Aberglaube: Elementargedanke

Schon gewusst…?

Es sind derzeit leider keine Texte verfügbar.
  • <p><strong>Elementargedanke</strong><br></p>
    <woltlab-metacode data-name="align" data-attributes="WyJqdXN0aWZ5Il0="><p><br>(Völkergedanke, Übertragungstheorie).</p>
    <p>Der Elementargedanke und die Theorie der Übertragung oder Wanderung sind einander entgegengesetzt. Während für letztere der Ethnologe Friedrich Ratzel1) als Gewährsmann gelten darf, ist der Begriff des Elementargedanke ns von Adolf Bastian2) geprägt worden. Beide Theorien antworten auf die Frage: wie ist es zu erklären, daß wir bei den verschiedensten Völkern, selbst wenn sie räumlich ganz getrennt sind, dieselben Anschauungen, Vorstellungen, Glaubensweisen, Sagen- und Märchenmotive, rechtliche Bestimmungen usw. finden? Ähnlichkeiten, die oft bis in kleinste Einzelheiten sich erstrecken? Diese Frage kann in dem Sinne beantwortet werden, daß von einem Punkt menschlicher Geistes- und Kulturentwicklung aus, an dem die Vorstellung usw. erstmalig auftrat, eine Verbreitung und Übertragung auf alle übrigen Stellen des Völkerlebens stattgefunden hat, sei es durch Wanderung der Stämme und Völker oder durch Handelsverkehr, oder auch durch einzeln die Grenzen überschreitende Personen. Die Frage kann aber auch in dem Sinne beantwortet werden, daß die psychische Gleichartigkeit aller Völker und Rassen der Grund der weitgehenden Gleichheiten und Ähnlichkeiten ist (Elementargedanke ).</p>
    <p>Für die Beurteilung des Aberglaubens, der in einem Volke festsitzenden Anschauungen und Bräuche, ist es von allergrößter Wichtigkeit, in welchem Sinne jene Frage entschieden wird. Da sich zu überaus zahlreichen Formen des Aberglaubens Parallelen bei einem anderen Volk oder auch bei vielen Völkern finden, so steht man immer erneut vor dem Problem, ob man es mit autochthonen oder entlehnten Gebilden zu tun hat. Schon der literarische Fundort vieler Anschauungen, das Märchen und die Sage, zeigen nicht nur in ihrer Tendenz die Parallelen, sondern selbst im Tenor der literarischen Darbietung, in der ganz gleichen märchenhaften oder sagenhaften Einkleidung. Dennoch machen sie gar nicht selten auf den ersten Blick den unverkennbaren Eindruck, das Produkt einer ganz lokalen Auffassung und Deutung lokaler Ereignisse zu sein, die sich spontan im Gefolge eines Begebnisses eingestellt hat; und dann liegt es nahe, jede Übertragung abzuweisen, und die Gleichheit der Auffassung und Vorstellung auf die spezifische Art der psychischen Reaktion des Menschen auf eine bestimmte Klasse von Begebnissen der Auffassung und Vorstellung zurückzuführen.</p>
    <p>Vor Bastian genügte den Forschern schon die äußere Analogie von Mythen und Kulturgegenständen zwischen weit entlegenen Völkern, um einen Zusammenhang durch Übertragung anzunehmen, und man erfand dieser Übertragungstheorie zuliebe eigene Erdteile als Brücken, auf denen die Wanderungen der Ideen vor sich gegangen seien, wie z.B. die Atlantis. Besonders die weite Verbreitung der Flutsage wurde in diesem Sinn ausgenützt. Oft mußte die Hypothese von dem Auftauchen der zehn verloren gegangenen Stämme Israels, und zwar an allen möglichen Orten der Erde, zumal in Nordamerika unter den Indianern, der Entlehnungstheorie dienen3). Solange man die weite Verbreitung des Kreuzzeichens noch nicht kannte, wurde jedes sporadisch entdeckte Kreuzzeichen, wo immer es war, als christliches Symbol gedeutet. Die Völker des australischen Kontinents gelten noch heute als diejenigen, bei denen am ehesten Ursprünglichkeit in Sitte und Anschauung anzutreffen sei, und auch einige Stämme von Nordwestamerika zählt man hinzu; auch die Indianer am obersten Orinoko zeigen stark ursprüngliche Märchenbildung. Die Wandertheorie selber sieht sichere Zusammenhänge nicht nur zwischen Nord- und Südamerika, sondern auch zwischen Nordwestamerika über die ozeanische Inselwelt bis nach Südafrika und erkennt selbst in der australischen Märchenüberlieferung Züge, die von Amerika stammen.</p>
