Aberglaube: Dreifrauensegen

Schon gewusst…?

Jarl, verwandt mit dem englischen „Earl“, dem deutschen Grafen entsprechend, war ab der Germanischen Eisenzeit (375 n. Chr.) bis ins Hochmittelalter ein Fürstentitel in den nordischen Ländern. Es ist daher eher unwahrscheinlich das es einen Jarl im Gebiet des heutigen Deutschland gab.

  • 1. Die Marcellussprüche (unten gekürzt »Mcl.«). Marcellus von Bordeaux, c. 400, bringt zwei Sprüche gegen Magenleiden; in dem einen steht: »Tres virgines in medio mari mensam marmoream positam habebant; duae torquebant, una retorquebat«2). Der andere lautet: »Stabat arbor in medio mare, et ibi pendebat situla plena intestinorum humanorum; tres virgines circumibant, duae alligabant, una resolvebat«3)

    (Die Konjektur revolvebat, vielleicht unnötig). Der Sinn jedenfalls des ersteren Textes scheint klar: Zwei verursachen das Leiden durch ihr Drehen des Gedärms, eine wirkt entgegen und heilt, also eine gewöhnliche »Historiola«. Der Schauplatz ist kaum, wie wohl allgemein angenommen, die Meerestiefe (vgl. Eimer, Baum), eher eine (Wunder-) Insel oder Klippe. Die Jungfern werden von Grimm4) als alte Schicksalsgöttinnen aufgefaßt. Nach einigen modernen Forschern enthalten die Sprüche christliche Vorstellungen (Jacoby zweifelnd: die drei Marien am hl. Grabe)5), oder sind gar durch und durch christlich allegorisch (Mansikka s. Segen § 11). Die Texte selbst bieten keine solche Andeutung; ihre Vorgeschichte bleibe dahingestellt; jedenfalls können christliche Züge in späten Parallelen oder Modernisierungen dieser Sprüche (vgl. unten) nicht ohne weiteres hier beweiskräftig sein; sie können von Bearbeitern herrühren, denen nun einmal die Mcl. bewährte Segen waren, die also christlich sein mußten. Was insbesondere die Auslegung vom Gedärm als Jesu (in der Messe?) geopferter Leib und Blut betrifft, so wäre dieses doch wohl widrige Fleischerbild recht sonderbar gewählt. Für den mit ersterem Marcellustext eng vereinten Spruch über die kochenden Hirten hat Jacoby6) ägyptischen Ursprung als möglich erwiesen. – Byzantinisch ist kein solcher Spruch belegt, dagegen ein Segen von drei bösen Geschwistern7), auch slawisch und finnisch8). Bis um 1400 kommen auf deutschem Boden wenige lateinische und ein deutscher Text vor, die alle auf die Mcl. oder eine ganz ähnliche Quelle weisen, indem sie das »Drehen« oder das »Meer« bieten9); dazu noch der erste Merseburger Spruch (s.d.), der aber eine selbständige Parallele ist. Zwei beschwören die Gebärmutter, einer Blut, die übrigen Augenleiden (s. Augensegen). In allen hat aber, abweichend von Mcl., jede der Drei ihre Sondertätigkeit oder ihren Namen; z.B. »Tres sorores ambulabant, una volvebat, alia cernebat, tertia resolvebat.« Den Mcl. am nächsten steht der deutsche Spruch, 14. Jh.? (mit hebräischen Lettern geschrieben): »(Es saßen da im Sande?) drie mer mindu, di haten z'handa min gederme, d'ein schlehts (schlichtet's), d'ander rehts (richtets), d' drite instet rukts« (hier heilen sie also alle drei). Bestimmt Christliches findet sich auch nicht in diesen Texten, abgesehen von den aus der Heiligenlegende entlehnten Namen in den Augensegen.

