Aberglaube: Gesundbeten

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  • 1. Allgemeines.


    Gesundbeten oder Krankenbehandlung mittels Gebets (s. a. beten, Gebet, vgl. totbeten) kann in der Form, wie es geübt wird, als der christliche Ersatz des heidnischen Büßens oder Besprechens (s.d.) bezeichnet werden.

    Beide wurzeln in der Vorstellung, daß Krankheit und Gebrechen bei Mensch und Tier von einer höheren, übernatürlichen Macht, einem Gott oder Dämon, zur Strafe oder Warnung gesandt wird und nur von diesem wieder genommen werden kann. Dazu dient (Zauber-) Spruch oder Gebet. Der Unterschied zwischen beiden besteht darin, daß der Zauberer den Dämon zwingt, den Körper des Kranken zu verlassen, während sich der Betende der höheren Macht unterwirft1).


    In der Praxis ist zwischen Gesundbeten und Besprechen-Zaubern häufig eine strenge Scheidung nicht möglich, die Begriffe fließen ineinander, was schon aus dem Schwanken der Bezeichnungen ersichtlich ist. So wird Gesundbeten mitunter geradezu als Erklärung für Büßen gesetzt2), oder Brauchen als »die allgemeine Bezeichnung« für Gesundbeten genannt3). Daneben ist verbeten4) und wegbeten5) gebräuchlich. Im Saarbrücker Land sagt man auch bischbere6) und blose7), Bezeichnungen, die - ebenso wie schormen (= massieren)8) von einem Teilverfahren auf das Ganze übertragen sind (vgl. besprechen 1, 1159 ff. § 2). Im Kreise Saarlouis sagt man für Gesundbeten auch deden (töten), die Gesundbeterin heißt dort Dedersch9). Aus dieser Bezeichnung und dem Bericht, daß mancher Gesundbeterin auch der Krankheitszauber zugetraut und sie als Hexe verbrannt wurde10), geht deutlich hervor, daß der Doppelcharakter des Zauberers (vgl. besprechen 1, 1157 § 1) auch auf den Gesundbeter übergegangen ist.


    2. Personen.


    In vorchristlicher Zeit war es der Priester, dem es oblag, den Kranken durch sein Gebet zu heilen und der deswegen geradezu »der Beter« (Ἀρητήρ) hieß11). Bei den ersten Christen beteten die ältesten Gemeindemitglieder »über dem Kranken«12). Das Gesundbeten verstehen nach dem Volksglauben nur Eingeweihte, kluge Männer und Frauen, vornehmlich Schäfer und Schinder13), auch alte Juden und jüdische Frauen14). Sie erfreuen sich meist großen Zuspruchs, ja mitunter eines derartigen Ansehens, daß die Leute aus weiter Entfernung herbeiströmen, um für ihre Leiden Heilung zu suchen15). Auch hier wird mitunter der Glaube erwähnt, daß eine Frau nur von einem Mann und umgekehrt im Gesundbeten unterwiesen werden könne16) (vgl. besprechen 1, 1162 § 3 mit Anm. 83). In den Städten üben zumeist Frauen das Gesundbeten aus, und es geht hier bald Hand in Hand mit vielseitiger Kurpfuscherei, was schon aus dem Umstand ersichtlich ist, daß sich die Gesundbeterin mitunter gleichzeitig als Wahrsagerin, Hellseherin, Schatzfinderin u. dgl. m. ankündigt17).


    Nach älteren Berichten wird eine Bezahlung nicht gefordert, freiwillige Spenden werden jedoch gern entgegengenommen und häufig große Einnahmen damit erzielt18). In neuerer Zeit wird jedoch Geld oder Geldeswert auch schon direkt verlangt19). Kahle schreibt ganz richtig20): »Der Zug, daß der Wunderdoktor keine Bezahlung nimmt, kann zum abergläubischen Brauch gehören, braucht es aber nicht. Es kann darin auch nur eine Vorsichtsmaßregel liegen, um dem Vorwurf der gewerbsmäßigen Kurpfuscherei zu entgehen.«


    3. Vorgang.


    Die meisten Heilverfahren werden durch mündliche Überlieferung fortgepflanzt21) und zeigen ein buntes Gemisch von heidnischen und christlichen Elementen. Wie beim Besprechen (s.d. 4.), so ist auch hier das Wort (Gebet) gewöhnlich von (Kult-) Handlung begleitet. Dazu gehört: Anhauchen22), Bepusten23), Bestreichen der leidenden Stelle mit einer Salbe24) oder mit Öl25), Besprengen mit einer geheimnisvoll präparierten Flüssigkeit26), Begrenzen und Bekreuzen27), auch bloßes Berühren, Streichen und insbesondere Handauflegen (s.d.).


