Aberglaube: Pest

Schon gewusst…?

Der norwegische König Olav I. Tryggvason drohte im 10. Jahrhundert damit, alle Isländer in Norwegen töten zu lassen, nachdem ihm der aus Island zurückgekehrte Missionar Þangbrandr (Thangbrand) mitgeteilt hatte, dass wenig Aussicht auf eine Christianisierung des Landes bestehe.

  • Pest


    1. Allgemeines

    Erinnerungen an Pestzeiten.


    2. Pestfriedhöfe. Totenwagen


    3. Vorboten der Pest


    4. Der Weg der Pest


    5. Entstehung und Verbreitung


    6. Erscheinungsformen


    7. Menschengestaltige Pestdämonen


    8. Mittel gegen die Pest


    9. Opfer und »Sündenbock«


    10. Auswirkungen der Pest


    11. Schluß der Pest


    1. Die aus dem Morgenlande stammende Beulen-, Drüsen- oder Bubonenp., die schlimmste Seuchenplage des mittelalterlichen Europas, suchte Deutschland zuerst im 6. Jh. und dann vom 9. bis zum 18. Jh. in verschiedener Heftigkeit heim. Am schlimmsten wütete sie als »Schwarzer Tod« in den Jahren 1347–13501). In einer Menge von Sagen lebt ihr Andenken fort2). Die volkstümlichen Überlieferungen von ihr beziehen sich oft auf bestimmte Jahre ihres Auftretens, öfter haben sie keinen genauen zeitlichen Anhaltspunkt. Der Volksmund bezeichnet auch jede p.artig wandernde, rasch sich ausbreitende ansteckende und bösartig verlaufende Seuche als Pest, namentlich typhöse Fieber und Cholera3).

    Das gefürchtete Kennzeichen der eigentlichen Pest waren die Pest- oder Reeflecken4). Bei einer besonderen Art mußten die Leute immer niesen (s.d.) oder gähnen (s.d.), bis sie tot niederfielen. Wenn man sagte: »Helf Gott«, kamen sie davon5). Beim Gähnen, heißt es an der Mosel, geht die Pest als blaues Flämmchen dem Menschen in den Leib und durch die Nase wieder heraus6). Im Jahre 1348 herrschte zu Erfurt eine schlimme Pest, wo die Jugend unter Lachen und Händeklatschen starb7).

    Die Erinnerung an die mörderische Krankheit erhielt sich lange, z.T. bis heute und knüpfte sich an Pestkapellen8), Votivbilder9), Steine und Kreuze10), Säulen11), Fahnen12), Münzen13) an. Die »Totentänze« halten die unterschiedslose Raubgier der Seuche fest14). Prozessionen, in Pestzeiten gelobt, werden noch jetzt abgehalten15); desgleichen Pestmessen16). Bruderschaften zum Begraben der Toten führen ihren Ursprung auf Pestzeiten zurück17), Zünfte ihre besonderen Tänze und Spiele18), Dörfer ihre Passionsdarstellungen19). Zum Andenken an das Aufhören einer Pest wird der »Drachenstich« in Furth (Oberpfalz) begangen20). Im Tal Martell soll zum ewigen Gedächtnis die »Holepfann« (Feuerabbrennen mit Scheibenschlagen am ersten Fastensonntag) eingeführt worden sein21). In der Gemeinde Onach im Pustertal wird jährlich am Samstag vor dem fünften Sonntag nach Ostern ein gemästeter Stier für die Armen geschlachtet22). Im Orte Damm gelobte man 1606 für den Freitag vor Michaelis eine jährliche Feier mit Predigt und Fasten und Feuerverbot für Arbeit und Kochen. Die Frammersbacher taten der Pest wegen das Gelübde, daß alle Weiber an Sonn- und Feiertagen nur schwarze Joppen und Röcke und die Männer nur graue Röcke tragen sollten, was bis in die neuere Zeit gehalten wurde. In Eichenberg wird am Montag nach Michaelis keine Feldarbeit vorgenommen, und früher fasteten Menschen und Vieh23).



    2. Für die Menge der Pesttoten waren besondere Friedhöfe (Pestanger, Pestilenzlöcher, Pestäcker, Leutäcker) nötig und vorgeschrieben24). Sie wurden nicht geweiht und hießen auch Eselsgräber25), daher an ihnen öfters die Sage von einem Manne haftet, der die Leichen auf einem Esel hinausschaffte26). Der Pestfriedhof der »Höttingerried« wird noch als Wallfahrtsort besucht27). Ebenso der bei Reutte. Hier begleitet mitunter ein altes, kleines Weiblein den Beter, betet lautlos mit und verschwindet vor der Kirchhofsmauer. Viele haben nachts auch die armen, unerlösten Seelen der an der Pest Verstorbenen jammern hören28). Die Heimbacher legten wegen Überfüllung ihres eigenen einen Pestfriedhof in einem Nachbarorte an. Als man die erste Leiche dort begrub, hörte die Pest in Heimbach auf29). Auf dem Platze um den Pestfriedhof bei Schweinhütt wächst nichts. Leute sahen einst, wie einem dort ackernden Knechte ein Weib im blauen Gewande mit weißem Kopftuch die Ochsen leitete. Der Bursche selbst sah nichts30). Auf demselben Friedhof wollte einst einer ein kleines Holzstöcklein aus der Erde graben; da brach ihm das Eisen in drei Stücke31). Als einer mal in der Bärnauer Pestgrube nachsuchen wollte, stieg ein bläulicher Rauch auf und tötete ihn32).

