Das Nibelungenlied

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  • Das Nibelungenlied


    Erstes Abenteuer


    Wie Kriemhilden träumte.


    Viel Wunderdinge melden / die Mären alter Zeit

    Von preiswerten Helden, / von großer Kühnheit,

    Von Freud und Festlichkeiten, / von Weinen und von Klagen,

    Von kühner Recken Streiten / mögt ihr nun Wunder hören sagen.


    Es wuchs in Burgunden / solch edel Mägdelein,

    Daß in allen Landen / nichts Schönres mochte sein.

    Kriemhild war sie geheißen / und ward ein schönes Weib,

    Um die viel Degen mußten / verlieren Leben und Leib.


    Die Minnigliche lieben / brachte keinem Scham;

    Um die viel Recken warben, / niemand war ihr gram.

    Schön war ohne Maßen / die edle Maid zu schaun;

    Der Jungfrau höfsche Sitte / wär eine Zier allen Fraun.


    Es pflegten sie drei Könige / edel und reich,

    Gunther und Gernot, / die Recken ohne gleich,

    Und Geiselher der junge, / ein auserwählter Degen;

    Sie war ihre Schwester, / die Fürsten hatten sie zu pflegen.


    Die Herren waren milde, / dazu von hohem Stamm,

    Unmaßen kühn von Kräften, / die Recken lobesam.

    Nach den Burgunden / war ihr Land genannt;

    Sie schufen starke Wunder / noch seitdem in Etzels Land.


    Zu Worms am Rheine wohnten / die Herrn in ihrer Kraft.

    Von ihren Landen diente / viel stolze Ritterschaft

    Mit rühmlichen Ehren / all ihres Lebens Zeit,

    Bis jämmerlich sie starben / durch zweier edeln Frauen Streit.


    Ute hieß ihre Mutter, / die reiche Königin,

    Und Dankrat der Vater, / der ihnen zum Gewinn

    Das Erbe ließ im Tode, / vordem ein starker Mann,

    Der auch in seiner Jugend / großer Ehren viel gewann.


    Die drei Könige waren, / wie ich kund getan,

    Stark und hohen Mutes; / ihnen waren untertan

    Auch die besten Recken, / davon man hat gesagt,

    Von großer Kraft und Kühnheit, / in allen Streiten unverzagt.


    Das war von Tronje Hagen / und der Bruder sein,

    Dankwart der schnelle; / von Metz Herr Ortewein;

    Die beiden Markgrafen / Gere und Eckewart;

    Volker von Alzei, / an allen Kräften wohlbewahrt;


    Rumold der Küchenmeister, / ein teuerlicher Degen;

    Sindold und Hunold: / die Herren mußten pflegen

    Des Hofes und der Ehren, / den Köngen untertan.

    Noch hatten sie viel Recken, / die ich nicht alle nennen kann.


    Dankwart war Marschall; / so war der Neffe sein

    Truchseß des Königs, / von Metz Herr Ortewein.

    Sindold war Schenke, / ein weidlicher Degen,

    Und Kämmerer Hunold: / sie konnten hoher Ehren pflegen.


    Von des Hofes Ehre, / von ihrer weiten Kraft,

    Von ihrer hohen Würdigkeit / und von der Ritterschaft,

    Wie sie die Herren übten / mit Freuden all ihr Leben,

    Davon weiß wahrlich niemand / euch volle Kunde zu geben.


    In ihren hohen Ehren / träumte Kriemhilden,

    Sie zög einen Falken, / stark, schön und wilden;

    Den griffen ihr zwei Aare, / daß sie es mochte sehn.

    Ihr konnt auf dieser Erde / größer Leid nicht geschehn.


    Sie sagt' ihrer Mutter / den Traum, Frau Uten:

    Die wußt ihn nicht zu deuten / als so der guten:

    »Der Falke, den du ziehest, / das ist ein edler Mann:

    Ihn wolle Gott behüten, / sonst ist es bald um ihn getan.«


    »Was sagt ihr mir vom Manne, / viel liebe Mutter mein?

    Ohne Reckenminne / will ich immer sein;

    So schön will ich verbleiben / bis an meinen Tod,

    Daß ich von Mannes Minne / nie gewinnen möge Not.«


    »Verred es nicht so völlig,« / die Mutter sprach da so;

    »Sollst du je auf Erden / von Herzen werden froh,

    Das geschieht von Mannesminne: / du wirst ein schönes Weib,

    Will Gott dir noch vergönnen / eines guten Ritters Leib.«


    »Die Rede laßt bleiben, / viel liebe Mutter mein.

    Es hat an manchen Weiben / gelehrt der Augenschein,

    Wie Liebe mit Leide / am Ende gern lohnt:

    Ich will sie meiden beide, / so bleib ich sicher verschont.«


    Kriemhild in ihrem Mute / hielt sich von Minne frei.

    So lief noch der Guten / manch lieber Tag vorbei,

    Daß sie niemand wußte, / der ihr gefiel zum Mann,

    Bis sie doch mit Ehren / einen werten Recken gewann.


    Das war derselbe Falke, / den jener Traum ihr bot,

    Den ihr beschied die Mutter. / Ob seinem frühen Tod

    Den nächsten Anverwandten / wie gab sie blutgen Lohn!

    Durch dieses einen Sterben / starb noch mancher Mutter Sohn.

    „Ich bin so etwas wie ein Antikörper der New-Age-Bewegung. Meine Funktion besteht darin, auf die Möglichkeit aufmerksam zu machen, hey, weißt du, einiges von all dem Kram könnte auch riesengroßer Quatsch sein!“


    Ceterum censeo progeniem hominum esse deminuendam.

  • Zweites Abenteuer


    Von Siegfrieden


    Da wuchs im Niederlande / eines edeln Königs Kind,

    Siegmund hieß sein Vater, / die Mutter Siegelind,

    In einer mächtgen Feste, / weithin wohlbekannt,

    Unten am Rheine; / Xanten war sie genannt.


    Ich sag euch von dem Degen, / wie so schön er ward,

    Er war vor allen Schanden / immer wohl bewahrt.

    Stark und hohen Namens / ward bald der kühne Mann;

    Hei! was er großer Ehren / auf dieser Erde gewann!


    Siegfried war geheißen / der edle Degen gut.

    Er erprobte viel der Recken / in hochbeherztem Mut.

    Seine Stärke führt' ihn / in manches fremde Land:

    Hei! was er schneller Degen / bei den Burgunden fand!


    Bevor der kühne Degen / voll erwuchs zum Mann,

    Da hat er solche Wunder / mit seiner Hand getan,

    Davon man immer wieder / singen mag und sagen:

    Wir müssen viel verschweigen / von ihm in heutigen Tagen.


    In seinen besten Zeiten / bei seinen jungen Tagen

    Mochte man viel Wunder / von Siegfrieden sagen,

    Wie Ehr an ihm erblühte, / und wie schön er war zu schaun:

    Drum dachten sein in Minne / viel der weidlichen Fraun.


    Man erzog ihn mit dem Fleiße, / wie ihm geziemend war;

    Was ihm Zucht und Sitte / der eigne Sinn gebar!

    Das ward noch eine Zierde / für seines Vaters Land,

    Daß man zu allen Dingen / ihn so recht herrlich fand.


    Er war nun so erwachsen, / mit an den Hof zu gehn.

    Die Leute sahn ihn gerne; / viel Fraun und Mädchen schön

    Wünschten wohl, er käme / dahin noch immerdar;

    Hold waren ihm gar viele, / des ward der Degen wohl gewahr.


    Selten ohne Hüter / man reiten ließ das Kind.

    Mit Kleidern hieß ihn zieren / seine Mutter Siegelind;

    Auch pflegten sein die Weisen, / denen Ehre war bekannt:

    Drum mocht er wohl gewinnen / so die Leute wie das Land.


    Nun war er in der Stärke, / daß er wohl Waffen trug:

    Was er dazu bedurfte, / des gab man ihm genug.

    Schon sann er zu werben / um manches schöne Kind;

    Die hätten wohl mit Ehren / den schönen Siegfried geminnt.


    Da ließ sein Vater Siegmund / kund tun seinem Lehn,

    Mit lieben Freunden woll er / ein Hofgelag begehn.

    Da brachte man die Märe / in andrer Könge Land.

    Den Heimischen und Gästen / gab er Roß und Gewand.


    Wen man finden mochte, / der nach der Eltern Art

    Ritter werden sollte, / die edeln Knappen zart

    Lud man nach dem Lande / zu der Lustbarkeit,

    Wo sie das Schwert empfingen / mit Siegfried zu gleicher Zeit.


    Man mochte Wunder sagen / von dem Hofgelag.

    Siegmund und Siegelind / gewannen an dem Tag

    Viel Ehre durch die Gaben, / die spendet' ihre Hand:

    Drum sah man viel der Fremden / zu ihnen reiten in das Land.


    Vierhundert Schwertdegen / sollten gekleidet sein

    Mit dem jungen Könige. / Manch schönes Mägdelein

    Sah man am Werk geschäftig; / ihm waren alle hold.

    Viel edle Steine legten / die Frauen da in das Gold,


    Die sie mit Borten wollten / auf die Kleider nähn

    Den stolzen jungen Recken; / daß mußte so ergehn.

    Der Wirt ließ Sitze bauen / für manchen kühnen Mann

    Zu der Sonnenwende, / wo Siegfried Ritters Stand gewann.


    Da ging zu einem Münster / mancher reiche Knecht

    Und viel der edeln Ritter. / Die Alten taten recht,

    Daß sie den Jungen dienten, / wie ihnen war geschehn.

    Sie hatten Kurzweile / und freuten sich es zu sehn.


    Als man da Gott zu Ehren / eine Messe sang,

    Da hub sich von den Leuten / ein gewaltiger Drang,

    Da sie zu Rittern wurden / dem Ritterbrauch gemäß

    Mit also hohen Ehren, / so leicht nicht wieder geschähs.


    Sie eilten, wo sie fanden / geschirrter Rosse viel.

    Da ward in Siegmunds Hofe / so laut das Ritterspiel,

    Daß man ertosen hörte / Pallas und Saal.

    Die hochbeherzten Degen / gewannen fröhlichen Schall.


    Von Alten und von Jungen / mancher Stoß erklang,

    Daß der Schäfte Brechen / in die Lüfte drang.

    Die Splitter sah man fliegen / bis zum Saal hinan.

    Die Kurzweile sahen / die Fraun und Männer mit an.


    Der Wirt bat es zu lassen. / Man zog die Rosse fort;

    Wohl sah man auch zerbrochen / viel starke Schilde dort

    Und viel der edeln Steine / auf das Gras gefällt

    Von des lichten Schildes Spangen: / die hatten Stöße zerschellt.


    Da setzten sich die Gäste, / wohin man ihnen riet,

    Zu Tisch, wo von Ermüdung / viel edle Kost sie schied

    Und Wein der allerbeste, / des man die Fülle trug.

    Den Heimischen und Fremden / bot man Ehren da genug.


    So viel sie Kurzweile / gefunden all den Tag,

    Das fahrende Gesinde / doch keiner Ruhe pflag:

    Sie dienten um die Gabe, / die man da reichlich fand;

    Ihr Lob ward zur Zierde / König Siegmunds ganzem Land.


    Da ließ der Fürst verleihen / Siegfried, den jungen Mann,

    Das Land und die Burgen, / wie sonst er selbst getan.

    Seinen Schwertgenossen / gab er mit milder Hand:

    So freute sie die Reise, / die sie geführt in das Land.


    Das Hofgelage währte / bis an den siebten Tag,

    Sieglind die reiche / der alten Sitte pflag,

    Daß sie dem Sohne zuliebe / verteilte rotes Gold:

    Sie konnt es wohl verdienen, / daß ihm die Leute waren hold.


    Da blieb zuletzt kein armer / Fahrender mehr im Land.

    Ihnen stoben Kleider / und Rosse von der Hand,

    Als hätten sie zu leben / nicht mehr denn einen Tag.

    Man sah nie Ingesinde, / das so großer Milde pflag.


    Mit preiswerten Ehren / zerging die Lustbarkeit.

    Man hörte wohl die Reichen / sagen nach der Zeit,

    Daß sie dem Jungen / gerne wären untertan;

    Das begehrte nicht Siegfried, / dieser weidliche Mann.


    Solange sie noch lebten, / Siegmund und Siegelind,

    Wollte nicht Krone tragen / der beiden liebes Kind;

    Doch wollt er herrlich wenden / alle die Gewalt,

    Die in den Landen fürchtete / der Degen kühn und wohlgestalt.


    Ihn durfte niemand schelten; / seit er die Waffen nahm,

    Pflag er der Ruh nur selten, / der Recke lobesam.

    Er suchte nur zu streiten, / und seine starke Hand

    Macht' ihn zu allen Zeiten / in fremden Reichen wohlbekannt.

    „Ich bin so etwas wie ein Antikörper der New-Age-Bewegung. Meine Funktion besteht darin, auf die Möglichkeit aufmerksam zu machen, hey, weißt du, einiges von all dem Kram könnte auch riesengroßer Quatsch sein!“


    Ceterum censeo progeniem hominum esse deminuendam.

  • Drittes Abenteuer


    Wie Siegfried nach Worms kam


    Den Herrn beschwerte selten / irgendein Herzeleid.

    Er hörte Kunde sagen, / wie eine schöne Maid

    Bei den Burgunden wäre, / nach Wünschen wohlgetan,

    Von der er bald viel Freuden / und auch viel Leides gewann.


    Von ihrer hohen Schöne / vernahm man weit und breit,

    Und auch ihr Hochgemüte / ward zur selben Zeit

    Bei der Jungfrauen / den Helden oft bekannt:

    Das ladete der Gäste / viel in König Gunthers Land.


    So viel um ihre Minne / man Werbende sah,

    Kriemhild in ihrem Sinne / sprach dazu nicht ja,

    Daß sie einen wollte / zum geliebten Mann:

    Er war ihr noch gar fremde, / dem sie bald war untertan.


    Da sann auf hohe Minne / Sieglindens Kind;

    All der andern Werben / war wider ihn wie Wind.

    Er mochte wohl verdienen / ein Weib so auserwählt:

    Bald ward die edle Kriemhild / dem kühnen Siegfried vermählt.


    Ihm rieten seine Freunde / und die in seinem Lehn,

    Hab er stete Minne / sich zum Ziel ersehn,

    So soll' er werben, daß er sich / der Wahl nicht dürfe schämen.

    Da sprach der edle Siegfried: / »So will ich Kriemhilden nehmen,


    Die edle Königstochter / von Burgundenland,

    Um ihre große Schöne. / Das ist mir wohl bekannt,

    Kein Kaiser sei so mächtig, / hätt er zu frein im Sinn,

    Dem nicht zu minnen ziemte / diese reiche Königin.«


    Solche Märe hörte / der König Siegmund.

    Es sprachen seine Leute: / also ward ihm kund

    Seines Kindes Wille. / Es war ihm höchlich leid,

    Daß er werben wolle / um diese herrliche Maid.


    Es erfuhr es auch die Königin, / die edle Siegelind:

    Die mußte große Sorge / tragen um ihr Kind,

    Weil sie wohl Gunthern kannte / und die in seinem Heer;

    Die Werbung dem Degen / zu verleiden fliß man sich sehr.


    Da sprach der kühne Siegfried: / »Viel lieber Vater mein,

    Ohn edler Frauen Minne / wollt ich immer sein,

    Wenn ich nicht werben dürfte / nach Herzensliebe frei.«

    Was jemand reden mochte, / so blieb er immer dabei.


    »Ist dir nicht abzuraten,« / der König sprach da so,

    »So bin ich deines Willens / von ganzem Herzen froh

    Und will dirs fügen helfen, / so gut ich immer kann;

    Doch hat der König Gunther / manchen hochfährtigen Mann.


    Und wär es anders niemand / als Hagen der Degen,

    Der kann im Übermute / wohl der Hochfahrt pflegen,

    So daß ich sehr befürchte, / es mög uns werden leid,

    Wenn wir werben wollen / um diese herrliche Maid.«


    »Was mag uns gefährden?« / hub da Siegfried an:

    »Was ich mir im Guten / da nicht erbitten kann,

    Mag ich schon sonst erwerben / mit meiner starken Hand:

    Ich will von ihm erzwingen / so die Leute wie das Land.«


    »Leid ist mir deine Rede,« / sprach König Siegmund,

    »Denn würde diese Märe / dort am Rheine kund,

    Du dürftest nimmer reiten / in König Gunthers Land.

    Gunther und Gernot, / die sind mir lange bekannt.


    Mit Gewalt erwerben / kann niemand die Magd,«

    Sprach der König Siegmund, / »das ist mir wohl gesagt;

    Willst du jedoch mit Recken / reiten in das Land,

    Die Freunde, die wir haben / die werden eilends besandt.«


    »So ist mir nicht zumute,« / fiel ihm Siegfried ein,

    »Daß mir Recken sollten / folgen an den Rhein

    Einer Heerfahrt willen: / das wäre mir wohl leid,

    Sollt ich damit erzwingen / diese herrliche Maid.


    Ich will sie schon erwerben / allein mit meiner Hand.

    Ich will mit zwölf Gesellen / in König Gunthers Land;

    Dazu sollt ihr mir helfen, / Vater Siegmund.«

    Da gab man seinen Degen / zu Kleidern grau und auch bunt.


    Da vernahm auch diese Märe / seine Mutter Siegelind;

    Sie begann zu trauern / um ihr liebes Kind:

    Sie bangt es zu verlieren / durch die in Gunthers Heer.

    Die edle Königstochter / weinte darüber sehr.


    Siegfried der Degen / ging hin, wo er sie sah.

    Wider seine Mutter / gütlich sprach er da:

    »Frau, ihr sollt nicht weinen / um den Willen mein:

    Wohl will ich ohne Sorgen / vor allen Weiganden sein.


    Nun helft mir zu der Reise / nach Burgundenland,

    Daß mich und meine Recken / ziere solch Gewand,

    Wie so stolze Degen / mit Ehren mögen tragen:

    Dafür will ich immer / den Dank von Herzen euch sagen.«


    »Ist dir nicht abzuraten,« / sprach Frau Siegelind,

    »So helf ich dir zur Reise, / mein einziges Kind,

    Mit den besten Kleidern, / die je ein Ritter trug,

    Dir und deinen Degen: / ihr sollt der haben genug.«


    Da neigte sich ihr dankend / Siegfried der junge Mann.

    Er sprach: »Nicht mehr Gesellen / nehm ich zur Fahrt mir an

    Als der Recken zwölfe: / verseht die mit Gewand.

    Ich möchte gern erfahren, / wie's um Kriemhild sei bewandt.«


    Da saßen schöne Frauen / über Nacht und Tag,

    Daß ihrer selten eine / der Muße eher pflag,

    Bis sie gefertigt hatten / Siegfriedens Staat.

    Er wollte seiner Reise / nun mit nichten haben Rat.


    Sein Vater hieß ihm zieren / sein ritterlich Gewand,

    Womit er räumen wollte / König Siegmunds Land.

    Ihre lichten Panzer, / die wurden auch bereit,

    Und ihre festen Helme, / ihre Schilde schön und breit.


    Nun sahen sie die Reise / zu den Burgunden nahn.

    Um sie begannen zu sorgen / beides, Weib und Mann,

    Ob sie je wiederkommen / sollten in das Land.

    Sie geboten aufzusäumen / die Waffen und das Gewand.


    Schön waren ihre Rosse, / ihr Reitzeug goldesrot;

    Wenn wer sich höher deuchte, / so war es ohne Not,

    Als der Degen Siegfried / und die ihm untertan.

    Nun hielt er um Urlaub / zu den Burgunden an.


    Den gaben ihm mit Trauern / König und Königin.

    Er tröstete sie beide / mit minniglichem Sinn

    Und sprach: »Ihr sollt nicht weinen / um den Willen mein,

    Immer ohne Sorgen / mögt ihr um mein Leben sein.«


    Es war leid den Recken, / auch weinte manche Maid:

    Sie ahnten wohl im Herzen, / daß sie es nach der Zeit

    Noch schwer entgelten müßten / durch lieber Freunde Tod.

    Sie hatten Grund zu klagen, / es tat ihnen wahrlich not.


    Am siebenten Morgen / zu Worms an den Strand

    Ritten schon die Kühnen; / all ihr Gewand

    War von rotem Golde, / ihr Reitzeug wohlbestellt;

    Ihnen gingen sanft die Rosse, / die sich da Siegfried gesellt.


    Neu waren ihre Schilde, / licht dazu und breit,

    Und schön ihre Helme, / als mit dem Geleit

    Siegfried der kühne / ritt in Gunthers Land.

    Man ersah an Helden / nie mehr so herrlich Gewand.


    Der Schwerter Enden gingen / nieder auf die Sporen;

    Scharfe Speere führten / die Ritter auserkoren.

    Von zweier Spannen Breite / war, welchen Siegfried trug;

    Der hat an seinen Schneiden / grimmer Schärfe genug.


    Goldfarbne Zäume / führten sie an der Hand;

    Der Brustriem war von Seide; / so kamen sie ins Land.

    Da gafften sie die Leute / allenthalben an:

    Gunthers Mannen liefen / sie zu empfangen heran.


    Die hochbeherzten Recken, / Ritter sowie Knecht,

    Liefen den Herrn entgegen, / so war es Fug und Recht,

    Und begrüßten diese Gäste / in ihrer Herren Land;

    Die Pferde nahm man ihnen / und die Schilde von der Hand.


    Da wollten sie die Rosse / ziehn zu ihrer Rast;

    Da sprach aber Siegfried / alsbald, der kühne Gast:

    »Laßt uns noch die Pferde / stehen kurze Zeit;

    Wir reiten bald von hinnen; / dazu bin ich ganz bereit.


    Man soll uns auch die Schilde / nicht von dannen tragen;

    Wo ich den König finde, / kann mir das jemand sagen,

    Gunther den reichen, / aus Burgunderland?«

    Da sagt es ihm einer, / dem es wohl war bekannt.


    »Wollt ihr den König finden, / das mag gar leicht geschehn:

    In jenem weiten Saale / hab ich ihn gesehn

    Unter seinen Helden: / da geht zu ihm hinan,

    So mögt ihr bei ihm finden / manchen herrlichen Mann.«


    Nun waren auch die Mären / dem König schon gesagt

    Daß auf dem Hofe wären / Ritter unverzagt;

    Sie führten lichte Panzer / und herrlich Gewand;

    Sie erkenne niemand / in der Burgunden Land.


    Den König nahm es wunder, / woher gekommen sei'n

    Die herrlichen Recken / im Kleid von lichtem Schein

    Und mit so guten Schilden, / so neu und so breit.

    Daß ihm das niemand sagte, / das war König Gunthern leid.


    Zur Antwort gab dem König / von Metz Herr Ortewein;

    Stark und kühnen Mutes / mocht er wohl sein:

    »Da wir sie nicht erkennen, / so heißt jemand gehn

    Nach meinem Oheim Hagen: / dem sollt ihr sie lassen sehn.


    Ihm sind wohl kund die Reiche / und alles fremde Land:

    Erkennt er die Herren, / das macht er uns bekannt.«

    Der König ließ ihn holen / und die in seinem Lehn:

    Da sah man ihn herrlich / mit Recken hin zu Hofe gehn.


    Warum nach ihm der König, / frug Hagen da, geschickt?

    »Es werden fremde Degen / in meinem Haus erblickt,

    Die niemand mag erkennen: / habt ihr in fernem Land

    Sie wohl schon gesehen? / das macht mir, Hagen, bekannt.«


    »Das will ich,« sprach Hagen. / Zum Fenster schritt er drauf:

    Da ließ er nach den Gästen / den Augen freien Lauf.

    Wohl gefiel ihm ihr Geräte / und all ihr Gewand;

    Doch waren sie ihm fremde / in der Burgunden Land.


    Er sprach, woher die Recken / auch kämen an den Rhein,

    Es möchten selber Fürsten / oder Fürstenboten sein.

    »Schön sind ihre Rosse / und ihr Gewand ist gut:

    Von wannen sie auch ritten, / es sind Helden hochgemut.«


    Also sprach da Hagen: / »Soviel ich mag verstehn,

    Hab ich gleich im Leben / Siegfrieden nie gesehn,

    So will ich doch wohl glauben, / wie es damit auch steht,

    Daß er es sei, der Degen, / der so herrlich dorten geht.


    Er bringt neue Mären / her in dieses Land:

    Die kühnen Nibelungen / schlug des Helden Hand,

    Die reichen Königssöhne / Schilbung und Nibelung;

    Er wirkte große Wunder / mit des starken Armes Schwung.


    Als der Held alleine / ritt aller Hilfe bar,

    Fand er an einem Berge, / so hört' ich immerdar,

    Bei König Niblungs Horte / manchen kühnen Mann;

    Sie waren ihm gar fremde, / bis er hier die Kunde gewann.


    Der Hort König Nibelungs / ward hervorgetragen

    Aus einem hohlen Berge: / nun hört Wunder sagen,

    Wie ihn teilen wollten, / die Niblung untertan.

    Das sah der Degen Siegfried, / den es zu wundern begann.


    So nah kam er ihnen, / daß er die Helden sah

    Und ihn die Degen wieder. / Der eine sagte da:

    ›Hier kommt der starke Siegfried, / der Held aus Niederland.‹

    Seltsame Abenteuer / er bei den Nibelungen fand.


    Den Recken wohl empfingen / Schilbung und Nibelung.

    Einhellig baten / die edeln Fürsten jung,

    Daß ihnen teilen möchte / den Schatz der kühne Mann:

    Das begehrten sie, bis endlich / ers zu geloben begann.


    Er sah so viel Gesteines, / wie wir hören sagen,

    Hundert Leiterwagen, / die möchten es nicht tragen,

    Noch mehr des roten Goldes / vom Nibelungenland:

    Das alles sollte teilen / des kühnen Siegfriedes Hand.


    Sie gaben ihm zum Lohne / König Niblungs Schwert.

    Da wurden sie des Dienstes / gar übel gewährt,

    Den ihnen leisten sollte / Siegfried der Degen gut:

    Er konnt es nicht vollbringen: / sie hatten zornigen Mut.


    So mußt er ungeteilet / die Schätze lassen stehn.

    Da bestanden ihn die Degen / in der zwei Könge Lehn:

    Mit ihres Vaters Schwerte, / das Balmung war genannt,

    Stritt ihnen ab der Kühne / den Hort und Nibelungenland.


    Da hatten sie zu Freunden / kühne zwölf Mann,

    Die starke Riesen waren: / was konnt es sie verfahn?

    Die erschlug im Zorne / Siegfriedens Hand,

    Und siebenhundert Recken / zwang er vom Nibelungenland


    Mit dem guten Schwerte / geheißen Balmung.

    Vom Schrecken überwältigt / war mancher Degen jung

    Zumal vor dem Schwerte / und vor dem kühnen Mann:

    Das Land mit den Burgen / machten sie ihm untertan.


    Dazu die reichen Könige, / die schlug er beide tot.

    Er kam durch Albrichen / darauf in große Not:

    Der wollte seine Herren / rächen allzuhand,

    Eh er die große Stärke / noch an Siegfrieden fand.


    Mit Streit bestehen konnt ihn / da nicht der starke Zwerg.

    Wie die wilden Leuen / liefen sie an den Berg,

    Wo er die Tarnkappe / Albrichen abgewann:

    Da war des Hortes Meister / Siegfried der schreckliche Mann.


    Die sich getraut zu fechten, / die lagen all erschlagen,

    Den Schatz ließ er wieder / nach dem Berge tragen,

    Dem ihn entnommen hatten, / die Niblung untertan.

    Alberich der starke / das Amt des Kämmrers gewann.


    Er mußt ihm Eide schwören, / er dien ihm als sein Knecht;

    Zu aller Art Diensten / ward er ihm gerecht.«

    So sprach von Tronje Hagen: / »Das hat der Held getan;

    Also große Kräfte / nie mehr ein Recke gewann.


    Noch ein Abenteuer / ist mir von ihm bekannt:

    Einen Linddrachen / schlug des Heldes Hand;

    Als er im Blut sich badete, / ward hörnern seine Haut.

    So versehrt ihn keine Waffe: / das hat man oft an ihm geschaut.


    Man soll ihn wohl empfangen, / der beste Rat ist das,

    Damit wir nicht verdienen / des schnellen Recken Haß.

    Er ist so kühnen Sinnes, / man seh ihn freundlich an:

    Er hat mit seinen Kräften / so manche Wunder getan.«


    Da sprach der mächtge König: / »Gewiß, du redest wahr:

    Nun sieh, wie stolz er dasteht / vor des Streits Gefahr,

    Dieser kühne Degen / und die in seinem Lehn!

    Wir wollen ihm entgegen / hinab zu dem Recken gehn.«


    »Das mögt ihr,« sprach da Hagen, / »mit allen Ehren schon:

    Er ist von edelm Stamme, / eines reichen Königs Sohn;

    Auch hat er die Gebäre, / mich dünkt, beim Herren Christ,

    Es sei nicht kleine Märe, / um die er hergeritten ist.«


    Da sprach der Herr des Landes: / »Nun sei er uns willkommen.

    Er ist kühn und edel, / das hab ich wohl vernommen;

    Des soll er auch genießen / im Burgundenland.«

    Da ging der König Gunther / hin, wo er Siegfrieden fand.


    Der Wirt und seine Recken / empfingen so den Mann,

    Daß wenig an dem Gruße / gebrach, den er gewann;

    Des neigte sich vor ihnen / der Degen ausersehn.

    In großen Züchten sah man / ihn mit seinen Recken stehn.


    »Mich wundert diese Märe,« / sprach der Wirt zuhand,

    »Von wannen, edler Siegfried, / ihr kamt in dieses Land,

    Oder was ihr wollet suchen / zu Worms an dem Rhein.«

    Da sprach der Gast zum König: / »Das soll euch unverhohlen sein.


    Ich habe sagen hören / in meines Vaters Land,

    An euerm Hofe wären, / das hätt ich gern erkannt,

    Die allerkühnsten Recken, / so hab ich oft vernommen,

    Die je gewann ein König: / darum bin ich hierher gekommen.


    So hör ich auch euch selber / viel Mannheit zugestehn,

    Man habe keinen König / noch je so kühn gesehn.

    Das rühmen oft die Leute / in all diesem Land;

    Nun kann ichs nicht verwinden, / bis ich die Wahrheit befand.


    Ich bin auch ein Recke / und soll die Krone tragen:

    Ich möcht es gerne fügen, / daß sie von mir sagen,

    Daß ich mit Recht besäße / die Leute wie das Land.

    Mein Haupt und meine Ehre / setz ich dawider zu Pfand.


    Wenn ihr denn so kühn seid, / wie euch die Sage zeiht,

    So frag ich nicht, ists jemand / lieb oder leid:

    Ich will von euch erzwingen, / was euch angehört,

    Das Land und die Burgen / unterwerf ich mit meinem Schwert.«


    Der König war verwundert / und all sein Volk umher,

    Als sie vernahmen / sein seltsam Begehr,

    Daß er ihm zu nehmen / gedächte Leut und Land.

    Das hörten seine Degen, / die wurden zornig zuhand.


    »Wie sollt ich das verdienen,« / sprach Gunther der Degen,

    »Wes mein Vater lange / mit Ehren durfte pflegen,

    Daß wir das verlören / durch jemands Überkraft?

    Das wäre schlecht bewiesen, / daß wir auch pflegen Ritterschaft!«


    »Ich will davon nicht lassen,« / fiel ihm der Kühne drein:

    »Von deinen Kräften möge / dein Land befriedet sein,

    Ich will es nun verwalten; / doch auch das Erbe mein,

    Erwirbst du es durch Stärke, / es soll dir untertänig sein.


    Dein Erbe wie das meine, / wir schlagen gleich sie an,

    Und wer von uns den andern / überwinden kann,

    Dem soll es alles dienen, / die Leute wie das Land.«

    Dem widersprach da Hagen / und mit ihm Gernot zuhand.


    »So stehn uns nicht die Sinne,« / sprach da Gernot,

    »Nach neuen Lands Gewinne, / daß jemand sollte tot

    Vor Heldeshänden liegen: / reich ist unser Land,

    Das uns mit Recht gehorsamt, / zu niemand besser bewandt.«


    In grimmigem Mute / standen da die Freunde sein.

    Da war auch darunter / von Metz Herr Ortewein.

    Der sprach: »Diese Sühne / ist mir von Herzen leid:

    Euch ruft der starke Siegfried / ohn allen Grund in den Streit.


    Wenn ihr und eure Brüder / ihm auch nicht steht zur Wehr,

    Und ob er bei sich führte / ein ganzes Königsheer,

    So wollt ichs doch erstreiten, / daß der starke Held

    Also hohen Übermut / wohl mit Recht beiseite stellt.«


    Darüber zürnte mächtig / der Held vom Niederland:

    »Nicht wider mich vermessen / darf sich deine Hand:

    Ich bin ein reicher König, / du bist in Königs Lehn;

    Deiner zwölfe dürften / mich nicht im Streite bestehn.«


    Nach Schwertern rief da heftig / von Metz Herr Ortewein:

    Er durfte Hagens Schwestersohn / von Tronje wahrlich sein.

    Daß der so lang geschwiegen, / das war dem König leid.

    Da sprach zum Frieden Gernot, / ein Ritter kühn und allbereit.


    »Laßt euer Zürnen bleiben,« / hub er zu Ortwein an:

    »Uns hat der edle Siegfried / noch solches nicht getan:

    Wir scheiden es in Güte / wohl noch, das rat ich sehr,

    Und haben ihn zum Freunde; / es geziemt uns wahrlich mehr.«


    Da sprach der starke Hagen: / »Uns ist billig leid

    Und all euern Degen, / daß er je zum Streit

    Kam an den Rhein geritten: / was ließ er das nicht sein?

    So übel nie begegnet / wären ihm die Herren mein.«


    Da sprach wieder Siegfried, / der kraftvolle Held:

    »Wenn euch, was ich gesprochen, / Herr Hagen, mißfällt,

    So will ich schauen lassen, / wie noch die Hände mein

    Gedenken, so gewaltig / bei den Burgunden zu sein.«


    »Das hoff ich noch zu wenden,« / sprach da Gernot.

    Allen seinen Degen / zu reden er verbot

    In ihrem Übermute, / was ihm wäre leid.

    Da gedacht auch Siegfried / an die viel herrliche Maid.


    »Wie geziemt uns mit euch streiten?« / sprach wieder Gernot.

    »Wieviel dabei der Helden / auch fielen in den Tod,

    Wenig Ehre brächt uns / so ungleicher Streit.«

    Die Antwort hielt da Siegfried, / König Siegmunds Sohn, bereit:


    »Warum zögert Hagen / und auch Ortewein,

    Daß er nicht zum Streite / eilt mit den Freunden sein,

    Deren er so manchen / bei den Burgunden hat?«

    Sie blieben Antwort schuldig, / das war Gernotens Rat.


    »Ihr sollt uns willkommen sein,« / sprach Geiselher das Kind,

    »Und eure Heergesellen, / die hier bei euch sind:

    Wir wollen gern euch dienen, / ich und die Freunde mein.«

    Da hieß man den Gästen / schenken König Gunthers Wein.


    Da sprach der Wirt des Landes: / »Alles was uns gehört,

    Verlangt ihr es in Ehren, / das sei euch unverwehrt;

    Wir wollen mit euch teilen / unser Gut und Blut.«

    Da ward dem Degen Siegfried / ein wenig sanfter zumut.


    Da ließ man ihnen wahren / all ihr Wehrgewand:

    Man suchte Herbergen, / die besten, die man fand:

    Siegfriedens Knappen / schuf man gut Gemach.

    Man sah den Fremdling gerne / in Burgundenland hernach.


    Man bot ihm große Ehre / darauf in manchen Tagen,

    Mehr zu tausend Malen, / als ich euch könnte sagen;

    Das hatte seine Kühnheit / verdient, das glaubt fürwahr.

    Ihn sah wohl selten jemand, / der ihm nicht gewogen war.


    Flissen sich der Kurzweil / die Könge und ihr Lehn,

    So war er stets der Beste, / was man auch ließ geschehn.

    Es konnt ihm niemand folgen, / so groß war seine Kraft,

    Ob sie den Stein warfen / oder schossen den Schaft.


    Nach höfscher Sitte ließen / sich auch vor den Fraun

    Der Kurzweile pflegend / die kühnen Ritter schaun;

    Da sah man stets den Helden / gern vom Niederland;

    Er hatt' auf hohe Minne / seinen Sinn gewandt.


    Die schönen Fraun am Hofe / erfragten Märe,

    Wer der stolze fremde / Recke wäre.

    »Er ist so schön gewachsen, / so reich ist sein Gewand!«

    Da sprachen ihrer viele: / »Das ist der Held von Niederland.«


    Was man beginnen wollte, / er war dazu bereit;

    Er trug in seinem Sinne / eine minnigliche Maid,

    Und auch nur ihn die Schöne, / die er noch nie gesehn,

    Und die sich doch viel Gutes / von ihm schon heimlich versehn.


    Wenn man auf dem Hofe / das Waffenspiel begann,

    Ritter so wie Knappen, / immer sah es an

    Kriemhild aus den Fenstern, / die Königstochter hehr;

    Keiner andern Kurzweil / hinfort bedurfte sie mehr.


    Und wüßt er, daß ihn sähe, / die er im Herzen trug,

    Davon hätt er Kurzweil / immerdar genug.

    Ersähn sie seine Augen, / ich glaube sicherlich,

    Keine andre Freude / hier auf Erden wünscht' er sich.


    Wenn er bei den Recken / auf dem Hofe stand,

    Wie man noch zur Kurzweil / pflegt in allem Land,

    Wie stand dann so minniglich / das Sieglindenkind,

    Daß manche Frau ihm heimlich / war von Herzen hold gesinnt.


    Er gedacht auch manchmal: / »Wie soll das geschehn,

    Daß ich das edle Mägdlein / mit Augen möge sehn,

    Die ich von Herzen minne, / wie ich schon längst getan?

    Die ist mir noch gar fremde; / mit Trauern denk ich daran.«


    So oft die reichen Könige / ritten in ihr Land,

    So mußten auch die Recken / mit ihnen all zur Hand.

    Auch Siegfried ritt mit ihnen: / das war der Frauen leid;

    Er litt von ihrer Minne / auch Beschwer zu mancher Zeit.


    So wohnt' er bei den Herren, / das ist alles wahr,

    In König Gunthers Lande / völliglich ein Jahr,

    Daß er die Minnigliche / in all der Zeit nicht sah,

    Durch die ihm bald viel Liebes / und auch viel Leides geschah.

    „Ich bin so etwas wie ein Antikörper der New-Age-Bewegung. Meine Funktion besteht darin, auf die Möglichkeit aufmerksam zu machen, hey, weißt du, einiges von all dem Kram könnte auch riesengroßer Quatsch sein!“


    Ceterum censeo progeniem hominum esse deminuendam.

  • Viertes Abenteuer


    Wie Siegfried mit den Sachsen stritt


    Da kamen fremde Mären / in König Gunthers Land

    Durch Boten, aus der Ferne / ihnen zugesandt

    Von unbekannten Recken, / die ihnen trugen Haß:

    Als sie die Rede hörten, / gar sehr betrübte sie das.


    Die will ich euch nennen: / es war Lüdeger

    Aus der Sachsen Lande, / ein mächtger König hehr;

    Dazu vom Dänenlande / der König Lüdegast:

    Die gewannen zu dem Kriege / gar manchen herrlichen Gast.


    Ihre Boten kamen / in König Gunthers Land,

    Die seine Widersacher / hatten hingesandt.

    Da frug man um die Märe / die Unbekannten gleich

    Und führte bald die Boten / zu Hofe vor den König reich.


    Schön grüßte sie der König / und sprach: »Seid willkommen.

    Wer euch hierher gesendet, / hab ich noch nicht vernommen:

    Das sollt ihr hören lassen,« / sprach der König gut.

    Da bangten sie gewaltig / vor des grimmen Gunther Mut.


    »Wollt ihr uns, Herr, erlauben, / daß wir euch Bericht

    Von unsrer Märe sagen, / wir hehlen sie euch nicht.

    Wir nennen euch die Herren, / die uns hierher gesandt:

    Lüdegast und Lüdeger, / die suchen heim euer Land.


    Ihren Zorn habt ihr verdienet: / wir vernahmen das

    Gar wohl, die Herren tragen / euch beide großen Haß.

    Sie wollen heerfahrten / gen Worms an den Rhein;

    Ihnen helfen viel der Degen: / laßt euch das zur Warnung sein.


    Binnen zwölf Wochen / muß ihre Fahrt geschehn;

    Habt ihr nun guter Freunde, / so laßt es bald ersehn,

    Die euch befrieden helfen / die Burgen und das Land:

    Hier werden sie verhauen / manchen Helm und Schildesrand.


    Oder wollt ihr unterhandeln, / so macht es offenbar;

    So reitet euch so nahe / nicht gar manche Schar

    Eurer starken Feinde / zu bitterm Herzeleid,

    Davon verderben müssen / viel der Ritter kühn im Streit.«


    »Nun harrt eine Weile / (ich künd euch meinen Mut),

    Bis ich mich recht bedachte,« / sprach der König gut.

    »Hab ich noch Getreue, / denen will ichs sagen:

    Diese schwere Botschaft / muß ich meinen Freunden klagen.«


    Dem mächtigen Gunther / war es leid genug;

    Den Botenspruch er heimlich / in seinem Herzen trug.

    Er hieß berufen Hagen / und andr' in seinem Lehn

    Und hieß auch geschwinde / zu Hof nach Gernoten gehn.


    Da kamen ihm die Besten, / so viel man deren fand.

    Er sprach: »Die Feinde wollen / heimsuchen unser Land

    Mit starken Heerfahrten; / das sei euch geklagt.

    Es ist gar unverschuldet, / daß sie uns haben widersagt.«


    »Dem wehren wir mit Schwertern,« / sprach da Gernot,

    »Da sterben nur, die müssen: / die lasset liegen tot.

    Ich werde nicht vergessen / darum der Ehre mein:

    Unsre Widersacher / sollen uns willkommen sein.«


    Da sprach von Tronje Hagen: / »Das dünkt mich nicht gut;

    Lüdegast und Lüdeger / sind voll Übermut.

    Wir können uns nicht sammeln / in so kurzen Tagen,«

    So sprach der kühne Recke, / »ihr sollt es Siegfrieden sagen.«


    Da gab man den Boten / Herbergen in der Stadt.

    Wie feind sie ihnen waren, / sie gut zu pflegen bat

    Gunther der reiche: / das war wohlgetan;

    Bis er erprobt an Freunden, / wer ihm zu Hilfe zög heran.


    Der König trug im Herzen / Sorge doch und Leid.

    Da sah ihn also trauern / ein Ritter allbereit,

    Der nicht wissen konnte, / was ihm war geschehn:

    Da bat er König Gunthern, / ihm den Grund zu gestehn.


    »Mich nimmt höchlich wunder,« / sprach da Siegfried,

    »Wie die frohe Weise / so völlig von euch schied,

    Deren ihr so lange / mit uns mochtet pflegen.«

    Zur Antwort gab ihm Gunther, / dieser zierliche Degen:


    »Wohl mag ich allen Leuten / nicht von dem Leide sagen,

    Das ich muß verborgen / in meinem Herzen tragen:

    Steten Freunden klagen / soll man des Herzens Not.«

    Siegfriedens Farbe / ward da bleich und wieder rot.


    Er sprach zu dem Könige: / »Was blieb euch je versagt?

    Ich will euch wenden helfen / das Leid, das ihr klagt.

    Wollt ihr Freunde suchen, / so will ich einer sein

    Und getrau es zu vollbringen / mit Ehren bis ans Ende mein.«


    »Nun lohn euch Gott, Herr Siegfried, / die Rede dünkt mich gut;

    Und kann mir auch nicht helfen / eure Kraft und hoher Mut,

    So freut mich doch die Märe, / daß ihr so hold mir seid:

    Leb ich noch eine Weile, / ich vergelt es mit der Zeit.


    Ich will euch hören lassen, / was mich traurig macht.

    Von Boten meiner Feinde / ward mir hinterbracht,

    Mit Heerfahrten kämen / sie mich zu suchen hie:

    Das geschah uns von Degen / in diesen Landen noch nie.«


    »Das laßt euch nicht betrüben,« / sprach da Siegfried,

    »Sänftet eur Gemüte / und tut, wie ich euch riet:

    Laßt mich euch erwerben / Ehre so wie Frommen,

    Bevor eure Feinde / her zu diesen Landen kommen.


    Und hätten dreißigtausend / Helfer sich ersehn

    Eure starken Feinde, / doch wollt ich sie bestehn,

    Hätt' ich auch selbst nur tausend: / verlaßt euch auf mich.«

    Da sprach der König Gunther: / »Das verdien ich stets um dich.«


    »So heißt mir eurer Leute / gewinnen tausend Mann,

    Da ich von den Meinen / nicht mehr hier stellen kann

    Als der Recken zwölfe; / so wehr ich euer Land.

    Immer soll getreulich / euch dienen Siegfriedens Hand.


    Dazu soll Hagen helfen / und auch Ortewein,

    Dankwart und Sindold, / die lieben Recken dein,

    Auch soll da mit uns reiten / Volker der kühne Mann;

    Der soll die Fahne führen: / keinen Bessern trefft ihr an.


