Aberglaube: Ernte

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  • <p><strong>Ernte</strong></p>
    <p>§ 1. Vorzeichen und Orakel<br>§ 2. Vorbereitungen<br>§ 3. Beginn<br>§ 4. Erste Garbe<br>§ 5. Erstes Fuder<br>§ 6. Zauber während der Ernte<br>§ 7. Letzte Halme<br>§ 8. Letzte Garbe<br>§ 9. Erntemai<br>§ 10. Letztes Fuder<br>§ 11. Erntefest<br>§ 12. Erntekranz<br>§ 13. Erntemahl<br>§ 14. Erntetanz und -spiel<br>§ 15. Kirchliche Dankfeier</p>
    <woltlab-metacode data-name="align" data-attributes="WyJqdXN0aWZ5Il0="><p>§ 1. Den Ausfall der kommenden Ernte künden mancherlei Vorzeichen. Gingen bei der letzten Ernte die Gelege beim Garbenbinden auf, wird sie besser, blieb ein Gelege übrig, wird sie schlechter als diese1). War die letzte Garbe klein, gibt es wenig Korn, wie auch die Größe des letzten Heufuders auf den nächstjährigen Heuertrag hinweist2). Haben im Herbst die Kletten Doppelfrüchte, so steht eine reiche Ernte bevor3). Je mehr die Wachtel an bestimmten Tagen aufschlägt4) oder je höher das Wasser in den Quellen steht5), desto teurer wird das Korn. Westwind am Michaelistage deutet auf niedrige, Ostwind auf hohe Kornpreise6). Sternenreicher Christnachthimmel7) wie Unruhe unter den Tauben in der Christnacht8) weisen auf reichen Körnersegen. Bleiben Saatkartoffeln übrig, steht eine reiche Ernte bevor9). Wenn im Roggenfelde viele Ähren über die andern emporragen, wird das Korn teuer: es sind viele Käufer im Korn10). Wenn das Kornfeld wogt (wolkt), steht eine reiche Ernte und damit ein niedriger Kornpreis in Aussicht11). Findet sich unter den ersten drei Garben viel Ungeziefer, so tritt Teuerung ein12). Aus den Körnern der zuerst gedroschenen Garbe ersieht man die künftigen Roggenpreise13). Neben diesen Vorzeichen für die Ernte stehen die aus der Ernte abzulesenden Lebensvorzeichen. Das auffallend gute Gedeihen der Früchte wird als Vorzeichen für den Tod eines älteren Familienmitglieds angesehen14). Krachen die Halme beim Binden, so sind die Gedanken des Geliebten bei der Binderin15). Gehen beim Garbenbinden die Gelege auf, steht eine Hochzeit bevor16). Läßt eine Binderin beim Garbenaufbinden eine Schwad oder beim Garbenaufstellen eine Garbe liegen, so bekommt sie ein Kind; ist sie verheiratet, von einem fremden Mann17). Bleibt beim Aufhocken eine Garbe übrig, widerfährt der Binderin das gleiche18). Auch durch Orakel ermittelt man den künftigen Ernteausfall. Eine reiche Ernte steht bevor, wenn ein auf das erste Heufuder geworfener Pfennig im Heu verschwindet; bleibt er sichtbar, steht Unglück durch Feuersbrunst bevor19). Drei nach der Ernte in den Boden gesteckte Ähren zeigen, je nachdem die erste, mittlere oder letzte zuerst ausschlägt, ob die frühe, mittlere oder späte Saat die beste ist20). Reicher Erntesegen ist zu erwarten, wenn auf das Klopfen an den Schweinestall in der Christnacht ein Mutterschwein antwortet21) oder wenn in einem christnachts aufgestellten Topfe das Wasser steigt22). Legt man in der Weihnachtsnacht in je eine mit Wasser gefüllte Schüssel die einzelnen Getreidearten, so kann man von der Frucht die beste Ernte erwarten, in deren Schüssel sich die meisten Bläschen bilden. Legt man in derselben Nacht in die Viertel eines durch zwei kreuzweise hineingelegte Stäbe geteilten, mit Wasser gefüllten Gefäßes die einzelnen Kornarten, so gibt die die reichste Ernte, die am meisten quillt23). Als Liebesorakel werfen nach der Ernte die in einer Reihe stehenden Schnitter ihre Sicheln rückwärts über den Kopf und sehen daraus, wessen Sichel am weitesten gefallen ist, wer zuerst heiratet oder aus der Richtung, nach der die Spitze zeigt, wohin sie übers Jahr kommen werden24). In den Erntekranz steckt jeder Schnitter eine Blume, und wessen Blume zuerst welkt, der stirbt zuerst25).<br></p></woltlab-metacode><woltlab-spoiler data-label=""><p>1) Drechsler 2, 63. 2) SAVk. 15, 6. 3) ZfVk. 24, 10. 4) Heckscher HannVk. 1 § 39. 5) Jahn Opfergebräuche 141 f. = Müllenhoff Sagen Nr. 121; Kuhn Westfalen 2, 144; Eisel Sagen 258; Meier Schwaben 433. 6) Pfannenschmid Erntefeste 119. 7) John Erzgebirge 154 f.; Mannhardt 1, 234. <img src="https://www.asatru-forum.de/images/smilies/emojione/1f60e.png" class="smiley" alt="8)" height="23" srcset="https://www.asatru-forum.de/images/smilies/emojione/1f60e@2x.png 2x"> John Erzgebirge 154 f. 9) Ebd. 224. 10) Bartsch Mecklenburg 2, 163. 11) Pfannenschmid Erntefeste 401. 12) Köhler Voigtland 399; Wuttke 237 § 339. 13) Grimm Myth. 3, 443; Jahn Opfergebräuche 162; Sartori Sitte 2, 81. 14) Drechsler 2, 61 = Sartori Sitte 2, 73. 15) Meyer Baden 427. 16) Drechsler 2, 63. 17) Meyer Baden 429 f.; Heckscher HannVk. 1, § 35. 18) Heckscher a.a.O. 19) John Erzgebirge 222. 20) Eberhardt Landwirtschaft 2. 21) Wrede RheinVk.2 127. 22) John Erzgebirge 154. 23) Ebd. 24) Bücher Rhythmus 364; Panzer Beitr. 2, 213; Wuttke 230 § 328. 25) Schramek Böhmerwald 234.</p></woltlab-spoiler><p><br></p>
