Buchrezension "The Viking Way" von Neil Price

Schon gewusst…?

Die politische Organisation der Wikinger gleicht am ehesten einem demokratischen System.
In Island tagte vor über 1000 Jahren zudem das „Thingvellir“, das als eines der ältesten Parlamente der Welt gilt.




  • Moin allerseits.

    Hier nun endlich die volle Rezension.


    The Viking Way - Magic and mind in late iron age Scandinavia


    Inhalt:

    asatru-forum.de/gallery/index.php?album/316/


    Über den Autor:

    Neil Price studierte Archäologie an den Universitäten von London, York und Uppsala, wo er inzwischen als Professor für Archäologie tätig ist.

    1989 veröffentlichte er mit "The Vikings in Brittany" sein erstes Buch über die Wikingerzeit.

    Seine Dissertation "The Viking Way- magick and mind in late iron age Scandinavia" wurde 2002 veröffentlicht und wurde von vielen Fachexperten als eines der wichtigsten Werke zur wikingerzeitlichen Religion bezeichnet.

    2017 wurde das Buch In überarbeiteter Fassung neu aufgelegt und die relevanten neuen Erkenntnisse die seit erscheinen der ersten Auflage gemacht wurden wurden mit aufgenommen.


    Als archäologische Studie widmet sich das Buch den verschiedenen Spuren wikingerzeitlicher Magie in sowohl den schriftlichen Quellen als auch in der materiellen Sachkultur.

    Dabei folgt der Autor einer Idee, die er selbst als "an archeology of the viking mind" beschreibt.

    Dabei versucht er nicht nur die Äußerlichkeiten der magischen Praxis zu untersuchen, sondern viel mehr durch diese Einblicke in die Denkweise und das Selbstverständnis der Menschen der Wikingerzeit zu erlangen.


    An den Anfang stellt er eine Reihe von "Bildern".

    Ein Mann, beerdigt in Frauenkleidern.

    Eine Frau, bestattet mit einem abgetrennten Pferdekopf über den Beinen.

    Ein nackter Mann der, eine Hand über dem aftersten rückwärts auf einen Scheiterhaufen zu geht.


    Die Fragen die sich für Price aus diesen und noch vielen weiteren solchen Szenen ergeben sind zu viele und oftmals zu unspezifisch um sie aus dem Gedächtnis heraus herunter zu beten.

    Das ist aber auch nicht nötig, denn so wenig spezifisch seine Fragestellung auch wirkt, so wenig spezifisch sind auch die "Antworten" die sie hervor zu bringen versuchen.

    Das meine ich aber im bestmöglichen Sinne.

    Dieses Buch zu lesen, hat sich angefühlt als würde ich einem Maler bei der Arbeit zusehen.

    Jede noch so kleine Information ist wie ein Pinselstrich.

    Jeder sorgsam und vorausschauend gesetzt und mit Bedeutung für das große Ganze.

    Und jeh weiter das Buch voran schreitet, desto klarer wird das Gesamtbild.

    Was zunächst nur schemenhaft erkennbar ist wird immer klarer bis letztlich alle Einzelmotive beginnen ineinander zu greifen und zu einem großen Gesamtbild zu verwachsen.

    All das wird von einer einzigen zentralen Frage zusammengehalten, die sich wie ein Roter Faden durch sein gesamtes Lebenswerk zieht.

    Wer waren diese Wikinger überhaupt?

    Wie haben sie getickt?

    Wie hat die Welt aus ihrer Perspektive ausgesehen?


    Das alles ist vor allem Price lebhaften und visuellen Schreibstils zu verdanken.

    Es ist trotz allem durch und durch ein wissenschaftliches Werk und es gibt einige Passagen die selbst mit reichlich Met nicht Flüssig runter zu lesen sind.


    Doch auch diese Passagen sind unerlässlich für das Gesamtbild.

    Seien es nun die Zusammenfassung des bisherigen Forschungsstandes, Auflistungen und Katalogisierungen von Namen oder Aufzählungen und Beschreibungen von Grabbeständen oder Zauberstäben.