    Das Gesprochene besteht teils in Beschwörungs- und Segensformeln, die ihren heidnischen Ursprung noch deutlich erkennen lassen (vgl. Beschwörung 1, 1117 ff. § 8, Zauberformel, Segen), teils in christlichen Gebeten, in der Rezitation von Bibelstellen28) u. dgl. m., verbunden mit dem Anrufen göttlicher Namen, vor allem der heiligen Dreifaltigkeit29). Wie beim Zauber, so spielt auch hier die Dreizahl eine besondere Rolle: dreimal hintereinander wird die Formel gesprochen, oder je dreimal an 3 Tagen30) u.ä.m. Auch das Geheimnis ist wichtig. Die Sprüche werden nicht gern preisgegeben, damit sie ihre Kraft nicht verlieren31). Manchmal wird dem Kranken ein Zettel mit einem Gebet mitgegeben, das er zu Hause beten soll32). Während des Gebetes muß er fest auf seine Heilkraft vertrauen33) (vgl. besprechen 1, 1170 § 8 mit Anm. 193). Vereinzelt wird das echt zauberische Rückwünschen der Krankheit auf den, der sie vermeintlich angewünscht hat, auch vom Gesundbeter praktiziert. Doch kann dies nur mit Einwilligung des Kranken geschehen34). Als vorbereitende Handlung wird das Betrachten der Fingernägel des Patienten erwähnt, um daraus eine innere Krankheit festzustellen35). Auch wird häufig zur Erhöhung des Ansehens beim Publikum die Nachahmung kirchlicher Zeremonien, das Vortäuschen göttlicher Eingebungen und allerlei Hokuspokus geübt36).


    4. Zeit.


    Wo eine bestimmte Zeit angegeben ist, schimmert deutlich das heidnische Element durch. Das christliche Gesundbeten ist an keine Zeit gebunden. Angegeben wird: der frühe Morgen37), Montag38), der 1. Mittwoch oder Freitag im abnehmenden (oder zunehmenden) Mond (je nach der Krankheit)39).




    5. Anwendung.


    Das Gesundbeten wird, wie das Besprechen (s. 1, 1168 § 7), gegen die häufigsten volkstümlichen Krankheiten und Leiden angewendet, so gegen: Gicht und Rheumatismus40), Verrenkung41), Beinschmerz42), offenes Bein43), Brand44), Brandwunden45), Geschwulst46), Kopfrose47), Erkältung48), das Herzgespann (eine Art Bronchitis)49), das »Abnehmen« oder die Zehrkrankheit (Schwindsucht)50), Wurm51), Blutarmut und Bleichsucht52), Gelbsucht53), den »Kanker« (Zahnfleischentzündung und Mundfäulnis)54), Flechten55), Warzen56), »Pips« (Gerstenkorn auf dem Auge)57); auch bei kranken Tieren58) ist es gebräuchlich.




    6. Verbreitung.


    Das Gesundbeten ist vor allem in Städten, besonders Großstädten59), verbreitet, und zwar mehr in protestantischen als in katholischen Gegenden60) besonders in den hohen, mitunter stark zum Mystizismus hinneigenden Gesellschaftskreisen, wie z.B. beim Adel61). Anderseits liegen auch aus Arbeiterdörfern, wie z.B. aus dem Saargebiet, Berichte vor, wo das Gesundbeten im 17. Jh. besonders geblüht haben soll62).



