Walter Baetke - ,Religion und Rechtsordnung' aus ,Die Religion der Germanen in Quellenzeugnissen'

Schon gewusst…?

Die Dächer ihrer Häuser deckten die Wikinger für eine effektive Wärmedämmung mit Grassoden.
Im Inneren des Hauses brannte immer ein offenes Feuer. Rundherum bauten die Wikinger Bänke, die Schlaf- und Sitzplätze für die gesamte Familie boten.

  • Die einzelnen Punkte des Inhaltsverzeichnisses werden, wie gehabt, als einzelne Beiträge innerhalb dieses Themas eingestellt. Ich bitte wiedermal, Zwischenposts zu vermeiden. Danke!



    A. Die Religion im Volksleben

    III. Religion und Rechtsordnung



    Inhalt:


    1. Heiligkeit des Things

    2. Mannheiligkeit und Unheiligkeit

    3. Heiligkeit des Eides

    4. Der Gang unter den Rasenstreifen

    5. Gebet und Opfer beim Zweikampf

    6. Gottesurteil

    7. Heiligkeit von Recht und Sitte

    8. Der heilige Umgang

    9. Thor als Weiher

    10. Zorn der Götter über Friedens- und Rechtsbruch

    11. Strafe für Weihtumsschändung

  • 1. Heiligkeit des Things


    1. Deo Marti Thingso (dem Gotte Mars Thingsus). – Inschrift auf einem Altar friesischer Soldaten im römischen Heer


    2. Die gesamte an der Versammlung teilnehmende Menge, die aus den verschiedensten Völkerschaften zusammengesetzt war, ließ es sich zuerst angelegen sein, ihrer Voreltern Gebräuche zu erfüllen, nämlich ihren Göttern Gebete und Opfer darzubringen. – V. Lb. P. 282.


    3. Schweigen (in der Volksversammlung) wird durch die Priester geboten, denen hier auch das Strafrecht zusteht. – T. G. 11.


    4. Alle Goden, die zu einem Thing gehören, sollen zu Beginn des (Frühjahrs-)Things kommen. Der Gode, der die Thingheiligkeit zu hüten hat, soll das Thing heiligen (den Dingfrieden setzen) an dem ersten Abend, wenn man zum Thing kommt. Dann soll jedes Mannes Buße um die Hälfte erhöht werden, solange er am Thing ist, was ihm auch geschehen mag an Worten und allen bösen Werken. – Grg. Kb. I a, 56.


    5. Das Herbstthing soll man heiligen gleich wie die (eigentlichen) Thinge, und er erhöht sich die Rechtsbuße des Mannes dort an dem geheiligten Herbstthing wie an den Thingen. – Grg. Kb. I a, 61.


    6. Das ist altes Recht, daß die Vögte aus allen Gauen heilige Schranken (vébönd) hier auf dem Thingfeld machen sollen. Soweit sollen aber die Gerichtsschranken sein, daß darinnen Raum zu sitzen haben, die in die lögrétta (gesetzgebende Versammlung) berufen sind. – Frostl. I, 2.


    7. Das ist nun als nächstes zu sagen, daß der Gesetzesmann (lögmaðr) heilige Gerichtsschranken (vébönd) auf dem Allthing machen lassen soll, so daß die darin Raum haben zu sitzen, die in die lögrétta (gesetzgebende Versammlung) berufen sin. – Jarns. 3 N. G. L. I, 260.


    8. Wo das Gericht tagte, war ein ebenes Feld, und es waren Haselstangen rings im Kreise in die Erde gesteckt und Schnüre herumgelegt; das nannte man die heiligen Gerichtsschranken (vébönd); aber in dem Kreise drinnen saßen die Richter. – E. S. 56 (Th. 3, 155)


    9. Ihre Gefallenen bergen sie selbst in heißen Gefechten. Seinen Schild zu verlieren, gilt als eine unerhörte Schande. Der so Verfehmte darf weder an den Opfern teilnehmen noch das Thing besuchen, und es hat schon mancher, der so aus dem Kriege heimkam, seiner Schmach durch den Strick ein Ende gemacht. – T. G. 6.


    10. Dort auf dem Vorgebirge, wo Thor (das ist der Hochsitzpfeiler mit Thors Bild) angetrieben war, hielt Thorolf alle Gerichte, und es wurde dort ein Bezirksthing errichtet… (Vgl. B II, 8, 2) – Lnb. (Th. 23, 85)


    11. Wenn aber die Männer dort auf dem Thing waren, durften sie dort nicht ihre Notdurft auf dem Lande verrichten, dazu war eine Schäre bestimmt…; denn sie wollten einen so heiligen Grund nicht beschmutzen lassen. [Später kommt es wegen eines Versuchs, dies Gebot zu übertreten, zu einem blutigen Kampf auf dem Thingfeld.] Weil nun beide Teile nicht von ihrer Sache lassen wollten, war der Grund durch das Blutvergießen unheilig geworden. Da wurde beschlossen, das Thing von dort zu verlegen, und zwar weiter auf die Halbinsel hinauf, da wo es jetzt ist. Dort war damals eine große Friedensstätte (helgistaðr). – Lnb. 97 (vgl. Th. 23, 85)


    12. Die Leute von Thorsnes erklärten alle Kjallaklinge [ihre Gegner die die Thingstätte hatten verunreinigen wollen (vgl. Nr. 11)] für unheilig wegen des Gesetzesbruchs, den sie auf dem geheiligten Thing verübt hatten. – Eyrb. 10 (vgl. Th. 7, 36)


    13. Tötet ein Mann einen andern auf dem Thing, das ist Neidingswerk. – Westgl. I Orb. 1.


    14. Spricht ein Mann auf einen andern eine Neidstrophe (Schmähung) am Gesetzfelsen, darauf steht Waldgang und er fällt unheilig (bußlos) vor diesem bis zum nächstfolgenden Allthing. – Grg. Kb. I b, 238.


