Aberglaube: Verrenkungssegen

Schon gewusst…?

Frigg / Frick


Gattin des Odin, Schutzherrin von Ehe und Mutterschaft. Webt in ihrem prächtigen Saal in Asgard Wolken. Schafft es nicht, den Tod Balders zu verhindern.

  • 1. Der Heilige oder sein Pferd1). a) Verbreitung; älteste Texte. Diese Gruppe erstreckt sich zeitlich über etwa ein Jahrtausend, örtlich über das ganze deutsche Sprachgebiet, England (hier vom 16. Jh. an bezeugt), Skandinavien (vom 17. Jh. an), Finnland und Estland nebst Ausläufern ins Ungarische und Slavische2). Wenige romanische, gar keine lateinische Belege. Die ältesten deutschen Texte, beide des 10. Jhs., sind der »2te« Merseburgerspruch (s.d.) und ein Trierer Segen (s.d.), jener mit heidnischen, dieser mit christlichen Personennamen. Heidnische Namen auch vereinzelt in späten schwedischen Varianten (Oden, Freia)3). Über diese und über das heidnische Gepräge des 2ten Mersebspr. s. Segen § 14 u. 16.; es kommen unten die christl. Fassungen zur Behandlung. – Aus der Zeit c. 1000 bis 1600 liegen nur vier hierher gehörige Texte vor, einer des 14., drei des 16. Jh.s4), die drei sind recht wortreich und z.T. von anderen Typen, besonders dem Begegnungsschema (s. Segen § 5), stark beeinflußt; der vierte (16. Jh.) lautet: »Der heilig man S. Simeon sol gein Rom reiten oder gan; da tratt sein folen uf ein stein und verrenkte ein bein. Bein zu bein, blut zu blut, ader zu ader, fleisch zu fleisch ...« (der Rest von anderem Typus). Hier »Simeon« (für Simon?) statt Petrus (s. unten) wohl um mit gan (gon) zu reimen; Rom vgl. Art. Petrus § 2.

    b) Die späteren Texte5) zeigen im einzelnen eine recht große Buntheit und sind offenbar großenteils von Alters her mündlich verpflanzt; doch ist gewöhnlich das Grundschema einigermaßen erhalten. Als Beispiele: »Christus der Herr Jesus ging über ein Gass, die war sehr wüst und naß; er trat auf einen Stein, verrenkte sich Ader und auch sein Bein. Bein z.B., Ader zu A., Blut zu Bl. u. Fleisch zu F.«, Nahetal J. 1602. Und: »Jesus und Petrus ritten die Straße entlang; da wurde P. sein Pferd krank; da sagte Jesus: dein Pferd soll wieder gesund werden«, Hannover. Ganz oder teilweise gereimte Form ist sehr gewöhnlich. Die beteiligte Person ist sehr oft Christus (Gott) allein (selten Maria allein), doch nicht ganz selten mit einer anderen Person (gew. Petrus) zusammen, die – bzw. deren Tier – dann den Unfall hat und (von Jesus) Hilfe erfährt, vgl. im Trierer Segen. Ohne Christus vereinzelt Petrus und Paulus, Petrus und Maria. Die Fahrt ist bald ein Ritt, bald ein Gang, und verrenkt wird der Heilige oder das Tier, urspr. sicher je nach dem vorliegenden Falle; doch steht in einigen Texten der Ritt bei Person- oder umgekehrt der Gang bei Tier-Verrenkung. Das Tier heißt Roß, Pferd (dies nur norddeutsch), u.a. vgl. unten. Der Ort wechselt: Wald, Brücke, vereinzelt Feld, Heide, Grube, Weg, Gasse u.a. Der Unfall ist neben Verrenkung (»verrenkte«, »vertrat« usw.) mitunter Bruch (»brach«) oder Krankheit. Sehr häufig ist das Zeilenpaar mit »Stein: Bein« ugf. wie oben (steht schon im Texte des 14. Jhs.). Einige Male kommt nach dem Unfall eine neue Person, fast immer Maria, hilfreich hinzu. Sehr oft stehen die Beschwörungsworte (Bein zu B. usw.), mitunter als Wort oder Tat des Heiligen eingepaßt. Statt ihrer finden sich doch auch Heilungsanweisungen (z.B. »nimm Schmalz u. Salz« usw.) – dies wie die »neue« Person dem Begegnungsschema entlehnt – bes. häufig in Siebenbürger Varianten, welche auch sonst Entlehnungen aufweisen.

