Aberglaube: Kranz

Schon gewusst…?

Frigg / Frick


Gattin des Odin, Schutzherrin von Ehe und Mutterschaft. Webt in ihrem prächtigen Saal in Asgard Wolken. Schafft es nicht, den Tod Balders zu verhindern.

  • Kranz


    I. Vorbemerkungen


    II. Geschichtliches

    Kranz bei Griechen, Römern, Germanen


    III. Profane Deutung des Kranzes


    IV. Kultische und zauberische Verwendung des Kranzes

    1. Maikanz

    2. Kranztag

    3. Kranzumzüge. Tierbekränzung

    4. »König«, »Königin«. 5. Kranzspiele (Kranzreiten, -stechen usw.)

    6. Fronleichnamskanz

    7. Johannisk.

    8. Kranzzauber, Kranzorakel, Kranzopfer

    9. Erntekanz

    10. Kirmeskanz

    11. Weihnachtskanz

    12. Kranzbier, Kranztanz.

    13. Jungmädchenk., Jungfernkanz

    14. Kranzsingen

    15. Brautkanz

    16. Totenkanz

    17. Richtkanz

    18. Kranzblumen, Rosenkanz

    19. Kranzgebäck


    I. Vorbemerkungen: Bei einer Darstellung der Bedeutung des Kranzes innerhalb der Volksreligion muß man folgendes berücksichtigen:


    a) Seine abergläubische Bedeutung ergibt sich aus seiner Kreisform und aus seinem Material. Die Urform des Kranzes ist der Kreis, in ihm haben wir sein Merkmal auch dann, wenn ein vom Baum gebrochenes Reis, das um den Hut gewunden wurde, mit ihm bezeichnet wird oder wenn er sich zum Diadem oder zur Krone entwickelt hat (Lat. corona bezeichnet alles, »was ein Ding in einer Linie umgab«)1). Daß eine Kreisform (s.d.) unmittelbar und jederzeit Wichtigkeit im religiösen Brauch erlangen kann, ist einleuchtend, auch wenn man von besonderen Erklärungen absieht, wie sie für den Kranz vorliegen als Symbol der Vulva2), der Sonne oder des Mondes3) oder als magisches Zeichen. Der Kranz gehört zu den Urformen der Religion als religiöser Schmuck für Personen und Gegenstände. Er erscheint daher auch als Attribut aller festlichen und feierlichen Gelegenheiten des religiösen Volksbrauches4). Daraus ergibt sich, daß die Verwendung eines Kranzes spontan aus der volkstümlichen Sphäre jederzeit neu entstehen kann, so daß für einen bestimmten Gebrauch des Kranzes nicht immer historische Beziehungen werden aufgedeckt werden müssen. Immerhin sind solche für den Kranz in der deutschen Volksreligion vorhanden.


    b) Für seinen Gebrauch haben wir drei Stufen der religiösen Wertung zu unterscheiden. Einmal kann er in vielen Fällen rein profan gesehen werden, eine ehemals religiöse Bedeutung ist dann entweder längst verblaßt oder hat nie bestanden. Uns ist vor allem jene Stufe wichtig, in der vom Kranz irgend welche zauberischen Wirkungen ausgehen. Die Zwischenstufe zwischen dem zauberischen und profanen Gebrauch des Kranzes möchten wir die kultische nennen, weil der Kranz hier seine Bedeutung erhält durch sein Verflochtensein mit der bäuerlichen Gemeinschaftsreligion.


    c) Der Kranz hat alle diese Bedeutungen zunächst einmal durch und aus sich selbst – hier ergibt sich auch der Ansatz zu seiner Deutung –, sodann aber auch durch seinen Zusammenhang mit kultisch gewerteten Personen, Tieren oder Gegenständen, also als Attribut zu einem Objekt des Aberglaubens.


    d) Um das Resultat der Untersuchung gleich vorwegzunehmen, die eigentliche Bedeutung des Kranzes innerhalb der Volksreligion ist die, Träger der Vegetationskraft zu sein. Damit im Zusammenhang ergeben sich vielfach apotropäische Wirkungen.


    e) Auch innerhalb der erwarteten Wirkungen bemerkt man Unterschiede, 1. der Kranz bewirkt und verleiht etwas; 2. er bewahrt und behält es, schafft einen Dauerzustand bzw. eine Wiederkehr; 3. er ist Zeichen, Bezeichnung, Symbol für einen bestimmten Zustand.


    f) Kranz und Krone können nicht isoliert behandelt werden, da sie meistens in der Volksreligion ein und dieselbe Sache bezeichnen. Krone (s.d.) erfährt eine Sonderbehandlung nur dann, wenn diese aus einem abweichenden Gebrauch heraus es erfordert.



    II. Geschichtliches


    Daß die Germanen Kränze bei den verschiedenen Gelegenheiten des Kultes verwendet haben, scheint nicht ausgeschlossen, wenngleich wir direkte Zeugnisse nicht haben5).

    Dafür sprechen die Parallelen von Völkern auf ähnlicher Kulturstufe, dafür auch die besondere naturnahe Stellung der germanischen Religion und die späteren Bräuche in Deutschland nach Grimm6) in dreifacher Hinsicht: 1. geht die mittelalterliche Königskrone wegen ihrer Blätterform auf germanischen Kranz zurück, 2. wurde der König im Volksspiel mit einem Kranz gekrönt, 3. bezeichnet mhd. krône den Blumenk.


    Wenn spätere Thorsbilder einen Sternenk. tragen, so braucht das mit Wolf nicht christlichen Ursprung zu haben. Es kann sich wieder nach Wolf7) von dem goldenen Hauptschein oder Haarkranz, den die Götter in vielen Mythologien – auch den slavischen und deutschen – haben, oder aus dem Gestirnkult herleiten.


    Der Kranz ist Kulturgut aller Völker8), also auch der indogermanischen9), also auch der Griechen und Römer. Schrader findet ihn hier »bei Gelagen und zur Ehrung von Lebenden und Toten«10).


    Homer erwähnt die Sitte des Bekränzens nicht, das hat schon Aristarch11)beobachtet. Die Behauptung Lehrs vgl. 11), daß der Dichter sie zwar gekannt, nur seinen Helden habe unbekannt sein lassen, hat zwar schon Rohde bekämpft12), jedoch nicht mit dem Erfolg, die Möglichkeit eines religiösen Gebrauches des Kranzes in den ältesten griechischen Zeiten beseitigt zu haben13).


    Klein14) und Köchling15) haben das Material über die Verwendung des Kranzes im alten Griechenland gesammelt und vertreten besonders die apotropäische und kathartische16) Bedeutung des Kranzes, wobei Köchling die apotropäische sich aus einer glückbringenden entwickeln läßt. Bei solcher Gesamtbestimmung muß etwa der Bekränzung der Toten und Gräber mit Myrthen eine Sonderstellung im Sinne einer Weihe zugebilligt werden, wie sie schon Rohde vertreten hat17). Nilsson bringt Belege für den Kranz als Kopfschmuck kultischer Tänzerinnen, als Sieges- und Ehrenk. Bei den Prozessionen best. Fruchtbarkeitsfeste trug man einen großen Myrthenk. durch die Straßen und in ihm versteckt eine Puppe18), ähnlich wie wir es später bei den deutschen Gebräuchen des Richtk. u.a. finden. Auch die Mysten trugen Kranze bei den Weihen19).


    Die Bedeutung des Kranzes innerhalb der griechischen und weiterhin der indogermanischen und besonders auch germanischen Mythologie als Symbolisierung von Mond und Sonne stellt Siecke20) heraus. Eine rein profangeschichtliche Erklärung der Kranzgebräuche gibt Ganszyniec21). Der Kranz ist »als Spontanausdruck Schmuck und weiterhin Betätigung der Freude. Sein jeweiliges Material ist nicht mystisch oder symbolisch zu verstehen, sondern ist durch die besonderen Umstände der Feier gegeben« vgl. 21).

    Die Versuche des Altertums (Saturninus u.a.), die Kranze magisch aus der den bestimmten Pflanzen innewohnenden Kraft zu erklären, lehnt er als Pseudowissenschaft ab22). Vielmehr seien23) Geburts- und Hochzeitsk. Ausdruck der Freude, Totenk. Schmuck und Gabe für die Toten, der Siegesk. bei der im Zusammenhang mit dem Totenkult zu verstehenden Agone Ehrengaben. Der kultische Gebrauch des Kranzes sei aus der feierlichen Familiensitte übertragen zu denken, alles was Kult und Verehrung genoß, bekränzte man. So war der Kranz auch ein beliebtes Votivgeschenk an die Gottheit. Ähnlich steht es um die Bekränzung beim Symposion. Aus all diesen Gebieten schließlich dringt der Kranz leicht in die Sphäre der abergläubischen Gebräuche ein vgl. 23).

    Die Römer scheinen von den Griechen vielfach den Gebrauch des Kranzes übernommen zu haben und zwar diesen nicht so sehr in seiner allgemeinen Bedeutung (στέφανος), sondern in seinem feierlichen und besonderen Sinn: ατρόφος = struppus, κορώνη, κορωνίς = corona24). Im großen und ganzen jedoch sind die Kranzsitten bei Griechen und Römern ziemlich ähnlich25). Pauly-Wissowa26) nennt vor allem Ehren- und Siegesk.e, die im Kultus getragen wurden und bei kriegerischem, staatsmännischem und sportlichem Erfolg verliehen wurden. Daß damit die Zahl der Kranz-Gebräuche nicht erschöpft ist, zeigen unter anderm Klein und Köchling.


    Die römische Tradition verband sich mit der germanischen, nicht ohne vom Christentum behindert worden zu sein27) (vgl. dagegen § 15).

    In den »Capitula Martini« des spanischen Bischofs Martin von Braga zwischen 561 und 572, die gegen den römischen Paganismus gerichtet sind, wird besonders der Schmuck der Häuser bei den gleichfalls verbotenen Januarkalenden untersagt. Die Bekränzung von Haus und Hausaltar usw. mit Lorbeer und Pflanzengrün ist altbezeugte römische Sitte für die genannte Jahreszeit28).

    Die Bedeutung des Kranzes im Spätgermanentum und Frühmittelalter kann vielleicht aus der Wortgeschichte andeutungsweise erschlossen werden. Von den Römern haben die Germanen alles das übernommen, das mit dem ahd. corôna bezeichnet wurde29). Clodwig beispielsweise handelt ganz in dieser römischen Tradition, wenn er ein Diadem anlegt, um damit römische Königswürde zu erlangen30). Ein römischer Einfluß scheint auch vorzuliegen, wenn königliche Beamte als Zeichen ihrer Amtswürde einen Kranz, oft aus Efeu, tragen31).

    Das Wort cranz deutet seinerseits auf eine germanische Tradition hin. Die von Möller und Kluge gezeigte Verwandtschaft mit ind. granth = knüpfen, slav. kratu = gedreht32) ist einleuchtend. Ob eine ideenmäßige und historische Verbindung mit der Zeit der Geflechtsornamentik33) oder mit direkten griechischen Einflüssen vorliegt, bleibe dahingestellt.

