Aberglaube: Niesen

Schon gewusst…?

Beifuß

Das Beifuß-Kraut wurde in früheren Zeiten in Mitteleuropa zur Sommer- und Wintersonnenwende (vor allem in den zwölf Rauchnächten) zusammen mit anderen getrockneten Kräutern zur Abwehr von bösen Geistern in Häusern und Ställen als Räuchermittel genutzt. Der Ursprung dieses Brauchtums liegt vermutlich in alten kultischen Handlungen der Germanen.

  • Niesen


    1. Alt und verbreitet ist der Brauch, dem Niesenden einen Glückwunsch zuzurufen1), namentlich Kindern2). Die gewöhnliche Formel ist »Helf Gott!« (s.d.)3). Wer kein »Helfgott« bekommt, gehört dem Teufel4), der andrerseits seine Macht über den verliert, dem das »Helfgott« zugerufen wird5).


    Zur Begründung des Brauches erzählt man: der Teufel hat ein großes Register aller Menschen; darin liest er gelegentlich, und jedesmal, wenn er einen Namen ausspricht, muß der Betreffende »prusten«. Deshalb wünscht man ihm Glück6). Nach dem Midrasch soll ehemals der Mensch gleich nach dem Niesen gestorben sein. Erst auf Jakobs Bitte hat Gott das geändert; seitdem sei es üblich, dem Niesenden »Gesundheit!« zuzurufen7). Gewöhnlich wird die Entstehung der Wunschformel auf Pestzeiten zurückgeführt. Man glaubte, die Krankheit habe sich zuerst durch heftiges Niesen geäußert, das nicht eher aufgehört habe, als bis der Tod eingetreten sei. Alle Menschen seien gestorben, denen man nicht das Helfgott zugerufen habe8).

    Zur Deutung des eigentlichen Sinnes dieses Heilwunsches stehen wie bei der volkstümlichen Auffassung des Gähnens (s.d.)9) zwei entgegengesetzte Vorstellungen zur Verfügung; einmal die, daß beim Niesen etwas Dämonisches oder etwas vom »Seelenstoffe« des Menschen aus ihm herausfahre10), zweitens die, daß etwas Böses in ihn hineingeraten könne11).



    2. Niesen gilt als gefährlich


    Wer niest, soll ein Kreuz über den Mund machen12) oder beten13). Wenn in Abessinien während des Empfanges der König scheinbar n. muß oder irgend eine Bewegung machen will, so breitet ein Offizier sogleich seinen Mantel um ihn aus, um ihn vor dem bösen Blick zu schützen14). Wer niest, ist nach keltischem Glauben der Gefahr ausgesetzt, von den Feen weggeschleppt zu werden15). Zu Beverau im Hennegau geschah es häufig, daß die Kinder, während sie gewickelt wurden, niesten, als wenn es kein Ende nehmen wollte. Man konnte darauf rechnen, daß alsdann eine Hexe vor der Tür stand und aufpaßte. Wenn die Mutter dem Kinde kein »Gott segne dich« zurief, dann war es bezaubert16). Vereinzelt wirkt das Niesen auch nach außen hin schädlich. Wenn ein Kind bei einem Vogelnest niest, so lassen die Vögel das Nest im Stiche, oder der Kuckuck saugt die Eier aus17).


    Gegen zu vieles und zu starkes Niesen hilft Waschen der Hände mit warmem Wasser, Reiben der Fußsohlen und Handteller mit Bürste oder Flanell, Reiben der Augen und Ohren mit den Fingern18). Auch wird empfohlen, einige Tropfen Anisöl in den Wirbel des Kopfes einzureiben19). Im Altertum führte man gegen Niesen den Fingerring von der einen Hand auf die andere über; er hat die Krankheitsgeister festgehalten, und durch den Umtausch wird man sie wieder los20).