    Die Radfelgen der Totenwagen in den Städten wurden mit Filz bekleidet, um den Schrecken nicht zu mehren33). Wenn in Schweinhütt der Leichenwagen abends heimgefahren war, ließ man ihn im Dorfe stehen; am andern Morgen zeigte jedesmal die Deichsel gegen den Pestfriedhof hin. Daran sahen die Leute, daß schon wieder etliche Leichen im Dorfe seien34). Noch lebende Kranke sollen nicht selten mitbegraben sein, »weil es so in einem hinging«35), manchmal sich auch noch im letzten Augenblick gerettet haben36).



    3. Durch allerlei Zeichen kündet der Ausbruch der Pest sich an. Im Jahre 1685 erschienen am 26. Juni abends 10 Uhr zu Leisnig vier Gespenster, die eine Bahre von einem Tor zum andern durch die Stadt trugen37). In Görlitz zogen 1585 mitten im Sommer die wilden Gänse fort, die Hunde fingen greulich an zu heulen, ins Rathaus schlug der Blitz. Eines Nachts Mitte Juli ward ein unausstehlicher Geruch wahrgenommen38). In Bautzen hörte im Jahre 1584 im Anfang des Frühlings ein betrunkener Bauer ein grauenvolles Geschrei wie von vielen weinenden Menschen; im Oktober begann die Pest39). In Lengefeld im Erzgebirge ließen sich 1680 zwei weiße Schwalben auf dem Kirchhof sehen, in Marienberg hörte man zehn Wochen vor der Pest ein stetes Poltern und Fallen bei Nacht in der Kirche, und auf dem Altar erloschen beide Kerzen, die Glocken wurden unnatürlich schwer usw.40). Vor der Pest des Jahres 571 zeigten sich Nebensonnen ein Komet, eine Sonnenfinsternis. In der Kathedrale von Clermont löschte eine Lerche bei der Frühmesse sämtliche Lichter aus, und in der Andreaskirche geschah das nämliche41). Auch im Jahre 615 verfinsterte sich die Sonne, worauf im Herbst ein großes Sterben erfolgte42). Drei Monate nach der Sonnenfinsternis des Jahres 679 brach die Pest aus, die Ticinum (Pavia) entvölkerte43). Im Jahre 934 verkündeten in Rheims blutige Flammen am Himmel wie Speere und Schlangen die bevorstehende Pest44). Häufig deutet der Komet einen »großen Sterb« an45), starke Erdbeben die Pest von 155446). Vorboten sind ferner: ein kleines, weißes Kind47), ein Holzweibchen48), ein alter Mann49), eine blaue Taube50), der »Pestvogel«51). Ehe »das Pest« kommt, fallen Würmlein vom Himmel, zeigen sich nachts, wie vor allen »Sterbet«, Totenkopf und Bahre am Himmel52). Wenn Strichvögel, z.B. Dohlen, an Orte kommen, wo sie sonst nicht gesehen werden, folgt ihnen die Pest nach53). Scharen von Raben zeigten sich vor der großen Pest in Frankreich 1561–156354). Wenn Schwärme von Schmeißfliegen in unbewohnte Zimmer geraten und dort bleiben, so deutet das auf Pest55). Im Norden ist ein halbmondförmiger Schein an der Hauswand Vorzeichen großen Sterbens und wird Urdarmáni (Urds Mond) genannt)56). Oft gilt der Zug des wilden Heeres als Vorbote der Pest57). Wind in der Neujahrsnacht deutet auf Pest58), desgleichen Nebel an Pauli Bekehrung (s.d.)59).



    4. Die Pest geht, fährt oder reitet60). Sie hinkt, aber so schnell wie der Wind. Sie kann aber nicht über Wasser kommen, ein Mensch muß sie hinübertragen61). Sie hat überhaupt die Neigung, getragen zu werden62). Balkanvölker glauben, sie ziehe immer die gerade Straße und meide die von Gestrüpp und Dornen besetzten Wege. Wer diese benutzt, dem kann sie nicht schaden63). Dagegen kam sie in Strücklingen im Saterlande im Zickzack den Weg entlang64).


    „Ich bin so etwas wie ein Antikörper der New-Age-Bewegung. Meine Funktion besteht darin, auf die Möglichkeit aufmerksam zu machen, hey, weißt du, einiges von all dem Kram könnte auch riesengroßer Quatsch sein!“


    Ceterum censeo progeniem hominum esse deminuendam.

  • 5. Die Pest entsteht durch die Bosheit von Leuten, die mit dem Teufel im Bunde stehen65). In der Gemeinde Mettersdorf hörte sie erst auf, nachdem vierzig Hexen verbrannt worden waren66). Vielfach wurden die Juden beschuldigt67). Man schrieb die Krankheit einer Vergiftung der Brunnen zu und grub frische68). Auch alle Feuer löschte man aus und entzündete ein Notfeuer, von dem alle Haushaltungen sich für ihren Herd versorgten69). Viele gaben dem Einfluß der Sterne schuld70). Der schwarze Tod vom Jahre 1348 wurde auf eine Konjunktion der Planeten Saturn, Jupiter und Mars im Wassermann zurückgeführt71).