    c) Ursprünglicher Stoff und Sinn. Auch falls der Segen Verchristlichung eines heidnischen Spruches wäre – wogegen s. Art. Segen § 15 f. – bliebe die Frage bestehen, was der christliche Bearbeiter sich bei seinem Texte gedacht hat. Daß der Segen von Anfang an an einen bestimmten biblischen Stoff knüpfen wollte, ist an sich keine notwendige Annahme, aber durchaus möglich. Hingewiesen ist hier auf Jesu Einritt in Jerusalem (Krohn, s. Segen § 16 mit Anm. 122) und auf den »Stein des Anstoßes« (Christiansen6)). Ist Salonia im Trierer Segen Jerusalem, und ist folo im 2. Mersebspr. notwendig ein Füllen (Mogk, s. Segen § 16 mit Anm. 126), dann haben die Besegner jedenfalls sehr früh derlei Anknüpfung geben wollen. Sehr fraglich scheint es dagegen, ob auf alte Tradition zu schließen ist in den, zwar nicht ganz wenigen, Fällen, in denen ganz späte Texte, deutsche und andere, Biblisches bieten (Esel oder Füllen statt Pferd; Jerusalem), denn der Gedanke an den einzigen Fall, in dem die Evangelien Jesu Reittier erwähnen, lag zu jeder Zeit nahe. – Der Sinn ist wohl von Anfang der ganz einfache, daß Jesus einst eine Fußverrenkung (erlitt und) heilte. Nach Mansikka7) (vgl. Segen § 11) ist aber der Sinn symbolisch: Chr. gekreuzigt und auferstanden. Daß spätmittelalterliche Bearbeiter volkstümlichen Segensstoff symbolisch anhauchen konnten, ist unleugbar; aber dies kann für unser Verständnis der einfachen, um 500 Jahre älteren Texte nicht maßgebend sein. Mansikka führt außer russischen Varianten auch deutsche Texte an; so die Fassung des 16. Jh.s mit »es verrenck vnd bracht sein (Jesu) hl. fleisch, bluet vnd bain«8); aber »fl. bl. b.« stehen an dieser Stelle des Segens ganz ausnahmsweise, die Worte gehören in die Beschwörung und entsprechen hier dem (volkstüml. aufgefaßten) anatomischen Vorgang bei jeder Verrenkung; die nahe Parallele des 14. Jh. (oben Anm. 4) hat nur »da verrancht er sein pain« – obschon eben dieser Bearbeiter einen anderen Segen derselben Hschr. etwas symbolisch prägt, s. Verhexung (Segen) § 1 mit Anm. 3. Weiter zitiert Mansikka einen Longinustext9) gegen Wunden mit dem Schluß: »an dem dritten tag gepot gott dem lichnam, der in der erden lag, fleisch zu fl., pluet zu pl.« usw.; hier sind die Beschwörungsworte in einen neuen Zusammenhang gebracht. Endlich den Segen »Gehenkt- verrenkt«, hierüber unten § 4.

    2. Die Beschwörungsworte (»Bein zu Bein« usw.), mit denen der § 1 behandelte Segen oft schließt, kommen, im einzelnen sehr variierend, auch ohne epischen Eingang vor, deutsch10), englisch, skandinavisch, lettisch, tschechisch11). Sicher ist dies ein sehr alter Typus. Kuhn wies auf Ähnliches im Altindischen12) und nahm übereilt gemeinsames Erbgut an. – In welchen Fällen alte Sondertradition und in welchen bloß Vergessen des epischen Eingangs vorliegt, ist nicht zu entscheiden.