    <woltlab-metacode data-name="align" data-attributes="WyJqdXN0aWZ5Il0="></woltlab-metacode><p>§ 2. Als magische Vorbereitung auf die nächste Ernte müssen sich die Schnitterinnen nach beendeter Mahd auf den Acker setzen, um fruchtbarkeitszauberisch dem Acker neue Kräfte zuzuführen26), es muß ein Strauß oder eine geschmückte Tanne aus demselben Grunde nach der Ernte auf das Feld gesteckt werden27), wie auch die Körner des Erntekranzes dem Acker zugeführt werden müssen (s. § 12). Die Garbenbänder müssen an Fastnacht28) oder Karfreitag29) geflochten werden, damit die Ernte reich und vor Mäusen gesichert sei, oder sie müssen, damit sie nicht brechen, mit Fastnachtsschmalz eingerieben sein30). Dabei darf man das Band, das diese Garbenseile umwickelt, nicht wegwerfen, da man sonst fallsüchtig wird31). Nach der Johannisnacht muß man von den Feldern die Hexengarben absuchen, die Zauberer in dieser Nacht in die Kornfelder gestellt haben, um eine Mißernte zu bewirken32). Am Sonntag vor der Ernte wird die Ähretstärke im Wirtshaus getrunken33), und das Gesinde erhält ein Stärkegeld34) oder ein Mahl35), den Einstand36).<br></p>
    <woltlab-metacode data-name="align" data-attributes="WyJqdXN0aWZ5Il0="></woltlab-metacode><woltlab-spoiler data-label=""><p>26) Reuschel Volkskunde 2, 34; Eberhardt Landwirtschaft 6; Bohnenberger 18. 27) Eberhardt Landwirtschaft 7. 28) Schönwerth Oberpfalz 1, 400 f. = Sartori Sitte 2, 59; Drechsler 2, 75. 29) Drechsler a.a.O. 30) Eberhardt Landwirtschaft 6. 31) Höhn Volksheilkunde 1, 132. 32) Boecler Ehsten 114. 33) Eberhardt Landwirtschaft 5. 34) Reiser Allgäu 2, 155; Leoprechting Lechrain 189 = Sartori Sitte 3, 239. 35) ZfVk. 7, 151 f.; Sartori Sitte 2, 75. 36) Panzer Beitr. 2, 220 = Sartori Sitte 2, 76.</p></woltlab-spoiler><p><br></p>
    <woltlab-metacode data-name="align" data-attributes="WyJqdXN0aWZ5Il0="></woltlab-metacode><p>§ 3. Der Beginn der Ernte wird zeitzauberisch bestimmt: er muß an bestimmten Wochentagen stattfinden37), besonders am Sonnabend38), oder ist an feste Kalendertage gebunden, wie den Margarethentag (13. Juli)39), den Heinrichstag (15. Juli)40), den 24. Juli, »weil dann die Wurzeln des Roggens absterben«41), den Jakobstag (25. Juli)42). Oder die Obrigkeit bestimmt den Tag43), die Gemeinde stimmt darüber ab44), der Vorsteher gibt ihn durch »Umklopfen des Hammers« bekannt45). Am ersten Tage mäht man nur nachmittags oder nur einige Schwad46). Trachtzauber liegt zugrunde, wenn die Mäher ihre Sensen und Mützen mit Sträußen und farbigen Bändern schmücken, während die Binderinnen von den Schnittern oder der Herrschaft neue Schürzen und Mieder bekommen47), wie überhaupt die Ernte in würdiger festlicher, zumindest sauberer Kleidung begonnen wird48). Negativer Wortzauber schreibt vor, um nicht beschrieen zu werden, schweigend zum ersten Schnitt zu gehen49), oder sich einer besonderen Erntesprache zu bedienen50), positiver Wortzauber, vor dem Beginn, am Acker knieend51), ein Gebet zu sprechen52), wenigstens »Walte Gott!« zu rufen53), den Geistlichen eine Ansprache54), eine Erntebetstunde55) halten zu lassen, wozu die Ernteleute mit ihren Sicheln, in blumengeschmücktem Hut und weißen Kleidern erscheinen56), ferner hört der Bauer eine Messe an57), die extra bezahlt wird58); es werden Gesangbuchlieder gesungen59), vier Wochen lang abends vom Kirchturm Choräle geblasen60); am Morgen nach dem Schnitt der ersten Garbe wird eine Erntekirche gehalten61), in der Rechtspflege wurde früher der Erntetag wie ein Sonntag behandelt62). Zu dem kirchlich umgedeuteten Wortzauber tritt eben solcher Lärmzauber: wie der Dorfschulze die Ernte einläutet63), so geschieht es auch durch Läuten der Kirchenglocken64). Wenn des Abends während der Ernte die Betglocke ertönt, schneidet der Schnitter drei Handvoll Halme und vertraut dann Gott das Feld mit den Worten an: »Walt' Gott drüber«65)! Lärmzauber durch Glockenläuten, Peitschenknallen und Schießen dient ebenso zur Dämonenvertreibung bei Beginn der Weinernte66).<br></p>
    <woltlab-metacode data-name="align" data-attributes="WyJqdXN0aWZ5Il0="></woltlab-metacode><woltlab-spoiler data-label=""><p>37) ZfVk. 7, 152. 38) Reuschel Volkskunde 2, 32. 39) Reinsberg Böhmen 350. 40) Wrede RheinVk.2 204. 41) ZfrwVk. 3, 185. 42) Drechsler 2, 61; John Westböhmen 187; ZfrwVk. 6, 185; Strackerjan 2, 93; Sartori Sitte 2, 73. 43) SAVk. 24, 99; Bartsch Mecklenburg 2, 295. 44) SAVk. 24, 100; Eberhardt Landwirtschaft 5. 45) ZfVk. 7, 151; Sartori Sitte 2, 74. 46) Sartori Sitte 2, 73 f. 47) Birlinger Aus Schwaben 2, 329; ZfVk. 4, 126; 7, 151; Bartsch Mecklenburg 2, 295; Jahn Opfergebräuche 157; Pfannenschmid Erntefeste 90; Sartori Sitte 2, 75. 48) Reuschel Volkskunde 2, 33; Sartori Sitte 2, 75. 105; Meier Baden 426. 435; Bartsch Mecklenburg 2, 297; Pfannenschmid Erntefeste 90. 92; ZfVk. 7, 151. 49) ZfVk. 7, 152; Reuschel Volkskunde 2, 33. 50) Sartori Sitte 2, 81. 51) Birlinger Volkstümliches 2, 424. 52) Hoffmann-Krayer 70; Meier Schwaben 2, 439; Meyer Baden 426. 53) Eberhardt Landwirtschaft 5; Meyer Baden 426. 54) Sartori Sitte 2, 74 f. 55) Kück-Sohnrey Feste3 188. 56) Pfannenschmid Erntefeste 392; Eberhardt Landwirtschaft 5. 57) Sartori Sitte 2, 74. 58) SAVk. 24, 102. 59) Meyer Baden 426. 60) Kück-Sohnrey Feste3 188. 61) Jahn Opfergebräuche 157. 62) Pfannenschmid Erntefeste 394 = Grimm RA. 821. 63) Kuhn Märk. Sagen 338; Bartsch Mecklenburg 2, 295; Kück-Sohnrey Feste3 188; Kuhn u. Schwartz 398 f.; Jahn Opfergebräuche 159; Sartori Sitte 2, 74. 64) Reuschel Volkskunde 2, 34; Pfannenschmid Erntefeste 90; Kück-Sohnrey Feste3 188 f. 65) Hoffmann-Krayer 70. 66) Reuschel Volkskunde 2, 34.</p></woltlab-spoiler>