    Übrigens kamen auch die Totengräber öfters in den Verdacht, die Seuche mit bösen Mitteln, z.B. durch das Ausstreuen von Pestpulver, veranlaßt oder verbreitet zu haben72).


    Ein Kalterer, der sich angesteckt fühlte, beschloß die Sterblichkeit auch in Ober-Planitzing zu verbreiten, starb aber unterwegs; aber sein Pferd brachte die Krankheit dorthin. Er muß daher als kopfloser Schimmelreiter umgehen73). In England glaubte man zur Zeit des schwarzen Todes, daß schon ein Blick aus den verzerrten Augen eines Kranken genügte, um den anzustecken, auf den er gerichtet war74). In Bottrop im Münsterschen kam 992 eine Mißgeburt zur Welt. Alle, die das Ungeheuer anblickten, bekamen die Pest, die sich dann in ganz Deutschland ausbreitete75). Zur Ansteckung genügte schon, daß die Sterbenden Namen riefen; die Träger wurden dann auch von der Pest befallen76). Von einigen Tierarten glaubte man, daß sie vor den Menschen von der Pest ergriffen würden, so die Schweine77) und die Hunde78). Mäuse galten als Pestbringer79). Daß in Ägypten die Pest vorwiegend durch Flöhe auf den Menschen übertragen wird, ist nicht bloß Volksglaube, sondern Tatsache80).


    Man wußte bestimmte Häuser anzugeben, von denen die Pest ihren Ausgang genommen haben sollte81). Ein Mädchen in Pirna öffnete aus Neugier ein verschlossenes Kästchen, das ihr von ihrem ungarischen Liebhaber übergeben worden war. Sie fand darin ein rotes, türkisches Tuch, tat es um und starb nach wenigen Stunden an der Pest82). Auf der Stadtmauer von Öls lag ein geheimnisvoller Gegenstand, die Pest Als ein Neugieriger sie anrührte, breitete sie ihre Schwingen aus und schwebte über der Stadt. Jener wurde ihr erstes Opfer83). In Strücklingen im Saterlande wehrte ein kleines Kind mit seiner Schürze die Pest ab. Sie fuhr in einen Plaggenhaufen und hörte zu wüten auf. Als man nach zwei Jahren den Haufen auseinander machte, ward sie frei, und in ganz Strücklingen blieben nur wenige Menschen übrig84). Auch das polnische Volk in Oberschlesien glaubt, daß sich die Pest in einem Hause verstecken könne. Sie setzt sich in einen Winkel nieder. Räumt man das Haus aus und berührt diesen Winkel, so ist sie gleich da und wirkt wieder verheerend85). Ein Töpfer in Freiberg riß 1572 eine Grube auf, in die beim Sterben 1564 Lumpen und Stroh aus den angesteckten Häusern geworfen war. Da stieg ihm ein widriger Dampf entgegen, und ein großes Sterben folgte86).

    Über das Freiwerden der verpflöckten Pest s. unten 8.



    6. Die geängstigte Einbildungskraft der Menschen verkörpert die Pest in verschiedenartigen Gestalten87). Sie naht als rabenschwarze Wolke88), dicker Nebel89), Nebelstreif90), schwarzer Nebel aus Nordost91), blaues Flämmchen92), bläulicher Dampf93), blauer Dunst94), Wolke95), weißer Rauch96), blaue Wolke97), kleine Wolke98), Rauchwolke99), Wolkenkappe100), Fadenknäuel101), schwarzes Tuch102), weißes Laken103), blaue Schürze104).

    Oft verbirgt sich die Pest in Tiergestalt. In Iserlohn sitzt sie als Würmlein in einer der sieben Linden auf dem untersten Kirchhof105). Eine im Jahre 550 in Wales wütende Pest stellte sich das Volk bald als eine gewaltige Schlange, bald als ein gelbes Gespenst vor106). Die Pest erscheint ferner als Spinne107), Fliege108), Schmetterling109), Maus110), Katze111), Hund112), blutroter Hahn113). In Burglengenfeld setzte sich ein storchähnlicher Vogel mit der sinkenden Sonne auf die Dächer und ließ während der Nacht seinen Wehruf ertönen. Er hieß der Pestvogel, und von seinen Augen gingen Feuerstrahlen aus. Darauf brach die Pest aus114). Der Seidenschwanz heißt in der Mindelheimer Gegend Pest-, Kriegs- und Sterbevogel115). Nach Frankreich bringt die Haubenlerche die Pest116). Nach dänischem Volksglauben reitet Hel zu Pestzeiten auf einem dreibeinigen Pferde umher und erwürgt die Menschen117). Auch als großer Bulle zieht die Pest durch die Dörfer. Wo das Vieh sein Brüllen hört, stirbt es118). Häufig gelten auch Drachen und Lindwürmer als Verbreiter der Pest119).