    Und laßt die Boten reiten heim / in ihrer Herren Land;

    Daß sie uns bald da sehen, / macht ihnen das bekannt,

    So daß unsre Burgen / befriedet mögen sein.«

    Der König hieß besenden / Freund und Mannen insgemein.


    Zu Hofe gingen wieder, / die Lüdeger gesandt;

    Sie freuten sich der Reise / zurück ins Heimatland.

    Ihnen bot da reiche Gabe / Gunther der König gut

    Und sicheres Geleit; / des waren sie wohlgemut.


    »Nun sagt,« sprach da Gunther, / »meinen starken Feinden an,

    Ihre Reise bliebe / besser ungetan;

    Doch wollten sie mich suchen / hier in meinem Land,

    Mir zerrännen denn die Freunde, / ihnen werde Not bekannt.«


    Den Boten reiche Gaben / man da zur Stelle trug:

    Deren hatte Gunther / zu geben genug.

    Das durften nicht verschmähen, / die Lüdeger gesandt.

    Sie baten um Urlaub / und räumten fröhlich das Land.


    Als die Boten waren / gen Dänemark gekommen,

    Und der König Lüdegast / den Bericht vernommen,

    Was sie am Rhein geredet, / als das ihm ward gesagt,

    Seine übermütge Botschaft / ward da bereut und beklagt.


    Sie sagten ihm, sie hätten / manch kühnen Mann im Lehn;

    »Darunter sah man einen / vor König Gunthern stehn,

    Der war geheißen Siegfried, / ein Held aus Niederland.«

    Leid wars Lüdegasten, / als er die Dinge so befand.


    Als die vom Dänenlande / hörten diese Mär,

    Da eilten sie, der Helfer / zu gewinnen desto mehr,

    Bis der König Lüdegast / zwanzigtausend Mann

    Seiner kühnen Degen / zu seiner Heerfahrt gewann.


    Da besandte sich von Sachsen / auch König Lüdeger,

    Bis sie vierzigtausend / hatten und wohl mehr,

    Die mit ihnen ritten / gen Burgundenland.

    Da hatt auch schon zu Hause / der König Gunther gesandt


    Zu seinen nächsten Freunden / und seiner Brüder Heer,

    Womit sie fahren wollten / im Kriegszug einher,

    Und auch mit Hagens Recken: / das tat den Helden not.

    Darum mußten Degen / bald erschauen den Tod.


    Sie schickten sich zur Reise: / sie wollten nun hindann.

    Die Fahne mußte führen / Volker der kühne Mann,

    Da sie reiten wollten / von Worms über Rhein;

    Hagen von Tronje, / der mußte Scharmeister sein.


    Mit ihnen ritt auch Sindold / und der kühne Hunold,

    Die wohl verdienen konnten / reicher Könge Gold.

    Dankwart, Hagens Bruder, / und auch Ortewein,

    Die mochten wohl mit Ehren / bei dem Heerzuge sein.


    »Herr König,« sprach da Siegfried, / »bleibet ihr zu Haus:

    Da mir eure Degen / folgen zu dem Strauß,

    So weilt bei den Frauen / und tragt hohen Mut:

    Ich will euch wohl behüten / die Ehre so wie das Gut.«


    »Die euch heimsuchen wollten / zu Worms an dem Rhein,

    Will ich davor bewahren, / daß sie euch schädlich sei'n:

    Wir wollen ihnen reiten / so nah ins eigne Land,

    Daß ihnen bald in Sorge / der Übermut wird gewandt.«


    Vom Rheine sie durch Hessen / mit ihren Helden ritten

    Nach dem Sachsenlande; / da wurde bald gestritten.

    Mit Raub und mit Brande / verheerten sie das Land,

    Daß bald den Fürsten beiden / ward Not und Sorge bekannt.


    Sie kamen an die Marke; / die Knechte rückten an.

    Siegfried der starke / zu fragen da begann:

    »Wer soll nun der Hüter / des Gesindes sein?«

    Wohl konnte nie den Sachsen / ein Heerzug übler gedeihn.


    Sie sprachen: »Laßt der Knappen / hüten auf den Wegen

    Dankwart den kühnen, / das ist ein schneller Degen:

    Wir verlieren desto minder / durch die in Lüdgers Lehn:

    Laßt ihn mit Ortweinen / hie die Nachhut versehn.«


    »So will ich selber reiten,« / sprach Siegfried der Degen,

    »Den Feinden gegenüber / der Warte zu pflegen,

    Bis ich recht erkunde, / wo die Recken sind.«

    Da stand bald in den Waffen / der schönen Sieglinde Kind.


    Das Volk befahl er Hagen, / als er zog hindann,

    Ihm und Gernoten, / diesem kühnen Mann.

    So ritt er hin alleine / in der Sachsen Land,

    Wo er die rechte Märe / wohl bald mit Ehren befand.


    Er sah ein groß Geschwader, / das auf dem Felde zog

    Und die Kraft der Seinen / gewaltig überwog:

    Es waren vierzigtausend / oder wohl noch mehr.

    Siegfried in hohem Mute / sah gar fröhlich das Heer.


    Da hatte sich ein Recke / auch aus der Feinde Schar

    Erhoben auf die Warte, / der wohl gewappnet war:

    Den sah der Degen Siegfried / und ihn der kühne Mann;

    Jedweder auf den andern / mit Zorn zu blicken begann.


    Ich sag euch, wer der wäre, / der hier der Warte pflag;

    Ein lichter Schild von Golde / ihm vor der Linken lag;

    Es war der König Lüdegast, / der hütete sein Heer.

    Der edle Fremdling sprengte / herrlich wider ihn einher.


    Nun hat auch ihn Herr Lüdegast / sich feindlich erkoren.

    Ihre Rosse reizten beide / zur Seite mit den Sporen;

    Sie neigten auf die Schilde / mit aller Macht den Schaft:

    Da kam der hehre König / darob in großer Sorgen Haft.


    Dem Stich gehorsam trugen / die Rosse pfeilgeschwind

    Die Könige zusammen, / als wehte sie der Wind;

    Dann mit den Zäumen wandten / sie ritterlich zurück:

    Die grimmen Zwei versuchten / da mit dem Schwerte das Glück.


    Da schlug der Degen Siegfried, / das Feld erscholl umher.

    Aus dem Helme stoben, / als obs von Bränden wär,

    Die feuerroten Funken / von des Helden Hand;

    Da stritt mit großen Kräften / der kühne Vogt von Niederland.


    Auch ihm schlug Herr Lüdegast / manchen grimmen Schlag;

    Jedweder auf dem Schilde / mit ganzer Stärke lag.

    Da hatten es wohl dreißig / erspäht aus seiner Schar:

    Eh die ihm Hilfe brachten, / der Sieg schon Siegfrieden war


    Mit drei starken Wunden, / die er dem König schlug

    Durch einen lichten Harnisch; / der war doch fest genug.

    Das Schwert mit seiner Schärfe / entlockte Wunden Blut:

    Da gewann König Lüdegast / einen traurigen Mut.


    Er bat ihn um sein Leben / und bot ihm all sein Land

    Und sagt' ihm, er wäre / Lüdegast genannt.

    Da kamen seine Recken: / die hatten wohl gesehn,

    Was da von ihnen beiden / auf der Warte war geschehn.


    Er führt' ihn gern von dannen: / da ward er angerannt

    Von dreißig seiner Mannen; / doch wehrte seine Hand

    Seinen edeln Geisel / mit ungestümen Schlägen.

    Bald tat noch größern Schaden / dieser zierliche Degen.


    Die Dreißig zu Tode / wehrlich er schlug;

    Ihrer einen ließ er leben: / der ritt da schnell genug

    Und brachte hin die Märe / von dem, was hier geschehn;

    Auch konnte man die Wahrheit / an seinem roten Helme sehn.


    Gar leid wars dem Recken / aus dem Dänenland,

    Als ihres Herrn Gefängnis / ihnen ward bekannt.

    Man sagt' es seinem Bruder: / der fing zu toben an

    In ungestümem Zorne: / ihm war gar wehe getan.


    Lüdegast der König / war hinweggebracht

    Zu Gunthers Ingesinde / von Siegfrieds Übermacht.

    Er befahl ihn Hagen: / der kühne Recke gut,

    Als er vernahm die Märe, / da gewann er fröhlichen Mut.


    Man gebot den Burgunden: / »Die Fahne bindet an.«

    »Wohlauf,« sprach da Siegfried, / »hier wird noch mehr getan

    Vor Abendzeit, verlier ich / Leben nicht und Leib:

    Da betrübt im Sachsenlande / noch manches weidliche Weib.«


    »Ihr Helden vom Rheine, / ihr sollt mein nehmen wahr,

    Ich kann euch wohl geleiten / zu Lüdegers Schar.

    Da seht ihr Helme hauen / von guter Helden Hand:

    Eh wir uns wieder wenden, / wird ihnen Sorge bekannt.«


    Zu den Rossen sprangen Gernot / und die ihm untertan.

    Die Heerfahne faßte / der kühne Spielmann,

    Volker der Degen, / und ritt der Schar vorauf.

    Da war auch das Gesinde / zum Streite mutig und wohlauf.


    Sie führten doch der Degen / nicht mehr denn tausend Mann,

    Darüber zwölf Recken. / Zu stieben da begann

    Der Staub von den Straßen: / sie ritten über Land;

    Man sah von ihnen scheinen / manchen schönen Schildesrand.


    Nun waren auch die Sachsen / gekommen und ihr Heer,

    Mit Schwertern wohlgewachsen: / die Klingen schnitten sehr,

    Das hab ich wohl vernommen, / den Helden an der Hand.

    Da wollten sie die Gäste / von Burgen wehren und Land.


    Der Herren Scharmeister / führten das Volk heran.

    Da war auch Siegfried kommen / mit den zwölf Mann,

    Die er mit sich führte / aus dem Niederland.

    Des Tags sah man im Sturme / manche blutige Hand.


    Sindold und Hunold / und auch Gernot,

    Die schlugen in dem Streite / viel der Helden tot,

    Eh sie ihrer Kühnheit / noch selber mochten traun:

    Das mußten bald beweinen / viel der weidlichen Fraun.


    Volker und Hagen / und auch Ortwein

    Löschten in dem Streite / manches Helmes Schein

    Mit fließendem Blute, / die Kühnen in der Schlacht.

    Von Dankwarten wurden / viel große Wunder vollbracht.


    Da versuchten auch die Dänen / weidlich ihre Hand:

    Von Stößen laut erschallte / mancher Schildesrand

    Und von den scharfen Schwertern, / womit man Wunden schlug;

    Die streitkühnen Sachsen / taten Schadens auch genug.


    Als die Burgunden / drangen in den Streit,

    Von ihnen ward gehauen / manche Wunde weit.

    Über die Sättel fließen / sah man das Blut;

    So warben um die Ehre / diese Ritter kühn und gut.


    Man hörte laut erhallen / den Helden an der Hand

    Ihre scharfen Waffen, / als die von Niederland

    Ihrem Herrn nachdrangen / in die dichten Reihn:

    Die Zwölfe kamen ritterlich / zugleich mit Siegfried hinein.


    Deren vom Rheine / kam ihnen niemand nach.

    Man konnte fließen sehn / den blutroten Bach

    Durch die lichten Helme / von Siegfriedens Hand,

    Eh er Lüdegeren / vor seinen Heergesellen fand.


    Dreimal die Kehre / hat er nun genommen

    Bis an des Heeres Ende; / da war auch Hagen kommen:

    Der half ihm wohl vollbringen / im Kampfe seinen Mut.

    Da mußte bald ersterben / vor ihnen mancher Ritter gut.


    Als der starke Lüdeger / Siegfrieden fand,

    Wie er so erhaben / trug in seiner Hand

    Balmung den guten / und da so manchen schlug,

    Darüber ward der Kühne / vor Zorn ingrimmig genug.


    Da gab es stark Gedränge / und lauten Schwerterklang,

    Wo ihr Ingesinde / aufeinander drang.

    Da versuchten desto heftiger / die beiden Recken sich;

    Die Scharen wichen beide: / der Kämpen Haß ward fürchterlich.


    Dem Vogt vom Sachsenlande / war es wohlbekannt,

    Sein Bruder sei gefangen: / drum war er zornentbrannt;

    Nicht wußt er, ders vollbrachte, / sei der Sieglindensohn,

    Man zeihte des Gernoten; / doch bald befand er es schon.


    Da schlug so starke Schläge / Lüdegers Schwert,

    Siegfrieden unterm Sattel / niedersank das Pferd;

    Doch bald erhob sichs wieder. / Der kühne Siegfried auch

    Gewann jetzt im Sturme / einen furchtbaren Brauch.


    Dabei half ihm Hagen / wohl und Gernot,

    Dankwart und Volker: / da lagen viele tot.

    Sindold und Hunold / und Ortwein der Degen,

    Die konnten in dem Streite / zum Tode manchen niederlegen.


    Untrennbar im Kampfe / waren die Fürsten hehr.

    Über die Helme fliegen / sah man manchen Speer

    Durch die lichten Schilde / von der Helden Hand;

    Auch ward von Blut gerötet / mancher herrliche Rand.


    In dem starken Sturme / sank da mancher Mann

    Von den Rossen nieder. / Einander rannten an

    Siegfried der kühne / und König Lüdeger;

    Man sah da Schäfte fliegen / und manchen schneidigen Speer.


    Der Schildbeschlag des Königs / zerstob vor Siegfrieds Hand:

    Sieg zu erwerben dachte / der Held von Niederland

    An den kühnen Sachsen; / die litten Ungemach.

    Hei! was da lichte Panzer / der kühne Dankwart zerbrach!


    Da hatte König Lüdeger / auf einem Schild erkannt

    Eine gemalte Krone / vor Siegfriedens Hand:

    Da wußt er wohl, es wäre / der kraftreiche Mann.

    Laut auf zu seinen Freunden / der Held zu rufen begann:


    »Begebt euch des Streites, / ihr all mir untertan!

    Den Sohn König Siegmunds / traf ich hier an,

    Siegfried den starken / hab ich hier erkannt:

    Den hat der üble Teufel / her zu den Sachsen gesandt.«


    Er gebot die Fahnen / zu senken in dem Streit.

    Friedens er begehrte: / der ward ihm nach der Zeit;

    Doch mußt er Geisel werden / in König Gunthers Land:

    Das hat an ihm erzwungen / des kühnen Siegfriedes Hand.


    Nach allgemeinem Rate / ließ man ab vom Streit.

    Viel zerschlagner Helme / und der Schilde weit

    Legten sie aus den Händen; / so viel man deren fand,

    Die waren blutgerötet / von der Burgunden Hand.


    Sie fingen, wen sie wollten: / sie hatten volle Macht.

    Gernot und Hagen, / die schnellen, hatten acht,

    Daß man die Wunden bahrte; / da führten sie hindann

    Gefangen nach dem Rheine / der Kühnen fünfhundert Mann.


    Die sieglosen Recken / zum Dänenlande ritten.

    Da hatten auch die Sachsen / so tapfer nicht gestritten,

    Daß man sie loben sollte: / das war den Helden leid.

    Da beklagten ihre Freunde / die Gefallnen in dem Streit.


    Sie ließen ihre Waffen / aufsäumen nach dem Rhein.

    Es hatte wohl geworben / mit den Gefährten sein

    Siegfried der starke / und hatt es gut vollbracht:

    Das mußt ihm zugestehn / König Gunthers ganze Macht.


    Gen Worms sandte Boten / der König Gernot:

    Daheim in seinem Lande / den Freunden er entbot,

    Wie ihm gelungen wäre / und all seinem Lehn:

    Es war da von den Kühnen / nach allen Ehren geschehn.


    Die Botenknaben liefen; / so ward es angesagt.

    Da freuten sich in Liebe, / die eben Leid geklagt,

    Dieser frohen Märe, / die ihnen war gekommen.

    Da ward von edlen Frauen / großes Fragen vernommen,


    Wie es den Herrn gelungen / wär in des Königs Heer.

    Man rief der Boten einen / zu Kriemhilden her.

    Das geschah verstohlen, / sie durft es wohl nicht laut:

    Denn einer war darunter, / dem sie längst ihr Herz vertraut.


    Als sie in ihre Kammer / den Boten kommen sah,

    Kriemhild die schöne, / gar gütlich sprach sie da:

    »Nun sag mir liebe Märe, / so geb ich dir mein Gold,

    Und tust dus ohne Trügen, / will ich dir immer bleiben hold.


    Wie schied aus dem Streite / mein Bruder Gernot

    Und meine andern Freunde? / Blieb uns nicht mancher tot?

    Wer tat da das Beste? / das sollst du mir sagen.«

    Da sprach der biedre Bote: / »Wir hatten nirgends einen Zagen.


    Zuvörderst in dem Streite / ritt niemand so wohl,

    Hehre Königstochter, / wenn ich es sagen soll,

    Als der edle Fremdling / aus dem Niederland:

    Da wirkte große Wunder / des kühnen Siegfriedes Hand.


    Was von den Recken allen / im Streit da geschehn,

    Dankwart und Hagen / und des Königs ganzem Lehn,

    Wie wehrlich sie auch stritten, / das war doch wie ein Wind

    Nur gegen Siegfrieden, / König Siegmundens Kind.


    Sie haben in dem Sturme / der Helden viel erschlagen;

    Doch möcht euch dieser Wunder / ein Ende niemand sagen,

    Die da Siegfried wirkte, / ritt er in den Streit;

    Den Fraun an ihren Freunden / tat er mächtiges Leid.


    Auch mußte vor ihm fallen / der Friedel mancher Braut.

    Seine Schläge schollen / auf Helmen also laut,

    Daß sie aus Wunden brachten / das fließende Blut:

    Er ist in allen Dingen / ein Ritter kühn und auch gut.


    Da hat auch viel begangen / von Metz Herr Ortewein:

    Was er nur mocht erlangen / mit dem Schwerte sein,

    Das fiel vor ihm verwundet / oder meistens tot.

    Da schuf euer Bruder / die allergrößte Not,


    Die jemals in Stürmen / mochte sein geschehn;

    Man muß dem Auserwählten / die Wahrheit zugestehn.

    Die stolzen Burgunden / bestanden so die Fahrt,

    Daß sie vor allen Schanden / die Ehre haben bewahrt.


    Man sah von ihren Händen / der Sättel viel geleert,

    Als so laut das Feld erhallte / von manchem lichten Schwert.

    Die Recken vom Rheine, / die ritten allezeit,

    Daß ihre Feinde besser / vermieden hätten den Streit.


    Auch die kühnen Tronjer / schufen großes Leid,

    Als mit Volkskräften / das Heer sich traf im Streit.

    Da schlug so manchen nieder / des kühnen Hagen Hand,

    Es wäre viel zu sagen / davon in der Burgunden Land.


    Sindold und Hunold / in Gernotens Heer

    Und Rumold der kühne / schufen so viel Beschwer,

    König Lüdger mag es / beklagen allezeit,

    Daß er meine Herren / am Rhein berief in den Streit.


    Kampf, den allerhöchsten, / der irgend da geschah,

    Vom ersten bis zum letzten, / den jemand nur sah,

    Hat Siegfried gefochten / mit wehrlicher Hand:

    Er bringt reiche Geisel / her in König Gunthers Land.


    Die zwang mit seinen Kräften / der streitbare Held,

    Wovon der König Lüdegast / den Schaden nun behält

    Und vom Sachsenlande / sein Bruder Lüdeger.

    Nun hört meine Märe, / viel edle Königin hehr!


    Gefangen hat sie beide / Siegfriedens Hand:

    Nie so mancher Geisel / kam in dieses Land,

    Als nun seine Kühnheit / bringt an den Rhein.«

    Ihr konnten diese Mären / nicht willkommener sein.


    »Man führt der Gesunden / fünfhundert oder mehr

    Und der zum Sterben Wunden, / wißt, Königin hehr,

    Wohl achtzig blutge Bahren / her in unser Land:

    Die hat zumeist verhauen / des kühnen Siegfriedes Hand.


    Die uns im Übermute / widersagten hier am Rhein,

    Die müssen nun Gefangene / König Gunthers sein;

    Die bringt man mit Freuden / her in dieses Land.«

    Ihre lichte Farb erblühte, / als ihr die Märe ward bekannt.


    Ihr schönes Antlitz wurde / vor Freuden rosenrot,

    Da lebend war geschieden / aus so großer Not

    Der weidliche Recke, / Siegfried der junge Mann.

    Sie war auch froh der Freunde / und tat wohlweislich daran.


    Die Schöne sprach: »Du machtest / mir frohe Mär bekannt:

    Ich lasse dir zum Lohne / geben reich Gewand,

    Und zehn Mark von Golde / heiß ich dir tragen.«

    Drum mag man solche Botschaft / reichen Frauen gerne sagen.


    Man gab ihm zum Lohne / das Geld und auch das Kleid.

    Da trat an die Fenster / manche schöne Maid

    Und schaute nach der Straße, / wo man reiten fand

    Viel hochherzge Degen / in der Burgunden Land.


    Da kamen die Gesunden, / der Wunden Schar auch kam:

    Die mochten grüßen hören / von Freunden ohne Scham.

    Der Wirt ritt seinen Gästen / entgegen hocherfreut;

    Mit Freuden war beendet / all sein mächtiges Leid.


    Da empfing er wohl die Seinen, / die Fremden auch zugleich,

    Wie es nicht anders ziemte / dem Könige reich,

    Als denen gütlich danken, / die da waren kommen,

    Daß sie den Sieg mit Ehren / im Sturme hatten genommen.


    Herr Gunther ließ sich Kunde / von seinen Freunden sagen,

    Wer ihm auf der Reise / zu Tode wär erschlagen.

    Da hat er nicht verloren / mehr als sechzig Mann;

    Die mußte man verschmerzen, / wie man noch manchen getan.


    Da brachten die Gesunden / zerhauen manchen Rand

    Und viel zerschlagner Helme / in König Gunthers Land.

    Das Volk sprang von den Rossen / vor des Königs Saal;

    Zu liebem Empfange / vernahm man fröhlichen Schall.


    Da gab man Herbergen / den Recken in der Stadt.

    Der König seine Gäste / wohl zu verpflegen bat;

    Die Wunden ließ er hüten / und warten fleißiglich.

    Wohl zeigte seine Milde / auch an seinen Feinden sich.


    Er sprach zu Lüdegasten: / »Nun seid mir willkommen!

    Ich bin zu großen Schaden / durch eure Schuld gekommen:

    Der wird mir nun vergolten, / wenn ich das schaffen kann.

    Gott lohne meinen Freunden: / sie haben wohl an mir getan.«


    »Wohl mögt ihr ihnen danken,« / sprach da Lüdeger,

    »Solche hohe Geisel / gewann kein König mehr.

    Um ritterlich Gewahrsam / bieten wir großes Gut

    Und bitten, daß ihr gnädiglich / an euern Widersachern tut.«


    »Ich will euch,« sprach er, »beide / ledig lassen gehn;

    Nur daß meine Feinde / hier bei mir bestehn,

    Dafür verlang ich Bürgschaft, / damit sie nicht mein Land

    Räumen ohne Frieden.« / Darauf boten sie die Hand.


    Man brachte sie zur Ruhe, / wo man sie wohl verpflag,

    Und bald auf guten Betten / mancher Wunde lag.

    Man schenkte den Gesunden / Met und guten Wein;

    Da konnte das Gesinde / nicht wohl fröhlicher sein.


    Die zerhaunen Schilde / man zum Verschlusse trug;

    Blutgefärbter Sättel / sah man da genug;

    Die ließ man verbergen, / so weinten nicht die Fraun.

    Da waren reisemüde / viel gute Ritter zu schaun.


    Seiner Gäste pflegen / hieß der König wohl;

    Von Heimischen und Fremden / lag das Land ihm voll.

    Er ließ die Fährlichwunden / gütlich verpflegen;

    Wie hart war danieder / nun ihr Übermut gelegen!


    Die Arzneikunst wußten, / denen bot man reichen Sold,

    Silber ungewogen, / dazu das lichte Gold,

    Wenn sie die Helden heilten / nach des Streites Not.

    Dazu viel große Gaben / der König seinen Gästen bot.


    Wer wieder heimzureisen / sann in seinem Mut,

    Den bat man noch zu bleiben, / wie man mit Freunden tut.

    Der König ging zu Rate, / wie er lohne seinem Lehn:

    Durch sie war sein Wille / nach allen Ehren geschehn.


    Da sprach der König Gernot: / »Laßt sie jetzt hindann:

    Über sechs Wochen, / das kündigt ihnen an,

    Sollten sie wiederkehren / zu einem Hofgelag:

    Heil ist dann wohl mancher, / der jetzt schwer verwundet lag.«


    Da bat auch um Urlaub / Siegfried von Niederland.

    Als dem König Gunther / sein Wille ward bekannt,

    Bat er ihn gar minniglich, / noch bei ihm zu bestehn;

    Wenn nicht um seine Schwester, / so wär es nimmer geschehn.


    Dazu war er zu mächtig, / daß man ihm böte Sold,

    So sehr er es verdiente. / Der König war ihm hold

    Und all seine Freunde, / die das mit angesehn,

    Was da von seinen Händen / war im Streite geschehn.


    Er dachte noch zu bleiben / um die schöne Maid,

    Vielleicht, daß er sie sähe. / Das geschah auch nach der Zeit:

    Wohl nach seinem Wunsche / ward sie ihm bekannt.

    Dann ritt er reich an Freuden / heim in seines Vaters Land.


    Der Wirt bat, alle Tage / des Ritterspiels zu pflegen;

    Das tat mit gutem Willen / mancher junge Degen.

    Auch ließ er Sitz' errichten / vor Worms an dem Strand

    Für die kommen sollten / in der Burgunden Land.


    Nun hatt auch in den Tagen, / als sie sollten kommen,

    Kriemhild die schöne / die Märe wohl vernommen,

    Er stell ein Hofgelage / mit lieben Freunden an.

    Da dachten schöne Fraun / mit großem Fleiße daran,


    Gewand und Band zu suchen, / das sie da wollten tragen.

    Ute die reiche / vernahm die Märe sagen

    Von den stolzen Recken, / die da sollten kommen:

    Da wurden aus dem Einschlag / viele reiche Kleider genommen.


    Ihrer Kinder halb bereiten / ließ sie Rock und Kleid,

    Womit sich da zierten / viel Fraun und manche Maid

    Und viel der jungen Recken / aus Burgundenland.

    Sie ließ auch manchem Fremden / bereiten herrlich Gewand.

    „Ich bin so etwas wie ein Antikörper der New-Age-Bewegung. Meine Funktion besteht darin, auf die Möglichkeit aufmerksam zu machen, hey, weißt du, einiges von all dem Kram könnte auch riesengroßer Quatsch sein!“


    Ceterum censeo progeniem hominum esse deminuendam.

  • Fünftes Abenteuer


    Wie Siegfried Kriemhilden zuerst ersah


    Man sah die Helden täglich / nun reiten an den Rhein,

    Die bei dem Hofgelage / gerne wollten sein

    Und den Königen zuliebe / kamen in das Land.

    Man gab ihrer vielen / beides, Roß und Gewand.


    Es war auch das Gestühle / allen schon bereit,

    Den höchsten und den besten, / so hörten wir Bescheid,

    Zweiunddreißig Fürsten / zu dem Hofgelag;

    Da zierten um die Wette / sich die Frauen für den Tag.


    Gar geschäftig sah man / Geiselher das Kind.

    Die Heimischen und Fremden / empfing er holdgesinnt

    Mit Gernot seinem Bruder / und beider Mannen da.

    Wohl grüßten sie die Degen, / wie es nach Ehren geschah.


    Viel goldroter Sättel / führten sie ins Land,

    Zierliche Schilde / und herrlich Gewand

    Brachten sie zu Rheine / bei dem Hofgelag.

    Mancher Ungesunde / hing der Freude wieder nach.


    Die wund zu Bette liegend / vordem gelitten Not,

    Die durften nun vergessen, / wie bitter sei der Tod;

    Die Siechen und die Kranken / vergaß man zu beklagen.

    Es freute sich ein jeder / entgegen festlichen Tagen:


    Wie sie da leben wollten / in gastlichem Genuß!

    Wonnen ohne Maßen, / der Freuden Überfluß

    Hatten alle Leute, / soviel man immer fand:

    Da hub sich große Wonne / über Gunthers ganzes Land.


    An einem Pfingstmorgen / sah man sie alle gehn,

    Wonniglich gekleidet / viel Degen ausersehn,

    Fünftausend oder drüber, / dem Hofgelag entgegen.

    Da hub um die Wette / sich viel Kurzweil allerwegen.


    Der Wirt hatt im Sinne, / was er schon längst erkannt,

    Wie von ganzem Herzen / der Held von Niederland

    Seine Schwester liebe, / sah er sie gleich noch nie,

    Der man das Lob der Schönheit / vor allen Jungfrauen lieh.


    Er sprach: »Nun ratet alle, / Freund oder Untertan,

    Wie wir das Hofgelage / am besten stellen an,

    Daß man uns nicht schelte / darum nach dieser Zeit:

    Zuletzt doch an den Werken / liegt das Lob, das man uns beut.«


    Da sprach zu dem Könige / von Metz Herr Ortewein:

    »Soll dies Hofgelage / mit vollen Ehren sein,

    So laßt eure Gäste / die schönen Kinder sehn,

    Denen so viel Ehren / in Burgundenland geschehn.


    Was wäre Mannes Wonne, / was freut' er sich zu schaun,

    Wenn nicht schöne Mägdelein / und herrliche Fraun?

    Drum laßt eure Schwester / vor die Gäste gehn.«

    Der Rat war manchem Helden / zu hoher Freude geschehn.


    »Dem will ich gerne folgen,« / der König sprach da so.

    Alle, die's erfuhren, / waren darüber froh.

    Er entbot es Frau Uten / und ihrer Tochter schön,

    Daß sie mit ihren Maiden / hin zu Hofe sollten gehn.


    Da ward aus den Schreinen / gesucht gut Gewand,

    So viel man eingeschlagen / der lichten Kleider fand,

    Der Borten und der Spangen; / das lag genug bereit.

    Da zierte sich gar minniglich / manche weidliche Maid.


    Mancher junge Recke / wünschte heut so sehr,

    Daß er wohlgefallen / möchte den Fraun hehr,

    Daß er dafür nicht nähme / ein reiches Königsland:

    Sie sahen die gar gerne, / die sie nie zuvor gekannt.


    Da ließ der reiche König / mit seiner Schwester gehn

    Hundert seiner Recken, / zu ihrem Dienst ersehn

    Und dem ihrer Mutter, / die Schwerter in der Hand:

    Das war das Hofgesinde / in der Burgunden Land.


    Ute die reiche / sah man mit ihr kommen:

    Die hatte schöner Frauen / sich zum Geleit genommen

    Hundert oder drüber, / geschmückt mit reichem Kleid;

    Auch folgte Kriemhilden / manche weidliche Maid.


    Aus einer Kemenate / sah man sie alle gehn:

    Da mußte heftig Drängen / von Helden bald geschehn,

    Die alle harrend standen, / ob es möchte sein,

    Daß sie da fröhlich sähen / dieses edle Mägdelein.


    Nun kam die Minnigliche, / wie das Morgenrot

    Tritt aus trüben Wolken. / Da schied von mancher Not

    Der sie im Herzen hegte, / was lange war geschehn:

    Er sah die Minnigliche / nun gar herrlich vor sich stehn.


    Von ihrem Kleide leuchtete / mancher edle Stein;

    Ihre rosenrote Farbe / gab wonniglichen Schein.

    Was jemand wünschen mochte, / er mußte doch gestehn,

    Daß er hier auf Erden / noch nicht so Schönes gesehn.


    Wie der lichte Vollmond / vor den Sternen schwebt,

    Des Schein so hell und lauter / sich aus den Wolken hebt,

    So glänzte sie in Wahrheit / vor andern Fraun gut:

    Das mochte wohl erhöhen / den zieren Helden den Mut.


    Die reichen Kämmerlinge / schritten vor ihr her;

    Die hochgemuten Degen / ließen es nicht mehr:

    Sie drängten, daß sie sähen / die minnigliche Maid.

    Siegfried dem Degen / war es lieb und wieder leid.


    Er sann in seinem Sinne: / »Wie dacht ich je daran,

    Daß ich dich minnen sollte? / das ist ein eitler Wahn;

    Soll ich dich aber meiden, / so wär ich sanfter tot.«

    Er ward von Gedanken / oft bleich und oft wieder rot.


    Da sah man den Sieglindensohn / so minniglich da stehn,

    Als wär er entworfen / auf einem Pergamen

    Von guten Meisters Händen: / gern man ihm zugestand,

    Daß man nie im Leben / so schönen Helden noch fand.


    Die mit Kriemhilden gingen, / die hießen aus den Wegen

    Allenthalben weichen: / dem folgte mancher Degen.

    Die hochgetragnen Herzen / freute man sich zu schaun:

    Man sah in hohen Züchten / viel der herrlichen Fraun.


    Da sprach von Burgunden / der König Gernot:

    »Dem Helden, der so gütlich / euch seine Dienste bot,

    Gunther, lieber Bruder, / dem bietet hier den Lohn

    Vor allen diesen Recken: / des Rates spricht man mir nicht Hohn.


    Heißet Siegfrieden / zu meiner Schwester kommen,

    Daß ihn das Mägdlein grüße: / das bringt uns immer Frommen.

    Die niemals Recken grüßte, / soll sein mit Grüßen pflegen,

    Daß wir uns so gewinnen / diesen zierlichen Degen.«


    Des Wirtes Freunde gingen / dahin, wo man ihn fand;

    Sie sprachen zu dem Recken / aus dem Niederland:

    »Der König will erlauben, / ihr sollt zu Hofe gehn:

    Seine Schwester soll euch grüßen: / die Ehre soll euch geschehn.«


    Der Rede war der Degen / in seinem Mut erfreut:

    Er trug in seinem Herzen / Freude sonder Leid,

    Daß er der schönen Ute / Tochter sollte sehn.

    In minniglichen Züchten / empfing sie Siegfrieden schön.


    Als sie den Hochgemuten / vor sich stehen sah,

    Ihre Farbe ward entzündet; / die Schöne sagte da:

    »Willkommen, Herr Siegfried, / ein edler Ritter gut.«

    Da ward ihm von dem Gruße / gar wohl erhoben der Mut.


    Er neigte sich ihr minniglich, / als er den Dank ihr bot.

    Da zwang sie zueinander / sehnender Minne Not;

    Mit liebem Blick der Augen / sahn einander an

    Der Held und auch das Mägdelein, / das ward verstohlen getan.


    Ward da mit sanftem Drucke / geliebkost weiße Hand

    In herzlicher Minne, / das ist mir unbekannt.

    Doch kann ich auch nicht glauben, / sie hättens nicht getan:

    Liebebedürftge Herzen / täten unrecht daran.


    Zu des Sommers Zeiten / und in des Maien Tagen

    Durft er in seinem Herzen / nimmer wieder tragen

    So viel hoher Wonne, / als er da gewann,

    Da die ihm an der Hand ging, / die der Held zu minnen sann.


    Da gedachte mancher Recke: / »Hei! wär mir so geschehn,

    Daß ich so bei ihr ginge, / wie ich ihn gesehn,

    Oder bei ihr läge: / das nähm ich willig hin.«

    Es diente nie ein Recke / so gut noch einer Königin.


    Aus welchen Königs Landen / ein Gast gekommen war,

    Er nahm im ganzen Saale / nur dieser beiden wahr.

    Ihr ward erlaubt zu küssen / den weidlichen Mann:

    Ihm ward in seinem Leben / nie so Liebes getan.


    Von Dänemark der König / hub an und sprach zur Stund:

    »Des hohen Grußes willen / liegt gar mancher wund,

    Wie ich wohl hier gewahre, / von Siegfriedens Hand:

    Gott laß ihn nimmer wieder / kommen in der Dänen Land!«


    Da hieß man allenthalben / weichen aus den Wegen

    Kriemhild der schönen; / manchen kühnen Degen

    Sah man wohlgezogen / mit ihr zur Kirche gehn.

    Bald ward von ihr geschieden / dieser Degen ausersehn.


    Da ging sie zu dem Münster / und mit ihr viel der Fraun.

    Da war in solcher Zierde / die Königin zu schaun,

    Daß da hoher Wünsche / mancher ward verloren!

    Sie war zur Augenweide / viel der Recken auserkoren.


    Kaum erharrte Siegfried, / bis schloß der Meßgesang;

    Er mochte seinem Heile / des immer sagen Dank,

    Daß ihm so gewogen war, / die er im Herzen trug:

    Auch war er der Schönen / nach Verdiensten hold genug.


    Als sie aus dem Münster / nach der Messe kam,

    Lud man wieder zu ihr / den Helden lobesam.

    Da begann ihm erst zu danken / die minnigliche Maid,

    Daß er vor allen Recken / so kühn gefochten im Streit.


    »Nun lohn euch Gott, Herr Siegfried,« / sprach das schöne Kind,

    »Daß ihr das verdientet, / daß euch die Recken sind

    So hold mit ganzer Treue, / wie sie zumal gestehn.«

    Da begann er Frau Kriemhilden / minniglich anzusehn.


    »Stets will ich ihnen dienen,« / sprach Siegfried der Degen,

    »Und will mein Haupt nicht eher / zur Ruhe niederlegen,

    Bis ihr Wunsch geschehen, / so lang mein Leben währt:

    Das tu ich, Frau Kriemhild, / daß ihr mir Minne gewährt.«


    Innerhalb zwölf Tagen, / so oft es neu getagt,

    Sah man bei dem Degen / die wonnigliche Magd,

    So sie zu Hofe durfte / vor ihren Freunden gehn.

    Der Dienst war dem Recken / aus großer Liebe geschehn.


    Freude und Wonne / und lauten Schwerterschall

    Vernahm man alle Tage / vor König Gunthers Saal,

    Davor und darinnen, / von manchem kühnen Mann.

    Von Ortwein und Hagen / wurden Wunder viel getan.


    Was man zu üben wünschte, / dazu sah man bereit

    In völligem Maße / die Degen kühn im Streit.

    Da machten vor den Gästen / die Recken sich bekannt;

    Es war eine Zierde / König Gunthers ganzem Land.


    Die lange wund gelegen, / wagten sich an den Wind:

    Sie wollten kurzweilen / mit des Königs Ingesind,

    Schirmen mit den Schilden / und schießen manchen Schaft.

    Des halfen ihnen viele; / sie hatten größliche Kraft.


    Bei dem Hofgelage / ließ sie der Wirt verpflegen

    Mit der besten Speise; / es durfte sich nicht regen

    Nur der kleinste Tadel, / der Fürsten mag entstehn;

    Man sah ihn jetzo freundlich / hin zu seinen Gästen gehn.


    Er sprach: »Ihr guten Recken, / bevor ihr reitet hin,

    So nehmt meine Gaben: / also steht mein Sinn,

    Ich will euch immer danken; / verschmäht nicht mein Gut:

    Es unter euch zu teilen / hab ich willigen Mut.«


    Die vom Dänenlande / sprachen gleich zur Hand:

    »Bevor wir wieder reiten / heim in unser Land,

    Gewährt uns steten Frieden: / das ist uns Recken not:

    Uns sind von euern Degen / viel der lieben Freunde tot.«


    Genesen von den Wunden / war Lüdegast derweil;

    Der Vogt des Sachsenlandes / war bald vom Kampfe heil.

    Etliche Tote / ließen sie im Land.

    Da ging der König Gunther / hin, wo er Siegfrieden fand.


    Er sprach zu dem Recken: / »Nun rat mir, wie ich tu.

    Unsre Gäste wollen / reiten morgen fruh

    Und gehn um stete Sühne / mich und die Meinen an:

    Nun rat, kühner Degen, / was dich dünke wohlgetan.


    Was mir die Herren bieten, / das will ich dir sagen:

    Was fünfhundert Mähren / an Gold mögen tragen,

    Das bieten sie mir gerne / für ihre Freiheit an.«

    Da sprach aber Siegfried: / »Das wär übel getan.


    Ihr sollt sie beide ledig / von hinnen lassen ziehn;

    Nur daß die edeln Recken / sich hüten fürderhin

    Vor feindlichem Reiten / her in euer Land,

    Laßt euch zu Pfande geben / der beiden Könige Hand.«


    »Dem Rat will ich folgen.« / So gingen sie hindann.

    Seinen Widersachern / ward es kundgetan,

    Des Golds begehre niemand, / das sie geboten eh.

    Daheim den lieben Freunden / war nach den Heermüden weh.


    Viel Schilde schatzbeladen / trug man da herbei:

    Das teilt' er ungewogen / seinen Freunden frei,

    An fünfhundert Marken / und manchem wohl noch mehr.

    Gernot riet es Gunthern, / dieser Degen kühn und hehr.


    Um Urlaub baten alle, / sie wollten nun hindann.

    Da kamen die Gäste / vor Kriemhild heran

    Und dahin auch, wo Frau Ute / saß, die Königin.

    Es zogen nie mehr Degen / so wohl beurlaubt dahin.


    Die Herbergen leerten sich, / als sie von dannen ritten.

    Doch verblieb im Lande / mit herrlichen Sitten

    Der König mit den Seinen / und mancher edle Mann:

    Die gingen alle Tage / zu Frau Kriemhild heran.


    Da wollt auch Urlaub nehmen / Siegfried der gute Held,

    Verzweifelnd zu erwerben, / worauf sein Sinn gestellt.

    Der König hörte sagen, / er wolle nun hindann:

    Geiselher der junge / ihn von der Reise gewann.


    »Wohin, edler Siegfried: / wohin reitet ihr?

    Hört meine Bitte, / bleibt bei den Recken hier,

    Bei Gunther dem König / und bei seinem Lehn:

    Hier sind viel schöne Frauen, / die läßt man euch gerne sehn.«


    Da sprach der starke Siegfried: / »So laßt die Rosse stehn.

    Von hinnen wollt ich reiten, / das laß ich mir vergehn.

    Tragt auch hinweg die Schilde; / wohl wollt ich in mein Land:

    Davon hat mich Herr Geiselher / mit großen Treuen gewandt.«


    So verblieb der Kühne / dem Freund zuliebe dort.

    Auch wär ihm in den Landen / an keinem andern Ort

    So wohl als hier geworden: / daher es nun geschah,

    Daß er alle Tage / die schöne Kriemhild ersah.


    Ihrer hohen Schönheit willen / der Degen da verblieb.

    Mit mancher Kurzweile / man nun die Zeit vertrieb;

    Nur zwang ihn ihre Minne, / die schuf ihm oftmals Not:

    Darum hernach der Kühne / lag zu großem Jammer tot.

    „Ich bin so etwas wie ein Antikörper der New-Age-Bewegung. Meine Funktion besteht darin, auf die Möglichkeit aufmerksam zu machen, hey, weißt du, einiges von all dem Kram könnte auch riesengroßer Quatsch sein!“


    Ceterum censeo progeniem hominum esse deminuendam.

  • Sechstes Abenteuer


    Wie Gunther um Brunhild gen Isenland fuhr


    Wieder neue Märe / erhob sich über Rhein:

    Man sagte sich, da wäre / manch schönes Mägdelein.

    Sich eins davon zu werben, / sann König Gunthers Mut;

    Das dauchte seine Recken / und die Herren alle gut.


    Es war eine Königin / gesessen über Meer,

    Ihr zu vergleichen / war keine andre mehr.

    Schön war sie aus der Maßen / und groß ihre Kraft;

    Sie schoß mit schnellen Degen / um ihre Minne den Schaft.


    Den Stein warf sie ferne, / nach dem sie weithin sprang;

    Wer ihrer Minne gehrte, / der mußte sonder Wank

    Drei Spiel ihr abgewinnen, / der Frauen wohlgeboren;

    Gebrach es ihm an einem, / so war das Haupt ihm verloren.


    Die Königstochter hatte / das manches Mal getan.

    Das erfuhr am Rheine / ein Ritter wohlgetan,

    Der seine Sinne wandte / auf das schöne Weib.

    Drum mußten bald viel Degen / verlieren Leben und Leib.


    Als einst mit seinen Leuten / saß der König hehr,

    Ward es von allen Seiten / beraten hin und her,

    Welche ihr Herr sich sollte / zum Gemahl erschaun,

    Die er zum Weibe wollte / und dem Land geziemte zur Fraun.


    Da sprach der Vogt vom Rheine: / »Ich will an die See

    Hin zu Brunhilden, / wie es mir ergeh:

    Um ihre Minne wag ich / Leben und Leib,

    Die will ich verlieren, / gewinn ich nicht sie zum Weib.«


    »Das möcht ich widerraten,« / sprach Siegfried wider ihn:

    »So grimmiger Sitte / pflegt die Königin,

    Um ihre Minne werben, / das kommt hoch zu stehn:

    Drum mögt ihrs wohl entraten, / auf diese Reise zu gehn.«


    Da sprach der König Gunther: / »Ein Weib ward noch nie

    So stark und kühn geboren, / im Streit wollt ich sie

    Leichtlich überwinden / allein mit meiner Hand.«

    »Schweigt,« sprach da Siegfried, / »sie ist euch noch unbekannt.


    Und wären eurer viere, / die könnten nicht gedeihn

    Vor ihrem grimmen Zorne: / drum laßt den Willen sein,

    Das rat ich euch in Treuen: / entgeht ihr gern dem Tod,

    So macht um ihre Minne / euch nicht vergebliche Not.«


    »Sei sie so stark sie wolle, / die Reise muß ergehn

    Hin zu Brunhilden, / mag mir, was will, geschehn.