    <p>Da machte Bastian mit der psychologischen Erklärung dieser Erscheinungen von Analogien und Gleichartigkeiten Ernst und erklärte sich gegen die von der Wanderhypothese angenommenen »monströsen Völkerbeziehungen«. Auf dem ersten deutschen Geographentag 1889 sagte er: »Aus allen Kontinenten tritt uns unter gleichartigen Bedingungen ein gleichartiger Menschengedanke entgegen, mit eiserner Notwendigkeit«, und verglich diese Erscheinung mit der homologen Struktur der Pflanzen, die zugleich unter dem Einfluß der klimatischen und lokalen Variationen selbst variieren. »Überall gelangt ein schärferes Vordringen der Analyse zu gleichartigen Grundvorstellungen, und diese in ihren primären Elementargedanken festzustellen, für die religiösen ebensowohl wie für die rechtlichen und ästhetischen Anschauungen – also diese Erforschung der in den gesellschaftlichen Denkschöpfungen manifestierten Wachstumsgesetze des Menschengeistes – das bildet die Aufgaben der Ethnologie«4). Der vornehmste Grund für diese Analogien ist nach Bastian die Gleichartigkeit der menschlichen Psyche. Anfänglich hatte er für diese Erscheinung den Ausdruck Völkergedanke gebraucht, der recht mißverständlich und mehrdeutig ist, in der Hauptsache eine allgemein gleiche, unbewußt tätige Geistesfunktion meint. Besser war der später von ihm gewählte Ausdruck Elementargedanke , der von v. d. Steinen im weiteren Ausbau der Bastianschen Gedanken erläutert wird: »Ursprünglich müssen die Elementargedanke n nach eisernen inneren Gesetzen auf der ganzen Erde gleichartig sein gemäß der psychischen Einheit des Menschengeschlechtes, die aus seiner unverbrüchlich feststehenden physischen Einheit folgt ... Die Elementargedanke n passen sich an, wie sich das Zellenleben der leiblichen Organe den klimatischen Bedingungen anpaßt«5).</p>
    <p>Wie wichtig diese Theorie von den Elementargedanke n war und ist, zeigt am besten der Umstand, daß gerade die schärfsten Gegner Bastians wie Ratzel, Schurtz und Ehrenreich, statt sie einfach zu widerlegen, sie nur durch die Entstellung der Vereinseitigung bekämpften und nichts anderes gegen Bastian anzuführen wußten, als daß es unstatthaft sei, »alle Parallelen im Völkerleben auf rein innere Ursachen zurückzuführen«6). Bastian hatte seiner Theorie nie diese absolute Geltung zuerkannt, vielmehr hat er schon beim ersten Entwurf seiner Theorie eine dreifache Aufgabe der Völkerkunde angegeben: zuerst die elementaren Grundgesetze des Wachstumsprozesses der Völker zu ermitteln, um dadurch diejenigen Dienste, welche die Zellentheorie der Pflanzenphysiologie gewährt, für den Völkergedanken zu gewinnen; sodann die lokalen Einflüsse aus dem Milieu zu studieren und so die »geographischen Provinzen« zu bestimmen; schließlich die Erscheinungen des geistigen Austausches und die gegenseitige Geistesbeeinflussung zu beobachten7). Es ist daher ganz verkehrt, wenn man die Theorie von dem Elementargedanke n mit Schurtz so interpretiert, daß sie bedeutet »die selbständige Entstehung aller Kulturbesitztümer«8) oder mit Buchner so: sie sei »die Leugnung aller Zusammenhänge«9).</p>
