Aberglaube: Begräbnis

Schon gewusst…?

Die Frauen der Wikinger waren ihren Männer gleichgestellt.

Schlug oder betrog ein Mann seine Frau oder konnte er nicht für Unterhalt aufkommen, durfte sie die Scheidung einreichen.



  • I.

    1. Allgemeines.

    2. Teil- u. Doppelbestattung.

    3. Lebendig begraben.

    4. Grab machen.

    5. Offenes Grab.

    6. Grab schließen.

    7. Umwandlung.

    8. Schießen.

    9. Vorzeichen.


    II. Begräbnisort.


    III. Begräbniszeit.


    IV. Begräbniswetter.


    V.Begräbniskosten.



    I.


    1. Allgemeines.

    Das Begräbnis unter Beobachtung aller Riten hat ursprünglich den Zweck, die Überlebenden von der Befleckung durch den Leichnam zu befreien und zugleich dem Verstorbenen den Übergang in eine andere Welt, zu dem Volk der Toten, zu erleichtern, damit er nicht weiter die Überlebenden beunruhige oder gar durch seine Bosheit schädige (Trennungsriten). Darum finden wir zweierlei Gefühle, die oft noch sehr deutlich aus den Bestattungsriten durchschimmern: einerseits Furcht vor dem Toten, der sehr oft als böse vorgestellt wird, anderseits Liebe und Pietät ihm gegenüber1). Eine psychologische Erklärung dieser entgegengesetzten Gefühle, dieser Ambivalenz, versucht Freud2). Aus beiden Gefühlen erklärt sich die große Sorge der Hinterbliebenen, daß bei der Bestattung alles richtig, der alten Sitte gemäß, hergehe, wobei oft noch der Glaube herrscht, der Tote beobachte und fühle alles, was um ihn her geschieht. Darum bemerkt man auch gerade bei den Begräbnisgebräuchen ein besonders zähes Festhalten an alter Sitte3). Heutzutage ist es unmöglich bei jedem Brauch zu bestimmen, ob er durch Furcht oder Liebe veranlaßt sei, weil oft dieselbe Handlung von dem einen noch als Abwehr gegen den Toten, von dem andern aber als pietätvolle Pflicht zur Ehrung des Verstorbenen empfunden oder erklärt wird.


    Schon der Lebende sorgt, daß für seinen Tod alles Nötige bereit sei (Bruderschaften), und daß alles nach altem Brauch und nicht zu ärmlich zugehen werde (s. Leichenmahl). Das ist auch die Sorge der Hinterbliebenen, meist mit der Begründung, es sei eine Ehrung des Toten. Doch glaubt man auch, der Tote müsse sonst zurückkehren4). Darum hat alles, was beim Begräbnis unerwartet, gegen den gewöhnlichen Brauch geschieht, schlimme Vorbedeutung.

    Vor allem war und ist es wichtig, daß der Tote überhaupt begraben werden kann (s. unbegraben), und daß er in der Heimat bei seinen Angehörigen liege. Drum werden alle Anstrengungen gemacht, z.Begräbnis die Leiche eines Ertrunkenen (s.d.) zu finden5). Bleibt die Leiche aber verschwunden, so soll ein Scheinb. dem Toten Ruhe verschaffen. Aus alter Zeit stammt der Bericht des Paulus Diaconus, daß bei den Langobarden, wenn einer im Kriege oder sonstwo umgekommen, seine Verwandten auf ihre Gräber eine Stange (perticae, id est trabes erectae) aufstellten, auf deren Spitze eine hölzerne Taube befestigt war, die nach der Gegend schaute, wo der Betreffende gestorben (ut sciri possit, in quam partem his qui defunctus fuerat quiesceret)6). Als Seelenvogel, als eine Bannung des Toten in die Stange, wird man das kaum auffassen können. Eine sichere Deutung scheint mir unmöglich; wahrscheinlich soll es ein »Heimweisen« des Toten sein, damit er bei seinem Geschlechte ruhe. Am nächsten damit verwandt scheint mir ein bei Crooke erwähnter indischer Brauch vgl. 6). In Siebenbürgen begräbt man ein Kleidungsstück des in der Fremde Verstorbenen in die Erde eines Berges beim Heimatdorf7). Auf Föhr hält man einen Trauergottesdienst8), in Frankreich eine eigentliche Leichenfeier, wobei ein Kreuz den Toten vertritt9), ein Zeichen, daß man nur durch Ausführung der Begräbnisriten dem Toten zur Ruhe verhilft10).