    7. Auch in menschlicher Gestalt zeigen sich die Pestdämonen. Apollonios bannte einen, der sich erst als Bettler, dann als Hund zeigte120). In Konstantinopel sah man zur Zeit des Kaisers Justinian schwarze Männer ohne Köpfe in ehernen Schiffen über das Meer nach verschiedenen Städten, denen die Pest bevorstand, fahren, und in Konstantinopel selbst liefen die Pestdämonen in der Gestalt von Geistlichen und Mönchen umher121). Vor dem Ausbruch der Pest in Hof (1519) ließ sich dort ein großer, schwarzer Mann in der Mordgasse sehen, der mit seinen ausgebreiteten Schenkeln die zwei Seiten der Gasse betrat und mit dem Kopfe hoch über die Häuser reichte. Das Sterben fing in der Mordgasse an122). Im Jahre 1669 ließ sich ein Mann mit drei Säcken über die Elbe fahren, in denen das hitzige Fieber, das kalte und die Pest steckten123). Auch nach Runö ließ sich ein Herr mit einem eckigen Hute unerkannt übersetzen und mordete. Er hatte einen kleinen Hund mit einer Schelle hinter sich und berührte die Schlafenden mit einem Stabe124). In ein Haus auf der Insel Worms trat ein kleiner, grauer Mann mit einem dreieckigen Hute, in der einen Hand ein Licht, in der andern einen Stab und unter dem Arme ein Buch tragend, in dem er blätterte. Wen er mit dem Stabe dreimal berührte, der wurde krank und starb125). Zu einem Bauernhofe an der Düna kam ein weiß gekleideter Mann auf einem weißen Pferde geritten. Am Arme hingen ihm sieben Ringe aus Bast. Er ließ sich über die Düna nach Livland übersetzen und blätterte ebenfalls in einem Buche126). In Ebnet (südl. Baden) sahen Leute einen durchs Dorf fahren mit zwei Schimmeln und auf dem Wagen einen Totenbaum. Ein paar Tage darauf brach in Ebnet die Pest aus. Alle Leute starben bis auf die, die den Totenbaum gesehen hatten127). Nach dem Glauben der sächsischen Wenden wohnt der Pestmann in der Erde, meist im Innern der Berge128).


    Das Pestmännlein, nackt, mit einem Laubgürtel um die Lenden, kommt aus dem Walde und bringt die Pest in seinem Hute ins Stift Rottenbuch129). So oft es in Bernsdorf bei Werda des Abends an die Haustür pochte, so viele Menschen starben drinnen am andern Morgen. Es war ein graues Männchen, das von Haus zu Haus ging und klopfte130). Vor dem Ausbruch der Pest im Simmental sah man ein schwarzes, unheimliches Männchen das Tal durchwandern131).

    Der Pestknabe wandert in grauer Kleidung mit seinem Stäbchen, das das Pestgift mitteilt, herum132). Nach Dagö brachten ihn Bauern in ihrem Boote. Trat er in ein Haus und die Bewohner riefen ihm den Gruß »Gott segne!« entgegen, so hatte er keine Gewalt133).

    Der Pestbringer als Sensenmann wirkt gewöhnlich zusammen mit einer Frau, die dann die eigentliche Verkörperung der Pest ist134). Bei Schweinhütt sahen Leute den Tod auf einer Wiese mähen. Sein Weib hat gerecht. Was durch den Rechen fiel, starb nicht135). Im Inntal sah man den Tod mit einer Sense über der Achsel und die Todin mit Rechen und Besen in der Hand zusammen wandern136). Auch im Prättigau war es ein Paar, das die Pest brachte, das Männlein trug eine Schaufel, das Weiblein einen Besen. Beim Wirte von Pardisla fraßen sie für dreißig und verschonten ihn dafür mit der Krankheit137). Die Pest, des Todes Dienerin, ist noch grausamer als dieser138).


    In Buchs kehrten vier Fremde ein und ließen alsbald den schwarzen Tod auf den nahen Sevelerberg los139). Die Transkaukasier erzählen, die Seuche werde durch zwei Reiter angemeldet, welche Zasmanagoz, die Pestverkündiger, heißen. Der eine ist rot gekleidet, der andere schwarz und hält einen schwarzen Stab in der Hand. Sie zwingen den ersten, der ihrer ansichtig wird, sie von Haus zu Haus zu führen. Menschen wie Tiere, die sie berühren, müssen sterben140). Im Salisburgischen stritt sogar eine Pest mit der andern. Die eine hatte weiße Kleider an und ritt auf weißem Pferde, ihr folgten weiße Vögelchen. Die andere ritt einen bläulich schimmernden Rappen und trug rote Kleider. Beide kämpften so lange, bis der Reiter auf dem Rappen den Sieg davon trug. In den Höfen, die er verteidigte, starb von der Zeit an niemand mehr an der Pest141).


    Von einem Pestengel ist schon Exod. 12, 23 die Rede. Im Jahre 679, bei der bösen Pest in Pavia, wurde vielen sichtbar, wie ein guter und ein böser Engel bei Nacht durch die Straßen gingen, und so oft der böse Engel, der einen Jagdspieß in der Hand hielt, nach dem Befehl des guten damit an die Tür eines Hauses schlug, so viel Menschen starben in diesem Hause am folgenden Tage142).