    Mit der Prämisse und der Zusammenfassung der bisherigen Forschungen aus dem Weg, widmet sich das Buch seinem Hauptthema.

    Seiđr. Was ist Seiđr überhaupt?

    Anstatt direkt eine Antwort vorzuschlagen beginnt er dort wo nach seiner Annahme auch für die Wikinger die Geschichte des Seiđr beginnt.

    Bei den Göttern.

    Genauer bei Ođin und Freya.

    Von dort aus beginnt er systematisch damit Seiđr zu beschreiben.

    Ausgehend von den Akteuren, über die Begrifflichkeiten und Utensilien bis hin zu den Geistern und Wesenheiten und letztlich der gesellschaftlichen Rolle von Seiđr.


    Von hier aus richtet er den Blick auf die Sami, die als direkte Nachbarn der Wikinger wichtigen Kontext liefern.

    Den Sami und ihren Noaidi widmet er sich mit der gleichen Aufmerksamkeit zum Detail und ebenso vielen Quellzitaten wie den wikingerzeitlichen Zauberern.

    Besonders Augenmerk richtet er hier auf die Gemeinsamkeiten und die spezifischen Unterschiede zwischen beiden Kulturen.

    Immer wieder schlägt er die Brücke vom einem zum anderen und verweist auch immer wieder auf spätere Kapitel.


    Als nächstes widmet er sich der Frage ob Seiđr im den Kontext des Circumpolaren Schamanismus zu verstehen ist.

    In der selben Vorgehensweise, die er bereits in den ersten beiden Kapiteln verwendet hat, seziert er von hier aus das Gesamtphänomen Schamanismus.

    Wieder fasst er den Stand der Forschung zusammen, definiert seine Zielsetzung und Begrifflichkeiten und betrachtet von diesem Startpunkt aus systematisch die Kulturen die für seine Beobachtungen wichtig sind.

    Hier ist der Blick jedoch deutlich weiter gefasst als zuvor.

    Nach seinem Verständnis ist Schamanismus kein religiöses Konzept sondern ein Anthropologisches.

    Der Begriff Schamanismus dient für ihn einzig dazu eine Gruppe von Ritualpraktiken zusammen zu fassen, die sich im circumpolaren Raum mit großen Überschneidungen zueinander finden lassen.

    Auch dieses Kapitel strotzt wieder vor Quellzitaten und Querverweise.

    Immer wieder wird die Brücke geschlagen zu dem was zuvor beschrieben wurde und zu dem was in den letzten Kapiteln noch behandelt wird.


    Zum Ende hin richtet Price seine Aufmerksamkeit wieder den Wikingern zu.

    Er nimmt nun die zuvor diskutierten Argumentationen und beginnt systematisch damit sie miteinander in Verbindung zu setzen.

    Das Gesamtbild, dass er hier in den letzten Kapiteln Zusammenwebt lässt sich nicht wirklich in Worte fassen.

    Sein Roter Faden, die suche nach dem "Viking Mind" tritt hier am deutlichsten zu Tage.

    So wenig wie sich die Seele einer ganzen Kultur in einfache Worte fassen lässt, so schwer fällt es mir auch dieses Buch wirklich zusammen zu fassen.

    Was für mich bleibt, ist ein lebendiges, vielschichtiges Bild, das abseits der bekannten Interpretationen eben nicht versucht zu interpretieren sondern die Quellen für sich selbst sprechen zu lassen.

    So bleibt Price letztlich auch die Antwort auf die Frage nach dem "Viking Mind" schuldig, oder besser überlässt es dem Leser seine eigene Antwort zu finden.


    Würde ich dieses Buch also weiterempfehlen ?


    Absolut.

    Alleine schon der Quellenfülle wegen, aber auch ob des Gesamtbildes.

    Dieses Buch hat für mich viele der noch offenen Fragen die ich hatte beantwortet und etliche mehr meiner Argumentationslücken geschlossen.

    Vieles was ich zuvor nur mit einem unbestimmten Bauchgefühl begründen konnte untermauert er mit soliden Fakten und Argumentationen.