    Die Begräbnispflicht liegt den Verwandten ob, aber auch jedem, der eine Leiche antrifft (Sagen vom dankbaren Toten)11). Die Angehörigen sind am meisten den Angriffen des Toten ausgesetzt, und es heißt darum bis heute sehr oft, daß der Tote einen von ihnen nachholt, falls irgend etwas beim Begräbnis versehen wird.

    Seit der Einführung des Christentums legte man Wert auf regelrechte Bestattung, weil man die Auferstehung des Leibes davon abhängig ansah, und dann besonders, weil alle die Riten der Kirche, insbesondere die Bestattung in geweihter Erde, als Hilfe für das Seelenheil des Toten betrachtet wurden12). In Sagen spuken Ermordete oder andere Tote, die in ungeweihter Erde begraben worden sind, bis man ihre Gebeine auf den geweihten Friedhof bringt13). Die Juden glaubten, wer in fremden Ländern sterbe, müsse sich durch unterirdische Klüfte wälzen bis ins gelobte Land, sonst werde er nicht auferstehen14). Verweigerung des »ehrlichen« Begräbnisses galt immer schon als Bestrafung und wurde gegen Verbrecher angewandt. Der Brauch geht in heidnische Zeit zurück und bestand wohl in der Versagung der üblichen Riten und im Begräbnis abgesondert von den Toten der Sippe15). In der christlichen Zeit liegt die Bestrafung darin, daß der Tote ohne die kirchlichen Zeremonien und in ungeweihte Erde bestattet wird, ein Vorgehen, an dem auch die protestantische Kirche anfangs festhielt16). Eine Verschärfung (in heidnischer und christlicher Zeit) war es, wenn die Leiche noch vernichtet oder weggeschafft, d.h. dem Feuer oder Wasser übergeben wurde; denn sie einfach liegen zu lassen, wäre zu gefährlich gewesen, da man gerade solche Tote besonders fürchten mußte. S. Leichenverbrennung, Selbstmörder, Wiedergänger17).



    2. Teil- u. Doppelbestattung.

    Teil- und Doppelbestattung kommen in älterer Zeit noch vor. Bei Fürstenleichen wurden etwa Herz, Eingeweide, Kopf oder Gebeine besonders begraben. Dies wird z.Begräbnis von Barbarossas Leichnam berichtet18). Oder nur der Kopf wurde begraben, wahrscheinlich, weil er als Sitz der Seele galt19). Noch Durand erklärt: »Religiosa sunt, ubi cadaver hominis integrum, vel etiam caput tantum sepelitur ... corpus vero vel aliquod aliud membrum absque capite sepultum, non facit locum religiosum«20) (s. Totenschädel).

    Doppelbestattung kann man es nennen, wenn nach der Verwesung die Gebeine wieder begraben oder sorgfältig in einem Beinhaus gesammelt werden. Es scheint noch etwa der Glaube zu herrschen, daß an den Knochen etwas vom Toten haftet (s. Totenknochen). Ein Totengräber legt die Gebeine seiner Verwandten in das Grab eines unschuldigen Kindes mit der Behauptung, das tue den Toten noch im Himmel wohl, und es verkürze die Büßung21).



    3. Lebendig begraben.

    Daß Leute lebendig begraben wurden, findet sich in sagenhaften Berichten; besonders wird es von den alten »Heiden« erzählt, oder es hat den Sinn eines Opfers (Bauopfer)22). Als Rechtsstrafe kam es früher häufig vor23).


  • 4. Grab machen.

    Schon das Grabmachen ist mit Gefahr verbunden. Wenn es nicht Aufgabe eines besonderen Totengräbers ist, so besorgen Nachbarn24) oder die Träger25) diese Arbeit. In Schwaben und Anhalt kam es vor, daß der jüngstverheiratete Bürger den Totengräberdienst übernehmen mußte, dafür aber jemand anstellte26). Seltener wurde es durch Verwandte besorgt27), es ist Angehörigen im Gegenteil verboten, beim Graben und Zuwerfen des Grabes beschäftigt zu sein, sonst stirbt bald jemand aus der Familie28). Manchmal bestimmt der Sterbende selbst noch die Leute, die das Grab fertig machen sollen, und keiner darf sich dieser Pflicht entziehen29). Die Grabmacher essen und trinken fleißig; doch darf von den Speisen und Getränken, die man ihnen auf den Friedhof schickt, nichts ins Trauerhaus zurückgebracht werden, sonst stirbt bald jemand aus dem Haus30). Die Nachbarn gossen von dem gespendeten Branntwein ins offene Grab, wenn sie mit der Arbeit fertig waren31). Es kommt auch vor, daß den Leuten eine Spende an Geld oder Brot und Bier verabreicht wird32).