    „Ich bin so etwas wie ein Antikörper der New-Age-Bewegung. Meine Funktion besteht darin, auf die Möglichkeit aufmerksam zu machen, hey, weißt du, einiges von all dem Kram könnte auch riesengroßer Quatsch sein!“


    Ceterum censeo progeniem hominum esse deminuendam.

    Einmal editiert, zuletzt von Firnwulf ()

  • § 4. Die mit der ersten Garbe verbundenen volksgläubischen Gebräuche sind zumeist Erstlingsopferzauber (siehe Erstling), wobei die Gottheiten, denen ursprünglich das Opfer gegolten hatte, mancherlei Substitute erfahren haben. Die ersten zwei Handvoll Halme werden kreuzweise zur Seite67), die ersten drei Ähren überkreuz auf den Acker gelegt68), in fließendes Wasser69), der Kornmutter ins Getreidefeld geworfen70). Die erste Garbe wird jubelnd nach Hause gebracht und dem Haushahn vorgeworfen71), bis Neujahr aufgehoben und dann den Vögeln des Himmels72) oder dem Vieh gegeben73), nachts 12 Uhr als »Erntesegen« durch die hintere Scheunentür »für die Engel« fortgeworfen74), die ersten drei Ähren nach der Einfahrt des ersten Wagens75), die erste Garbe nach dem Abdrusch verbrannt, damit der Bilmesschneider den Saaten nicht schaden kann76), aus den ersten Garben in die vier Winkel der Scheune Kreuze gegen den Drachen ausgelegt77), die erste Garbe wird blindlings in die Banse geworfen, wo sie nicht wieder umgelegt werden darf78), als Opfer den Mäusen gegeben, damit diese die übrige Ernte verschonen79), der Kirche geopfert80), zum kirchlichen Erntekranz verwandt81) oder unter Gebet in die Scheune gelegt82). Magischen Schutz gewährt die erste Garbe als Opfergegenstand, wenn sich die Schnitter auf sie setzen, um vor Kreuzschmerzen und Verwundungen während der Ernte bewahrt zu bleiben83), wenn sie zu demselben Zweck einen Gürtel aus drei Halmen der ersten Garbe umbinden84) oder drei Halme so ins Schürzenband stecken, daß sie leicht verloren gehen können, um dadurch auch analogiezauberisch sie etwa befallende körperliche Übelstände leicht los werden zu können85). Fruchtbarkeitszauber liegt vor, wenn sich die Binderin auf die erste Garbe setzt, damit das Getreide gut körnt86), wie man sich andererseits zur ersten Vesper nicht auf den Acker setzen darf87), um sich von ihm die Fruchtbarkeitskräfte nicht entziehen zu lassen. Analogiezauberisch legt man, »um mehr zu sammeln«, die ersten Garben mit der Ährenseite feldeinwärts88). Der Opferzauber ist volksglaubensmäßig durch Lärmzauber ersetzt, wenn beim Abladen des ersten Fuders die mit Tannenreisig geschmückte erste Garbe zur Abschreckung böser Geister gedroschen wird89). Schutzzauberisch wirken die drei ersten Ähren endlich, wenn sie nach der Ernte an die Haustür genagelt, oder in den Weihbrunnkessel wie auch auf den Friedhof gelegt werden90). Die erste Garbe selbst wird magisch geschützt durch Einbinden von Wildem Elsbet, Knoblauch, Hartenau und Kamille, Disteln und Dorn, Fronleichnamskräutern, Palmzweigen und Prangerstreu, die am Antlaßtage auf dem Wege und vor dem Altar gedient haben, Antlaßei, Osterei, Käse, Salz und Brot91). Zuweilen wird sie mit Johanniswein besprengt92). Hiermit wird Regenzauber verbunden, wenn neben einem Blumenstrauß und einer Semmel93) auch eine Flasche Branntwein eingebunden wird94), wie auch die erste Garbe mit dem Stoppelende ins Wasser getaucht oder begossen wird95). Auch der auf die erste Garbe gesteckte Erntemai hat denselben magischen Zweck96). Wie zumeist die letzte wird zuweilen auch die erste Garbe als menschengestaltige Darstellung des Vegetationsdämons geformt97).