    Ihrer hohen Schönheit willen / gewagt muß es sein:

    Vielleicht daß Gott mir füget, / daß sie uns folgt an den Rhein.«


    »So will ich euch raten,« / begann da Hagen,

    »Bittet Siegfrieden / mit euch zu tragen

    Die Last dieser Sorge; / das ist der beste Rat,

    Weil er von Brunhilden / so gute Kunde doch hat.«


    Er sprach: »Viel edler Siegfried, / willst du mir Helfer sein,

    Zu werben um die Schöne? / Tu nach der Bitte mein;

    Und gewinn ich mir zur Trauten / das herrliche Weib,

    So verwag ich deinetwillen / Ehre, Leben und Leib.«


    Zur Antwort gab ihm Siegfried, / König Siegmunds Sohn:

    »Ich will es tun, versprichst du / die Schwester mir zum Lohn,

    Kriemhild die schöne, / eine Königin hehr:

    Sonst keines Lohns begehr ich / nach meinen Arbeiten mehr.«


    »Das gelob ich,« sprach Gunther, / »Siegfried, dir an die Hand.

    Und kommt die schöne Brunhild / her in dieses Land,

    So will ich dir zum Weibe / meine Schwester geben:

    So magst du mit der Schönen / immer in Freuden leben.«


    Des schwuren sich Eide / diese Recken hehr.

    Da schuf es ihnen beiden / viel Müh und Beschwer,

    Eh sie die Wohlgetane / brachten an den Rhein.

    Es mußten die Kühnen / darum in großen Sorgen sein.


    Von wilden Gezwergen / hab ich hören sagen,

    Daß sie in hohlen Bergen / wohnen und Schirme tragen,

    Die heißen Tarnkappen, / von wunderbarer Art;

    Wer sie am Leibe trage, / der sei gar wohl darin bewahrt


    Vor Schlägen und vor Stichen; / ihn mög auch niemand sehn,

    So lang er drin verweile; / hören doch und spähn

    Mag er nach seinem Willen, / daß niemand ihn erschaut;

    Ihm wachsen auch die Kräfte, / wie uns die Märe vertraut.


    Die Tarnkappe führte / nun Siegfried mit hindann,

    Die der kühne Degen / mit Sorgen einst gewann

    Von einem Gezwerge / mit Namen Alberich.

    Da schickten sich zur Reise / Recken kühn und ritterlich.


    Wenn der starke Siegfried / die Tarnkappe trug,

    So gewann er drinnen / der Kräfte genug,

    Zwölf Männer Stärke; / so wird uns gesagt.

    Er erwarb mit großen Listen / diese herrliche Magd.


    Auch war so beschaffen / die Nebelkappe gut,

    Ein jeder mochte drinnen / tun nach seinem Mut,

    Was er immer wollte, / daß ihn doch niemand sah.

    Damit gewann er Brunhild, / durch die ihm bald viel Leid geschah.


    »Nun sage mir, Siegfried, / eh unsre Fahrt gescheh,

    Wie wir mit vollen Ehren / kommen über See?

    Sollen wir Ritter führen / in Brunhildens Land?

    Dreißigtausend Degen, / die werden eilends besandt.«


    »Wie viel wir Volkes führten,« / sprach Siegfried wider ihn,

    »So grimmiger Sitte / pflegt die Königin,

    Das müßte doch ersterben / vor ihrem Übermut.

    Ich will euch besser raten, / Degen ihr, kühn und gut.


    In Reckenweise fahren / laßt uns zu Tal den Rhein.

    Die will ich euch nennen, / die das sollen sein:

    Zu uns zwein noch zweie / und niemand anders mehr,

    Daß wir die Frau erwerben, / was auch geschehe nachher.


    Der Gesellen bin ich einer, / du sollst der andre sein,

    Und Hagen der dritte: / wir mögen wohl gedeihn;

    Der vierte, das sei Dankwart, / dieser kühne Mann.

    Es dürfen andrer tausend / zum Streite nimmer uns nahn.«


    »Die Märe wüßt ich gerne,« / der König sprach da so,

    »Eh wir von hinnen führen, / des wär ich herzlich froh,

    Was wir für Kleider sollten / vor Brunhilden tragen,

    Die uns geziemen möchten: / Siegfried, das sollst du mir sagen.«


    »Gewand, das allerbeste, / das man irgend fand,

    Trägt man zu allen Zeiten / in Brunhildens Land:

    Drum laß uns reiche Kleider / vor den Frauen tragen,

    Daß wirs nicht Schande haben, / hört man künftig von uns sagen.«


    Da sprach der gute Degen: / »So will ich selber gehn

    Zu meiner lieben Mutter, / ob es nicht mag geschehn,

    Daß ihre schönen Mägde / uns schaffen solch Gewand,

    Das wir mit Ehren tragen / in der hehren Jungfrau Land.«


    Da sprach von Tronje Hagen / mit herrlichen Sitten:

    »Was wollt ihr eure Mutter / um solche Dienste bitten?

    Laßt eure Schwester hören / euern Sinn und Mut:

    Die ist so kunstreich, / unsre Kleider werden gut.«


    Da entbot er seiner Schwester, / er wünsche sie zu sehn

    Und auch der Degen Siegfried. / Eh sie das ließ geschehn,

    Da hatte sich die Schöne / geschmückt mit reichem Kleid.

    Daß die Herren kamen, / schuf ihr wenig Herzeleid.


    Da war auch ihr Gesinde / geziert nach seinem Stand.

    Die Fürsten kamen beide; / als sie das befand,

    Erhob sie sich vom Sitze: / wie höfisch sie da ging,

    Als sie den edeln Fremdling / und ihren Bruder empfing!


    »Willkommen sei mein Bruder / und der Geselle sein.

    Nun möcht ich gerne wissen,« / sprach das Mägdelein,

    »Was euch Herrn geliebe, / daß ihr zu Hofe kommt:

    Laßt mich doch hören, / was euch edeln Recken frommt.«


    Da sprach König Gunther: / »Frau, ich wills euch sagen:

    Wir müssen große Sorge / bei hohem Mute tragen;

    Wir wollen werben reiten / fern in fremdes Land

    Und hätten zu der Reise / gerne zierlich Gewand.«


    »Nun sitzt, lieber Bruder,« / sprach das Königskind,

    »Und laßt mich erst erfahren, / wer die Frauen sind,

    Die ihr begehrt zu minnen / in fremder Könge Land.«

    Die Auserwählten beide / nahm das Mägdlein bei der Hand:


    Hin ging sie mit den beiden, / wo sie gesessen war

    Auf prächtgen Ruhebetten, / das glaubt mir fürwahr,

    Mit eingewirkten Bildern, / in Gold wohl erhaben.

    Sie mochten bei der Frauen / gute Kurzweile haben.


    Freundliche Blicke / und gütliches Sehn,

    Des mochte von den beiden / da wohl viel geschehn.

    Er trug sie in dem Herzen, / sie war ihm wie sein Leben.

    Er erwarb mit großem Dienste, / daß sie ihm ward zu Weib gegeben.


    Da sprach der edle König: / »Viel liebe Schwester mein,

    Ohne deine Hilfe / kann es nimmer sein.

    Wir wollen abenteuern / in Brunhildens Land;

    Da müssen wir vor Frauen / tragen herrlich Gewand.«


    Da sprach die Königstochter: / »Viel lieber Bruder mein,

    Kann euch an meiner Hilfe / dabei gelegen sein,

    So sollt ihr inne werden, / ich bin dazu bereit;

    Versagte sie ein andrer euch, / das wäre Kriemhilden leid.


    Ihr sollt mich, edler Ritter, / nicht in Sorgen bitten,

    Ihr sollt mir gebieten / mit herrlichen Sitten;

    Was euch gefallen möge, / dazu bin ich bereit

    Und tu's mit gutem Willen,« / sprach die wonnigliche Maid.


    »Wir wollen, liebe Schwester, / tragen gut Gewand:

    Das soll bereiten helfen / eure weiße Hand.

    Laßt eure Mägdlein sorgen, / daß es uns herrlich steht,

    Da man uns diese Reise / doch vergebens widerrät.«


    Da begann die Jungfrau: / »Nun hört, was ich sage:

    Wir haben selber Seide; / befehlt, daß man uns trage

    Gestein auf den Schilden, / so schaffen wir das Kleid,

    Das ihr mit Ehren traget / vor der herrlichen Maid.«


    »Wer sind die Gesellen,« / sprach die Königin,

    »Die mit euch gekleidet / zu Hofe sollen ziehn?«

    »Das bin ich selbvierter: / noch zwei aus meinem Lehn,

    Dankwart und Hagen, / sollen mit uns zu Hofe gehn.


    Nun merkt, liebe Schwester, / wohl, was wir euch sagen:

    Sorgt, daß wir vier Gesellen / zu vier Tagen tragen

    Je der Kleider dreierlei / und also gut Gewand,

    Daß wir ohne Schande / räumen Brunhildens Land.«


    Das gelobte sie den Recken; / die Herren schieden hin.

    Da berief der Jungfraun / Kriemhild die Königin

    Aus ihrer Kemenate / dreißig Mägdelein,

    Die gar sinnreich mochten / zu solcher Kunstübung sein.


    In arabische Seide, / so weiß als der Schnee,

    Und gute Zazamanker, / so grün als der Klee,

    Legten sie Gesteine: / das gab ein gut Gewand;

    Kriemhild die schöne / schnitts mit eigener Hand.


    Von seltner Fische Häuten / Bezüge wohlgetan,

    Zu schauen fremd den Leuten, / soviel man nur gewann,

    Bedeckten sie mit Seide: / darein ward Gold getragen:

    Man mochte große Wunder / von den lichten Kleidern sagen.


    Aus dem Land Marocco / und auch von Libya

    Der allerbesten Seide, / die man jemals sah

    Königskinder tragen, / der hatten sie genug.

    Wohl ließ sie Kriemhild schauen, / wie sie Liebe für sie trug.


    Da sie so teure Kleider / begehrt zu ihrer Fahrt,

    Hermelinfelle / wurden nicht gespart,

    Darauf von Kohlenschwärze / mancher Flecken lag;

    Das trügen schnelle Helden / noch gern bei einem Hofgelag.


    Aus arabischem Golde / glänzte mancher Stein;

    Der Frauen Unmuße / war nicht zu klein.

    Sie schufen die Gewande / in sieben Wochen Zeit;

    Da war auch ihr Gewaffen / den guten Degen bereit.


    Als sie gerüstet standen, / sah man auf dem Rhein

    Fleißiglich gezimmert / ein starkes Schiffelein,

    Das sie da tragen sollte / hernieder an die See.

    Den edeln Jungfrauen / war von Arbeiten weh.


    Da sagte man den Recken, / es sei für sie zur Hand,

    Das sie tragen sollten, / das zierliche Gewand.

    Was sie erbeten hatten, / das war nun geschehn:

    Da wollten sie nicht länger / mehr am Rheine bestehn.


    Zu den Heergesellen / ein Bote ward gesandt,

    Ob sie schauen wollten / ihr neues Gewand,

    Ob es den Helden wäre / zu kurz oder lang.

    Es war von rechtem Maße; / des sagten sie den Frauen Dank.


    Vor wen sie immer kamen, / die mußten all gestehn,

    Sie hätten nie auf Erden / schöner Gewand gesehn.

    Drum mochten sie es gerne / da zu Hofe tragen:

    Von besserm Ritterstaate / wußte niemand mehr zu sagen.


    Den edeln Maiden wurde / höchlich Dank gesagt.

    Da baten um Urlaub / die Recken unverzagt;

    In ritterlichen Züchten / taten die Herren das.

    Da wurden lichte Augen / getrübt von Weinen und naß.


    Sie sprach: »Viel lieber Bruder, / ihr bliebet besser hier

    Und würbt andre Frauen, / klüger schien' es mir,

    Wo ihr nicht wagen müßtet / Leben und Leib.

    Ihr fändet in der Nähe / wohl ein so hochgeboren Weib.«


    Sie ahnten wohl im Herzen / ihr künftig Ungemach:

    Sie mußten alle weinen, / was da auch einer sprach.

    Das Gold von ihren Brüsten / ward von Tränen fahl:

    Die fielen ihnen dichte / von den Augen zu Tal.


    Da sprach sie: »Herr Siegfried, / laßt euch befohlen sein

    Auf Treu und auf Gnade / den lieben Bruder mein,

    Daß ihn nichts gefährde / in Brunhildens Land.«

    Da versprach der Kühne / Frau Kriemhilden in die Hand.


    Da sprach der edle Degen: / »So lang mein Leben währt,

    So bleibt von allen Sorgen, / Herrin, unbeschwert:

    Ich bring ihn euch geborgen / wieder an den Rhein.

    Das glaubt bei Leib und Leben.« / Da dankt' ihm schön das Mägdelein.


    Die goldroten Schilde / trug man an den Strand

    Und schaffte zu dem Schiffe / all ihr Rüstgewand;

    Ihre Rosse ließ man bringen: / sie wollten nun hindann.

    Wie da von schönen Frauen / so großes Weinen begann!


    Da stellte sich ins Fenster / manch minnigliches Kind.

    Das Schiff mit seinem Segel / ergriff ein hoher Wind.

    Die stolzen Heergesellen / saßen auf dem Rhein;

    Da sprach der König Gunther: / »Wer soll nun Schiffmeister sein?«


    »Das will ich!« sprach Siegfried: / »ich kann euch auf der Flut

    Wohl von hinnen führen, / das wißt, Helden, gut;

    Die rechten Wasserstraßen / sind mir wohl bekannt.«

    So schieden sie mit Freuden / aus der Burgunden Land.


    Eine Ruderstange / Siegfried ergriff:

    Vom Gestade schob er / kräftig das Schiff.

    Gunther der kühne / ein Ruder selber nahm.

    Da huben sich vom Lande / die schnellen Ritter lobesam.


    Sie führten reichlich Speise, / dazu guten Wein,

    Den besten, den sie finden / mochten um den Rhein.

    Ihre Rosse standen / still in guter Ruh;

    Das Schiff ging so eben, / kein Ungemach stieß ihnen zu.


    Ihre starken Segelseile / streckte die Luft mit Macht;

    Sie fuhren zwanzig Meilen, / eh niedersank die Nacht,

    Mit günstigem Winde / nieder nach der See;

    Ihr starkes Arbeiten / tat noch schönen Frauen weh.


    An dem zwölften Morgen, / wie wir hören sagen,

    Da hatten sie die Winde / weit hinweggetragen

    Nach Isenstein der Feste / in Brunhildens Land,

    Das ihrer keinem / außer Siegfried bekannt.


    Als der König Gunther / so viel der Burgen sah

    Und auch der weiten Marken, / wie bald sprach er da:

    »Nun sagt mir, Freund Siegfried, / ist euch das bekannt?

    Wem sind diese Burgen / und wem das herrliche Land?


    Ich hab all mein Leben, / das muß ich wohl gestehn,

    So wohlgebauter Burgen / nie so viel gesehn

    Irgend in den Landen, / als wir hier ersahn:

    Der sie erbauen konnte, / war wohl ein mächtiger Mann.«


    Zur Antwort gab ihm Siegfried: / »Das ist mir wohl bekannt;

    Brunhilden sind sie, / die Burgen wie das Land

    Und Isenstein die Feste, / glaubt mir fürwahr:

    Da mögt ihr heute schauen / schöner Frauen große Schar.


    Ich will euch Helden raten: / seid all von einem Mut

    Und sprecht in gleichem Sinne, / so dünkt es mich gut:

    Denn wenn wir heute / vor Brunhilden gehn,

    So müssen wir in Sorgen / vor der Königstochter stehn.


    Wenn wir die Minnigliche / bei ihren Leuten sehn,

    Sollt ihr erlauchte Helden / nur einer Rede stehn:

    Gunther sei mein Lehnsherr / und ich ihm untertan,

    So wird ihm sein Verlangen / nach seinem Wunsche getan.«


    Sie waren all willfährig / zu tun, wie er sie hieß:

    In seinem Übermute / es auch nicht einer ließ.

    Sie sprachen, wie er wollte; / wohl frommt' es ihnen da,

    Als der König Gunther / die schöne Brunhild ersah.


    »Wohl tu ichs nicht so gerne / dir zu lieb allein

    Als um deine Schwester, / das schöne Mägdelein.

    Die ist mir wie die Seele / und wie mein eigner Leib;

    Ich will es gern verdienen, / daß sie werde mein Weib.«

    „Ich bin so etwas wie ein Antikörper der New-Age-Bewegung. Meine Funktion besteht darin, auf die Möglichkeit aufmerksam zu machen, hey, weißt du, einiges von all dem Kram könnte auch riesengroßer Quatsch sein!“


    Ceterum censeo progeniem hominum esse deminuendam.

  • Siebentes Abenteuer


    Wie Gunther Brunhilden gewann


    Ihr Schifflein unterdessen / war auf dem Meer

    Zur Burg herangeflossen: / da sah der König hehr

    Oben in den Fenstern / manche schöne Maid.

    Daß er sie nicht erkannte, / das war in Wahrheit ihm leid.


    Er fragte Siegfrieden, / den Gesellen sein:

    »Hättet ihr wohl Kunde / um diese Mägdelein,

    Die dort hernieder schauen / nach uns auf die Flut?

    Wie ihr Herr auch heiße, / so tragen sie hohen Mut.«


    Da sprach der kühne Siegfried: / »Nun sollt ihr heimlich spähn

    Nach den Jungfrauen / und sollt mir dann gestehn,

    Welche ihr nehmen wolltet, / wär euch die Wahl verliehn.«

    »Das will ich,« sprach Gunther, / dieser Ritter schnell und kühn.


    »So schau ich ihrer eine / in jenem Fenster an,

    Im schneeweißen Kleide, / die ist so wohlgetan:

    Die wählen meine Augen; / so schön ist sie von Leib.

    Wenn ich gebieten dürfte, / sie müßte werden mein Weib.«


    »Dir hat recht erkoren / deiner Augen Schein:

    Es ist die edle Brunhild, / das schöne Mägdelein,

    Nach der das Herz dir ringet, / der Sinn und auch der Mut.«

    All ihr Gebaren / dauchte König Gunthern gut.


    Da hieß die Königstochter / von den Fenstern gehn

    Die minniglichen Maide: / sie sollten da nicht stehn

    Zum Anblick für die Fremden; / sie folgten unverwandt.

    Was da die Frauen taten, / das ist uns auch wohl bekannt.


    Sie zierten sich entgegen / den unkunden Herrn,

    Wie es immer taten / schöne Frauen gern.

    Dann an die engen Fenster / traten sie heran,

    Wo sie die Helden sahen: / das ward aus Neugier getan.


    Nur ihrer viere waren, / die kamen in das Land:

    Siegfried der kühne / ein Roß zog auf den Strand.

    Das sahen durch die Fenster / die schönen Frauen an;

    Große Ehre dauchte / sich König Gunther getan.


    Er hielt ihm bei dem Zaume / das zierliche Roß,

    Das war gut und stattlich, / stark dazu und groß,

    Bis der König Gunther / fest im Sattel saß.

    Also dient' ihm Siegfried, / was er hernach doch ganz vergaß.


    Dann zog er auch das seine / aus dem Schiff heran;

    Er hatte solche Dienste / gar selten sonst getan,

    Daß er am Steigreif / Helden gestanden wär.

    Das sahen durch die Fenster / die schönen Frauen hehr.


    Es war in gleicher Weise / den Helden allbereit

    Von schneeblanker Farbe / das Roß und auch das Kleid,

    Dem einen wie dem andern, / und schön der Schilde Rand:

    Die warfen hellen Schimmer / an der edeln Recken Hand.


    Ihre Sättel wohlgesteinet, / die Brustriemen schmal:

    So ritten sie herrlich / vor Brunhildens Saal;

    Daran hingen Schellen / von lichtem Golde rot.

    Sie kamen zu dem Lande, / wie ihr Hochsinn gebot,


    Mit Speeren neu geschliffen, / mit wohlgeschaffnem Schwert,

    Das bis auf die Sporen / ging den Helden wert;

    Die Wohlgemuten führten / es scharf genug und breit.

    Das alles sah Brunhild, / diese herrliche Maid.


    Mit ihnen kam auch Dankwart / und sein Bruder Hagen:

    Diese beiden trugen, / wie wir hören sagen,

    Von rabenschwarzer Farbe / reichgewirktes Kleid;

    Neu waren ihre Schilde, / gut, dazu auch lang und breit.


    Von India dem Lande / trugen sie Gestein,

    Das warf an ihrem Kleide / auf und ab den Schein.

    Sie ließen unbehütet / das Schifflein bei der Flut;

    So ritten nach der Feste / die Helden kühn und gut.


    Sechsundachtzig Türme / sahn sie darin zumal,

    Drei weite Pfalzen / und einen schönen Saal

    Von edelm Marmelsteine, / so grün wie das Gras,

    Darin die Königstochter / mit ihrem Ingesinde saß.


    Die Burg war erschlossen / und weithin aufgetan.

    Brunhildens Mannen / liefen alsbald heran

    Und empfingen die Gäste / in ihrer Herrin Land.

    Die Rosse nahm man ihnen / und die Schilde von der Hand.


    Da sprach der Kämmrer einer: / »Gebt uns euer Schwert

    Und die lichten Panzer.« / »Das wird euch nicht gewährt,«

    Sprach Hagen von Tronje; / »wir wollens selber tragen.«

    Da begann ihm Siegfried / von des Hofs Gebrauch zu sagen:


    »In dieser Burg ist Sitte, / das will ich euch sagen,

    Keine Waffen dürfen / da die Gäste tragen:

    Laßt sie von hinnen bringen, / das ist wohlgetan.«

    Ihm folgte wider Willen / Hagen, König Gunthers Mann.


    Man ließ den Gästen schenken / und schaffen gute Ruh.

    Manchen schnellen Recken / sah man dem Hofe zu

    Allenthalben eilen / in fürstlichem Gewand;

    Doch wurden nach den Kühnen / ringsher die Blicke gesandt.


    Nun wurden auch Brunhilden / gesagt die Mären,

    Daß unbekannte Recken / gekommen wären

    In herrlichem Gewande / geflossen auf der Flut.

    Da begann zu fragen / diese Jungfrau schön und gut:


    »Ihr sollt mich hören lassen,« / sprach das Mägdelein,

    »Wer die unbekannten / Recken mögen sein,

    Die ich dort stehen sehe / in meiner Burg so hehr,

    Und wem zulieb die Helden / wohl gefahren sind hieher.«


    Des Gesindes sprach da einer: / »Frau, ich muß gestehn,

    Daß ich ihrer keinen / je zuvor gesehn;

    Doch einer steht darunter, / der Siegfrieds Weise hat:

    Den sollt ihr wohl empfangen, / das ist in Treuen mein Rat.


    Der andre der Gesellen / gar löblich dünkt er mich;

    Wenn er die Macht besäße, / zum König ziemt' er sich

    Ob weiten Fürstenlanden, / sollt er die versehn.

    Man sieht ihn bei den andern / so recht herrlich da stehn.


    Der dritte der Gesellen, / der hat herben Sinn,

    Doch schönen Wuchs nicht minder, / reiche Königin.

    Die Blicke sind gewaltig, / deren so viel er tut:

    Er trägt in seinem Sinne, / wähn ich, grimmigen Mut.


    Der jüngste darunter, / gar löblich dünkt er mich:

    Man sieht den reichen Degen / so recht minniglich

    In jungfräulicher Sitte / und edler Haltung stehn:

    Wir müßtens alle fürchten, / wär ihm ein Leid hier geschehn.


    So freundlich er gebare, / so wohlgetan sein Leib,

    Er brächte doch zum Weinen / manch weidliches Weib,

    Wenn er zürnen sollte; / sein Wuchs ist wohl so gut,

    Er ist an allen Tugenden / ein Degen kühn und wohlgemut.«


    Da sprach die Königstochter: / »Nun bringt mir mein Gewand:

    Und ist der starke Siegfried / gekommen in mein Land

    Um meiner Minne willen, / es geht ihm an den Leib:

    Ich fürcht ihn nicht so heftig, / daß ich würde sein Weib.«


    Brunhild die schöne / trug bald erlesen Kleid.

    Auch gab ihr Geleite / manche schöne Maid,

    Wohl hundert oder drüber, / sie all in reicher Zier.

    Die Gäste kam zu schauen / manches edle Weib mit ihr.


    Bei ihnen gingen / Degen aus Isenland,

    Brunhildens Recken, / die Schwerter in der Hand,

    Fünfhundert oder drüber; / das war den Gästen leid.

    Sich hoben von den Sitzen / die kühnen Helden allbereit.


    Als die Königstochter / Siegfrieden sah,

    Wohlgezogen sprach sie / zu dem Gaste da:

    »Seid willkommen, Siegfried, / hier in diesem Land.

    Was meint eure Reise? / das macht mir, bitt ich, bekannt.«


    »Viel Dank laßt euch sagen, / Frau Brunhild,

    Daß ihr mich geruht zu grüßen, / Fürstentochter mild,

    Vor diesem edeln Recken, / der hier vor mir steht:

    Denn der ist mein Lehnsherr; / der Ehre Siegfried wohl enträt.


    Er ist am Rheine König; / was soll ich sagen mehr?

    Dir nur zuliebe / fuhren wir hieher.

    Er will dich gerne minnen, / was ihm geschehen mag.

    Nun bedenke dich beizeiten: / mein Herr läßt nimmermehr nach.


    Er ist geheißen Gunther, / ein König reich und hehr.

    Erwirbt er deine Minne, / nicht mehr ist sein Begehr.

    Deinthalb mit ihm / tat ich diese Fahrt;

    Wenn er mein Herr nicht wäre, / ich hätt es sicher gespart.«


    Sie sprach: »Wenn er dein Herr ist / und du in seinem Lehn,

    Will er, die ich erteile, / meine Spiele dann bestehn

    Und bleibt darin der Meister, / so werd ich sein Weib;

    Doch ists, daß ich gewinne, / es geht euch allen an den Leib.«


    Da sprach von Tronje Hagen: / »So zeig uns, Königin,

    Was ihr für Spiel' erteilet. / Eh euch den Gewinn

    Mein Herr Gunther ließe, / so müßt es übel sein:

    Er mag wohl noch erwerben / ein so schönes Mägdelein.«


    Den Stein soll er werfen / und springen darnach,

    Den Speer mit mir schießen: / drum sei euch nicht zu jach.

    Ihr verliert hier mit der Ehre / Leben leicht und Leib:

    »Drum mögt ihr euch bedenken,« / sprach das minnigliche Weib.


    Siegfried der schnelle / ging zu dem König hin

    Und bat ihn frei zu reden / mit der Königin

    Ganz nach seinem Willen; / angstlos soll er sein:

    »Ich will dich wohl behüten / vor ihr mit den Listen mein.«


    Da sprach der König Gunther: / »Königstochter hehr,

    Erteilt mir, was ihr wollet, / und wär es auch noch mehr:

    Eurer Schönheit willen / bestünd ich alles gern.

    Mein Haupt will ich verlieren, / gewinnt ihr mich nicht zum Herrn.«


    Als da seine Rede / vernahm die Königin,

    Bat sie, wie ihr ziemte, / das Spiel nicht zu verziehn.

    Sie ließ sich zum Streite / bringen ihr Gewand,

    Einen goldnen Panzer / und einen guten Schildesrand.


    Ein seiden Waffenhemde / zog sie an, die Maid,

    Das ihr keine Waffe / verletzen konnt im Streit,

    Von Zeugen wohlgeschaffen / aus Libya dem Land:

    Lichtgewirkte Borten / erglänzten rings an dem Rand.


    Derweil hatt ihr Übermut / den Gästen schwer gedräut.

    Dankwart und Hagen, / die standen unerfreut.

    Wie es dem Herrn erginge, / sorgte sehr ihr Mut.

    Sie dachten: »Unsre Reise / bekommt uns Recken nicht gut.«


    Derweilen ging Siegfried, / der listige Mann,

    Eh es wer bemerkte, / an das Schiff heran,

    Wo er die Tarnkappe / verborgen liegen fand,

    In die er hurtig schlüpfte: / da war er niemand bekannt.


    Er eilte bald zurücke / und fand hier Recken viel:

    Die Königin erteilte / da ihr hohes Spiel.

    Da ging er hin verstohlen, / und daß ihn niemand sah

    Von allen, die da waren, / was durch Zauber geschah.


    Es war ein Kreis gezogen, / wo das Spiel geschehn

    Vor kühnen Recken sollte, / die es wollten sehn.

    Wohl siebenhundert / sah man Waffen tragen:

    Wer das Spiel gewänne, / das sollten sie nach Wahrheit sagen


    Da war gekommen Brunhild, / die man gewaffnet fand,

    Als ob sie streiten wolle / um aller Könge Land.

    Wohl trug sie auf der Seide / viel Golddrähte fein;

    Ihre minnigliche Farbe / gab darunter holden Schein.


    Nun kam ihr Gesinde, / das trug herbei zuhand

    Aus allrotem Golde / einen Schildesrand

    Mit hartem Stahlbeschlage, / mächtig groß und breit,

    Worunter spielen wollte / diese minnigliche Maid.


    An einer edeln Borte / ward der Schild getragen,

    Auf der Edelsteine, / grasgrüne, lagen;

    Die tauschten mannigfaltig / Gefunkel mit dem Gold.

    Er bedurfte großer Kühnheit, / dem die Jungfrau wurde hold.


    Der Schild war untern Buckeln / so ward uns gesagt,

    Von dreier Spannen Dicke; / den trug hernach die Magd.

    An Stahl und auch an Golde / war er reich genug,

    Den ihrer Kämmrer einer / mit Mühe selbvierter trug.


    Als der starke Hagen / den Schild hertragen sah,

    In großem Unmute / sprach der Tronjer da:

    »Wie nun, König Gunther? / An Leben gehts und Leib:

    Die ihr begehrt zu minnen, / die ist ein teuflisches Weib.«


    Hört noch von ihren Kleidern: / deren hatte sie genug.

    Von Azagauger Seide / einen Wappenrock sie trug,

    Der kostbar war und edel; / daran warf hellen Schein

    Von der Königstochter / gar mancher herrliche Stein.


    Da brachten sie der Frauen / mächtig und breit

    Einen scharfen Wurfspieß; / den verschoß sie allezeit,

    Stark und ungefüge, / groß dazu und schwer.

    An seinen beiden Seiten / schnitt gar grimmig der Speer.


    Von des Spießes Schwere / höret Wunder sagen:

    Wohl hundert Pfund Eisen / war dazu verschlagen.

    Ihn trugen mühsam dreie / von Brunhildens Heer:

    Gunther der edle / rang mit Sorgen da schwer.


    Er dacht in seinem Sinne: / »Was soll das sein hier?

    Der Teufel aus der Hölle, / wie schützt' er sich vor ihr?

    Wär ich mit meinem Leben / wieder an dem Rhein,

    Sie dürfte hier wohl lange / meiner Minne ledig sein.«


    Er trug in seinen Sorgen, / das wisset, Leid genug.

    All seine Rüstung / man ihm zur Stelle trug.

    Gewappnet stand der reiche / König bald darin.

    Vor Leid hätte Hagen / schier gar verwandelt den Sinn.


    Da sprach Hagens Bruder, / der kühne Dankwart:

    »Mich reut in der Seele / her zu Hof die Fahrt.

    Nun hießen wir einst Recken! / wie verlieren wir den Leib!

    Soll uns in diesem Lande / nun verderben ein Weib?


    Des muß mich sehr verdrießen, / daß ich kam in dieses Land.

    Hätte mein Bruder Hagen / sein Schwert an der Hand

    Und auch ich das meine, / sie sollten sachte gehn

    Mit ihrem Übermute / die in Brunhildens Lehn.


    Sie sollten sich bescheiden, / das glaubet mir nur.

    Hätt ich den Frieden tausendmal / bestärkt mit einem Schwur,

    Bevor ich sterben sähe / den lieben Herren mein,

    Das Leben müßte lassen / dieses schöne Mägdelein.«


    »Wir möchten ungefangen / wohl räumen dieses Land,«

    Sprach sein Bruder Hagen, / »hätten wir das Gewand,

    Des wir zum Streit bedürfen, / und die Schwerter gut,

    So sollte sich wohl sänften / der schönen Fraue Übermut.«


    Wohl hörte, was er sagte, / die Fraue wohlgetan;

    Über die Achsel / sah sie ihn lächelnd an.

    »Nun er so kühn sich dünket, / so bringt doch ihr Gewand,

    Ihre scharfen Waffen / gebt den Helden an die Hand.


    Es kümmert mich so wenig, / ob sie gewaffnet sind,

    Als ob sie bloß da stünden,« / so sprach das Königskind.

    »Ich fürchte niemands Stärke, / den ich noch je gekannt:

    Ich mag auch wohl genesen / im Streit vor des Königs Hand.«


    Als man die Waffen brachte, / wie die Maid gebot,

    Dankwart der kühne / ward vor Freuden rot.

    »Nun spielt, was ihr wollet,« / sprach der Degen wert,

    »Gunther ist unbezwungen: / wir haben wieder unser Schwert.«


    Brunhildens Stärke / zeigte sich nicht klein:

    Man trug ihr zu dem Kreise / einen schweren Stein,

    Groß und ungefüge, / rund dabei und breit.

    Ihn trugen kaum zwölfe / dieser Degen kühn im Streit.


    Den warf sie allerwegen, / wie sie den Speer verschoß.

    Darüber war die Sorge / der Burgunden groß.

    »Wen will der König werben?« / sprach da Hagen laut:

    »Wär sie in der Hölle / doch des übeln Teufels Braut!«


    An ihre weißen Arme / sie die Ärmel wand,

    Sie schickte sich und faßte / den Schild an die Hand,

    Sie schwang den Spieß zur Höhe: / das war des Kampfs Beginn.

    Gunther und Siegfried bangten / vor Brunhildens grimmem Sinn.


    Und wär ihm da Siegfried / zu Hilfe nicht gekommen,

    So hätte sie dem König / das Leben wohl benommen.

    Er trat hinzu verstohlen / und rührte seine Hand;

    Gunther seine Künste / mit großen Sorgen befand.


    »Wer wars, der mich berührte?« / dachte der kühne Mann.

    Und wie er um sich blickte, / da traf er niemand an.

    Er sprach: »Ich bin es, Siegfried, / der Geselle dein:

    Du sollst ganz ohne Sorge / vor der Königin sein.


    Gib aus den Händen / den Schild, laß mich ihn tragen

    Und behalt im Sinne, / was du mich hörest sagen:

    Du habe die Gebärde, / ich will das Werk begehn.«

    Als er ihn erkannte, / da war ihm Liebes geschehn.


    »Verhehl auch meine Künste, / das ist uns beiden gut:

    So mag die Königstochter / den hohen Übermut

    Nicht an dir vollbringen, / wie sie gesonnen ist.

    Nun sieh doch, welcher Kühnheit / sie wider dich sich vermißt.«


    Da schoß mit ganzen Kräften / die herrliche Maid

    Den Speer nach einem neuen Schild, / mächtig und breit:

    Den trug an der Linken / Sieglindens Kind.

    Das Feuer sprang vom Stahle, / als ob es wehte der Wind.


    Des starken Spießes Schneide / den Schild ganz durchdrang,

    Daß das Feuer lohend / aus den Ringen sprang.

    Von dem Schusse fielen / die kraftvollen Degen:

    War nicht die Tarnkappe, / sie wären beide da erlegen.


    Siegfried dem kühnen / vom Munde brach das Blut.

    Bald sprang er auf die Füße: / da nahm der Degen gut

    Den Speer, den sie geschossen / ihm hatte durch den Rand:

    Den warf ihr jetzt zurücke / Siegfried mit kraftvoller Hand.


    Er dacht: »Ich will nicht schießen / das Mägdlein wonniglich.«

    Des Spießes Schneide kehrt' er / hinter den Rücken sich;

    Mit der Speerstange / schoß er auf ihr Gewand,

    Daß es laut erhallte / von seiner kraftreichen Hand.


    Das Feuer stob vom Panzer, / als trieb' es der Wind.

    Es hatte wohl geschossen / der Sieglinde Kind:

    Sie vermochte mit den Kräften / dem Schusse nicht zu stehn;

    Das wär von König Gunthern / in Wahrheit nimmer geschehn.


    Brunhild die schöne / bald auf die Füße sprang:

    »Gunther, edler Ritter, / des Schusses habe Dank!«

    Sie wähnt', er hätt es selber / mit seiner Kraft getan:

    Nein, zu Boden warf sie / ein viel stärkerer Mann.


    Da ging sie hin geschwinde, / zornig war ihr Mut,

    Den Stein hoch erhub sie, / die edle Jungfrau gut;

    Sie schwang ihn mit Kräften / weithin von der Hand,

    Dann sprang sie nach dem Wurfe, / daß laut erklang ihr Gewand.


    Der Stein fiel zu Boden / von ihr zwölf Klafter weit:

    Den Wurf überholte / im Sprung die edle Maid.

    Hin ging der schnelle Siegfried, / wo der Stein nun lag;

    Gunther mußt ihn wägen, / des Wurfs der Verhohlne pflag.


    Siegfried war kräftig, / kühn und auch lang:

    Den Stein warf er ferner, / dazu er weiter sprang.

    Ein großes Wunder war es / und künstlich genug,

    Daß er in dem Sprunge / den König Gunther noch trug.


    Der Sprung war ergangen, / am Boden lag der Stein;

    Gunther wars, der Degen, / den man sah allein.

    Brunhild die schöne / ward vor Zorne rot;

    Gewendet hatte Siegfried / dem König Gunther den Tod.


    Zu ihrem Ingesinde / sprach die Königin da,

    Als sie gesund den Helden / an des Kreises Ende sah:

    »Ihr, meine Freund und Mannen, / tretet gleich heran:

    Ihr sollt dem König Gunther / alle werden untertan.«


    Da legten die Kühnen / die Waffen von der Hand

    Und boten sich zu Füßen / von Burgundenland

    Gunther dem reichen, / so mancher kühne Mann:

    Sie wähnten, die Spiele / hätt er mit eigner Kraft getan.


    Er grüßte sie gar minniglich: / wohl trug er höfschen Sinn.

    Da nahm ihn bei der Rechten / die schöne Königin:

    Sie erlaubt' ihm zu gebieten / in ihrem ganzen Land.

    Des freute sich da Hagen, / der Degen kühn und gewandt.


    Sie bat den edlen Ritter, / mit ihr zurück zu gehn

    Zu dem weiten Saale, / wo mancher Mann zu sehn,

    Und mans aus Furcht den Degen / nun desto besser bot.

    Siegfrieds Kräfte hatten / sie erledigt aller Not.


    Siegfried der schnelle / war wohl schlau genug,

    Daß er die Tarnkappe / aufzubewahren trug.

    Dann ging er zu dem Saale, / wo manche Fraue saß:

    Er sprach zu dem König, / gar listiglich tat er das:


    »Was säumt ihr, Herr König, / und beginnt die Spiele nicht,

    Die euch aufzugeben / die Königin verspricht?

    Laßt uns doch bald erschauen, / wie es damit bestellt.«

    Als wüßt er nichts von allem, / so tat der listige Held.


    Da sprach die Königstochter: / »Wie konnte das geschehn,

    Daß ihr nicht die Spiele, / Herr Siegfried, habt gesehn,

    Worin hier Sieg errungen hat / König Gunthers Hand?«

    Zur Antwort gab ihr Hagen / aus der Burgunden Land:


    Er sprach: »Da habt ihr, Königin, / uns betrübt den Mut;

    Da war bei dem Schiffe / Siegfried der Degen gut,

    Als der Vogt vom Rheine / das Spiel euch abgewann;

    Drum ist es ihm unkundig,« / sprach da Gunthers Untertan.


    »Nun wohl mir dieser Märe,« / sprach Siegfried der Held,

    »Daß hier eure Hochfahrt / also ward gefällt,

    Und jemand lebt, der euer / Meister möge sein.

    Nun sollt ihr, edle Jungfrau, / uns hinnen folgen an den Rhein.«


    Da sprach die Wohlgetane: / »Das mag noch nicht geschehn.

    Erst frag ich meine Vettern / und die in meinem Lehn.

    Ich darf ja nicht so leichthin / räumen dies mein Land:

    Meine höchsten Freunde, / die werden erst noch besandt.«


    Da ließ sie ihre Boten / nach allen Seiten gehn:

    Sie besandte ihre Freunde / und die in ihrem Lehn,

    Daß sie zum Isensteine / kämen unverwandt;

    Einem jeden ließ sie geben / reiches, herrliches Gewand.


    Da ritten alle Tage / beides, spat und fruh,

    Der Feste Brunhildens / die Recken scharweis zu.

    »Nun ja doch,« sprach da Hagen, / »was haben wir getan!

    Wir erwarten uns zum Schaden / hier die Brunhild untertan.


    Wenn sie mit ihren Kräften / kommen in dies Land,

    Der Königin Gedanken, / die sind uns unbekannt:

    Wie, wenn sie uns zürnte? / so wären wir verloren,

    Und wär das edle Mägdlein uns / zu großen Sorgen geboren!«


    Da sprach der starke Siegfried: / »Dem will ich widerstehn.

    Was euch da Sorge schaffet, / das laß ich nicht geschehn.

    Ich will euch Hilfe bringen / her in dieses Land

    Durch auserwählte Degen: / die sind euch noch unbekannt.


    Ihr sollt nach mir nicht fragen, / ich will von hinnen fahren;

    Gott mög eure Ehre / derweil wohl bewahren.

    Ich komme bald zurücke / und bring euch tausend Mann

    Der allerbesten Degen, / deren jemand Kunde gewann.«


    »So bleibt nur nicht zu lange,« / der König sprach da so,

    »Wir sind eurer Hilfe / nicht unbillig froh.«

    Er sprach: »Ich komme wieder / gewiß in wenig Tagen.

    Ihr hättet mich versendet, / sollt ihr der Königin sagen.«

    „Ich bin so etwas wie ein Antikörper der New-Age-Bewegung. Meine Funktion besteht darin, auf die Möglichkeit aufmerksam zu machen, hey, weißt du, einiges von all dem Kram könnte auch riesengroßer Quatsch sein!“


    Ceterum censeo progeniem hominum esse deminuendam.

  • Achtes Abenteuer


    Wie Siegfried nach den Nibelungen fuhr


    Von dannen ging da Siegfried / zum Hafen an den Strand

    In seiner Tarnkappe, / wo er ein Schifflein fand.

    Darin stand verborgen / König Siegmunds Kind:

    Er führt es bald von dannen, / als ob es wehte der Wind.


    Den Steuermann sah niemand, / wie schnell das Schifflein floß

    Von Siegfriedens Kräften, / die waren also groß.

    Da wähnten sie, es trieb' es / ein starker Wind:

    Nein, es führt' es Siegfried, / der schönen Sieglinde Kind.


    Nach des Tags Verlaufe / und in der einen Nacht

    Kam er zu einem Lande / von gewaltger Macht:

    Es war wohl hundert Rasten / und noch darüber lang,

    Das Land der Nibelungen, / wo er den großen Schatz errang.


    Der Held fuhr alleine / nach einem Werder breit:

    Sein Schiff band er feste, / der Ritter allbereit.

    Er fand auf einem Berge / eine Burg gelegen

    Und suchte Herberge, / wie die Wegemüden pflegen.


    Da kam er vor die Pforte, / die ihm verschlossen stand:

    Sie bewahrten ihre Ehre, / wie Sitte noch im Land.

    Ans Tor begann zu klopfen / der unbekannte Mann:

    Das würde wohl behütet; / da traf er innerhalben an


    Einen Ungefügen, / der da der Wache pflag,

    Bei dem zu allen Zeiten / sein Gewaffen lag.

    Der sprach: »Wer pocht so heftig / da draußen an das Tor?«

    Da wandelte die Stimme / der kühne Siegfried davor


    Und sprach: »Ich bin ein Recke: / tut mir auf alsbald,

    Sonst erzürn ich etlichen / hier außen mit Gewalt,

    Der gern in Ruhe läge / und hätte sein Gemach.«

    Das verdroß den Pförtner, / als da Siegfried also sprach.


    Der kühne Riese hatte / die Rüstung angetan,

    Den Helm aufs Haupt gehoben, / der gewaltge Mann,

    Den Schild alsbald ergriffen / und schwang nun auf das Tor.

    Wie lief er Siegfrieden / da so grimmig an davor!


    Wie er zu wecken wage / so manchen kühnen Mann?

    Da wurden schnelle Schläge / von seiner Hand getan.

    Der edle Fremdling schirmte / sich vor manchem Schlag;

    Doch hieb ihm der Pförtner / in Stücke seines Schilds Beschlag


    Mit einer Eisenstange: / so litt der Degen Not.

    Schier begann zu fürchten / der Held den grimmen Tod,

    Als der Türhüter / so mächtig auf ihn schlug.

    Dafür war ihm gewogen / sein Herre Siegfried genug.


    Sie stritten so gewaltig, / die Burg gab Widerhall;

    Man hörte fern das Tosen / in König Niblungs Saal.

    Doch zwang er den Pförtner / zuletzt, daß er ihn band:

    Kund ward diese Märe / in allem Nibelungenland.


    Das Streiten hatte ferne / gehört durch den Berg

    Alberich der kühne, / ein wildes Gezwerg.