    Jedenfalls findet sich für den Kranz, den Vornehme als Reis (rîs) im Walde brechen und um ihren Hut legen durften34), kein römischer Beleg. Überhaupt scheint dieser ganze Bereich der Kranzsitte antikem Denken so fernzuliegen, wie er auf der anderen Seite germanischem Leben entspricht.



    III. Profane Deutung des Kranzes.


    Man könnte mit Ganscyniec vgl. 21) den Gebrauch des Kranzes ansehen als primären Ausdruck der Wertsteigerung oder als festlichen Schmuck, der einem Zustand die besondere Weihe geben soll, so bei allen Arten der Krönung.

    Nicht nur ein Mensch wird geschmückt mit dem Kranz, auch ein Standbild Christi beispielsweise35), auch ein Tier, die beste Kuh etwa36). Der Sieger im Turnier der Ritterschaft ebenso wie in der bürgerlichen Fechtschule37), ebenso der »König« in den Volksspielen38). Der mittelalterliche Gebrauch der Sieges- und Preiskrönung wird im Bewußtsein der Zeit vielfach und sicher nicht mit Unrecht von römischer Sitte hergeleitet39).


    Von dem Gebrauch des Kranzes als Krönungsgegenstand würde zu unterscheiden sein seine Verwendung als Ehrengeschenk.

    Eine solche Bedeutung scheint der »Würgkrantz« zu haben, den Samuel Hirzel 1662 – nach seinem Bericht in seinem Tagebuch40) – seiner Geliebten »zum Namenstag« überreicht41). Auf den abergläubischen Zusammenhang dieses Brauches jedoch führt der Artikel: »Binden«42), vgl. auch § 13. Nicht nur am Geburtstage, auch bei anderen festlichen Gelegenheiten schenkt man einen Kranz, um den Beschenkten dadurch zu ehren, um seine besondere Stellung an diesem Tage hervorzuheben. So werden die kleinen Mädchen, die in Neckarsulm den Täufling tragen, mit einem Kranz geschmückt43). Ferner bekommen die Mädchen, z.B. in Baden, zur ersten Kommunion bzw. zur Konfirmation von ihren Paten einen Kranz geschenkt, den sie dann weiter zu anderen Festen, Hochzeiten, Taufen tragen44). Vielleicht ist auch der Totenk. ein Ehrengeschenk für Verstorbene45).

    Ganz eng berühren sich hiermit alle die Gelegenheiten, in denen der Kranz als Preis für besondere Leistung oder Fähigkeit angewendet wird (beispielsweise soll der Träger der größten Nase beim Nasentanz mit einem Kranz ausgezeichnet worden sein46)) bzw. als Bezeichnung des Gegenteils. Wer am Pfingstmorgen zuletzt aufsteht oder als letzter sein Vieh austreibt, erhält den »Faulk.« aus Stroh vgl. 91), dem Letzten beim Dreschen werden drei Strohk.e aufgesetzt47), begleitet mitunter von einer »Strohkranzrede«48).


    „Ich bin so etwas wie ein Antikörper der New-Age-Bewegung. Meine Funktion besteht darin, auf die Möglichkeit aufmerksam zu machen, hey, weißt du, einiges von all dem Kram könnte auch riesengroßer Quatsch sein!“


    Ceterum censeo progeniem hominum esse deminuendam.

  • IV. Kranz-Gebräuche kultischer und zauberischer Art.


    1. Nachdem im Vorhergehenden die Möglichkeiten profaner Erklärung einzelner Kranzgebräuche aufgezählt sind, gehen wir zur kultischen Verwendung des Kranzs über, d.h. zu seinen Erscheinungsformen innerhalb des bäurischen Jahresfestkreises. Hierbei ergeben sich mitunter enge Beziehungen zu den eben genannten Bräuchen, diese werden eingeordnet in das Gebiet der Volksreligion49)und erscheinen als Produkte kultischer Entleerung. Die Rolle des Kranzes bei den Frühlingsbräuchen bezeichnet sein Wesen am deutlichsten. Die hierzugehörigen Gebräuche erstrecken sich über das ganze Gebiet des Frühlingsfestkreises. Der Frühlings–, Mai- oder Pfingstk. ist Träger der wiedererwachten Vegetationskraft. Er ist zurückzuführen auf den Maibaum (s.d.), an dessen Spitze er meistens hängt. Der Maik. hat keine eigene abergläubische Bedeutung, er unterstreicht die des Maibaumes, indem er an die Stelle der eigenen Krone des Baumes50) tritt. Der Maibaum gibt dem Kranz die unmittelbare Verbindung zum Gebiet des Baumkultes (s.d.)51). Der eigentliche Festtag dieser Maibräuche ist Pfingsten geworden. Der Maibaum (Johannisbaum)52), für den die Zeugnisse bis ins MA. (Deutschland 1225, Frankr.) reichen vgl. 52) und dessen Identität mit griechischen und römischen Kultbäumen durch Mannhardt u.a. aufgezeigt ist53), ist ein hoher Stamm eines Baumes (Fichte vor allem bei den Slaven54), die größte Eiche des Waldes55), eine Birke56)), der oft unter besonderen Zeremonien gefällt oder sonst wie besorgt57) und zubereitet wird und an dessen Spitze eine »Krone«, ein Kranz mit Blumen und Bändern befestigt wird (ebenso in Frankreich und England)58). Oft bleibt der Stamm stehen. Dann wird die Krone in feierlicher Weise unter Tanz und Singen jährlich erneuert vgl. 55). Dieser »Kronenbaum« vgl. 54) (Pfingstbaum) vgl. 57), neben dem sich im Slavischen noch der heilige »Kreuzbaum« findet, genießt kultische Verehrung vgl. 54).


    Weiterhin tritt der Maik. losgelöst vom Maibaum auf. So ist er im Harz ein Kranz auf einer Stange, die das Ziel des Pfingstreitens bildet59). Oder es werden Kranze über den Straßen, an und in den Häusern, in den Stuben aufgehängt60). Den Mittelpunkt vieler Kranze bildet oft eine bebänderte Blumenkrone, unter der getanzt wird61). Wie überhaupt der Kranz der Mittelpunkt der Feiern ist62). Oft geschieht die Verteilung der Kranze bei einem Umzug der Burschen, Knechte oder Mädchen63), als Ehrenk.e für diejenigen Bauern oder Wirte, bei denen das Pfingstvergnügen stattfindet64). In Borken (Westfalen) verfertigen die Kinder schon im April die sogenannte Tremse, ein kronenartiges Gestell, mit Flittergold, Eierschalen, Papier und Kranzen geschmückt. Am 1. Mai wird die Tremse über der Straße an einem Seil aufgehängt. Als Maibaum wird abends eine Tanne von den Knaben aufgestellt. Der Platz von Maibaum und Tremse dient Tanz und Spiel. Die Tremse bleibt den ganzen Monat hängen65), wie anderwärts der Maik. das Jahr über hängen bleibt66) als Träger der Frühlingskraft.



    2. Selbständige Bedeutung hat das Einholen des Mai in den Gebräuchen erlangt, die wir unter dem Namen KranzTag67) zusammenfassen.

    In der Schweiz feiert man den Schäppelitag, d.h. Kränzchentag (vom mhd. schapel, scheppel = Kranz) am Palmsonntag, allgemein jedoch zu Pfingsten68). Von Kindern und Mädchen werden Blumen gepflückt und Kranze gewunden. An dem Rückmarsch ins Dorf dürfen nur Ledige (k.geschmückte Mädchen, alte Jungfrauen) teilnehmen69). Im Böhmerwald ist der Kranzeltag ebenfalls eine wichtige Feier. Sämtliche Blumen von zauberischer Wirkung werden zu einem Kranz zusammengebunden und in der Kirche geweiht70). Mit diesen geweihten Blumen räuchert man Haus und Stall gegen böse Einflüsse aus oder man gibt von Zeit zu Zeit den Haustieren von den Blumen zum Fressen71). Grimm nennt für dieselbe Sitte in Norddeutschland den Himmelfahrtstag. Die Mädchen winden Kranze aus roten und weißen Blumen und hängen sie in die Stube oder in den Stall über dem Vieh bis zum nächsten Jahr auf72). Die am Festtage (hier also Himmelfahrtstage) gepflückten und zum Kranz gewundenen Blumen sollen besondere Heilkraft besitzen73). Anderwärts gelten diese Bräuche für Fronleichnam (§ 6).

    Auch außerhalb der Gebräuche des Kranztages werden geweihte Kranze nicht nur im Haus und Stall, sondern auch in Feld und Flur aufgehängt zum Herbeizaubern guter und zur Abwehr böser Einflüsse74).



    3. Ebenso werden alle für das Leben der agrarischen Gemeinschaft besonders wichtigen Gegenstände mit Kranzen geschmückt, etwa die Brunnen75) oder zu Himmelfahrt in der Schweiz die Christusgestalt76). Bei den Flurumgängen werden Kranze oder, wie am Himmelfahrtstag in Baden, ein mit einem Kranz von Kornähren geschmücktes Kruzifix (Sympathiezauber)77) mitgetragen, aber auch bei Heischegängen nehmen die Kinder Kranze mit. So am Fastnachtsdienstag in Nassau eine Stange mit einem grünen Kranzchen78) oder in der Pfalz am Sonntag Lätare einen mit bunten Bändern und Brezeln behängten Buchsbaum79).

    Verständlich weiterhin, daß der Frühlingsk. zu allerhand Zauber verwandt wird. In den Vogesen schützen aus Weide und Lorbeer gewundene und am Palmsonntag geweihte Kronen das Geflügel, das man unter ihnen durchgehen läßt, vor Ungeziefer80).


    In Brandenburg hat man gegen das »rote Wasser« folgendes Rezept: Nimm am 2. Pfingsttage einen Maienzweig mit nach der Kirche und mache, während der Pastor das Evangelium liest, einen Kranz davon. Durch diesen laß das Vieh hindurchpissen und drücke dann dreimal mit dem Kranz auf den Rücken des Viehs81).

    Auch durch Bekränzen muß das Vieh der Lebenskraft der erwachenden Vegetation teilhaftig werden. Es ist daher allgemeiner Brauch, die Haustiere zu Pfingsten (aber auch zu anderer Zeit)82) mit einem Kranz zu schmücken83), besonders erhalten diesen Vorzug die wertvollen Tiere, der Zuchtstier84) etwa, der Pfingstochse85) oder die beste Kuh86) usw.87). Die bekränzten Tiere werden in feierlichem Zuge durch das Dorf geführt und hinterher mit den Kranzen gefüttert88). Dasselbe gilt für den Viehaustrieb am Pfingstmorgen89). Es findet ein Wetteifer um den Pfingstk. statt. Derjenige erhält ihn für sich oder für seine Tiere, der zuerst auf der Weide ankommt90). Ebenso wird der Knecht oder die Magd durch einen Kranz allen kenntlich gemacht, der der letzte beim Austrieb ist91). Das gleiche gilt für das Heimtreiben92), auch für das endgültige im Herbst93).