    Als Abwehr ist es aufzufassen, wenn zu Beginn oder Ende der Arbeit, oder wenn das Grab zur Hälfte gegraben ist, mit der Glocke ein Zeichen geläutet wird33), oder wenn der Totengräber seine Arbeit mit einem Gebet beendigt34).


    Das Grab darf nicht zu früh gegraben werden, erst am Begräbnistage, sonst hat man vor dem Toten keine Ruhe35), oder es soll nicht an einem Tag fertig gemacht werden, die Arbeit muß dreimal unterbrochen und erst am Beerdigungstag fertiggestellt werden, damit der Tote seine Ruhe habe36). Schaufelt man alle Erde heraus, so fährt ein feuriger Drache, der »gehen« muß, ins Grab, und das hat die Folge, daß die ganze Ortschaft ausstirbt37). Es liegt hier die Furcht vor bösen Geistern zugrunde, die sich im offenen Grab verstecken könnten. Umgekehrt heißt es auch, man müsse das Grab womöglich noch am Abend des Todestages beginnen, sonst könnte die arme Seele keine Ruhe finden, müsse umherirren oder Angehörige und Totengräber belästigen38); der Tote oder die Seele muß also sofort die Wohnung bereit finden.


    Stößt einer der Nachbarn beim Grabmachen auf einen Knochen, so stirbt er im selben Jahr39).

    Wichtig ist auch, daß das Grab tief genug sei; alte Verordnungen verlangen es meist aus sanitären Gründen40); es heißt aber auch, der Tote könne sonst umgehen41); drum findet ein spukender Toter Ruhe, als man seine Gebeine tiefer begräbt42). Wenn das Grab zu klein gemacht worden, so gehört der Tote nicht hinein, d.h. er ist scheintot43).



    5. Offenes Grab.

    Ein offenes Grab ist gefährlich; denn, wie oben bemerkt, können sich böse Geister drin verbergen, besonders wenn es über Nacht offensteht44), speziell über die Neujahrsnacht45). Dasselbe ist wohl gemeint, wenn es heißt, es sterbe bald jemand, falls der Mond in ein offenes Grab scheine46). Man legt daher Bretter drauf47) oder einen schwarzgestrichenen Deckel als Schutz gegen böse Geister48). Der Gräber muß seine Grabwerkzeuge kreuzweis drüber legen, dann haben die Hexen keine Macht über das Grab49). Fällt eines der Werkzeuge hinein, so stirbt bald jemand aus der Familie; Hacke oder Schaufel weisen auf Mann oder Frau wie beim Grabschließen50). Besonders über Sonntag soll kein Grab offen sein, sonst stirbt noch in derselben Woche jemand aus der Pfarre51), oder in den nächsten 4 Wochen52), speziell ein Verheiratetes53). Auch über Freitag soll kein Grab offen sein, sonst erfolgt in der nächsten oder in den 3 folgenden Wochen ein Todesfall54), ebenso wenn am Karfreitag ein Grab offen steht55), und wenn dies in den Zwölften der Fall ist, gibt es im nächsten Jahr viel Leichen56). Weiteres siehe bei Begräbniszeit (III, 4).

    Ist während einer Hochzeit ein Grab offen, so stirbt bald ein Teil des Brautpaares, oder die Kinder werden ihm sterben57), im Thurgau heißt es: Brut und Bohr, Lich übers Johr58). Der Mann stirbt zuerst, wenn ein weibliches oder auch ein männliches Grab offen ist59). Ist am Tauftag ein Grab offen, so stirbt der Täufling bald60).

    Regnet oder schneit es in ein offenes Grab, so stirbt bald wieder jemand61). Was die Witterung beim Begräbnis für das Schicksal der Toten bedeutet, siehe unter Begräbniswetter (unten IV).


    6. Grab schließen.

    Das Schließen des Grabes ist ein wichtiger Augenblick, weil nun der Tote endgültig in seine neue Wohnung verwiesen wird und man sorgen muß, daß ja nichts unterlassen werde, ihn darin festzuhalten. Nicht mit dem Tod, sondern erst mit der Bestattung erfolgt die Trennung des Toten von den Lebenden. Das Grab wird noch manchmal im Beisein der Trauerversammlung geschlossen, die Träger besorgen es, indem sie ein Kirchenlied singen, oder die jüngsten Männer des Geleites62), bei den Juden die männlichen Glieder der Gemeinde63).