    In herrlichem Bilde malt Homer den zürnenden Apollo, wie er mit klirrenden Pfeilen die Pest in das Heer der Achaier entsendet143). Vielverbreitet ist das Gemälde, auf dem Gottvater den Pestpfeil abschießt144). Auf einem Votivbilde in der Peterskirche zu München sind es Engel, die die Geschosse entsenden145).

    Bei den Römern war Vediovis Pestgott146). Augustinus De verbo apostol. 168 stellt die Pest als umschweifende Frau dar, die sich mit Geld abfinden läßt147). Die Balkanvölker als ein Weib, das wie eine Zigeunerin die ganze Welt ruhe- und rastlos auf- und abstürmt. Wo man sie freundlich empfängt, da geht sie ohne Opfer vorüber148). So wandert sie in Bulgarien herum mit wirrem Haar und auffallend langen Armen, in der Rechten eine zerbrochene Sense149). Die rumänische Landbevölkerung bereitet, um das Pestweib zu sättigen, auf den Straßen Speisen und bewirtet alle Reisenden, die des Weges kommen150). Neugriechen denken sich die Pest als blinde Frau; sie geht in den Häusern tappend und tastend die Mauern entlang, und wer sich vorsichtig in der Mitte des Gemaches hält, den kann sie nicht erreichen151). Die polnische Pestjungfrau Niewiasta macht das Vieh unruhig und bringt Meltau und Brand in den Weizen. Sie setzt sich in die Locken der Mädchen und auf den Hut der Männer und läßt sich von ihnen von Ort zu Ort tragen152). Wenn auf den Wiesen das Schwadgras dampft, bessert sie ihren Totenschleier aus; wo ihr Hauch vorüberstreicht, erscheint die Sonne im fahlen Lichte, und die Glocken wimmern, ohne daß die Stränge berührt werden153). Die litauische Giltine würgt erbarmungslos154). Am Amperufer in Oberbayern zeigte sich öfters das Pestweiblein. Einem Mädchen schenkte es einmal ein Paar Strümpfe. Es bekam dadurch die Pest und steckte ganz Rottenbuch und die Gegend an155). Bei Waldkirch geht die Pest nackt, mit Schurzfell, schöngestaltet, aber das Gesicht viereckig. Sie ist in Frankreich zu Hause, sendet Insekten und Fleischfliegen aus und wird von Bienenschwärmen begleitet156). Nach Savièse (Wallis) kommt die dicke Pestfrau mit einem vollen Sack157). In Rohrbach (Kt. Bern) geht eine Frau beim Heuen vorbei und schüttet ihren Korb aus. Da fängt die »große Schwinde« an158). Ebenso schüttelt in der Nähe von Huttwil ein junges Mädchen ihre grüne, seidene Tasche aus159). In Schwyz sah man die Pest 1506 in Gestalt eines Weibes mit langen, großen Zähnen und gespaltenen Füßen160). Nach schwedischen Sagen kam sie von Süden her, sah wie ein kleiner, schöner Knabe aus, rieb auf einem Eisen und ließ noch einen oder den andern im Hause leben. Aber hinter ihm kam die Pestjungfrau (pestflicka), die kehrte mit einem Besen vor dem Tor, dann starben alle im Dorf. Man sah sie aber nur sehr selten und immer bei Tagesanbruch161). In Norwegen stellt man sich die »Pesta« vor als alte, bleiche Frau mit einer Reibe und einem Besen. Oft erscheint sie auch im roten Kleide162).


    In München tritt die Pestbotin im schwarzen Gewande auf163); in Ungarn als alte, schwarze Frau164). Wer sie in Albanien im Traume in schwarzer Kleidung sieht, wird einen nahen Verwandten verlieren165).


    In einem bretagnischen Liede bringt ein Müller die Pest als weißgekleidete Frau über einen Fluß166). Bei den Russen ist sie eine Frau im weißen Gewande mit flatterndem Haar167). Auch nach dem Glauben der sächsischen Wenden zieht sie im weißen Nebelschleier über die Erde168) und ebenso bei den Serben169). Wenn eine Seuche Litauen trifft, so sieht man die Pestjungfrau im weißen Kleide, einen feurigen Kranz um die Schläfe; mit der Hand schwingt sie ein blutiges Tuch. Sie schreitet auch im weißen Gewande auf Stelzen daher. Wo sie mit dem Tuche weht, stirbt alles dahin. So lange sie herrscht, stehen die Dörfer öde, die Hähne sind heiser, die Hunde bellen nicht mehr, wittern aber die Pest von weitem und knurren170). In Henau erschien im Hause der Brüder Spitzli des Nachts ein weißes Fräulein mit einem weißen Besen in der Hand; sie fegte emsig die Türschwelle, es entstand ein weißlicher Rauch, und die Pest brach aus171). Im Jahre 1813 sagt eine weißgekleidete Frau sie voraus172).