    4. Der durch den Maik. geehrte beste Hirte erhält einen besonderen Namen94). Er wird identisch mit jenem Burschen, der den Vegetationsdämon, den wiederkehrenden Sommer, personifiziert, und für den wir als Sammelname den des Maikönigs haben. Der Kranz oder die Krone, die er trägt, ist der deutlichste Ausdruck seiner Rolle und zugleich in vielen Fällen der Spender seiner Vegetationskraft95). Einige Beispiele: Der König der Hütejungen in Westfalen, der sein Vieh als erster ausgetrieben hat, trägt einen Blumenk.96). Der Graskönig in Thüringen hatte eine hohe hühnerkorbähnliche Pyramide aus Pappelzweigen, deren oberer Teil, die Krone, aus Blumen bestand. Der »Quack« im Rheinpfälzischen, der Führer einer Schar von Knaben und Mädchen, ist mit einem Kranz von Frühlingsblumen geschmückt vgl. 95). Auch eine Gestalt, wie der Vortänzer im Schwerttanz, der »König«, trägt einen Kranz97), wie der englische Jack in the Green eine Blumenkrone und der Walber eine Ährenkrone auf dem Kopf hat98). Ein Anfangsstadium dieses Brauches zeigt die Kärntnische Sitte, zu Ostern einen Umzug mit dem bekränzten Vieh zu veranstalten unter dem Schutze des grünen Georg, der durch eine mit Blumen, Kranzen und Tüchern geschmückte Tanne oder Pappel dargestellt wird99). Eine nächste Stufe der Entwicklung sehen wir dann dort, wo der »Fischermeier« ganz in grünes Laub gehüllt ist100). Die letzte Stufe ist dann die, daß der grüne Schmuck auf den Kranz oder die Krone, die der Maikönig trägt, reduziert ist vgl. 100). Dieser Kranz vereinigt dann wie beim Maibaum so auch hier Bedeutung und Kraft des Ganzen in sich101). Er unterliegt besonderen Gebräuchen, die seine Wichtigkeit zeigen. Die Jungen, die den »Füstjemeier« krönen wollen, müssen die Blumenkrone, die von den Mädchen im Hause versteckt ist, erst suchen102). Nach dem Umzug wird er besonders zu ehrenden Personen überreicht103) oder wie in Köln feierlich neben dem Stadtbanner aufbewahrt104).

    Da die Vegetationskraft des Sommers vielfach nicht durch einen einzelnen, sondern durch das kultische Paar erzeugt wird, so ist es klar, daß der Kranz auch bei diesen Bräuchen seine wichtige Rolle spielt. Die Maibraut oder Pfingstkönigin105) ist entweder etwa die erkorene Führerin der Mädchen106) oder die Siegerin im Kranz-Auskegeln107) (Harz), oder sie wird vom König erwählt108) und feierlich mit dem Kranz geschmückt109). Ähnliche Bräuche der Bestimmung der Königin bzw. des Paares zu Johannis unter der Rosenkrone110).



    5. Das Abschlagen der Krone ist oft mit einem Kranzwettlauf (s.u. Wettlauf) verbunden. Wer die Krone ergreift, läuft mit ihr davon. Entkommt er, so gehört sie ihm als Siegespreis vgl. 54).

    Kranzauskegeln: Durch ein Preiskegeln wird aus der Mädchenschar, die den Frühjahrsumzug veranstaltet hat, die Siegerin bestimmt und mit einem aus der Stadt gekauften Kranz geschmückt. Sie hat dann zusammen mit dem »Maienträger« den Tanz zu eröffnen111).

    Kranzreiten hat verschiedene Formen112). Entweder bildet ein Kranz, der am Baum oder Pfahl aufgehängt ist und ergriffen werden muß, das Ziel des Rittes und zugleich den Siegespreis113), nicht immer für den Reiter, sondern oft auch für das Pferd114), dessen Schnelligkeit dadurch ausgezeichnet wird. Andererseits ist ein Kranz, der überreicht wird, der Preis für den schnellsten Reiter115) oder (beim Kranzrennen) Läufer116). Die Zeit ist neben der Erntezeit117) meistens Frühlingskultzeit. Besondere Zusammenhänge zeigt die Sitte in Delbrück und anderswo in Norddeutschland auf. Hier wird der Kranz von einem Baume heruntergezogen, an dem er hängt (vgl. Reisbrechen, Baumkult), der Sieger wird König und darf sich seine Königin erwählen118).

    Kranzstechen119) ist ganz ähnlich dem Kranzreiten. Der Kranz hängt und wird mit einer Gabel heruntergeholt oder mit einer Lanze wird nach ihm gestochen. Oder der Kranz bildet den Siegespreis für denjenigen, der im Reiten am besten eine Scheibe oder dergleichen mit der Lanze trifft. Die Verbindung dieser Sitte mit mittelalterlichem Ritterbrauch, die Rehm herstellt, ist wohl glaubwürdig120). In ähnlicher Weise bekommt der Sieger im Hufenstechen in Kärnten von den heiratsfähigen Mädchen einen Kranz aus künstlichen Blumen gestiftet121) Eine Kombination mit dem Jungfernk. liegt vor beim »Jungfernstechen« in Sachsen und Thüringen, bei dem Mädchen, von Burschen verfolgt, nach einem Ring wettlaufen, der auf dem Arm einer Holzfigur hängt122).

    Oder etwa beim Kranzschießen wird der Sieger durch den »reienk.« verpflichtet, als der nächste in der Reihe, das kommende Schießen bei sich abzuhalten123). Schließlich ist der Kranz überhaupt der Siegespreis bei jeder Art von Wettkämpfen und Spielen124).

    Auch das Kranzsingen125) des Mittelalters und des gegenwärtigen Bauerntums ist in einer Hinsicht ein Kämpfen um einen Preis, den Kranz Die Waffen sind dabei Rätsel und Lieder, durch sie findet das Kranzsingen den Zusammenhang mit den Rätselkämpfen und ihrem Kreis des religiösen Volksbrauches (vgl. § 14)

    Zusammengefaßt wird das hier behandelte Gebiet durch Spangenberg im Ehespiegel126):

    »Wenn die alten zusammenkamen, gab einer dem andern fragen auf, wer die meisten auflösete, verdiente einen cranz und in summa, wer noch heutiges tages im fechten, schießen, rennen, laufen singen, ringen und springen ›das beste tut‹, hat neben dem andern einen cranz zum lohn«.


    „Ich bin so etwas wie ein Antikörper der New-Age-Bewegung. Meine Funktion besteht darin, auf die Möglichkeit aufmerksam zu machen, hey, weißt du, einiges von all dem Kram könnte auch riesengroßer Quatsch sein!“


    Ceterum censeo progeniem hominum esse deminuendam.

  • 6. Fronleichnam ist als einer der höchsten katholischen Feiertage besonders geeignet, Kranzen, die in seinen heiligen Handlungen geweiht werden, qualifizierte Bedeutung zu geben. Diese Fronleichnamsk.gebräuche beziehen sich auf zwei Gelegenheiten, bei denen die Feier vollzogen wird: in der Kirche und bei der Prozession.

    Alle Altäre, Betstöcke, Himmel und Fahnen der Kirche werden im Gebiet des Lechrain am Vorabend mit Kranzen aus Singrün geschmückt. Den Eingang ziert in Ungarn oft das in einen Blumenk. gefaßte J.H.S. An den Wänden hängen eine Menge von Blumenkränzlein (1000 bis 1500)127). Außerdem werden vier Kranze von viererlei Laub aus jedem Hause in einem großen Kretzen (Korb) nächst dem Hochaltar aufgestellt128) oder dort hingelegt, wo der Priester das Sanctissimum hinstellt129). Während des Antlaßumganges werden sie von einem Knaben in einem Weidenkorb auf dem Kopf herumgetragen und bei jedem Evangelium auf den Altar gestellt; dadurch werden sie »hochgeweiht«130) (Lechraingebiet). Sie bleiben in der Kirche bis Ende der Antlaßwochen, dann werden sie noch einmal durch einen Friedhofumgang geheiligt und darauf in die Häuser zurückgeholt131). Am Abend besprengen Bauer und Bäuerin sie mit Weihwasser, zerreißen sie im Namen der h. h. Dreifaltigkeit und werfen sie durch die Lüfte über die Felder132). Anderswo werden die Kranze vor die Fenster gehängt133) oder in der Sonne gedörrt und am Johannistage zerrieben und ins Feuer geworfen, oder es wird damit auch geräuchert134).

    Träger: Besonders mit Kranzen geschmückt sind bei der Prozession die Personen, die der heiligen Handlung unmittelbar zugeordnet sind, wie z.B. aus der Ordnung des Fronleichnamsfestes in Nürnberg vom Jahre 1442 zu ersehen ist: auch muß der pfleger bestellen schön kränz von rosen ......den hofirern (musikanten) vor dem sakrament, aber die zwen die den priester führen (ratsherren) sullen ihr kränz selbst bestellen135) (dagegen verbietet eine Ulmische Verordnung von 1411: »kein mannsbild solle weder federn, kränze noch glocken und schellen [an Kleidern] in die Kirche tragen«). In Ungarn sind die »Sakramentskinder« mit Myrtenkränzen auf dem Kopfe geschmückt136).

    Eine Verblassung der Gebräuche liegt vor, wenn an Stelle der früheren großen Kränze aus selbstgeflochtenen Heckenrosenzweigen die Chorknaben in Sempach heute nur noch Kronen aus grünem Papier mit Stechpalmen und Lorbeerschmuck umtragen137).


    Aber auch weltliche Teilnehmer führen Kranze mit138), etwa die Tiroler Kranzjungfrauen, die sich beim Umgang Kranze aus Flittergold und Blumen aufs Haar setzen139).


    Die solcher Art geweihten Kranze haben nun mannigfache, meist apotropäische Wirkung: sie wehren böse Geister140), Hexen und Druden ab, besonders wenn sie unter dem Strohsack gelegt werden141), sie schützen gegen Blitz, Unwetter142) und Krankheit von Menschen und Vieh143). Ein »Prangerkranzel«, in die erste Erntegarbe gebunden, hält Feuer und anderes Verderben von dem gesamten Erntevorrat ab144). Andererseits gibt die Kuh, die nach dem ersten Kalben durch ein »Prangerkränzel« hindurchgemolken wird, mehr Milch145). Kinder, die man in einen geweihten Fronleichnamsk. hineinstellt, werden ungemein groß und gedeihen auch sonst gut146). Auch Bienenstöcken werden solche Kranze beigegeben147).

    Auf die Absicht, Wachstum und Fruchtbarkeit zu erlangen und zu vermehren und gefährdende Kräfte unwirksam zu machen, deutet auch schon die Einordnung dieser Kranzgebräuche in den Gesamtverlauf der Fronleichnamsprozession, die in Deutschland bald nach ihrer Einführung den Charakter von Flur- und Wetterumgängen angenommen hat148). Unter den Sitten, die den Ernst der heiligen Vormittagshandlungen am Nachmittag durch besonders ausgelassene Fröhlichkeit und Festerei ausgleichen, findet sich das »Kranzeinweichen« im Wirtshaus149).