    <p>Daß sich die Wanderungshypothese der Leipziger Schule schneller verbreitete und mehr Anklang fand als der Elementargedanke , ist in erster Linie durch ihre Parallelität zur biologischen Methode verständlich. Da die Biologie ein allgemeines Ursprungszentrum für alle organischen wie auch ein Erschaffungszentrum für die Menschheit annimmt und durch Wanderung und Wandlung die Erfüllung der Erde mit dem Lebenden erklärt, so liegt es durchaus auf der Linie dieser Betrachtung und dieses Denkens, anzunehmen, daß alles, was sich in dem Leben der Menschheit als typisch zeigt, von einem Ursprungszentrum her ausgebreitet und dabei abgewandelt gedacht wird, und daß nun alle einzelnen Fälle der Parallelität, Homo logie und Übereinstimmung diesem Gedanken eingereiht werden. Zudem ist immer wieder versucht worden, nach der von Ratzel selbst beliebten Methode die entgegengesetzte Theorie als popularwissenschaftliche zu diskreditieren. Der Elementargedanke sei eine bequeme Ausflucht derjenigen Arbeitsweise, die sich nicht die Mühe geben wolle, der Wanderung und Verbreitung der einzelnen Anschauungsglieder durch die Völker hin nachzugehen, sie nehme in der Ethnologie eine ähnliche Stelle ein, wie die in der Biologie längst überholte Theorie von den generatio aequivoca oder spontanea10). Am gründlichsten hat Richard M. Meyer diese Behauptung als gänzlich verfehlten Vorwurf zurückgewiesen, da die Fragestellung der Anhänger des Elementargedanke ns gar nicht auf eine »mystische Urzeugung« abziele, sondern eine ganz andere sei, die nämlich: »ob die gleichen Bedingungen, die irgendwo – auch nach Ratzel! – eine kulturelle, mythologische und sprachliche Neuerung bewirken, nicht auch an einem zweiten oder dritten Orte eintreten können«11).</p>
    <p>Eine gesetzliche Form gibt dem Elementargedanke n Alb. Herm. Post dahin, daß »es im Völkerleben so gut Gesetze gibt wie in der übrigen Natur, und daß diese Gesetze für alle Menschen dieselben sind. Eine Erkenntnis dieser Gesetze eröffnet uns tiefere Einblicke in die menschliche Natur, als sie auf irgendeine sonstige Art jemals haben gewonnen werden können; sie lehrt uns, daß ein Widerstreben des Einzelnen gegen diese sozialen Gesetze nur zu seiner Vernichtung führen kann; sie lehrt, daß jede Nation mit jeder anderen verbunden ist durch ein allgemein menschliches Band, welches viel mächtiger ist als die nationale Eigenart«12).</p>
    <p>An einem Streitobjekt der beiden entgegengesetzten Auffassungen läßt sich der Sachverhalt gut illustrieren. Das Augenornament auf den Vogelmasken der Makahindianer und den Menschenmasken Neuguineas, das auch als Flächenmuster auf Wänden und Geweben gebraucht wird, zeigt nach der Wanderungshypothese trotz der räumlichen Entlegenheit der Orte des Vorkommens einen gemeinsamen Ursprung. Für Ratzel lag hierin ein Beweismoment für uralte Kulturbeziehungen, welche die Übertragung zwischen Amerika, Neuseeland und Neuguinea bewirkt hätten vgl. 12). Franz Boas zeigte darauf, daß die Ornamente in beiden Fällen grundverschieden sind, bei den Melanesiern nämlich mehrere Augenpaare nebeneinander gebildet werden, bei den Indianern hingegen nur ein Augenpaar, während die übrigen als Augen gedeuteten Figuren die Gelenke der geschlachteten Tiere bedeuten, da die Indianer die Tiere nach ihren Hälften so niederzulegen und abzubilden pflegen, daß oben das Augenpaar und unten die Gelenke in die Erscheinung treten. Sonach handelt es sich in den beiden Fällen sowohl um veraltete Darstellungen selbst als auch um ganz verschiedene Ideen13). – Ein anderes Beispiel sei für unsere Verdeutlichung der Endokannibalismus, der sich bei überraschend vielen Völkern findet, wo er in