    Er waffnete sich balde / und lief hin, wo er fand

    Diesen edlen Fremdling, / als er den Riesen eben band.


    Alberich war mutig, / dazu auch stark genug.

    Helm und Panzerringe / er am Leibe trug

    Und eine schwere Geißel / von Gold an seiner Hand.

    Da lief er hin geschwinde, / wo er Siegfrieden fand.


    Sieben schwere Knöpfe / hingen vorn daran,

    Womit er vor der Linken / den Schild dem kühnen Mann

    So bitterlich zergerbte, / in Splitter ging er fast.

    In Sorgen um sein Leben / geriet der herrliche Gast.


    Den Schild er ganz zerbrochen / seiner Hand entschwang

    Und stieß in die Scheide / eine Waffe, die war lang.

    Seinen Kammerwärter / wollt er nicht schlagen tot:

    Er schonte seiner Leute, / wie ihm die Treue gebot.


    Mit den starken Händen / Albrichen lief er an

    Und faßte bei dem Barte / den altgreisen Mann:

    Den zuckt' er ungefüge; / der Zwerg schrie auf vor Schmerz.

    Des jungen Helden Züchtigung / ging Alberichen ans Herz.


    Laut rief der Kühne: / »Nun laßt mir das Leben:

    Und hätt ich einem Helden / mich nicht schon ergeben,

    Dem ich schwören mußte, / ich wär ihm untertan,

    Ich dient' euch, bis ich stürbe,« / so sprach der listige Mann.


    Er band auch Alberichen / wie den Riesen eh:

    Siegfriedens Kräfte / taten ihm gar weh.

    Der Zwerg begann zu fragen: / »Wie seid ihr genannt?«

    Er sprach: »Ich heiße Siegfried; / ich wähnt', ich wär euch bekannt.«


    »So wohl mir diese Kunde,« / sprach da Alberich,

    »An euern Heldenwerken / spürt' ich nun sicherlich,

    Daß ihrs wohl verdientet / des Landes Herr zu sein.

    Ich tu, was ihr gebietet, / laßt ihr nur mich gedeihn.«


    Da sprach der Degen Siegfried: / »So macht euch auf geschwind

    Und bringt mir her der Besten, / die in der Feste sind,

    Tausend Nibelungen: / die will ich vor mir sehn:

    So laß ich euch kein Leides / an euerm Leben geschehn.«


    Albrichen und den Riesen / löst' er von dem Band.

    Hin lief der Zwerg geschwinde, / wo er die Recken fand.

    Sorglich erweckt' er / die in Niblungs Lehn

    Und sprach: »Wohlauf, ihr Helden, / ihr sollt zu Siegfrieden gehn.«


    Sie sprangen von den Betten / und waren gleich bereit:

    Tausend schnelle Ritter / standen im Eisenkleid.

    Er brachte sie zur Stelle, / wo er Siegfried fand;

    Der grüßte schön die Degen / und gab manchem die Hand.


    Viel Kerzen ließ man zünden; / man schenkt' ihm lautern Trank.

    Daß sie so bald gekommen, / des sagt' er allen Dank.

    Er sprach: »Ihr sollt von hinnen / mir folgen über Flut.«

    Dazu fand er willig / diese Helden kühn und gut.


    Wohl dreißighundert Recken / kamen ungezählt:

    Von denen wurden tausend / der besten ausgewählt,

    Man brachte ihre Helme / und ander Rüstgewand,

    Da er sie führen wollte / hin zu Brunhildens Land.


    Er sprach: »Ihr guten Ritter, / eins laßt euch sagen:

    Ihr sollt reiche Kleider / dort am Hofe tragen;

    Denn uns wird da schauen / manch minnigliches Weib:

    Darum sollt ihr zieren / mit guten Kleidern den Leib.«


    Nun möchten mich die Toren / vielleicht der Lüge zeihn:

    Wie konnten so viel Ritter / wohl beisammen sein?

    Wo nähmen sie die Speise? / Wo nähmen sie Gewand?

    Und besäß er dreißig Lande, / er brächt es nimmer zustand.


    Ihr habt doch wohl vernommen, / Siegfried war gar reich:

    Sein war der Nibelungenhort, / dazu das Königreich.

    Drum gab er seinen Degen / völliglich genug;

    Es war ja doch nicht minder, / wie viel man von dem Schatze trug.


    Eines frühen Morgens / begannen sie die Fahrt:

    Was schneller Mannen hatte / da Siegfried sich geschart!

    Sie führten gute Rosse / und herrlich Gewand:

    Sie kamen stolz gezogen / hin zu Brunhildens Land.


    Da stand in den Zinnen / manch minnigliches Kind.

    Da sprach die Königstochter: / »Weiß jemand, wer die sind,

    Die ich dort fließen sehe / so fern auf der See?

    Sie führen reiche Segel, / die sind noch weißer als der Schnee.«


    Da sprach der Vogt vom Rheine: / »Es ist mein Heergeleit,

    Das ich auf der Reise / verließ von hier nicht weit:

    Ich habe sie besendet: / nun sind sie, Frau, gekommen.«

    Der herrlichen Gäste / ward mit Züchten wahrgenommen.


    Da sah man Siegfrieden / im Schiffe stehn voran

    In herrlichem Gewande / mit manchem andern Mann.

    Da sprach die Königstochter: / »Herr König, wollt mir sagen:

    Soll ich die Gäste grüßen / oder ihnen Gruß versagen?«


    Er sprach: »Ihr sollt entgegen / ihnen vor den Pallas gehn,

    Ob ihr sie gerne sehet, / daß sie das wohl verstehn.«

    Da tat die Königstochter, / wie ihr der König riet:

    Siegfrieden mit dem Gruße / sie von den andern unterschied.


    Herberge gab man ihnen / und wahrt' ihr Gewand.

    Da waren so viele Gäste / gekommen in das Land,

    Daß sie sich allenthalben / drängten mit den Scharen.

    Da wollten heim die Kühnen / zu den Burgunden fahren.


    Da sprach die Königstochter: / »Dem blieb ich immer hold,

    Der zu verteilen wüßte / mein Silber und mein Gold

    Meinen Gästen und des Königs, / des ich so viel gewann.«

    Zur Antwort gab ihr Dankwart, / des kühnen Geiselher Mann:


    »Viel edle Königstochter, / laßt mich der Schlüssel pflegen:

    Ich will es so verteilen,« / sprach der kühne Degen,

    »Wenn ich mir Schand erwerbe, / die treffe mich allein.«

    Daß er milde wäre, / das leuchtete da wohl ein.


    Als sich Hagens Bruder / der Schlüssel unterwand,

    So manche reiche Gabe / bot des Helden Hand:

    Wer einer Mark begehrte, / dem ward so viel gegeben,

    Daß die Armen alle / da in Freuden mochten leben.


    Wohl mit hundert Pfunden / gab er ohne Wahl.

    Da ging in reichem Kleide / mancher aus dem Saal,

    Der nie zuvor im Leben / so hehr Gewand doch trug.

    Die Königin erfuhr es: / da war es ihr leid genug.


    Sie sprach zu dem König: / »Des hätt ich gerne Rat,

    Daß nichts mir soll verbleiben / von meinem Kleiderstaat

    Vor euerm Kämmerlinge; / er verschwendet all mein Gold.

    Wer dem noch widerstände, / dem wollt ich immer bleiben hold.


    Er gibt so reiche Gaben: / der Degen wähnet eben,

    Ich habe nach dem Tode / gesandt: ich will noch leben

    Und kann wohl selbst verschwenden / meines Vaters Gut.«

    Nie hatt einer Königin / Kämmerer so milden Mut.


    Da sprach von Tronje Hagen: / »Frau, euch sei bekannt:

    Der König vom Rheine / hat Gold und Gewand

    Zu geben solcher Fülle, / daß es nicht not ihm tut,

    Von hier hinweg zu führen / einen Teil von Brunhilds Gut.«


    »Nein, wenn ihr mich liebet,« / sprach sie zu den Herrn,

    »Zwanzig Reiseschreine / füllt' ich mir gern

    Mit Gold und mit Seide: / das soll meine Hand

    Verteilen, so wir kommen / heim in der Burgunden Land.«


    Da lud man ihr die Kisten / mit edlem Gestein.

    Der Frauen Kämmerlinge / mußten zugegen sein:

    Sie wollt es nicht vertrauen / Geiselhers Untertan.

    Gunther und Hagen / darob zu lachen begann.


    Da sprach die Königstochter: / »Wem laß ich nun mein Land?

    Das soll hier erst bestimmen / mein und eure Hand.«

    Da sprach der edle König: / »So rufet wen herbei,

    Der euch dazu gefalle, / daß er zum Vogt geordnet sei.«


    Ihrer nächsten Freunde einen / die Jungfrau bei sich sah,

    Es war ihr Mutterbruder: / zu dem begann sie da:

    »Nun laßt euch sein befohlen / die Burgen und das Land,

    Bis seine Amtleute / der König Gunther gesandt.«


    Aus dem Gesinde wählte sie / zweitausend Mann,

    Die mit ihr fahren sollten / gen Burgund hindann

    Mit jenen tausend Recken / aus Nibelungenland.

    Sie schickten sich zur Reise: / man sah sie reiten nach dem Strand.


    Sie führte mit von dannen / sechsundachtzig Fraun,

    Dazu wohl hundert Mägdelein, / die waren schön zu schaun.

    Sie säumten sich nicht länger, / sie eilten nun hindann;

    Die sie zu Hause ließen, / wie manche hub zu weinen an!


    In höfischen Züchten / räumte die Frau ihr Land,

    Die nächsten Freunde küssend, / die sie bei sich fand.

    Mit gutem Urlaube / kamen sie aufs Meer;

    Ihres Vaters Lande / sah die Jungfrau nimmermehr.


    Auf ihrer Fahrt ertönte / vielfältig Freudenspiel;

    Aller Kurzweile / hatten sie da viel.

    Auch hob sich zu der Reise / der rechte Wasserwind.

    Sie fuhren ab vom Lande; / das beweinte mancher Mutter Kind.


    Doch wollte sie den König / nicht minnen auf der Fahrt:

    Ihre Kurzweil wurde / bis in sein Haus gespart

    Zu Worms in der Feste, / zu einem Hofgelag,

    Dahin mit ihren Helden / sie fröhlich kamen hernach.

    „Ich bin so etwas wie ein Antikörper der New-Age-Bewegung. Meine Funktion besteht darin, auf die Möglichkeit aufmerksam zu machen, hey, weißt du, einiges von all dem Kram könnte auch riesengroßer Quatsch sein!“


    Ceterum censeo progeniem hominum esse deminuendam.

  • Neuntes Abenteuer


    Wie Siegfried nach Worms gesandt ward


    Da sie gefahren waren / voll neun Tage,

    Da sprach von Tronje Hagen: / »Nun hört, was ich sage.

    Wir säumen mit der Kunde / nach Worms an den Rhein:

    Nun sollten eure Boten / schon bei den Burgunden sein.«


    Da sprach König Gunther: / »Ihr redet recht daran;

    Auch hätt uns wohl niemand / die Fahrt so gern getan

    Als ihr selbst, Freund Hagen: / nun reitet in mein Land:

    Unsre Hofreise / macht niemand besser da bekannt.«


    »Nun wißt, lieber Herre, / ich bin kein Bote gut;

    Laßt mich der Kammer pflegen / und bleiben auf der Flut.

    Ich will hier bei den Frauen / behüten ihr Gewand,

    Bis daß wir sie bringen / in der Burgunden Land.


    Nein, bittet Siegfrieden / um die Botschaft dahin:

    Der mag sie wohl verrichten / mit zuchtreichem Sinn.

    Versagt er euch die Reise, / ihr sollt mit guten Sitten

    Bei eurer Schwester Liebe / um die Fahrt ihn freundlich bitten.«


    Er sandte nach dem Recken: / der kam, als man ihn fand.

    Er sprach zu ihm: »Wir nahen / uns schon meinem Land;

    Da sollt ich Boten senden / der lieben Schwester mein

    Und auch meiner Mutter, / daß wir kommen an den Rhein.«


    »So bitt ich euch, Herr Siegfried, / daß ihr die Reise tut;

    Ich wills euch immer danken,« / so sprach der Degen gut.

    Da weigerte sich Siegfried, / dieser kühne Mann,

    Bis ihn König Gunther / sehr zu flehen begann.


    Er sprach: »Ihr sollt reiten / um den Willen mein,

    Dazu auch um Kriemhild, / das schöne Mägdelein,

    Daß es mit mir vergelte / die herrliche Maid.«

    Als Siegfried das hörte, / da war der Recke bald bereit.


    »Entbietet, was ihr wollet, / es soll gemeldet sein:

    Ich will es gern bestellen / um das schöne Mägdelein.

    Die ich im Herzen tragen, / verzichtet' ich auf die?

    Leisten will ich alles, / was ihr gebietet, um sie.«


    »So sagt meiner Mutter, / Ute der Königin,

    Daß ich auf dieser Reise / hohes Mutes bin.

    Wie wir geworben haben, / sagt meinen Brüdern an;

    Auch unsern Freunden werde / diese Märe kund getan.


    Ihr sollt auch nichts verschweigen / der schönen Schwester mein:

    Ich wollt ihr mit Brunhild / stets zu Diensten sein;

    So sagt auch dem Gesinde / und wer mir untertan,

    Was je mein Herz sich wünschte, / daß ich das alles gewann.


    Und saget Ortweinen, / dem lieben Neffen mein,

    Daß er Gestühl errichten / lasse bei dem Rhein;

    Den Mannen auch und Freunden / sei es kund getan,

    Ich stelle mit Brunhilden / eine große Hochzeit an.


    Und bittet meine Schwester, / werd ihr das bekannt,

    Daß ich mit meinen Gästen / gekommen sei ins Land,

    Daß sie dann wohl empfange / die liebe Traute mein:

    So woll ich Kriemhilden / stets zu Dienst erbötig sein.«


    Da bat bei Brunhilden / und ihrem Ingesind

    Alsbald um den Urlaub / Siegfried, Siegmunds Kind.

    Wie es ihm geziemte: / da ritt er an den Rhein.

    Es konnt in allen Landen / ein beßrer Bote nicht sein.


    Mit vierundzwanzig Recken / zu Worms kam er an;

    Ohne den König kam er, / das wurde kund getan.

    Da mühten all die Degen / in Jammer sich und Not,

    Besorgt, daß dort der König / gefunden habe den Tod.


    Sie stiegen von den Rossen / und trugen hohen Mut.

    Da kam alsbald Herr Geiselher, / der junge König gut,

    Und Gernot, sein Bruder: / wie hurtig sprach er da,

    Als er den König Gunther / nicht bei Siegfrieden sah:


    »Willkommen, Herr Siegfried: / ich bitte, sagt mir an,

    Wo habt ihr meinen Bruder, / den König, hingetan?

    Brunhildens Stärke / hat ihn uns wohl benommen;

    So wär uns sehr zu Schaden / ihre hohe Minne gekommen.«


    »Die Sorge laßt fahren: / euch und den Freunden sein

    Entbietet seine Dienste / der Heergeselle mein.

    Ich verließ ihn wohlgeborgen: / er hat mich euch gesandt,

    Daß ich sein Bote würde / mit Mären her in euer Land.


    Nun helft es mir fügen, / wie es auch gescheh,

    Daß ich die Königin Ute / und eure Schwester seh:

    Die soll ich hören lassen, / was ihr zu wissen tut

    Gunther und Frau Brunhild; / um sie beide steht es gut.«


    Da sprach der junge Geiselher: / »So sprecht bei ihnen an;

    Da habt ihr meiner Schwester / einen Liebesdienst getan.

    Sie trägt noch große Sorge / um den Bruder mein;

    Die Maid sieht euch gerne: / dafür will ich euch Bürge sein.«


    Da sprach der Degen Siegfried: / »Wo ich ihr dienen kann,

    Das soll immer treulich / und willig sein getan.

    Wer sagt nun, daß ich komme, / den beiden Frauen an?«

    Da warb die Botschaft Geiselher, / dieser weidliche Mann.


    Geiselher der junge / sprach zu der Mutter da

    Und auch zu seiner Schwester, / als er die beiden sah:

    »Uns ist gekommen Siegfried, / der Held aus Niederland;

    Ihn hat mein Bruder Gunther / her zum Rheine gesandt.


    Er bringt uns die Kunde, / wie's um den König steht:

    Nun sollt ihr ihm erlauben, / daß er zu Hofe geht.

    Er bringt die rechten Mären / uns her von Isenland.«

    Noch war den edeln Frauen / große Sorge nicht gewandt.


    Sie sprangen nach dem Staate / und kleideten sich drein

    Und luden Siegfrieden / nach Hof zu kommen ein.

    Das tat der Degen williglich, / weil er sie gerne sah.

    Kriemhild die edle / sprach zu ihm in Güte da:


    »Willkommen, Herr Siegfried, / ein Ritter ohnegleich.

    Wo blieb mein Bruder Gunther, / der edle König reich?

    Durch Brunhilds Stärke, fürcht ich, / ging er uns verloren:

    O weh mir armen Mägdelein, / daß ich je ward geboren!«


    Da sprach der kühne Ritter: / »Nun gebt mir Botenbrot:

    Ihr zwei schönen Frauen / weinet ohne Not.

    Ich verließ ihn wohlgeborgen, / das tu ich euch bekannt:

    Sie haben mich euch beiden / mit der Märe hergesandt.


    Mit freundlicher Liebe, / viel edle Herrin mein,

    Entbeut euch seine Dienste / er und die Traute sein.

    Nun laßt euer Weinen: / sie wollen balde kommen.«

    Sie hatten lange Tage / so liebe Märe nicht vernommen.


    Mit schneeweißem Kleide / aus Augen wohlgetan

    Wischte sie die Tränen: / zu danken hub sie an

    Dem Boten dieser Märe, / die ihr war gekommen.

    Ihr war die große Trauer / und auch ihr Weinen benommen.


    Sie hieß den Boten sitzen: / des war er gern bereit.

    Da sprach die Minnigliche: / »Es wäre mir nicht leid,

    Wenn ich euch geben dürfte / zum Botenlohn mein Gold.

    Dazu seid ihr zu vornehm: / so bleib ich sonst denn euch hold.«


    »Und würden dreißig Lande,« / sprach er, »mein genannt,

    So empfing' ich Gabe / doch gern aus eurer Hand.«

    Da sprach die Wohlgezogne: / »Wohlan, es soll geschehn.«

    Da hieß sie ihren Kämmerer / nach dem Botenlohne gehn.


    Vierundzwanzig Spangen / mit Edelsteinen gut

    Gab sie ihm zum Lohne. / So stund des Helden Mut:

    Er wollt es nicht behalten: / er gab es unverwandt

    Ihren schönen Maiden, / die er in der Kammer fand.


    Ihre Dienste bot ihm / die Mutter gütlich an.

    »Ich soll euch ferner sagen,« / sprach der kühne Mann,

    »Um was der König bittet, / gelangt er an den Rhein;

    Wenn ihr das, Fraue, leistet, / er will euch stets gewogen sein.


    Seine reichen Gäste, / das ist sein Begehr,

    Sollt ihr wohl empfangen; / auch bittet er euch sehr,

    Entgegen ihm zu reiten / vor Worms ans Gestad.

    Das ists, warum der König / euch in Treun gebeten hat.«


    »Das will ich gern vollbringen,« / sprach die schöne Magd:

    »Worin ich ihm kann dienen, / das ist ihm unversagt.

    Mit freundlicher Treue / wird all sein Wunsch getan.«

    Da mehrte sich die Farbe, / die sie vor Freude gewann.


    Nie sah man Fürstenboten / besser wohl empfahn:

    Wenn sie ihn küssen durfte, / sie hätt es gern getan:

    Minniglich er anders / doch von der Frauen schied.

    Da taten die Burgunden, / wie da Siegfried ihnen riet.


    Sindold und Hunold / und Romold der Degen,

    Großer Unmuße / mußten sie da pflegen,

    Als sie die Sitze richteten / vor Worms an den Strand.

    Die Schaffner des Königs / man sehr beflissen da fand.


    Ortwein und Gere / säumten auch nicht mehr,

    Sie sandten nach den Freunden / allwärts umher,

    Die Hochzeit anzusagen, / die da sollte sein;

    Der zierten sich entgegen / viel der schönen Mägdelein.


    Der Saal und die Wände / waren allzumal

    Verziert der Gäste wegen; / König Gunthers Saal

    Ward herrlich ausgerüstet / für manchen fremden Mann.

    Das große Hofgelage / mit hohen Freuden begann.


    Da ritten allenthalben / die Wege durch das Land

    Der drei Könge Freunde; / die hatte man besandt,

    Die Gäste zu empfangen, / die da sollten kommen.

    Da wurden aus dem Einschlag / viel reicher Kleider genommen.


    Bald brachte man die Kunde, / daß man schon reiten sah

    Brunhilds Gefolge: / Gedränge gab es da

    Von des Volkes Menge / in Burgundenland.

    Hei! was man kühner Degen / da zu beiden Seiten fand!


    Da sprach die schöne Kriemhild: / »Ihr, meine Mägdelein,

    Die bei dem Empfange / mit mir wollen sein,

    Die suchen aus den Kisten / ihr allerbest Gewand:

    So wird uns Lob und Ehre / von den Gästen zuerkannt.«


    Da kamen auch die Recken / und ließen vor sich her

    Schöne Sättel tragen / von rotem Golde schwer,

    Daß drauf die Frauen ritten / von Worms an den Rhein.

    Besser Pferdgeräte / konnte wohl nimmer sein.


    Wie warf da von den Mähren / den Schein das lichte Gold!

    Viel Edelsteine glänzten / von den Zäumen hold.

    Die goldenen Schemel / auf lichtem Teppich gut

    Brachte man den Frauen: / sie hatten fröhlichen Mut.


    Die Frauenpferde standen / auf dem Hof bereit,

    Wie gemeldet wurde, / für manche edle Maid.

    Die schmalen Brustriemen / sah man die Mähren tragen

    Von der besten Seide, / davon man je hörte sagen.


    Sechsundachtzig Frauen / traten da heraus,

    Die Kopfgebinde trugen; / zu Kriemhild vor das Haus

    Zogen die Schönen / jetzt in reichem Kleid;

    Da kam in vollem Schmucke / auch manche weidliche Maid,


    Funfzig und viere / von Burgundenland;

    Es waren auch die besten, / die man irgend fand.

    Man sah sie gelblockig / unter lichten Borten gehn.

    Was sich bedingt der König, / das sah er fleißig geschehn.


    Von kostbaren Zeugen, / den besten, die man fand,

    Trugen sie vor den Gästen / manch herrlich Gewand.

    Zu ihrer schönen Farbe / stand es ihnen gut:

    Wer einer abhold wäre, / litte wohl an schwachem Mut.


    Von Hermelin und Zobel / viel Kleider man da fand.

    Da schmückte sich gar manche / den Arm und auch die Hand

    Mit Spangen auf der Seide, / die sie sollten tragen.

    Es könnt euch dies Befleißen / niemand wohl zu Ende sagen.


    Viel Gürtel kunstgeschaffen, / kostbar und lang,

    Über lichte Kleider / die Hand der Frauen schwang

    Um edle Ferransröcke / von arabischem Tuch.

    Die edeln Jungfrauen / waren fröhlich genug.


    Man sah in Brustgeschmeide / manch schöne Maid

    Minniglich sich schnüren. / Die mochte tragen Leid,

    Deren lichte Farbe / das Kleid nicht überschien.

    So schönes Ingesinde / hat nun keine Königin.


    Als die Minniglichen / nun trugen ihr Gewand,

    Die sie da führen sollten, / die kamen unverwandt,

    Die hochgemuten Recken, / in großer Zahl daher;

    Man bracht auch hin viel Schilde / und manchen eschenen Speer.

    „Ich bin so etwas wie ein Antikörper der New-Age-Bewegung. Meine Funktion besteht darin, auf die Möglichkeit aufmerksam zu machen, hey, weißt du, einiges von all dem Kram könnte auch riesengroßer Quatsch sein!“


    Ceterum censeo progeniem hominum esse deminuendam.

  • Zehntes Abenteuer


    Wie Gunther mit Brunhilden Hochzeit hielt


    Jenseits des Rheins / sah man dem Gestad

    Mit allen seinen Gästen / den König schon genaht.

    Da sah man auch am Zaume / leiten manche Maid:

    Die sie empfangen sollten, / die waren alle bereit.


    Als bei den Schiffen ankam / von Isenland die Schar

    Und die der Nibelungen, / die Siegfried eigen war,

    Sie eilten an das Ufer; / wohl fliß sich ihre Hand,

    Als man des Königs Freunde / jenseits am Gestade fand.


    Nun hört auch die Märe / von der Königin,

    Ute der reichen, / wie sie die Mägdlein hin

    Brachte von der Feste / und selber ritt zum Strand.

    Da wurden miteinander / viel Maid' und Ritter bekannt.


    Der Markgraf Gere führte / am Zaum Kriemhildens Pferd

    Bis vor das Tor der Feste; / Siegfried der Degen wert

    Durft ihr weiter dienen; / sie war so schön und hehr.

    Das ward ihm wohl vergolten / von der Jungfrau nachher.


    Ortwein der kühne führte / Ute die Königin,

    Und so ritt mancher Ritter / neben den Frauen hin.

    Zu festlichem Empfange, / das mag man wohl gestehn,

    Wurden nie der Frauen / so viel beisammen gesehn.


    Viel hohe Ritterspiele / wurden da getrieben

    Von preiswerten Helden, / wie wär es unterblieben?

    Vor Kriemhild der schönen, / die zu den Schiffen kam.

    Da hub man von den Mähren / viel der Frauen lobesam.


    Der König war gelandet / mit fremder Ritterschaft.

    Wie brach da vor den Frauen / mancher starke Schaft!

    Man hört' auf den Schilden / erklingen Stoß auf Stoß.

    Hei! reicher Buckeln Schallen / ward im Gedränge da groß!


    Vor dem Hafen standen / die Frauen minniglich;

    Gunther mit seinen Gästen / hub von den Schiffen sich:

    Er führte Brunhilden / selber an der Hand.

    Wider einander leuchtete / schön Gestein und licht Gewand.


    In höfischen Züchten / hin Frau Kriemhild ging,

    Wo sie Frau Brunhilden / und ihr Gesind empfing.

    Man konnte lichte Hände / am Kränzlein rücken sehn,

    Da sich die beiden küßten: / das war aus Liebe geschehn.


    Da sprach wohlgezogen / Kriemhild das Mägdelein:

    »Ihr sollt uns willkommen / in diesem Lande sein,

    Mir und meiner Mutter, / und allen, die uns treu

    Von Mannen und von Freunden.« / Da verneigten sich die zwei.


    Oftmals mit den Armen / umfingen sich die Fraun.

    Solch minniglich Empfangen / war nimmer noch zu schaun,

    Als die Frauen beide / der Braut da taten kund,

    Frau Ute mit der Tochter; / sie küßten oft den süßen Mund.


    Da Brunhilds Frauen alle / nun standen auf dem Strand,

    Von weidlichen Recken / wurden bei der Hand

    Freundlich genommen / viel Frauen ausersehn.

    Man sah die edeln Maide / vor Frau Brunhilden stehn.


    Bis der Empfang vorüber war, / das währte lange Zeit;

    Manch rosigem Munde / war da ein Kuß bereit.

    Noch standen beieinander / die Königinnen reich:

    Des freuten sich zu schauen / viel der Recken ohnegleich.


    Da spähten mit den Augen, / die oft gehört vorher,

    Man hab also Schönes / gesehen nimmermehr

    Als die Frauen beide; / das fand man ohne Lug.

    Man sah an ihrer Schöne / auch nicht den mindesten Trug.


    Wer Frauen schätzen konnte / und minniglichen Leib,

    Der pries um ihre Schöne / König Gunthers Weib;

    Doch sprachen da die Kenner, / die es recht besehn,

    Man müsse vor Brunhilden / den Preis Kriemhilden zugestehn.


    Nun gingen zueinander / Mägdelein und Fraun;

    Es war in hoher Zierde / manch schönes Weib zu schaun.

    Da standen seidne Hütten / und manches reiche Zelt,

    Womit man erfüllt sah / hier vor Worms das ganze Feld.


    Des Königs Freunde drängten / sich, um sie zu sehn.

    Da hieß man Brunhilden / und Kriemhilden gehn

    Und all die Fraun mit ihnen / hin, wo sich Schatten fand;

    Es führten sie die Degen / aus der Burgunden Land.


    Nun waren auch die Gäste / zu Roß gesessen all;

    Da gabs beim Lanzenbrechen / durch Schilde lauten Schall.

    Das Feld begann zu stäuben, / als ob das ganze Land

    Entbrannt wär in der Lohe: / da machten Helden sich bekannt.


    Was da die Recken taten, / sah manche Maid mit an.

    Wohl ritt mit seinen Degen / Siegfried der kühne Mann

    In mancher Wiederkehre / vorbei an dem Gezelt;

    Der Nibelungen führte / tausend Degen der Held.


    Da kam von Tronje Hagen, / wie ihm der König riet:

    Der Held mit guter Sitte / die Ritterspiele schied,

    Daß sie nicht bestaubten / die schönen Mägdelein.

    Da mochten ihm die Gäste / gerne wohl gehorsam sein.


    Da sprach der edle Gernot: / »Die Rosse laßt stehn,

    Bis es beginnt zu kühlen, / daß wir die Frauen schön

    Mit unserm Dank geleiten / bis vor den weiten Saal;

    Will dann der König reiten, / find er euch bereit zumal.«


    Das Kampfspiel war vergangen / über all dem Feld:

    Da gingen kurzweilen / in manches hohe Zelt

    Die Ritter zu den Frauen / um hoher Lust Gewinn:

    Da vertrieben sie die Stunden, / bis sie weiter sollten ziehn.


    Vor des Abends Nahen, / als sank der Sonne Licht

    Und es begann zu kühlen, / ließ man es länger nicht:

    Zu der Feste huben / Fraun und Ritter sich:

    Mit Augen ward geliebkost / mancher Schönen minniglich.


    Von guten Knechten wurden / viel Pferde müd geritten

    Vor den Hochgemuten / nach des Landes Sitten,

    Bis vor dem Saale / abstieg der König wert.

    Da diente man den Frauen / und hob sie nieder vom Pferd.


    Da wurden auch geschieden / die Königinnen reich.

    Hin ging Frau Ute / und Kriemhild zugleich

    Mit ihrem Ingesinde / in ein weites Haus:

    Da vernahm man allenthalben / der Freude rauschenden Braus.


    Man richtete die Stühle: / der König wollte gehn

    Zu Tisch mit den Gästen. / Da sah man bei ihm stehn

    Brunhild die schöne, / die da die Krone trug

    In des Königs Lande: / sie erschien wohl reich genug.


    Da sah man schöne Sitze / und gute Tafeln breit

    Mit Speisen beladen, / so hörten wir Bescheid.

    Was sie da haben sollten, / wie wenig fehlte dran!

    Da sah man bei dem König / gar manchen herrlichen Mann.


    Des Wirtes Kämmerlinge / in Becken goldesrot

    Reichten ihnen Wasser. / Das wär vergebne Not,

    Sagte wer, man hätte / je fleißgern Dienst getan

    Bei eines Fürsten Hochzeit: / ich glaubte schwerlich daran.


    Ehe der Vogt am Rheine / hier das Wasser nahm,

    Zu Gunthern trat da Siegfried, / er durft es ohne Scham,

    Und mahnt' ihn seiner Treue, / die er ihm gab zu Pfand,

    Bevor er Brunhilden / daheim gesehn in Isenland.


    Er sprach zu ihm: »Gedenket, / mir schwur eure Hand,

    Wenn wir Frau Brunhild / brächten in dies Land,

    Ihr gäbt mir eure Schwester: / wo blieb nun der Eid?

    Ihr wißt, bei eurer Reise / war keine Mühe mir leid.«


    Da sprach der Wirt zum Gaste: / »Recht, daß ihr mich mahnt:

    Ich will den Eid nicht brechen, / den ich schwur mit Mund und Hand.

    Ich helf es euch fügen, / so gut es mag geschehn.«

    Da hieß man Kriemhilden / zu Hof vor den König gehn.


    Mit ihren schönen Maiden / kam sie vor den Saal.

    Da sprang von einer Stiege / Geiselher zu Tal:

    »Nun heißt wiederkehren / diese Mägdelein:

    Meine Schwester soll alleine / hier bei dem König sein.«


    Hin brachten sie Kriemhilden, / wo man den König fand:

    Da standen edle Ritter / von mancher Fürsten Land.

    In dem weiten Saale / hieß man sie stille stehn;

    Frau Brunhilden sah man / eben auch zu Tische gehn.


    Sie hatte keine Kunde, / was da im Werke war.

    Da sprach König Dankrats Sohn / zu seiner Mannen Schar:

    »Helft mir, daß meine Schwester / Siegfrieden nimmt zum Mann.«

    Sie sprachen einhellig: / »Das wäre gar wohlgetan.«


    Da sprach der König Gunther: / »Schwester, edle Maid,

    Bei deiner Zucht und Güte, / löse meinen Eid.

    Ich schwur dich einem Recken, / und nimmst du ihn zum Mann,

    So hast du meinen Willen / mit großen Treuen getan.«


    Die edle Maid versetzte: / »Lieber Bruder mein,

    Ihr sollt mich nicht flehen, / ich will gehorsam sein.

    Wie ihr mir gebietet, / so soll es sein getan:

    Dem will ich mich verloben, / den ihr, Herr, mir gebt zum Mann.«


    Von lieber Augenweide / ward Siegfrieds Farbe rot:

    Zu Diensten sich der Recke / Frau Kriemhilden bot.

    Man ließ sie miteinander / in einem Kreise stehn

    Und frug sie, ob sie wolle / diesen Recken ausersehn.


    Scheu, wie Mädchen pflegen, / schämte sie sich ein Teil;

    Jedoch war Siegfrieden / so günstig Glück und Heil,

    Daß sie nicht verschmähen / wollte seine Hand.

    Auch versprach sich ihr zum Manne / der edle Held von Niederland.


    Da er sich ihr verlobte / und sich ihm die Maid,

    Ein gütlich Umfangen / war da alsbald bereit

    Von Siegfriedens Armen / dem schönen Mägdlein zart:

    Die edle Königin küßt' er / in der Helden Gegenwart.


    Sich schied das Gesinde. / Als das geschah,

    Auf dem Ehrenplatze / man Siegfrieden sah

    Mit Kriemhilden sitzen; / da dient' ihm mancher Mann.

    Man sah die Nibelungen / nach ihm den Sitzen sich nahn.


    Der König saß zu Tische / bei Brunhild der Maid.

    Da sah sie Kriemhilden / (nichts war ihr je so leid)

    Bei Siegfrieden sitzen: / zu weinen hub sie an,

    Daß ihr manch heiße Träne / über lichte Wangen rann.


    Da sprach der Wirt des Landes: / »Was ist euch, Fraue mein,

    Daß ihr so trüben lasset / lichter Augen Schein?

    Ihr solltet recht euch freuen: / euch ist untertan

    Mein Land und reiche Burgen / und mancher weidliche Mann.«


    »Recht weinen sollt ihr eher,« / sprach die schöne Maid.

    »Deiner Schwester wegen / trag ich Herzeleid.

    Ich seh sie sitzen neben / dem Eigenholden dein:

    Wohl muß ich immer weinen, / soll sie so erniedrigt sein.«


    Da sprach der König Gunther: / »Schweigt davon jetzt still,

    Da ich euch ein andermal / die Kunde sagen will,

    Warum meine Schwester / Siegfrieden ward gegeben.

    Wohl mag sie mit dem Recken / allezeit in Freuden leben.«


    Sie sprach: »Mich jammern immer / ihre Schönheit, ihre Zucht;

    Wüßt ich, wohin ich sollte, / ich nähme gern die Flucht

    Und wollt euch nimmer eher / nahe liegen bei,

    Bis ich wüßte, weshalb Kriemhild / die Braut von Siegfrieden sei.«


    Da sprach König Gunther: / »Ich mach es euch bekannt:

    Er hat selber Burgen / wie ich und weites Land.

    Das dürft ihr sicher glauben, / er ist ein König reich:

    Drum gönn ich ihm zum Weibe / die schöne Magd ohnegleich.«


    Was ihr der König sagte, / traurig blieb ihr Mut.

    Da eilte von den Tischen / mancher Ritter gut:

    Das Kampfspiel ward so heftig, / daß rings die Burg erklang.

    Dem Wirt bei seinen Gästen / ward die Weile viel zu lang.


    Er dacht: »Ich läge sanfter / der schönen Frauen bei.«

    Er wurde des Gedankens / nicht mehr im Herzen frei,

    Von ihrer Minne müsse / ihm Liebes viel geschehn.

    Da begann er freundlich / Frau Brunhilden anzusehn.


    Vom Ritterspiel die Gäste / bat man abzustehn:

    Mit seinem Weibe wollte / zu Bett der König gehn.

    Vor des Saales Stiege / begegneten da

    Sich Kriemhild und Brunhild; / noch in Güte das geschah.


    Da kam ihr Ingesinde; / sie säumten länger nicht:

    Ihre reichen Kämmerlinge / brachten ihnen Licht.

    Es teilten sich die Recken / in beider Könge Lehn.

    Da sah man viel der Degen / hinweg mit Siegfrieden gehn.


    Die Helden kamen beide / hin, wo sie sollten liegen.

    Da dachte jedweder / mit Minnen obzusiegen

    Den minniglichen Frauen: / des freute sich ihr Mut.

    Siegfriedens Kurzweil, / die wurde herrlich und gut.


    Als Siegfried der Degen / bei Kriemhilden lag

    Und er da der Jungfrau / so minniglich pflag

    Mit seinem edlen Minnen, / sie ward ihm wie sein Leben;

    Er hätte nicht die eine / für tausend andre gegeben.


    Ich sag euch nicht weiter, / wie er der Frauen pflag.

    Nun hört diese Märe, / wie König Gunther lag

    Bei Brunhild der Frauen; / der zierliche Degen

    Hätte leichtlich sanfter / bei andern Frauen gelegen.


    Das Volk hatt' ihn verlassen / zumal, so Frau als Mann:

    Da ward die Kemenate / balde zugetan.

    Er wähnt, er solle kosen / ihren minniglichen Leib:

    Da währt' es noch gar lange, / bevor sie wurde sein Weib.


    Im weißen Linnenhemde / ging sie ins Bett hinein.

    Der edle Ritter dachte: / »Nun ist das alles mein,

    Wes mich je verlangte / in allen meinen Tagen.«

    Sie mußt ob ihrer Schöne / mit großem Recht ihm behagen.


    Das Licht begann zu bergen / des edeln Königs Hand.

    Hin ging der kühne Degen, / wo er die Jungfrau fand.

    Er legte sich ihr nahe: / seine Freude die war groß,

    Als die Minnigliche / der Held mit Armen umschloß.


    Minnigliches Kosen / möcht er da viel begehn,

    Ließe das willig / die edle Frau geschehn;

    Doch zürnte sie gewaltig: / den Herrn betrübte das.

    Er wähnt', er fände Freude, / da fand er feindlichen Haß.


    Sie sprach: »Edler Ritter, / laßt euch das vergehn:

    Was ihr da habt im Sinne, / das kann nicht geschehn.

    Ich will noch Jungfrau bleiben, / Herr König, merkt euch das,

    Bis ich die Mär erfahre.« / Da faßte Gunther ihr Haß.


    Er rang nach ihrer Minne / und zerrauft' ihr Kleid.

    Da griff nach einem Gürtel / die herrliche Maid,

    Einer starken Borte, / die sie um sich trug:

    Da tat sie dem König / großen Leides genug.


    Die Füß und die Hände / sie ihm zusammenband,

    Zu einem Nagel trug sie ihn / und hing ihn an die Wand.

    Als er im Schlaf sie störte, / sein Minnen sie verbot,

    Von ihrer Stärke hätt' er / beinahe gewonnen den Tod.


    Da begann zu flehen, / der Meister sollte sein:

    »Nun löst mir die Bande, / viel edle Fraue mein.

    Ich getrau euch, schöne Herrin, / doch nimmer obzusiegen

    Und will auch wahrlich selten mehr / so nahe bei euch liegen.«


    Sie frug nicht, wie ihm wäre, / da sie in Ruhe lag.

    Dort mußt er hangen bleiben / die Nacht bis an den Tag.

    Bis der lichte Morgen / durchs Fenster warf den Schein.

    Hatt' er je die Kraft besessen, / die ward an seinem Leibe klein.


    »Nun sagt mir, Herr Gunther, / ist euch das etwa leid,

    Wenn euch gebunden finden,« / sprach die schöne Maid,

    »Eure Kämmerlinge / von einer Frauen Hand?«

    Da sprach der edle Ritter: / »Das würd euch übel gewandt.


    Auch wär mirs wenig Ehre,« / sprach der edle Mann.

    »Bei eurer Zucht und Güte, / nehmt mich nun bei euch an.

    Und ist euch meine Minne / denn so mächtig leid,

    So will ich nie berühren / mit meiner Hand euer Kleid.«


    Da löste sie den König, / daß er nicht länger hing;

    Wieder an das Bette / er zu der Frauen ging.

    Er legte sich so ferne, / daß er ihr Hemde fein

    Nicht oft danach berührte; / auch wollte sie des ledig sein.


    Da kam auch ihr Gesinde, / das brachte neu Gewand:

    Des war heute morgen / genug für sie zur Hand.

    Wie froh man da gebarte, / traurig war genug

    Der edle Wirt des Landes, / wie er des Tags die Krone trug.


    Nach des Landes Sitte, / die zu begehen Pflicht,

    Unterließ es Gunther / mit Brunhild länger nicht:

    Sie gingen nach dem Münster, / wo man die Messe sang,

    Dahin auch kam Herr Siegfried, / da hob sich mächtiger Drang.


    Nach königlichen Ehren / war da für sie bereit

    Was sie haben sollten, / die Krone wie das Kleid.

    Da ließen sie sich weihen: / als das war geschehn,

    Da sah man unter Krone / alle viere herrlich stehn.


    Das Schwert empfingen Knappen, / sechshundert oder mehr,

    Den Königen zu Ehren / auf meines Worts Gewähr.

    Da hob sich große Freude / in Burgundenland;

    Man hörte Schäfte brechen / an der Schwertdegen Hand.


    Da saßen in den Fenstern / die schönen Mägdelein

    Und sahen vor sich leuchten / manches Schildes Schein.

    Nun hatte sich der König / getrennt von seinem Lehn:

    Was man beginnen mochte, / er ließ es trauernd geschehn.


    Ihm und Siegfrieden / ungleich stand der Mut.

    Wohl wußte, was ihm fehlte, / der edle Ritter gut.

    Da ging er zu dem König: / zu fragen er begann:

    »Wie ists euch gelungen / die Nacht, das saget mir an.«


    Da sprach der Wirt zum Gaste: / »Den Schimpf und den Schaden

    Hab ich an meiner Frauen / in mein Haus geladen.

    Ich wähnte sie zu minnen, / wie schnell sie mich da band!

    Zu einem Nagel trug sie mich / und hing mich hoch an die Wand.


    Da hing ich sehr in Ängsten / die Nacht bis an den Tag.

    Eh sie mich wieder löste, / wie sanft sie da lag!

    Das sei dir in der Stille / geklagt in Freundlichkeit.«

    Da sprach der starke Siegfried: / »Das ist in Wahrheit mir leid.


    Das will ich euch beweisen, / verschmerzt ihr den Verdruß.

    Ich schaffe, daß sie heute nacht / so nah bei euch liegen muß,

    Daß sie euch ihre Minne / nicht länger vorenthält.«

    Die Rede hörte gerne / nach seinem Leide der Held.


    »Nun schau meine Hände, / wie die geschwollen sind:

    Die drückte sie so mächtig, / als wär ich ein Kind,

    Das Blut mir allenthalben / aus den Nägeln drang;

    Ich hegte keinen Zweifel, / mein Leben währe nicht lang.«


    Da sprach der starke Siegfried: / »Es wird noch alles gut.

    Uns beiden war wohl ungleich / heute nacht zumut.

    Mir ist deine Schwester / wie Leben lieb und Leib:

    So muß nun auch Brunhild / noch heute werden dein Weib.


    Ich komme heute abend / zu deinem Kämmerlein

    Also wohl verborgen / in der Tarnkappe mein,

    Daß sich meiner Künste / niemand mag versehn.

    Laß dann die Kämmerlinge / zu ihren Herbergen gehn.


    So lösch ich den Knappen / die Lichter an der Hand:

    Bei diesem Wahrzeichen / sei dir bekannt,

    Daß ich hereingetreten. / Wohl zwing ich dir dein Weib,

    Daß du sie heute minnest, / ich verlör denn Leben und Leib.«


    »Wenn du sie nicht minnest,«/der König sprach da so,

    »Meine liebe Fraue: / des andern bin ich froh,

    Was du auch tust und nähmst du / Leben ihr und Leib;

    Das wollt ich wohl verschmerzen: / sie ist ein schreckliches Weib.«


    »Das nehm ich,« sprach da Siegfried, / »auf die Treue mein,

    Daß ich sie nicht berühre; / die liebe Schwester dein

    Geht mir über alle, / die ich jemals sah.«

    Wohl glaubte König Gunther / der Rede Siegfriedens da.