    3. Ebenso häufig bringt das Niesen Glück


    Wenn ein Sulu niest, sagt er: »Nun bin ich gesegnet, der Jdhlozi (Geist eines Ahnen) ist in mir«21). Ein neugeborenes Kind muß n.22). Wenn es vor der Taufe niest, wird es klug (Erzgebirge)23); es fallen ihm reiche Geschenke zu24). Wenn ein Kranker niest, so wird er wieder gesund25). Ein Schnupfen, bei dem man recht häufig niest, verläuft gut26). Ein englischer Arzt des 17. Jh. pflegte zu sagen, daß der Kranke, der zweimal hintereinander niese, aus dem Hospital entlassen werden könne27). Elias bringt den toten Sohn der Sunamitin durch seine Zauberkünste zu siebenmaligem Niesen und vertreibt dadurch den Krankheitsdämon28). Wenn in Irland ein krankes Kind niest, treibt es die Geister heraus, und der Zauber ist gebrochen29). Selten ist eine Wirkung nach außen. Wenn in Estland ein Gefäß, das zur Bierbereitung dient, beschrien ist, so läßt man ein Pferd darauf n.30).

    In der Volksmedizin wirkt das Niesen ableitend und wird daher durch allerlei Mittel hervorgerufen31). Im 16. Jh. machte man aus Bibergeil und geriebenen Rautenblättern ein Niespulver32). Hippokrates empfiehlt Niesmittel zur Abtreibung der Frucht33). Convallaria wurde als Niespulver beim Schlaganfall angewandt34). Wenn man niest, ist man in den nächsten 24 Stunden vor einem Schlaganfall sicher35). In Finkenwärder heißt es von einem, der niest: »Süh, dat Hatt is noch gesund« und bei Kindern: »dat Hatt wasst«36).

    Will man Niesen unterdrücken, so soll man rasch ein Kreuz auf der Nase machen. Das Unterdrücken ist aber nicht ratsam37).



    4. Das Niesen ist vorbedeutend, überwiegend im guten, nicht selten aber auch im schlechten Sinne38). Wohl die meisten hierher gehörenden Einzelheiten des Volksglaubens wurzeln in der Antike39). Die Schriften der Prediger in der älteren abendländischen Kirche bekämpfen häufig den Brauch, aus dem Niesen zu weissagen40). In einer Predigt des Eligius († 659) heißt es: Auguria vel sternutationes nolite observare41).


    Das Niesen am Morgen in nüchternem Zustande ist besonders beachtenswert42): man bekommt etwas geschenkt43), erfährt eine Neuigkeit oder erhält einen Brief44), ein Geschenk oder Schelte45), Besuch46), fällt in Dreck47). Nüchtern n. bedeutet Glück48), aber auch Unglück49).

    Muß man mehrmals nacheinander n., so ist das ein Zeichen, daß in der Familie bald etwas Außergewöhnliches geschehen werde50).

    Wenn man am Morgen zweimal nacheinander n. muß, so bedeutet das Glück, man bekommt einen Brief oder ein Geschenk51). Einmal n. bedeutet Unglück, zweimal Glück52).

    Am Morgen dreimal nacheinander n. verheißt Glück und Freude53), ein Geschenk54), Besuch55). Wer dreimal niest, ist ein guter Christ56), wird selig57). Wenn man am Morgen nüchtern dreimal n. muß, hat man den Tag über Freude, wenn zweimal, Leid58). Wenn der Nieser drei sind, »so sein vier dieb umb das hus« (Hartlieb)59).

    Wiederholtes Niesen bedeutet überhaupt Glück für den Betreffenden; er hat noch etwas zu erwarten, besonders Besuch; es gibt schön (hell) Wetter (Rheinland)60). Wer oft hintereinander n. muß, bekommt entweder etwas geschenkt oder wird geschändt = ausgescholten61). In Nassau werden in solchem Falle ein Rausch, Empfang von Geld oder auch Schläge prophezeit62).

    Wer in Japan einmal niest, den lobt man, zweimal, der wird verleumdet, dreimal, über den wird gelacht, aber viermal, der ist wirklich erkältet63).

    Wer auf einem Wege fünfmal n. muß, der findet etwas64). Auch für sechsmaliges Niesen gibt es bedeutsame Erklärungen65).

    Nur wer siebenmal hintereinander niest, wird den Schatz heben, den die Lohlaterne im Wäldchen bei Buttstädt bewacht66). Dreizehnmal n. ist sehr gut67).

    Einmaliges oder dreimaliges Niesen bedeutet aber auch Unglück68). Wer morgens beim Aufstehen niest, befürchtet einen Unfall69). Nüchterner Ernuß bringt Kummer und Verdruß70). Morgeg'nuss (niesen) de ganze Tag Verdruss71). Niesen am Morgen bringt zum Abend Verdruß72). Niest man am Morgen früh, so bekommt man Schelte von der Frau vor Sonnenuntergang; ist man ledig, so bekommt man ein keifendes Weib73). Wer morgens nieset, fällt in Dreck; wer nachmittags nieset, hat Glück74). Niesen am Morgen – viel Unglück und Sorgen, n. am Abend – beglückend und labend75).