    7. Wie an manchen Orten der Maibaum, das wichtigste Requisit der Maifeiern, den Mittelpunkt des Johannisfeuers bildet,150) so haben wir überhaupt an diesem Tage noch einmal eine Ansammlung aller Frühlingsbräuche vor uns. Die Natur prangt in sommerlicher Fülle und gibt reiches Material für Kult und Zauber. Der Maibaum ist der Johannisbaum oder Kronenbaum geworden, und dieser gleicht in allen seinen Riten des Herbeiholens und Zurichtens völlig jenem151). Um ihn wird das Feuer errichtet, und während es schon brennt, holen die Burschen noch die Kranze von seiner Spitze herunter152). Wir haben weiterhin die Reduzierung des Johannisbaumes zur Johanniskrone153) und zum Johannisk. in Analogie zum Maik., und was für jenen galt, gilt auch für diesen. Auch sie sind Träger der vegetativen Kraft, man schmückt mit ihnen deshalb Menschen (in West- Cornwall alle Mädchen154)), das Vieh zu seinem Segen und zur Verspottung des Hirten ganz wie zu Pfingsten155). Man bekränzt die Brunnen156), schmückt Straße, Haus und Stuben157). Überallhin trägt man die Johanniskraft. Unter der Johanniskrone, die über besonderem Platze hängt, um den Johannisk. auf dem Johannisbaum, wird gemeinsam getanzt158). Weiter bildet der Johannisk. den Siegespreis bei den Spielen, beim Wettrennen, Kranzsingen usw159). Er ist feierlich in der Kirche geweiht worden160). Johannisk.e werden bei Heischegängen mitgenommen161), die Johanniskrone wird in Schweden der Mitsommerbraut als »Kirchenkrone« geliehen162).



    8. Mehr als der Maik. dient der Johannisk. dem Zauber- und Orakelwesen. Wichtig wird dabei sein Material. Er muß meistens aus dreierlei163), siebenerlei164), vor allem neunerlei165) (s.d.) verschiedenen Blumen und Kräutern zusammengesetzt sein oder nur aus einerlei Kraut bestehen. So bannt man in einigen Gegenden Böhmens durch Beifußk.e Gespenster, Hexen und Krankheiten, hauptsächlich Augenweh166). Überhaupt wird den Johannisk.en und -kronen, die man in den Zimmern und an den Häusern und Ställen aufhängt, Wirkung gegen alle möglichen Gefahren, Brand, Blitz, böse Geister, Hexen, Zauberei, Krankheiten zugeschrieben167). Ja, man stärkt die Augen beispielsweise, wenn man durch einen Kranz von Wiesenblumen ins Feuer sieht168).

    Am Vorabend des Johannistages flechten Kinder und Frauen in der Eifel Kranze aus Kamillen mit Donnerkraut oder aus weißen Wucherblumen, sogenannten Johansblumen. Diese Kranze, Johangränz genannt, werden am Johannistage des Abends beim Angelusläuten auf das Dach des Hauses geworfen. Jede Seite des Daches muß einen Kranz haben, damit Haus, Stall und Scheune gegen Blitz gefeit sind. Es hat böse Vorbedeutung, wenn der Kranz nicht während des Läutens auf dem Dach hängen bleibt169).

    Vielfach liegt, auch außerhalb jeder Kultzeit, ein Bindezauber vor: In Bayern dient es als Heilmittel, wenn man eine zum Kranz geflochtene Weidenrute 8 Tage am Arm trägt, sie am neunten in den Rauchfang hängt und danach in fließendes Wasser wirft170). Der Pfarrer Kaspar Dulichius zu Kamenz besaß einen von Haaren geflochtenen Kranz, mit dem er die Herrschaft über die Geister des Schattenreiches ausübte171), wie überhaupt ein Kranz das geeignete Zauberinstrument ist, um einen Bannkreis zu ziehen172). Oder Hexen vermögen durch diesen Hexenk. Streit zu stiften oder den Tod zu bringen, indem sie beim Bettenstopfen die Federn (aller Farben) zusammenflechten173). Im Slavischen hat man folgendes Kranzorakel für Mädchen: von einem Büschel, das aus sechs Grashalmen besteht, die mit einem siebenten umwunden sind, bindet man je zwei und zwei Halme an beiden Enden des Büschels zusammen; ergibt sich, daß alle sechs Halme einen Kranz bilden, so bleibt man ledig, bilden sich zwei Kranze, so wird das Mädchen heiraten, bilden sich drei Kranze, so hat sie unverheiratet ein Kind zu erwarten174).


    Das Kranzorakel dient vor allem Liebesangelegenheiten175). Er verhilft den Mädchen dazu, im Traum oder nachts an einer bestimmten Stelle im Bache, nämlich dort, wo am Ufer ein Baum steht, den Zukünftigen zu sehen. Man hat den Kranz dabei auf dem Kopfe176). Ebenso kann man in der Nacht zwischen dem ersten und zweiten Pfingsttag mit einem Kranz von neunerlei Blumen auf den Kopf den Zukünftigen oder die Zukünftige erkennen177). Im Egerland stellen sich Burschen und Mädchen um das Johannisfeuer gegenüber auf und schauen sich durch Kranze und durchs Feuer an, um zu erfahren, ob sie sich treu bleiben werden178). Auch der Kranz unterm Kopfkissen läßt im Traum den Zukünftigen erkennen, jedoch sind besondere Vorbedingungen zu erfüllen. Der Kranz muß mit der linken Hand gewunden sein während des Feierabendläutens und darf nicht über einen Bach oder eine Schwelle getragen worden sein (Tirol), sondern muß mit einer Schnur durchs Fenster ins Schlafzimmer gezogen sein179). Die Beziehung zum Baumkult ergibt sich deutlicher, wenn man einen Kranz solange auf einen Baum am Bach werfen muß, bis er hängen bleibt. Die Fehlwürfe bezeichnen die Zahl der Jahre, in denen man noch ledig bleiben muß180). Die heruntergefallenen Halme geben die Zahl der Kinder an181). Slavische Mädchen gehen heimlich in den Wald, flechten Kranze und werfen sie den Rusalky hin, die ihnen dafür Liebhaber verschaffen182). Man wirft auch die Kranze ins Wasser, um zu erfahren, ob man im kommenden Jahr am Leben bleiben oder sterben wird, je nachdem, ob der Kranz schwimmt oder untersinkt183). Im Oberelsaß warfen die Rekruten kleine Pechk.e ins Feuer, die als leuchtende Ringe emporgetragen wurden, dabei nannten sie den Namen eines Mädchens184). Das Flechten selbst hat orakelhafte Bedeutung. Die Mädchen machen aus sechs Schmielen einen Kranz in bestimmter Verschlingung und ziehen ihn dann auseinander. Es entsteht entweder ein einfacher Kreis und deutet auf Treue, oder ein doppelter Kreis und bezeichnet einen Bruch des Verhältnisses185).


    Das Kranzopfer ist bei uns Sonnwendbrauch geworden. Wie man Tiere oder Knochen im Feuer verbrennt, so auch Blumen und Kranze186), um damit alles böse Geschick zu verbrennen und fernzuhalten187). In der Eifel beräuchern die Kinder mit den brennenden Kranzen unter Leitung einer alten Frau die wilden Stachelbeerhecken, von denen danach erst gegessen werden darf188). Vermittelst der Kranze entzündet man auch das Feuer des Herdes mit dem Johannisfeuer189).

    An anderen Orten bleibt der Johannisk. das ganze Jahr hängen und schützt das Haus vor Unwetter und Unglück190). Weinhold hat auf die Beziehung des Johannisk.es zum Sonnenrad aufmerksam gemacht191). Sie wird besonders da zu suchen sein, wo der Johannisk. eigene Bedeutung gegenüber dem Maik. aufweist. Andererseits spielen auch schon Gebräuche des Erntek.es herein.


    „Ich bin so etwas wie ein Antikörper der New-Age-Bewegung. Meine Funktion besteht darin, auf die Möglichkeit aufmerksam zu machen, hey, weißt du, einiges von all dem Kram könnte auch riesengroßer Quatsch sein!“


    Ceterum censeo progeniem hominum esse deminuendam.

  • 9. Die Ernte (s.d.) macht wiederum fruchtbringenden Zauber notwendig. Die hierhergehörenden Bräuche kulminieren im Erntek. und in der Erntekrone, so wie die kultische Kraft des Mai zusammengefaßt ist im Maik.192). Die Beziehung zwischen Johannis und Ernte wird durch folgenden anhaltischen Brauch hergestellt: die über der Haustür aufgehängte Johanniskrone wird, sobald der erste Roggen eingefahren wird, herabgenommen, in vier Teile zerrissen und je ein Stück davon in die vier Ecken der Scheune gelegt als Mittel gegen Mäusefraß, ähnlich hilft in Holstein getrockneter Johannisk. gegen Krankheiten193).


    Mit dem Kranz wiederholt die Ernte alle Kranzgebräuche, das Bekränzen des Viehs zu Erntebeginn194), die Kranz-spiele195) und vor allem die feierliche Erhöhung des Kranzes selbst in folgenden Formen: Eingeleitet wird die Ernte oft durch ein Opfer (vgl. § 8). Ein k.geputzter Ziegenbock wird vom Turm gestürzt, sein Blut und Kranz als Heilmittel verwandt196). Die ersten drei Halme werden am ersten Tag des Mähens der Gutsherrschaft unter einem Spruch als Kranz oder Krone überreicht. In ihnen sitzt die Fruchtbarkeit, sie bringen Glück197). Aus der ersten Garbe wird der Erntek. für die Kirche gebunden198). Das erste Fuder wird dann geschmückt mit der bebänderten und bekränzten Fichte199). Bei Ernteschluß wird der stehengelassene Halmknoten bekränzt und zur Erhöhung dieses Sympathiezaubers noch ein Stückchen Brot oder ähnliches zwischen Knoten und Kranz gesteckt200). In Mähren wird der Weizenrest von der »Weizenbraut«, die mit einem Kranz aus Weizenähren geschmückt ist, abgemäht. Das bringt gegenseitig Heil: Fruchtbarkeit der neuen Ernte und Verlobung des jungen Mädchens. Anderswo wird diejenige, die den Erntek., der meistens auf dem Felde geflochten wird, auf dem letzten Erntewagen201) sitzend, heimbringt, Weizenbraut genannt202). Der Kranz wird in feierlicher Prozession der Herrschaft überreicht, mit Sprüchen, die in ihrer Form mitunter auch in ihrem Inhalt den alten Handwerksreimen ähnlich sind203), und danach an einer besonderen Stelle des Hauses oder der Scheune aufgehängt bis zum nächsten Erntefest204). Das Ganze erweckt den Eindruck einer agrarischen Opferhandlung205).


    In einigen Gegenden wird der Erntek. von allen Mädchen und Burschen begleitet, zum Dorfe hinausgetragen und dort abgetanzt, d.h. man tanzt eine Zeitlang um ihn herum, danach wird er auf den Hof zurückgebracht und überreicht206). Oft wird der Vorschnitter, der den Kranz überreicht, begossen.