neuster Zeit zuverlässig beobachtet worden ist. Diese Tatsache scheint zu dem Schluß zu berechtigen, daß er für eine gewisse Stufe der Zivilisation zugehörig ist und gleichsam »eine ständige Sitte der Urmenschen wie der niederen Völker. Alles treibt sie dazu, nichts hält sie davon zurück«14). Nur Vorurteil kann nach Steinmetz veranlassen, für diese Sitte nicht dieselbe Universalität anzunehmen wie für den Animismus, die Totenfurcht oder die Blutrache. Dinge der äußerlichen Zivilisation wie Werkzeuge und Waffen können freilich verhältnismäßig leicht entlehnt werden, nicht so jedoch soziale oder religiöse Institutionen. Die Rezeption des römischen Rechts, die Steinmetz als Beispiel nimmt, blieb ein Rätsel, solange man sie als eine reine Übernahme betrachtete. Erst als v. Stein und Maine auf ihre Grundlage in der allmählich anwachsenden Gleichheit der sozialen und Verkehrsverhältnisse und Bedürfnisse zwischen dem Rom der Kaiserzeit und den Städten Westeuropas im ausgehenden MA. hinwiesen, wurde das Problem gelöst. Denn nun zeigte sich der für die Herübernahme bereitete Boden. »Ein psychisch und sozial tief wurzelndes Erzeugnis kann nicht wirklich übernommen werden, wenn nicht der Boden schon ganz identisch ist, bereit dieselbe Frucht bald selbst spontan zu erzeugen«15).</p></woltlab-metacode>

    „Ich bin so etwas wie ein Antikörper der New-Age-Bewegung. Meine Funktion besteht darin, auf die Möglichkeit aufmerksam zu machen, hey, weißt du, einiges von all dem Kram könnte auch riesengroßer Quatsch sein!“


    Ceterum censeo progeniem hominum esse deminuendam.

    Einmal editiert, zuletzt von Firnwulf ()

  • <woltlab-metacode data-name="align" data-attributes="WyJqdXN0aWZ5Il0="><p>Hiermit ist das psychische Moment berührt, das von besonnenen Vertretern der Wandertheorie nicht übersehen, sondern als die Vorbedingung der Aufnahme des Fremden gewertet wird; so namentlich von Wundt, der dem Elementargedanke n so weit entgegenkommt zuzugestehen, daß »der Grundton der Märchen- und Mythenwelt eines Volkes schließlich doch auf den Gesamtzustand seiner eigenen Kultur abgestimmt« ist, so daß »das mythologische Märchen überall, unbeschadet einzelner Züge oder gar Episoden, die ihm von außen zugeflossen sein mögen, seinen eigenartigen Charakter« bewahrt16). Dauernd festgehalten werden kann jedenfalls nur das, was der eigenen Stufe des Vorstellens und Denkens entspricht17). Es versteht sich von selbst, heißt es von der Übertragungstheorie aus gesehen, daß jedes Volk die Umwelt, in der sich die in einem Märchen erzählten Begebenheiten abspielen und aus der es sie oder das Märchen übernimmt, mit seinen eigenen Lebensverhältnissen in Einklang bringt, daß aus einer Sandwüste unter Umständen ein dichter Wald, aus Nebel Regen oder Sonnenschein werden muß. Solche Besonderheiten sprechen also an sich gar nicht für Ursprünglichkeit am Fundort und gegen Wanderung; denn sie sind auch bei jeder Übernahme eine Unerläßlichkeit, sie dienen dem, was Steinmetz »die psychische Einwurzelung« nennt18).</p>
    <p>Für den Elementargedanke n oder das menschheitspsychologische Verständnis von Märchen und Mythen spricht hingegen der Umstand, daß es sich bei dem über weite Entfernungen hin zu beobachtenden Vorkommen derselben Stoffe nicht bloß um Übereinstimmung im Erzählungstenor handelt, sondern daß bei größter Abweichung in den durch die umweltliche Angleichung die genaue Übereinstimmung der Motive der Märchen und Mythen, also die Selbigkeit der psychischen Momente und psychischen Komponenten vorliegt.</p>