    § 5. Bei der Heimfahrt des ersten Fuders treten dieselben Zaubermittel in Tätigkeit wie bei der ersten Garbe. Wortzauber liegt vor, wenn es am Scheunentor von Kindern mit einem Wechselgespräch empfangen wird98), Täuschungszauber, wenn man den ersten Wagen verkehrt in die Scheune fährt, um das Korn wieder zu bekommen, das der Nachbar als Bilmesschnitter gestohlen hat99). Auch hier erscheinen oft die Zauberhandlungen verkirchlicht. Der erste Wagen wird feierlich mit Musik eingeholt und den Armen überlassen100), nach Hungerjahren festlich geschmückt um die Kirche geführt und mit seiner Einholung eine kirchliche Feier verbunden101), von feierlich als Schnittern gekleideten Kindern begleitet102), mit Weihwasser besprengt103), was auch vor dem Abladen mit der Scheune als Mittel gegen die Mäuse geschieht, wie auch gesegnete Kräuter oder der Christbrand in diese gebracht wird104).


    § 6. Während der Ernte sind zunächst allerlei Zauberschutz vorschriften zu beachten. Niederstehendes, dünngesätes Getreide mit der Sense zu schneiden, wird als eine Art Undank gegen die Vorsehung mißbilligt105). Wenn ein Erntewagen bei der Heimfahrt umfällt, so ist das eine göttliche Strafe für den Geiz des Bauern106). Wenn bei der Gersten-Ernte des Abends Wildgänse schreiend durch die Luft ziehen, verkriechen sich die Schnitter mit den Worten: »de Waur dei kümt« unter die Gersthocken107). Wer aus der Furche tritt, zerschneidet seine Hand108). Steigt man über die Deichsel eines Erntewagens, so fällt dieser bei der Heimfahrt um109). Geht eine Schwangere durch die Teile eines auseinander genommenen Erntewagens, so wird sie verhindert, die Frucht abzutreiben110). Als Fruchtbarkeitszauber wird das walen geübt: die Mädchen umfassen die Beine der Burschen und diese die der Mädchen, und so wälzt man sich auf dem Boden111). Als Regenzauber werden bei der ersten Heu-Ernte die Mägde von den Knechten begossen112) oder ins Wasser geworfen113). Um die Ernte zu verderben, schlagen Zauberer mit einer kleinen weißen Rute in eine Quelle, deren Wasser sich in Dampf, in eine Wolke und darauf in Hagel und Reif verwandelt114).


    § 7. Wenn sich die Mahd ihrem Ende zuneigt, zieht sich der Fruchtbarkeitsgeist immer weiter zurück, bis er zuletzt in den letzten Halmen steckt. Diese bleiben, um dem Felde nicht die Kraft zu nehmen, unabgemäht115) (vereinzelt läßt man auch an allen vier Ecken des Ackers ein Halmbüschel stehen)116), wie auch nach der Flachs-Ernte einige Büschel, drei Handvoll oder drei Stengel stehen bleiben117). Sie werden mit Blumen und Gras118) oder mit bunten119) Bändern nach beendeter Ernte zu einer Garbe umwunden120), zu einem Knoten gebunden121), auf den man einen Blumenstrauß setzt122), ihrer Ähren beraubt zu einer Scheune geformt: je größer die Scheune, desto größer der Erntesegen123). Weiter erhalten die letzten Halme oft Menschengestalt: sie werden dreifach gebunden, um Kopf, Leib und Beine abzuteilen124), oder die Ähren werden geknickt und unterwärts gebunden, so daß eine Puppe mit abgeteiltem Kopf entsteht125). Fruchtbarkeitszauberisch wirkt man auf den Ackerdämon ein, indem man Brot126) und Steine127) in die letzten Halme legt, regenzauberisch, indem man sie mit Wein, Branntwein128) oder mit Wasser129) besprengt. Man zündet ein Erntefeuer an130), umtanzt131) und überspringt es132), die Schnitter stellen sich um es, knien, nehmen den Hut ab, schwenken ihn und rufen Wodan an133), der in Süddeutschland in St. Oswald verkirchlicht ist134), oder man ruft den heiligen Sankt Mähä135). Das stehenbleibende Büschel heißt Waulroggen136), Vergodendêl137), Peterbült138), Oswald139), Wawa (= altes Weib)140), Vâgeltêgen141), Finkentêgen (têgen = Zehnten)142) oder noch anders143). Es bleibt auf dem Felde stehen144), wird mit untergepflügt145) oder wird feierlich abgemäht, als Garbe gebunden, was jedoch nur mit der rechten Hand geschehen darf oder in Abwesenheit der Schnitter, von der Bäuerin146), einer Jungfrau oder einem Kinde geschieht147), und eingefahren148). Der Bauer legt in das aus neun Halmen bestehende Büschel kleine Geschenke, die der jüngste Schnitter erhält, der es kniend im Namen Gottes in drei Zügen abmäht149). Weiter werden die sieben letzten Halme mit den Wurzeln ausgerissen und bilden den Kern des Erntekranzes150). Die letzten Halme werden endlich von einer geschnittenen und gebundenen Garbe abgelöst, in deren Namen: Bock151), Halmbock, Habergeiß, Bockstorn152) oder Waldmann153), sich die zunächst tiergestaltigen und darauf die menschengestaltigen Feldgeister erhalten haben, die dann auf dem Felde liegen bleibt154), auf dem letzten Fuder eingefahren155) oder beim Erntefest mit dem Erntekranz eingeholt wird156).