    Der Rest einer älteren Sitte, daß alle Angehörigen, das ganze Gefolge oder die ganze Gemeinde, sich am Zuschütten des Grabes beteiligen mußten64), wie es noch in einer Kärntner Sage vorkommt, wo jeder Soldat einen Helm voll Erde auf einen Toten wirft65), ist wohl in dem weitverbreiteten Brauch erhalten, dem Toten einige Handvoll Erde nachzuwerfen. Der Priester66), die Verwandten67) oder alle Teilnehmer68) werfen eine oder 3 Hand oder Schaufeln voll Erde in Kreuzesform69) auf den Sarg, damit man den Toten leichter vergesse70), um die Ruhe des Toten zu befördern71), damit der Verstorbene weniger Langeweile habe72), in Bulgarien, damit die Verwandten hiermit die Seele loskaufen73). Die Seele verläßt den Leichnam, wenn der Priester eine Handvoll Erde ins Grab wirft74). Zwar wird dabei der Wunsch ausgesprochen: »Möge dir die Erde leicht sein«, und es kommt vor, daß sogar zuerst Heu auf den Sarg geworfen wird, damit diesem Wunsch Genüge getan werde75); doch wird der wahre Zweck im Gegenteil sein, den Toten festzuhalten76); darum sind vielleicht auch die Verwandten als die am meisten Gefährdeten von der Pflicht ausgenommen77). Bei den Huzulen sprechen die 2 Männer, die zuerst eine Schaufel voll Erde ins Grab werfen: »Damit du nicht wegläufst« und: »Damit du nicht heraufsteigst«78). Nach dänischem Glauben soll das Gebet des Geistlichen den Toten ins Grab bannen79). Auch Kränze und Blumen werden hinuntergeworfen80).


    Wenn man von der Erde, die der Priester ins Grab geworfen, nimmt, sie in der Messe segnen läßt und über die Kirchtürschwelle legt, so können Hexen nicht drüber gehen, ein Glaube, der von der Friedhoferde (s.d.) her übertragen ist81).

    Die Männer, manchmal nur Verwandte und Träger, müssen mit entblößtem Haupt das Grab umstehen. Die Angehörigen bleiben bis zuletzt auf dem Kirchhof, oder sie gehen zuerst hinaus82). Als Vorsichtsmaßregel aufzufassen ist es auch, wenn die Trauernden das Grab dicht umstellen müssen, weil sonst bald jemand nachstürbe83), oder daß früher 2 Träger beim Zuschütten zugegen sein mußten, für den Fall, daß etwas vorkommen sollte84).

    Über das Klagen der Angehörigen, das die Wichtigkeit des Vorgangs beweist, siehe Totenklage.


    Kirchliche Maßnahmen, die Ruhe des Toten zu sichern, sind das Besprengen des Grabes mit Weihwasser, im Wallis mit der Absicht, daß Gras und Blumen darauf gedeihen85), das Aufstellen des Grabkreuzes86), und auch wohl das Andauern des Glockengeläutes, bis die letzten Rasenstücke aufs Grab gelegt sind87).