    <p>Darüber hinaus aber weisen auch die Ausführungen der Stoffe eine weitgehende Gleichheit in der Vorstellungsmentalität auf, vor allem in den Zügen des Dämonenglaubens, den Geistervorstellungen und dem Zauberglauben, womit Märchen und Sage in ihren Ursprüngen eng zusammenhängen. Gerade die Geistervorstellungen und die Ideen des Bosheits-, Schädigungs- und Glückszaubers (s. Schädigungszauber) sitzen im Glauben der meisten Völker fest und finden sich von der tiefsten Primitivität bis zur höchsten Zivilisation. Bei solch universalen psychischen Erscheinungen die Wanderung allein für die Verbreitung verantwortlich machen zu wollen, geht nicht an. Nicht einmal die sich im wesentlichen gleich bleibenden Vollzugsriten dieser zauberischen Bräuche wird man im allgemeinen anders denn durch die sich gleichbleibenden Einstellungen begreifen wollen. Das Erstlingsopfer ist so allgemein, daß man der Annahme seiner Wanderung von einem zu anderem Volke wahrlich nicht bedarf. Die entsprechende psychische Einstellung erklärt die spontane Bildung des gleichen Ritus. Die Jenseitsvorstellungen tauchen mit ebenso verblüffender Gleichheit wie Ungeheuerlichkeit der Abweichungen auf; hier erkennt man unschwer in letzteren das Autochthone, ohne die erstere als entlehnt ansehen zu müssen. Der mit den Jenseitsvorstellungen in engem Zusammenhang stehende Schlangenkult ist schon vielfach für den Elementargedanke n in Anspruch genommen worden19). Der Aberglaube des bösen Blicks (s.d.) spricht in seiner allgemeinen Verbreitung stark für den Elementargedanke n. Schwer verständlich ist nun, wie, wenn diese eben erwähnten Erscheinungen mit spontaner Universalität auftreten, das Märchen, die Sage, der Mythus, der spätere Aberglaube, die aus ihnen wenigstens teilweise hervorwachsen, nicht ebenso ursprunghaft in ihrer Verbreitung an den verschiedensten Orten sein sollten. D. h., eine gerechte Abwägung der ursprünglichen gegen die gewanderten Stücke wird ergeben, daß die Übertragung durch Wanderung immer nur insoweit Platz greift, wie in den autochthon vorhandenen Motiven die Bedingungen gegeben sind, »die diese Aufnahme (von außen) erst ermöglichen«20).</p>
    <p>Nur so ist es begreiflich, daß das Märchen, das sich, wie Panzer sagt, von verschiedenen Punkten aus weit verbreitet hat, eine »übervölkische Erscheinung« geworden ist21). Es wanderte, durch den täglichen Verkehr von Nachbar zu Nachbar, mit den Waren des weiter reisenden Kaufmanns in größere Fernen, mit dem einsamen Wanderer, mit kulturellen Bewegungen sozialer und religiöser Natur über die Grenzen von Kontinenten hinaus, mit den Kolonisten in die Fremde und aus der Fremde mit den Eingeborenen der Kolonien in die höheren Kulturen, je nachdem. Drum »überwiegt in der Märchenüberlieferung aller Völker das Gemeinsame das Besondere, das gleichwohl nicht völlig mangelt«22</p>
    <p>An der Sage von der Weibertreue wurde jüngst gezeigt, wie sie von mehr als 40 Burgen des deutschen Sprachgebiets, einmal in Holland und Belgien, einmal an der französisch-belgischen Grenze angesiedelt ward, wobei in Einzelzügen Veränderungen, die den Kern nicht berühren, eingetreten sind23). Natürlich läßt sich ein Elementargedanke mit einiger Zuversichtlichkeit immer nur dann annehmen, wenn die betreffende Vorstellung oder das Motiv in hinlänglicher Verbreitung über eindeutig primitive Sphären nachgewiesen werden kann. Entwickeltere Formen einer Kosmologie oder Kosmogonie fallen nicht unter diesen Gesichtspunkt, sondern heischen die Nachforschung nach den Wegen, auf denen sie gewandert sein können. Mit Bezug auf solche entwickelten Formen hat R. Eisler, der der Übertragungstheorie