    „Ich bin so etwas wie ein Antikörper der New-Age-Bewegung. Meine Funktion besteht darin, auf die Möglichkeit aufmerksam zu machen, hey, weißt du, einiges von all dem Kram könnte auch riesengroßer Quatsch sein!“


    Ceterum censeo progeniem hominum esse deminuendam.

  • § 8. Die letzte Garbe gilt als Opfer für Wodan157), für Fru Gaue158), die Alte159), die Holzfrau160), die arme oder gute Frau161), die drei Stifterinnen162), die sieben Schauerjungfrauen163), die Rugioboba, Glôsô, Vilen164), die Troll165), den Bock166), das Rehlamm167), die Moorhühner168), die Vögel169), die Mäuse170), womit die Reihe der Ackerdämonen vom heidnischen Gott über die christlichen Heiligen und die Feldgeister des neuzeitlichen Volksglaubens zu Wild und endlich dem Acker- und Hausungeziefer geschlossen ist. Andererseits wiegt der Gedanke, dem Acker seinen Fruchtbarkeitsgeist zu erhalten, vor, wenn man »dem Acker nicht alles nehmen«171) und somit den Ertrag der nächsten Ernte sichern will172). Die letzte Garbe erhält, da sich in sie der Vegetationsdämon zurückgezogen hat173), den Namen des Tieres, unter dessen Gestalt man sich diesen Dämon vorstellt; sie heißt: Bock, Rind, Kuh, Hahn, Wolf, Kater, Hase174) und wird endlich anthropomorphisiert, wobei sie als Alte, Große Mutter, Erntemutter, Kornmutter, Kornjungfer, Braut, Kind, Hurkind, Erntekind bezeichnet175) und als menschliche Gestalt geformt176) oder doch diese angedeutet wird177). An ihrer magischen Kraft partizipiert derjenige, der sie geschnitten hat und auf den ihre Bezeichnung oft geradezu übergeht: er heißt Erntegans178), -sau179) oder der Alte180); zuweilen wird diese Partizipation noch dadurch vergrößert, daß man ihn in die letzte Garbe einwickelt181). Als Analogiezauber wird die letzte Garbe recht groß gebunden, damit die nächstjährige Ernte gut ausfalle182); zu demselben Zweck wird sie mit einem Stein beschwert183), wenn hier der Stein, der auch mit den drei ersten Garben in die Scheune gelegt wird184), nicht als Opferding aufzufassen ist185). Weiter werden Zauberdinge, wie der Christbrand186), Brot und Getränk in sie eingebunden187). Sie wird geprügelt, um das die nächstjährige Ernte bedrohende Ungeziefer zu vertreiben188). Sie selbst besitzt magische Kräfte und wird als Glücksspenderin ans Scheunentor genagelt189), im Hause aufgehängt190), wo sich in Form einer Taube oder eines Kreuzes unter dem Kruzifix das Glückshämpfele befindet191), zu Brot verbacken den Armen gegeben192) oder als segenwirkend nur von den Familiengliedern gegessen193). Besonders aber wird die in ihr haftende Kraft des Wachstumsgeistes dem Acker wieder zugeführt, indem man ihre Körner unter die Saat mischt194), weshalb sie geradezu als Stamm-, Grund- oder Stockgarbe bezeichnet195) und, um das Mana des Ackers mit dem des Regens in Berührung zu bringen, begossen wird196).



    § 9. Ein Zaubermittel zur Verstärkung der der letzten Garbe innewohnenden Wachstumskraft ist die Lebensrute in der Gestalt des Erntemais. Wie man bei den Griechen zum Erntefest einen mit Feigen, Oliven, allen Arten Feldfrüchten, auch wohl Fläschchen mit Wein und Öl behangenen Zweig, die Eiresione, herumtrug und vor dem Hause aufpflanzte197), so steckt man ihn heute in die letzten Halme198), an deren Stelle in den Acker, nachdem sie geschnitten199), in die letzte Garbe200), und zwar als grünes Reis201), als Kreuz von Stroh, dessen Spitze eine Blumenkrone ziert202), oder als Blumenkranz203). Auf das Feld steckt man den Erntemai als belaubten Birkenbaum204) oder als Birke mit Kreuzpfählen, an die man Getreidebüschel hängt205). Vielfach hat sich die Vorstellung von der Einkörperung des Wachstumsgeistes von den letzten Halmen und der letzten Garbe auf den Erntemai übertragen, der deshalb theriomorph als Bauthahn (= Erntehahn), Hase, chien de moisson, Mockel (= Kuh) bezeichnet206) und endlich als Menschenfigur ausgeschmückt207) und regenzauberisch begossen wird208). Die häufigste Gestalt des Vegetationsdämons ist dabei die des Hahnes. Als dramatische Darstellung seiner Tötung wird ein Hahn freigelassen und erschlagen209). Eine getötete Henne wird am Wipfel des Erntemais hängend auf dem letzten Fuder eingefahren210), neben dem Erntezweig sitzt eine Person und hält einen lebendigen Hahn, der beim Erntemahl verzehrt wird211), man hängt an die mit dem Erntemai geschmückte letzte Garbe eine kalekuttische Henne mit dem Kopf nach unten, und verzehrt sie nach vollendetem Abdrusch212); oder in die letzte Garbe wird ein lebender Hahn eingebunden und dann getötet213). Das Verzehren des Hahns hat dabei überall den Zweck der Aneignung seiner magischen Kräfte214). Der natürliche Hahn wird alsdann substituiert durch ein hölzernes Abbild, das, bunt bemalt, mit Goldpapier überklebt, mit Früchten im Schnabel, um den Hals einen Kranz von Trauben oder Eierschalen tragend, im Erntekranz oder auf einer Stange auf dem letzten Fuder eingebracht wird215) und endlich bis zur Hahnenfeder, die im Erntekranz mitgeführt wird, zusammenschrumpft216). Der Hahn wird unter Begießen mit Wasser auf der Diele aufgehängt, wo er bis zur nächsten Erntebleibt217) oder als Giebelzierrat über der Einfahrtstür befestigt218). Der Erntekranz wird, wie ja schon die letzte Garbe als Hahn heimgebracht wird219), auch ohne Hahn und Hahnenfeder Erntehahn, Bauthahn, Stoppelhahn genannt220).