  • Grab muß geschlossen bleiben, der Tote darf nicht herauskommen; es ist ein schlimmes Zeichen, wenn eine Stelle des Grabes sich nicht schließen will88). Darum werden noch verschiedene Maßregeln ergriffen. Wird einer in einem Erbbegräbnis beigesetzt, so muß man den Schlüssel wegwerfen, sonst sterben die andern bald nach89). Schaufel oder Spaten und Hacke werden nach dem Zuschütten des Grabs darein gesteckt oder kreuzweise draufgelegt90), damit der Tote Ruhe habe und der Böse nicht Macht darüber erlange91). Das zuletzt benutzte oder hingeworfene Werkzeug deutet auf das Geschlecht der nächsten Leiche, meist bedeutet Hacke = Mann, Schaufel = Frau92); dasselbe gilt je nach dem Werkzeug, das beim Zuschaufeln zuerst benützt wird93). Die Richtung, in der zuletzt gehauen wird, oder in der der Schaufelstiel liegt, zeigt an, woher die nächste Leiche kommen wird94). Geräte, die beim Grabmachen benutzt worden sind, werden unrein, oder erhalten Zauberkraft95). Auch die Bahre bleibt 8 Tage, oder Bahre samt Werkzeugen einige Tage96) auf dem Grab stehen, damit der Tote nicht wiederkomme97); ferner ebenfalls das Heck mit den Kränzen98). In Sargans wird ein Deckel, in Hannover ein schwarzes Holzkreuz in Rahmen auf das fertige Grab gelegt99); in Braunschweig wurde ein Totengestell aus Weidenruten, mit buntem Papier umwickelt und einer Wetterfahne aus Knittergold an der Spitze, aufgepflanzt. An andern Orten geschieht dies nur bei ledigen Toten (s. Totenkrone); auch eine Art Netz von farbigem Papier wird übers Grab gelegt100). Auch als Abwehr zu verstehen ist es wohl, wenn Kohlenstaub, Hammerschlag oder Eisenfeilspäne aufs Grab gestreut101) und brennende Lichter aufgestellt werden. Wenn im Kt. Graubünden die Butter aus der Lampe, die bei der Totenwache brennt, aufs fertige Grab geschüttet wird, muß man es eher als Totenspeisung betrachten102). Nach Durand wurden ins Grab Weihwasser, Weihrauch und Kohle geworfen, letztere »quod terra illa ad communes usus amplius redigi non potest. Plus enim durat carbo sub terra quam aliud«103). Das Verschließen des Grabes sollte wohl auch dadurch verdeutlicht werden, daß man die ausgestochenen Rasenstücke über dem Grab sorgfältig zusammenlegte, oder ein Rasenstück auf den Platz setzte, wo das Gesicht lag104).


    Daß solche Vorkehrungen zur Abwehr dienen, ersieht man deutlicher aus den Ausnahmeriten, besonders bei Wöchnerinnen. In Schlesien wurden anfangs des 18. Jh.s ihre Gräber mit »Gegitter« umgeben105), in neuerer Zeit werden vier Holzpflöcke ins Grab geschlagen und durch weiße Leinenbänder oder Faden verbunden, das soll die Ruhe der Toten sichern106). Oder es wurde ein Garngewinde um 4 aufs Grab gesteckte Spindeln geschlungen, ein sog. Garnschneller, den die Tote bei ihrer kirchlichen Aussegnung zu opfern gehabt hätte107). Anderswo wurde das Bettuch, worauf sie verstorben, aufs Grab gelegt, 3 Löcher hineingeschnitten und das Tuch mit Pflöcken oder Steinen befestigt; es blieb auf dem Grab, bis es vermodert war108); in Meiderich wurde nur ein weißes Läppchen mit Schleifen an den 4 Enden aufs Grab gelegt109). In Graubünden müssen einige Jungfrauen während der Leichenrede das weiße Tuch, das man sonst ums Bett der Wöchnerin hängt, über ihr offenes Grab halten110). Tote Wöchnerinnen kehren besonders gern zurück, sie gehörten früher bei uns wie heute noch bei andern Völkern zu den gefürchteten Toten, nach Burchard v. Worms wurden ihre Leichen gepfählt. Die Fäden und Tücher sollten also wohl denselben Zweck erfüllen wie anderswo aufs Grab gelegte Dornbüsche111) (vgl. Grabbeigabe A 7).


    Auch Gräber ungetauft oder sehr früh verstorbener Kinder (die nach weitverbreitetem Glauben als Irrlichter herumstreifen müssen) wurden ähnlich verwahrt, indem man eine Windel drauf befestigte, auch Tränentüchlein genannt112). Fetzen davon hatten Heilkraft, besonders gegen Zahnweh113).

    Drastische Mittel, um den Toten im Grab zu halten, waren außer dem Pfählen das Bedecken mit Gestrüpp oder Dornen, das man gegen gefährliche Tote anwandte. Es hat sich beim Lebendigbegraben von Verbrechern bis übers Mittelalter hinaus erhalten. Mit dieser Dornenbedeckung wird man auch das Pflanzen von Dornbüschen auf Gräbern zusammenstellen müssen, wie es noch in Bosnien vorkommt114); noch deutlicher ist der Zweck ersichtlich, wenn in Bulgarien eine Vampirleiche mit wilden Dornrosen umgürtet wurde, um ihr das Aufstehen zu verunmöglichen115).