huldigt, mit Recht bemerkt, daß die Analogien zwischen den Weltsystemen des Morgen- und Abendlandes nicht durch das »an sich gesunde Bastiansche Prinzip des Völkergedankens« zu erklären seien24). Der Aberglaube arbeitet nun vorzugsweise mit Bestandstücken von Anschauungen und Bräuchen, die an sich nicht den entwickelten Bildungen angehören. Die Kompliziertheit, welche abergläubische Riten öfters aufweisen, ist nicht Folge geistiger Fortgeschrittenheit, sondern der der magischen Mentalität einwohnenden Nötigung, die Prozeduren durch stete Vervollständigung wirksamer zu gestalten. Daher darf gerade bei Elementen des Aberglaubens dem Elementargedanke n eine maßgebende Stelle eingeräumt werden.</p></woltlab-metacode><p>Der Elementargedanke behält sicherlich den Wert eines ständigen Warners, wenn die Versuchung naht, die Gleichheit der Riten, Vorstellungen und Überlieferungen sofort im ersten Anlaufe durch Wanderung zu erklären. Die Sagen und Legenden schießen zumeist aus dem Ganzen der Angst-, Wunsch- und Hoffnungsmentalität hervor und zeigen infolgedessen schon eine sehr weitgehende Verwandtschaft, während naturgemäß Lokalkolorit die wechselnden Züge bedingt. Daher reicht nie die strenge Übereinstimmung einzelner Stoffelemente, auch in gewisser regelmäßiger Verbindung, für den bündigen Schluß auf Übertragung aus. Märchen von so weiter Verbreitung wie das Brüdermärchen oder das Märchen des Schwesternmotivs bieten dem Forscher zweifellos eine für sehr zahlreiche Völker, und nicht nur Europas, sondern bis in die weniger zivilisierten Teile Afrikas und Asiens und bis zu den Santal, gemeinsame Grundvorstellung dar, treten aber mit derartigen grundsätzlichen Besonderungen sowohl in den Haupt- wie in den Nebenzügen auf, daß die Annahme der Spontaneität für viele der Fälle zur größten Wahrscheinlichkeit wird. Um so mehr, wenn, wie immer zuversichtlicher behauptet werden kann, der Anlaß des Motivs die Betrachtung von Teilen des Sternenhimmels war. Zu bedenken geben muß, daß der aus dem deutschen Brüdermärchen bekannte Scherz mit dem in der Eile verkehrt aufgesetzten und erst durch nachträglichen Eingriff richtig anwachsenden Kopf (des Jägers) sich selbst in indischen und amerikanischen Erzählungsformen wiederfindet. Ähnliches ließe sich etwa von den überaus weit verbreiteten Erzählungen sagen, die vom Einäugigen als dem Vertreter des bösen oder menschenschädlichen Prinzips handeln; ferner von den weltweit wiederkehrenden Sagen von den Riesen (oder Hexen), die nach vielen schrecklichen Taten endlich dran glauben müssen, und zwar gewöhnlich – auch dieser Zug stimmt noch überein – durch den Einfall eines Knaben oder das Zufallsglück des einfältigsten der Brüder. In solchen Fällen werden die Bemühungen um die Rückführung auf eine einzige Quelle durch die Anwendung des Elementargedanke ns erfolgreich ergänzt, z.B. in der Weise, daß es eine den Menschen sich wieder und wieder darbietende Lebenserfahrung und die daraus gewonnene Lebensanschauung ist, daß ein böses Schicksal, unter dem das Volk oder die Stadt leidet, durch die Heldentat oder das Selbstopfer des Einzelnen gewendet wird.</p>