    Erntefest und damit auch Erntek. haben wegen ihrer Wichtigkeit auch Eingang in das kirchliche Festjahr gefunden. Der Kranz wird mitunter nach einem Umzug während des Gottesdienstes von festlich gekleideten Mädchen auf den garbengeschmückten Altar gelegt207).


    Weitere Erntek.gebräuche vgl. unter Ernte § 12. Das Gesagte bezieht sich nicht nur auf die Roggenernte, sondern in Variationen auf Trauben-, Flachs-, Kartoffelernte usw. Der Kranz wird aus der geernteten Frucht jeweils gebildet208). Ja sogar ein Eiserntefest wird in Osterode (Ostpr.) gefeiert, wenn das von den Brauereien usw. benötigte Eis eingekommen ist, mit einer Eiserntekrone, einer gefärbten Pyramide aus vereistem Stroh- und Eiszapfen, die nach einer Umfahrt durch die Stadt auf dem Eishaufen einer Firma in Art eines Richtk.es errichtet wird209).



    10. Eine nächste Zusammenfassung der Kranzgebräuche innerhalb des bäuerischen Jahres findet sich anläßlich der Kirmesfeier (s.d.). Auch hier sind die kultischen Träger des Festes, etwa die Kirmesbitter, die zur Feier einladen, mit einem Kranz geschmückt210). Vor allem aber findet sich wieder der kultische Baum mit dem Kranz an der Stelle seiner Krone und bildet den räumlichen Mittelpunkt des Festes dort, wo ein wirklicher Dorfbaum fehlt211). Weiterhin schmückt man mit Kranzen das Dorf, wie überhaupt je nach der Wichtigkeit, die das Fest annimmt, Gelegenheit zum Wachsen der Kranzgebräuche, wie wir sie kennengelernt haben, gegeben ist.



    11. Eine letzte derartige Zusammenballung finden wir in der Advents- und Weihnachtszeit. Der Adventsk. allerdings stammt erst aus neuerer Zeit, und seine Verwendung ist noch fast ganz freigeblieben von abergläubischen Wucherungen. Im Weihnachtsbaum dagegen kehren mitunter die Gebräuche wieder, die die heiligen Bäume des Vegetationsjahres gestaltet haben. Er ist in Schweden und zuweilen auch in der Schweiz ein Fichtenstamm, der bis zur Spitze abgeschält ist und nur eine Nadelkrone trägt212). Wo dann innerhalb der Weihnachtszeit sich die Verwendung eines Kranzes findet, ist eine Verbindung mit diesem Vegetationsbaum herzustellen213). Auch im alten Rom der Kaiserzeit bis zur Völkerwanderungszeit und darüber hinaus (vgl. Abs. II) wurden die Januarkalenden mit Kränzen und »Maibäumen« an den Häusern usw. gefeiert214). In Siebenbürgischen Dörfern wird während der Christnachtwoche das »Kränzchenbinden« vorgenommen, d.h. Kranze aus Immergrün geflochten und mit Kerzen besteckt, dazu wird Kranzsingen mit Rätselstellen abgehalten (s. § 14)215).

    Die Zeit der 12 Nächte ist in besonderer Weise Zauber- und Orakelzeit. Daher findet man hier das Kranzorakel der Johannisnacht nacht wieder216), daher gibt man jetzt dem Vieh den Erntek. zu fressen217). In England werden stellenweise zwei mit Nägeln ineinander befestigte Reifen aufgehängt, die mit Immergrün, Äpfeln usw. geschmückt sind218). Auch die Tötung des Winters und die Neuerweckung des Sommers wird in dieser Zeit schon vorgenommen219). In Niederösterreich wird am Silvesterabend der Tölpel unter dem Hausgesinde mit einem Strohk. zum Silvesterkönig gekrönt und zum Tor hinausgejagt220). Außerdem hat die Weihnachtszeit auch ihre »Braut«, die schwedische Lucie, ähnlich dem deutschen Christkind, die mit einem Lichterk. geschmückt ist und gute Gaben austeilt. In Ableitung dieser Sitte wird dann auch einmal eine Kuh mit solchem Lichterk. versehen221). Beim Kitzgericht, der Entrichtung des Erbzinses am Dreikönigstag in Thüringen, erhält der Amtmann von den Frauen und Mädchen einen kranzgeschmückten, mit Nüssen, Zuckerobst usw. behangenen Buchsbaum222).



    12. Da bei den bäuerischen Festen Bier oft das Hauptgetränk war, so ergab sich für diejenigen, die sich um den Kranz abspielten, der Name Kranzbier. So wird in Mecklenburg bereits während der Ernte ein »Kranzbier« gegeben223), anderswo zu Johannis224) u.a.225), bis sich schließlich überhaupt für besondere Feste der Name (wie in Dithmarschen) Kranzbêr ergibt, »wozu die Auslagen herumgesammelt werden mit einem bunten Kranze«226).

    Die Hauptsache einer ganzen Feier ist oft der Tanz unter dem Kranze227). So wurde mit der Pfingstkrone auf dem Dorfplatze um den Wegweiser oder um eine Rolandsäule ein Tanz möglichst aller Dorfbewohner aufgeführt228). Der Name »Kranztanz« bezeichnet jedoch verschiedene Tänze. So werden beim »Kranzeltanz« im Böhmerwalde am Faschingsdienstag die Mädchen ausgelost229). Der »Kränzeltanz« jedoch im Bayrischen Gebirge und anderswo ist ein Hochzeitstanz, bei der der Brautk. abgetanzt oder den Dirnen der Kranz von den Buben mit List abgerungen wird230). Erwähnt werde auch das mittelalterliche Tanzen kranzgeschmückter Paare oder jene Ringel- und Reigentänze, bei denen die Burschen ihr Kranzlied sangen und als Auszeichnung von der Erwählten einen Kranz erhielten oder ihr einen gaben231). Weinsberg erzählt zum Jahr 1584, daß man am 1. August (St. Petri Kettenfeier) Umzüge durch die Stadt veranstaltete, Feuer abbrannte, darüber sprang, sich ins Wasser warf, und »man dansste am Kranss«, das Ganze eine Veranstaltung, wie wir sie zu Johannis kennengelernt haben232).



    13. So wie der Kranz die Höhepunkte des bäurischen Jahres krönt, so begleitet er auch das Leben des Menschen, und wie er im Mai des Jahres seine größte Pracht entfaltet, so auch im Mai des Lebens.

    In Griechenland wurden Kranze an allen Festtagen getragen. Bei der Geburt eines Kindes hing man einen Kranz am Eingang des Hauses auf, aus Ölzweigen, wenn ein Knabe, aus Wollfäden wenn ein Mädchen geboren war233). Die Liebenden beschenkten sich mit Kranzen und trugen solche bei der Hochzeit. Daraus entstand der Gebrauch des Brautk.es, den der Bräutigam schenkte vgl. 233). Ähnliche Bräuche haben wir bei den Juden234), Etruskern und Römern235).

    Eine ähnliche Entwicklung haben wir in Deutschland. Bei der Taufe erscheinen die jungen Mädchen mit Kranzen oder Kronen236). In Neckarsulm tragen kleine kranzgeschmückte Mädchen den Täufling237). Am Himmelfahrtstage kommen in Breisgau kleine Mädchen mit Kranzen und Sträußen in die Kirche, die später auf dem Speicher aufgehängt werden, damit das Wetter nicht schade238). Zur ersten Kommunion bekommen die Mädchen in katholischen, zur Konfirmation in evangelischen Gegenden Kranze geschenkt, die sie bei späteren Festen, Hochzeiten, Taufen usw. wieder anlegen239). Weiterhin pflücken am Himmelfahrtstage in Süddeutschland Mädchen die Köpfchen des Mausöhrle oder Frühlingsruhrkraut, binden sie zu Kranzchen und hängen sie in Stuben und an Ställen auf. In Graubünden werden die Kranze, mit denen sich die Mädchen früh am »Auffahrtstag« bekränzt haben, in der Kirche aufbewahrt und bewirken Fruchtbarkeit (der Felder und der Frau)240). Zum Namenstag sodann wird der Würgk. geschenkt241) (vgl. Abs. III).

    Diese Kranze der jüngeren Mädchen sind in ihrem Gebrauch Ausstrahlungen des Jungfernk.es. Der Kranz ist das Zeichen des jungfräulichen, unverheirateten Mädchens, ja ist nicht nur Zeichen, sondern Bewahrer der Reinheit. Sein Verlust hat oft böse Folgen, daher muß der Kranz sorgfältig bewacht werden242). Eine Perle aus der Krone verlieren, gilt als böses Zeichen243). Der Kranz besteht aus allerlei Blumen, vor allem Rosen und Rosmarin. Will man ledig bleiben, so nimmt man im 13. Jahrhundert »von strôwe ein schapel«244). Der Gebrauch des Jungfernk.es ergibt sich wie der des Vegetationsk.es aus dem Leben der primitiven Gemeinschaft, besonders der bäurischen und hängt damit auch in Deutschland mit der Geschichte dieser Gemeinschaft auf das engste zusammen. Die Sitte herrscht im MA. in allen Kreisen auch in den höfischen245) und wird oft streng eingehalten wie ein mnd. Beleg sagt: »Darumme meghedeken, wen du vorlaren hest de iuncvroweschop, so sette dat parlenbindeken edder den Krantz von dem howde, dede bedudet, dat loen der iuncvroweschop, wente anders werstu leghen mit dem bindeken«246). Luther sagt zu 2. Samuelis 13, 20: wenn die Mütter ihren Töchtern den Kranz aufsetzten (am Sonntag morgen) sagten sie, Jesus Christus setzt dir auch im Himmel die Krone des ewigen Lebens auf247). Dem entspricht auf katholischer Seite die schon sehr frühe mittelalterliche Anschauung von der Krone oder dem »krenzelîn« der Maria als Zeichen ihres »kiuschen magettuomes«248).

    Der Kranz gehört zur kirchlichen Festtracht, wurde und wird beim Gottesdienst, zu Prozessionen u.ä. getragen249). Oft ergab sich für seine Trägerinnen, auch abgesehen von der Hochzeit, der Name »Kränzeljungfer«250). Solch ein Kranz ist von zauberischem Wert. Aus den jungen Ästen eines Birnbaumes geflochten und am Tage des heiligen Jakob (25. Juli) von einer reinen Jungfrau dauernd getragen, schützt er z.B. das Vieh, das ihn frißt vor jedem Zauber251).


    „Ich bin so etwas wie ein Antikörper der New-Age-Bewegung. Meine Funktion besteht darin, auf die Möglichkeit aufmerksam zu machen, hey, weißt du, einiges von all dem Kram könnte auch riesengroßer Quatsch sein!“


    Ceterum censeo progeniem hominum esse deminuendam.

  • 14. Im MA. entwickelte sich die besondere Sitte des Kranzsingens und Kranzschenkens. Beim Tanzen oder für Lieder, die die Burschen gesungen hatten, erhielten sie von den Mädchen Kranze als Zeichen ihrer Gunst252), oft war solch ein Kranz, von einer Jungfrau geflochten253) und verteilt254), der Siegespreis für das Wettsingen vieler oder für den König des Tanzes255). Viele solche Kranzlieder sind uns erhalten256). Weiterhin gilt der Kranz als Mittel der Werbung257) um einen Mann, wie überhaupt die ganze Liebessprache der Zeit, die Symbolik der Blumen und Farben auch auf Kranze angewandt wird258). Alles dieses finden wir in verblaßter Form noch in der Gegenwart. So haben wir das Kranzsingen der Burschen in Baden in der Neujahrsnacht vor den Häusern der Mädchen259).