    7. Wirkung.


    Die Nachrichten über die Heilerfolge des Gesundbetens sind divergierend. Während die einen von wunderbaren Erfolgen zu erzählen wissen63) und ehemalige Patienten mitunter als beredte Anwälte des angeklagten Gesundbeters im Gerichtssaal auftreten64), bezeichnen andere dieses Heilverfahren als »gemeingefährlichen Aberglauben«65). Zahlreich sind die Berichte über behördliches Einschreiten gegen das Gesundbeten66). So haben zwei in den Jahren 1914/15 in Berlin gegen Gesundbeterinnen geführte Prozesse, die wegen fahrlässiger Tötung von Hofschauspielerinnen angeklagt waren und verurteilt wurden, großes Aufsehen hervorgerufen67). Auf einem medizinischen Kongreß in England wurde auf Grund einer Statistik festgestellt, daß in London allein 20000, in den englischen Provinzen 50000 Personen dem Gesundbeten jährlich zum Opfer fallen68), von denen wohl ein Großteil durch rechtzeitige ärztliche Hilfe gerettet worden wäre. Doch wird diese in solchen Fällen - wenn überhaupt - erst zu spät gesucht, da der Gesundbeter den Patienten von der Aussenwelt abzuschließen, ihn seelisch zu isolieren versucht, um ihn ganz unter seinen Einfluß zu bekommen69).


  • 8. Erklärung.


    Die Wirkung des Gesundbetens beruht - ebenso wie die Kraft des Besprechens (s. 1, 1170 ff. § 8.) - auf Suggestion, welche durch mystische Aufmachung gesteigert wird70). »Jede Veränderung des seelischen Zustands beeinflußt den Zustand des Körpers. Diese Wechselwirkung zwischen Leib und Seele tritt in ungeheurem Maße bei den Wunderheilungen hervor, sie spielt auch in der modernen Medizin eine große Rolle«71). Sollen doch »durch starke Gemütsaffekte auch die legitimen Äußerungen organischer Krankheiten bis zu einem hohen Grade unterdrückt und zur Vergessenheit gebracht werden« können72).



    9. Geschichte.


    Der Glaube an die Kraft des Gebetes ist eine allgemein religiöse Erscheinung, er durchzieht Orient und Antike schon vor Entstehung des Christentums und hat in der Volksmedizin aller Zeiten seine Anwendung gefunden. »Man ging auch schon in der Antike so weit, die Kunst der Ärzte als etwas Gottloses zu verschmähen. Aristides weist die Kranken an Äskulap, Proklos heilt durch Gebete. Im Christentum ist dem Gebet eine besondere Rolle zugewiesen«73). Der durch den Neuplatonismus und Neupythagoreismus im Volk üppig blühende Glaube an Dämonen, die überall - besonders bei Erzeugung von Krankheiten - ihre Hand im Spiele haben sollten, veranlaßte das Christentum, das dem Volksglauben Rechnung tragen mußte, zu einer rein metaphysischen Krankenbehandlung. Man berief sich dabei auch auf Christus, der Dämonen aus kranken Menschen durch Gebet vertrieben, also ohne Arzt und Arzneimittel geheilt hatte. So haben denn die ersten Christengemeinden vielfach den Versuch gemacht, ihre Kranken nur mittels Gebets zu heilen. Zeugnis dafür bietet die Epistel Jakobi, Kap. 5, Vers 14-16, wo es heißt:


    »Ist jemand krank, der rufe um sich die Ältesten der Gemeinde und lasse sie über sich beten und salben im Namen des Herrn. Und das Gebet des Glaubens wird dem Kranken helfen und der Herr wird ihn aufrichten, und so er hat Sünden begangen, werden sie ihm vergeben sein. Bekenne einer dem andern seine Sünden und betet füreinander, daß ihr gesund werdet. Des Gerechten Gebet vermag viel, wenn es ernstlich ist«74).


    Die Apologeten und Kirchenväter der ältesten Kirchengeschichte haben zum Teil den Gebrauch von arzneilichen Stoffen als eine dem frommen Christen nicht geziemende Sache hingestellt75), zum Teil die Beschäftigung mit der Medizin geradezu als etwas Unchristliches bezeichnet, das mit den schwersten kirchlichen Strafen zu ahnden sei76). In der Folge brachten Priester die Gebete in feste, ein für allemal geltende Formen, und die Kranken erhielten Abschriften solcher Gebete käuflich77). Das Texteswort wird wichtiger als der Inhalt des Gebetes, erhält bald eine für den Erfolg allein ausschlaggebende Bedeutung78). So sinkt das Gebet bald von der Höhe, die es im Urchristentum hatte, zum bloßen Formalismus herab79). Während Jesus in der Heilung durch Gebet eine Wirkung des heiligen Geistes, eine Offenbarung Gottes sieht und - wo die Heilung als Selbstzweck, das Wunder als solches gesucht wird - dies zurückweist80), nahm in der Folgezeit das Gesundbeten unter dem Einfluß der Zeitanschauung die Wendung zum Magischen und Sakramentalen. »Das Christentum wird zur Magie, der Heiler zum Thaumaturgen, das Gebet zum dringlichen Mittel der Heilung, statt zum Ausdruck kindlicher Zuversicht zum Vater«81).


