Aberglaube: Bündelchen

Schon gewusst…?

Odin / Wodan


Höchster Gott der Asen. Überblickt von seinem Thron aus die neun Welten und lässt sich von den Raben Hugin und Munin Geheimnisse erzählen. Liebt die Frauen und die Weisheit.

  • Bündelchen


    Unter Bündele, Bünteli versteht man in Süddeutschland und in der Schweiz Säckchen mit amulettähnlichen Dingen; sie finden im Heil- und Abwehrzauber Verwendung und kommen unter anderen Bezeichnungen auch im übrigen Deutschland vor. Es handelt sich dabei um eine Häufung der Zaubermittel1); Gegenstände, deren jeder für sich schon bei bestimmten Gelegenheiten als zauberkräftig gilt, werden, ebenso wie Kräuter und aufgeschriebene Segensformeln, zusammengetan. Mit jedem neuen Ding erhöht sich die Kraft des Ganzen, und der Träger oder Besitzer sichert sich auf diese Weise gewissermaßen ein Universalmittel gegen alle Unglücksfälle, die ihn, seine Familie und seine Habe heimsuchen könnten.


    Amuletthäufungen von Tier-, Pflanzen- und Mineralteilen finden sich schon in Gräbern der Bronzezeit2). Gregor von Tours erzählt von einem Betrüger, der statt spanischer Reliquien einen Sack voll merkwürdiger Dinge bei sich führte: Wurzeln und Kräuter, Maulwurfszähne, Mäuseknochen, Bärenklauen und -fett3). 1715 kam zu Jena in einer Gerichtsverhandlung über eine Schatzgräberei, die mit dem Tode zweier der Beteiligten endete, eine ganze Mustersammlung verschiedenartigster Amulette zutage. Darunter waren auch zwei Bündelchen, und zwar eine hölzerne länglich rund gedrechselte Büchse mit drei Inschriftsiegeln, zehn in Papier gewickelten Pfennigen, einem »böhmischen« Diamanten, einem beschriebenen Zettel, einem Fetzen von einem weißen Wieselfell, einem Messingstück mit magischen Zeichen und etwas Baumwolle, sowie ein viereckiges ledernes Beutelchen, an einem Riemen um den Leib zu tragen, mit einer in den Anfang des Johannisevangeliums gewickelten Glückshaube, einem Bleisigillum mit Inschrift, einem Bild des heiligen Nikolaus, einem Stück Leinwand mit Menstrualblut, einem Zettel mit des Schatzgräbers Geburtsstunde, vier kleinen Korallenzinken, zwei Stückchen Hyazinth und einem Stückchen Lapislazuli4). Um 1800 pflegten die Mönche des Klosters Beurig in den Dörfern Lebensmittel gegen sogenannte »Deibelsgäschel« einzutauschen. Eine solche Teufelspeitsche5) galt als Abwehrmittel gegen alle Angriffe des Bösen und bestand aus einer Unterlage mit neun Bildfeldern auf der Vorder- und zwei auf der Rückseite, ferner dem Allerheiligsten: einer Madonnenstatue aus Gips und andern Kleinamuletten, und schließlich noch einem, mannigfaltige Kräuter enthaltenden, zusammengefalteten Papier mit denselben Heiligen wie auf den Bildern und der Unterschrift: Contra Maleficiam Contra Ignem Pestem et Tempestatem6). Volkstümliche Arzneibücher des 18. Jh. empfehlen Bündelchen gegen die verschiedensten inneren und äußeren Krankheiten sowie als Mittel, kugelfest oder beliebt zu werden7). Dieser Abwehrzauber durch Amuletthäufungen hat sich bis in die Gegenwart hinein erhalten. In Böhmen hängt man der Wöchnerin ein solches Päckchen an einer Schlinge um den Hals8). In Oberbayern gebraucht man gegen Krankheiten, besonders gegen Krämpfe, die Frais- und Gichtbeten, mit einem roten Faden zusammengebundene Amulette verschiedener Art9). Dabei kann das einzelne Glied einer solchen Kette wiederum aus einem Bündelchen bestehen, wie die »Fleischlis-Täfala« im Frankenwald, ein etwa einen Quadratzoll großes messingblechumrandetes Ledersäckchen mit höckerigem Inhalt (Wurzel oder Samen)10). Im Samland bindet man der Wöchnerin und ihrem Kinde Bündelchen an, die Tharant, Baldrian, Kreuzkümmel, Teufelsdreck, Knoblauch, Salz, Brot, Stahl und Geld enthalten11). In Baden tut man Papierstreifen mit Bibelsprüchen hinein12); in der Schweiz sollen »dreiergattig« (dreierlei) Sachen darin sein13); ein altes Simmenthaler Mittel zur Gewöhnung der Säuglinge an die Mutterbrust empfiehlt dreifach Rauten, Immergrün und Allermannsharnisch, daraus ein »bündelin gemacht und dem kind daß Mul gereiben der Mutter daß Büppy (Brustwarze) und der Mutter angehenkt«14). Sind in den meisten dieser Beispiele Gegenstands- und Wort- oder Zeichenamulette in dem Bündelchen miteinander vereint, so treten die letzteren auch allein in der Häufung auf. Schon die Anschauung, daß ein geschriebenes oder gedrucktes Zauberbuch mit seinen verschiedenartigen Rezepten und Anweisungen als Ganzes abwehrkräftig sei gegen allerlei Übel, weist darauf hin, daß neben dem gelegentlichen Gebrauch des einen oder andern Segens das Buch selbst als Kollektivschutz gewertet wurde. Und ebenso ist es mit gewissen Haus- oder Schutzbriefen, die aus einer Reihe von Einzelsegen und -bitten zusammengesetzt und mit den Bildern von Schutzpatronen für ganz verschiedene Fährnisse geschmückt sind15).