    15. Seine höchste Pracht entfaltet der Jungfernk. bei der Hochzeit, der Abschlußfeier für die Jungmädchenschaft. Die Sitte des Brautk.es ist eine sehr alte260). Wir haben sie im griechischen und römischen Altertum, und auch das Christentum hat sich ihr nicht entzogen261). Ob freilich dies der einzige historische Weg zur mittelalterlichen Brautkrone ist262), erscheint dann zweifelhaft, wenn man die enge Verbindung dieses Kranzes mit dem Fruchtbarkeitsk. überhaupt sieht. Solche liegt beispielsweise vor, wenn Eheschließungen und Hochzeitsfeiern unter der Krone des Maibaumes abgehalten werden263), wenn Maibäume vor das Hochzeitshaus gepflanzt werden264), oder wenn russische Mädchen am Donnerstag vor Pfingsten in einen Birkenwald gehen, um eine stattliche Birke einen Gürtel oder ein Band winden, die unteren Zweige in einen Kranz flechten, sich paarweise durch den Kranz küssen und überhaupt so eine Hochzeit als Analogiezauber begehen265).

    Als frühesten Beleg für die Geschichte der Brautkrone in Deutschland266) haben wir die Notiz Gregors von Tours aus dem Jahre 590, daß der Bräutigam einem Mädchen die Krone in Gestalt »einer mit Gold verzierten Kopfbinde« bezahlt habe. Im 10. Jh. scheint der Brautk. aus Rosen in Deutschland allgemein in Gebrauch gewesen zu sein267), ebenso in Frankreich, dort trug auch der Bräutigam einen Kranz von grünen Zweigen im 13. Jh.268). Von dort scheint auch Bedeutung, Form und Sitte des mhd. schapel (afz. chapel) gekommen zu sein, das in höfischer Zeit zunächst als Kranz von frischen Blumen, später als ein künstlicher Kopfschmuck, als Krone, getragen wurde, und zwar immer als Zeichen der Jungfräulichkeit und als Schmuck jungfräulicher Bräute269). Im Sinne dieser Entwicklung scheint im Mittelalter zunächst das Tragen der Brautkrone vor allem Sitte in den vornehmen Ständen gewesen zu sein, schon deshalb, weil die Herrichtung solcher Kronen teuer war270). So hatten die Nürnberger Messerschmiede anläßlich ihres Zunftfestes zwei Kronenbräute als Ehrenjungfrauen beim Tanz und für diese den Schmuck von den vornehmen Geschlechtern ausgeliehen271). Aus dem höfischen und städtischen Gebrauch sinkt diese kostbare Krone hiernach in die bäurische Gemeinschaft, wird dort gespeist aufs neue von der naturnahen Kraft des Fruchtbarkeitsk.es und hat als Schapel und Schäpel seine Verbreitung und gleiche Bedeutung wie der Kranz aus frischen Blumen272).


    Die Brautkrone ist das Hauptstück der bräutlichen Kleidung, ein Kunstwerk von Flitter und Gold mit Perlen und Bändern geschmückt in der Form eines kronenartigen Aufsatzes273). In Pommern heißt sie »Flitterpeil«274). Sie wurde meistens auf gelöstem Haar getragen275). Solche Kronen waren wegen ihrer Kostbarkeit oft Eigentum der ganzen Gemeinde, wurden in der Kirche aufbewahrt und vom Pastor verliehen276). Oft trat an ihre Stelle das niedrige Krönel, Brautk. oder Schäpele oder ein Kranz von künstlichen oder wieder natürlichen Blumen277). Allmählich dringt überall der Myrtenk. vor278). Es wurde und wird streng darauf gehalten, daß diese Auszeichnung nur jungfräulichen Bräuten zuteil wird279). Der Rat von Zürich beschloß 1700: »Bräute, die sich bei der Trauung des Schappels fälschlich bedienen, nebst ihren Ehemännern mit Gefangenschaft oder an Geld gebührender Maßen abzustrafen«280). Setzte eine gefallene Braut doch den Kranz auf, so durften ihn die Mädchen mit Gewalt herunterreißen281). Sie hatte vorher ihren Kranz erhalten, einen Spottk. aus alten vertrockneten Zweigen oder Stroh um den Aufgebotskasten282). Eine Erweichung der strengen Sitte stellt es dar, wenn solche Mädchen bei ihrer Trauung einen sog. »halben«, hinten offenen, »zerbrochenen« oder »offenen« Kranz, das sog. »kleine Heid« wie es in Thüringen heißt, tragen durften283). In Schlesien trug die jungfräuliche Braut einen Myrten-, die gefallene einen Efeuk.284). In der Gegend von Überlingen mußte der Kranz der Gefallenen aus roten statt aus weißen Blumen bestehen285).

    Der Brautk. konzentriert entsprechend dem Maik. einerseits die ganze religiöse Bedeutung der Feier auf sich, andererseits bestimmt er in Ausstrahlungen nach den verschiedensten Seiten die Sitte und den Verlauf des Festes. Kranzgeschmückt ist vielfach auch der Bräutigam286). Kranzgeschmückt sind vor allem die Kranz-Jungfrauen287), die an diesem Tage die Braut aus ihrer Jungmädchengemeinschaft entlassen. So kommen in der Nähe von Villingen zu einer rechten Hochzeit zwanzig bis dreißig Schäppel tragende Mädchen288). Auch für diese ist Jungfräulichkeit erforderlich. In Gutach heißt es, ein von einer Braut oder einer G'spiel in Unehren aufgesetztes Schäppel wolle nicht »halten«, und bei der Niederkunft eines solchen Mädchens gehe es arg her289).


    Aufgabe der Kranz-Jungfern ist es, hier und da den Brautk. zu winden290), am Vorabend der Hochzeit dem Paar den Myrtenk. aufs Haupt zu setzen291) und späterhin nach der Hochzeit den Kranz wieder abzunehmen vgl. 291).

    Die Kränzeljungfer und der Brautführer haben die Nacht vor der Hochzeit mit dem Brautpaar zusammen zu schlafen, um eine zu frühe Verehelichung zu verhüten, ein Trennungsritus, der im Badischen sich hier und da unter dem Namen Schäppelhirsche findet, anderwärts nur eine Zusammenkunft der beiderseitigen Altersgemeinschaften mit dem Brautpaar und Verwandten und Gästen ist, um bei »Hirschbrei« die »Schappel oder Kränze« zu machen292).

    Kranzgeschmückt sind auch die Kinder im Hochzeitszuge293), die »Vorgänger« und oft auch das Vieh der Mitgift294). Vor dem Brauthause hängt oft eine bunte Krone295). Ebenso war natürlich der Aufgebotskasten bekränzt296), wie auch die Hochzeitslader, die »Köstenbidders«, ihren Hut bekränzt hatten. Auch zwischen die Brautwäsche, die vor der Hochzeit gewaschen wurde, hängte man Kranze, die die Nachbarn gestiftet hatten, auch der Waschkorb wurde bekränzt297).

    Schon die Verlobte, wollte sie anders Glück in der Ehe haben, durfte nicht einer Braut in den Kranz sehen vgl. 297). Regnet es der Braut auf den Kranz, so wird sie mit Reichtum und Kindern gesegnet298), besonders wenn der Regen leicht ist299). Anhaltender Regen dagegen hat Zwietracht und Unglück zur Folge300). Dieselbe Doppelbedeutung hat es, wenn die Sonne in den Kranz scheint301). Fällt der Braut bei der Trauung der Kranz vom Kopf, so wird die Ehe unglücklich. Oft tut man bestimmte Gegenstände in den Kranz302). Die Polaten erhoffen, wenn sie Flachs in den Brautk. binden, reichen Erntesegen303). Anderswo erwartet man Geld, Kindersegen und glückliche Ehe304).


    Den Abschluß der Hochzeitsfeier bildet die bald feierliche, meist lustige Abnahme des Kranzes; meist um Mitternacht werden Schleier und Kranz mit der Haube, dem Würdenzeichen der Frau, vertauscht305). Bei slavischen Stämmen (Polaten) bilden die Mädchen einen Kreis, durch den die Frauen die Braut zu rauben versuchen, um ihr dann eine schwarze oder goldene Mütze aufzusetzen306). Die Umstände, die die Kranzabnahme begleiten, erfahren kleine Abwandlungen. Zuweilen geht sie nach einem Tanz mit dem nächsten Verwandten vor sich307). Bei den Tschechen308) wird die Braut um 12 Uhr unter einem Vorwand herausgerufen, Brautk. und Schleier nimmt man ihr weg und setzt ihr das Häubchen auf. Sie muß ihren Platz mit einem alten Weibe tauschen und der Bräutigam darauf sie suchen. Die Kaschuben309) haben den Kranz schon zuvor zerknittert, er wird dann »abgetanzt«. Ein Kreis von unverheirateten Mädchen umgibt die Braut mit Gesang: »Wir winden dir den Jungfernk.«, während des Tausches von Kranz und Haube sucht sich jeder ein Stück davon zu nehmen.

    Die Bedeutung eines Fruchtbarkeitsritus schimmert durch eine altpreußische Sitte hindurch: Bevor die junge Frau ins Brautbett stieg, schnitt man ihr die Haarlocken ab, und die Frauen setzten ihr einen Kranz mit weißem Tuch auf, den sie tragen mußte, bis sie einen Sohn bekam310). Hier hat sich die Brautkrone in eine Art Frauenkrone verwandelt, der jedoch keine Eigenbedeutung zukommt, wie Karl Aug. Eckhard fälschlich annahm311). Diese Vermutung hat eine Verwirrung der Begriffe angerichtet. Eine Frauenkrone in selbständigem Sinne gibt es nicht. Wenn das am Hochzeitstage zum letzten Male getragene Zeichen der Jungfrauenschaft abgelegt wird, tritt an seine Stelle keine Variation der Krone, sondern ein neues selbständiges Zeichen der fraulichen Würde, das ist die Haube.


    Weinhold312) gründet die Sitte des Kranzraubens auf altgermanische Tradition, nach der die verheiratete Frau nicht mehr das Haar lose tragen durfte, sondern die Frauenbinde, »daz gebände«, umlegen mußte. Sie tat es gewöhnlich am Morgen nach der Brautnacht selbst, oder die Mutter »bant sie nach der briute site«313). Schon im Anfang des 13. Jh.s scheint ein scherzhafter Streit bei der Hochzeit um das Anlegen des Gebändes vorgekommen zu sein314). Landschaftlich verschieden steigert sich der Kampf um den Kranz der Braut zwischen Mädchen und Frauen oder zwischen beiden Geschlechtern. Der westpreußischen Braut werden bei der Kranzabnahme die Augen verbunden315).


