Aberglaube: Pferdekopf

Schon gewusst…?

Fyrn Sidu


Der angelsächsische Fyrn Sidu ist das altenglische Äquivalent zum altnordischen Forn Siðr und wird weithin als Bezeichnung für angelsächsisches Neuheidentum verwendet, das so von dem hauptsächlich nordisch-skandinavischen Neuheidentum, das im Englischen landläufig als Odinism bezeichnet wird, unterschieden wird. Der Begriff Fyrn Sidu wird hauptsächlich von der US-amerikanischen Vereinigung Geferræden Fyrnsida als Religionsbezeichnung verwendet.

  • Pferdekopf

    (= Pferdeschädel)


    Das Schlachten der Opfertiere geschah u.a. durch Abschneiden des Hauptes, das nicht mitverzehrt wurde, sondern vorzugsweise dem Gott geheiligt war1).

    Dieser Teil, zudem Sitz der Sinne2), vertritt dann das Ganze, und so redet das an das Tor genagelte Haupt des treuen Falada (KHM. Nr. 89) mit der Königstochter3). Pferdekopforakel finden sich auch in Nordböhmen4). Symbolisch tritt auch der Pferdekopf für das Pferd als Führer des Toten, mithin als Sinnbild des Totengottes, in bildlichen Darstellungen von Sterbe- und Begräbnisszenen (antik) auf5).

    Als dauerhaft sichtbares Zeichen des Opfers wurden die Pferdeköpfe an die Bäume gehängt (im Odin Heiligtum von Uppsala6)); an dem Ort der Schlacht mit Varus trifft Germanicus nach sechs Jahren diese »barbarischen Altäre«7). Pferdeköpfe werden auf Stangen gesteckt oder an der Wand des Hauses, Stalles oder Stadels befestigt8).


    Das auf die Stange oder den Gartenzaun gesteckte Pferdehaupt sollte Unheil abwenden (Notstange)9); man konnte aber auch Fluch und Unheil wünschen, indem man den durch Hölzer aufgesperrten Pferderachen dorthin wandte, woher der Feind kommen mußte (Neidstange)10). Diese Sitte hat weite Verbreitung11): Skandinavien und Island12), Deutschland13), Frankreich (gegen Wölfe und Räuber)14), bei den Wenden15), Polen, Bulgaren und Letten16), Magyaren17); auch die tatarischen Bauern der Krim schützen auf solche Weise ihre Weinberge18).

    Pastor Migerius berichtet 1587 aus Holstein: »Men vindet hen unde wedder hyr im Lande up den Tynen stecken Perde odde Ossenköppe, doran se ungetwivelt Byglowen hebben«19).

    Der Sinn des den Dämonen und Seuchen wehrenden Mittels findet sich ein wenig gewandelt, wenn 1584 M. Fugger empfiehlt, das Gebein eines Stutenkopfes auf Gartenstangen zu stecken, um Würmer, Raupen und Ratzen zu vertreiben20); derselben Verwendung des Pferdekopfes als eines Mittels gegen Raupen gedenkt schon Plinius 19, 1021) (Ungeziefer ist die Inkarnation von Krankheitsdämonen aller Art)22). Niederrheinisches Pfingstlied: Nun gebt uns einen Perdskopp, Wir stippen auf der Stang ihn op23).

    (s. auch Pferd in der Volksmedizin Sp. 1645).


    Neben der Befestigung am Giebel werden Pferde- und Rinderschädel auch unter den First des Hauses gelegt24), im Stall befestigt oder vergraben, unter die Schwelle oder die Dielen gelegt25) oder unter das Futter in die Krippe26). Sie schützen gegen die Dämonen (Krankheiten, Viehseuchen)27), auch gegen Blitzschlag28). Pferdeköpfe sind ein besonderer Schutz gegen den Pferdemahr29); bei den Wenden wird der Pferdekopf in die Krippe gelegt30). Ein Pferdekopf unter dem Kissen verscheucht den Alp und Fieberphantasien31), unter der Schwelle der Stalltür vergraben, läßt er eine Hexe erkennen32). Pferdeschädel als eine Art Bauopfer unter den Dreschdielen in Ditmarschen32a). »Perdtkop in Deel gift Glück in Hus«33).

