Aberglaube: Merseburger Zaubersprüche

Schon gewusst…?

Walhall (altnord. Valhöll ‚Wohnung der Gefallenen‘), auch Valhall, Walhalla oder Valhalla, eventuell verknüpft oder identisch mit dem Götterpalast Valaskjalf, ist in der nordischen Mythologie der Ruheort der in einer Schlacht gefallenen Kämpfer, die sich als tapfer erwiesen haben, der sogenannten Einherjer.

  • 1. Zwei metrische Zaubersprüche, Hand des 10. Jh.s, in einer Handschrift der Merseburgerbibliothek1), von J. Grimm 1842 kurz nach ihrer Entdeckung veröffentlicht und faksimiliert2), später oft gedruckt3). Über den Ursprung der Msb. Spr. s. Segen § 15. 16. Ein Vergleich dieser Texte ist nach zwei Seiten hin möglich. Als sprachliche und poetische Denkmäler gehören sie der altgermanischen Literatur an; Einzelheiten und z.T. Ausdrucksweise können in erster Reihe von da aus Aufklärung erwarten. Als Zaubertexte lassen sie sich mit Sprüchen (u. Segen) verwandten Zweckes und Aufbaues zusammenstellen, germanischen (so weit entsprechende vorhanden) wie auch anderen; die Möglichkeit dürfte nicht zu bestreiten sein, daß auf die Msb. Spr. auch von dieser Seite ein Licht fallen kann. Eine gewisse Spannung zwischen den beiden Erklärungsmethoden wird wohl immer bestehen. Es soll hier, wo die Msb. Spr. als »Aberglaube« zu betrachten sind, ausschließlich die Aufgabe sein, die beiden Texte im Zusammenhang mit anderen magischen Texten zu sehen. Über die Götternamen siehe die betreffenden Artikel (Balder usw.). Unten Anm. 4 sind bedeutendere, besonders neuere Erörterungen über die mythologische (und sprachliche) Seite sowie auch über die Texte als magische Produkte angeführt4). Siehe übrigens die Literaturangaben zu Dreifrauen-, Trierer-, Verrenkungssegen sowie zu Segen § 16. – Beide Sprüche bestehen aus einem erzählenden Teil und einer Schlußbesprechung; über letztere vgl. Segen §4 Schluß, 16.

    2. Der erste Spruch. »Eiris (Enis?)sazun idisi, sazun hera duoder. Suma hapt heptidun, suma heri lezidun, suma clubodun umbi cuonio uuidi. Insprinc haptbandun, invar vigandun. H (für ter?)«.

    Formell stellt sich dieser Spruch den Dreifrauensprüchen und zwar deren rollenverteilendem Typus zur Seite. Inhaltlich handelt er, wie die lat. Marcellussprüche und viele spätere, über Binden und Lösen. Während aber bei Marcellus und sonst öfters vom Gedärm die Rede ist, meint der Verfasser hier Fesseln und Entfesseln im Kriege: »hemmten das Heer« (oder die Heere), »entfahre den Feinden«. Ausgeschlossen ist wohl nicht, daß der Spruch darüber hinaus gegen ein rein magisches Binden (mit Krankheit od. a.) seitens menschlicher oder unsichtbarer Feinde gebraucht wurde. Wie eigentlich die Weiber (idisi) wirken, ist kaum mit völliger Sicherheit zu sagen. Daß sie sich von einem Fluge niederlassen5), ist nicht angedeutet; man darf ein Walkürentum nicht eintragen. Jedenfalls gehören alle drei Gruppen zu den Idisi, und die drei »suma« (d.h. »einige«) sind gleichlaufend, heben formell keinen Widerstreit zwischen den Gruppen hervor6). Gewöhnlich denkt man sie sich dann alle als dem Gefangenen zu Gunsten wirkend, und zwar so7): Einige fesseln hinter dem befreundeten Heere die feindlichen Gefangenen, andere gehen vor (oder in) diesem Heere auf den Feind los (beide Gruppen nach der Art altgermanischer Weiber), wiederum andere lösen hinter dem Feindesheer dem (den) Gefangenen die Fesseln. Es erweckt hier jedoch Bedenken, daß ein Wechseln zwischen Freund und Feind als persönliche Objekte gar nicht ausgedrückt ist (vielleicht auch kein Wechseln des Ortes, denn die Übersetzung »hier- und dorthin« für »hera duoder« ist sehr unsicher). Der Spruch besagt eher ganz im allgemeinen, auf welche verschiedene Weisen fesselkundige Wesen wirken: Einige heften fest, einige wieder lösen (klauben Fesseln ab). Das zweite Glied (»hemmten Heer«) fällt ein wenig hinaus, indem hier von Band und Fessel nicht die Rede ist. Für den Zweck des Besprechers (und der Spruch will ja ein magischer Spruch sein) ist nur die dritte Gruppe fördernd, und diese ist tatsächlich in ihrer Wirkungsart der ersten zuwider. In den Schlußworten, die wohl als (auch) von den Idisi und zwar nur von deren dritter Gruppe gesprochen zu denken sind, scheint »haptbandun« sich auf die erste Gruppe gegensätzlich zu beziehen, wogegen das Wort »heri« der zweiten nicht wiederholt ist.