    Da gabs von Ritterspielen / Freude so wie Not:

    Den Buhurd und das Lärmen / man allzumal verbot.

    Als die Frauen sollten / nach dem Saale gehn,

    Geboten Kämmerlinge / den Leuten, nicht im Weg zu stehn.


    Von Rossen und von Leuten / räumte man den Hof,

    Der Frauen jedwede / führt' ein Bischof,

    Als sie vor den Königen / zu Tische sollten gehn.

    Ihnen folgten zu den Stühlen / viel der Degen ausersehn.


    Bei seinem Weib der König / in froher Hoffnung saß:

    Was Siegfried ihm verheißen, / im Sinne lag ihm das.

    Der eine Tag ihn dauchte / wohl dreißig Tage lang:

    Nach Brunhildens Minne / all sein Denken ihm rang.


    Er konnt es kaum erwarten, / bis vorbei das Mahl.

    Brunhild die schöne / rief man aus dem Saal

    Und auch Kriemhilden: / sie sollten schlafen gehn;

    Hei! was man kühner Degen / sah vor den Königinnen stehn!


    Siegfried der Herre / gar minniglich saß

    Bei seinem schönen Weibe / mit Freuden ohne Haß.

    Sie koste seine Hände / mit ihrer weißen Hand,

    Bis er ihr vor den Augen, / sie wußte nicht wie, verschwand.


    Da sie mit ihm spielte / und sie ihn nicht mehr sah,

    Zu seinem Ingesinde / sprach die Königin da:

    »Mich wundert sehr, wo ist doch / der König hingekommen?

    Wer hat seine Hände / mir aus den meinen genommen?«


    Sie ließ die Rede bleiben. / Da eilt' er hinzugehn,

    Wo er die Kämmerlinge / fand mit Lichtern stehn:

    Die löscht' er unversehens / den Knappen an der Hand;

    Daß es Siegfried wäre, / das war da Gunthern bekannt.


    Wohl wußt er, was er wolle: / er ließ von dannen gehn

    Mägdelein und Frauen. / Als das war geschehn,

    Der edle König selber / verschloß der Kammer Tür:

    Starker Riegel zweie, / die warf er eilends dafür.


    Hinterm Bettvorhange / barg er der Kerzen Licht.

    Ein Spiel sogleich begannen, / vermeiden ließ sichs nicht,

    Siegfried der starke / und die schöne Maid:

    Das war dem König Gunther / beides lieb und auch leid.


    Da legte sich Siegfried / der Königin bei.

    Sie sprach: »Nun laßt es, Gunther, / wie lieb es euch auch sei,

    Daß ihr nicht Not erleidet / heute so wie eh,

    Oder euch geschieht hier / von meinen Händen wieder Weh.«


    Er hehlte seine Stimme, / kein Wörtlein sprach er da.

    Wohl hörte König Gunther, / obgleich er sie nicht sah,

    Daß Heimliches von beiden / wenig geschehen sei.

    Nicht viel bequeme Ruhe / im Bette fanden die Zwei.


    Er stellte sich, als wär er / Gunther der König reich;

    Er umschloß mit Armen / das Mägdlein ohnegleich.

    Sie warf ihn aus dem Bette / dabei auf eine Bank,

    Daß laut an einem Schemel / ihm das Haupt davon erklang.


    Wieder auf mit Kräften / sprang der kühne Mann

    Es besser zu versuchen; / wie er das begann,

    Daß er sie zwingen wollte, / da widerfuhr ihm Weh.

    Ich glaube nicht, daß solche Wehr / von Fraun je wieder gescheh.


    Da ers nicht lassen wollte, / das Mägdlein aufsprang:

    »Euch ziemt nicht zu zerraufen / mein Hemd also blank.

    Ihr seid ungezogen: / das wird euch noch leid.

    Des bring ich euch wohl inne,« / sprach die weidliche Maid.


    Sie umschloß mit den Armen / den teuerlichen Degen

    Und wollt ihn auch in Bande / wie den König legen,

    Daß sie im Bette läge / mit Gemächlichkeit.

    Wie grimmig sie das rächte, / daß er zerzerret ihr Kleid!


    Was half ihm da die Stärke, / was seine große Kraft?

    Sie erwies dem Degen / ihres Leibes Meisterschaft.

    Sie trug ihn übermächtig, / daß mußte nur so sein,

    Und drückt' ihn ungefüge / bei dem Bett an einen Schrein.


    »O weh,« gedacht er, »soll ich / Leben nun und Leib

    Von einer Maid verlieren, / so mag jedes Weib

    In allen künftgen Zeiten / tragen Frevelmut

    Dem Mann gegenüber, / die es sonst wohl nimmer tut.«


    Der König hörte alles: / er bangte für den Mann.

    Da schämte sich Siegfried, / zu zürnen fing er an;

    Mit ungefügen Kräften / ihr widersetzt' er sich

    Und versuchte seine Stärke / an Brunhilden ängstiglich.


    Wie sie ihn niederdrückte, / sein Zorn erzwang es noch

    Und seine starken Kräfte, / daß ihr zum Trotz er doch

    Sich aufrichten konnte; / seine Angst war groß.

    Sie gaben in der Kammer / sich her und hin manchen Stoß.


    Auch litt König Gunther / Sorgen und Beschwer:

    Er mußte manchmal flüchten / vor ihnen hin und her.

    Sie rangen so gewaltig, / daß es wunder nahm,

    Wie eins vor dem andern / mit dem Leben noch entkam.


    Den König Gunther ängstigte / beiderseits die Not;

    Doch fürchtet' er am meisten / Siegfriedens Tod.

    Wohl hätte sie dem Degen / das Leben schier benommen;

    Durft er nur, er wär ihm / gern zu Hilfe gekommen.


    Gar lange zwischen beiden / dauerte der Streit;

    Da bracht er an das Bette / zuletzt zurück die Maid;

    Wie sehr sie sich auch wehrte, / die Wehr ward endlich schwach.

    Gunther in seinen Sorgen / hing mancherlei Gedanken nach.


    Es währte lang dem König, / bis Siegfried sie bezwang.

    Sie drückte seine Hände, / daß aus den Nägeln sprang

    Das Blut von ihren Kräften; / das war dem Helden leid.

    Da zwang er zu verleugnen / diese herrliche Maid.


    Den ungestümen Willen, / den sie erst dargetan.

    Alles vernahm der König, / doch hört ers schweigend an.

    Er drückte sie ans Bette, / daß sie aufschrie laut:

    Des starken Siegfrieds Kräfte / schmerzten übel die Braut!


    Da griff sie nach der Hüfte, / wo sie die Borte fand,

    Und dacht ihn zu binden; / doch wehrt' es seine Hand,

    Daß ihr die Glieder krachten, / dazu der ganze Leib.

    Da war der Streit zu Ende: / da wurde sie Gunthers Weib.


    Sie sprach: »Edler König, / nimm mir das Leben nicht:

    Was ich dir tat zuleide, / vergüt ich dir nach Pflicht.

    Ich wehre mich nicht wieder / der edeln Minne dein:

    Ich hab es wohl erfahren, / daß du magst Frauen Meister sein.«


    Aufstand da Siegfried, / liegen blieb die Maid,

    Als dächt er abzuwerfen / eben nur das Kleid.

    Er zog ihr vom Finger / ein Ringlein von Gold,

    Daß es nicht gewahrte / die edle Königin hold.


    Auch nahm er ihren Gürtel, / eine Borte gut;

    Ich weiß nicht, geschah es / aus hohem Übermut.

    Er gab ihn seinem Weibe: das ward ihm später leid.

    Da lagen beieinander / der König und die schöne Maid.


    Er pflag der Frauen minniglich, / wie es ziemend war:

    Scham und Zorn verschmerzen / mußte sie da gar.

    Von seinen Heimlichkeiten / ihre lichte Farb erblich.

    Hei! wie von der Minne / die große Kraft ihr entwich!


    Da war auch sie nicht stärker / als ein ander Weib.

    Minniglich umfing er / ihren schönen Leib;

    Wenn sie noch widerstände, / was könnt es sie verfahn?

    Das hat ihr alles Gunther / mit seinem Minnen getan.


    Wie minniglich der Degen / da bei der Frauen lag

    In freundlicher Liebe / bis an den lichten Tag!

    Inzwischen war Herr Siegfried / längst schon hindann:

    Da ward er wohl empfangen / von seiner Frauen wohlgetan.


    Er wich allen Fragen / aus, die sie erdacht,

    Und hehlt' ihr noch lang, / was er mitgebracht,

    Bis er daheim das Kleinod / ihr doch am Ende gab:

    Das brachte viel der Degen / mit ihm selber ins Grab.


    Dem Wirt am andern Morgen / viel höher stand der Mut

    Als am ersten Tage: / da ward die Freude gut

    In allen seinen Landen / bei manchem edeln Mann.

    Die er zu Hof geladen, / denen ward viel Dienst getan.


    Vierzehn Tage währte / diese Lustbarkeit,

    Daß sich der Schall nicht legte / in so langer Zeit

    Von aller Lust und Kurzweil, / die man erdenken mag.

    Wohl verwandte hohe Kosten / der König bei dem Hofgelag.


    Des edeln Wirtes Freunde, / wie es der Herr gewollt,

    Verschenkten ihm zu Ehren / Kleider und rotes Gold,

    Silber auch und Rosse / an manchen fremden Mann.

    Die gerne Gaben nahmen, / die schieden fröhlich hindann.


    Auch der kühne Siegfried / aus dem Niederland

    Mit seinen tausend Mannen – all das Gewand,

    Das sie gebracht zum Rheine / ward ganz dahin gegeben,

    Schöne Ross und Sättel: / sie wußten herrlich zu leben.


    Bevor die reiche Gabe / noch alle war verwandt,

    Schon daucht es die zu lange, / die wollten in ihr Land.

    Nie sah man ein Gesinde / mehr so wohl verpflegen.

    So endete die Hochzeit: / da schied von dannen mancher Degen.

    „Ich bin so etwas wie ein Antikörper der New-Age-Bewegung. Meine Funktion besteht darin, auf die Möglichkeit aufmerksam zu machen, hey, weißt du, einiges von all dem Kram könnte auch riesengroßer Quatsch sein!“


    Ceterum censeo progeniem hominum esse deminuendam.

  • Elftes Abenteuer


    Wie Siegfried mit seinem Weibe heimkehrte


    Als die Gäste waren / gefahren all davon,

    Da sprach zu dem Gesinde / König Siegmunds Sohn:

    »Wir wollen auch uns rüsten / zur Fahrt in unser Land.«

    Lieb ward es seinem Weibe, / als ihr die Märe ward bekannt.


    Sie sprach zu ihrem Manne: / »Wann sollen wir nun fahren?

    So sehr damit zu eilen / will ich mich bewahren:

    Erst sollen mit dir teilen / meine Brüder dieses Land.«

    Leid war es Siegfrieden, / als ers an Kriemhilden fand.


    Die Fürsten gingen zu ihm / und sprachen alle drei:

    »Wißt nun, Herr Siegfried, / daß euch immer sei

    Unser Dienst mit Treue / bereit bis in den Tod.«

    Er neigte sich den Herren, / da mans so wohl ihm erbot.


    »Wir wolln auch mit euch teilen,« / sprach Geiselher das Kind,

    »Das Land und die Burgen, / die unser eigen sind,

    Und was der weiten Reiche / uns ist untertan:

    Ihr empfangt mit Kriemhild / euer volles Teil daran.«


    Der Sohn König Siegmunds / sprach zu den Fürsten da,

    Als er den guten Willen / der Herren hört' und sah:

    »Gott laß euch euer Erbe / gesegnet immer sein

    Und auch die Leute drinnen: / es mag die liebe Fraue mein


    Des Teils wohl entraten, / den ihr ihr wolltet geben;

    Wo sie soll Krone tragen, / mögen wirs erleben,

    Da muß sie reicher werden / als wer ist auf der Welt.

    Was ihr sonst gebietet, / ich bin euch dienstlich gesellt.«


    Da sprach aber Kriemhild: / »Wenn ihr mein Land verschmäht,

    Um die Burgunden-Degen / es so gering nicht steht;

    Die mag ein König gerne / führen in sein Land:

    Wohl soll sie mit mir teilen / meiner lieben Brüder Hand.«


    Da sprach König Gernot: / »Nimm, die du willst, mit dir.

    Die gerne mit dir reiten, / du findest viele hier.

    Von dreißig hundert Recken / nimm dir tausend Mann

    Zu deinem Hausgesinde.« / Kriemhild zu senden begann


    Nach Hagen von Tronje / und nach Ortwein,

    Ob sie und ihre Freunde / Kriemhildens wollten sein.

    Da gewann darüber Hagen / ein zorniges Leben:

    Er sprach: »Uns kann Gunther / in der Welt an niemand vergeben.


    Ander Ingesinde / nehmt zu eurer Fahrt;

    Ihr werdet ja wohl kennen / der Tronjer Art.

    Wir müssen bei den Königen / bleiben so fortan

    Und denen ferner dienen, / deren Dienst wir stets versahn.«


    Sie ließen es bewenden / und machten sich bereit.

    Ihres edeln Ingesindes / nahm Kriemhild zum Geleit

    Zweiunddreißig Mägdelein / und fünfhundert Mann;

    Eckewart der Markgraf / zog mit Kriemhild hindann.


    Da nahmen alle Urlaub, / Ritter so wie Knecht,

    Mägdelein und Frauen: / so war es Fug und Recht.

    Unter Küssen scheiden / sah man sie unverwandt,

    Und jene räumten fröhlich / dem König Gunther das Land.


    Da geleiteten die Freunde / sie fern auf ihren Wegen.

    Allenthalben ließ man / ihnen Nachtherberge legen,

    Wo sie die nehmen wollten / in der Könge Land.

    Da wurden bald auch Boten / dem König Siegmund gesandt,


    Damit er wissen sollte / und auch Frau Siegelind,

    Sein Sohn solle kommen / mit Frau Utens Kind,

    Kriemhild der schönen, / von Worms über Rhein.

    Diese Mären konnten / ihnen nimmer lieber sein.


    »Wohl mir,« sprach da Siegmund, / »daß ich den Tag soll sehn,

    Da hier die schöne Kriemhild / soll unter Krone gehn!

    Das erhöht im Werte / mir all das Erbe mein:

    Mein Sohn Siegfried / soll nun selbst hier König sein.«


    Da gab ihnen Sieglind / zu Kleidern sammetrot

    Und schweres Gold und Silber: / das war ihr Botenbrot.

    Sie freute sich der Märe / und mit ihr mancher Mann,

    All ihr Ingesinde / sich mit Fleiß zu kleiden begann.


    Man sagt' ihr, wer da käme / mit Siegfried in das Land.

    Da hieß sie Gestühle / errichten gleich zur Hand,

    Wo er vor den Freunden / sollt unter Krone gehn.

    Entgegen ritten ihnen / die in König Siegmunds Lehn.


    Wer besser wär empfangen, / mir ist es unbekannt,

    Als die Helden wurden / in Siegmundens Land.

    Kriemhilden seine Mutter / Sieglind entgegenritt

    Mit viel der schönen Frauen; / kühne Ritter zogen mit


    Wohl eine Tagereise, / bis man die Gäste sah.

    Die Heimischen und Fremden / litten Beschwerde da,

    Bis sie endlich kamen / zu einer Feste weit,

    Xanten geheißen, / wo sie Krone trugen nach der Zeit.


    Mit lachendem Munde / Siegmund und Siegelind,

    Manche liebe Weile küßten / sie Utens Kind

    Und Siegfried den Degen; / ihnen war ihr Leid benommen.

    All ihr Ingesinde / hieß man fröhlich willkommen.


    Da brachten sie die Gäste / vor König Siegmunds Saal.

    Die schönen Jungfrauen / hob man allzumal

    Von den Mähren nieder; / da war mancher Mann,

    Der den schönen Frauen / mit Fleiß zu dienen begann.


    So prächtig ihre Hochzeit / am Rhein war bekannt,

    Doch gab man hier den Helden / köstlicher Gewand,

    Als sie all ihr Leben / je zuvor getragen.

    Man mochte große Wunder / von ihrem Reichtume sagen.


    So saßen sie in Ehren / und hatten genug.

    Was goldrote Kleider / ihr Ingesinde trug!

    Edel Gestein und Borten / sah man gewirkt darin.

    So verpflag sie fleißig / Sieglind die edle Königin.


    Da sprach vor seinen Freunden / der König Siegmund:

    »Allen meinen Freunden / tu ichs heute kund,

    Daß Siegfried meine Krone / hier hinfort soll tragen.«

    Die Märe hörten gerne / die von Niederlanden sagen.


    Er befahl ihm seine Krone / mit Gericht und Land:

    Da war er Herr und König. / Wem er den Rechtsspruch fand

    Und wen er strafen sollte, / das wurde so getan,

    Daß man wohl fürchten durfte / der schönen Kriemhilde Mann.


    In diesen hohen Ehren / lebt' er, das ist wahr,

    Und richtet' unter Krone / bis an das zehnte Jahr,

    Da die schöne Königin / einen Sohn gewann,

    An dem des Königs Freunde / ihren Wunsch und Willen sahn.


    Alsbald ließ man ihn taufen / und einen Namen nehmen,

    Gunther, nach seinem Oheim: / des durft er sich nicht schämen.

    Geriet' er nach den Freunden, / er würd ein kühner Mann.

    Man erzog ihn sorgsam; / sie taten auch recht daran.


    In denselben Zeiten / starb Frau Siegelind:

    Da nahm die volle Herrschaft / der edeln Ute Kind,

    Wie so reicher Frauen / geziemte wohl im Land.

    Es ward genug betrauert, / daß der Tod sie hatt' entwandt.


    Nun hatt' auch dort am Rheine, / wie wir hören sagen,

    Gunther dem reichen / einen Sohn getragen

    Brunhild die schöne / in Burgundenland.

    Dem Helden zuliebe / ward er Siegfried genannt.


    Mit welchen Sorgen immer / man sein hüten hieß!

    Von Hofmeistern Gunther / ihn alles lehren ließ,

    Was er bedürfen möchte, / erwüchs' er einst zum Mann.

    Hei, was ihm bald das Unglück / der Verwandten abgewann!


    Zu allen Zeiten Märe / war so viel gesagt,

    Wie doch so herrlich / die Degen unverzagt

    Zu allen Stunden lebten / in Siegmundens Land;

    So lebt' auch König Gunther / mit seinen Freunden auserkannt.


    Das Land der Nibelungen / war Siegfried untertan

    (Keiner seiner Freunde / je größern Schatz gewann)

    Mit Schilbungens Recken / und der beiden Gut.

    Darüber trug der Kühne / desto höher den Mut.


    Hort den allermeisten, / den je ein Held gewann,

    Nach den ersten Herren, / besaß der kühne Mann,

    Den vor einem Berge / seine Hand erwarb im Streit;

    Er schlug darum zu Tode / manchen Ritter allbereit.


    Vollauf besaß er Ehre, / und hätt' ers halb entbehrt,

    Doch müßte man gestehn / dem edlen Recken wert,

    Daß er der Beste wäre, / der je auf Rossen saß.

    Man scheute seine Stärke, / mit allem Grunde tat man das.

    „Ich bin so etwas wie ein Antikörper der New-Age-Bewegung. Meine Funktion besteht darin, auf die Möglichkeit aufmerksam zu machen, hey, weißt du, einiges von all dem Kram könnte auch riesengroßer Quatsch sein!“


    Ceterum censeo progeniem hominum esse deminuendam.

  • Zwölftes Abenteuer


    Wie Gunther Siegfrieden zum Hofgelage lud


    Da dacht auch alle Tage / Brunhild die Königin:

    »Wie trägt nur Frau Kriemhild / so übermütigen Sinn!

    Nun ist doch unser Eigen / Siegfried ihr Mann:

    Der hat uns nun schon lange / wenig Dienste getan.«


    Das trug sie im Herzen / in großer Heimlichkeit;

    Daß sie ihr fremde blieben, / das war der Frauen leid.

    Daß man ihr nicht zinste / von des Fürsten Land,

    Woher das wohl käme, / das hätte sie gern erkannt.


    Sie versucht' es bei dem König, / ob es nicht geschehn

    Möchte, daß sie Krimhild / noch sollte wiedersehn.

    Sie vertraut' ihm heimlich, / worauf ihr sann der Mut;

    Da dauchte den König / der Frauen Rede nicht gut.


    »Wie könnten wir sie bringen,« / sprach der König hehr,

    »Her zu diesem Lande? / das fügt sich nimmermehr.

    Sie wohnen uns zu ferne: / ich darf sie nicht drum bitten.«

    Da gab ihm Brunhild Antwort / mit gar hochfärtgen Sitten:


    »Und wäre noch so mächtig / eines Königs Mann,

    Was ihm sein Herr gebietet, / das muß doch sein getan.«

    Lächeln mußte Gunther / ihrer Rede da:

    Er nahm es nicht als Dienst an, / wenn er Siegfrieden sah.


    Sie sprach: »Lieber Herre, / bei der Liebe mein,

    Hilf mir, daß Siegfried / und die Schwester dein

    Zu diesem Lande kommen, / und wir sie hier ersehn:

    So könnte mir auf Erden / nimmer lieber geschehn.


    Deiner Schwester Güte, / ihr wohlerzogner Mut,

    Wenn ich daran gedenke, / wie wohl mirs immer tut,

    Wie wir beisammen saßen, / als ich dir ward vermählt!

    Sie hat sich mit Ehren / den kühnen Siegfried erwählt.«


    Da bat sie ihn so lange, / bis der König sprach:

    »Nun wißt, daß ich Gäste / nicht lieber sehen mag.

    Ihr mögt mich leicht erbitten: / ich will die Boten mein

    Zu ihnen beiden senden, / daß sie kommen an den Rhein.«


    Da sprach die Königstochter: / »So sollt ihr mir sagen,

    Wann ihr sie wollt besenden, / oder zu welchen Tagen

    Die lieben Freunde sollen / kommen in dies Land.

    Die ihr dahin wollt senden, / die macht zuvor mir bekannt.«


    »Das will ich,« sprach der König: / »dreißig aus meinem Lehn

    Laß ich zu ihnen reiten.« / Die hieß er vor sich gehn:

    Durch sie entbot er Märe / in Siegfriedens Land.

    Da beschenkte sie Frau Brunhild / mit manchem reichen Gewand.


    Der König sprach: »Ihr Recken / sollt von mir sagen

    Und nichts von dem verschweigen, / was ich euch aufgetragen,

    Siegfried dem starken / und der Schwester mein,

    Ihnen dürf auf Erden / nimmer jemand holder sein.


    Und bittet, daß sie beide / uns kommen an den Rhein:

    Dafür will ich und Brunhild / ihnen stets gewogen sein.

    Vor dieser Sonnenwende / soll er hier manchen sehn,

    Er und seine Mannen, / die ihm Ehre lassen geschehn.


    Vermeldet auch dem König / Siegmund die Dienste mein,

    Daß ich und meine Freunde / ihm stets gewogen sei'n;

    Und bittet meine Schwester, / daß sie's nicht unterläßt

    Und zu den Freunden reitet: / nie ziemt' ihr so ein Freudenfest.«


    Brunhild und Ute / und was man Frauen fand,

    Die entboten ihre Dienste / in Siegfriedens Land

    Den minniglichen Frauen / und manchem kühnen Mann.

    Nach Wunsch des Königs hoben / sich bald die Boten hindann.


    Sie standen reisefertig; / ihr Roß und ihr Gewand

    War ihnen angekommen: / da räumten sie das Land.

    Sie eilten zu dem Ziele, / dahin sie wollten fahren.

    Der König hieß die Boten / durch Geleite wohl bewahren.


    Sie kamen in drei Wochen / geritten in das Land

    Zu Nibelungens Feste, / wohin man sie gesandt.

    In der Mark zu Norweg / fanden sie den Degen:

    Roß und Leute waren / müde von den langen Wegen.


    Siegfried und Kriemhilden / ward eilends hinterbracht,

    Daß Ritter kommen wären, / die trügen solche Tracht,

    Wie bei den Burgunden / man trug der Sitte nach.

    Sie sprang von einem Bette, / darauf die Ruhende lag.


    Zu einem Fenster ließ sie / eins ihrer Mägdlein gehn:

    Die sah den kühnen Gere / auf dem Hofe stehn,

    Ihn und die Gefährten, / die man dahin gesandt.

    Ihr Herzeleid zu stillen / wie liebe Kunde sie fand!


    Sie sprach zu dem Könige: / »Seht ihr, wie sie stehn,

    Die mit dem starken Gere / auf dem Hofe gehn,

    Die uns mein Bruder Gunther / nieder schickt den Rhein?«

    Da sprach der starke Siegfried: / »Die sollen uns willkommen sein.«


    All ihr Ingesinde / lief hin, wo man sie sah.

    Jeder an seinem Teile, / gütlich sprach er da

    Das Beste, was er konnte, / zu den Boten hehr.

    Ihres Kommens freute / der König Siegmund sich sehr.


    Herbergen ließ man Geren / und die ihm untertan

    Und ihrer Rosse warten. / Die Boten brachte man

    Dahin, wo Herr Siegfried / bei Kriemhilden saß.

    Sie sahn den Boten gerne / sicherlich ohne allen Haß.


    Der Wirt mit seinem Weibe / erhob sich gleich zur Hand.

    Wohl ward empfangen Gere / aus Burgundenland

    Mit seinen Fahrtgenossen / in König Gunthers Lehn.

    Den Markgrafen Gere / bat man nicht länger zu stehn.


    »Erlaubt uns die Botschaft, / eh wir uns setzen gehn;

    Uns wegemüde Gäste, / laßt uns so lange stehn,

    So melden wir die Märe, / die euch zu wissen tut

    Gunther mit Brunhilden: / es geht ihnen beiden gut;


    Und was euch Frau Ute, / eure Mutter, her entbot,

    Geiselher der junge / und auch Herr Gernot

    Und eure nächsten Freunde: / die haben uns gesandt

    Und entbieten euch viel Dienste / aus der Burgunden Land.«


    »Lohn ihnen Gott,« sprach Siegfried; / »ich versah zu ihnen wohl

    Mich aller Lieb und Treue, / wie man zu Freunden soll.

    So tut auch ihre Schwester; / ihr sollt uns ferner sagen,

    Ob unsre lieben Freunde / hohen Mut daheim noch tragen.


    Hat ihnen, seit wir schieden, / jemand ein Leid getan,

    Meiner Fraue Brüdern? / Das saget mir an.

    Ich wollt es ihnen immer / mit Treue helfen tragen,

    Bis ihre Widersacher / meine Dienste müßten beklagen.«


    Zur Antwort gab der Markgraf / Gere, ein Ritter gut:

    »Sie sind in allen Züchten / mit Freuden wohlgemut.

    Sie laden euch zum Rheine / zu einer Lustbarkeit;

    Sie sähn euch gar gerne, / daß ihr des außer Zweifel seid.


    Sie bitten meine Fraue / auch mit euch zu kommen.

    Wenn nun der Winter / ein Ende hat genommen,

    Vor dieser Sonnenwende, / da möchten sie euch sehn.«

    Da sprach der starke Siegfried: / »Das könnte schwerlich geschehn.«


    Da sprach wieder Gere / von Burgundenland:

    »Eure Mutter Ute / hat euch sehr gemahnt,

    Mit Gernot und Geiselher, / ihr sollt es nicht versagen.

    Daß ihr so ferne wohnet, / hör ich sie täglich beklagen.


    Brunhild meine Herrin / und ihre Mägdelein

    Freuen sich der Kunde, / und könnt es jemals sein,

    Daß sie euch wiedersähen, / ihnen schüf es hohen Mut.«

    Da dauchten diese Mären / die schöne Kriemhilde gut.


    Gere war ihr Vetter: / der Wirt ihn sitzen hieß;

    Den Gästen hieß er schenken, / nicht länger man das ließ.

    Da kam dazu auch Siegmund: / als der die Boten sah,

    Freundlich sprach der König / zu den Burgundern da:


    »Willkommen uns, ihr Recken / in König Gunthers Lehn.

    Da sich Kriemhilden / zum Weibe hat ersehn

    Mein Sohn Siegfried, / man sollt euch öfter schaun

    In diesem Lande, dürften wir / bei euch auf Freundschaft vertraun.«


    Sie sprachen: Wenn er wolle, / sie würden gerne kommen.

    Ihnen ward mit Freuden / die Müdigkeit benommen.

    Man hieß die Boten sitzen; / Speise man ihnen trug:

    Deren schuf da Siegfried / den lieben Gästen genug.


    Sie mußten da verweilen / volle neun Tage.

    Darob erhuben endlich / die schnellen Ritter Klage,

    Daß sie nicht wieder reiten / durften in ihr Land.

    Da hatt auch König Siegfried / zu seinen Freunden gesandt:


    Er fragte, was sie rieten? / er solle nach dem Rhein:

    »Es ließ mich entbieten / Gunther der Schwager mein,

    Er und seine Brüder, / zu einer Lustbarkeit:

    Ich möcht ihm gerne kommen, / liegt gleich sein Land mir so weit.


    Sie bitten Kriemhilden / mit mir zu ziehn.

    Nun ratet, lieben Freunde, / wie kommen wir dahin?

    Und sollt ich heerfahrten / durch dreißig Herren Land,

    Gern dienstbereit erwiese / sich ihnen Siegfriedens Hand.«


    Da sprachen seine Recken: / »Steht euch zur Fahrt der Mut

    Nach dem Hofgelage: / wir raten was ihr tut:

    Ihr sollt mit tausend Recken / reiten an den Rhein:

    So mögt ihr wohl mit Ehren / bei den Burgunden sein.«


    Da sprach von Niederlanden / der König Siegmund:

    »Wollt ihr zum Hofgelage, / was tut ihr mirs nicht kund?

    Ich will mit euch reiten, / wenn ihrs zufrieden seid:

    Hundert Degen führ ich, / damit mehr ich eur Geleit.«


    »Wollt ihr mit uns reiten, / lieber Vater mein,«

    Sprach der kühne Siegfried, / »des will ich fröhlich sein.

    Binnen zwölf Tagen / räum ich unser Land.«

    Die sie begleiten sollten, / denen gab man Roß und Gewand.


    Als dem edeln König / zur Reise stand der Mut,

    Da ließ man wieder reiten / die schnellen Degen gut.

    Seiner Frauen Brüdern / entbot er an den Rhein,

    Daß er gerne wolle / bei ihrem Hofgelage sein.


    Siegfried und Kriemhild, / so hörten wir sagen,

    Beschenkten so die Boten, / es mochten es nicht tragen

    Die Pferde nach der Heimat: / er war ein reicher Mann.

    Ihre starken Säumer / trieb man zur Reise fröhlich an.


    Da schuf dem Volke Kleider / Siegfried und Siegemund.

    Eckewart der Markgraf / ließ da gleich zur Stund

    Frauenkleider suchen, / die besten, die man fand

    Und irgend mocht erwerben / in Siegfriedens ganzem Land.


    Die Sättel und Schilde / man da bereiten ließ.

    Den Rittern und den Frauen, / die er sich folgen hieß,

    Gab man, was sie wollten; / nichts gebrach daran.

    Er brachte seinen Freunden / manchen herrlichen Mann.


    Nun wandten sich die Boten / zurück und eilten sehr.

    Da kam zu den Burgunden / Gere, der Degen hehr,

    Und wurde schön empfangen; / sie schwangen sich zu Tal

    Von Rossen und von Mähren / dort vor König Gunthers Saal.


    Die Jungen und die Alten / kamen, wie man tut,

    Und fragten nach der Märe. / Da sprach der Ritter gut:

    »Wenn ichs dem König sage, / wird es auch euch bekannt.«

    Er ging mit den Gesellen / dahin, wo er Gunthern fand.


    Der König vor Freude / von dem Sessel sprang;

    Daß sie so bald gekommen, / sagt' ihnen Dank

    Brunhild die schöne. / Zu den Boten sprach er da:

    »Wie gehabt sich Siegfried, / von dem mir Liebe viel geschah?«


    Da sprach der kühne Gere: / »Er ward vor Freuden rot,

    Er und eure Schwester. / So holde Mär entbot

    Seinen Freunden nimmer / noch zuvor ein Mann,

    Als auch der edle Siegfried / und sein Vater hat getan.«


    Da sprach zum Markgrafen / des reichen Königs Weib:

    »Nun sagt mir, kommt uns Kriemhild? / Hat noch ihr schöner Leib

    Die hohe Zier behalten, / deren sie mochte pflegen?«

    Er sprach: »Sie kommen beide; / mit ihnen mancher kühne Degen.«


    Ute ließ die Boten / alsbald vor sich gehn.

    Da wars an ihrem Fragen / leichtlich zu verstehn,

    Was sie zu wissen wünsche: / »War Kriemhild noch wohlauf?«

    Er gab Bescheid, sie käm auch / nach kurzer Tage Verlauf.


    Da blieb auch nicht verhohlen / am Hof der Botensold,

    Den ihnen Siegfried schenkte, / die Kleider und das Gold:

    Die ließ man alle schauen / in der drei Fürsten Lehn.

    Da mußten sie ihm Ehre / wohl für Milde zugestehn.


    »Er mag,« sprach da Hagen, / »mit vollen Händen geben:

    Er könnt es nicht verschwenden, / und sollt er ewig leben.

    Den Hort der Nibelungen / beschließt des Königs Hand:

    Hei! daß der jemals käme / her in der Burgunden Land!«


    Da freuten sich die Degen / am Hof im voraus,

    Daß sie kommen sollten. / Beflissen überaus

    Sah man spät und frühe / die in der Könge Lehn.

    Welch herrlich Gestühle / ließ man vor der Burg erstehn!


    Hunold der kühne / und Sindold der Degen

    Hatten wenig Muße: / des Amtes mußte pflegen

    Truchseß auch und Schenke / und richten manche Bank;

    Auch Ortwein war behilflich; / des sagt' ihnen Gunther Dank.


    Rumold der Küchenmeister, / wie herrscht' er in der Zeit

    Ob seinen Untertanen, / gar manchem Kessel weit,

    Häfen und Pfannen; / hei! was man deren fand!

    Denen ward da Kost bereitet, / die da kamen in das Land.


    Der Frauen Arbeiten / waren auch nicht klein:

    Sie bereiteten die Kleider, / darauf manch edler Stein,

    Des Strahlen ferne glänzten, / gewirkt war in das Gold.

    Wenn sie die anlegten, / ward ihnen männiglich hold.

    „Ich bin so etwas wie ein Antikörper der New-Age-Bewegung. Meine Funktion besteht darin, auf die Möglichkeit aufmerksam zu machen, hey, weißt du, einiges von all dem Kram könnte auch riesengroßer Quatsch sein!“


    Ceterum censeo progeniem hominum esse deminuendam.

  • Dreizehntes Abenteuer


    Wie sie zum Hofgelage fuhren


    All ihr Bemühen / lassen wir nun sein

    Und sagen, wie Frau Kriemhild / und ihre Mägdelein

    Hin zum Rheine fuhren / von Nibelungenland.

    Niemals trugen Rosse / so viel herrlich Gewand.


    Viel Saumschreine wurden / versendet auf den Wegen.

    Da ritt mit seinen Freunden / Siegfried der Degen

    Und die Königstochter / in hoher Freuden Wahn;

    Da ward es ihnen allen / zu großem Leide getan.


    Sie ließen in der Heimat / Siegfrieds Kindelein

    Und Kriemhildens bleiben; / das mußte wohl so sein.

    Aus ihrer Hofreise / erwuchs ihm viel Beschwer:

    Seinen Vater, seine Mutter / ersah das Kindlein nimmermehr.


    Mit ihnen ritt von dannen / Siegmund der König hehr.

    Hätt er ahnen können, / wie es ihm nachher

    Beim Hofgelag erginge, / er hätt es nicht gesehn:

    Ihm konnt an lieben Freunden / größer Leid nicht geschehn.


    Vorausgesandte Boten / verhießen sie bei Zeit.

    Entgegen ritten ihnen / in herrlichem Geleit

    Von Utens Freunden viele / und König Gunthers Lehn.

    Der Wirt ließ großen Eifer / für die lieben Gäste sehn.


    Er ging zu Brunhilden, / wo er sie sitzen fand:

    »Wie empfing euch meine Schwester, / da ihr kamet in dies Land?

    So will ich, daß ihr Siegfrieds / Gemahl empfangen sollt.«

    »Das tu ich,« sprach sie, / gerne: »ich bin ihr billiglich hold.«


    Da sprach der mächtige König: / »Sie kommen morgen fruh;

    Wollt ihr sie empfangen, / so greift nur bald dazu,

    Daß sie uns in der Feste / nicht überraschen hie:

    Mir sind so liebe Gäste / nicht oft gekommen wie sie.«


    Ihre Mägdelein und Frauen / ließ sie da zur Hand

    Gute Kleider suchen, / die besten, die man fand,

    Die ihr Ingesinde / vor Gästen mochte tragen.

    Das taten sie doch gerne: / das mag man für Wahrheit sagen.


    Sie zu empfangen eilten / auch die in Gunthers Lehn:

    All seine Recken / hieß er mit sich gehn.

    Da ritt die Königstochter / hinweg in stolzem Zug.

    Die lieben Gäste grüßte / sie alle freudig genug.


    Mit wie hohen Ehren / da empfing man sie!

    Sie dauchte, daß Frau Kriemhild / Brunhilden nie

    So wohl empfangen habe / in Burgundenland.

    Allen, die es sahen, / ward hohe Wonne bekannt.


    Nun war auch Siegfried kommen / mit seiner Leute Heer.

    Da sah man die Helden / sich wenden hin und her

    Im Feld allenthalben / mit ungezählten Scharen.

    Vor Staub und Drängen konnte / sich da niemand bewahren.


    Als der Wirt des Landes / Siegfrieden sah

    Und Siegmund den König, / wie gütlich sprach er da:

    »Nun seid mir hoch willkommen / und all den Freunden mein;

    Wir wollen hohen Mutes / ob eurer Hofreise sein.«


    »Nun lohn euch Gott,« sprach Siegmund, / der ehrbegierge Mann.

    »Seit mein Sohn Siegfried / euch zum Freund gewann,

    Riet mir all mein Sinnen, / wie ich euch möchte sehn.«

    Da sprach König Gunther: / »Nun freut mich, daß es geschehn.«


    Siegfried ward empfangen, / wie man das wohl gesollt,

    Mit viel großen Ehren; / ein jeder ward ihm hold.

    Des half mit Rittersitten / Gernot und Geiselher;

    Man bot es lieben Gästen / so gütlich wohl nimmermehr.


    Nun konnten sich einander / die Königinnen schaun.

    Da sah man Sättel leeren / und viel der schönen Fraun

    Von der Helden Händen / gehoben auf das Gras:

    Wer gerne Frauen diente, / wie selten der da müßig saß!


    Da gingen zueinander / die Frauen minniglich.

    Darüber höchlich freuten / viel der Ritter sich,

    Daß der beiden Grüßen / so minniglich erging.

    Man sah da manchen Recken, / der Frauendienste beging.


    Das herrliche Gesinde / nahm sich bei der Hand;

    Züchtiglich sich neigen / man allerorten fand

    Und minniglich sich küssen / viel Frauen wohlgetan.

    Das sahen gerne Gunthers / und Siegfrieds Mannen mit an.


    Sie säumten da nicht länger / und ritten nach der Stadt.

    Der Wirt seinen Gästen / zu erweisen bat,

    Daß man sie gerne sähe / in der Burgunden Land.

    Manches schöne Kampfspiel / man vor den Jungfrauen fand.


    Da ließ von Tronje Hagen / und auch Ortewein,

    Wie sie gewaltig waren, / wohl offenkundig sein.

    Was sie gebieten mochten, / das ward alsbald getan:

    Man sah die lieben Gäste / viel Dienst von ihnen empfahn.


    Man hörte Schilde hallen / vor der Feste Tor

    Von Stichen und von Stößen. / Lange hielt davor

    Der Wirt mit seinen Gästen, / bis alle waren drin.

    In mancher Kurzweil gingen / ihnen schnell die Stunden hin.


    Vor den weiten Gästesaal / sie nun in Freuden ritten.

    Viel kunstvolle Decken, / reich und wohlgeschnitten,

    Sah man von den Sätteln / den Frauen wohlgetan

    Allenthalben hangen; / da kamen Diener heran:


    Zu Gemache wiesen / sie die Gäste da.

    Hin und wieder blicken / man Brunhilden sah

    Nach Kriemhild der Frauen: / schön war sie genug:

    Den Glanz noch vor dem Golde / ihre hehre Farbe trug.


    Da vernahm man allenthalben / zu Worms in der Stadt

    Den Jubel des Gesindes. / König Gunther bat

    Dankwart seinen Marschall, / es wohl zu verpflegen:

    Da ließ er die Gäste / in gute Herbergen legen.


    Draußen und darinnen / beköstigte man sie:

    So wohl gewartet wurde / fremder Gäste nie:

    Was einer wünschen mochte, / das war ihm gern gewährt:

    So reich war der König, / es blieb keinem was verwehrt.


    Man dient' ihnen freundlich / und ohn allen Haß.

    Der König zu Tische / mit seinen Gästen saß;

    Siegfrieden ließ man sitzen, / wie er sonst getan.

    Mit ihm ging zu Tische / gar mancher weidliche Mann.


    Zwölfhundert Recken / setzten sich dahin

    Mit ihm an der Tafel. / Brunhild die Königin

    Gedachte, wie ein Dienstmann / nicht reicher möge sein.

    Noch war sie ihm so günstig, / sie ließ ihn gerne gedeihn.


    Es war an einem Abend, / da so der König saß,

    Viel reiche Kleider wurden / da vom Weine naß.

    Als die Schenken sollten / zu den Tischen gehn,

    Da sah man volle Dienste / mit großem Fleiße geschehn.


    Wie bei Hofgelagen / Sitte mochte sein,

    Ließ man zur Ruh geleiten / Fraun und Mägdelein.

    Von wannen wer gekommen, / der Wirt ihm Sorge trug;

    In gütlichen Ehren / gab man allen genug.


    Die Nacht war zu Ende, / sich hob des Tages Schein,

    Aus den Saumschreinen / mancher Edelstein

    Erglänzt' auf gutem Kleide; / das schuf der Frauen Hand.

    Aus der Lade suchten sie / manches herrliche Gewand.


    Eh es noch völlig tagte, / kamen vor den Saal

    Ritter viel und Knechte: / da hob sich wieder Schall

    Vor einer Frühmesse, / die man dem König sang.

    So ritten junge Helden, / der König sagt' ihnen Dank.


    Da klangen die Posaunen / von manchem kräftgen Stoß;

    Von Flöten und Drommeten / ward der Schall so groß,

    Worms die weite Feste / gab lauten Widerhall.

    Auf die Rosse sprangen / die kühnen Helden überall.


    Da hob sich in dem Lande / ein hohes Ritterspiel

    Von manchem guten Recken: / man fand ihrer viel,

    Deren junge Herzen / füllte froher Mut.

    Unter Schilden sah man / manchen zieren Ritter gut.


    Da ließen in den Fenstern / die herrlichen Fraun

    Und viel der schönen Maide / sich im Schmucke schaun.

    Sie sahen kurzweilen / manchen kühnen Mann:

    Der Wirt mit seinen Freunden / zu reiten selber begann.


    So vertrieben sie die Weile, / die dauchte sie nicht lang.

    Da lud zu dem Dome / mancher Glocke Klang.

    Den Frauen kamen Rosse, / da ritten sie hindann;

    Den edeln Königinnen / folgte mancher kühne Mann.


    Sie stiegen vor dem Münster / nieder auf das Gras.

    Noch hegte zu den Gästen / Brunhild keinen Haß.

    Sie gingen unter Krone / in das Münster weit;

    Bald schied sich diese Liebe: / das wirkte grimmiger Neid.


    Als die Messe war gesungen, / sah man sie weiter ziehn

    Unter hohen Ehren. / Sie gingen heiter hin

    Zu des Königs Tischen. / Ihre Freude nicht erlag

    Bei diesen Lustbarkeiten / bis gegen den elften Tag.


    Die Königin gedachte: / »Ich wills nicht länger tragen.

    Wie ich es fügen möge, / Kriemhild muß mir sagen,

    Warum uns so lange / den Zins versaß ihr Mann:

    Der ist doch unser Eigen: / der Frag ich nicht entraten kann.«


    So harrte sie der Stunde, / bis es der Teufel riet,

    Daß sie das Hofgelage / und die Lust mit Leide schied.

    Was ihr lag am Herzen, / zu Lichte mußt es kommen:

    Drum ward in manchen Landen / durch sie viel Jammer vernommen.

    „Ich bin so etwas wie ein Antikörper der New-Age-Bewegung. Meine Funktion besteht darin, auf die Möglichkeit aufmerksam zu machen, hey, weißt du, einiges von all dem Kram könnte auch riesengroßer Quatsch sein!“


    Ceterum censeo progeniem hominum esse deminuendam.

  • Vierzehntes Abenteuer


    Wie die Königinnen sich schalten


    Es war vor einer Vesper, / als man den Schall vernahm,

    Der von manchem Recken / auf dem Hofe kam:

    Sie stellten Ritterspiele / der Kurzweil willen an.

    Da eilten es zu schauen / Frauen viel und mancher Mann.


    Da saßen beisammen / die Königinnen reich

    Und gedachten zweier Recken, / die waren ohnegleich.