    Bei den Südslaven gibt es mehrere Pestfrauen, 2, 3, 7 usw.173). Sie sind aus Waldgeistern hervorgegangen, von scheußlichem Aussehen, lassen aber mit sich handeln und sind dankbar174). Nach neugriechischer Sage verheeren drei fürchterliche Frauen die Städte. Die erste trägt ein großes Papier, die andere Scheren, die dritte einen Besen. Die erste schreibt die Namen in ihre Register ein, die zweite verwundet ihre Opfer mit der Schere, die dritte kehrt sie weg175). Nach allgemeinem Glauben war die Pestepidemie in Bombay im Jahre 1896/97 das Werk feindlicher Luftgeister. Sie zeigten sich einem mohammedanischen Weibe in Gestalt von vier schlanken, riesigen Frauen mit blutigen, fleischlosen, sehnigen Gliedern, die in weiße Gewänder gehüllt waren176).


    „Ich bin so etwas wie ein Antikörper der New-Age-Bewegung. Meine Funktion besteht darin, auf die Möglichkeit aufmerksam zu machen, hey, weißt du, einiges von all dem Kram könnte auch riesengroßer Quatsch sein!“


    Ceterum censeo progeniem hominum esse deminuendam.

  • 8. Der furchtbaren Gefährlichkeit der Pest entspricht die Zahl der Mittel, die sie abwenden oder unschädlich machen sollen: Händeringen und Gebet177), schwere Bußübungen und Geißelungen178), Gelübde und Prozessionen179), auch bei Nacht180). Bestimmte Heilige gelten als besonders kräftige Helfer gegen die Pest: Sebastian181), Rochus182), Christophorus183), Antonius der Eremit184), Cosmas und Damianus185), Anna186), Rosalia187), Pirmin188), die h. drei Jungfrauen189), Karl Borromaeus († 1584)190).


    Als Schutzmittel dienen gedruckte Blätter und Briefe sowie Amulette, die man am Leibe trug, z.B. ein Iltisfell191), Quecksilber in einer Haselnuß um den Hals192). Ein »Pestilenzschild«, bestehend aus 75 in Reihen stehenden lateinischen Buchstaben, Chirogrammen und Zeichen, ward an Türen, Öfen und andere Orte befestigt, auch am Halse getragen193). Über der Haustür wurde der Buchstabe T (Antoniterkreuz) angebracht; man machte es auch dem Vieh auf die Hörner und den Menschen auf die Stirne und an die Gewänder und verwandte es als Anhänger, auf Pestblättern usw.194). Die Anfangsbuchstaben eines Pestsegens, der dem Papste Zacharias († 752) zugeschrieben und daher Zachariassegen (s.d.) genannt wurde, findet man noch über alten Haustüren, auf Medaillen und Metallkreuzen195).


    Die Gemeinde Emmingen ab Egg in Baden hat (wie es heißt, in der Zeit nach dem 30 jähr. Kriege) an den Grenzen ihrer Gemarkung vier Gruppen von Holzkreuzen errichtet (je drei gewöhnliche und ein höheres Doppelkreuz), um nach den vier Himmelsrichtungen hin die Pest von Menschen und Tieren abzuhalten196). Auch das Dorf Röttingen sollte vor über 200 Jahren durch ein solches Pestkreuz von der Seuche freigehalten sein197).

    Fast unzählbar sind die Mittel, die von den Ärzten und der Volksmedizin gegen die Pest empfohlen werden198): Menschenblut199), Menschenkot200), Urin201), Essig202). Wenn man früh ein wenig Gemskugel (eine Art Bezoarstein) verschluckt, so kann keine Pest und kein Gift wirken203). Man soll Omanswurzel mit Tabak rauchen204). Totengräber kannten das Geheimnis der Herstellung von Pestkugeln (Pillen)205). Auf die Beulen gelegte Frösche zerplatzen und bringen Heilung206). »Trag eine in der Sonne gedörrte Kröte am Hals und steck an jedes Fenster eine, so läßt dich die Pest in Ruh«207). Auch Drachenstein schützt208).


    Vor allem gelten gewisse Kräuter als sichere Mittel: Baldrian, Wacholder, Bitterklee, Enzian, Eberwurz, Raute u.a.209). Namentlich Bibernelle (Pimpinella saxifraga) wird immer wieder angepriesen210). Überall wuchern die Sagen, in denen eine geheimnisvolle Stimme zu diesem oder einem anderen pflanzlichen Mittel rät211) oder ein Vogel212), ein graues Männlein213), ein alter Mann im Traume214), Zwerge215), Wildmännlein oder Holzfräulein216), eine weiße Frau217), sogar der Tod selbst218).


    Man streute zum Schutze gegen die Pest Sägemehl und Asche aus219), belegte die Gassen mit Mist, weil dieser das Gift anziehe, und grub die Kranken bis an den Hals in die Düngerstätten. Zu Hambach rettete sich ein altes Ehepaar nur dadurch, daß es den Leibstuhl immer offen in der Stube stehen ließ220). In den Zimmern hängte man zerschnittene Zwiebeln auf, die gleichfalls das Gift aufsaugen221). In Riedenburg legte man neugebackenes Brot auf den Straßen aus, und die Pest zog hinein und machte die Rinde ganz blau222).

    In Luzern schoß man gegen Pest und Seuchen Geschütze ab223). Auch Glockenläuten verscheucht sie224).