    Der deutsche Spruch ist, durch das Albertus-Magnus-Buch verbreitet, noch in unserer Zeit geläufig gewesen in dieser wenig geänderten Form: »Es sitzen drei Weiber im Sand« usw.10). Auch sonst finden sich nach 1400 einzelne Aufzeichnungen, deren Abhängigkeit von Mcl. deutlich ist11). Anderenorts kommen den Mcl. sehr ähnliche Sprüche jedenfalls in Rußland vor12); einige von ihnen scheinen (vgl. oben) eine weitgehende Allegorisierung ihrer Grundlage zu bieten, wie dieser: »Im Ozean steht die Säule-Altar (sic), auf dem hl. Altar steht eine goldene Schüssel, und in der Schüssel steht Jesus Christus selbst«13). Ganz vereinzelt ähnlich in Schweden: »Die drei Gottes Mütter, die am Tische Christi (vgl. Mcl. mensam) saßen und maßen, sie maßen Sand« usw.14).

    2. Der Drei-Marien-Segen. Bei Behandlung einer (venerischen) »Blatter«, 14. Jh.: »Do die drie Marien vnsern herren salben woltent, do hettent sie aloe och in ieren salben; alse gut vnd alse gesunt sol es sin .... an heimlichen stetten alse wol drucckent es«15). Dieser Salben- oder Wund-Segen, dessen Thema letzter Hand auf Mark. 16, 1 und Luk. 24, 1 zurückgeht, ist von den Mcl. grundverschieden, erstens durch seine ausgesprochene Christlichkeit, zweitens indem die Frauen, wie in der bibl. Quelle, einheitlich, ohne Rollenverteilung, auftreten; alle tragen gar denselben Namen, nach üblichem populär-christlichem Sprachgebrauch (die 3 Marien, d.h. teils die Weiber am Grabe, teils die hl. Jungfrau und ihre Schwestern). Segen, die diesem Muster streng folgen, kommen lateinisch nie und deutsch recht selten vor. Um 1600 (?): »Es gingen drei Salomen (der bibl. Name des dritten Weibes) über einen Ölberg ... begegnet ihnen Marie uns. l. fraue ... wei willen hengahn ut und seuken mancherlei god krut ...«16) (die Kräuter Luk. 24, 1 haben hier den Dreibrüdersegen, s.d., herangezogen). In neuerer Zeit: »Es wollten drei Frauen recht früh aufstehn zu suchen das hl. Grab« usw. (gegen die Rose)17). »Es kamen drei hl. Frauen früh Morgens im Taue, sie suchten uns. H.J. Christ ... das Blut soll stehen ..«18). Wie Ebermann nachgewiesen hat19), finden sich solche Eingangszeilen in religiösen Volksliedern (Frau'n: im Thau schon vom 14. Jh.); diese Lieder werden zum Teil die unmittelbare Quelle der deutschen Segen sein. Andere Formen, ohne (deutliche) Rollenverteilung aber mit einfachen »drei Jungfern« o. ä. als Subjekt, machen eher den Eindruck, Verstümmelungen des in § 3 zu behandelnden Typus zu sein20). In einem dänischen Kuhsegen um 1540 begegnet die Mutter Gottes den drei meje21) (d.h. wohl Marien und nicht Maiden). Französische Augensegen lassen die hilfesuchenden »trois Marie« (auch »vierges«) Jesus oder St. Jean begegnen22).

    3. Die neuere Überlieferung, seit dem 15. Jh., im 19. Jh. haufenweise vertreten, zeigt ganz überwiegend einen besonderen Typus. Normal hat wie in den Mcl. (§ 1) jede der Drei ihre Rolle bzw. ihren Namen, aber im übrigen fehlen die marcellinischen Züge (Meer, Tisch, drehen usw.). Christliche Züge (nach Art des Mariensegens § 2, oder andere) sind häufig.

    Einige Beispiele. Frühester Beleg des neueren Typus, 15. Jh., gegen den »Floß« (Katarrh): »Sant Ann, Sant Osann, min frow Sant Maria, die hailgen dry frowe gingent über ainen gewichten kilchoff. Die ain sprach: dis ist das fliegend. Die ander: es en-ist. Die dritt: es sig oder es sig nit, so bütz uns der gutt her Sant Marti« (usw.)23). – Für Blutung: »Es steigen drei Jungfrauen vom Himmel zur Erden, die erste heißt Blutgülpe (d.i. Sprudeln), die andere Blutstülpe (d.i. Hemmung), die dritte Blutstehestill«24). – Für das Mal auf dem Auge, J. 1689: »Drey Jungfern lepen gerade ... dei eine lep dat Grass uth der Erde, dei ander l. d. Loff vam Bohm, dei drüdde l. d. Mal vam Oge«25) (diese Form sehr beliebt). – Ähnliche Segen sind auch niederländisch26), englisch27), skandinavisch (sehr viele)28), czechisch29) bekannt. Ein Dreiheitsspruch mit boshaft wirkenden männlichen Dämonen ist norwegisch aus dem Jahre 1325 bezeugt30).