    Ein eigenartiger Fund wurde beim Abbruch der Minoritenkirche zu Keulen gemacht, wo man sechs Pferdeköpfe vorfand, die rote und schwarzfarbige Ringe um die Augenhöhlen und ein aufgemaltes Hammer- und Kreuzeszeichen auf dem Vorhaupt trugen33a).


    Ein Pferdekopf auf dem Querbalken über der Eingangstür schirmt vor der Pest (polnisch)34). Glückbringend ist es auch, einen Pferdekopf in den Rauch zu hängen35).

    Das sichtbare Befestigen des Pferdeschädels an der Hauswand findet seine Fortsetzung in der Wiedergabe als Ornament in Form der Giebelzierden36). Trotzdem Mielke ihren Ursprung nur aus rein architektonischen Gründen herleiten möchte37), glauben wir doch den religiösabergläubischen Vorstellungsinhalt nicht außer acht lassen zu dürfen38).

    Strackerjan39) weiß zu berichten, daß es den letzten, 1866 entthronten König von Hannover besonders freute, auf seinen Reisen zu hören – er war blind –, daß sich auf einem Hause Pferdeköpfe als Giebelzier befanden.


    Die Sitte der Pferdeköpfe als Giebelzierden findet sich in allen Teilen Deutschlands40). Diese Schmuckform konnte auch ins Stadthaus übergehen, z.B. Breslau, Schuhbrücke 60 im »goldenen Engel«41). In der Lüneburger Heide stiften die Kranzmädchen außer dem Kranz zum Richtfest auch die Pferdeköpfe für den Giebel42).

    Fast überall ist auch noch die Anschauung lebendig, daß sie, ursprünglichem Opfer zugehörig43), zum Schutz des Hauses und seiner Bewohner gegen Dämonen, Zauberei, Krankheit, Wetterschaden, Viehsterben und sonstiges Unheil angebracht sind44), verblaßt heißt es: sie bringen Glück45).

    Für eine mythologische Bedeutung spricht auch das neuerdings an solcher Stelle auftretende Kreuz46). Zu beiden Seiten des Oberrheins heißt jede Fahne auf dem Kirchturm »der Gaul«47).

    Die für die Giebelpferde in Norddeutschland sich findende Bezeichnung Hâns oder Höschkenspêr kann mit Krüger als Doppelbezeichnung in der einfachen Bedeutung »Pferd« oder »Pferdchen« erklärt werden, da Hâns, Hânske, Hüsse, Hüsseke, Hösch (-ke) Kosenamen und Lockrufe für das Pferd sind48).

    Pferdeköpfe werden auch an die Wand des Hauses gemalt (Schleswig-Holstein)49); auch die Herdrahmen des niederdeutschen Hauses, die den »Balken« vor den aufsteigenden Funken sichern, zeigen den Schmuck der Pferdeköpfe50).


    Pferdekopfornamentik an Geräten gehört schon der älteren Bronzezeit an51).

    Für den als Roß gedachten Getreidedämon52) tritt der Pferdekopf ein; die letzte Garbe (s.d.) wird bei Lehrte als Pferdekopf gebunden53). Das abgeschlagene Haupt des Oktoberrosses wird mit Broten (Konzentration der Erdkraft) als den Symbolen der Fruchtbarkeit geschmückt54). Als Saatschutz gegen Wild werden im 16. Jahrh. nach Joh. Colerus' Oeconomia vier Roßköpfe um die Saat gesteckt55).

    Beim Johannisfeuer, Oster-, Weihnachts- oder Notfeuer wurde ein Pferdehaupt in die Flamme geworfen56).

    Von der Maifeier der Umgegend von Dublin berichtet Mannhardt, daß auf den Scheiterhaufen des Maifeuers auch ein Pferdeschädel gehörte57), und mitunter erhält die Strohpuppe zur Fastnacht oder Kirmes die Form eines Pferdeschädels58).