    Das Gesundbeten wurde durch das ganz MA. und auch in der Neuzeit immer wieder geübt82). In der 2. Hälfte des 19. Jhs. hat es die Amerikanerin Mary Baker († 1910) in ein förmliches System, die sog. Christian Science (Christliche Wissenschaft) gebracht, eine Bezeichnung, die ihre Anhänger sich selbst beigelegt haben83). Die Christian Science lehrt, daß unser Denken die äußern Verhältnisse bestimme, nicht umgekehrt, daß alle Zustände daher - und wären sie noch so schlimm - durch rechtes Denken (und dazu verhilft die Gesundbeterin) zu bessern seien. Jedoch müssen unsere Wünsche von der bestimmten Erwartung begleitet sein, daß sie in Erfüllung gehen und dürfen keine Zweifel ihnen hemmend entgegentreten. Sie argumentiert folgendermaßen:


    Gott ist allgütig, er kann daher nicht wollen, daß sein Geschöpf leide; er ist allmächtig und so ist sein Wille ungehemmt84). Krankheit und Leid, ja selbst der Tod, existieren daher nicht in Wirklichkeit, sondern nur in unserer Einbildung, sie sind eine Illusion, ein Denkfehler. Der Geist ist das einzig Wirkliche85). Die Bibel der Gesundbeter86) verwirft daher alle Arzneien, da diese keine Intelligenz besitzen und »ihre Anwendung sowie das Hinzuziehen von Ärzten einen Mangel an Vertrauen in Gott verrate«87). »Werde Dir einen Augenblick bewußt, daß Leben und Intelligenz rein geistig sind, weder in noch von der Materie, und der Körper wird keine Klagen äußern. Wenn Du an der Annahme leidest, krank zu sein, wirst Du entdecken, daß Du augenblicklich gesund bist«88).

    Man unterscheidet in Amerika zwei Formen des Gesundbetens, eine aktive (redende) und eine passive (stumme). Bei der aktiven Art wird in religiösem Sinn die Suggestion durch Anrufung Gottes, gemeinsame Gebete, durch Schreien und Singen, ausgeübt. Beim passiven Gesundbeten muß sich der Patient auf einen Stuhl setzen und sich ganz in den Gedanken einspinnen, daß seine Krankheit eine Folge seiner Sünden sei. Er wird dann in inbrünstigem Gebet Gott bitten, ihm zu verzeihen. Mit der göttlichen Sündenvergebung schwindet die Krankheit89).


    So wird das Gesundbeten in Amerika des Wunderbaren entkleidet, als das natürliche Ergebnis der Allmacht des Gedankens über die Krankheit, ja über alle Kräfte der Natur hingestellt, es wird damit zum Gesund denken90).

    Die Christian Science gehört eigentlich zu der von Emerson begründeten New-Thought- Richtung, der die amerikanischen Philosophen Trine, Mulford, Leawitt angehören. Sie stimmt im Wesen mit der Lehre Coués auffallend überein, die im Grunde dasselbe sagt: »Jeder unserer Gedanken drängt nach Verwirklichung, stellt zuletzt seinen Inhalt in den Grenzen des physischen Möglichen als greifbare, körperliche Tatsache in unser Leben hinein. Wir sind das, wozu wir uns selber machen, nicht, wozu das Schicksal uns machen wird.«

    Diese Lehren bringen im Prinzip nichts Neues. Schon Kant hat in seinem Aufsatz: »Von der Macht des Gemüts, durch den bloßen Vorsatz seiner krankhaften Gefühle Meister zu werden« (1798), eine Lehre der Autosuggestion aufgestellt.



    Perkmann.


    Lexikon: Gesundbeten. Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens, S. 8120

    (vgl. HWA Bd. 3, S. 772 ff.)

  • Bloß das unser Glaube Älter ist und somit wir die Berge zu erst mit dem Glauben versetzt haben.

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