    Der Brautk. dient während und nach der Abnahme mancherlei Orakelzwecken, die Braut setzt ihn mit verbundenen Augen irgendeinem Mädchen auf und dieses wird im nächsten Jahr dann heiraten316), oder der Kranz wird unter die Ledigen geschleudert, die ihn zu ergreifen suchen317). In Koburg dagegen zerknüllt man ihn und sucht ihn zu verstecken, sonst bringt er Unheil318) u.a.319). Brautk.sitte hat sich auch übertragen auf jene Bräute der Maien- und Johanniszeit, die wir als »Königinnen« kennengelernt hatten320). In England war der Brautk. aus Ähren gewunden321).


    „Ich bin so etwas wie ein Antikörper der New-Age-Bewegung. Meine Funktion besteht darin, auf die Möglichkeit aufmerksam zu machen, hey, weißt du, einiges von all dem Kram könnte auch riesengroßer Quatsch sein!“


    Ceterum censeo progeniem hominum esse deminuendam.

  • 16. Der erste und unmittelbare, der primitive Eindruck, den das gewaltige Ereignis des Todes hervorruft, ist immer Erschrecken und Furcht vor der unfaßbaren Fremdheit, dem völligen Anderssein des neuen, gedachten Zustandes. Alle Bräuche und Handlungen, die sich auf den Kult um den Toten beziehen, scheinen daher von zweierlei Momenten bestimmt zu werden322). Der Kranz, mit dem der Tote geschmückt wird, reiht sich dieser doppelten Bedeutung ein. Er ist eine Art Opfergabe, soweit er dazu dienen soll, das Walten geheimnisvoller gefährlicher Kräfte zu beschwichtigen und auszusöhnen und sie von weiteren Eingriffen in das menschliche Dasein abzuhalten, soweit er also einen Abwehrritus darstellt. Und er hat auf der anderen Seite den Sinn, die Furcht vor dem geheimnisvollen, dunklen Reiche des Todes dadurch auszulöschen, daß man die Trennung der Lebenden von diesen in vielfacher und kräftiger Weise betont, indem man der Welt des Verstorbenen die Zeichen blühender Lebensfülle gegenüberstellt. Wie im gesamten Totenkult scheinen sich auch hier bei der Kranzsitte Schutz- oder Abwehr- und Trennungsriten eng zu verschmelzen323). Die Ausformungen der Einzelbräuche scheinen das zu bezeugen.


    Die Geschichte der Sitte, dem Toten von Seiten der Verwandten, Freunde und Verehrer Kranze zu spenden324), scheint durchbrochen. Für Griechenland und Rom ist sie bezeugt325). In Deutschland scheint sie in der heutigen Form keine alte Tradition zu haben. In verschiedenen Gegenden ist sie kaum älter als 30 bis 40 Jahre326). An manchen Orten finden sogar noch heute Beerdigungen ganz ohne Kranze statt327). Vielleicht kann man mit Weinhold altchristliche Tradition als den Weg ansehen, auf dem die Sitte des Totenk.es von der Verwendung bei besonderen Fällen her (beim Tode hochgestellter vornehmer Personen) tief ins Volk hinein gedrungen ist328). Hier ist besonders an eine gegensätzliche Gegenüberstellung von Kranzen und Kronen einerseits und Pfählen andererseits gedacht, die letzteren deuten vielleicht auf einen Zusammenhang mit nordgermanischen Bautasteinen, die dem christlichen Angriff ausgesetzt waren, während sich ähnliche Abwehr gegen den Kranz nirgends findet329).


    Die deutsche gegenwärtige Sitte des Totenk.es hat ihren Ausgang anscheinend von dem Gedanken hergenommen, den Tod von Kindern und Jungverstorbenen besonders hervorzuheben, während über den Sarg der andern nur das Leichentuch der Gemeinde gedeckt wurde330). Überhaupt spielt die Besonderheit der Altersgemeinschaft, der der Tote angehört hat, häufig eine wichtige Rolle für die Art seiner Bestattung. Ganz besonders reich und verbreitet ist die Kranz-Spende durchgehend bei Kindern, zuweilen wird, wenn ein Kind verstorben ist, aus jedem Haus ein Totenstrauß in das Trauerhaus gesandt331). In Baden ist die Fülle der Kranzchen und Sträußchen für tote Kinder oft so groß, daß der Sarg selbst davon angefüllt wird332). Auch werden tote Kinder selbst häufig mit einem Kranz, dem »Kopfkränzle« in Crailsheim, Gerabronn u.a. geschmückt333). Diesen Kranz stiften gern die Taufpaten334). Oftmals wird er später in einem »Kistle(in)« aufgehoben und in der Stube aufgehängt335). In der Gegend von Holzminden setzt man den Knaben ein Gestell in Kugelform, die durch zwei im rechten Winkel zueinander gerichtete Rutenk.e gebildet wird, gleichfalls mit Buchsbaum und Tannen geschmückt, auf den Hügel336). Junge Männer und Mädchen tragen bei ihrer Beerdigung die Zeichen ihrer Altersgemeinschaft in irgendeiner deutlich kenntlich gemachten Weise. Dem jungen Burschen widmen die Genossen die Knechtskrone auf den Sarg, welche noch einmal so groß wie die übrigen ist und zu Häupten des Sarges steht337). Jungfrauen werden im bayrischen Hochwald von Jungfrauen (vier, sechs oder acht), die in den Haaren Rosmarink.e haben, zu Grabe getragen338). Wie sonst die Hochzeit Höhe und Ende der Jungfrauenschaft ist, so hier die Beerdigung, die Totenhochzeit mit dem Tod als Bräutigam, ein Motiv, das in Kranzsagen wiederkehrt339). Die nahe Verbindung, die der Totenk. hier zu seiner Bedeutung als Jungferk. bewahrt, tritt deutlich zutage, wenn in Mittelschlesien am Beerdigungstage einer Braut oder eines Bräutigams das Trauerhaus festlich mit Kranzen und Maien geschmückt wird340), ähnlich wenn dem toten römischen Sieger sein im Wettkampf gewonnener Kranz aufs Haupt gesetzt wird341). Stirbt eine junge Frau im ersten Kindbett und bleibt mit dem Kind zusammen, so wird sie als Jungfrau begraben und auf ihr Grab ein »Jungfrauenkrönl« gelegt342).


    Das Material des Totenk.es ist sehr verschieden, ursprünglich und vorwiegend besteht er aus lebenden, meist dauerhaftem Grün. Buchsbaum oder Singrün werden häufig verwendet343). In der Eifel wird bei Unverheirateten dem Sarg eine Krone aus Wintergrün, Buchsbaum und weißroten Rosen vorangetragen und nach der Beerdigung auf dem Grabkreuze befestigt344). Besondere Vorschriften bestehen für die Totenkrone in la Vienne insofern, als keine Lupinen verwendet werden dürfen. Sie sollen der Familie Unglück bringen345). Als eine kultische Entleerung ist der Übergang von frischem Grün zu künstlichen Kranzen anzusehen, wie ihn die Taufpaten in Mergentheim dem toten Kind aufsetzen346). Solche künstlichen Kronen, »Sargkronen«, »Totenkronen«347), die also eine Weiterentwicklung des Brauches darstellen, Unverheirateten ihren Kranz aufzusetzen und mit in die Erde zu geben, werden häufig ein für alle Male angeschafft und in jedem Sterbefall eines Dorfbewohners gebraucht348). Sie besteht in Oldenburg aus Flittergold und künstlichen Blumen349), in Franken teilweise heute noch aus Messing oder versilbertem Blech350) und wurde in beiden Fällen nur Ledigen und Kindern aufs Grab gesetzt. In dem Entwurf einer Ulmer Trauerordnung von 1779 wird angeordnet, daß »keine raster (wohl von Arras, ein leichter Wollstoff, der aus Arras in Flandern stammte, vgl. Fischer, Schwäb. Wörterb. 1, 325 f.) Blumen mehr auf die Kisselen (der unter einem Jahr alten verstorbenen Kinder), sondern allein eine kleine Krone aufgeheftet werden sollen«351). Kranze, die gemeinsam im Dorf benutzt werden, gehören meist den Heiligenpflegen des Ortes und werden von diesen zur Verfügung gestellt352) bzw. ausgeliehen. Zuweilen stehen zwei Kranze zur Auswahl, ein schönerer und ein geringerer. Für die Benutzung dieser bezahlten die Paten in fränkischen Dörfern 15 oder 20 Kreuzer, je nachdem sie den besseren oder den einfacheren nahmen353). Anderswo leihen Bekannte und Freunde keinen ganzen Kranz, sondern schicken statt dessen Blumen oder Geld, 40 Pfg. bis 1 Mark: »Ma(n) zahlt's Kränzle(in)«354). Manchmal wird bei den Kranzspenden außerordentliche Pracht entfaltet, besonders bei denen, die von den Paten gestiftet waren. In Braunschweig hängte man solche »vaddernkronen«355), die man in Schöppenstedt kaufte, nach dem Begräbnis an die Wände der Kirche. In fränkischen Dörfern kommen die minderwertigen Kranze auf das Grab, die besseren werden unter einer Glasglocke oder in einem Glaskasten, »Sträußkästle(in)«, der eine von geübter Hand geschriebene Handschrift mit Geburts- und Todestag enthält, an die Wand gehängt und aufbewahrt356). Bei den Katholiken nimmt eine bestellte Person auf dem Kirchhof die Kranze in Empfang und bringt sie in die Kirche, wo dann die Tumba damit geschmückt wird357). Teilweise, z.B. in Wittendorf (Freudenstadt) und in Talheim (Tuttlingen), ist es Sitte, wenn künstliche Blumen und Kranze (unter diesem künstlichen Material findet sich auch manchmal Kranzschmuck aus Perlen)358) an der Bahre befestigt werden, das Bahrtuch nicht aufzulegen359). In Mecklenburg bedecken die Landleute die Kranze auf Gräbern häufig mit einem Topfe, doch darf derselbe noch nicht gebraucht sein360).

    Wie stark andererseits das Denken darauf gerichtet ist, den scharfen Trennungsstrich zwischen der Welt des Lebendigen und dem Bereich des Todes zu ziehen, zeigt eine Fülle von Bräuchen auf, in denen der Kranz infolge seiner engen Beziehung und Zugehörigkeit zum ganzen Sterbe- und Bestattungsvorgang aus dem Kreis des Lebens verbannt werden soll. Er ist so stark mit dem Wesen des Todes verbunden, daß er mit allen übrigen Attributen des Todes aus der menschlichen Existenz herausgelöst werden muß, weil die Tendenz des Toten, andere Opfer nach sich zu ziehen, auf Grund seiner festen Verschmelzung mit dem Charakter des Todes auf ihn selbst übergegangen ist.