    § 10. Das letzte Fuder, nach dem tiergestaltigen Vegetationsdämon auch Erntegans genannt221), wie früher ein Erntegans genanntes Weib mit einem Strauß und einem roten Sacktuch auf ihm saß222), trägt wie den Hahn so auch die letzte Garbe (siehe § 8)223), soweit sie nicht von den Schnittern heimgetragen wird224), und den Erntemai (siehe § 9)225), der beim Einbringen begossen226), bei der Sichelhenke in der Mitte des Zimmers aufgestellt227), oder für ein Jahr auf dem Dach oder am Schornstein228) oder auf dem letzten Getreidebarmen befestigt wird229). Neben Laub und Blumen230) zieren den letzten Wagen eine senkrecht gestellte oder an eine Stange befestigte Garbe231), wie auch bunte Fähnchen, aus den Nastüchern hergestellt232). Man setzt Kinder hinauf233), die einen Strauß in der Hand halten234). Damit die nächste Ernte reich werde, muß man als Analogiezauber alle Pferde vorspannen235). Fruchtbarkeits zauberisch muß der letzte Wagen von der Hausfrau oder der Haustochter auf die Tenne gefahren werden236), oder diese müssen bei der Einfahrt die Peitsche halten237). Als verkirchlichten Zauber fährt man zunächst vor das Gotteshaus oder das Rathaus, wo von der ganzen Gemeinde nach einer Ansprache ein Danklied gesungen wird238), als Umwandlungszauber sucht man möglichst das Dorf, den Hof oder das Haus zu umfahren239), als Lärmzauber erheben die Kinder bei der Ankunft im Dorf ein Geschrei240), werden am Haustore unter Gejohle Töpfe zerschlagen241), ertönt die Klapper, wird am Wagen ein Stock so befestigt, daß er durch fortwährendes Aufschlagen auf die sich drehenden Speichen Lärm erzeugt242), wird das letzte von den Schnittern getragene Bündel mit Schellengeläut eingeholt243).


    „Ich bin so etwas wie ein Antikörper der New-Age-Bewegung. Meine Funktion besteht darin, auf die Möglichkeit aufmerksam zu machen, hey, weißt du, einiges von all dem Kram könnte auch riesengroßer Quatsch sein!“


    Ceterum censeo progeniem hominum esse deminuendam.

  • § 11. Das Erntefest trägt in seiner Benennung vielfach noch die Erinnerung an seine einstige Eigenschaft als Opfermahl. Man nennt es Waudelsmähe oder Wodelbier244) oder Vergodendêl245). Reminiszenzen an die Verspeisung des tiergestaltigen Wachstumsgeistes liegen in Namen wie Erntegans246), - henne247), -hahn248), Schnitthahn249), Bauthahn250), Eingewinnhahne251), Burhahn252), Krähhahne253), Stoppelhahn254). Sonst wird in den Namen nur der Charakter als Eß- und Trinkfest ausgedrückt, wie in Ernte-oder Schnitterkuchen255), Austköst256), Arnkollatsch257), Erntefest oder -bier258), Schnittermahl oder -bier259), Knechtebier260), Seckelbier261), Sichelbier262), Weizenbier oder -fest263), Haferfest264), Knebelbier265), Korntalk (talk = Schmaus)266), Plôn (= Schmaus)267) oder nur der Umstand der Arbeitsbeendung ausgedrückt, wie in Sichellege268), -löse269), Sichlete270), Sichelhenke271), Niederfall272), Ausstand273). Das Erntefest ist teils zeitzauberisch, teils kirchlich festgelegt. Es findet statt in der Zeit vom ersten Schnitt (Jakobstag, 25. Juli) bis Katharinen (25. Nov.)274), besonders am Bartholomäustag (24. Aug.) oder dem folgenden Sonntag275), am 9. Sonntag nach Trinitatis276), am 1. Sonntag im September277), an Mariä Himmelfahrt278), im Oktober279), zu Martini280), Weihnacht oder Fastnacht281).