    Im griechischen Altertum bannte man die Pest ins Meer225), wie in der Ilias (1, 313 f.) die Befleckung im Seewasser abgewaschen wird226).

    Im Jahre 1636 zündete man in Utrecht große Feuer an, um die Ausbreitung der Pest zu hindern227). In Deutschland pflegte man ein Notfeuer zu entfachen228).


    Vereinzelt wird aus der Schweiz wie aus Deutschland von Tänzen berichtet, durch die Pestdämonen verscheucht werden sollten229).

    Oft angewandt wird das Mittel der Umkreisung. In Gömnitz im Fürstentum Lübeck zogen im Jahre 1639 die »Erstgeborenen und Brautkinder« an drei Donnerstagen nacheinander mit einem Erbkesselhaken auf der Schulter schweigend um das ganze Dorf230). Um die Mitte des 17. Jahrhunderts soll ein wendischer Bauer im Lüneburgischen auf den Rat der Pest selbst mit einem Kesselhaken um sein Dorf gelaufen sein und das Eisen dann unter einer Brücke versteckt haben. Damit war das ganze Dorf für die Krankheit »zugemacht«231). Ähnlich verfuhr man auf der kurischen Nehrung232) und in Lenzke (Prov. Brandenburg), wo drei Katharinen dreimal auf einem Lenkhaken ums Dorf ritten und ihn dann vergruben233). Bei den sächsischen Wenden umzog man das Dorf an seinen Grenzen mit dreifacher Ackerfurche. Das mußte unter vollständigem Schweigen nachts durch nackte Menschen geschehen wie z.B. 1602 bei Sorau234). Andere slavische Völker machen es ebenso235). Bei den Letten spannte man Garn, das mit dem Blute einer Katze und eines Hahns bespritzt war, ums Haus236). In Tanagra mußte jedes Jahr der schönste Knabe einen Widder auf seinen Schultern um die Stadtmauer tragen. Auf diese Weise sollte Hermes einmal eine pestartige Krankheit vertrieben haben237).


    Eine Menge Sagen berichtet, wie die Pest – gewöhnlich in Gestalt eines blauen Flämmchens oder Dunstes – in einen Baum oder Pfosten verpflöckt wird, und zwar oft endgültig. Wenn aber der Pflock herausgezogen wird, beginnt sie ihre Tätigkeit von neuem238). Auch in einen Schinken239), ein Bündel Lumpen240), eine Grube241), ein Kellerloch242) wird sie eingeschlossen. In Recke sitzt sie unter einem Busch beim Pfarrhause243). In Frankfurt mauerte man sie auf Rat eines weisen Mannes unter Zeichen und Sprüchen in ein Loch der Stadtmauer244). In Mailand bannte der hl. Karl Borromaeus sie in eine Marmorsäule245). In Rom wurde bei einer Pest ein Dictator clavi figendi causa ernannt246). Ammianus Marc. 23, 6 erzählt, daß römische Soldaten bei der Plünderung von Seleucia im Jahre 363 n. Chr. in einem Tempel ein von Chaldäern verschlossenes Gelaß aufbrachen. Da sprang ihnen die Pest entgegen, die sich dann bis nach Gallien und zum Rhein ausbreitete247).


    Die Pest darf nicht angeredet werden248). Auch soll man es vermeiden, von ihr zu reden249), jedenfalls ihren wahren Namen nicht aussprechen, sondern eine Umschreibung anwenden250). In der Bretagne aber vertrieb man sie dadurch, daß man sie besang. Als sie ihren Namen in den Liedern genannt und entdeckt sah, wich sie aus dem Lande251).


    Bei den Balkanvölkern empfängt man die Pest freundlich, kehrt und reinigt das Haus und stellt warmes Wasser hin für sie und ihr Kind252). Man soll das Geschirr nicht über Nacht ungewaschen stehen lassen. Sie kommt und schaut nach, ob alles rein sei; findet sie unreines Geschirr vor, so zerkratzt und vergiftet sie es253). Im übrigen hört während ihres Waltens jeder Diebstahl und Betrug im Dorfe auf, auch jeder geschlechtliche Verkehr254).

    Als eine Art Gegenzauber gegen die Krankheit wird Lustigkeit und Frohsinn gefordert. Der Pestknabe geht vorüber, als er aus einem Hause Harfenspiel zu hören glaubt255). In Hohenzollern-Hechingen rieten die Ärzte, die Gemüter durch Gesang, Musik und Spiel zu erheitern; man führte daher in Grosselfingen das »Narrengericht« ein256). Auch Boccaccio im Dekamerone empfiehlt, nach Herzenslust zu trinken und fröhlich zu sein, zu lachen und zu spaßen; das sei das beste Heilmittel257).



    9. Auch mit Opfern sucht man die Pest zu versöhnen. Man setzt einen Hafen Milch auf den Düngerhaufen und legt Salz unter die Türschwelle258). Die Letten stellten ihr abends einen abgekochten Hahn, Bier und ein brennendes Licht hin259). Sie opferten auch aus gemeinsamen Beiträgen ein Stück Vieh und verzehrten es zusammen260). Bei Rinderpest wird ein lebendes Tier vergraben261). In Arabien führen die Leute, wenn die Pest wütet, oft ein Kamel durch die Straßen des Ortes, damit das Tier die Seuche auf sich nehme262). Im Jahre 1857, als die Aymara-Indianer in Peru und Bolivien unter der Pest litten, beluden sie ein schwarzes Lama mit den Kleidern der Hingerafften, sprengten Branntwein darauf und ließen das Tier in die Berge laufen in der Hoffnung, daß es die Pest mit sich davontragen werde263).