    Da sprach die schöne Kriemhild: / »Ich hab einen Mann,

    Dem wären diese Reiche / alle billig untertan.«


    Da sprach zu ihr Frau Brunhild: / »Wie könnte das wohl sein?

    Wenn anders niemand lebte / als du und er allein,

    So möchten ihm die Reiche / wohl zu Gebote stehn:

    Solange Gunther lebte, / so könnt es nimmer geschehn.«


    Da sprach Kriemhild wieder: / »Siehst du, wie er steht,

    Wie er da so herrlich / vor allen Recken geht,

    Wie der lichte Vollmond / vor den Sternen tut!

    Darob mag ich wohl immer / tragen fröhlichen Mut.«


    Da sprach wieder Brunhild: / »Wie weidlich sei dein Mann,

    Wie schön und wie bieder, / so steht ihm doch voran

    Gunther, der Recke, / der edle Bruder dein:

    Der muß vor allen Königen, / das wisse du, wahrlich sein.«


    Da sprach Kriemhild wieder: / »So wert ist mein Mann,

    Daß er ohne Grund nicht / solch Lob von mir gewann.

    An gar manchen Dingen / ist seine Ehre groß.

    Glaubst du das, Brunhild? / er ist wohl Gunthers Genoß!«


    »Das sollst du mir, Kriemhild, / im argen nicht verstehn;

    Es ist auch meine Rede / nicht ohne Grund geschehn.

    Ich hört' es beide sagen, / als ich zuerst sie sah,

    Und als des Königs Willen / in meinen Spielen geschah,


    Und da er meine Minne / so ritterlich gewann,

    Da sagt' es Siegfried selber, / er sei des Königs Mann:

    Drum halt ich ihn für eigen: / ich hört' es ihn gestehn.«

    Da sprach die schöne Kriemhild: / »So wär mir übel geschehn.


    Wie hätten so geworben / die edlen Brüder mein,

    Daß ich des Eigenmannes / Gemahl sollte sein?

    Darum will ich, Brunhild, / gar freundlich dich bitten,

    Laß mir zulieb die Rede / hinfort mit gütlichen Sitten.«


    Die Königin versetzte: / »Sie lassen mag ich nicht:

    Wie tät ich auf so manchen / Ritter wohl Verzicht,

    Der uns mit dem Degen / zu Dienst ist untertan?«

    Kriemhild die schöne / hub da sehr zu zürnen an.


    »Dem mußt du wohl entsagen, / daß er in der Welt

    Dir irgend Dienste leiste. / Werter ist der Held

    Als mein Bruder Gunther, / der Degen unverzagt.

    Erlaß mich der Dinge, / die du mir jetzo gesagt.


    Auch muß mich immer wundern, / wenn er dein Dienstmann ist,

    Und du ob uns beiden / so gewaltig bist,

    Warum er dir so lange / den Zins versessen hat;

    Deines Übermutes / wäre ich billig nun satt.«


    »Du willst dich überheben,« / sprach da die Königin.

    »Wohlan, ich will doch schauen, / ob man dich fürderhin

    So hoch in Ehren halte, / als man mich selber tut.«

    Die Frauen waren beide / in sehr zornigem Mut.


    Da sprach wieder Kriemhild: / »Das wird dir wohl bekannt:

    Da du meinen Siegfried / dein Eigen hast genannt,

    So sollen heut die Degen / der beiden Könge sehn,

    Ob ich vor der Königin / wohl zur Kirche dürfe gehn.


    Ich lasse dich wohl schauen, / daß ich edel bin und frei,

    Und daß mein Mann viel werter / als der deine sei.

    Ich will damit auch selber / nicht bescholten sein:

    Du sollst noch heute sehen, / wie die Eigenholde dein


    Zu Hof geht vor den Helden / in Burgundenland.

    Ich will höher gelten, / als man je gekannt

    Eine Königstochter, / die noch die Krone trug.«

    Unter den Frauen / hob sich der Haß da grimm genug.


    Da sprach Brunhild wieder: / »Willst du nicht eigen sein,

    So mußt du dich scheiden / mit den Frauen dein

    Von meinem Ingesinde, / wenn wir zum Münster gehn.«

    »In Treuen,« sprach da Kriemhild, / »also soll es geschehn.«


    »Nun kleidet euch, ihr Maide,« / hub da Kriemhild an:

    »Ob ich frei von Schande / hier nicht verbleiben kann,

    Laßt es heute schauen, / besitzt ihr reichen Staat:

    Sie soll es noch verleugnen, / was ihr Mund gesprochen hat.«


    Ihnen war das leicht zu raten; / sie suchten reich Gewand.

    Wie bald man da im Schmucke / viel Fraun und Maide fand.

    Da ging mit dem Gesinde / des edeln Wirts Gemahl;

    Zu Wunsch gekleidet ward auch / die schöne Kriemhild zumal


    Mit dreiundvierzig Maiden, / die sie zum Rhein gebracht;

    Die trugen lichte Zeuge, / in Arabien gemacht.

    So kamen zu dem Münster / die Mägdlein wohlgetan.

    Ihrer harrten vor dem Hause, / die Siegfrieden untertan.


    Die Leute nahm es wunder, / warum das geschah,

    Daß man die Königinnen / so geschieden sah,

    Und daß sie beieinander / nicht gingen so wie eh.

    Das geriet noch manchen Degen / zu Sorgen und großem Weh.


    Nun stand vor dem Münster / König Gunthers Weib.

    Da fanden viel der Ritter / genehmen Zeitvertreib

    Bei den schönen Frauen, / die sie da nahmen wahr.

    Da kam die edle Kriemhild / mit mancher herrlichen Schar.


    Was Kleider je getragen / eines edeln Ritters Kind,

    Gegen ihr Gesinde / war alles nur wie Wind.

    Sie war so reich an Gute, / dreißig Königsfraun

    Mochten die Pracht nicht zeigen, / die da an ihr war zu schaun.


    Was man auch wünschen mochte, / niemand konnte sagen,

    Daß er so reiche Kleider / je gesehen tragen,

    Als da zur Stunde trugen / ihre Mägdlein wohlgetan.

    Brunhilden wars zuleide, / sonst hätt es Kriemhild nicht getan.


    Nun kamen sie zusammen / vor dem Münster weit.

    Die Hausfrau des Königs / aus ingrimmem Neid

    Hieß da Kriemhilden / unwirsch stille stehn:

    »Es soll vor Königsweibe / die Eigenholde nicht gehn.«


    Da sprach die schöne Kriemhild, / zornig war ihr Mut:

    »Hättest du noch geschwiegen, / das wär dir wohl gut.

    Du hast geschändet selber / deinen schönen Leib:

    Mocht eines Mannes Kebse / je werden Königsweib?«


    »Wen willst du hier verkebsen?« / sprach des Königs Weib.

    »Das tu ich dich,« sprach Kriemhild: / »deinen schönen Leib

    Hat Siegfried erst geminnet, / mein geliebter Mann:

    Wohl war es nicht mein Bruder, / der dein Magdtum gewann.


    Wo blieben deine Sinne? / Es war doch arge List:

    Was ließest du ihn minnen, / wenn er dein Dienstmann ist?

    Ich höre dich,« sprach Kriemhild, / »ohn alle Ursach klagen.«

    »In Wahrheit,« sprach da Brunhild, / »das will ich doch Gunthern sagen.«


    »Wie mag mich das gefährden? / Dein Übermut hat dich betrogen:

    Du hast mich mit Reden / in deine Dienste gezogen.

    Das wisse du in Treuen, / es ist mir immer leid:

    Zu trauter Freundschaft bin ich / dir nimmer wieder bereit.«


    Brunhild begann zu weinen; / Kriemhild es nicht verhing,

    Vor des Königs Weibe / sie in das Münster ging

    Mit ihrem Ingesinde. / Da hub sich großer Haß;

    Es wurden lichte Augen / sehr getrübt davon und naß.


    Wie man da Gott auch diente / oder jemand sang,

    Brunhilden währte / die Weile viel zu lang,

    Ihr war allzutrübe / der Sinn und auch der Mut:

    Des mußte bald entgelten / mancher Degen kühn und gut.


    Brunhild mit ihren Frauen / ging vor das Münster stehn.

    Sie gedachte: »Ich muß von Kriemhild / mehr zu hören sehn,

    Wes mich so laut hier zeihte / das wortscharfe Weib:

    Und wenn er sichs gerühmt hat, / gehts ihm an Leben und Leib!«


    Nun kam die edle Kriemhild / mit manchem kühnen Mann.

    Da begann Frau Brunhild: / »Haltet hier noch an.

    Ihr wolltet mich verkebsen: / laßt uns Beweise sehn;

    Mir ist von euern Reden, / das wisset, übel geschehn.«


    Da sprach die schöne Kriemhild: / »Was laßt ihr mich nicht gehn?

    Ich bezeug es mit dem Golde, / an meiner Hand zu sehn.

    Das brachte mir Siegfried, / nachdem er bei euch lag.«

    Nie erlebte Brunhild / wohl einen leidigern Tag.


    Sie sprach: »Dies Gold, das edle, / das ward mir gestohlen

    Und blieb mir lange Jahre / übel verhohlen:

    Ich komme nun dahinter, / wer mir es hat genommen.«

    Die Frauen waren beide / in großen Unmut gekommen.


    Da sprach wieder Kriemhild: / »Ich will nicht sein der Dieb.

    Du hättest schweigen sollen, / wär dir Ehre lieb.

    Ich bezeug es mit dem Gürtel, / den ich umgetan,

    Ich habe nicht gelogen: / wohl wurde Siegfried dein Mann.«


    Von Niniveer Seide / sie eine Borte trug

    Mit edelm Gesteine, / die war wohl schön genug.

    Als Brunhild sie erblickte, / zu weinen hub sie an.

    Das mußte Gunther wissen / und alle, die ihm untertan.


    Da sprach des Landes Königin: / »Sendet her zu mir

    Den König vom Rheine: / hören soll er hier,

    Wie sehr seine Schwester / schändet meinen Leib;

    Sie sagt vor allen Leuten, / ich sei Siegfriedens Weib.«


    Der König kam mit Recken: / als er weinen sah

    Brunhild seine Traute, / gütlich sprach er da:

    »Von wem, liebe Fraue, / ist euch ein Leid geschehn?«

    Sie sprach zu dem König: / »Unfröhlich muß ich hier stehn.


    Aller meiner Ehren / hat die Schwester dein

    Mich berauben wollen. / Geklagt soll dir sein,

    Sie sagt: ich sei die Kebse / von Siegfried, ihrem Mann.«

    Da sprach König Gunther: / »So hat sie übel getan.«


    »Sie trägt hier meinen Gürtel, / den ich längst verloren,

    Und mein Gold das rote. / Daß ich je ward geboren,

    Des muß mich sehr gereuen: / befreist du, Herr, mich nicht

    Solcher großen Schande, / ich minne nie wieder dich.«


    Da sprach König Gunther: / »So ruft ihn herbei:

    Hat er sichs gerühmet, / das gesteh er frei,

    Er woll es denn leugnen, / der Held vom Niederland.«

    Da ward der kühne Siegfried / bald hin zu ihnen gesandt.


    Als Siegfried der Degen / die Unmutvollen sah

    Und den Grund nicht wußte, / balde sprach er da:

    »Was weinen diese Frauen? / das macht mir bekannt:

    Oder wessentwegen / wurde hier nach mir gesandt?«


    Da sprach König Gunther: / »Groß Herzleid fand ich hier.

    Eine Märe sagte / mein Weib Frau Brunhild mir:

    Du habest dich gerühmet, / du wärst ihr erster Mann.

    So spricht dein Weib Frau Kriemhild: / hast du Degen das getan?«


    »Niemals,« sprach da Siegfried; / »und hat sie das gesagt,

    Nicht eher will ich ruhen, / bis sie es beklagt,

    Und will davon mich reinigen / vor deinem ganzen Heer

    Mit meinen hohen Eiden, / ich sagte solches nimmermehr.«


    Da sprach der Fürst vom Rheine: / »Wohlan, das zeige mir.

    Der Eid, den du geboten, / geschieht der allhier,

    Aller falschen Dinge / laß ich dich ledig gehn.«

    Man ließ in einem Ringe / die stolzen Burgunden stehn.


    Da bot der kühne Siegfried / zum Eide hin die Hand.

    Da sprach der reiche König: / »Jetzt hab ich wohl erkannt,

    Ihr seid hieran unschuldig, / und sollt des ledig gehn:

    Des euch Kriemhild zeihte, / das ist nicht von euch geschehn.«


    Da sprach wieder Siegfried: / »Und kommt es ihr zugut,

    Daß deinem schönen Weibe / sie so betrübt den Mut,

    Das wäre mir wahrlich / aus der Maßen leid.«

    Da blickten zueinander / die Ritter kühn und allbereit.


    »Man soll so Frauen ziehen,« / sprach Siegfried der Degen,

    »Daß sie üppige Reden / lassen unterwegen.

    Verbiet es deinem Weibe, / ich will es meinem tun.

    Solchen Übermutes / in Wahrheit schäm ich mich nun.«


    Viel schöne Frauen wurden / durch Reden schon entzweit.

    Da erzeigte Brunhild / solche Traurigkeit,

    Daß es erbarmen mußte / die in Gunthers Lehn.

    Von Tronje Hagen sah man / zu der Königin gehn.


    Er fragte, was ihr wäre, / da er sie weinend fand.

    Sie sagt ihm die Märe. / Er gelobt' ihr gleich zur Hand,

    Daß es büßen sollte / der Kriemhilde Mann,

    Oder man treff ihn nimmer / unter Fröhlichen an.


    Über die Rede kamen / Ortwein und Gernot.

    Allda die Helden rieten / zu Siegfriedens Tod.

    Dazu kam auch Geiselher, / der schönen Ute Kind;

    Als er die Rede hörte, / sprach der Getreue geschwind:


    »O weh, ihr guten Recken, / warum tut ihr das?

    Siegfried verdiente / ja niemals solchen Haß,

    Daß er darum verlieren / Leben sollt und Leib;

    Auch sind es viele Dinge, / um die wohl zürnet ein Weib.«


    »Sollen wir Gäuche ziehen?« / sprach Hagen entgegen:

    »Das brächte wenig Ehre / solchen guten Degen.

    Daß er sich rühmen durfte / der lieben Frauen mein,

    Ich will des Todes sterben, / oder es muß gerochen sein.«


    Da sprach der König selber: / »Er hat uns nichts getan

    Als Liebes und Gutes: / leb er denn fortan.

    Was sollt ich dem Recken / hegen solchen Haß?

    Er bewies uns immer Treue, / gar williglich tat er das.«


    Da begann der Degen / von Metz Herr Ortewein:

    »Wohl kann ihm nicht mehr helfen / die große Stärke sein.

    Will es mein Herr erlauben, / ich tu ihm alles Leid.«

    Da waren ihm die Helden / ohne Grund zu schaden bereit.


    Dem folgte doch niemand, / außer daß Hagen

    Alle Tage pflegte / zu Gunthern zu sagen:

    Wenn Siegfried nicht mehr lebte, / ihm würden untertan

    Manches Königs Lande. / Da hub der Held zu trauern an.


    Man ließ es bewenden / und ging dem Kampfspiel nach.

    Hei! was man starker Schäfte / vor dem Münster brach

    Vor Siegfriedens Weibe / bis hinan zum Saal!

    Mit Unmut sah es mancher, / dem König Gunther befahl.


    Der König sprach: »Laßt fahren / den mordlichen Zorn.

    Er ist uns zu Ehren / und zum Heil geborn;

    Auch ist so grimmer Stärke / der wunderkühne Mann,

    Wenn ers inne würde, / so dürfte niemand ihm nahn.«


    »Nicht doch,« sprach da Hagen, / »da dürft ihr ruhig sein:

    Wir leiten in der Stille / alles sorglich ein.

    Brunhildens Weinen / soll ihm werden leid.

    Immer sei ihm Hagen / zu Haß und Schaden bereit.«


    Da sprach der König Gunther: / »Wie möcht es geschehn?«

    Zur Antwort gab ihm Hagen: / »Das sollt ihr bald verstehn:

    Wir lassen Boten reiten / her in dieses Land,

    Uns offnen Krieg zu künden, / die hier niemand sind bekannt.


    Dann sagt ihr vor den Gästen, / ihr wollt mit euerm Lehn

    Euch zur Heerfahrt rüsten. / Sieht er das geschehn,

    So verspricht er euch zu helfen: / dann gehts ihm an den Leib,

    Erfahr ich nur die Märe / von des kühnen Recken Weib.«


    Der König folgte leider / seines Dienstmanns Rat.

    So huben an zu sinnen / auf Untreu und Verrat,

    Eh es wer erkannte, / die Ritter auserkoren:

    Durch zweier Frauen Zanken / ging da mancher Held verloren.

    „Ich bin so etwas wie ein Antikörper der New-Age-Bewegung. Meine Funktion besteht darin, auf die Möglichkeit aufmerksam zu machen, hey, weißt du, einiges von all dem Kram könnte auch riesengroßer Quatsch sein!“


    Ceterum censeo progeniem hominum esse deminuendam.

  • Fünfzehntes Abenteuer


    Wie Siegfried verraten ward


    Man sah am vierten Morgen / zweiunddreißig Mann

    Hin zu Hofe reiten: / da ward es kund getan

    Gunther dem reichen, / es droh ihm neuer Streit.

    Die Lüge schuf den Frauen / das allergrößeste Leid.


    Sie gewannen Urlaub, / an den Hof zu gehn.

    Da sagten sie, sie ständen / in Lüdegers Lehn,

    Den einst bezwungen hatte / Siegfriedens Hand

    Und ihn als Geisel brachte / König Gunthern in das Land.


    Die Boten grüßte Gunther / und hieß sie sitzen gehn.

    Einer sprach darunter: / »Herr König, laßt uns stehn,

    Daß wir die Mären sagen, / die euch entboten sind.

    Wohl habt ihr zu Feinden, / das wißt, mancher Mutter Kind.


    Euch widersagen Lüdegast / und König Lüdeger:

    Denen schuft ihr weiland / grimmige Beschwer:

    Nun wollen sie mit Heereskraft / reiten in dies Land.«

    Gunther begann zu zürnen, / als wär es ihm unbekannt.


    Man ließ die falschen Boten / zu den Herbergen gehn.

    Wie mochte da Siegfried / der Tücke sich versehn,

    Er oder anders jemand, / die man so listig spann?

    Doch war es ihnen selber / zu großem Leide getan.


    Der König mit den Freunden / ging raunend ab und zu:

    Hagen von Tronje / ließ ihm keine Ruh.

    Da wollt es mancher wenden / in des Königs Lehn;

    Doch nicht vermocht er Hagen / von seinen Räten abzustehn.


    Eines Tages Siegfried / die Degen raunend fand.

    Da begann zu fragen / der Held von Niederland:

    »Wie traurig geht der König / und die ihm untertan?

    Das helf ich immer rächen, / hat ihnen wer ein Leid getan.«


    Da sprach König Gunther: / »Wohl hab ich Herzeleid:

    Lüdegast und Lüdeger / drohn mir wieder Streit.

    Mit Heerfahrten wollen sie / reiten in mein Land.«

    Da sprach der kühne Degen: / »Dem soll Siegfriedens Hand


    Nach allen euern Ehren / mit Kräften widerstehn;

    Von mir geschieht den Degen, / was ihnen einst geschehn.

    Ihre Burgen leg ich wüste / und dazu ihr Land,

    Eh ich ablasse: / des sei mein Haupt euer Pfand.


    Ihr mit euern Mannen / nehmt der Heimat wahr;

    Laßt mich zu ihnen reiten / mit meiner Leute Schar.

    Daß ich euch gerne diene, / lass ich euch wohl sehn;

    Von mir soll euern Feinden, / das wisset, übel geschehn.«


    »Nun wohl mir dieser Märe!« / der König sprach da so,

    Als wär er seiner Hilfe / allen Ernstes froh.

    Tief neigte sich in Falschheit / der ungetreue Mann.

    Da sprach der edle Siegfried: / »Laßt euch keine Sorge nahn.«


    Sie schickten mit den Knechten / zu der Fahrt sich an:

    Siegfrieden und den Seinen / ward es zum Schein getan.

    Da hieß er sich rüsten / die von Niederland:

    Siegfriedens Recken / suchten ihr Streitgewand.


    Da sprach der starke Siegfried: / »Mein Vater Siegmund,

    Bleibt ihr hier im Lande: / wir kehren bald gesund,

    Will Gott uns Glück verleihen, / wieder an den Rhein.

    Ihr sollt bei dem König / unterdessen fröhlich sein.«


    Da wollten sie von dannen: / die Fähnlein band man an.

    Umher standen viele, / die Gunthern untertan,

    Und hatten nicht erfahren, / wie es damit bewandt.

    Groß Heergesinde war es, / das da bei Siegfrieden stand.


    Die Panzer und die Helme / man auf die Rosse lud;

    Aus dem Lande wollten / viel starke Recken gut.

    Da ging von Tronje Hagen / hin, wo er Kriemhild fand;

    Er bat sie um Urlaub: / sie wollten räumen das Land.


    »Nun wohl mir,« sprach Kriemhild, / »daß ich den Mann gewann,

    Der meine lieben Freunde / so wohl beschützen kann,

    Wie hier mein Herr Siegfried / an meinen Brüdern tut:

    Darum trag ich,« sprach die Königin, / »immer fröhlichen Mut.


    Lieber Freund Hagen, / nun hoff ich, ihr gedenkt,

    Daß ich euch gerne diene; / ich hab euch nie gekränkt.

    Das komme mir zugute / an meinem lieben Mann:

    Laßt es ihn nicht entgelten, / was ich Brunhilden getan.


    Des hat mich schon gereuet,« / sprach das edle Weib;

    »Auch hat er so zerbleuet / zur Strafe mir den Leib,

    Daß ich je beschwerte / mit Reden ihr den Mut,

    Er hat es wohl gerochen, / dieser Degen kühn und gut.«


    Da sprach er: »Ihr versöhnt euch / wohl nach wenig Tagen.

    Kriemhild, liebe Herrin, / nun sollt ihr mir sagen,

    Wie ich euch dienen möge / an Siegfried euerm Herrn.

    Ich gönn es niemand besser / und tu es, Königin, gern.«


    »Ich wär ohn alle Sorge,« / sprach da das edle Weib,

    »Daß man ihm im Kampfe / Leben nähm und Leib,

    Wenn er nicht folgen wollte / seinem Übermut;

    So wär immer sicher / dieser Degen kühn und gut.«


    »Fürchtet ihr, Herrin,« / Hagen da begann,

    »Daß er verwundet werde, / so vertraut mir an,

    Wie soll ichs beginnen, / dem zu widerstehn?

    Ihn zu schirmen will ich immer / bei ihm reiten und gehn.«


    Sie sprach: »Du bist mir Sippe, / so will ich dir es sein:

    Ich befehle dir auf Treue / den holden Gatten mein,

    Daß du mir behütest / den geliebten Mann,«

    Was besser wär verschwiegen, / vertraute da sie ihm an.


    Sie sprach: »Mein Mann ist tapfer, / dazu auch stark genug.

    Als er den Linddrachen / an dem Berge schlug,

    Da badet' in dem Blute / der Degen allbereit,

    Daher ihn keine Waffe / je versehren mocht im Streit.


    Jedoch bin ich in Sorgen, / wann er im Kampfe steht,

    Und aus der Helden Händen / mancher Speerwurf geht,

    Daß ich da verliere / meinen lieben Mann.

    Hei! was ich Sorgen / oft um Siegfried gewann!


    Mein lieber Freund, ich meld es / nun auf Gnade dir,

    Daß du deine Treue / bewähren mögst an mir.

    Wo man mag verwunden / meinen lieben Mann,

    Das sollst du nun vernehmen: / es ist auf Gnade getan.


    Als von des Drachen Wunden / floß das heiße Blut,

    Und sich darinne badete / der kühne Recke gut,

    Da fiel ihm auf die Achseln / ein Lindenblatt so breit:

    Da kann man ihn verwunden; / das schafft mir Sorgen und Leid.«


    Da sprach von Tronje Hagen: / »So näht auf sein Gewand

    Mir ein kleines Zeichen / mit eigener Hand.

    Wo ich ihn schirmen müsse, / mag ich daran verstehn.«

    Sie wähnt' ihn so zu fristen; / auf seinen Tod wars abgesehn.


    Sie sprach: »Mit feiner Seide / näh ich auf sein Gewand

    Insgeheim ein Kreuzchen: / da soll, Held, deine Hand

    Mir den Mann behüten, / wenns ins Gedränge geht,

    Und er vor seinen Feinden / in den starken Stürmen steht.«


    »Das tu ich,« sprach da Hagen, / »viel liebe Herrin mein.«

    Wohl wähnte da die Gute, / sein Frommen sollt es sein:

    Da war hiermit verraten / der Kriemhilde Mann.

    Urlaub nahm da Hagen, / dann ging er fröhlich hindann.


    Was er erfahren hätte, / bat ihn sein Herr zu sagen.

    »Mögt ihr die Reise wenden, / so laßt uns reiten jagen.

    Ich weiß nun wohl die Kunde, / wie ich ihn töten soll.

    Wollt ihr die Jagd bestellen?« / »Das tu ich,« sprach der König, »wohl.«


    Der Dienstmann des Königs / war froh und wohlgemut.

    Gewiß daß solche Bosheit / kein Recke wieder tut

    Bis zum jüngsten Tage, / als da von ihm geschah,

    Da sich seiner Treue / die schöne Königin versah.


    Früh des andern Morgens / mit wohl tausend Mann

    Ritt Siegfried der Degen / mit frohem Mut hindann:

    Er wähnt', er solle rächen / seiner Freunde Leid.

    So nah ritt ihm Hagen, / daß er beschaute sein Kleid.


    Als er ersah das Zeichen, / da schickt er ungesehn,

    Andre Mär zu bringen, / zwei aus seinem Lehn:

    In Frieden sollte bleiben / König Gunthers Land;

    Es habe sie Herr Lüdeger / zu dem König gesandt.


    Wie ungerne Siegfried / abließ vom Streit,

    Eh er gerochen hatte / seiner Freunde Leid!

    Kaum hielten ihn zurücke / die Gunthern untertan.

    Da ritt er zu dem König, / der ihm zu danken begann:


    »Nun lohn euch Gott, Freund Siegfried, / den willigen Sinn,

    Daß ihr so gerne tatet, / was mir vonnöten schien:

    Das will ich euch vergelten, / wie ich billig soll.

    Vor allen meinen Freunden / vertrau ich euch immer wohl.


    Da wir uns der Heerfahrt / so entledigt sehn,

    So laß uns nun Bären / und Schweine jagen gehn

    Nach dem Odenwalde, / wie ich oft getan.«

    Geraten hatte Hagen das, / dieser ungetreue Mann.


    »Allen meinen Gästen / soll man das nun sagen,

    Ich denke früh zu reiten: / die mit mir wollen jagen,

    Die laßt sich fertig halten, / die aber hier bestehn,

    Kurzweilen mit den Frauen; / so sei mir Liebes geschehn.«


    Mit herrlichen Sitten / sprach da Siegfried:

    »Wenn ihr jagen reitet, / da will ich gerne mit.

    So sollt ihr mir leihen / einen Jägersmann

    Mit etlichen Bracken: / so reit ich mit euch in den Tann.«


    »Wollt ihr nur einen?« / frug Gunther zuhand.

    »Ich leih euch, wollt ihr, viere, / denen wohl bekannt

    Der Wald ist und die Steige, / wo viel Wildes ist,

    Daß ihr des Wegs unkundig / nicht ledig wieder heimwärts müßt.«


    Da ritt zu seinem Weibe / der Degen unverzagt.

    Derweil hatte Hagen / dem König gesagt,

    Wie er verderben wolle / den herrlichen Degen.

    So großer Untreue / sollt ein Mann nimmer pflegen.


    Als die Ungetreuen / beschlossen seinen Tod,

    Da wußten sie es alle. / Geiselher und Gernot

    Wollten nicht mit jagen. / Weiß nicht aus welchem Groll

    Sie ihn nicht verwarnten; / doch des entgalten sie voll.

    „Ich bin so etwas wie ein Antikörper der New-Age-Bewegung. Meine Funktion besteht darin, auf die Möglichkeit aufmerksam zu machen, hey, weißt du, einiges von all dem Kram könnte auch riesengroßer Quatsch sein!“


    Ceterum censeo progeniem hominum esse deminuendam.

  • Sechzehntes Abenteuer


    Wie Siegfried erschlagen ward


    Gunther und Hagen, / die Recken wohlgetan,

    Gelobten mit Untreuen / ein Birschen in den Tann.

    Mit ihren scharfen Spießen / wollten sie jagen Schwein'

    Und Bären und Wisente: / was mochte Kühneres sein?


    Da ritt auch mit ihnen / Siegfried mit stolzem Sinn.

    Man bracht ihnen Speise / aller Art dahin.

    An einem kühlen Brunnen / ließ er da das Leben.

    Den Rat hatte Brunhild, / König Gunthers Weib, gegeben.


    Da ging der kühne Degen / hin, wo er Kriemhild fand.

    Schon war aufgeladen / das edle Birschgewand

    Ihm und den Gefährten: / sie wollten überrhein.

    Da konnte Kriemhilden / nicht leider zumute sein.


    Seine liebe Traute / küßt' er auf den Mund:

    »Gott lasse mich dich, Liebe, / noch wiedersehn gesund

    Und deine Augen mich auch; / mit holden Freunden dein

    Kürze dir die Stunden: / ich kann nun nicht bei dir sein.«


    Da gedachte sie der Märe, / sie durft es ihm nicht sagen,

    Nach der sie Hagen fragte: / da begann zu klagen

    Die edle Königstochter, / daß ihr das Leben ward:

    Ohne Maßen weinte / die wunderschöne Fraue zart.


    Sie sprach zu dem Recken: / »Laßt euer Jagen sein:

    Mir träumte heut von Leide, / wie euch zwei wilde Schwein'

    Über die Heide jagten: / da wurden Blumen rot.

    Daß ich so bitter weine, / das tut mir armen Weibe not.


    Wohl muß ich fürchten / etlicher Verrat,

    Wenn man den und jenen / vielleicht beleidigt hat,

    Die uns verfolgen könnten / mit feindlichem Haß.

    Bleibt hier, lieber Herre, / mit Treuen rat ich euch das.«


    Er sprach: »Liebe Traute, / ich kehr in kurzer Zeit;

    Ich weiß nicht, daß hier jemand / mir Haß trüg oder Neid.

    Alle deine Freunde / sind insgemein mir hold:

    Auch verdient' ich von den Degen / wohl nicht anderlei Sold.«


    »Ach nein, lieber Siegfried: / wohl fürcht ich deinen Fall.

    Mir träumte heut von Leide, / wie über dir zu Tal

    Fielen zwei Berge, / daß ich dich nie mehr sah:

    Und willst du von mir scheiden, / das geht mir inniglich nah.«


    Er umfing mit Armen / das zuchtreiche Weib,

    Mit holden Küssen herzt' er / ihr den schönen Leib.

    Da nahm er Urlaub / und schied in kurzer Stund;

    Sie ersah ihn leider / danach nicht wieder gesund.


    Da ritten sie von dannen / in einen tiefen Tann

    Der Kurzweile willen; / manch kühner Rittersmann

    Ritt mit dem König: / hinaus gesendet ward

    Auch viel der edeln Speise, / die sie brauchten zu der Fahrt.


    Manch Saumroß zog beladen / vor ihnen überrhein,

    Das den Jagdgesellen / das Brot trug und den Wein,

    Das Fleisch mit den Fischen / und Vorrat aller Art,

    Wie sie ein reicher König / wohl haben mag auf der Fahrt.


    Da ließ man herbergen / bei dem Walde grün

    Vor des Wildes Wechsel / die stolzen Jäger kühn,

    Wo sie da jagen wollten / auf breitem Angergrund.

    Auch Siegfried war gekommen: / das ward dem Könige kund.


    Von den Jagdgesellen / ward umhergestellt

    Die Wart an allen Enden: / da sprach der kühne Held,

    Siegfried der starke: / »Wer soll uns in den Wald

    Nach dem Wilde weisen, / ihr Degen kühn und wohlgestalt?«


    »Wollen wir uns scheiden,« / hub da Hagen an,

    »Eh wir beginnen / zu jagen hier im Tann?

    So mögen wir erkennen, / ich und der Herre mein,

    Wer die besten Jäger / bei dieser Waldreise sei'n.


    Leute sowie Hunde, / wir teilen uns darein:

    Dann fährt, wohin ihm lüstet, / jeglicher allein,

    Und wer das Beste jagte, / dem sagen wir den Dank.«

    Da weilten die Jäger / beieinander nicht mehr lang.


    Da sprach der edle Siegfried: / »Der Hunde hab ich Rat

    Bis auf einen Bracken, / der so genossen hat,

    Daß er die Fährte spüre / der Tiere durch den Tann.

    Wir kommen wohl zum Jagen!« / sprach der Kriemhilde Mann.


    Da nahm ein alter Jäger / einen Spürhund hinter sich

    Und brachte den Herren, / eh lange Zeit verstrich,

    Wo sie viel Wildes fanden: / was des erstöbert ward,

    Das erjagten die Gesellen, / wie heut noch guter Jäger Art.


    Was da der Brack ersprengte, / das schlug mit seiner Hand

    Siegfried der kühne, / der Held von Niederland.

    Sein Roß lief so geschwinde, / daß ihm nicht viel entrann:

    Das Lob er bei dem Jagen / vor ihnen allen gewann.


    Er war in allen Dingen / mannhaft genug.

    Das erste der Tiere, / die er zu Tode schlug,

    War ein starker Büffel, / den traf des Helden Hand;

    Nicht lang darauf der Degen / einen grimmen Leuen fand.


    Als den der Hund ersprengte, / schoß er ihn mit dem Bogen

    Und dem scharfen Pfeile, / den er darauf gezogen;

    Der Leu lief nach dem Schusse / nur dreier Sprünge lang.

    Seine Jagdgesellen, / die sagten Siegfrieden Dank.


    Einen Wisent schlug er wieder / darnach und einen Elk,

    Vier starker Auer nieder / und einen grimmen Schelk.

    So schnell trug ihn die Mähre, / daß ihm nichts entsprang:

    Hinden und Hirsche / wurden viele sein Fang.


    Einen großen Eber / trieb der Spürhund auf.

    Als der flüchtig wurde, / da kam in schnellem Lauf

    Alles Jagens Meister / und nahm zum Ziel ihn gleich.

    Anlief das Schwein im Zorne / diesen Helden tugendreich.


    Da schlug es mit dem Schwerte / der Kriemhilde Mann:

    Das hätt' ein andrer Jäger / nicht so leicht getan.

    Als er nun gefällt lag, / fing man den Spürhund.

    Seine reiche Beute wurde / den Burgunden allen kund.


    Da sprachen seine Jäger: / »Kann es füglich sein,

    So laßt uns, Herr Siegfried, / des Wilds ein Teil gedeihn:

    Ihr wollt uns heute leeren / den Berg und auch den Tann.«

    Darob begann zu lächeln / der Degen kühn und wohlgetan.


    Da vernahm man allenthalben / Lärmen und Getos.

    Von Leuten und von Hunden / ward der Schall so groß,

    Man hörte widerhallen / den Berg und auch den Tann.

    Vierundzwanzig Meuten / hatten die Jäger losgetan.


    Da wurde viel des Wildes / vom grimmen Tod ereilt.

    Sie wähnten es zu fügen, / daß ihnen zugeteilt

    Der Preis des Jagens würde: / das konnte nicht geschehn,

    Als bei der Feuerstätte / der starke Siegfried ward gesehn.


    Die Jagd war zu Ende, / doch nicht so ganz und gar.

    Zu der Feuerstelle / brachte der Jäger Schar

    Häute mancher Tiere / und des Wilds genug.

    Hei! was des zur Küche / des Königs Ingesinde trug!


    Da ließ der König künden / den Jägern wohlgeborn,

    Daß er zum Imbiß wolle; / da wurde laut ins Horn

    Einmal gestoßen: / so machten sie bekannt,

    Daß man den edeln Fürsten / nun bei den Herbergen fand.


    Da sprach ein Jäger Siegfrieds: / »Mit eines Hornes Schall

    Ward uns kund gegeben, / Herr, daß wir nun all

    Zur Herberge sollen: / erwidr ichs, das behagt.«

    Da ward nach den Gesellen / mit Blasen lange gefragt.


    Da sprach der edle Siegfried: / »Nun räumen wir den Wald.«

    Sein Roß trug ihn eben; / die andern folgten bald.

    Sie ersprengten mit dem Schalle / ein Waldtier fürchterlich,

    Einen wilden Bären: / da sprach der Degen hinter sich:


    »Ich schaff uns Jagdgesellen / eine Kurzweil.

    Da seh ich einen Bären; / den Bracken löst vom Seil.

    Zu den Herbergen / soll mit uns der Bär:

    Er kann uns nicht entrinnen, / und flöh er auch noch so sehr.«


    Da lösten sie den Bracken; / der Bär sprang hindann.

    Da wollt ihn erreiten / der Kriemhilde Mann.

    Er kam in eine Bergschlucht: / da konnt er ihm nicht bei;

    Das starke Tier wähnte / von den Jägern schon sich frei.


    Da sprang von seinem Rosse / der stolze Ritter gut

    Und begann ihm nachzulaufen. / Das Tier war ohne Hut,

    Es konnt ihm nicht entrinnen; / er fing es allzuhand.

    Ohn es zu verwunden, / der Degen eilig es band.


    Kratzen oder beißen / konnt es nicht den Mann;

    Er band es an den Sattel; / auf saß der Schnelle dann

    Und bracht es an die Feuerstatt / in seinem hohen Mut

    Zu einer Kurzweile, / dieser Degen kühn und gut.


    Er ritt zur Herberge / in welcher Herrlichkeit!

    Sein Speer war gewaltig, / stark dazu und breit;

    Eine schmucke Waffe hing ihm / herab bis auf den Sporn;

    Von rotem Golde führte / der Held ein herrliches Horn.


    Von besserm Birschgewande / hört ich niemals sagen.

    Einen Rock von schwarzem Zeuge / sah man ihn tragen

    Und einen Hut von Zobel, / der reich war genug.

    Hei! was edler Borten / an seinem Köcher er trug!


    Ein Vließ von einem Panther / war darauf gezogen

    Des Wohlgeruches wegen. / Auch trug er einen Bogen:

    Mit einer Winde / mußt ihn ziehen an,

    Wer ihn spannen wollte, / er hätt' es selbst denn getan.


    Von fremden Tierhäuten / war all sein Gewand,

    Das man von Kopf zu Füßen / bunt überhangen fand.

    Aus dem lichten Rauchwerk / zu beiden Seiten hold

    An dem kühnen Jägermeister / schien manche Flitter von Gold.


    Auch führt' er Balmungen, / das breite schmucke Schwert:

    Das war solcher Schärfe, / nichts blieb unversehrt,

    Wenn man es schlug auf Helme: / seine Schneiden waren gut.

    Der herrliche Jäger / trug gar hoch seinen Mut.


    Wenn ich euch der Märe / ganz bescheiden soll,

    So war sein edler Köcher / guter Pfeile voll

    Mit goldenen Röhren, / die Eisen händebreit.

    Was er traf mit Schießen, / dem war das Ende nicht weit.


    Da ritt der edle Ritter / stattlich aus dem Tann;

    Gunthers Leute sahen, / wie er ritt heran.

    Sie liefen ihm entgegen / und hielten ihm das Roß:

    Da trug er an dem Sattel / einen Bären stark und groß.


    Als er vom Roß gestiegen, / löst' er ihm das Band

    Vom Mund und von den Füßen: / die Hunde gleich zur Hand

    Begannen laut zu heulen, / als sie den Bären sahn.

    Das Tier zu Walde wollte: / das erschreckte manchen Mann.


    Der Bär durch die Küche / von dem Lärm geriet:

    Hei, was er Küchenknechte / da vom Feuer schied!

    Gestürzt ward mancher Kessel, / verschleudert mancher Brand:

    Hei! was man guter Speisen / in der Asche liegen fand!


    Da sprang von den Sitzen / Herr und Knecht zumal.

    Der Bär begann zu zürnen; / der König gleich befahl

    Der Hunde Schar zu lösen, / die an den Seilen lag;

    Und wär es wohl geendet, / sie hätten fröhlichen Tag.


    Mit Bogen und mit Spießen, / man säumte sich nicht mehr,

    Liefen hin die Schnellen, / wo da ging der Bär;

    Doch wollte niemand schießen, / von Hunden wars zu voll.

    So laut war das Getöse, / daß rings der Bergwald erscholl.


    Der Bär begann zu fliehen / vor der Hunde Zahl;

    Ihm konnte niemand folgen / als Kriemhilds Gemahl.

    Er erlief ihn mit dem Schwerte, / zu Tod er ihn da schlug;

    Wieder zu dem Feuer / das Gesind den Bären trug.


    Da sprachen, die es sahen, / er wär ein starker Mann.

    Die stolzen Jagdgesellen / rief man zu Tisch heran.

    Auf schönem Anger saßen / der Helden da genug.

    Hei! was man Ritterspeise / vor die stolzen Jäger trug!


    Die Schenken waren säumig, / sie brachten nicht den Wein;

    So gut bewirtet mochten / sonst Helden nimmer sein.

    Wären manche drunter / nicht so falsch dabei,

    So wären wohl die Degen / aller Schanden los und frei.


    Des wurde da nicht inne / der verratne kühne Mann,

    Daß man solche Tücke / wider sein Leben spann.

    Er war in höfschen Züchten / alles Truges bar;

    Seines Todes mußt entgelten / dem es nie Frommen war.


    Da sprach der edle Siegfried: / »Mich verwundert sehr,

    Man trägt uns aus der Küche / doch so viel daher,

    Was bringen uns die Schenken / nicht dazu den Wein?

    Pflegt man so der Jäger, / will ich nicht Jagdgeselle sein.


    Ich möcht es doch verdienen, / bedächte man mich gut.«

    Von seinem Tisch der König / sprach mit falschem Mut:

    »Wir büßen euch ein andermal, / was heut uns muß entgehn:

    Die Schuld liegt an Hagen, / der will uns verdursten sehn.«


    Da sprach von Tronje Hagen: / »Lieber Herre mein,

    Ich wähnte, das Birschen / sollte heute sein

    Fern im Spechtsharte: / den Wein hinsandt ich dort.

    Heute gibt es nichts zu trinken, / doch vermeid ich es hinfort.«


    Da sprach der edle Siegfried: / »Dem weiß ich wenig Dank:

    Man sollte sieben Lasten / mit Met und Lautertrank

    Mir hergesendet haben; / konnte das nicht sein,

    So sollte man uns näher / gesiedelt haben dem Rhein.«


    Da sprach von Tronje Hagen: / »Ihr edeln Ritter schnell,

    Ich weiß hier in der Nähe / einen kühlen Quell:

    Daß ihr mir nicht zürnet, / da rat ich hinzugehn.«

    Der Rat war manchem Degen / zu großem Leide geschehn.


    Siegfried den Recken / zwang des Durstes Not;

    Den Tisch hinwegzurücken / der Held alsbald gebot:

    Er wollte vor die Berge / zu dem Brunnen gehen.

    Da war der Rat aus Arglist / von den Degen geschehen.


    Man hieß das Wild auf Wagen / führen in das Land,

    Das da verhauen hatte / Siegfriedens Hand.

    Wer es auch sehen mochte, / sprach großen Ruhm ihm nach.

    Hagen seine Treue / sehr an Siegfrieden brach.


    Als sie von dannen wollten / zu der Linde breit,

    Da sprach von Tronje Hagen: / »Ich hörte jederzeit,

    Es könne niemand folgen / Kriemhilds Gemahl,

    Wenn er rennen wolle: / hei! schauten wir das einmal!«


    Da sprach von Niederlanden / der Degen kühn und gut:

    »Das mögt ihr wohl versuchen, / wenn ihr mit mir tut

    Einen Wettlauf nach dem Brunnen. / Soll das geschehn,

    So habe der gewonnen, / den wir den vordersten sehn.«


    »Wohl, laßt es uns versuchen,« / sprach Hagen der Degen.

    Da sprach der starke Siegfried: / »So will ich mich legen,

    Verlier ich, euch zu Füßen / nieder in das Gras.«

    Als er das erhörte, / wie lieb war König Gunthern das!


    Da sprach der kühne Degen: / »Noch mehr will ich euch sagen:

    Gewand und Gewaffen / will ich bei mir tragen,

    Den Wurfspieß samt dem Schilde / und all mein Birschgewand.«

    Das Schwert und den Köcher / um die Glieder schnell er band.


    Die Kleider vom Leibe / zogen die andern da;

    In zwei weißen Hemden / man beide stehen sah.

    Wie zwei wilde Panther / liefen sie durch den Klee;

    Man sah bei dem Brunnen / den schnellen Siegfried doch eh.


    Den Preis in allen Dingen / vor manchem man ihm gab.

    Da löst' er schnell die Waffe, / den Köcher legt' er ab,

    Den starken Spieß lehnt' er / an den Lindenast:

    Bei des Brunnens Flusse / stand der herrliche Gast.