    Der Zweck ist in den deutschen Segen hauptsächlich: Blutstillen31) oder Hilfe entweder für Augenleiden (Mal, Star)32) oder für Entzündungen verschiedener Art (»Feuer«, Geschwulst, Rose usw.)33). Die Personen sind gewöhnlich: »drei Jungfrauen« (Jungfern) (immer ohne den Artikel), seltener »drei Frauen«. Jene werden oft, diese fast immer, irgendwie als christliche Persönlichkeiten bezeichnet: Reine Jungfrau (in dem durch Zauberbücher sehr verbreiteten Spruch gegen »Heisch«, Geschwulst: »Es gingen drei reine J., sie wollten eine Geschwulst und Krankheit beschauen« usw.)34), Heilige Jungfrauen, »Selige junckfern« (J. 1576)35), Jungfern, die vom Himmel kommen, auch gesegnete Mägde; weiter Frauen mit Namen wie Maria, Susanna, Magdalena u.ä.; (Jung-) Frauen im Taue (s. § 2); Christi Töchter usw. (Czechisch auch Marias Schwestern, skandin. Marias Töchter oder Mütter). Hier wirkt der eigentliche Dreimariensegen (oben § 2) und sicher auch die diesem entsprechenden religiösen Lieder und Legenden nach.

    Die Rollen: Hier gaben uns obige Beispiele die Haupttypen: a) Jede redet ihr Wort, b) jede heißt mit ihrem Namen (konkret biblisch oder abstrakt), c) jede handelt auf ihre Weise. Den für b) gewöhnlichen abstrakten Namenstypus (schon im 16. Jh. vertreten) kann man mit Ebermann36) aus dem Redetypus herleiten: »die dritte sagt (> heißt) Blut stehe still«. – Über die »Logik« der Rollenverteilung s. Segen § 5.

    Ursprung. Es scheint durchaus möglich, die Hauptzüge der neueren Dreifrauensprüche als älteren Segen nachgebildet zu erklären: den Mcl. § 1 (»drei Jungfern«), dem Mariensegen § 2 (der christl. Stoff) und anderen. Zum Reden der Dreien vgl. die alten Augensegen (s.d. § 2) mit drei Heiligen, ihrerseits den Mcl. nachgebildet (auch »Blut steh«, »Blut geh«, vgl. »Sedeamus« und »Eamus«?)37). Zum Namenstypus vgl. bzw. den Eingang der bibl. Mariensegen und (jedenfalls zum kleineren Teil) auch die Dreiblumensegen (s.d.)38). Der Handlungstypus könnte freie direkte Umbildung der Mcl.-Formen sein; vielleicht waren deutsche Segen speziell marcellinischen Inhalts noch im Spätmittelalter mehr gang und gäbe als uns jetzt bekannt; jedenfalls sind unter den skandinavischen, bes. den norwegischen Varianten sehr viele, die eben Magenleiden gelten, und wo die Drei die Gebärmutter o. ä. binden (u. winden, auch spinnen)39).

    Aber andererseits sind Volksglauben u. Volksdichtung (weltliches Lied, Märchen, Kinderreime) so reich an ähnlichem Stoff – drei Waldfrauen usw., drei (Mädchen) mit verteilten Rollen oder mit drei Namen – daß auch hier eine (beiderseitige?) Einwirkung wahrscheinlich wird (in Einzelfällen wohl auch nachweisbar)40). Vermutlich ist die Geschichte der neueren D. äußerst bunt und verwickelt, und so wird man die Frage, wer denn die drei (Jung-)Frauen dieser späten und gemischten Segensformen »eigentlich sind«, in solcher Allgemeinheit überhaupt kaum stellen41).

    Ohrt. [Lexikon: Dreifrauensegen. Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens, S. 4383 (vgl. HWA Bd. 2, S. 438 ff.)]