    Von gleichzeitigen und älteren ähnlichen magischen Texten in lateinischer Sprache kommt wohl dieser des 9. Jh.s (gegen »coli dolor et matricis dolor«) am nächsten: »Tres sorores ambulabant, una volvebat, alia cernebat, tertia resolvebat«8). Hier sind sich Nr. 1 und Nr. 3 tatsächlich, aber nicht im Wortlaut, gegensätzlich, Nr. 2 fällt aus diesem tatsächlichen Gegensatz hinaus (vgl. Segen § 5). Der Msb. Spr. 1 bringt aber noch weniger einen Gegensatz zum Ausdruck, indem er teils die gleichlaufenden »suma«, nicht Zahlwörter, setzt, teils in jedem Glied ein besonderes Objekt bringt (hapt, heri, widi), während im lat. Spruch überall das Gedärm als Objekt zu denken ist, welches bald mißhandelt, bald zurechtgemacht wird. – Die beiden alten Texte des Marcellus (s. Dreifrauensegen § 1) betonen (ob mittelst kräftiger Redigierung?) den Gegensatz sehr scharf, indem sie die zwei Jungfern als eine, schädliche, Gruppe der dritten Jungfer gegenüberstellen und also kein »neutrales« Mittelglied darbieten. Der erste Msb. Spr. scheint uns, eben in seiner dichterischen Anschaulichkeit, bei aller Kürze und Bündigkeit, als magischer Spruch betrachtet hier ein wenig minder Straffheit und Zweckmäßigkeit zu besitzen als die gewöhnlichen Dreiheitsprüche, welche den Gegensatz schärfer hervorheben. Anderseits verleiht ihm der erhabene Ton und die markige Schlußbeschwörung ein machtvolleres Gepräge.

    2. Der zweite Spruch. »P(h)ol ende Uuodan vuorun zi holza, du uuart demo balderes volon sin vuoz birenkict. Thu biguolen Sinhtgunt, Sunna era suister, thu biguolen Frija, Volla era suister, thu biguolen Uuodan, so he uuola conda. Sose benrenki, sose bluotrenki, sose lidirenki: ben zi bena, bluot zi bluoda, lid zi geliden, sose gelimida sin«.

    Inhaltlich und im Aufbau in der Hauptsache derselbe Spruch wie der Verrenkungssegen über Jesus, der ein Pferd heilt (s. Verrenkungssegen § 1, auch Trierersegen). Im Verhältnis zu manchen späteren, knapperen und doch zugleich vollständigen und geschlossenen Varianten macht unser Spruch mit seiner etwas breiten, an Personen fast überreichen Darstellung, trotz seines Alters, den Eindruck, nicht die Urform zu vertreten, sondern einfachere Formen vorauszusetzen (womit natürlich über heidn. oder christl. Ursprung nichts entschieden ist). – Die drei »biguolen« sind nicht bloß formell (wie die »suma« des 1. Msb.Spr.) sondern auch inhaltlich gleichlaufend. Die männlichen Personen. Die Frage, wessen Pferd, Phols oder Wodans, verrenkt wird, kommt durch einen Hinblick auf die späteren Formen schwerlich ihrer Lösung näher. Nur so viel läßt sich sagen, daß nach aller Analogie die betreffende Person schon in dem ersten Satze genannt sein muß, daß mithin der Balder keine dritte Person ist. Falls der Obergott Wodan gemeint, steht Phol, wie St. Petrus in vielen christlichen Varianten, als überflüssiger Begleiter da; dies ist aber nicht ausgemacht.

    Die weiblichen Personen. Alle älteren und viele neuere Ausleger fassen das Besingen seitens der Göttinnen als ein mißglücktes auf, erst Wodan solle es schließlich gelingen, das Roß zu heilen. Und diese Auslegung wird dann mitunter für Vermutungen über einen tieferen (an sich ganz unmagischen) Sinn des Spruches verwertet9). Aber daß die Weiber nichts vermochten, ist erstens gar nicht gesagt, und zweitens wäre es für einen wirklichen Zauberspruch, wie dieser doch einer ist, zweckwidrig, das vergebliche Bemühen einer guten Macht gewichtig auszuführen. Derlei findet sich im Zauber äußerst selten; zu nennen wäre ein altägyptischer Text10), laut dessen der Gott Ra, von einer Schlange gebissen, vergeblich selbst sich zu heilen versucht und dann Isis zur Hilfe bewegt; aber dieser Spruch ist an sich eine sehr breite Erzählung, deren eigentlicher Sinn ist, daß der ganze Vorgang eine List war, mittelst welcher Isis dem Gotte Ra dessen eigenen Geheimnamen entlockte. In einem späten deutschen Segen gesteht Petrus auf Jesu Geheiß, er solle das Vieh besegnen: »Ich kanns nit; du Gott bist der Mann«; dies ist wohl ein sekundärer Zug, einem anderen Muster entlehnt11). Die Göttinnen des Msb. Spr. 2 wirken sicher fördernd wie Wodan, die Namenhäufung will den Eindruck der Machtfülle erwecken; »das Gedicht stellt die gesamte göttliche Zauberkraft dar, die in ihnen allen gegenwärtig ist, ihren Gipfel aber in Wodan erreicht«12). Der Satz »so he wola conda« hebt ihn hervor ohne die anderen zu schmälern. Die Herrechnung der leidenden Organe entspricht üblicher magischer Umsicht. »Lid zi geliden, sose gelimida sin« hat eine Parallele in einer christlichen Form des 14. Jh.s »glit, gleym dich, als dich der heiligi Christ geleimt hat« (d.h. hätt'?)13).

    Ohrt. [Lexikon: Merseburger Sprüche. Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens, S. 16574 (vgl. HWA Bd. 6, S. 182 ff.)]