    3. Der Hirsch auf der Heide13). Ältester Beleg, 16. Jh.: »Es lüff ain hünd (Hinde) über ein haid, verrenckt yres bain, do kam Maria die můter gotz: hünd, was stast hie alain...dritt mir her uff minen rechten fůsz, das ist der verrenckin ain gůte bůsz«14) (vgl. für den Schluß den alten Segen »Man gieng«, s. Verfangen (Segen) § 1). In den späteren Varianten15), die größtenteils auf eine gedruckte Form zurückgehen, ist der Schluß, wenn vorhanden, fast immer: »Da kam der Herr J. Christ und schmiert's mit Schmalz (od. Salz) und Schmer, daß es ging hin wie her«. – Eine ältere Richtung (Losch) sah in Christus den Balder des 2. Mersebspr., und zwar »Hirsch und Balder in ihrer Naturbedeutung« (Licht, Sonne). Die urspr. Fortsetzung des Eingangs über Hirsch auf Heiden dürfte in Skandinavien erhalten sein16): Jesus kommt und erfährt auf Anfrage, daß das Tier an Eiter und Vergift leidet, und hilft ihm. Grundlage dieses Eitersegens ist der alte, durch die »Physiologus«-Bücher17) weit bekannte Glaube, daß der Hirsch eine Schlange verschlingt und sich nachher durch Quellwasser reinigt; in der erbaulichen Auslegung des (deutschen) Physiologus ist Christus der rettende Quell. Im Deutschen ist dann der alte Schluß des Segens vergessen, und der Anfang wurde an eine (späte) Form des V. (§ 1), wo ja auch Christus und ein Tier vorkam, gekettet, obschon ein Hirsch als Objekt einer Verrenkung etwas fern liegt.

    4. Christus gehenkt. »Du hast dein Bein verrenkt, man hat J. Chr. ans Kreuz gehenkt; thut ihm sein Henken nichts, thut dir dein Verrenken nichts«18) (Albertus Magnus). So oder ganz ähnlich ist der Segen in neuerer Zeit bekannt19). Enger und packender ist der Parallelismus in der ältesten Aufzeichnung, 15. Jh.: »Christus wart erhenkcht, seine glider wurden im verlenkt; Christo schadt das henkchen nit, und dem glid das verlenken nit«20). Dieser Text zeigt eine eigentümliche Verschmelzung des frühmittelalterlichen Segenstypus, der Christi Unberührtheit von allem Ungemach betonte (s. Christus in den Segen § 2), mit der späteren Neigung zur Ausmalung des Kreuzleidens. Das brutale Strecken der Arme und Füße Jesu schilderten u.a. Bonaventuras vielgelesene Meditationen21); vgl. auch im Hymnus Salve Caput: »Membra tua macilenta, quam acerbe sunt distenta« usw. Es ist schwerlich rätlich, mit Mansikka den sehr alten Mersebgspruch und den Segen oben § 1 über die Fußverrenkung des hl. Tieres (ev. Jesu selbst) im Lichte eines solchen Segens zu sehen; und die von Mansikka22) herangezogene Form des letzteren »J. hat sich den Fuß verrenkt« usw. ist eine vereinzelte Mischform der beiden Segen. Ein Seitenstück hat die ältere Fassung italienisch (gegen Verrenkung): »Il Signore salì (stieg) in croce, e tutte le carni si distrasse, il S. di cr. discese, t. l.c. si ritrasse«23), – die spätere magyarisch24). – Unserem Segen parallel ist der Spruch gegen Verfangen (s.d. § 2) »Chr. gehangen«. Nicht gerade wegen der früheren Bezeugung, sondern weil der Vergleich im V. einleuchtender ist, möchte man letzterem die Priorität zuerkennen.

    5. Ritussprüche, meist gegen »Knarrband« (Verrenkung der Hand u.ä.). Z.B.: »(Besegner, mit Beil:) Ick hau, ick hau! – (Verrenkter, den Arm auf der Schwelle:) Was haust du? – Den Knirrband«25). Auch skandinavisch26). – Vereinzelt andere Ritussprüche27).

    Ohrt. [Lexikon: Verrenkungssegen. Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens, S. 25209 (vgl. HWA Bd. 8, S. 1615 ff.)]