    § 12. Die Fortsetzung des Erntemais im Ablauf des Erntefestes ist der Erntekranz. Er wird, abgesehen von vereinzelten Ausnahmen, wo dies am Abend des ersten Erntetages geschieht282), oder wo während der Ernte ein kleineres Vorfest, das Kranzbier gegeben wird283), am Tage des letzten Schnittes284) oder der Einbringung des letzten Wagens285) hergestellt. Der Erntekranz ist ein kronenartiges Gebilde, an welchem über dem Kranzreifen zwei Bogen in Kreuzform ansteigen286), und besteht aus Ähren aller Getreidearten287), Laub, Moos, Blumen, Bändern, Flitterwerk und Goldpapierstreifen288). In ihm hängen zwei Puppen, Schnitter und Binderin darstellend289), eine Reminiszenz an den anthropomorphen Wachstumsgeist, wie auch der Erntekranz selbst zuweilen noch als Erntepuppe, die mit Blumen, Bändern und Flittern verziert290) und mit Hose, Weste, Jacke und Hut bekleidet ist291) und die endlich zu einem aus drei Bündeln Ähren von etwa 20 cm Länge hergestellten dreifußartigen Halmflechtwerk verblaßt292), vorkommt. Erinnerungen an den theriomorphen Vegetationsdämon liegen in den am Erntekranz hängenden mit Kopf und Schwanz versehenen und aus ausgepusteten Eiern hergestellten Vögeln293). Zuweilen hat der Erntekranz noch (oder wieder?) die ursprüngliche Form des einfachen grünen Zweiges, wie auch, wo ein gemeinsamer Erntekranz vorliegt, an die einzelnen Festteilnehmer Sträuße von Blumen295), besonders Rosmarin296), oder auch Zeugblumen297), verteilt werden. Lichtzauber bezwecken die in der Krone angebrachten abends brennenden Kerzen298), die zuweilen in einem als menschliches Antlitz geschnittenen Kürbis stekken299), Fruchtbarkeitszauber der oben auf der Krone neben einem Fähnlein prangende vergoldete Mohnkopf, von dem eine rote Schleife, oft auch Schnüre mit Rosinen, Mandeln und andere Näschereien herabhängen300). Nach der Kartoffelernte werden auf einen Dornenkranz oder die geschmückte Forke Kartoffeln gesteckt und feierlich heimgebracht301), womit sich ein alter Ackerritus auf eine junge Kulturfrucht übertragen hat. Vereinzelt ist der Erntekranz, der sonst immer Gemeinschaftszeichen ist, nach Geschlechtern getrennt: die Schnitter machen einen Erntekranz, die Harkerinnen eine Erntekrone302). Auch der für sich bauende Häusling zieht nach beendeter Ernte mit einem an der Sense befestigten Ährenkranz heim303). Unter Absagung von Erntesprüchen, die zumeist nur Wünsche für das Wohlergehn des Gutsherrn und seiner Familie und Bitten um Belohnung für die geleistete Arbeit durch Speis und Trank, dagegen nichts für den Volksglauben Bedeutsames enthalten, wie ja auch der Umstand, daß sie selten mundartlich sind304), für ihr kurzes Alter spricht305), wird der Erntekranz dem Gutsherrn überreicht306). Der alte Bindezauber, der den Wachstumsgeist auf den Grundherrn überzuleiten bezweckte, hat sich erhalten, wenn der Kranz dem Herrn um den Hals gelegt307), die Krone ihm auf den Kopf gesetzt308) wird, wobei er sie nicht eher wieder abnehmen darf, bis der Tau von ihr abfällt, damit die nächste Ernte nicht verdorre309); wenn die Herrin mit den Bändern des Kranzes umwunden wird und sich mit Geld lösen muß310), wie auch der Gutsherr für jeden ihm und seinen Angehörigen gebrachten Kranz eine bestimmte Summe gibt311); wenn ihm ein Büschel Ähren um den Arm gewunden wird312), und der Bindezauber endlich so weit verblaßt, daß ihm nur einige Ähren gezeigt werden313). Als Regenzauber werden die Ernteleute beim Überbringen des Kranzes begossen314). Während des nachfolgenden Mahles liegt der Kranz auf einem Teller auf dem Tisch315). Wird im Wirtshaus gefeiert, so hängt er an der Decke des Tanzsaales oder -zeltes316). Um der Hausgemeinschaft nicht nur am Tage des Erntefestes, sondern das ganze Wirtschaftsjahr hindurch die Partizipation an seiner magischen Kraft zu gestatten, bleibt er bis zur nächsten Ernte in der Stube317), wo er vor dem Kruzifix hängt318), auf der Diele319), vor dem Hause über der Großtür320), auf dem Schreibtisch des Gutsherrn321). Der Wachstumsgeist wird andererseits wieder unmittelbar dem Boden zugeführt, indem die Körner des Erntekranzes mit der neuen Aussaat verbraucht322), als erste in den Acker gestreut323) oder in einen Zipfel des Säetuches gebunden werden324).



    § 13. Mancherlei kultische Rudimente haben sich auch im Erntemahl erhalten, deren Mittelpunkt wieder wie bei allen magischen Erntesitten der Vegetationsdämon ist. Wie die Schnitter vor Beginn der Ernte außer der Erntestärke (vgl. § 3) einen Pfannkuchen325), am Abend des ersten Erntetages326) oder während der Ernte327) ein Kranzbier oder Laufbier erhalten328), wie man ihnen, wenn das Letzte gemäht ist, Bier und Musikanten aufs Feld schickt329), wie sie nach der Ausschmückung des letzten Wagens auf dem Felde mit Wein bewirtet werden330), wie sie nach dem Abmähen des letzten Korns das Strîkelbêr und nach dem Binden der letzten Garbe die Binnelklâtsch oder Binnelgrütt erhalten331), wie sie schon am Abend des letzten Erntetages ein festliches Mahl erhalten332), so findet das Hauptmahl jedoch am Tage des Erntefestes statt333), das, anfangs unmittelbar der Beendigung der Ernte folgend, meist zeitlich von ihr abgerückt ist. Die Speisen zeigen oft noch den einstigen kultischen Charakter des Mahls. Wie früher ein Hahn verzehrt wurde (siehe § 9)334), so ißt man in Westfalen noch heute Hühnersuppe335). Sonst ißt man Schweinebraten336), Rind- oder Schaffleisch337), weiter Semmel und Milch338), Hefekuchen339), Ernteküchlein340), kleine Brote, die als einzige Speise genossen werden341), aus neuem Korn gebackene Erntebrote342), Kartoffelfladen343) oder andere Speisen344), unter denen bezeichnenderweise die Mohnkeulchen nicht fehlen dürfen345). In der Mitte der Tafel steht die mit den größten Feldfrüchten wie Kartoffeln, Rüben, Kohl, gefüllte Ernteschüssel, aus der die längsten Getreideähren herausragen346). Der kultische Charakter des Erntemahls zeigt sich auch darin, daß, wenn nach der Ernte keine Erntekuchen gebacken werden, die nächste Ernte nicht gerät347). Der letzte Schnitter als Träger der nächstjährigen Fruchtbarkeit wird vielerart bevorzugt: er darf zuerst in die Schüssel langen348), bekommt die besten Bissen349) oder ein besonderes Gebäck, wie ein Teigweiblein350). Oft ist das Erntemahl zu einem Trinkgeld zusammengeschrumpft351), das sonst nebenbei gegeben wird352), wie auch die Kinder Erngeld erhalten, um sich Wurst, Käse, Bier aus dem Wirtshaus zu holen353).


