Aberglaube: Mühle

Schon gewusst…?

Wikinger haben keine gehörnten Helme getragen. Es gibt keine Beweise, die darauf schließen lassen, dass sie es jemals getan haben, außer in einigen rituellen Zeremonien. Das Tragen von gehörnten Helmen würde die Fähigkeit zu kämpfen in einem Nahkampf ernsthaft beinträchtigen. Tatsächlich waren die Wikingerhelme kegelförmig, aus hartem Leder mit Holz- und Metallverstärkungen oder sie waren aus Eisen mit einer Maske und Kettenpanzer.

  • Aus ihrer Bedeutung in Malerei, Dichtung und Musik könnte der Schluß gezogen werden, daß sie im Aberglauben erst recht eine große Rolle spielt. Dieser romantischen Verherrlichung steht aber ein keineswegs bedeutender und düsterer Aberglauben gegenüber, welcher der Mühle infolge ihres Ursprunges, ihrer Entwicklung und ihrer einsamen Lage am Wasser anhaftet. Der Aberglaube knüpft in erster Linie an das an, was das romantische Naturgefühl an ihr aufdeckte. Sein Verständnis gewinnt man aus der Geschichte der Mühle; diese führt von der einfachsten einheimischen Handm. (Quern) zu der aus der keltisch- römischen Mischkultur übernommenen Wasserm. (molina)1).

    Die Arbeit an der Handmühle, die so schwer und regelmäßig war, daß dazu Frauen, Unfreie und auch Gefangene und Verbrecher gezwungen wurden, suchten sich diese durch den Rhythmus von Arbeitsgesängen zu erleichtern und zugleich die in diesen wohnende Zauberkraft durch den Wortzauber zur Förderung ihrer Arbeit wirksam zu machen. »Die Erbschaft der schweren Mühlenfrone ging auf die Wasserm. über«2). Mit ihrer Verbreitung ging gleichzeitig eine Verschlechterung im Bodenbesitzrecht einher (Herausbildung des Mühlenbesitztumes und eines Gewerbes im Dorf; Übergang in den Besitz der Grundherrschaften und als weitere Folge das Bannrecht und der Mühlenzwang)3). Die Getreidem.n allein spielen im Aberglauben eine Rolle, die Sägem.n gar fast keine. Es kommt

    A. der absolute Aberglaube in Betracht; er wurzelt 1. in der Bedeutung dieser Erfindung für die Menschen überhaupt (Wunder- u. Zauberm.). Die durch die Erfindung der Handm. erfolgte Umgestaltung des menschlichen Lebens spiegelt sich in den Märchen und mythenhaltigen Sagen in entgegengesetzter Weise wieder, und zwar die schwere Arbeit in den Mühlenliedern und die Dankbarkeit für die durch die Mühle bereitete kräftige Nahrung in der Vorstellung von einer Wunderm. Daher hat mahlen, Mühle eine mystische, erotische Bedeutung; mahlen, zeugen (lat. mollere, griech. μύλλειν)4).

    Deshalb ist in vielen Sagen die Mühle ein Ort für Liebesabenteuer, und von manchem Helden heißt es, daß er in ihr unehelich geboren ist (s. Müllerin). Kinder werden unter einem großen Stein im Mühlgraben hervorgeholt. Aus diesem Zusammenhang wird die Mühle im Volkslied verständlich, die reines Gold und treue Liebe mahlt5).

    Die Wundermühle sucht man in den Besitz zu bringen. So mahlen in der Edda die zwei Mägde Fenja und Menja unter einem verbitterten Liede auf der Mühle Grotti alles, was man verlangt, Gold, Frieden, Glück und auch Salz6). Eine goldmahlende Mühle kennt auch die faröische Sage7). Sogar der Teufel verspricht eine, um einen armen Mann zu versuchen8). Der Besitzer der Wunderm. muß sich aber das richtige Wort merken, sonst kommt sie nicht mehr zum Stillstand9). Durch ungerechten Gebrauch verkehrt sich Segen in Unheil10). Eine andere Mühle mahlt nach links gedreht weißes Mehl, nach rechts Graupen. Die Niederschläge aus den Wolken wechseln mit der Drehung der Mühle (Himmelsm.)11). Die Gewitterwolke wird als Handm. vorgestellt, die ein Stössel laut stampft12). Auch die Sonne wird als eine feurige Mühle gedacht13). Eine besondere Gattung der Wunderm.n sind die, welche Menschen zermahlen. Manchmal ist von Sägem.n die Rede; auf einer will der Teufel Seelen zersägen. Zur Erklärung kann man annehmen, daß die Sägem.n an Bedeutung gleich sind den Getreidem.n oder, daß die Strafe des Zersägens dahinter steht14). Hingewiesen sei auf die Mühle, die in einem Zigeunermärchen Menschen zur Strafe mahlt15).