    Den aus dem germanischen Altertum belegten Brauch (s.o.), Pferdeköpfe in die Zweige der Bäume zu hängen (ebenso in Tripolis, im Kaukasus und bei den Ostjaken)59), entspricht der Kinderbrauch, eine aufgerichtete Tanne mit Knochen zu behängen, deren Spitze ein Pferdeschädel ziert, Karfreitag, Ostern oder Pfingsten, oft Wettlauf darnach60). Pferdeköpfe finden sich an Bäumen, um die Vorüberkommenden zu erschrecken61) oder als Wegweiser62). Bei Vechta kannte man am Abend des Neujahrstages einen Umzug, bei dem ein Kind einen Pferdeschädel trug, in dem ein Licht brannte63). Funde von Pferdeköpfen als Rest eines Substitutsbauopfers64) finden Parallelen in Ortsnamen wie Roßhaupten, Tierhaupten u.ä.65).

    Eine eigenartige Verwendung des Pferdekopfes ist die als Spielinstrument, die bis ins 18. Jh. hinein nachweisbar ist. Pfarrer Magerus eifert 1788 dagegen, daß Dorfburschen zur Kirmeszeit einen Pferdeschädel mit Katzendärmen überspannten und darauf schnurrten, zusammen mit dem Hackebrett66). Neuere Angaben wird Frage Nr. 35 des 1. Fragebogens zum Atlas der deutschen Volkskunde ergeben. Mit dieser kulturhistorischen Tatsache verbindet sich das Dämonische.


    Die Roßhauptsgeige ist das typische Spielinstrument in der Hand des Todes (oder des Teufels) und auch der Hexen67). Hexen trinken auch aus Pferdeköpfen und Pferdehufen (s.d.)68), und aufgerichtete Pferdeschädel bezeichnen die Stätte ihrer Zusammenkünfte69). Ein Holzschnitt in Kaisersbergs Omeiß stellt drei Schauer und Sturm machende nackte Unholde dar, die auf Schemeln, Spinnrocken und Pferdeschädeln sitzen70).


    Vorkommen in Flurnamen: u.a. Roßhaupten71).


    Um ausgeschlüpfte Gänseküchlein vor dem Fuchs oder vor Behexung und Krankheit zu bewahren, steckt man sie nach anderen vorhergegangenen magischen Maßnahmen durch einen Pferdeschädel72).


    Gegen die Auszehrung der Kinder, die »Darre«, hilft ein mehrmaliges Bad in der Abkochung eines vom Schindanger geholten Pferdekopfes73), einem an Auszehrung erkrankten Hund legt man den Pferdekopf zwischen die Füße74) (Vgl. auch Pferd 12, Pferdekopf in der Volksmedizin.)

    Aber: eine Hexe backt (1623) etwas von einem toten Pferdekopf Geschabtes in einen Kuchen und macht dadurch eine Frau krank75). Die Seele eines schlafenden Bauernjungen schlüpft in Gestalt eines kleinen schwarzen Tieres in den Rachen eines Pferdekopfes; der Schläfer erfährt wunderbare Träume76).

    Die Überschrift der aus Gredt77) entnommenen Sage »Die Maus im Pferdeschädel« scheint nicht zu stimmen, da es sich offenbar um den Kopf eines der Pferde handelt, die die beiden Bauernjungen hüten, so daß sich die Beziehung zum Pferd = Wunschpferd ergeben würde. Einen sprechenden Pferdekopf, der Ratschläge erteilt und sich in ein Zauberpferd verwandelt, kennt auch das Märchen der Zigeuner78).

    Schlittenkufen und Schlittschuhe werden u.a. auch aus den Unterkieferknochen von Pferdeschädeln gefertigt79).

    Pferdekopfbrücken80). Hiervon erzählen zahlreiche Sagen der Ost- und Nordseeküste, in dem Sinne, daß einstmals z.B. zwischen Rügen und der Festlandsküste, oder zwischen Rügen und Hiddensee, ein so schmaler Wasserlauf war, daß ein Pferdekopf ausreichte, ihn zu überbrücken.



    Lexikon: Pferdekopf. Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens (vgl. HWA Bd. 6, S. 1664 ff.)

    „Ich bin so etwas wie ein Antikörper der New-Age-Bewegung. Meine Funktion besteht darin, auf die Möglichkeit aufmerksam zu machen, hey, weißt du, einiges von all dem Kram könnte auch riesengroßer Quatsch sein!“


    Ceterum censeo progeniem hominum esse deminuendam.