    7. Umwandlung.

    Ein selten gewordener Ritus ist die Umwandlung. Der Sarg wird einoder dreimal um die Kirche getragen116), speziell wenn die Tote eine Wöchnerin ist117); die Angehörigen oder nur die Frauen118) gehen dreimal um das zugeschüttete Grab; den Hügel Beowulfs umritten 12 Edelinge119). Der ursprüngliche Zweck ist Abwehr; der Tote soll an den Ort (Friedhof, Kirche, Grab) gebunden werden120). Die Ausübung ist aber mit Gefahr verbunden, eine Schwangere darf die Umwandlung nicht mitmachen, sonst stirbt ihr Kind121). Eine richtige Einhegung durch Zaun, Wall oder Graben wird in alter Zeit noch als Abwehr gebraucht122).


  • 8. Schießen

    Nicht als Ritus, sondern nur als Ehrung empfunden wird das dreimalige Schießen beim Begräbnis eines Soldaten123). Der Brauch kommt in unserer Zeit auch noch vor.




    9. Vorzeichen.

    Wie mit allen wichtigen Handlungen, die mit dem Toten vorgenommen werden, sind auch mit der Beerdigung allerlei Vorzeichen verbunden. Jede Störung im Lauf der Begräbnishandlungen wird als schädlich, gefahrbringend für den Toten oder die Überlebenden empfunden. So heißt es, wenn beim offenen Grab Erde herunterfällt, ein Stück, eine Seite einstürzt, wenn beim Herausschaufeln die Erde immer wieder zurückfällt, so stirbt bald wieder jemand aus der Familie, der Tote holt einen nach124). Die Seite, die einfällt, weist drauf hin, woher der nächste Tote aus dem Dorfe kommt125). Wenn die Erdschollen, die man ins Grab wirft, auf dem Sarg dumpf oder stark poltern, so stirbt bald jemand aus der Familie oder dem Orte126) (vgl. die Vorbedeutung des dumpfen Tons beim Begräbnisläuten (s.d.)). Fällt die erste Scholle aufs Fußende des Sargs, so ist die nächste Leiche ein Kind, wenn aufs Kopfende, ein Erwachsener127); wer von den Angehörigen die erste Schaufel Erde auf den Sarg wirft, stirbt zuerst128).


    Reißt beim Hinabsenken des Sargs das Seil, so stirbt die ganze Familie aus129); geht der Strick vom Sarg nicht los, so verwest der Tote bald130). Man muß den Sarg recht grad ins Grab senken, damit der Körper nicht schief liege131). Dreht sich der Pastor beim Begräbnis um, so stirbt bald jemand aus der Familie132). Schlägt die Kirchenuhr, solange der Sarg noch nicht unter der Erde ist, so stirbt vor dem 30. Tag jemand aus der Verwandtschaft133). Auf ein fröhliches Leichenbegängnis folgt ein trauriges134).


    Ein übles Vorzeichen ist auch das Einsinken des geschlossenen Grabes. Tritt dies bald ein, so stirbt bald jemand aus der Familie135), oder die ganze Familie stirbt aus136); oder man sagt, der Tote habe Grenzsteine verrückt137), er war ein Geizhals138), der Tote sei in die Hölle gekommen139). Hier liegt wohl der Glaube zugrunde, das Einsinken sei ein Zeichen, daß der Tote das Grab verlassen habe und umgehe.



    II. Begräbnisort.


    1. Der Begräbnisort ist wichtig, weil bei Einhaltung aller Riten der Tote oder die Seele an den Ort, wo der Körper liegt, gebannt bleibt. Je nach den Gefühlen, die man beim Toten vermutet, oder die die Überlebenden ihm gegenüber haben, wird man den Begräbnisort wählen, falls ihn nicht der Verstorbene zu Lebzeiten selbst bestimmt hat wie Hrappr in der Laxdælasaga140).

    In alter Zeit scheinen Gräber und Friedhöfe an Straßen und Kreuzwegen gelegen zu haben; später galten letztere als entehrende Begräbnisplätze141) (s. Selbstmörder).


    Seit der Einführung des Christentums suchte man in oder bei der Kirche begraben zu werden142), und bis ins 19. Jh. hielt sich der Brauch, daß vornehme Personen und Geistliche in der Kirche oder wenigstens außen an der Mauer begraben wurden143). In Graubünden soll es bis in die neueste Zeit vorgekommen sein, daß alle Leute in der Kirche begraben wurden (mündl. Mitt.). Begräbnis in der Kirche sollte es der Seele erleichtern, in den Himmel zu kommen144). Wenn dies nicht möglich war, so wollte man wenigstens in geweihter Erde, im Friedhof (s.d.) ruhen.