    2. Durch die einsame Lage der Mühle (die Dorfverfassung verbot die Anlage innerhalb des Dorfes) und auch dadurch, daß der Müller für unehrlich gehalten wurde, kommt ein weiteres Stück Aberglaube hinzu. Einmal wird die Mühle der häufige Schauplatz von Spuk- und Hexengeschichten16), und ferner spielt das Wasser mit seinem schaurigen Geheimnis eine Rolle. Zu diesem in der Mühlenentwicklung wurzelnden Aberglauben kommt ein weiterer in der Analogie mit dem fortziehenden Wasser und dem sich drehenden Mühlrad (s. drehen 2, 410 ff. und Mühlrad) bestehender hinzu.

    3. Die Mühle als Aufenthaltsort für Geister.

    a) Ein Nix hat einen eigenen Mühlengang für sich. Ein neuer Besitzer will ihn loswerden, und, als der Nix in Gestalt eines Katers aus dem Kessel Fische zum Verspeisen nehmen will, wird ihm die Pfote abgeschlagen. Seither ist er verschwunden, aber auch der Mühlengang steht still. Die Züge dieses Nix führen bereits hinüber zu dem

    b) Teufel in der Mühle17). Die hauptsächlichsten Motive der sehr zahlreichen Sagen sind folgende: Die Mühle ist vom Teufel auf Grund eines Paktes mit einem meist aus der Fremde stammenden Mann (wandernder Müllerbursch), der in Welschland die schwarze Kunst erlernt hat, gebaut; einen Mahlgang, meist ist es der 13., hat sich der Teufel reserviert. Er mahlt Pferdeäpfel darauf und besonders in der Silvesternacht so heftig, daß die ganze Mühle erzittert. Das Klappern einer solchen Mühle ist schrecklich; wer es hört, erbebt, schlägt ein Kreuz und läuft davon. Solange der Vertrag eingehalten wird, herrscht in der Mühle Wohlstand. Aber gerade in der Mühle wird der Teufel sehr oft betrogen und in die Falle gelockt (s. Teufel). Versuche, den Teufel aus der Mühle zu entfernen, unternimmt gewöhnlich der Müllerbursche (s. Müller), meist ein älterer, der entweder dem Teufel mit seiner Kunst beikommt, oder noch eher überlistet ihn der Müller (s.d.). Er betrügt ihn auf irgend eine Weise um die Erfüllung des Vertrages18). Der Müller prügelt ihn von der Mühle weg, als er von Mitternacht bis Morgen unter entsetzlichem Getöse Menschenköpfe zu Staub mahlt19). Fahrende Leute mit Bären vertreiben ihn aus der Mühle; er fürchtet die Bären als Katzen (s.d.). Als er sich später erkundigt, ob sie noch anwesend sind und man ihn täuscht, verschwindet er dauernd20). Er verkündet noch den Untergang der Mühle21). Die Mühle ist auch der Ort der Teufelsbeschwörung; der Teufel erscheint unter dem Geknarre der Mühle22). Die natürlichen Granitfelslabyrinthe werden oft Teufelsm.n geheißen; in den zahlreichen Sagen werden sie vom Teufel erbaut und wieder zerstört23).

    c) Die Mühle ist der Aufenthaltsort der Katzenhexen. Sie töten meist die Müllerburschen, bis ein wandernder durch Zauber (Kreisziehen) oder List einer von ihnen die Pfote abschlägt24) (s. Müller).

    d) In der Mühle erscheinen auch andere Geister, Kobolde25). Unheimliche Frauen werden auf Säcken sitzend angetroffen26). Während ihrer Anwesenheit steht sie still27). Die Hexe spukt dort28). Zwei fremde Jünglinge mahlen die Pest mit den Worten: Wir mahlen den Reichen den Tod, den Armen aber das Brot29). Das Erscheinen der Mühlenbachdame in Oberwil bei Zug kündet das Austreten des Mühlbaches an30).

    e) Vor allem erscheinen in der Mühle die Wassergeister (s.d.), der Wassermann (s.d.) und auch der Klabautermann (s.d.). Die Bestandteile derartiger Sagen gleichen denen von der Teufelsm. Der Wassermann erscheint nachts in der Stube mit Fischen, die er brät und auffrißt. Vertrieben wird er ebenfalls durch die Bären eines Fahrenden31). Mit dem Erscheinen derartiger Wesen ist der regelmäßige Brand der Mühle zu bestimmten Zeiten, alle 7 Jahre oder alle Weihnachten verbunden32). Diese Geister sehen sich durch die Mühle in ihrem Bereich bedrängt und sind daher feindlich: Die Esten brennen 1671 die neu erbaute Mühle nieder, deren Besitzer ein Fremder war, weil sie in der Entweihung des heiligen Baches den Grund für die Dürre einiger Jahre sehen33). Die Mühle hat ein Götzenbild (vereinzelte Sage). Der sog. Mühlengötz in der Oberm. zu Plauen war im Mühlengraben schwimmend von den Mühleburschen aufgefangen worden. Er hatte immer seinen bestimmten Platz in der Mühle gehabt, bis ihn einer freventlich ins Wasser warf, worauf Sturm und Hochwasser ausbrach, bis er wieder auf seinen Platz zurückgebracht wurde34). Die Sage enthält die charakteristischen Motive des selbsttätigen Bildes und der Kultübertragungslegende.