    Die höfsche Zucht erwies da / Siegfried daran:

    Den Schild legt' er nieder, / wo der Brunnen rann;

    Wie sehr ihn auch dürstete, / der Held nicht eher trank,

    Bis der König getrunken; / dafür gewann er übeln Dank.


    Der Brunnen war lauter, / kühl und auch gut:

    Da neigte sich Gunther / hernieder zu der Flut.

    Als er getrunken hatte, / erhob er sich hindann:

    Also hätt auch gerne / der kühne Siegfried getan.


    Da entgalt er seiner höfschen Zucht; / den Bogen und das Schwert

    Trug beiseite Hagen / von dem Degen wert.

    Dann sprang er zurücke, / wo er den Wurfspieß fand,

    Und sah nach einem Zeichen / an des Kühnen Gewand.


    Als der edle Siegfried / aus dem Brunnen trank,

    Er schoß ihm durch das Kreuze, / daß aus der Wunde sprang

    Das Blut von seinem Herzen / an Hagens Gewand.

    Kein Held begeht wohl wieder / solche Untat nach der Hand.


    Den Gerschaft im Herzen / ließ er ihm stecken tief.

    Wie im Fliehen Hagen / da so grimmig lief,

    So lief er wohl auf Erden / nie vor einem Mann!

    Als da Siegfried Kunde / der schweren Wunde gewann,


    Der Degen mit Toben / von dem Brunnen sprang;

    Ihm ragte von der Achsel / eine Gerstange lang.

    Nun wähnt' er da zu finden / Bogen oder Schwert,

    Gewiß, so hätt' er Hagnen / den verdienten Lohn gewährt.


    Als der Todwunde / da sein Schwert nicht fand,

    Da blieb ihm nichts weiter / als der Schildesrand.

    Den rafft' er von dem Brunnen / und rannte Hagnen an:

    Da konnt ihm nicht entrinnen / König Gunthers Untertan.


    Wie wund er war zum Tode, / so kräftig doch er schlug,

    Daß von dem Schilde nieder / wirbelte genug

    Des edeln Gesteines: / der Schild zerbrach auch fast:

    So gern gerochen hätte / sich der herrliche Gast.


    Da mußte Hagen fallen / von seiner Hand zu Tal;

    Der Anger von den Schlägen / erscholl im Widerhall.

    Hätt' er sein Schwert in Händen / so wär es Hagens Tod.

    Sehr zürnte der Wunde; / es zwang ihn wahrhafte Not.


    Seine Farbe war erblichen; / er konnte nicht mehr stehn.

    Seines Leibes Stärke / mußte ganz zergehn,

    Da er des Todes Zeichen / in lichter Farbe trug.

    Er ward hernach betrauert / von schönen Frauen genug.


    Da fiel in die Blumen / der Kriemhilde Mann.

    Das Blut von seiner Wunde / stromweis niederrann.

    Da begann er die zu schelten, / ihn zwang die große Not,

    Die da geraten / mit Untreue seinen Tod.


    Da sprach der Todwunde: / »Weh, ihr bösen Zagen,

    Was helfen meine Dienste, / da ihr mich habt erschlagen?

    Ich war euch stets gewogen / und sterbe nun daran.

    Ihr habt an euern Freunden / leider übel getan.


    Die sind davon bescholten, / so viele noch geborn

    Werden nach diesem Tage: / ihr habt euern Zorn

    Allzusehr gerochen / an dem Leben mein.

    Mit Schanden geschieden / sollt ihr von guten Recken sein.«


    Hinliefen all die Ritter, / wo er erschlagen lag.

    Es war ihrer vielen / ein freudeloser Tag.

    Wer Treue kannt und Ehre, / der hat ihn beklagt:

    Das verdient' auch wohl um alle / dieser Degen unverzagt.


    Der König der Burgunden / klagt' auch seinen Tod.

    Da sprach der Todwunde: / »Das tut nimmer not,

    Daß der um Schaden weine, / von dem man ihn gewann:

    Er verdient groß Schelten: / er hätt' es besser nicht getan.«


    Da sprach der grimme Hagen: / »Ich weiß nicht, was euch reut.

    Nun hat doch gar ein Ende, / was uns je gedräut.

    Es gibt nun nicht manchen, / der uns darf bestehn;

    Wohl mir, daß seiner Herrschaft, / durch mich ein End ist geschehn.«


    »Ihr mögt euch leichtlich rühmen,« / sprach der von Niederland.

    »Hätt' ich die mörderische / Weis' an euch erkannt,

    Vor euch behütet hätt' ich. / Leben wohl und Leib.

    Mich dauert nichts auf Erden / als Frau Kriemhild mein Weib.


    Nun mög es Gott erbarmen, / daß ich gewann den Sohn,

    Der jetzt auf alle Zeiten / den Vorwurf hat davon,

    Daß seine Freunde jemand / meuchlerisch erschlagen:

    Hätt ich Zeit und Weile, / daß müßt ich billig beklagen.


    Wohl nimmer hat begangen / so großen Mord ein Mann,«

    Sprach er zu dem König, / »als ihr an mir getan.

    Ich erhielt euch unbescholten / in großer Angst und Not;

    Ihr habt mir schlimm vergolten, / daß ich so wohl es euch bot.«


    Da sprach im Jammer weiter / der todwunde Held:

    »Wollt ihr, edler König, / noch auf dieser Welt

    An jemand Treue pflegen, / so laßt befohlen sein

    Doch auf eure Gnade / euch die liebe Traute mein.


    Es komm ihr zugute, / daß sie eure Schwester ist:

    Bei aller Fürsten Tugend / helft ihr zu jeder Frist.

    Mein mögen lange harren / mein Vater und mein Lehn:

    Nie ist an liebem Freunde / einem Weib so leid geschehn.«


    Er krümmte sich in Schmerzen, / wie ihm die Not gebot,

    Und sprach aus jammerndem Herzen: / »Mein mordlicher Tod

    Mag euch noch gereuen / in der Zukunft Tagen:

    Glaubt mir in rechten Treuen, / daß ihr euch selber habt erschlagen.«


    Die Blumen allenthalben / waren vom Blute naß.

    Da rang er mit dem Tode, / nicht lange tat er das,

    Denn des Todes Waffe / schnitt ihn allzusehr.

    Da konnte nicht mehr reden / dieser Degen kühn und hehr.


    Als die Herren sahen / den edeln Helden tot,

    Sie legten ihn auf einen Schild, / der war von Golde rot;

    Da gingen sie zu Rate, / wie sie es stellten an,

    Daß es verhohlen bliebe, / Hagen hab es getan.


    Da sprachen ihrer viele: / »Ein Unfall ist geschehn;

    Ihr sollt es alle hehlen / und einer Rede stehn!

    Als er allein ritt jagen, / der Kriemhilde Mann,

    Erschlugen ihn Schächer, / als er fuhr durch den Tann.«


    Da sprach von Tronje Hagen: / »Ich bring ihn an das Land.

    Mich soll es nicht kümmern, / wird es ihr auch bekannt,

    Die so betrüben konnte / der Königin hohen Mut;

    Ich werde wenig fragen, / wie sie nun weinet und tut.«


    Von demselben Brunnen, / wo Siegfried ward erschlagen,

    Sollt ihr die rechte Wahrheit / von mir hören sagen.

    Vor dem Odenwalde / ein Dorf liegt Odenheim:

    Da fließt noch der Brunnen, / kein Zweifel kann daran sein.

    „Ich bin so etwas wie ein Antikörper der New-Age-Bewegung. Meine Funktion besteht darin, auf die Möglichkeit aufmerksam zu machen, hey, weißt du, einiges von all dem Kram könnte auch riesengroßer Quatsch sein!“


    Ceterum censeo progeniem hominum esse deminuendam.

  • Siebzehntes Abenteuer


    Wie Siegfried beklagt und begraben ward


    Da harrten sie des Abends / und fuhren überrhein:

    Es mochte nie von Helden / ein schlimmer Jagen sein.

    Ihr Beutewild beweinte / noch manches edle Weib:

    Sein mußte bald entgelten / viel guter Weigande Leib.


    Von großem Übermute / mögt ihr nun hören sagen

    Und schrecklicher Rache. / Bringen ließ Hagen

    Den erschlagnen Siegfried / von Nibelungenland

    Vor eine Kemenate, / darin Kriemhild sich befand,


    Er ließ ihn ihr verstohlen / legen vor die Tür,

    Daß sie ihn finden müsse, / wenn morgen sie herfür

    Zu der Mette ging / frühe vor dem Tag,

    Deren Frau Kriemhild / wohl selten eine verlag.


    Da hörte man wie immer / zum Münster das Geläut:

    Kriemhild die schöne / weckte manche Maid.

    Ein Licht ließ sie sich bringen, / dazu auch ihr Gewand.

    Da kam der Kämmerer einer / hin, wo er Siegfrieden fand.


    Er sah ihn rot vom Blute, / all sein Gewand war naß:

    Daß sein Herr es wäre, / mit nichten wußt er das.

    Da trug er in die Kammer / das Licht in seiner Hand,

    Bei dem da Frau Kriemhild / viel leide Märe befand.


    Als sie mit den Frauen / zum Münster wollte gehn,

    »Frau,« sprach der Kämmerer: / »wollt noch stille stehn:

    Es liegt vor dem Gemache / ein Ritter totgeschlagen.«

    »O weh,« sprach da Kriemhild: / »was willst du solche Botschaft sagen?«


    Eh sie noch selbst gesehen, / es sei ihr lieber Mann,

    An die Frage Hagens / hub sie zu denken an,

    Wie er ihn schützen möchte: / da ahnte sie ihr Leid.

    Mit seinem Tod entsagte / sie nun aller Fröhlichkeit.


    Da sank sie zur Erden, / kein Wort mehr sprach sie da;

    Die schöne Freudenlose / man da liegen sah.

    Kriemhildens Jammer / wurde groß und voll;

    Sie schrie nach der Ohnmacht, / daß all die Kammer erscholl.


    Da sprach ihr Gesinde: / »Es kann ein Fremder sein.«

    Das Blut ihr aus dem Munde / brach vor Herzenspein.

    »Nein, es ist Siegfried, / mein geliebter Mann:

    Brunhild hats geraten, / und Hagen hats getan.«


    Sie ließ sich hingeleiten, / wo sie den Helden fand:

    Sein Schönes Haupt erhob sie / mit ihrer weißen Hand.

    So rot er war von Blute, / sie hat ihn gleich erkannt:

    Da lag zu großem Jammer / der Held von Nibelungenland.


    Da rief in Jammerlauten / die Königin mild:

    »O weh mir dieses Leides! / Nun ist dir doch dein Schild

    Mit Schwertern nicht verhauen! / dich fällte Meuchelmord.

    Und wüßt ich, wer der Täter wär, / ich wollt es rächen immerfort.«


    All ihr Ingesinde / klagte laut und schrie

    Mit seiner lieben Frauen; / heftig schmerzte sie

    Ihr edler Herr und König, / den sie da sahn verlorn.

    Gar übel hatte Hagen / gerochen Brunhildens Zorn.


    Da sprach die Jammerhafte: / »Nun soll einer gehn

    Und mir in Eile wecken / die in Siegfrieds Lehn

    Und soll auch Siegmunden / meinen Jammer sagen,

    Ob er mir helfen wolle / den kühnen Siegfried beklagen.«


    Da lief dahin ein Bote, / wo er sie liegen fand,

    Siegfriedens Helden / von Nibelungenland.

    Mit den leiden Mären / die Freud er ihnen nahm;

    Sie wollten es nicht glauben, / bis man das Weinen vernahm.


    Auch kam dahin der Bote, / wo der König lag.

    Siegmund der Herre / keines Schlafes pflag,

    Als ob das Herz ihm sagte, / was ihm wär geschehn,

    Er sollte seinen lieben Sohn / lebend nimmer wiedersehn.


    »Wacht auf, König Siegmund: / mich hieß nach euch gehn

    Kriemhild, meine Herrin; / der ist ein Leid geschehn,

    Das ihr vor allem Leide / wohl das Herz versehrt;

    Das sollt ihr klagen helfen, / da es auch euch widerfährt.«


    Auf richtete sich Siegmund / und sprach: »Was beklagt

    Denn die schöne Kremhild, / wie du mir hast gesagt?«

    Der Bote sprach mit Weinen: / »Sie hat wohl Grund zu klagen:

    Es liegt von Niederlanden / der kühne Siegfried erschlagen.«


    Da sprach König Siegmund: / »Laßt das Scherzen sein

    Mit so böser Märe / von dem Sohne mein

    Und sagt es niemand wieder, / daß er sei erschlagen,

    Denn ich könnt ihn nie genug / bis an mein Ende beklagen.«


    »Und wollt ihr nicht glauben, / was ihr mich höret sagen,

    So vernehmet selber / Kriemhilden klagen

    Und all ihr Ingesinde / um Siegfriedens Tod.«

    Wie erschrak da Siegmund! / es schuf ihm wahrhafte Not.


    Mit hundert seiner Mannen / er von dem Bette sprang.

    Sie zuckten zu den Händen / die scharfen Waffen lang

    Und liefen zu dem Wehruf / jammersvoll heran.

    Da kamen tausend Recken / dem kühnen Siegfried untertan.


    Als sie so jämmerlich / die Frauen hörten klagen,

    Da kam vielen erst in Sinn, / sie müßten Kleider tragen.

    Wohl mochten sie vor Schmerzen / des Sinnes Macht nicht haben;

    Es lag in ihrem Herzen / große Schwere begraben.


    Da kam der König Siegmund hin, / wo er Kriemhild fand.

    Er sprach: »O weh der Reise / hierher in dies Land!

    Wer hat euch euern Gatten, / wer hat mir mein Kind

    So mordlich entrissen, / da wir bei guten Freunden sind?«


    »Ja, kennt ich den,« versetzte / die edle Königin,

    »Hold würd ihm nimmer / mein Herz noch mein Sinn,

    Ich riet' ihm so zum Leide, / daß all die Freunde sein

    Mit Jammer weinen wüßten, / glaubt mir, von wegen mein.«


    Siegmund mit Armen / den Fürsten umschloß;

    Da ward von seinen Freunden / der Jammer also groß,

    Daß von dem lauten Wehruf / Palas und Saal

    Und Worms die weite Feste / rings erscholl im Widerhall.


    Da konnte niemand trösten / Siegfriedens Weib.

    Man zog aus den Kleidern / seinen schönen Leib,

    Wusch ihm seine Wunde / und legt' ihn auf die Bahr;

    Allen seinen Leuten / wie weh vor Jammer da war!


    Es sprachen seine Recken / aus Nibelungenland:

    »Immer ihn zu rächen / bereit ist unsere Hand.

    Er ist in diesem Hause, / von dem es ist geschehn.«

    Da eilten sich zu waffnen / die Degen in Siegfrieds Lehn.


    Die Auserwählten kamen / in ihrer Schilde Wehr,

    Elfhundert Recken; / die hatt' in seinem Heer

    Siegmund der König: / seines Sohnes Tod

    Hätt' er gern gerochen, / wie ihm die Treue gebot.


    Sie wußten nicht, wen sollten / sie im Streit bestehn,

    Wenn es nicht Gunther wäre / und die in seinem Lehn,

    Die zur Jagd mit Siegfried / geritten jenen Tag.

    Kriemhild sah sie gewaffnet: / das schuf ihr großes Ungemach.


    Wie stark auch ihr Jammer, / wie groß war ihre Not,

    Sie besorgte doch so heftig / der Nibelungen Tod

    Von ihrer Brüder Mannen, / daß sie dawider sprach:

    Sie warnte sie in Liebe, / wie immer Freund mit Freunden pflag.


    Da sprach die Jammerreiche: / »Herr König Siegmund,

    Was wollt ihr beginnen? / Euch ist wohl nicht kund,

    Es hat der König Gunther / so manchen kühnen Mann:

    Ihr wollt euch all verderben, / greift ihr solche Recken an.«


    Mit geschwungnen Schwertern / tat ihnen Streiten not.

    Die edle Königstochter / bat und gebot,

    Daß es meiden sollten / die Recken allbereit.

    Daß sie's nicht lassen wollten, / das war ein grimmiges Leid.


    Sie sprach: »Herr König Siegmund, / steht damit noch an,

    Bis es sich besser fügte: / so will ich meinen Mann

    Euch immer rächen helfen. / Der mir ihn hat benommen,

    Wird es mir bewiesen, / es muß ihm noch zu Schaden kommen.


    Es sind der Übermütigen / hier am Rhein so viel,

    Daß ich euch zum Streite / jetzt nicht raten will:

    Sie haben wider einen / immer dreißig Mann:

    Laß ihnen Gott gelingen, / wie sie uns haben getan.


    Bleibt hier im Hause / und tragt mit mir das Leid,

    Bis es beginnt zu tagen, / ihr Helden allbereit:

    Dann helft ihr mir besargen / meinen lieben Mann.«

    Da sprachen die Degen: / »Liebe Frau, das sei getan.«


    Es könnt euch des Wunders / ein Ende niemand sagen,

    Die Ritter und die Frauen, / wie man sie hörte klagen,

    Bis man des Wehrufs / ward in der Stadt gewahr.

    Die edeln Bürger kamen / daher in eilender Schar.


    Sie klagten mit den Gästen: / sie schmerzte der Verlust.

    Was Siegfried verschulde, / war ihnen unbewußt,

    Weshalb der edle Recke / Leben ließ und Leib.

    Da weinte mit den Frauen / manchen guten Bürgers Weib.


    Schmiede hieß man eilen / und wirken einen Sarg

    Von Silber und von Golde, / mächtig und stark,

    Und ließ ihn wohl beschlagen / mit Stahl, der war gut.

    Da war allen Leuten / das Herz beschwert und der Mut.


    Die Nacht war vergangen: / man sagt', es wolle tagen.

    Da ließ die edle Königin / hin zum Münster tragen

    Diesen edlen Toten, / ihren lieben Mann.

    Mit ihr gingen weinend, / was sie der Freunde gewann.


    Da sie zum Münster kamen, / wie manche Glocke klang!

    Allenthalben hörte / man der Pfaffen Sang.

    Da kam der König Gunther / hinzu mit seinem Lehn

    Und auch der grimme Hagen; / es wäre klüger nicht geschehn.


    Er sprach: »Liebe Schwester, / o weh des Leides dein;

    Daß wir nicht ledig mochten / so großen Schadens sein!

    Wir müssen immer klagen / um Siegfriedens Tod.«

    »Daran tut ihr unrecht,« / sprach die Frau in Jammersnot.


    »Wenn euch das betrübte, / so wär es nicht geschehn.

    Ihr hattet mein vergessen, / das muß ich wohl gestehn,

    Als ich so geschieden ward / von meinem lieben Mann.

    Wollte Gott vom Himmel, / mir selber wär es getan.«


    Sie hielten sich am Leugnen. / Da hub Kriemhild an:

    »Wer unschuldig sein will, / leicht ist es dargetan:

    Er darf nur zu der Bahre / hier vor dem Volke gehn:

    Da mag man gleich zur Stelle / sich der Wahrheit versehn.«


    Das ist ein großes Wunder, / wie es noch oft geschieht,

    Wenn man den Mordbefleckten / bei dem Toten sieht,

    So bluten ihm die Wunden, / wie es auch hier geschah;

    Daher man nun der Untat / sich zu Hagen versah.


    Die Wunden flossen wieder / so stark als je vorher.

    Die erst schon heftig klagten, / die weinten nun noch mehr.

    Da sprach König Gunther: / »Nun hört die Wahrheit an:

    Ihn erschlugen Schächer: / Hagen hat es nicht getan.«


    Sie sprach: »Diese Schächer / sind mir wohl bekannt:

    Nun laß es Gott noch rächen / von seiner Freunde Hand!

    Gunther und Hagen, / ja ihr habt es getan.«

    Da wollten wieder streiten, / die Siegfrieden untertan.


    Da sprach aber Kriemhild: / »Ertragt mit mir die Not,«

    Da kamen auch die beiden, / wo sie ihn fanden tot,

    Gernot ihr Bruder / und Geiselher das Kind.

    Sie beklagten ihn in Treuen; / ihre Augen wurden tränenblind.


    Sie weinten von Herzen / um Kriemhildens Mann.

    Man wollte Messe singen: / zum Münster heran

    Sah man allenthalben / Frauen und Männer ziehn:

    Die ihn doch leicht verschmerzten, / weinten alle jetzt um ihn.


    Geiselher und Gernot / sprachen: »Schwester mein,

    Nun tröste dich des Todes, / es muß wohl also sein.

    Wir wollen dirs ersetzen, / so lange wir leben.«

    Da wußt ihr auf Erden / niemand doch Trost zu geben.


    Sein Sarg war geschmiedet / wohl um den hohen Tag;

    Man hob ihn von der Bahre, / darauf der Tote lag.

    Da wollt ihn noch die Königin / nicht lassen begraben:

    Es mußten alle Leute / große Mühsal erst haben.


    In kostbare Zeuge / man den Toten wand.

    Gewiß daß man da / niemand ohne Weinen fand.

    Aus ganzem Herzen klagte / Ute das edle Weib

    Und all ihr Ingesinde / um Siegfrieds herrlichen Leib.


    Als die Leute hörten, / daß man im Münster sang

    Und ihn besargt hatte, / da hob sich großer Drang:

    Um seiner Seele Willen / was man da Opfer trug!

    Er hatte bei den Feinden / doch guter Freunde genug.


    Kriemhild die arme / zu den Kämmerlingen sprach:

    »Ihr sollt mir zuliebe / leiden Ungemach:

    Die ihm Gutes gönnen / und mir blieben hold,

    Um Siegfriedens Seele / verteilt an diese sein Gold.«


    Da war kein Kind so kleine, / mocht es Verstand nur haben,

    Das nicht zum Opfer ginge, / eh er ward begraben.

    Wohl an hundert Messen / man des Tages sang.

    Von Siegfriedens Freunden / hob sich da mächtiger Drang.


    Als die gesungen waren, / verlief die Menge sich.

    Da sprach wieder Kriemhild: / »Nicht einsam sollt ihr mich

    Heut bewachen lassen / den auserwählten Degen:

    Es ist an seinem Leibe / all meine Freude gelegen.


    Drei Tag und drei Nächte / will ich verwachen dran,

    Bis ich mich ersättige / an meinem lieben Mann.

    Vielleicht daß Gott gebietet, / daß mich auch nimmt der Tod;

    So wäre wohl beendet / der armen Kriemhilde Not.«


    Zur Herberge gingen / die Leute von der Stadt.

    Die Pfaffen und die Mönche / sie zu verweilen bat

    Und all sein Ingesinde, / das sein billig pflag.

    Sie hatten üble Nächte / und gar mühselgen Tag.


    Ohne Trank und Speise / verblieb da mancher Mann.

    Wers nicht gern entbehrte, / dem ward kundgetan,

    Man gäb ihm gern die Fülle: / das schuf Herr Siegmund.

    Da ward den Nibelungen / viel Not und Beschwerde kund.


    In diesen dreien Tagen, / so hörten wir sagen,

    Mußte mit Kriemhilden / viel Mühsal ertragen,

    Wer da singen konnte. / Was man auch Opfer trug!

    Die eben arm gewesen, / die wurden nun reich genug.


    Was man fand der Armen, / die es nicht mochten haben,

    Die ließ sie mit dem Golde / bringen Opfergaben

    Aus seiner eignen Kammer: / er durfte nicht mehr leben,

    Da ward um seine Seele / manches Tausend Mark gegeben.


    Güter und Gefälle / verteilte sie im Land,

    So viel man der Klöster / und guter Leute fand.

    Silber gab man und Gewand / den Armen auch genug.

    Sie ließ es wohl erkennen, / wie holde Liebe sie ihm trug.


    An dem dritten Morgen / zur rechten Messezeit

    Sah man bei dem Münster / den ganzen Kirchhof weit

    Von der Landleute / Weinen also voll:

    Sie dienten ihm im Tode, / wie man lieben Freunden soll.


    In diesen vier Tagen, / so hört ich immerdar,

    Wohl an dreißigtausend Mark / oder mehr noch gar

    Ward um seine Seele / den Armen hingegeben.

    Indes war gar zerronnen / seine große Schöne wie sein Leben.


    Als vom Gottesdienste / verhallt war der Gesang,

    Mit ungefügem Leide / des Volkes Menge rang.

    Man ließ ihn aus dem Münster / zu dem Grabe tragen.

    Da hörte man auch anders / nichts als Weinen und Klagen.


    Das Volk mit lautem Wehruf / schloß im Zug sich an:

    Froh war da niemand, / weder Weib noch Mann.

    Eh er bestattet wurde, / las und sang man da:

    Hei! was man guter Pfaffen / bei seiner Bestattung sah!


    Bevor da zu dem Grabe / kam das getreue Weib,

    Rang sie mit solchem Jammer / um Siegfriedens Leib,

    Daß man sie mit Wasser / vom Brunnen oft begoß:

    Ihres Herzens Kummer / war über die Maßen groß.


    Es war ein großes Wunder, / daß sie zu Kräften kam.

    Es halfen ihr mit Klagen / viel Frauen lobesam.

    »Ihr meines Siegfrieds Mannen,« / sprach die Königin,

    »Erweist mir eine Gnade / aus erbarmendem Sinn:


    Laßt mir nach meinem Leide / die kleinste Gunst geschehn,

    Daß ich sein schönes Angesicht / noch einmal dürfe sehn.«

    Da bat sie im Jammer / so lang und so stark,

    Daß man zerbrechen mußte / den schön geschmiedeten Sarg.


    Hin brachte man die Königin, / wo sie ihn liegen fand.

    Sein schönes Haupt erhob sie / mit ihrer weißen Hand

    Und küßte so den Toten, / den edeln Ritter gut;

    Ihre lichten Augen, / vor Leide weinten sie Blut.


    Ein jammervolles Scheiden / sah man da geschehn.

    Man trug sie von dannen, / sie vermochte nicht zu gehn.

    Da lag ohne Sinne / das herrliche Weib;

    Vor Leid wollt ersterben / ihr viel wonniglicher Leib.


    Als der edle Degen / also begraben war,

    Sah man in großem Leide / die Helden immerdar,

    Die ihn begleitet hatten / aus Nibelungenland:

    Fröhlich gar selten / man da Siegmunden fand.


    Wohl mancher war darunter, / der drei Tage lang

    Vor dem großen Leide / weder aß noch trank.

    Da konnten sie's nicht länger / dem Leib entziehen mehr:

    Sie genasen von den Schmerzen, / wie noch mancher wohl seither.


    Kriemhild der Sinne ledig / in Ohnmächten lag

    Den Tag und den Abend / bis an den andern Tag.

    Was jemand sprechen mochte, / es ward ihr gar nicht kund.

    Es lag in gleichen Nöten / auch der König Siegmund.


    Kaum daß ihn zur Besinnung / zu bringen noch gelang.

    Seine Kräfte waren / von starkem Leide krank:

    Das war wohl kein Wunder. / Die in seiner Pflicht

    Sprachen: »Laßt uns heimziehn: / es duldet uns hier länger nicht.«

    „Ich bin so etwas wie ein Antikörper der New-Age-Bewegung. Meine Funktion besteht darin, auf die Möglichkeit aufmerksam zu machen, hey, weißt du, einiges von all dem Kram könnte auch riesengroßer Quatsch sein!“


    Ceterum censeo progeniem hominum esse deminuendam.

  • Achtzehntes Abenteuer


    Wie Siegmund heimkehrte und Kriemhild daheim blieb


    Der Schwäher Kriemhildens / ging hin, wo er sie fand.

    Er sprach zu der Königin: / »Laßt uns in unser Land.

    Wir sind unliebe Gäste, / wähn ich, hier am Rhein.

    Kriemhild, liebe Herrin, / nun folgt uns zu dem Lande mein.


    Daß man in diesen Landen / uns so verwaiset hat

    Eures edeln Mannes / durch böslichen Verrat,

    Ihr sollt es nicht entgelten: / hold will ich euch sein

    Aus Liebe meines Sohnes / und des edeln Kindes sein.


    Ihr sollt auch, Frau, gebieten / mit all der Gewalt,

    Die Siegfried euch verstattete, / der Degen wohlgestalt.

    Das Land und auch die Krone / soll euch zu Diensten stehn;

    Euch sollen gern gehorchen / die in Siegfriedens Lehn.«


    Da sagte man den Knechten: / »Wir reiten heim vor Nacht.«

    Da sah man nach den Rossen / eine schnelle Jagd:

    Bei den verhaßten Feinden / zu leben war ein Leid.

    Den Frauen und den Maiden / suchte man ihr Reisekleid.


    Als König Siegmund gerne / weggeritten wär,

    Da bat ihre Mutter / Kriemhilden sehr,

    Sie sollte bei den Freunden / im Lande doch bestehn.

    Da sprach die Freudenarme: / »Das könnte schwerlich geschehn.


    Wie vermöcht ichs, mit den Augen / den immer anzusehen,

    Von dem mir armen Weibe / so leid ist geschehn?«

    Da sprach der junge Geiselher: / »Liebe Schwester mein,

    Du sollst bei deiner Treue / hier mit deiner Mutter sein.


    Die dir das Herz beschwerten / und trübten dir den Mut,

    Du bedarfst nicht ihrer Dienste, / du zehrst von meinem Gut.«

    Sie sprach zu dem Recken: / »Wie könnte das geschehn?

    Vor Leide mußt ich sterben, / wenn ich Hagen sollte sehn.«


    »Dessen überheb ich dich, / viel liebe Schwester mein.

    Du sollst bei deinem Bruder / Geiselher hier sein.

    Ich will dir wohl vergüten / deines Mannes Tod.«

    Da sprach die Freudenlose: / »Das wäre Kriemhilden not.«


    Als es ihr der Junge / so gütlich erbot,

    Da begannen auch zu flehen / Ute und Gernot

    Und ihre treuen Freunde, / sie möchte da bestehn:

    Sie hätte wenig Sippen / unter Siegfriedens Lehn.


    »Sie sind euch alle fremde,« / sprach da Gernot.

    »Wie stark auch einer gelte, / so rafft ihn doch der Tod.

    Bedenkt das, liebe Schwester, / und tröstet euern Mut:

    Bleibt hier bei euern Freunden, / es gerät euch wahrlich gut.«


    Da gelobte sie dem Bruder, / im Lande zu bestehn.

    Man zog herbei die Rosse / denen in Siegmunds Lehn,

    Als sie reiten wollten / gen Nibelungenland;

    Da war auch aufgeladen / der Recken Zeug und Gewand.


    Da ging König Siegmund / vor Kriemhilden stehn

    Und sprach zu der Frauen: / »Die in Siegfrieds Lehn

    Warten bei den Rossen: / reiten wir denn hin,

    Da ich gar so ungern / hier bei den Burgunden bin.«


    Frau Kriemhild sprach: »Mir raten / hier die Freunde mein,

    Die besten, die ich habe, / bei ihnen soll' ich sein.

    Ich habe keinen Blutsfreund / in Nibelungenland.«

    Leid war es Siegmunden, / da er dies an Kriemhild fand.


    Da sprach König Siegmund: / »Das laßt euch niemand sagen:

    Vor allen meinen Freunden / sollt ihr die Krone tragen

    Nach rechter Königswürde, / wie ihr vordem getan:

    Ihr sollt es nicht entgelten, / daß ihr verloren habt den Mann.


    Fahrt auch mit uns zur Heimat / um euer Kindelein:

    Das sollt ihr eine Waise, / Frau, nicht lassen sein.

    Ist euer Sohn erwachsen, / er tröstet euch den Mut.

    Derweil soll euch dienen / mancher Degen kühn und gut.«


    Sie sprach: »Mein Herr Siegmund, / ich kann nicht mit euch gehn.

    Ich muß hier verbleiben, / was halt mir mag geschehn,

    Bei meinen Anverwandten, / die mir helfen klagen.«

    Da wollten diese Mären / den guten Recken nicht behagen.


    Sie sprachen einhellig: / »So möchten wir gestehn,

    Es sei in dieser Stunde / uns erst ein Leid geschehn.

    Wollt ihr hier im Lande / bei unsern Feinden sein,

    So könnte Helden niemals / eine Hoffahrt übler gedeihn.«


    »Ihr sollt ohne Sorge / Gott befohlen fahren:

    Ich schaff euch gut Geleite / und heiß euch wohl bewahren

    Bis zu eurem Lande; / mein liebes Kindelein,

    Das soll euch guten Recken / auf Gnade befohlen sein.«


    Als sie das recht vernahmen, / sie wolle nicht hindann,

    Da huben Siegfrieds Mannen / all zu weinen an.

    Mit welchem Herzensjammer / nahm da Siegmund

    Urlaub von Kriemhilden! / Da ward ihm Unfreude kund.


    »Weh dieses Hofgelages!« / sprach der König hehr.

    »Einem König und den Seinen / geschieht wohl nimmermehr

    Einer Kurzweil willen, / was uns hier ist geschehn:

    Man soll uns nimmer wieder / hier bei den Bugunden sehn.«


    Da sprachen laut die Degen / in Siegfriedens Heer:

    »Wohl möchte noch die Reise / geschehen hierher,

    Wenn wir den nur fänden, / der uns den Herrn erschlug.

    Sie haben Todfeinde / bei seinen Freunden genug.«


    Er küßte Kriemhilden: / kläglich sprach er da,

    Als er daheim zu bleiben / sie so entschlossen sah:

    »Wir reiten arm an Freuden / nun heim in unser Land:

    All mein Kummer / ist mir erst jetzo bekannt.«


    Sie ritten ungeleitet / von Worms an den Rhein:

    Sie mochten wohl des Mutes / in ihrem Sinne sein,

    Wenn sie in Feindschaft / würden angerannt,

    Daß sich schon wehren sollte / der kühnen Niblungen Hand.


    Sie erbaten Urlaub / von niemandem sich.

    Da sah man Geiselheren / und Gernot minniglich

    Zu dem König kommen; / ihnen war sein Schade leid:

    Das ließen ihn wohl schauen / die kühnen Helden allbereit.


    Da sprach wohlgezogen / der kühne Gernot:

    »Wohl weiß es Gott im Himmel, / an Siegfriedens Tod

    Bin ich ganz unschuldig: / ich hört auch niemals sagen,

    Wer hier feind ihm wäre: / ich muß ihn billig beklagen.«


    Da gab ihm gut Geleite / Geiselher das Kind.

    Er bracht ohne Sorgen, / die sonst bei Leide sind,

    Den König und die Recken / heim nach Niederland.

    Wie wenig der Verwandten / man dort fröhlich wiederfand!


    Wie's ihnen nun ergangen ist, / weiß ich nicht zu sagen.

    Man hörte hier Kriemhilden / zu allen Zeiten klagen,

    Daß ihr niemand tröstete / das Herz noch den Mut

    Als ihr Bruder Geiselher: / der war getreu und auch gut.


    Brunhild die schöne / des Übermutes pflag:

    Wie viel Kriemhild weinte, / was fragte sie darnach!

    Sie war zu Lieb und Treue / ihr nimmermehr bereit.

    Bald schuf auch ihr Frau Kriemhild / wohl so ungefüges Leid.

    „Ich bin so etwas wie ein Antikörper der New-Age-Bewegung. Meine Funktion besteht darin, auf die Möglichkeit aufmerksam zu machen, hey, weißt du, einiges von all dem Kram könnte auch riesengroßer Quatsch sein!“


    Ceterum censeo progeniem hominum esse deminuendam.

  • Neunzehntes Abenteuer


    Wie der Nibelungenhort nach Worms kam


    Als die edle Kriemhild / so verwitwet ward,

    Blieb bei ihr im Lande / der Markgraf Eckewart

    Zurück mit seinen Mannen, / wie ihm die Treu gebot.

    Er diente seiner Frauen / willig bis an seinen Tod.


    Zu Worms am Münster wies man / ihr ein Gezimmer an,

    Weit und geräumig, / reich und wohlgetan,

    Wo mit dem Gesinde / die Freudenlose saß.

    Sie ging zur Kirche gerne, / mit großer Andacht tat sie das.


    Wo ihr Freund begraben lag, / wie fleißig ging sie hin!

    Sie tat es alle Tage / mit trauerndem Sinn

    Und bat seiner Seele / Gott den Herrn zu pflegen:

    Gar oft bejammert wurde / mit großer Treue der Degen.


    Ute und ihr Gesinde / sprachen ihr immer zu,

    Und doch im wunden Herzen / fand sie so wenig Ruh,

    Es konnte nicht verfangen / der Trost, den man ihr bot.

    Sie hatte nach dem Freunde / die allergrößeste Not,


    Die nach liebem Manne / je ein Weib gewann:

    Ihre große Treue / ersah man wohl daran.

    Sie klagt' ihn bis zu Ende, / da sie zu sterben kam.

    Bald rächte sie gewaltig / mit großer Treue den Gram.


    Sie saß in ihrem Leide, / das ist alles wahr,

    Nach ihres Mannes Tode / bis in das vierte Jahr

    Und hatte nie zu Gunthern / gesprochen einen Laut

    Und auch Hagen ihren Feind / in all der Zeit nicht erschaut.


    Da sprach von Tronje Hagen: / »Könnte das geschehn,

    Daß ihr euch die Schwester / gewogen möchtet sehn,

    So käm zu diesem Lande / der Nibelungen Gold:

    Des mögt ihr viel gewinnen, / wird uns die Königin hold.«


    »Wir wollen es versuchen,« / sprach der König hehr.

    »Es sollen für uns bitten / Gernot und Geiselher,

    Bis sie es erlangen, / daß sie das gerne sieht.«

    »Ich glaube nicht,« sprach Hagen, / »daß es jemals geschieht.«


    Da befahl er Ortweinen / hin an den Hof zu gehn

    Und dem Markgrafen Gere: / als das war geschehn,

    Brachte man auch Gernot / und Geiselhern das Kind:

    Da versuchten bei Kriemhilden / sie es freundlich und gelind.


    Da sprach von Burgunden / der kühne Gernot:

    »Frau, ihr klagt zu lange / um Siegfriedens Tod.

    Der König will euch zeigen, / er hab ihn nicht erschlagen.

    Man hört zu allen Zeiten / euch so heftig um ihn klagen.«


    Sie sprach: »Des zeiht ihn niemand, / ihn schlug Hagens Hand.

    Wo er verwundbar wäre, / macht ich ihm bekannt.

    Wie konnt ich michs versehen, / er trüg ihm Haß im Sinn?

    Sonst hätt ichs wohl vermieden,« / sprach die edle Königin,


    »Daß ich verraten hätte / seinen schönen Leib:

    So ließ ich nun mein Weinen, / ich unselig Weib!

    Hold werd ich ihnen nimmer, / die das an ihm getan!«

    Zu flehn begann da Geiselher, / dieser weidliche Mann.


    Sie sprach: »Ich muß ihn grüßen, / ihr liegt zu sehr mir an.

    Von euch ists große Sünde: / Gunther hat mir getan

    So viel Herzeleides / ganz ohne meine Schuld:

    Mein Mund schenkt ihm Verzeihung, / mein Herz ihm nimmer die Huld.«


    »Hernach wird es besser,« / ihre Freunde sprachen so,

    »Wenn ers zuwege brächte, / daß wir sie sähen froh!«

    »Er mags ihr wohl vergüten,« / sprach da Gernot.

    Da sprach die Jammersreiche: / »Seht, nun leist ich eur Gebot:


    Ich will den König grüßen.« / Als er das vernahm,

    Mit seinen besten Freunden / der König zu ihr kam.

    Da getraute Hagen / sich nicht, zu ihr zu gehn;

    Er kannte seine Schuld wohl: / ihr war Leid von ihm geschehn.


    Als sie verschmerzen wollte / auf Gunther den Haß,

    Daß er sie küssen sollte, / wohl ziemte sich ihm das:

    Wär ihr mit seinem Willen / so leid nicht geschehn,

    So dürft er dreisten Mutes / immer zu Kriemhilden gehn.


    Es ward mit so viel Tränen / nie eine Sühne mehr

    Gestiftet unter Freunden. / Sie schmerzt' ihr Schade sehr;

    Doch verzieh sie allen / bis auf den einen Mann:

    Niemand hätt' ihn erschlagen, / hätt' es Hagen nicht getan.


    Nun währt' es nicht mehr lange, / so stellten sie es an,

    Daß die Königstochter / den großen Hort gewann

    Vom Nibelungenlande / und bracht ihn an den Rhein:

    Ihre Morgengabe war es / und mußt ihr billig eigen sein.


    Nach diesem fuhr da Geiselher / und auch Gernot.

    Achtzighundert Mannen / Frau Kriemhild gebot,

    Daß sie ihn holen sollten, / wo er verborgen lag,

    Und sein der Degen Alberich / mit seinen besten Freunden pflag.


    Als man des Schatzes willen / vom Rhein sie kommen sah,

    Alberich der kühne / sprach zu den Freunden da:

    »Wir dürfen ihr wohl billig / den Hort nicht entziehn,

    Da sein als Morgengabe / heischt die edle Königin.


    Dennoch sollt es nimmer,« / sprach Alberich, »geschehn,

    Müßten wir nicht leider / uns verloren sehn

    Die gute Tarnkappe / mit Siegfried zumal,

    Die immer hat getragen / der schönen Kriemhild Gemahl.


    Nun ist es Siegfrieden / leider schlimm bekommen,

    Daß die Tarnkappe / der Held uns hat genommen,

    Und daß ihm dienen mußte / all dieses Land.«

    Da ging dahin der Kämmerer, / wo er die Schlüssel liegen fand.


    Da standen vor dem Berge, / die Kriemhild gesandt,

    Und mancher ihrer Freunde: / man ließ den Schatz zur Hand

    Zu dem Meere bringen / an die Schiffelein

    Und führt' ihn auf den Wellen / zu Berg bis in den Rhein.


    Nun mögt ihr von dem Horte / Wunder hören sagen:

    Zwölf Leiterwagen konnten / ihn kaum von dannen tragen

    In vier Tag und Nächten / aus des Berges Schacht,

    Hätten sie des Tages / den Weg auch dreimal gemacht.


    Es war auch nicht anders / als Gestein und Gold.

    Und hätte man die ganze Welt / erkauft mit diesem Sold,

    Um keine Mark vermindern / möcht es seinen Wert.

    Wahrlich Hagen hatte / nicht ohne Grund sein begehrt.


    Der Wunsch lag darunter, / ein golden Rütelein:

    Wer es hätt' erkundet, / der möchte Meister sein

    Auf der weiten Erde / wohl über jeden Mann.

    Von Albrichs Freunden zogen / mit Gernot viele hindann.


    Als Gernot der Degen / und der junge Geiselher

    Des Horts sich unterwandten, / da wurden sie auch Herr

    Des Landes und der Burgen / und der Recken wohlgestalt:

    Die mußten ihnen dienen / zumal durch Furcht und Gewalt.


    Als sie den Hort gewannen / in König Gunthers Land,

    Und sich darob die Königin / der Herrschaft unterwand,

    Kammern und Türme, / die wurden voll getragen:

    Man hörte nie von Schätzen / so große Wunder wieder sagen.


    Und wären auch die Schätze / noch größer tausendmal,

    Und wär der edle Siegfried / erstanden von dem Fall,

    Gern wäre bei ihm Kriemhild / geblieben hemdebloß.

    Nie war zu einem Helden / eines Weibes Treue so groß.


    Als sie den Hort nun hatte, / da bracht es in das Land

    Viel der fremden Recken; / wohl gab der Frauen Hand,

    Daß man so große Milde / nie zuvor gesehn,

    Sie übte hohe Güte: / das mußte man ihr zugestehn.


    Den Armen und den Reichen / zu geben sie begann.

    Hagen sprach zum König: / »Läßt man sie so fortan

    Noch eine Weile schalten, / so wird sie in ihr Lehn

    So manchen Degen bringen, / daß es uns übel muß ergehn.«


    Da sprach König Gunther: / »Ihr gehört das Gut:

    Wie darf ich mich drum kümmern, / was sie mit ihm tut?

    Ich konnt es kaum erlangen, / daß sie mir wurde hold;

    Nicht frag ich, wie sie teilte / ihr Gestein und rotes Gold.«


    Hagen sprach zum König: / »Vertraut ein kluger Mann

    Doch solche Schätze billig / keiner Frauen an.

    Sie bringt es mit Gaben / wohl noch an den Tag,

    Da es sehr gereuen / die kühnen Burgunden mag.«


    Da sprach König Gunther: / »Ich schwur ihr einen Eid,

    Daß ich ihr nie wieder / fügen wollt ein Leid,

    Und will es künftig meiden: / sie ist die Schwester mein.«

    Da sprach wieder Hagen: / »Laß mich den Schuldigen sein.«


    Sie nahmen ihre Eide / meistens schlecht in Hut:

    Da raubten sie der Witwe / das mächtige Gut.

    Hagen aller Schlüssel / dazu sich unterwand.

    Ihr Bruder Gernot zürnte, / als ihm das wurde bekannt.


    Da sprach der junge Geiselher: / »Viel Leides ist geschehn

    Von Hagen meiner Schwester: / dem sollt ich widerstehn:

    Wär er nicht mein Blutsfreund: / es ging' ihm an den Leib.«

    Wieder neues Weinen / begann da Siegfriedens Weib.


    Da sprach der König Gernot: / »Eh wir solche Pein

    Um dieses Gold erlitten, / wir solltens in den Rhein

    All versenken lassen; / so gehört' es niemand an.«

    Sie kam mit Klaggebärde / da zu Geiselher heran.