    Nur in Ausnahmefällen und in Sagen finden wir andere Begräbnisorte. Nach mündlichen Mitteilungen wurden im letzten Jahrhundert imThurgau und Bern Frühgeburten und ungetaufte Kinder nachts im Keller beerdigt, in Schlesien (16. Jh.) unter der Schwelle144a). Die Tiroler Sage berichtet, man habe in alter Zeit ein Kind getötet und unter dem Herd begraben, das habe Glück gebracht145); nur komisch gemeint ist jedenfalls der Spruch der Pennsylvania-Deutschen: Wenn der Koch sich tot frißt, begräbt man ihn unter dem Herd146). Sagenhaft ist auch das Begräbnis bei oder in dem Haus bei boshaften Menschen angewendet; sie werden dadurch des Vorteils der geweihten Erde beraubt und an ihr Haus gebannt147). (Vgl. Arme Seelen.) Schreuer vermutet, die Sitte der Friesen im 13. Jh., den Leichnam eines Erschlagenen im Hause über den Rauch zu hängen, bis Blutrache geübt war, sei noch ein Rest des Brauchs, den Toten im Hause zu behalten und zu bestatten148). Um eine alte Bestattungsart handelt es sich wohl auch, wenn Alboins Leiche unter einerTreppe am Palast begraben wurde; der Tote wurde als Hüter des Palastes betrachtet149); ein Ausnahmeritus war am Platz aus zwei Gründen: es betraf einen König und einen gewaltsam Getöteten. Ein ähnlicher Ausnahmeritus einem toten König gegenüber war es wohl, wenn die Westgoten den Alarich im Flußbett des Busento begruben und den Fluß wieder drüber leiteten; genau dasselbe Verfahren, auch beim Tode eines Häuptlings, wird aus Afrika berichtet, sogar mit derselben Begründung: daß man dadurch die Grabstelle geheimhalten wolle150). Und in einer jüdischen Schrift des MA. (Toledoth Jeschu) heißt es, Judas habe die Leiche Christi in seinem Garten unter einem Wasserfluß begraben, den er zuerst ab- und dann wieder darüber geleitet habe151). Der ursprüngliche Grund wird wohl in einer Abwehr des mächtigen Toten durch das Wasser liegen, eine Vereinigung von Begraben und Wegschwemmen152).



    2. Besondere Begräbnisorte erhielten auch Verbrecher, Hingerichtete, Selbstmörder, Andersgläubige, in christlicher Zeit immer in dem Sinne, daß ihnen die geweihte Erde und somit jede Hilfe zur Erlangung des Seelenheils verweigert wurde153). Doch geht aus den Spukgeschichten klar hervor, daß man den Toten damit an einen besonderen Ort gebannt glaubte.

    Begräbnisort der Verbrecher ist meist die Hinrichtungsstätte, der Schindanger (vgl. Selbstmörder). Wenn geländete Leichen nicht im Friedhof, sondern im Dünensand begraben wurden, so kommt dies wohl von der Furcht der Leute, es könnte sich um einen Selbstmörder oder um einen auf andere »schlechte« Art Verstorbenen handeln154).


    Über Unterschiede, die man auch beim Begräbnis innerhalb des Friedhofs machte, siehe Friedhof.

    Ein in Sagen und Legenden häufig vorkommender Zug sind die weisenden Tiere, die anzeigen, wo der Tote begraben sein will. Oder der Tote findet, wohl mit göttlicher Hilfe, selbst den Weg, wie die Leichen, die man der Sage nach im Sarg die Rhone hinunterschwimmen ließ, bis sie von selbst bei Arles in Alischanz (= Campus Elisius) haltmachten und in dem besonders geheiligten Friedhof begraben wurden155).

  • III. Begräbniszeit.


    1. Hie und da erkennt man noch, wie sich die zwei Auffassungen bekämpfen: entweder den Toten, dessen Unreinheit man fürchtet, möglichst schnell zu begraben, oder ihn möglichst lange bei sich zu behalten, im Glauben, er könnte übergroße Hast übel empfinden, man müsse der Seele Zeit lassen, sich vom Körper zu trennen; die Ausführung der verschiedenen Riten beansprucht an sich schon eine gewisse Zeit. Nach kirchlicher Lehre soll eine Frist eingehalten werden, damit man sicher den Tod konstatieren könne156). Vielleicht liegt in älteren, obrigkeitlichen Verboten, den Toten vor Ablauf einer bestimmten Frist zu bestatten, ein Hinweis, daß das Volk es eilig hatte157). Bei Wasserscheuen gestattete die württembergische Regierung rasche Beerdigung158). Lange Fristen bis zu 5 Tagen kamen im Bergischen vor, und in Württemberg wird ausnahmsweise eine Wöchnerin, deren Kind lebt, 3 Nächte im Hause behalten, andere Tote nur 2, vielleicht eine Vorsichtsmaßregel, um ihre Wiederkehr unnötig zu machen159).