    <woltlab-metacode data-name="align" data-attributes="WyJqdXN0aWZ5Il0="><p>Es hat den Anschein, als ob sich in der Wissenschaft unsrer Tage der Umschwung zu vollziehen beginne von der Alleinherrschaft des Wanderungsgedankens zu der Anerkennung des Rechts des Elementargedanke ns. Jahrzehnte hindurch hat der Übertragungsgedanke in der Arbeit auf dem Gebiete der Ethnologie im allgemeinen, der Sprachwissenschaft, Religionsgeschichte, Mythenforschung im besonderen so sehr die Vormacht besessen, daß bei der Untersuchung der einzelnen Vorkommnisse stets die Frage gestellt wurde, auf welchem Wege eine Vorstellung oder ein Glaube oder ein Ritus oder ein Gebrauchsgegenstand zu dem Orte, an dem er gerade beobachtet wurde, gelangt sei – wobei die Voraussetzung obwaltete, daß er eben nicht dort, wo man ihn fand, entstanden sein könnte. Fort und fort wechselten dabei die Ansichten über den Ursprungsort und ebenso die Theorien über die Art der Wanderungen, bis zu dem Grade, daß man von einer irgendwo autochthonen Kultur oder einer autochthonen Religion kaum mehr zu sprechen wagte. Dieser Übertragungsdogmatismus scheint jetzt der Anerkennung der Berechtigung des Elementargedanke ns zu weichen.<br></p></woltlab-metacode><woltlab-spoiler data-label=""><p><br></p>
    <woltlab-metacode data-name="align" data-attributes="WyJqdXN0aWZ5Il0="><p>1) Fr. Ratzel Anthropogeographie 2, 705 ff. 2) A. Bastian Der Völkergedanke im Aufbau einer Wissenschaft vom Menschen 1881; Der Elementargedanke 1 und 2, 1885; Kontroversen in der Ethnologie 1 und 2, 1895; Der Menschheitsgedanke durch Raum und Zeit 1 und 2, 1901. 3) Julius Eisenstädter Elementargedanke und Übertragungstheorie in der Völkerkunde, 1912, 7. 4) Bastian Rede auf dem I. Geographentag, abgedruckt in Völkergedanke 177 ff. 5) Ztschr. Ges. f. Erdkunde 1905, 169. 6) Schurtz Urgeschichte der Kultur 52, vgl. Ders. Altersklassen 10. 7) Bastian Vorgeschichte der Ethnologie 90. Vgl. Völkergedanke 114 ff. 175 f. <img src="https://www.asatru-forum.de/images/smilies/emojione/1f60e.png" class="smiley" alt="8)" height="23" srcset="https://www.asatru-forum.de/images/smilies/emojione/1f60e@2x.png 2x"> Schurtz Urgeschichte 49. 9) Eisenstädter 15. 10) Ratzel Anthropogeographie 2, 707. 11) Ztschr. f. Altertum und Pädagogik 17, 360 12) Urquell 4, 20. 13) Ratzel Anthropogeographie 2, 605; Völkerkunde 1, 139. 14) P. Ehrenreich Zur Frage der Beurteilung ethnologischer Analogien. Korresp.Bl. f. Anthropol. 1903, 176 ff.; vgl. Eisenstädter 36. 15) Steinmetz Gesammelte kleinere Schriften zur Ethnologie u. Soziologie 1 (1928), 259. 16) Ebd. 252 f. 17) Wundt Mythus und Religion 3, 61. 18) Wundt 3, 62. 19) Steinmetz 252. 20) Küster Schlange 57 ff. 21) Wundt 3, 83. 22) Fr. Panzer Märchen in John Meier Deutsche Volkskunde (1926), 256. 23) Ebd. 256 f. 24) Ranke Sage in John Meier Deutsche Volkskunde 211; vgl. W. Hoffmann Sage v. d. Weinsberger Weibertreu (1925). – Zum Ganzen noch Rich. Schwarz Bastians Lehre vom Elementar- u. Völkergedanken (1909); Böckel Volkslieder (Einleitung).</p></woltlab-metacode></woltlab-spoiler><woltlab-metacode data-name="align" data-attributes="WyJqdXN0aWZ5Il0="></woltlab-metacode><p>Lexikon: Elementargedanke. Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens (vgl. HWA Bd. 2, S. 766 ff.)<br></p>
    <woltlab-metacode data-name="align" data-attributes="WyJqdXN0aWZ5Il0="></woltlab-metacode>

    „Ich bin so etwas wie ein Antikörper der New-Age-Bewegung. Meine Funktion besteht darin, auf die Möglichkeit aufmerksam zu machen, hey, weißt du, einiges von all dem Kram könnte auch riesengroßer Quatsch sein!“


    Ceterum censeo progeniem hominum esse deminuendam.

    Einmal editiert, zuletzt von Firnwulf ()

Erstelle ein Benutzerkonto oder melde dich an um zu kommentieren

Du musst ein Benutzerkonto haben um einen Kommentar hinterlassen zu können

Benutzerkonto erstellen
Neues Benutzerkonto für unsere Community erstellen. Geht einfach!
Neues Benutzerkonto erstellen
Anmelden
Du hast bereits ein Benutzerkonto? Melde dich hier an.
Jetzt anmelden