    4. Die Mühle hat Zauberkraft; diese wird verwendet zum Angstantun (s. 1, 436 und verhexen). Die Wirkung beruht auf der ununterbrochenen Bewegung von Wasser und Rad.

    a) Man nimmt dazu ein Stück von dem Gewand dessen, dem man Angst antun will, legt es in die Mühlpfanne und läßt das Mühlrad scharf laufen35). Auf diese Weise kann auch dem entlaufenen Dienstboten die Angst angetan werden, daß er wieder zurückkehren muß36) (s. 2, 285). Aber auch das schwangere Mädchen kann dies seinem Liebhaber, der es verlassen hat, gegenüber tun37). Vielleicht gerade in letzterem Fall deshalb, weil die Mühle ein Ort der Liebesabenteuer ist (s.o.).

    b) Die Mühle im Diebssegen (s. 2, 240 ff.). Wenn Bienen gestohlen werden, so soll man etwas vom Bau des gestohlenen Volkes zu bekommen versuchen und es unter eine Mühlenwelle legen, dann hat der Dieb keine Ruhe38). Um gestohlenes Geld wieder zu erhalten, hat man drei Pfennige und drei Mohnköpfe in die Mühlpfanne zu legen, und der Dieb wird es zurückbringen39).

    c) Mühle bzw. Mühlenwasser ist heilkräftig. Der Leidende soll vor Sonnenaufgang aufstehen, ein reines Hemd (s. 3, 1709 ff.) anziehen, einen neuen Topf nehmen, dessen Preis er ohne zu feilschen gezahlt hat, und zur Mühle gehen. Er darf weder etwas sprechen noch von jemandem gesehen werden, nimmt Tropfen von der Mühle bzw. dem Mühlenrad und wäscht sich am ganzen Körper. Darauf wird er gesund40). In ähnlicher Weise werden von den Rumänen in der Bukowina die Kopfschmerzen geheilt41). Ein in der Mühle gestohlenes Sackband heilt Halsschmerzen42) (3, 1364 ff., u. Sack).

    B. Fernhaltung des Unheiles von der Mühle

    a) Damit der Mühle nichts Böses widerfahre, läßt man sie leer laufen, während eine Leiche herausgetragen wird43). Dadurch, daß sie stille steht, soll der Tote (es wird der Müller sein) von dem Dasein der Mühle nichts mehr wissen und nicht mehr nach seinem Besitz zurückkehren wollen. Man läßt ihm deshalb auch eine Handvoll Mehl nachfliegen44). Zugleich mag auch die Vorstellung mitwirken, daß der Tote das eben vermahlte Getreide verunreinigen und das Mehl bzw. das Brot daraus schädlich beeinflussen könnte. Hört der Müllerbursch die nachts abgestellte Mühle trotzdem laut gehen, so bedeutet dies den Tod des Müllers oder eines Mühlennachbarn45) (vereinzelt).

    b) Die Mühle soll an gewissen Tagen still stehen. Wie in allen Handwerken die Arbeit mindestens einen Tag im Jahr ruhen soll, so steht auch die Mühle still, meist am Katharinentag (25. November), weil die hl. Katharina mit einem Rad voll Nägel gemartert wurde46); sonst würde jemand in der Mühle ums Leben kommen47). Oder am Martinstag, denn es kommt sonst der Teufel und mahlt den Müller zu Brei48). In der Silvesternacht kommt Frau Arche und steckt ihre lange Nase in das Ausguckfenster hinein49). Auch an Sonn- und Festtagen soll kein Getreide in die Mühle gebracht werden. Wo man dies beobachtet, bleibt die Gegend von Hagel verschont50). Wichtig ist für die Mühle auch der Andreastag (s. 1, 398 ff.), aber nur wirtschaftlich, denn mit diesem Tag ist das frische Getreide trocken, und es wird die für den Weihnachtsstöri nötige Menge in die Mühle gebracht51). Die Windm. spielt im Aberglauben keine Rolle, nur im Brauchtum, und zwar insofern als beide Mühlenflügel beim Vorüberkommen eines Brautpaares oder zur Anzeige von Geburt und Tod so gestellt werden, daß zwei nach oben gerichtet sind und das Flügelkreuz auf zwei Füßen steht52).

    Jungwirth. [Lexikon: Mühle. Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens, S. 17308 (vgl. HWA Bd. 6, S. 602 ff.)]