    Auch von Menschenopfern berichtet die Sage. Als infolge des kylonischen Frevels in Athen die Pest ausgebrochen war, forderte Epimenides das Opfer zweier Menschen264). So oft in Massilia die Pest herrschte, bot sich ein Armer als Opfer an, der unter Beschwörungen durch die ganze Stadt geführt und dann getötet wurde265). Als eine Pest im Gurkatale wütete, soll eine Jungfrau an der Stelle des Marktbrunnens in Weitensfeld lebendig begraben worden sein266). Ebenso ein Mädchen in Lubonia (Kr. Lissa)267), zwei arme Bettelkinder in Vestergötland268).

    An vielen magyarischen Orten hängt man, wenn die Pest im Anzuge ist, am Dorfende auf einen Pfahl ein Hemd für das »nackte Weib« auf, damit es sich mit diesem begnüge und nicht in das Dorf komme269).


    Schmatzende Pesttote (Vampire), die eine Gefahr für ihre überlebenden Freunde bildeten, hat man dadurch unschädlich zu machen gesucht, daß man ihnen mit einem Grabscheite den Kopf abstieß270). Der erste Pesttote in einem Orte ist in dieser Hinsicht besonders gefährlich271).



    9. Die furchtbaren Auswirkungen der Pest setzen formelhafte Wendungen in grelle Beleuchtung. Zahllose Dörfer sind völlig ausgestorben. In vielen bleibt ein Mensch übrig272) oder ein Paar273), das sich dann heiratet274). In Breitenau zwei alte Jungfern, die sich im Heu verborgen halten275), in Drabenderhöhe und Umgegend zwei Männer276), in Schönbach drei Paar Eheleute277), in Eichel sieben Männer und in Kreuzwertheim acht278). In Halle starben alle Menschen bis auf acht Halloren. Diese begruben die übrigen und wurden die acht bösen Männer genannt279). In Iserlohn bleiben sieben Jünglinge übrig280), in Rheinfelden im Jahre 1318 zwölf alte Männer281), in Ringenhain die Müllerin und ein Hahn282). In Sommerau rauchten schließlich nur noch drei Schornsteine283), im Oberdorf Mels soll eines Abends nur noch ein Licht gebrannt haben284). Von Wieden, Geschwänd, Utzenfeld und Präg kamen nur noch drei Ehepaare in ihre Pfarrkirche zu Schönau285). An einem Schweizer Orte finden die Überlebenden um einen runden Tisch Platz286). Fand ein Mensch die Fußspur eines anderen, so küßte er sie und verfolgte sie in der Hoffnung, doch noch einen Mitmenschen zu treffen287).

    In der Schweiz erzählt man vielfach von Grabinschriften wie:


    Neunundneunzig in ein Grab,

    Ist das nit eine große Chlag?


    oder ähnlich288). Auch kennt man allerlei Geschichten, in denen die unheimliche Schnelligkeit der Todesfälle durch die Angabe veranschaulicht wird, daß eine Kuh in einer Nacht erbweise in sieben oder neun Hände übergegangen sei289).

    Andrerseits berichtet die Sage auch von Orten, die auffallenderweise von der Seuche ganz verschont geblieben sind. Eine Gasse in Mainz heißt wegen ihrer hohen und gesunden Lage die Goldene Luft. Sie allein bleibt von der Pest frei290). Auch Luthers Geburtshaus in Eisleben ist immer unangesteckt geblieben291).

    Der Volksglaube läßt die Schäffler vor der Pest mehr gesichert sein wegen ihrer Hantierungen beim Ausräuchern der Fässer292).



    10. Der Schluß der Pest gibt sich mitunter in eigentümlicher Weise kund. In Missen durch das Erscheinen einer weißen Gans auf dem Flusse293). Im Muotatal sah ein frommer Mann in der Nacht einen langen Leichenzug. Am Schlusse wandelte eine Gestalt, in der er sich selbst erkannte. Er wird der letzte, der im Muotatale an der Pest stirbt294). Bei Waging stand sie auf Fürbitte der Mutter Gottes still. An der Stelle, wo der letzte Kranke verschied, wurde die Feldkapelle Himmelskron erbaut295). Sagen berichten auch von einer mehr oder weniger feierlichen Bannung der Pest in einen Baum oder dgl., wodurch die Seuche endgültig beseitigt wird296). S. oben 8.



    Lexikon: Pest. Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens (vgl. HWA Bd. 6, S. 1497 ff.)

    „Ich bin so etwas wie ein Antikörper der New-Age-Bewegung. Meine Funktion besteht darin, auf die Möglichkeit aufmerksam zu machen, hey, weißt du, einiges von all dem Kram könnte auch riesengroßer Quatsch sein!“


    Ceterum censeo progeniem hominum esse deminuendam.