    2. Als Tageszeit wird meist der Vormittag160), auch der Morgen161) gewählt, selten der Nachmittag162). Man zog wahrscheinlich die zunehmende Hälfte des Tages vor. Abends oder nachts werden nur besondere Tote begraben. So die Selbstmörder. Kleine (ungetaufte) Kinder werden abends, während des Abendläutens, oder nachts bestattet163), ein Abortus wird nachts auf den Kirchhof gebracht und neben einem Freunde begraben; man darf dabei niemand grüßen, dem man begegnet164). Abend und Nacht werden wohl als gefährlich für den Toten oder auch für das Gefolge angesehen165).


    3. Gewisse Tage werden für Begräbnis vorgezogen oder vermieden: So ist der Sonntag beliebt166), gemieden werden Montag167), Mittwoch168), Freitag169), Samstag170), sonst stirbt jemand aus der Familie oder aus dem Dorf171), oder es wird eine Ehe durch Tod geschieden (Mittwoch oder Freitag)172). Doch kommt auch umgekehrt der Freitag als bevorzugter Tag vor173).



    4. Begräbnis am Neujahr läßt im kommenden Jahr 12 Ehepaare auseinander sterben; wenn der Kirchhof offen ist zwischen Weihnacht und Neujahr, gibts viel Leichen im nächsten Jahr174). »Eine Leiche auf der Bahre zur Himmelfahrt - Bedeutet: die Gewitter haben keine Art«, oder Begräbnis an Himmelfahrt, Karfreitag oder in der Marterwoche hält schwere Gewitter vom Orte fern175).

    Wird eine Leiche im Vollmond begraben, so nimmt sie den Segen aus dem Hause176).



    IV. Begräbniswetter.


    Das Wetter beim Begräbnis wird meist als Anzeichen für das Schicksal des Toten, der Seele, aufgefaßt. Manchmal aber steht es in anderem Zusammenhang, besonders mit der Todesart (Selbstmörder), und es ist der Tote selbst, der das Wetter macht.

    Weit verbreitet ist der Glaube, daß der Tote selig sei, wenn es vor oder beim Begräbnis ins Grab regnet, »dem Gerechten, Glücklichen regnets ins Grab«177), oder »die Engel weinen über den Tod«178). Zugrunde liegt ursprünglich der Glaube an die dämonenabwehrende Macht des Wassers179), was später nicht mehr verstanden und anders ausgedeutet wurde. Drum heißt es auch: Regen am Begräbnistag ist ein Zeichen, daß der Tote viel gelitten hat und nicht gern gestorben ist180), oder ein Zeichen, daß über den nächsten Toten viel geweint wird181), oder daß der Tote gern Bier getrunken habe182), auch, daß ein naher Freund sterben wird183).


    Unwetter beim Begräbnis bedeutet fast immer, daß der Tote böse war und in die Hölle kommt184). Ausnahmsweise verkünden Donner und Blitz, daß der Seele die himmlische Pforte geöffnet werde185). Weht der Wind nach dem Gehöfte, so bleibt die Wirtschaft im alten Geleise, weht er vom Gehöft weg, so kommt sie zurück186).


    V.Begräbniskosten.


    Um anständig begraben zu werden, sparen sich die Leute schon bei Lebzeiten das Geld zusammen; niemand will »von Armen wegen« bestattet werden187). »Was von Toten herkommt« muß ehrlich erworben und bar bezahlt werden188). Die Gebühren an Pfarrer und Lehrer sollen möglichst bald, schon am Beerdigungstage, erlegt werden189), damit der Tote seine Ruhe habe und nicht wiederkommen müsse190). Man fragt den Schreiner nicht nach der Schuldigkeit, sondern gibt eine angemessene Belohnung191). (Vgl. Sarg.)


    Geiger.


    [Lexikon: Begräbnis. Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens, S. 2146

    (vgl. HWA Bd. 1, S. 976 ff.)]