    Der Kranz an sich bedeutet und bringt schon Tod361). Kinder bekränzen, besonders unter einem Jahr, ist gefährlich, sie sterben oft362). Es bedeutet einen Todesfall, wenn man im Traum Kranze sieht363). Einem Kranken darf man keine Kranze aufs Bett legen, man würde ihm gleichsam mit diesen den Tod selbst bringen und die Krankheit verschlimmern364). Die Kranze dürfen das Angesicht des Toten nicht berühren, da dies sonst einen weiteren Todesfall in der Familie nachsichziehen würde365). Wer an einem Kranz riecht, stirbt noch in dem selben Jahr366). Binnen Jahresfrist stirbt, wer an einem Kranz etwas ändert367), wer von einem Kranz etwas wegnimmt368). Wenn im Trauerhause ein Kranz vergessen369) oder unbewußt liegengelassen wird370), wenn ein Kranz aus Versehen gebracht wird371) oder nachträglich für einen Toten ins Haus gebracht wird372), wenn vor den Chorknaben ein Kranz von einem Sarge fällt373), ist jeweils der Tod eines Familienmitgliedes damit angekündigt. In die Reihe dieser Beispiele gehört ein alter Brauch aus Irland. Am 1. September wurde eine Blumenkrone zum Kirchhof gebracht. Nur junge Mädchen durften die Blumen dazu sammeln und diese Totenkrone winden. Der schönste Jüngling des Dorfes trug sie in Prozession zum Kirchhof; an der obersten Spitze waren Äpfel aufgehängt, fiel einer davon während der Prozession herunter, so war das ein glückliches Zeichen, geschah es aber auf dem Friedhof, so bedeutete es Unglück374). Es kommt auch vor, daß diese Anschauung der gefahrbringenden Wirkung des Kranzes in ihr Gegenteil verkehrt wird, daß man z.B. (Radevormwald), wenn man einen Kranz (eine Krankenschwester, einen Buckligen oder einen Sarg) sieht, bald darauf viel Freude erlebt375).


    Die Bedeutung des Totenk.es als Gabe an den unreinen Toten zur Abwehr der verunreinigenden Dämonen376) und als betonte Lebensträger gegenüber dem Bereich des Todes möge ergänzt werden durch eine dritte Möglichkeit, die ins Altertum zurückführt. Die Tatsache, daß Kranz und Krone gleich der Palme im Altertum Sinnbilder des Sieges waren (Gladiatoren und Krieger wurden durch sie geehrt und beim Siege ausgezeichnet, vgl. auch Psalm 93, 13), läßt auf eine christliche Umformung dieses Gedankens in dem Sinne schließen, daß die Totenkrone heute als Sinnbild des Sieges über Fleisch und Welt, der Glaubenszeugenschaft und des Märtyrertodes zu nehmen sei377). Nach Grimm378) ist mit dem Totenk. ursprünglich »Krone des ewigen Lebens« gemeint.


    „Ich bin so etwas wie ein Antikörper der New-Age-Bewegung. Meine Funktion besteht darin, auf die Möglichkeit aufmerksam zu machen, hey, weißt du, einiges von all dem Kram könnte auch riesengroßer Quatsch sein!“


    Ceterum censeo progeniem hominum esse deminuendam.

  • 17. Im Mai- und Brautk. haben wir die bedeutendsten Kranzbräuche. Darüber hinaus soll der Kranz allen feierlichen Anlässen des Lebens Glück und Segen bringen. Die Formen, die sich dabei ausbilden, kehren immer wieder, so beim Hausbauen. Ist das Haus fertig im Rohbau, der Dachstuhl errichtet, dann findet das Richtfest379) statt. Kranzmädchen haben den Richtk. gewunden380), der zum Fest einladende Bursche hat die Bänder für den Kranz gesammelt381). In feierlichem Zuge bringt man den Richtk. zum neuen Haus. Die Tochter oder Magd des Bauherrn umschreitet hinter einem Besenkehrer (s.d.) dreimal mit ihm das Gebäude382). Der Zimmermeister hält vom höchsten Firstbalken eine Rede383), in der er Gott um Abwendung von Feuer, Blitz und Sturm bittet und der Mitarbeiter ehrend gedenkt. Das Haus wird dem Bauherrn übergeben und der Richtk. am Giebel befestigt384). Statt des Kranzes hat man oft seine ursprüngliche Form, den Maistrauch, oder seine weiter entwickelte, die Richtkrone385). Alle drei Arten des Fruchtbarkeitsbaumes sind mit Eiern, Äpfeln, Nüssen, Rauschgold, Tüchern behängt. Oft ist ein Hahn (s.d.) auf der Krone angebracht386) oder eine Puppe hineingesteckt387), die hinterher entzweigeschlagen wird388) (vgl. Abs. II), oft hängt Schinken und eine gefüllte Flasche daran389). Durch all das soll Glück und Segen in das neue Haus einziehen390).


    Ein Kranz (Laubgewinde mit fünf Rosen) als Hausmarke oder Baumeisterzeichen soll sich am Eingang zum alten Ruprechtsbau in Heidelberg befinden391).

    Ein grüner Kranz an Wirtshäusern (s. v. Bier) war das Zeichen für Ausschank von Wein und Bier und wurde zum Erkennungsmal für Wirtshäuser überhaupt392).



    18. Daß das Material der Kranze für ihre zauberische Wirkung von Wichtigkeit ist, haben wir oft gemerkt. Der Kranz konzentriert in solchem Falle die den Pflanzen innewohnende Kraft. Aus der steten Verwendung bestimmter Blumen meist in einfacher oder neunfacher393) Art ergibt sich für sie der Name »Kranzblumen«, Kränzelkraut usw.394). Solche Kranzblumen wurden in Stellvertretung der Opfertiere, die sie zu schmücken pflegten, bei einer römischen Hochzeit ins Opferfeuer für die Hausgeister (Lares)395) geworfen, wofür die Parallele unter »Johannisk.« und »Kranzopfer« (s. Spalte 402) einzusehen ist. Das bayrische Kränzelkraut für den Fronleichnamstag, den »Kränzeltag«, ist Mauerpfeffer (s.d.), Feldquendel u.a.396). Radeblumen-, Tausendgüldenkraut oder Gundermannskränzel lassen Hexen erscheinen397). Die moosgrüne Wucherung des Hagedorn, zum »Schlafkränzchen« gewunden und unter das Kopfkissen gelegt, hilft gegen Schlaflosigkeit398). Lorbeerk.e schützen vor Blitzschlag schon im Altertum399), überhaupt läßt sich auf dem Gebiet der Kranzblumen eine weitgehende Übereinstimmung mit antiken Anschauungen feststellen (z.B. Veilchenk. ist ein munus virginale, Weidenk.e halten die Liebe fern)400). Die Blume des Hochzeitsk.es ist Rosmarin401).


    Der bekannteste Blumenk. ist der Rosenk.402). Er ist der Kranz der Johanniszeit. Bei dem Rosenfest verschenkt man Rosenk.e403), tanzt unter der Rosenkrone, der Roozenhoed, wie sie in Flandern heißt404), oder unter dem Rosentopf oder um ihn herum, der die Krone abgelöst hat405). Nach alledem nennt man etwa eine Tanne mit Kranzen, wie man sie beim Umzug trägt, in Westfalen den Rosenbaum406). Weiterhin ist der Rosenk. Tanz- und Liebesschmuck407) und besonderes Sieges- und Ehrenzeichen auch schon im Mittelalter408). Die geschichtlichen und volkskundlichen Beziehungen, die sich hier ergeben, zum frühma. Rosengarten u.a.409) einerseits und zum Rosenk. als Gebetsschnur410) s.d.



    19. Kranzgebäck gibt es überall in Deutschland411). In Bayern bildet es eine Mehlspeise beim Hochzeitsschmaus412). Im Alemanischen findet es sich als Eier-, Hefen- oder Neujahrsk. Auch hier wird es, wie auch sonst, als Teiggeflecht geformt413). Am Rhein ist es bekannt als Neujahrskränzel, in Schwaben als Neujahrsbrezel oder Ring, im Elsaß unter Neujahrsstollen414). Die Zeit, zu der diese Art Kränzel gebacken werden, ist also vorwiegend Neujahr415). Ferner werden (außer besonderen Gelegenheiten416)) Pfingsten genannt417).


    Es ist allgemeiner Brauch, daß die Bäcker ihren Kunden zu Neujahr einen »Kranz« schenken418). Schulkinder verehren ihrem Lehrer, Konfirmanden ihrem Pfarrer einen solchen Kranz oder Brezel419). Kranzgebäck wird auch in den Wirtshäusern am Dreikönigstag ausgespielt420). Die Taufpaten beschenken die Wöchnerinnen mit »Kranzbrot« oder »Kranz«421). Das häufige Auftreten des Kranzgebäcks zu Neujahr hat die Deutung veranlaßt, daß hier ursprünglich wohl der Umkreis des Jahres symbolisiert werden sollte422). Man hielt es für ein Überbleibsel der römischen strenae, das sind die Neujahrsgeschenke der Untergebenen an hohe Personen, Patrizier, hohe Beamte, ja an den Kaiser423).

    Die andere Bedeutung, die dem Kranzgebäck zukommt, ist seine Rolle innerhalb der Liebeskunst. Die Mädchen müssen ihren Verehrern zu Pfingsten ein Backwerk schenken, genannt das Pfingstkränzel. Dafür werden sie in der Kirmeszeit zum Tanz geführt424). Bei den Friesen (Kr. Altkirch) bringen die ledigen Burschen ihren Geliebten in der Silvesternacht einen Kranz oder eine Brezel, der bis zum Fest der Heiligen Dreikönige aufbewahrt und dann mit Wein gemeinschaftlich verzehrt wird425). In der Schweiz schenken die Burschen, die das Neujahr anschießen, um dadurch die bösen Geister aus den Lüften zu verscheuchen, ihren Mädchen zum Neujahr sog. Neujahrsk.e, wofür sie von diesen mit Kaffee und Kuchen bewirtet werden426).


    Man hat von der Form der Kranze ausgehend Beziehungen zum Sonnenrade und damit zum Sonnenkult auffinden wollen. Gegen diese Deutung spricht die Tatsache, daß sie gerade an solchen Festtagen fehlen, die einen ausgesprochenen Sonnenkult aufweisen, z.B. Sommersonnenwende, Lichtmeß usw.427). Näher liegt dann vielleicht der Zusammenhang zum Totenschmuck. Dafür spricht, daß das Gebäck noch an den verschiedenen Neujahrstagen verlost wird, gleichsam wie ein Totennachlaß (in der Schweiz). Ihre häufige Verbindung mit dem Zopfgeflecht unterstützt diese Vermutung428).

    Eine Art Kranzorakel bedeutet es, wenn in der Eifel (St. Vith) die Braut vor ihrem Eintritt in das Hochzeitshaus einen Weizenkringel oder -k. rittlings über den Kopf unter die nicht geladene Dorfjugend wirft, die sich um dessen Besitz reißt. In diesen Kranz ist eine Weidenrute oder ein starkes Seil hineingebacken429).



    Lexikon: Kranz. Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens (vgl. HWA Bd. 5, S. 381 ff.)

    „Ich bin so etwas wie ein Antikörper der New-Age-Bewegung. Meine Funktion besteht darin, auf die Möglichkeit aufmerksam zu machen, hey, weißt du, einiges von all dem Kram könnte auch riesengroßer Quatsch sein!“


    Ceterum censeo progeniem hominum esse deminuendam.