soll man im Munde eines Toten Branntwein 24 Stunden lassen und davon dem Trinker geben; nach Fischer63) gibt man dem Säufer Branntwein zu trinken, der durch einen Totenlappen geseiht ist; über andere ähnlich schmackhafte Mittel, die auch die Berauschung verhindern, siehe Hovorka- Kronfeld64).



    9. Branntwein im Zauber


    Wenn ein Mädchen einem Burschen gefallen will, muß es an einem Sonntag im Fasching mit der Mutter in Sonntagskleidern eine Tollkirschwurzel ausgraben und an Stelle der Wurzel Brot, Salz und Branntwein in die Erde legen; auf dem Heimweg muß es die Wurzel auf dem Haupte tragen und darf mit niemand streiten64a). Im Schadenzauber wird Branntwein als Medium der Hexen erwähnt: 1672 wurde eine Hexe zu Burkhardsfelden65) beschuldigt, einen Mann durch Branntwein und eine Frau durch Sauerkraut zu Tode gehext zu haben; ein andermal wird ein Mann durch Branntwein des Verstandes beraubt66). Im Waffenzauber gebraucht man Branntwein z.Branntwein in Mecklenburg67): »Nimm Blei und Kupfer nach Deinem Wohlgefallen, mache eine Kugel daraus und lösche sie in spiritus vini ab«; diese Kugel geht durch alle Harnische. Eine Art Liebeszauber treffen wir in Württemberg; um frisch eingestelltes Vieh an das alte zu gewöhnen, reibt man allen das Maul mit Schnaps ein68), ähnlich bei den Deutsch-Amerikanern69).


    „Ich bin so etwas wie ein Antikörper der New-Age-Bewegung. Meine Funktion besteht darin, auf die Möglichkeit aufmerksam zu machen, hey, weißt du, einiges von all dem Kram könnte auch riesengroßer Quatsch sein!“


    Ceterum censeo progeniem hominum esse deminuendam.

  • 10. Branntwein im Heilzauber und in der Volksmedizin70):


    Wie alles Kraftspendende71) wird der Branntwein als Lebenswasser zum Apotropaion und Abwehrer der Krankheitsdämonen. Rein apotropäisch ist der Vogelschluck in Schweden; man nimmt morgens zuerst einen Schluck Branntwein, um sich vor bösem Einfluß zu schützen72). Vor der Taufe wird das Kind in der Wetterau am Kopf mit Branntwein gewaschen, damit die Hexen keine Gewalt haben73). Früher wurde Branntwein, mit Wachholder und andern Kräutern angesetzt, vor allem gegen die Pest und Seuchen verwendet, jetzt noch Branntwein mit »Kranewit« gegen alle ansteckenden Krankheiten am Lechrain74); eine Handschrift des Schultheißen von Frickenhausen (1320) empfiehlt gebranntes Wasser, aus Modena eingeführt, gegen die Pest75). Nach Mylport76) ist der Branntwein (aqua-vit) »schleimiger Brust und Magen am bequemsten, der Lebersüchtigen aber ärgster Feind und Widersacher«. Zedler zählt mit Quellenangabe die unzähligen Tugenden des Spiritus vini auf77). Allgemein wendet man (Wachholder-, Enzian-78), Arnika-) Branntwein oder Kornschnaps, Kirschwasser gegen erkälteten Magen und Kolik an79), »item, welcher mensch den steyn in der blasen hat«, »item wer alle monat eyn mal trinkt gebranthen weyn, so stirbt der wurm, der den menschen wechst bey dem herczen80)«; im Winter nüchtern ein Löffel aqua vitae mit Zucker und Brot erhält Hirn und Leber gesund81). Branntwein schützt vor Schlag82), auch gegen Fieber nach Schnapsrausch83) (!), in Schlesien trinkt man gegen Fieber ein Glas Branntwein und geht am selben Tage über neun Raine84). Gegen Epilepsie85) zieht man Katzen- oder Hasenkot über Branntwein ab oder 7 Hasenknochen, 7 Krebssteine usw., oft wird Branntwein als Mittel gegen Zahnweh erwähnt86). Äußerlich gebraucht man Branntwein zum Einreiben87), »wer trube und rothe augen hatt«88), bei Magenweh89), für Aufschläge bei Brandwunden und Kontusionen90), hier bes. Franzb.91), diesem mischt man Rotstein bei und reibt den Kopfwirbel bei Gelbsucht ein92). Ohrensausen vertreibt man in Schlesien, indem man die noch heiße Kruste eines neugebackenen Brotes mit Branntwein begießt und ans Ohr hält93). Gockel verwendet Branntwein bei einem Haupthäublein gegen Besessenheit94), oder Knoblauch mit Branntwein auf den Kopf gebunden gegen zauberische Unsinnigkeit95).


    Verhängnisvoll ist die verbreitete Ansicht, daß die Schwangere Branntwein trinken müsse, damit das Kind96) schön werde oder um die Entbindung zu erleichtern97). Bei der Kopfblutgeschwulst98) der Kinder macht man Branntwein-Aufschläge, bei Soor (Aphthae)99) reinigt man die Mundhöhle mit Branntwein Allgemein ist der heilsame Glaube, man dürfe den Kindern keinen Branntwein geben, weil sie sonst nicht wachsen100). Wenn in Schleswig-Holstein eine Kuh gekalbt hat, bekommt sie eine Sechslingsschale (= Schale, die früher einen Sechsling kostete) Branntwein und Brotkrumen101); um das Bullen zu verhindern, gibt man der Kuh einen Schluck Branntwein oder Essig102).



    Lexikon: Branntwein. Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens (vgl. HWA Bd. 1, S. 1498 ff.)

    „Ich bin so etwas wie ein Antikörper der New-Age-Bewegung. Meine Funktion besteht darin, auf die Möglichkeit aufmerksam zu machen, hey, weißt du, einiges von all dem Kram könnte auch riesengroßer Quatsch sein!“


    Ceterum censeo progeniem hominum esse deminuendam.