    Je nach dem besonderen Zweck des Bündelchens ist seine Verwendung eine andere. Denkt man ganz allgemein an die Beschirmung des Hofes und seiner Insassen, so hängt man es wie den Schutzbrief im Hause auf, nagelt es an die Tür oder Schwelle des Stalles vgl. 1) oder verwahrt es sonstwie. Ist es in erster Linie auf den Schutz eines Einzelmenschen abgesehen, so trägt es der Eigentümer bei sich und zwar auf dem bloßen Leibe16). Dem Kranken bindet man's um den Hals vgl. 12) vgl. 8) vgl. 11) 17); einem Kindlein wurde es in solchem Falle »am dritten Tag Neumond vor Sonnenaufgang angelegt und am 9. Tag wieder vor Sonnenaufgang abgenohmen und in ein Rührendt Waser geworfen«18) oder auch ungeöffnet vergraben vgl. 12). Den Inhalt darf der Kranke nicht kennen vgl. 7); deshalb kann er auch das Bündelchen nicht öffnen, ohne es zu zerstören vgl. 10).


    Sofern man ein Bündelchen nicht ererbt hat, muß man es schon vom Nachbarn oder gar aus dem nächsten Dorfe entleihen vgl. 10). Quacksalber halten es auch wohl feil vgl. 7), doch kann man es meistens nur erhalten von solchen Leuten, denen man auch sonst übernatürliche Kräfte beimißt vgl. 12) oder vielleicht gar eine Verbindung mit dem Teufel nachsagt. Bei dem Gebrauch aber soll man sich durch nichts abschrecken lassen. Als man einst im Kanton Zürich ein solches Bündelchen einem behexten Kinde in die Tasche tat, krachte es durchs ganze Haus, und als das Kind es herausnahm und fortwarf, flog es in der Stube herum, daß man es kaum wieder einfangen konnte. Daraufhin nähten es die Eltern dem Kinde ins Futter, und die Krankheit verging19).



    Lexikon: Bündelchen. Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens (vgl. HWA Bd. 1, S. 1705 ff.)

    „Ich bin so etwas wie ein Antikörper der New-Age-Bewegung. Meine Funktion besteht darin, auf die Möglichkeit aufmerksam zu machen, hey, weißt du, einiges von all dem Kram könnte auch riesengroßer Quatsch sein!“


    Ceterum censeo progeniem hominum esse deminuendam.