    Sie sprach: »Lieber Bruder, / du sollst gedenken mein,

    Lebens und Gutes / sollst du ein Vogt mir sein.«

    Da sprach er zu der Schwester: / »Gewiß, es soll geschehn,

    Wenn wir wiederkommen: / eine Fahrt ist zu bestehn.«


    Gunther und seine Freunde / räumten das Land,

    Die allerbesten drunter, / die man irgend fand;

    Hagen nur alleine / verblieb um seinen Haß,

    Den er Kriemhilden hegte: / ihr zum Schaden tat er das.


    Ehe der reiche König / wieder war gekommen,

    Derweil hatte Hagen / den ganzen Schatz genommen:

    Er ließ ihn bei dem Loche / versenken in den Rhein.

    Er wähnt', er sollt ihn nutzen; / das aber konnte nicht sein.


    Bevor von Tronje Hagen / den Schatz also verbarg,

    Da hatten sie's beschworen / mit Eiden hoch und stark,

    Daß er verhohlen bliebe, / so lang sie möchten leben:

    So konnten sie's sich selber / noch auch jemand anders geben.


    Die Fürsten kamen wieder, / mit ihnen mancher Mann.

    Kriemhild den großen Schaden / zu klagen da begann

    Mit Mägdlein und Frauen; / sie hatten Herzensnot.

    Da stellten sich die Degen, / als sännen sie auf seinen Tod.


    Sie sprachen einhellig: / »Er hat nicht wohlgetan.«

    Bis er zu Freunden wieder / die Fürsten sich gewann,

    Entwich er ihrem Zorne: / sie ließen ihn genesen;

    Aber Kriemhild konnt ihm / wohl nicht feinder sein gewesen.


    Mit neuem Leide wieder / belastet war ihr Mut,

    Erst um des Mannes Leben, / und nun da sie das Gut

    Ihr sogar benahmen; / da ruht auch ihre Klage,

    So lang sie lebte, nimmer / bis zu ihrem jüngsten Tage.


    Nach Siegfriedens Tode, / das ist alles wahr,

    Lebte sie im Leide / noch dreizehen Jahr,

    Daß ihr der Tod des Recken / stets im Sinne lag:

    Sie wahrt' ihm immer Treue: / das rühmen ihr die meisten nach.


    Eine reiche Fürstenabtei / hatte Frau Ute

    Nach Dankrats Tod gestiftet / von ihrem Gute

    Mit großen Einkünften, / die es noch heute zieht:

    Dort zu Lorsch das Kloster, / das man in hohen Ehren sieht.


    Dazu gab auch Kriemhild / hernach ein großes Teil

    Um Siegfriedens Seele / und aller Seelen Heil,

    Gold und Edelsteine / mit williger Hand;

    Getreuer Weib auf Erden / ward uns selten noch bekannt.


    Seit Kriemhild König Gunthern / wieder schenkte Huld

    Und dann doch den großen Hort / verlor durch seine Schuld,

    Ihres Herzeleides / ward da noch viel mehr:

    Da zöge gern von dannen / die Fraue edel und hehr.


    Nun war Frau Uten / ein Sedelhof bereit

    Zu Lorsch bei ihrem Kloster, / reich, groß und weit,

    Dahin von ihren Kindern / sie zog und sich verbarg,

    Wo noch die hehre Königin / begraben liegt in einem Sarg.


    Da sprach die Königswitwe: / »Liebe Tochter mein,

    Hier magst du nicht verbleiben: / bei mir denn sollst du sein,

    Zu Lorsch in meinem Hause, / und läßt dein Weinen dann.«

    Kriemhild gab zur Antwort: / »Wo ließ' ich aber meinen Mann?«


    »Den laß nur hier verbleiben,« / sprach Frau Ute.

    »Nicht woll es Gott vom Himmel,« / sprach da die Gute.

    »Nein, liebe Mutter, / davor will ich mich wahren:

    Mein Mann muß von hinnen / in Wahrheit auch mit mir fahren.«


    Da schuf die Jammersreiche, / daß man ihn erhub

    Und sein Gebein, das edle, / wiederum begrub

    Zu Lorsch bei dem Münster / mit Ehren mannigfalt:

    Da liegt im langen Sarge / noch der Degen wohlgestalt.


    Zu denselben Zeiten, / da Kriemhild gesollt

    Zu ihrer Mutter ziehen, / wohin sie auch gewollt,

    Da mußte sie verbleiben, / weil es nicht sollte sein:

    Das schufen neue Mären, / die da kamen über Rhein.

    „Ich bin so etwas wie ein Antikörper der New-Age-Bewegung. Meine Funktion besteht darin, auf die Möglichkeit aufmerksam zu machen, hey, weißt du, einiges von all dem Kram könnte auch riesengroßer Quatsch sein!“


    Ceterum censeo progeniem hominum esse deminuendam.

  • Zwanzigstes Abenteuer


    Wie König Etzel um Kriemhilden sandte


    Das war in jenen Zeiten, / als Frau Helke starb,

    Und der König Etzel / um andre Frauen warb,

    Da rieten seine Freunde / in Burgundenland

    Zu einer stolzen Witwe, / die war Frau Kriemhild genannt.


    Seit ihm die schöne Helke / erstarb, die Königin,

    Sie sprachen: »Sinnt ihr wieder / auf edler Frau Gewinn,

    Der höchsten und der besten, / die je ein Fürst gewann,

    So nehmet Kriemhilden; / der starke Siegfried war ihr Mann.«


    Da sprach der reiche König: / »Wie ginge das wohl an?

    Ich bin ein Heide, / ein ungetaufter Mann;

    Sie jedoch ist Christin; / sie tut es nimmermehr.

    Ein Wunder müßt es heißen, / käm sie jemals hierher.«


    Die Schnellen sprachen wieder: / »Vielleicht, daß sie es tut

    Um euern hohen Namen / und euer großes Gut.

    Man soll es doch versuchen / bei dem edeln Weib:

    Euch ziemte wohl zu minnen / ihren wonniglichen Leib.«


    Da sprach der edle König: / »Wem ist nun bekannt

    Unter euch am Rheine / das Volk und auch das Land?«

    Da sprach von Bechlaren / der gute Rüdiger:

    »Kund von Kindesbeinen / sind mir die edeln Könige hehr,


    Gunther und Gernot, / die edeln Ritter gut;

    Der dritte heißt Geiselher: / ein jeglicher tut,

    Was er nach Zucht und Ehren / am besten mag begehn;

    Auch ist von ihren Ahnen / noch stets dasselbe geschehn.«


    Da sprach wieder Etzel: / »Freund, nun sage mir,

    Ob ihr wohl die Krone / ziemt zu tragen hier?

    Und hat sie solche Schöne, / wie man sie zeiht,

    Meinen besten Freunden / sollt es nimmer werden leid.«


    »Sie vergleicht sich an Schöne / wohl der Frauen mein,

    Helke der reichen: / nicht schöner könnte sein

    Auf der weiten Erde / eine Königin:

    Wen sie erwählt zum Freunde, / der mag wohl trösten den Sinn.«


    Er sprach: »So wirb sie, Rüdiger, / so lieb als ich dir sei.

    Und darf ich Kriemhilden / jemals liegen bei,

    Das will ich dir lohnen, / so gut ich immer kann;

    Auch hast du meinen Willen / mit großer Treue getan.


    Von meinem Kammergute / laß ich so viel dir geben,

    Daß du mit den Gefährten / in Freude mögest leben;

    Von Rossen und von Kleidern / was ihr nur begehrt,

    Des wird zu der Botschaft / euch die Genüge gewährt.«


    Zur Antwort gab der Markgraf, / der reiche Rüdiger:

    »Begehrt' ich deines Gutes, / das ziemte mir nicht sehr.

    Ich will dein Bote gerne / werden an den Rhein

    Mit meinem eignen Gute; / ich hab es aus den Händen dein.«


    Da sprach der reiche König: / »Wann denkt ihr zu fahren

    Nach der Minniglichen? / So soll euch Gott bewahren

    Dabei an allen Ehren / und auch die Fraue mein;

    Und möge Glück mir helfen, / daß sie uns gnädig möge sein.«


    Da sprach wieder Rüdiger: / »Eh wir räumen dieses Land,

    Müssen wir uns rüsten / mit Waffen und Gewand,

    Daß wir vor den Königen / mit Ehren dürfen stehn:

    Ich will zum Rheine führen / fünfhundert Degen ausersehn,


    Wenn man bei den Burgunden / mich und die Meinen seh,

    Daß dann einstimmig / das Volk im Land gesteh,

    Es habe nie ein König / noch so manchen Mann

    So fern daher gesendet, / als du zum Rheine getan.


    Und wiß, edler König, / stehst du darob nicht an,

    Sie war dem besten Manne, / Siegfrieden untertan,

    Siegmundens Sohne; / du hast ihn hier gesehn;

    Man mochte ihm große Ehre / wohl in Wahrheit zugestehn.«


    Da sprach der König Etzel: / »War sie dem Herrn vermählt,

    So war so hohes Namens / der edle Fürst erwählt,

    Daß ich nicht verschmähen / darf die Königin.

    Ob ihrer großen Schönheit / gefällt sie wohl meinem Sinn.«


    Da sprach der Markgraf wieder: / »Wohlan, ich will euch sagen,

    Wir heben uns von hinnen / in vierundzwanzig Tagen.

    Ich entbiet es Gotelinden, / der lieben Fraue mein,

    Daß ich zu Kriemhilden / selber wolle Bote sein.«


    Hin gen Bechelaren / sandte Rüdiger

    Boten seinem Weibe, / der Markgräfin hehr,

    Er werbe für den König / um eine Königin:

    Der guten Helke dachte / sie da mit sehnlichem Sinn.


    Als die Botenkunde / die Markgräfin gewann,

    Leid war es ihr zum Teile, / zu sorgen hub sie an,

    Ob sie wohl eine Herrin / gewänne so wie eh.

    Gedachte sie an Helke, / das tat ihr inniglich weh.


    Nach sieben Tagen Rüdiger / ritt aus Heunenland,

    Worüber frohgemutet / man König Etzeln fand.

    Man fertigte die Kleider / in der Stadt zu Wien;

    Da wollt er mit der Reise / auch nicht länger mehr verziehn.


    Zu Bechlaren harrte / sein Frau Gotelind,

    Und die junge Markgräfin, / Rüdigers Kind,

    Sah ihren Vater gerne / und die ihm untertan.

    Da ward ein liebes Harren / von schönen Frauen getan.


    Eh der edle Rüdiger / aus der Stadt zu Wien

    Ritt nach Bechlaren, / da waren hier für ihn

    Kleider und Gewaffen / auf Säumern angekommen.

    Sie fuhren solcherweise, / daß ihnen wenig ward genommen.


    Als sie zu Bechlaren / kamen in die Stadt,

    Für seine Heergesellen / um Herbergen bat

    Der Wirt mit holden Worten: / die gab man ihnen da.

    Gotelind die reiche / den Wirt gar gerne kommen sah.


    Auch seine liebe Tochter, / die Markgräfin jung,

    Ob ihres Vaters Kommen / war sie froh genung.

    Aus Heunenland die Helden, / wie gern sie die sah!

    Mit lachendem Mute / sprach die edle Jungfrau da:


    »Willkommen sei mein Vater / und die ihm untertan.«

    Da ward ein schönes Danken / von manchem werten Mann

    Freundlich geboten / der jungen Markgräfin.

    Wohl kannte Frau Gotlind / des edeln Rüdiger Sinn.


    Als sie des Nachts nun / bei Rüdigern lag,

    Mit holden Worten fragte / die Markgräfin nach,

    Wohin ihn denn gesendet / der Fürst von Heunenland.

    »Meine Frau Gotlind,« sprach er, / »ich mach es gern euch bekannt.


    Meinem Herren werben / soll ich ein ander Weib,

    Da ihm ist erstorben / der schönen Helke Leib.

    Nun will ich nach Kriemhilden / reiten an den Rhein:

    Die soll hier bei den Heunen / gewaltge Königin sein.«


    »Das wollte Gott!« sprach Gotlind, / »möcht uns dies Heil geschehn,

    Da wir so hohe Ehren / ihr hören zugestehn.

    Sie ersetzt uns Helken / vielleicht in alten Tagen:

    Wir mögen bei den Heunen / sie gerne sehen Krone tragen.«


    Da sprach Markgraf Rüdiger: / »Liebe Fraue mein,

    Die mit mir reiten sollen / von hinnen an den Rhein:

    Denen sollt ihr freundlich / bieten euer Gut:

    Wenn Helden reichlich leben, / so tragen sie hohen Mut.«


    Sie sprach: »Da ist nicht einer, / wenn er es gerne nähm,

    Ich wollt ihm willig bieten, / was jeglichem genehm,

    Eh ihr von hinnen scheidet / und die euch untertan.«

    Da sprach der Markgraf wieder: / »Ihr tut mir Liebe daran.«


    Hei, was man reicher Zeuge / von ihrer Kammer trug!

    Da ward den edeln Recken / Gewand zuteil genug

    Mit allem Fleiß gefüttert / vom Hals bis auf die Sporen;

    Die ihm davon gefielen, / hatte Rüdger sich erkoren.


    Am siebenten Morgen / von Bechlaren ritt

    Der Wirt mit seinen Degen. / Sie führten Waffen mit

    Und Kleider auch die Fülle / durch der Bayern Land.

    Sie wurden auf der Straße / von Räubern selten angerannt.


    Binnen zwölf Tagen / kamen sie an den Rhein,

    Da konnte diese Märe / nicht lang verborgen sein:

    Dem König und den Seinen / ward es kund getan,

    Es kämen fremde Gäste. / Der Wirt zu fragen begann,


    Ob sie jemand kennte: / das sollte man ihm sagen.

    Man sah die Saumrosse / schwere Lasten tragen:

    Wie reich die Helden waren, / ward daran erkannt.

    Herberge schuf man ihnen / in der weiten Stadt zuhand.


    Als die Gäste waren / in die Stadt gekommen,

    Ihres Aufzugs hatte man / mit Neugier wahrgenommen.

    Sie wunderte, von wannen / sie kämen an den Rhein.

    Der Wirt fragte Hagen, / wer die Herren möchten sein.


    Da sprach der Held von Tronje: / »Ich sah sie noch nicht;

    Wenn ich sie erschaue, / mag ich euch Bericht

    Wohl geben, von wannen / sie ritten in dies Land.

    Sie waren denn gar fremde, / so sind sie gleich mir bekannt.«


    Herbergen hatten / die Gäste nun empfahn.

    Der Bote hatte reiche / Gewänder angetan

    Mit seinen Heergesellen, / als sie zu Hofe ritten.

    Sie trugen gute Kleider, / die waren zierlich geschnitten.


    Da sprach der schnelle Hagen: / »So viel ich mag verstehn,

    Da ich seit langen Tagen / den Herrn nicht hab ersehn,

    So sind sie so zu schauen, / als wär es Rüdiger

    Aus der Heunen Lande, / dieser Degen kühn und hehr.«


    »Wie sollt ich das glauben?« / der König sprachs zuhand,

    »Daß der von Bechlaren / käm in dieses Land?«

    Kaum hatte König Gunther / das Wort gesprochen gar,

    So nahm der kühne Hagen / den guten Rüdiger wahr.


    Er und seine Freunde / liefen ihm entgegen:

    Da sprangen von den Rossen / fünfhundert schnelle Degen.

    Wohl empfangen wurden / die von Heunenland;

    Niemals trugen Boten / wohl so herrlich Gewand.


    Da rief von Tronje Hagen / mit lauter Stimme Schall:

    »Nun sei'n uns hochwillkommen / diese Degen all,

    Der Vogt von Bechelaren / mit seiner ganzen Schar.«

    Man empfing mit Ehren / die schnellen Heunen fürwahr.


    Des Königs nächste Freunde / drängten sich heran:

    Da hub von Metzen Ortewein / zu Rüdigern an:

    »Wir haben lange Tage / hier nicht mehr gesehn

    Also liebe Gäste, / das muß ich wahrlich gestehn!«


    Sie dankten des Empfanges / den Recken allzumal.

    Mit dem Heergesinde / gingen sie zum Saal,

    Wo sie den König fanden / bei manchem kühnen Mann.

    Der stand empor vom Sitze; / das ward aus höfscher Zucht getan.


    Wie freundlich dem Boten / er entgegenging

    Und allen seinen Degen! / Gernot auch empfing

    Den Gast mit hohen Ehren / und die ihm untertan.

    Den guten Rüdger führte / der König an der Hand heran.


    Er bracht' ihn zu dem Sitze, / darauf er selber saß.

    Den Gästen ließ er schenken / (gerne tat man das)

    Von dem guten Mete / und von dem besten Wein,

    Den man mochte finden / in den Landen um den Rhein.


    Geiselher und Gere / waren auch gekommen,

    Dankwart und Volker; / die hatten bald vernommen

    Von den werten Gästen. / Sie waren wohlgemut:

    Sie empfingen vor dem König / die Ritter edel und gut.


    Da sprach von Tronje Hagen / zu Gunthern seinem Herrn:

    »Mit Dienst vergelten sollten / stets eure Degen gern,

    Was uns der Markgraf / zuliebe hat getan;

    Des sollte Lohn empfangen / der schönen Gotlinde Mann.«


    Da sprach der König Gunther: / »Ich lasse nicht das Fragen:

    Wie beide sich gehaben, / das sollt ihr mir sagen,

    Etzel und Frau Helke / in der Heunen Land?«

    Der Markgraf gab zur Antwort: / »Ich mach es gern bekannt.«


    Da erhob er sich vom Sitze / und die ihm untertan

    Und sprach zu dem König: / »Laßt mich Erlaub empfahn,

    Daß ich die Märe sage, / um die mich hat gesandt

    Etzel der König / hierher in der Burgunden Land.«


    Er sprach: »Was man uns immer / durch euch entboten hat,

    Erlaub ich euch zu sagen / ohne der Freunde Rat.

    Die Märe laßt vernehmen / mich und die Degen mein:

    Euch soll nach allen Ehren / zu werben hier gestattet sein.«


    Da sprach der biedre Bote: / »Euch entbietet an den Rhein

    Seine treuen Dienste / der große König mein,

    Dazu den Freunden allen, / die euch zugetan;

    Auch wird euch diese Botschaft / mit großer Treue getan.


    Euch läßt der edle König / klagen seine Not:

    Sein Volk ist ohne Freude, / meine Frau, die ist tot,

    Helke die reiche, / meines Herrn Gemahl:

    An der sind schöne Jungfraun / nun verwaist in großer Zahl,


    Edler Fürsten Kinder, / die sie erzogen hat.

    Darum hat im Lande / nun große Trauer statt:

    Sie haben leider niemand mehr, / der sie so treulich pflegt,

    Drum wähn ich auch, daß selten / des Königs Sorge sich legt.«


    »Nun lohn ihm Gott,« sprach Gunther, / »daß er die Dienste sein

    So williglich entbietet / mir und den Freunden mein.

    Ich hörte gern die Grüße, / die ihr mir kund getan;

    Auch wollen sie verdienen / die mir treu und untertan.«


    Da sprach von Burgunden / der edle Gernot:

    »Die Welt mag wohl beklagen / der schönen Helke Tod

    Und manche höfsche Tugend, / die sie gewohnt zu pflegen.«

    Das bestätigte Hagen / und mancher andre Degen.


    Da sprach wieder Rüdiger, / der edle Bote hehr:

    »Erlaubt ihr mir, Herr König, / so sag ich euch noch mehr,

    Was mein lieber Herre / euch hierher entbot;

    Er lebt in großem Kummer / seit der Königin Helke Tod.


    Man sagte meinem Herren, / Kriemhild sei ohne Mann,

    Da Siegfried gestorben: / und sprach man wahr daran,

    Und wollt ihr ihrs vergönnen, / so soll sie Krone tragen

    Vor König Etzels Recken: / das gebot mein Herr ihr zu sagen.«


    Da sprach König Gunther / mit wohlgezognem Mut:

    »Sie hört meinen Willen, / wenn sie es gerne tut.

    Das will ich euch berichten / von heut in dreien Tagen:

    Wenn sie es nicht weigert / wie sollt ichs Etzeln versagen?«


    Man ließ Gemach bescheiden / den Gästen allzuhand.

    Sie fanden solche Pflege, / daß Rüdiger gestand,

    Er habe gute Freunde / in König Gunthers Lehn.

    Gerne dient' ihm Hagen: / ihm war einst Gleiches geschehn.


    So verweilte Rüdiger / bis an den dritten Tag.

    Der Fürst berief die Räte, / wie er weislich pflag,

    Und fragte seine Freunde, / ob es sie gut getan

    Deuchte, daß Kriemhild / Herrn Etzeln nähme zum Mann.


    Da rieten sie es alle; / nur Hagen stands nicht an.

    Er sprach zu König Gunther, / diesem kühnen Mann:

    »Habt ihr kluge Sinne, / so seid wohl auf der Hut,

    Wenn sie auch folgen wollte, / daß ihr doch nimmer es tut.«


    »Warum,« sprach da Gunther, / »ließ' ich es nicht ergehn?

    Was künftig noch der Königin / Liebes mag geschehn,

    Will ich ihr gerne gönnen: / sie ist die Schwester mein.

    Wir müssen selbst drum werben, / sollt es ihr zur Ehre sein.«


    Da sprach aber Hagen: / »Das sprecht ihr unbedacht.

    Wenn ihr Etzeln kenntet, / wie ich, und seine Macht

    Und ließt ihr sie ihn minnen, / wie ich euch höre sagen,

    Das müßtet ihr vor allen / mit großem Rechte beklagen.«


    »Warum?« sprach da Gunther: / »leicht vermeid ich das,

    Ihm je so nah zu kommen, / daß ich durch seinen Haß

    Leid zu befahren hätte, / würd er auch ihr Mann.«

    Da sprach wieder Hagen: / »Mich dünkt es nimmer wohlgetan.«


    Da lud man Gernoten / und Geiselhern heran,

    Ob die Herren beide / deuchte wohlgetan,

    Wenn Frau Kriemhild nähme / den mächtgen König hehr.

    Noch widerriet es Hagen / und auch anders niemand mehr.


    Da sprach von Burgunden / Geiselher der Degen:

    »Nun mögt ihr, Freund Hagen, / noch der Treue pflegen:

    Entschädigt sie des Leides, / das ihr ihr habt getan.

    Was ihr noch mag gelingen, / das säht ihr billig neidlos an.«


    »Wohl habt ihr meiner Schwester / gefügt so großes Leid,«

    Sprach da wieder Geiselher, / der Degen allbereit,

    »Ihr hättets wohl verschuldet, / wäre sie euch gram:

    Noch niemand einer Frauen / so viel der Freuden benahm.«


    »Daß ich das wohl erkenne, / das sei euch frei bekannt.

    Und soll sie Etzeln nehmen / und kommt sie in sein Land,

    Wie sie es fügen möge, / viel Leid tut sie uns an.

    Wohl kommt in ihre Dienste / da mancher weidliche Mann.«


    Dawider sprach zu Hagen / der kühne Gernot:

    »Es mag dabei verbleiben / bis an beider Tod,

    Daß wir niemals kommen / in König Etzels Land.

    Laßt uns ihr Treue leisten; / zu Ehren wird uns das gewandt.«


    Da sprach Hagen wieder: / »Das laß ich mir niemand sagen:

    Und soll die edle Kriemhild / Helkens Krone tragen,

    Viel Leid wird sie uns schaffen, / wo sie's nur fügen kann:

    Ihr sollt es bleiben lassen, / das ständ euch Recken besser an.«


    Im Zorn sprach da Geiselher, / der schönen Ute Kind:

    »Wir sollen doch nicht alle / meineidig sein gesinnt.

    Was ihr geschieht zu Ehren, / laßt uns froh drum sein.

    Was ihr auch redet, Hagen, / ich dien ihr nach der Treue mein.«


    Als das Hagen hörte, / da trübte sich sein Mut.

    Geiselher und Gernot, / die stolzen Ritter gut,

    Und Gunther der reiche / vereinten endlich sich,

    Wenn es Kriemhild wünsche, / sie wolltens dulden williglich.


    Da sprach Markgraf Gere: / »So geh ich ihr zu sagen,

    Daß sie den König Etzel / sich lasse wohlbehagen.

    Dem ist so mancher Recke / mit Furchten untertan:

    Er mag ihr wohl vergüten, / was sie je Leides gewann.«


    Hin ging der schnelle Degen, / wo er Kriemhilden sah.

    Sie empfing ihn gütlich: / wie balde sprach er da:

    »Ihr mögt mich gern begrüßen / und geben Botenbrot:

    Es will das Glück euch scheiden / nun von all eurer Not.


    Es hat um eure Minne, / Frau, hierher gesandt

    Der Allerbesten einer, / der je ein Königsland

    Gewann mit vollen Ehren / und Krone durfte tragen:

    Es werben edle Ritter: / das läßt euch euer Bruder sagen.«


    Da sprach die Jammerreiche: / »Verbiete doch euch Gott

    Und allen meinen Freunden, / daß sie keinen Spott

    Mit mir Armen treiben: / was sollt ich einem Mann,

    Der je Herzensliebe / von gutem Weibe gewann?«


    Sie widersprach es heftig. / Da traten zu ihr her

    Gernot ihr Bruder / und der junge Geiselher.

    Sie baten sie in Minne / zu trösten ihren Mut:

    Und nehme sie den König, / es gerat ihr wahrlich gut


    Bereden mochte niemand / doch die Königin,

    Noch einen Mann zu minnen / auf Erden fürderhin.

    Da baten sie die Degen: / »So laßt es nur geschehn,

    Wenn ihr denn nicht anders wollt, / daß euch der Bote möge sehn.«


    »Das will ich nicht versagen,« / sprach die Fraue hehr.

    »Ich empfange gerne / den guten Rüdiger

    Ob seiner höfischen Sitte: / wär er nicht hergesandt,

    Jedem andern Boten, / dem blieb' ich immer unbekannt.«


    Sie sprach: »So schickt den Degen / morgen früh heran

    Zu meiner Kemenate. / Ich bescheid ihn dann:

    Wes ich mich beraten, / will ich ihm selber sagen.«

    So war ihr jetzt erneuert / das große Weinen und Klagen.


    Da wünschte sich auch anders nichts / der edle Rüdiger,

    Als daß er schauen dürfte / die Königin hehr.

    Er wußte sich so weise: / könnt es irgend sein,

    So müßt er sie bereden, / diesen Recken zu frein.


    Früh des andern Morgens / nach dem Meßgesang

    Kamen die edeln Boten; / da hub sich großer Drang.

    Die mit Rüdigeren / zu Hofe sollten gehn,

    Die sah man wohlbekleidet, / manchen Degen ausersehn.


    Kriemhilde die arme, / in traurigem Mut

    Harrte sie auf Rüdiger, / den edeln Boten gut.

    Er fand sie in dem Kleide, / das sie für täglich trug;

    Dabei hatt ihr Gesinde / reicher Kleider genug.


    Sie ging ihm entgegen / zu der Türe hin

    Und empfing Etzels Recken / mit gütlichem Sinn.

    Nur selbzwölfter trat er / herein zu der Fraun;

    Man bot ihm große Ehre; / wer möcht auch bessre Boten schaun?


    Man hieß den Herren sitzen / und die in seinem Lehn.

    Die beiden Markgrafen / sah man vor ihr stehn,

    Eckewart und Gere, / die edeln Ritter gut.

    Um der Hausfrau willen / sahn sie niemand wohlgemut.


    Sie sahen vor ihr sitzen / manche schöne Maid.

    Da hatte Frau Kriemhild / Jammer nur und Leid.

    Ihr Kleid war vor den Brüsten / von heißen Trännen naß.

    Das sah der edle Markgraf, / der nicht länger vor ihr saß.


    Er sprach in großen Züchten: / »Viel edles Königskind,

    Mir und den Gefährten, / die mit mir kommen sind,

    Sollt ihr, Frau, erlauben, / daß wir vor euch stehn

    Und euch melden, weshalb / unsre Reise sei geschehn.«


    »Ich will euch gern erlauben,« / sprach die Königin,

    »Was ihr wollt zu reden; / also steht mein Sinn,

    Daß ich es gerne höre: / ihr seid ein Bote gut.«

    Da merkten wohl die andern / ihren abgeneigten Mut.


    Da sprach von Bechelaren / der Markgraf Rüdiger:

    »Euch läßt entbieten, Herrin, / Etzel der König hehr

    Große Lieb und Treue / hierher in dieses Land;

    Er hat um eure Minne / viel gute Recken gesandt.


    Er entbeut euch freundlich / Liebe sonder Leid;

    Er sei steter Freundschaft / nun euch hinfort bereit

    Wie Helken einst der Königin, / die ihm am Herzen lag:

    Ihr sollt die Krone tragen, / deren sie vor Zeiten pflag.«


    Da sprach zu ihm die Königin: / »Markgraf Rüdiger,

    Wenn meines Herzeleides / jemand kundig wär,

    Der würde mir nicht raten / zu einem zweiten Mann:

    Ich verlor der Besten einen, / die je ein Weib noch gewann.«


    »Was tröstet mehr im Leide,« / sprach der kühne Mann,

    »Als freundliche Liebe? / Wer die gewähren kann

    Und hat sich den erkoren, / der ihm zu Herzen kommt,

    Der erfährt wohl, daß im Leide / nichts so sehr als Liebe frommt.


    Und geruht ihr zu minnen / den edeln Herren mein,

    Zwölf reicher Kronen / sollt ihr gewaltig sein.

    Dazu von dreißig Fürsten / gibt euch mein Herr das Land,

    Die alle hat bezwungen / seine vielgewaltige Hand.


    Ihr sollt auch Herrin werden / über manchen werten Mann,

    Die meiner Frauen Helke / waren untertan,

    Und viel der schönen Maide, / einst ihrem Dienst gesellt,

    Von hoher Fürsten Stamme,« / sprach der hochbeherzte Held.


    »Dazu gibt euch der König, / gebot er euch zu sagen,

    Wenn ihr geruht die Krone / bei meinem Herrn zu tragen,

    Gewalt, die allerhöchste, / die Helke je gewann:

    Alle Mannen Etzels / werden euch da untertan.«


    »Wie möchte jemals wieder,« / sprach die Königin,

    »Eines Helden Weib zu werden / gelüsten meinem Sinn?

    Mir hat der Tod an einem / so bittres Leid getan,

    Daß ichs bis an mein Ende / nimmermehr verschmerzen kann.«


    Die Heunen sprachen wieder: / »Viel reiche Königin,

    Das Leben geht bei Etzeln / so herrlich euch dahin,

    Daß ihr in Wonnen schwebet, / weigert ihr es nicht;

    Mancher ziere Degen / steht in des reichen Königs Pflicht.


    Helkens Jungfrauen / und eure Mägdelein,

    Sollten die beisammen / je ein Gesinde sein,

    Dabei möchten Recken / wohl werden wohlgemut.

    Laßt es euch raten, Fraue, / es bekommt euch wahrlich gut.«


    Sie sprach mit edler Sitte: / »Nun laßt die Rede sein

    Bis morgen in der Frühe; / dann tretet zu mir ein,

    Daß ich auf die Werbung / euch gebe den Bescheid.«

    Da mußten Folge leisten / die kühnen Degen allbereit.


    Als zu den Herbergen / sie kamen allzumal,

    Nach Geiselhern zu senden, / die edle Frau befahl

    Und nach ihrer Mutter: / den beiden sagte sie,

    Ihr gezieme nur zu weinen / und alles andere nie.


    Da sprach ihr Bruder Geiselher: / »Mir ahnt, Schwester mein,

    Und gerne mag ichs glauben, / dein Leid und deine Pein

    Wird König Etzel wenden: / und nimmst du ihn zum Mann,

    Was jemand anders rate, / so dünkt es mich wohlgetan.


    Er mag dir's wohl ersetzen,« / sprach wieder Geiselher.

    »Vom Rotten bis zum Rheine, / von der Elbe bis ans Meer

    Weiß man keinen König / gewaltiger als ihn.

    Du magst dich höchlich freuen, / heischt er dich zur Königin.«


    Sie sprach: »Lieber Bruder, / wie rätst du mir dazu?

    Weinen und Klagen, / das käm mir eher zu.

    Wie sollt ich vor den Recken / da zu Hofe gehn?

    Hatt' ich jemals Schönheit, / um die ists lange geschehn.«


    Da redete Frau Ute / der lieben Tochter zu:

    »Was deine Brüder raten, / liebes Kind, das tu.

    Folge deinen Freunden, / so mag dir's wohlergehn.

    Hab ich dich doch so lange / in großem Jammer gesehn.«


    Da bat sie, daß vom Himmel / ihr würde Rat gesandt:

    Denn hätte sie zu geben / Gold, Silber und Gewand

    Wie einst, da er noch lebte, / ihr Mann der Degen hehr.

    Sie erlebe doch nicht wieder / so frohe Stunden nachher.


    Sie dacht in ihrem Sinne: / »Und sollt ich meinen Leib

    Einem Heiden geben? / Ich bin ein Christenweib:

    Des müßt ich billig Schelte / von aller Welt empfahn;

    Gäb er mir alle Reiche, / es bliebe doch ungetan.«


    Da ließ sie es bewenden. / Die Nacht bis an den Tag

    Die Frau in ihrem Bette / voll Gedanken lag.

    Ihre lichten Augen / trockneten ihr nicht,

    Bis sie hin zur Mette / wieder ging beim Morgenlicht.


    Nun waren auch die Könige / zur Messezeit gekommen;

    Sie hatten ihre Schwester / an die Hand genommen

    Und rieten ihr zu minnen / den von Heunenland.

    Niemand doch die Fraue / ein wenig fröhlicher fand.


    Da ließ man zu ihr bringen, / die Etzel hingesandt,

    Die nun mit Urlaub wollten / räumen Gunthers Land,

    Wie es geraten möge, / mit Nein oder Ja!

    Da kam zu Hofe Rüdiger: / die Gefährten mahnten ihn da,


    Recht zu erforschen / des edeln Fürsten Mut

    Und zeitig das zu leisten; / das dauchte jeden gut;

    Ihre Wege wären ferne / wieder in ihr Land.

    Man brachte Rüdigeren / hin, wo er Kriemhilden fand.


    Da bat alsbald der Recke / die edle Königin

    Mit minniglichen Worten, / zu künden ihren Sinn,

    Was sie entbieten wolle / in König Etzels Land.

    Der Held mit seinem Werben / bei ihr nun Weigerung fand.


    »Sie wolle nimmer wieder / minnen einen Mann.«

    Dawider sprach der Markgraf: / »Das wär nicht recht getan:

    Was wolltet ihr verderben / so minniglichen Leib?

    Ihr werdet noch mit Ehren / eines werten Recken Weib.«


    Nichts half es, was sie boten, / bis daß Rüdiger

    Insgeheim gesprochen / mit der Königin hehr,

    E hoff' ihr zu vergüten / all ihr Ungemach.

    Da ließ zuletzt ein wenig / ihre hohe Trauer nach.


    Er sprach zu der Königin: / »Laßt euer Weinen sein;

    Hättet ihr bei den Heunen / niemand als mich allein,

    Meine getreuen Freunde / und die mir untertan,

    Er sollt' es schwer entgelten, / hätt euch jemand Leid getan.«


    Davon ward erleichtert / der Frauen wohl der Mut.

    Sie sprach: »So schwört mir, Rüdiger, / was mir jemand tut,

    Ihr wollt der Erste werden, / der rächen will mein Leid.«

    Da sprach zu ihr der Markgraf: / »Dazu bin ich, Frau, bereit.«


    Mit allen seinen Mannen / schwur ihr da Rüdiger,

    Ihr immer treu zu dienen, / und daß die Recken hehr

    Ihr nichts versagen wollten / in König Etzls Land,

    Was ihre Ehre heische: / das gelobt' ihr Rüdigers Hand.


    Da gedachte die Getreue: / »Wenn ich gewinnen kann

    So viel steter Freunde, / so seh ich's wenig an,

    Was auch die Leute reden, / in meines Jammers Not.

    Vielleicht wird noch gerochen / meines lieben Mannes Tod.«


    Sie gedachte: »Da Herr Etzel / der Recken hat so viel,

    Denen ich gebiete, / so tu ich, was ich will.

    Er hat auch solche Schätze, / daß ich verschenken kann;

    Mich hat der leide Hagen / meines Gutes ohne getan.«


    Sie sprach zu Rüdigeren: / »Hätt ich nicht vernommen,

    Daß er ein Heide wäre, / so wollt ich gerne kommen,

    Wohin er geböte, / und nähm ihn zum Mann.«

    Da sprach der Markgraf wieder: / »Steht darum, Herrin, nicht an.


    Er ist nicht gar ein Heide, / des dürft ihr sicher sein:

    Er ist getauft gewesen, / der liebe Herre mein,

    Wenn er auch zu den Heiden / wieder übertrat:

    Wollt ihr ihn, Herrin, minnen, / so wird dawider noch Rat.


    Ihm dienen so viel Recken / in der Christenheit,

    Daß euch bei dem König / nie widerfährt ein Leid.

    Ihr mögt auch leicht erlangen, / daß der König gut

    Zu Gott wieder wendet / so die Seele wie den Mut.«


    Da sprachen ihre Brüder: / »Verheißt es, Schwester mein,

    Und all euern Kummer / laßt in Zukunft sein.«

    Des baten sie so lange, / bis sie mit Trauer drein

    Vor den Helden willigte, / den König Etzel zu frein.


    Sie sprach: »Ich muß euch folgen, / ich arme Königin!

    Ich fahre zu den Heunen, / wann es geschehe, hin,

    Wenn ich Freunde finde, / die mich führen in sein Land.«

    Darauf bot vor den Helden / die schöne Kriemhild die Hand.


    Der Markgraf sprach: / »Zwei Recken stehen in euerm Lehn;

    Dazu hab ich noch manchen: / so kann es wohl geschehn,

    Daß wir euch mit Ehren / bringen überrhein.

    Ich laß euch nun nicht länger / hier bei den Burgunden sein.


    Fünfhundert Mannen hab ich / und der Freunde mein:

    Die sollen euch zu Diensten / hier und bei Etzeln sein,

    Was ihr auch gebietet; / ich selber steh' euch bei

    Und will michs nimmer schämen, / mahnt ihr mich künftig meiner Treu.


    Eure Pferdedecken / haltet euch bereit;

    Was Rüdiger geraten hat, / wird euch nimmer leid.

    Und sagt es euern Mägdlein, / die ihr euch gesellt:

    Uns begegnet unterweges / mancher auserwählte Held.«


    Sie hatte noch Geschmeide, / das sie zu Siegfrieds Zeit

    Beim Reiten getragen, / daß sie mit mancher Maid

    Mit Ehren reisen mochte, / so sie wollt hindann.

    Hei! was man guter Sättel / den schönen Frauen gewann.


    Hatten sie schon immer / getragen reich Gewand,

    So wurde des zur Reise / die Fülle nun zur Hand,

    Weil ihnen von dem König / so viel gepriesen ward;

    Sie schlossen auf die Kisten / so lang versperrt und gespart.


    Sie waren sehr geschäftig / wohl fünftehalben Tag

    Und nahmen aus dem Einschlag, / soviel darinne lag.

    Ihre Kammer zu erschließen / hub da Kriemhild an,

    Sie Alle reich zu machen, / die Rüdigern untertan.


    Sie hatte noch des Goldes / von Nibelungenland:

    Das sollte bei den Heunen / verteilen ihre Hand.

    Sechshundert Mäule mochten / es nicht von dannen tragen.

    Die Märe hörte Hagen / da von Kriemhilden sagen.


    Er sprach: »Mir wird Kriemhild / doch nimmer wieder hold:

    So muß auch hier verbleiben / Siegfriedens Gold.

    Wie ließ' ich meinen Feinden / wohl so großes Gut?

    Ich weiß gar wohl, was Kriemhild / noch mit diesem Schatze tut.


    Brächte sie ihn von hinnen, / ich glaube sicherlich,

    Sie würd ihn nur verteilen / zu werben wider mich.

    Sie hat auch nicht die Rosse, / um ihn hinwegzutragen:

    Behalten will ihn Hagen, / das soll man Kriemhilden sagen.«


    Als sie vernahm die Märe, / das schuf ihr grimme Pein.

    Es ward auch den Königen / gemeldet allen drein:

    Sie gedachten es zu wenden. / Als das nicht geschah,

    Rüdiger der edle / sprach mit frohem Mute da:


    »Reiche Königstochter, / was klagt ihr um das Gold?

    Euch ist König Etzel / so zugetan und hold,

    Ersehn euch seine Augen, / er gibt euch solchen Hort,

    Daß ihr ihn nie verschwendet; / das verbürgt euch, Frau, mein Wort.«


    Da sprach zu ihm die Königin: / »Viel edler Rüdiger,

    Nie gewann der Schätze / eine Königstochter mehr

    Als die, deren Hagen / mich ohne hat getan.«

    Da kam ihr Bruder Gernot / zu ihrer Kammer heran.


    Mit des Königs Macht den Schlüssel / stieß er in die Tür.

    Kriemhildens Schätze / reichte man herfür,

    An dreißigtausend Marken / oder wohl noch mehr,

    Daß es die Gäste nähmen: / des freute Gunther sich sehr.


    Da sprach von Bechelaren / der Gotelinde Mann:

    »Und gehörten all die Schätze / noch Kriemhilden an,

    Die man jemals brachte / von Nibelungenland,

    Nicht berühren sollt es / mein noch der Königin Hand.


    Heißt es aufbewahren, / da ich's nicht haben will.

    Ich bracht aus unserm Lande / des Meinen her so viel,

    Wir mögens unterwegs / entraten wohl mit Fug:

    Wir haben zu der Reise / genug und übergenug.«


    Zwölf Schreine hatten / noch ihre Mägdelein

    Des allerbesten Goldes, / das irgend mochte sein,

    Bewahrt aus alten Zeiten, / das nun verladen ward,

    Und viel der Frauenzierde, / die sie brauchten auf der Fahrt.


    Die Macht des grimmen Hagen / bedeuchte sie zu stark.

    Des Opfergoldes hatte / sie wohl noch tausend Mark:

    Das gab sie für die Seele / von ihrem lieben Mann.

    Das deuchte Rüdigeren / mit großen Treuen getan.


    Da sprach die arme Königin: / »Wo sind die Freunde mein,

    Die da mir zuliebe / im Elend wollen sein

    Und mit mir reiten sollen / in König Etzels Land?

    Die nehmen meines Goldes / und kaufen Ross' und Gewand.«


    Alsbald gab ihr Antwort / der Markgraf Eckewart:

    »Seit ich als Ingesinde / euch zugewiesen ward,

    Hab' ich euch stets getreulich / gedient,« sprach der Degen,

    »Und will bis an mein Ende / desgleichen immer bei euch pflegen.


    Ich führ auch mit der Meinen / fünfhundert Mann,

    Die biet ich euch zu Dienste / mit rechten Treuen an.

    Wir bleiben ungeschieden, / es tu es denn der Tod.«

    Der Rede dankt' ihm Kriemhild, / da er's so wohl ihr erbot.


    Da brachte man die Rosse: / sie wollten aus dem Land.

    Wohl huben an zu weinen / die Freunde all zur Hand.

    Ute die reiche / und manche schöne Maid

    Bezeigten, wie sie trugen / um Kriemhilden Herzeleid.


    Hundert schöner Mägdelein / führte sie aus dem Land;

    Die wurden wohl gekleidet / jede nach ihrem Stand.

    Aus lichten Augen fielen / die Tränen ihnen nieder;

    Manche Freud erlebten / sie auch bei König Etzel wieder.


    Da kam der junge Geiselher / und König Gernot

    Mit ihrem Heergesinde, / wie es die Zucht gebot:

    Die liebe Schwester wollten sie / begleiten durch das Land;

    Sie hatten im Gefolge / wohl tausend Degen auserkannt.


    Da kam der schnelle Gere / und auch Ortewein;

    Rumold der Küchenmeister, / der ließ sie nicht allein.

    Sie schufen Nachtlager / der Frauen auf den Wegen;

    Als Marschall sollte Volker / ihrer Herberge pflegen.


    Bei Abschiedsküssen hatte / man Weinen viel vernommen,

    Eh sie zu Felde waren / von der Burg gekommen.

    Ungebeten gaben viele / Geleit ihr durch das Land.

    Vor der Stadt schon hatte / sich König Gunther gewandt.


    Eh sie vom Rheine fuhren, / hatten sie vorgesandt

    Ihre schnellen Boten / in der Heunen Land,

    Dem König zu melden, / daß ihm Rüdiger

    Zum Gemahl geworben / die edle Königin hehr.


    Die Boten fuhren schnelle: / Eil war ihnen not

    Um die große Ehre / und das reiche Botenbrot.

    Als sie mit ihren Mären / waren heimgekommen,

    Da hatte König Etzel / so Liebes selten vernommen.


    Der frohen Kunde willen / ließ der König geben

    Den Boten solche Gaben, / daß sie wohl mochten leben

    Immerdar in Freuden / hernach bis an den Tod:

    Mit Wonne war verschwunden / des Königs Kummer und Not.

    „Ich bin so etwas wie ein Antikörper der New-Age-Bewegung. Meine Funktion besteht darin, auf die Möglichkeit aufmerksam zu machen, hey, weißt du, einiges von all dem Kram könnte auch riesengroßer Quatsch sein!“


    Ceterum censeo progeniem hominum esse deminuendam.

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