    15. Alle waren eines Sinnes gegen den, der die Tat getan hatte, aber keiner konnte es rächen; dort war eine so heilige Friedensstätte. – Sn. E. (Th. 20, 104)


    16. Es wurde angeordnet, Odd solle außerhalb des geheiligten Thingbezirks seine Zelte aufschlagen, dürfe aber zu den Gerichten kommen und seinen Geschäften nachgehen; nur sollten er und seine Leute sich gesittet verhalten und keine Streitsucht an den Tag legen. – Hth. S. 18 (Th. 8, 52)

  • 2. Mannheiligkeit und Unheiligkeit


    1. Das ist das erste in unserem Mannheiligkeitsgesetz, daß jeder friedheilig in unserm Lande sein soll, binnenlands und im Ausland. – Frostl. IV, 1.


    2. So ist gesagt, daß freie Männer in ihrer Heimstätte alle friedheilig sein sollen. – Frostl. IV, 5.


    3. Wenn ein Mann einen Neidingstotschlag begeht, so fahre er hin geächtet und unheilig (bußlos, verletzbar). – Gul. 178.


    4. Wer einen Friedensbrecher tötet, bleibt dafür ohne Strafe, wenn er das selbstsiebend bezeugen kann, daß er ihn verwundete auf der Flucht oder bei der Tat, da er den Frieden brach. – Ssp. II, 69.


    5. Der Mann, der auf einen andern losschlug, fällt unheilig (bußlos) vor ihm. – Grg. Kb. I a 86.


    6. Tötet ein Mann einen andern, wird er dann getötet ihm zu Füßen (d. h. gleich nach seiner Tat), liege er bei seinen Werken (d. h. infolge seiner Tat „unheilig“). – Westgl. Mandr. 6.


    7. Fährt ein Mann heim zu einem andern, bereitet ihm Heimsuchung (d. h. überfällt ihn), wehrt dieser ihn von sich ab und tötet ihn an seiner Hausecke, so klage er gegen den Toten, urteile ihn unvergeltbar (bußlos) am Thing. – Westgl. Mandr. 9.


    8. Es fielen dann beide Brüder (die Björn überfallen hatten). Björn und sein Oheim begruben die Brüder dort in der Lava. Sie „unheiligten“ sie (erklärten sie für unheilig“) dem Gesetze gemäß, wegen ihres hinterhältigen Angriffs. – B. S. 18 (vgl. Th. 9, 103)


    9. (Njal zu Gunnar:) „Grabe die Toten aus (die von Gunnar Erschlagenen) und ernenne Zeugen zu den Wunden und „unheilige“ (erkläre für unheilig) alle die Toten, darum, daß sie gegen dich mit der Absicht ausgezogen, dir Wunden und jähen Tod zu bereiten“… Ein paar Tage später ritten die Njalssöhne und Gunnar dahin, wo die Leichen waren, und gruben sie alle aus, die beerdigt worden waren. Gunnar verklagte sie alle auf Unheiligkeit wegen Überfall und Verrats. – Nj. S. (Th. 4, 148)


    10. Helgi schlug (den Ehebrecher) Björn tot und verklagte ihn auf Unheiligkeit, weil er aus gültigem Grunde erstochen worden war. – D. S. 6 (B. H. 3, 117)


    11. Im Frühjahr strengte Vigfus auf dem Thorsnesthing Klage an wegen der Wunde, Snorri aber verklagte Björn auf Unheiligkeit wegen des Schlags. (Björn hatte Vigfus mit einem Stock geschlagen und war darauf von diesem mit einem Schwert verwundet worden.) Der Rechtsgang ging so aus, daß Björn wegen seines Angriffs für unheilig (unbüßbar) erklärt wurde. Er erhielt keine Buße für seine Verwundung. – Eyrb. 23 (Th. 7, 57)


    12. Glum (der Sigmund erschlagen hatte) erhob Klage gegen Sigmund und verklagte ihn wegen Diebstahls und erklärte, ihn auf seinem Grundstück erschlagen zu haben, und verklagte ihn auf Unheiligkeit, da er auf seinem Eigentum gefallen war, und grub Sigmund aus. – Vg. S. 9 (B. H. 1, 62)


    13. Örn wurde verurteilt, daß er von der Hand der Önundssöhne unheilig fallen sollte überall außer in Vaelugerdi und im Friedberreich (helgi = Heiligkeit) einer Pfeilschußweite von seinem Grundbesitz. – Die Önundssöhne paßten ihm ständig auf, aber er nahm sich wohl in acht. Endlich kamen sie ihm bei, als er Rindvieh von seinem Lande trieb. Da erschlugen sie Örn, und die Leute hielten dafür, er sei bußlos gefallen. – Thorleif Funken, Örns Bruder, gab Thormod, Thjostars Sohn, Geld, daß er Örn friedheilig mache (helga). Thormod war damals gerade erst aus Norwegen in Eyrar angekommen. Er schoß da mit seinem Handbogen so weit, daß die Stelle, wo Örn gefallen war, im Friedberreich seines Pfeilschusses lag. Da erhoben Hamund Gunnarsson und Thorleif die Klage wegen Örns Tod. – Lnb. 288 (Th. 23, 146)