    Wenn jemand in der Nacht niest, so hat er eine arme Seele erlöst76). Wenn man in den Stunden von Mittag bis Mitternacht niest, ist es gut und glückverkündend77).

    Für die verschiedene Bedeutung des nüchternen Niesens an den einzelnen Wochentagen gibt es Sprüche und Verse78). Mitunter wird freilich der Reim die Bestimmung beeinflußt haben.

    Wenn man am Sonntag nüchtern zweimal niest, bekommt man eine frohe Nachricht (Ostpreußen)79). Wer am Sonntagmorgen im Bette niest, dem wird in der Woche etwas geschenkt werden (Island)80).

    Sehr gut ist es, am Montagmorgen zu n., denn »besser ist Montagsn. als Mutterkuß« (Island)81). Montag Morgen dreimal n. bringt Glück82).

    Wenn man am Freitag niest, bringt der Sonntag Unglück83).

    Wenn man am Samstag niest, kommt am Sonntag Glück84). Das Niesen am Samstag in aller Frühe ist ein Zeichen, daß der Niesende eine Arbeit, die er vornimmt, nicht zu Ende führen werde85). Wenn Sonnabend abends das jüngste Kind im Bette niest, so folgt eine glückliche Woche86).

    Niest jemand während der Andacht in der Christnacht, so bedeutet das Glück für die Gemeinde im neuen Jahre87). In den Christnachten niest man nicht, so stirbt das Vieh nicht88). Wenn man vom h. Abend bis zum Silvesterabend nicht niest, so stirbt man bald (Posen)89). Die Esten halten es für glücklich, wenn sie am Christtag n. und nehmen dazu Niesetoback. Niesen sie nicht, so glauben sie dasselbe Jahr weder Stern noch Glück, viel weniger Gedeihen an ihrem Vieh zu haben90).

    Wer am Neujahrsmorgen niest, der stirbt in dem Jahre nicht91). Dagegen wieder: wer am Neujahrsmorgen nüchtern n. muß, der stirbt binnen Jahresfrist92).

    Wer in der Kirche n. muß, hat Unglück93), Niesen beim Ankleiden verkündet der Jungfrau, daß sie bald Braut werde (im Bergischen)94). Wenn eines der Brautleute bei der Trauung niest, so wird die Ehe unglücklich (Erzgebirge)95). Welches von den beiden Brautleuten bei der Trauung zuerst niest, stirbt zuerst96). Muß der Geistliche während der Handlung n., wird er die beiden Brautleute noch im selbigen Jahre zum Gottesacker aussegnen, wie er sie hier einsegnet97).

    Wenn jemand in seine Netze niest, während er sie strickt oder ausbessert, wird er mit ihnen beim Fischfang Glück haben (Island)98). Niesen beim Schuhanziehen bedeutet Unglück99). Wenn man beim Aufstehen niest, soll man sich wieder ins Bett hineinlegen100). Mancher, der sein Haus verlassen will, gibt es auf, wenn er oder ein Hausgenosse niest101). In Bombay gilt es für eine böse Vorbedeutung, auf der Schwelle zu n., die ein heiliger Ort ist102).

    Niesen deutet auf einen baldigen Todesfall. Jarl Rögnvald muß eines Abends sehr n. Am folgenden Tage wird er erschlagen103). Wer früher dreimal hintereinander nieste, hat sterben müssen. Da hat man angefangen Hälf dr Gott zu sagen, und da ist es besser geworden104). Binnen eines Jahres stirbt, wer n. muß während der Predigt105), während der Wandlung106), während des Vaterunsers in den Christmetten, wenn ihm dabei jemand Gesundheit wünscht107). Niest der Pfarrer am Grabe, so stirbt bald wieder jemand (Siebenbürger Sachsen)108). Wenn im heutigen Griechenland ein Kind während der Totenklage niest, so ist das ein Vorzeichen seines vorzeitigen Sterbens. Die Mutter zerreißt sofort dessen Hemd von oben bis unten109). Niest man, während man von einem Toten spricht, so ziehe man sich beim Ohr, um vom Toten nicht gerufen zu werden110). Wenn auf Fidji bei der Gedächtnisfeier für einen Toten seine Besitztümer zusammengehäuft und verteilt werden, darf keiner seiner Verwandten n.111). Wenn jemand beim Melken einer Kuh niest, so wird man, ehe die Milch verzehrt ist, einen Todesfall vernehmen (Norwegen)112).