    „Ich bin so etwas wie ein Antikörper der New-Age-Bewegung. Meine Funktion besteht darin, auf die Möglichkeit aufmerksam zu machen, hey, weißt du, einiges von all dem Kram könnte auch riesengroßer Quatsch sein!“


    Ceterum censeo progeniem hominum esse deminuendam.

  • § 14. Kultreste liegen ebenso vereinzelt noch in Erntetanz und -spiel. Die Magd kauft für den Hut des Burschen einen »Maien« und wird dafür zum Tanz geführt354). Der Hausherr eröffnet den Reigen, indem er mit der aus der letzten Garbe hergestellten Erntepuppe tanzt355), oder Großknecht und Erntemagd beginnen den Tanz, indem sie den Erntehahn zwischen sich halten356). Eröffnen ihn die Hauseltern, so trägt die Hausmutter eine blendend weiße Schürze357). Am zweiten Tage haben die Mädchen für bestimmte Stunden das Kommando, zum Zeichen dessen ein Pantoffel unter dem Erntekranz hängt358). Magischen Ursprungs sind auch bestimmte Erntespiele: so wird nach der in einer bestimmten Entfernung aufgestellten Erntepuppe ein Wettlaufen der Mädchen veranstaltet, bei dem die Siegerin erste Tänzerin wird359), es findet ein allgemeiner Wettlauf nach einem mit Tüchern behangenen Birkenbusch statt360), ein nach Geschlechtern getrennter Wettlauf um Tücher, Backwerk und ähnliche Preise361), oder während der Ernte ein Laufbier, eine Art Stafettenlaufen zwischen je einem Knecht und vier Mädchen362), beim Erntefest ferner das Ballholen der im letzten Jahre verheirateten jungen Frauen363), wie auch ein Preisklettern an einem Mast364).



    § 15. Mancherlei Übergänge leiten vom weltlichen zum kirchlichen Erntefest, dem Erntedankfest. Wo das weltliche Erntefest verschwunden ist, hat sich manches von dessen Gebräuchen, so etwa der Erntemai365), an die Kirchweih geheftet366), die an manchen Orten zu einem Erntefest in großem Maßstabe geworden ist367). Wie es schon Akte der christlichen Dankbarkeit gegen Gott waren, wenn die auf dem letzten Fuder einfahrenden Ernteleute, nachdem sie erst lustige Lieder gesungen hatten, in der Ortschaft ein geistliches Loblied anstimmten368), wenn sich die Gemeinde nach eingebrachter Ernte auf einem Hofe des Dorfes versammelte, um unter Gesang, Gebet und Posaunenschall Gott zu danken369), wenn der Nachtwächter nach beendeter Ernte ein besonderes Lied sang370), wenn die Kinder mit brennenden Kerzen und dem Erntekranze um die Kirche zogen, um darauf den Kranz auf den Altar zu legen371), so hatte sich zunächst, wie ein weltliches, so auch ein geistliches offizielles Dankfest unmittelbar an die Ernte geschlossen, das erst später beweglich auf den der Ernte folgenden Sonntag und darauf auf einen festen Kalendersonntag verlegt wurde372). Erstlingsopfer (s.d.) und Kirchenzehnten spielen genetisch mit, wenn auf dem Altar der bekränzten Kirche die Früchte des Feldes stehen373), welche Garbenopfer374) heute die Dorfarmen bekommen375). Opferzauber sind auch die aus Ähren geflochtenen oder verkleinert aus Holz geschnittenen Sensen und Rechen, die den Kranz an der Kanzel zieren376). Die Opfergarben haben als Geweihtes schutzzauberische Kräfte: die Bauern nehmen sich einige Ähren mit, um sich eine reiche Ernte zu sichern377), wie auch das in der Kirche geweihte Erntebüschele in der Stube über dem Kruzifix hängend gegen Blitzschlag schützt378). Außer den örtlich verschiedenen Arten der Dankgottesdienste finden auch Danksagungsprozessionen statt379), wobei weißgekleidete Mädchen fruchte- und ährentragend im Zuge mitschreiten380).


    Vgl. ð Heuernte



    Lexikon: Ernte. Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens (vgl. HWA Bd. 2, S. 939 ff.)

    „Ich bin so etwas wie ein Antikörper der New-Age-Bewegung. Meine Funktion besteht darin, auf die Möglichkeit aufmerksam zu machen, hey, weißt du, einiges von all dem Kram könnte auch riesengroßer Quatsch sein!“


    Ceterum censeo progeniem hominum esse deminuendam.

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