    Wenn zwei zugleich n. oder zugleich dieselbe Meinung aussprechen, wird eine arme Seele erlöst (Inntal)113). Wenn bei den Esten zwei schwangere Weiber zugleich n., so bilden sie sich ein, daß sie beide Töchter bekommen werden, n. aber zwei Männer, deren Weiber schwanger sind, zugleich, so solls Söhne bedeuten114).

    Kann einer trotz Anschickens nicht n., so wird er bei der Nase geführt werden (Bukowina)115).

    Wenn der älteste Mann im Hause niest, während man Lebensmittel herrichtet, wird ein Hungriger kommen und von dieser Speise essen. Man nennt das »andern einen Gast n.«. Niest aber der jüngste Mann, so niest er mehr Speise ins Haus (Island)116).

    Bei den Ten'a-Indianern am mittleren Jukon in Alaska ist Niesen aus dem linken Nasenloch ein schlechtes Vorzeichen, aus dem rechten ein gutes117). In Tirol zeigt Kitzeln im rechten Nasenflügel eine angenehme Neuigkeit an, im linken eine unangenehme118).

    Wenn die Pferde, mit denen man auf Besuch fährt, unterwegs n., so glaubt man in Ostpreußen, daß man willkommen ist; ein niesendes Pferd warnt in einer Harzsage seinen Herrn, einen Räuber, vor Beobachtung119).

    Wenn Kinder n., wird es schneien (Oldenburg)120).



    5. Eine Art von Umkehrung des vorbedeutenden Niesens ist die nachträgliche Bekräftigung eines Gedankens oder eines ausgesprochenen Wortes durch Niesen Das Gesagte wird bestätigt


    a) durch das Niesen des Redenden selbst. Wenn jemand spricht und dabei niest, so hat er die Wahrheit gesagt121),


    b) durch das Niesen eines Anwesenden. Den Wunsch der Penelope nach Heimkehr ihres Gatten begrüßt zu ihrer Freude Telemachos mit gewaltigem Niesen122). Als ein Krieger die ermunternde Rede Xenophons mit einem Niesen begleitet, wird das von allen als ein Zeichen des Retters Zeus aufgenommen123). Niest jemand, während ein anderer etwas erzählt oder eine Behauptung aufstellt, so ist die Äußerung wahr124),


    c) durch das eine oder das andere125).



    6. In vielen Sagen wird von Geistern erzählt, die sich durch ein oft mehrfach wiederholtes Niesen kundgeben. Erfolgt darauf das »Gotthelf« eines Vorübergehenden, so ist der Geist erlöst. Wenn der Wunsch ausbleibt oder gar durch einen ungeduldigen Fluch ersetzt wird, so muß er weiter umgehen, gewöhnlich so lange, bis der Baum für die Wiege des künftigen Erlösers (s. oben 2, 935) gewachsen und verarbeitet ist126). Oft ertönt das geisterhafte Niesen unter einer Brücke127) oder bei einer Mühle128) oder der Geist ist eine Wäscherin129). Nach Laistner130) ersetzt das Niesen in solchen Sagen die zudringliche Frage der Mittagsfrau und ähnlicher dämonischer Gestalten, auf die das »rechte Wort« erwartet wird. Die Vorstellung des Niesens mag durch allerlei Geräusche, namentlich im Wasser, angeregt werden131). Vgl. das Lachen und Weinen der Geister.



    7. Der Wind ist nach Zigeunerglauben des Teufels Niesen132). Man erkennt diesen, mag er noch so gut verkleidet sein, am besten daran, daß er beim Anblick des Kreuzes in ein erschreckliches Niesen ausbricht133).




    Lexikon: niesen. Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens (vgl. HWA Bd. 6, S. 1072 ff.)

    „Ich bin so etwas wie ein Antikörper der New-Age-Bewegung. Meine Funktion besteht darin, auf die Möglichkeit aufmerksam zu machen, hey, weißt du, einiges von all dem Kram könnte auch riesengroßer Quatsch sein!“


    Ceterum censeo progeniem hominum esse deminuendam.