Buchempfehlung: "Children of Ash and Elm" von Neil Price

Schon gewusst…?

Die Dächer ihrer Häuser deckten die Wikinger für eine effektive Wärmedämmung mit Grassoden.
Im Inneren des Hauses brannte immer ein offenes Feuer. Rundherum bauten die Wikinger Bänke, die Schlaf- und Sitzplätze für die gesamte Familie boten.

  • Moin allerseits.


    Da ich das Buch gerade beendet habe, wollte ich kurz eine Leseempfehlung dafür aussprechen.

    Das Buch ist zwar eine akademische Veröffentlichung, richtet sich aber an Laien.

    Deswegen wurde der Text auf Lesbarkeit hin optimiert und die Referenzen und Quellverweise ans Ende geschoben.

    Verglichen mit "The Viking Mind" liest sich das Buch fast wie ein Roman:ugly:

    Das ist aber auch Price angenehmen Schreibstil zu verdanken.

    Insbesondere für Neueinsteiger würde ich dieses Buch absolut empfehlen, da es aber auch eines der aktuellsten Werke ist, werden auch die "alten Hasen" daran ihre Freude haben.

    Darüber hinaus hat das Buch noch über hundert Seiten an Quellverweisen und Empfehlungen für weiterführende Literatur zu bieten, die mich vermutlich auf absehbare Zeit beschäftigt halten wird.




    Über den Autor:

    Neil Price studierte Archäologie an den Universitäten von London, York und Uppsala, wo er inzwischen als Professor für Archäologie tätig ist.

    1989 veröffentlichte er mit "The Vikings in Brittany" sein erstes Buch über die Wikingerzeit.

    Seine Dissertation "The Viking Way- magick and mind in late iron age Scandinavia" wurde 2002 veröffentlicht und wurde von vielen Fachexperten als eines der wichtigsten Werke zur wikingerzeitlichen Religion bezeichnet.

    Seit dem veröffentlichte er zahlreiche weitere Bücher und Fachartikel zur Wikingerzeit.


    Children of Ash and Elm:


    Das Buch wurde als Teil des fachübergreifenden Forschungsprojektes "The Viking Phenomenon" der Universität Uppsala, dass noch bis 2025 läuft, geschrieben und veröffentlicht.

    Ziel des Buches ist es, in den Worten des Autors, einen Blick auf die Geschichte der Wikinger durch "ihre eigenen Augen" zu werfen.

    Auch wenn das Ergebnis letztlich nie so ganz die gebotene wissenschaftliche Distanz verlassen kann, so ist es doch eines der aktuellsten und einsteigerfreundlichsten Bücher, die es aktuell zu dem Thema gibt.


    Nach ein paar anfänglichen Worten über die Schwierigkeiten, die die jahrhundertelange ideologische Nutzung und Vereinnahmung der Wikinger für die um Objektivität bemühten Geschichtswissenschaften bedeuten, richtet das Buch seinen Blick schnell auf seine eigentliche Frage.

    Wer sind die Wikinger?

    Anstatt uns mit den vereinfachten Plattitüden vorausgegangener Interpretationen abzuspeisen lädt uns der Autor auf eine Zeitreise ein.

    In schwungvollen Worten und seinem ganz eigenen, lebhaften Schreibstil beschreibt er, von der Schöpfungsgeschichte an, die Welt wie sie wohl für die Wikinger ausgesehen hat.

    Nahtlos verwebt er hier Mythen mit bildhaften Beschreibungen von Originalschauplätzen und -funden, sowie historischen Ereignissen.

    In kleine, gut verdauliche Portionen unterteilt.

    Immer auf das für den Augenblick wesentliche fokussiert, aber auch immer mit Blick auf das große Ganze.

    Diese ersten Kapitel lesen sich fast wie ein Reisebericht.

    Mit dem Blickwinkel des Anthropologen beschreibt Price systematisch alle Bereiche des täglichen Lebens der Nordleute.

    Vom Aufbau ihrer Farmen und Siedlungen über die vielen Faktoren ihrer Wirtschaft, bis in den tiefsten Aufbau ihrer Seelen(n).

    In all dem liest man die Leidenschaft, Hingabe und Fachkenntnis eines Mannes, der sich diesen Kulturen seit über 30 Jahren verschrieben hat.

    Trotzdem behält er seine professionelle Distanz.

    Immer wieder äußert er seine persönliche Abscheu vor der außerordentlichen Grausamkeit mit der die Wikinger ihren Zeitgenossen, insbesondere aber ihren Zeitgenossinnen begegnen.

    Vor dem Hintergrund einer Wirtschaft die bis ins tiefste auf Sklaverei aufgebaut war, betont er immer wieder, was dieses real für die betroffenen bedeutet haben muss.

    Bei aller Kritik sieht er sie aber trotz allem als Kinder ihrer Zeit, und vor allem als Kinder von Askr und Embla, die einfach bestrebt waren ihre Leben zu leben.


    Der zweite Teil des Buches widmet sich der eigentlichen Geschichte der Wikinger.

    Er erforscht die Jahrhunderte vor dem Beginn der Wikingerzeit und somit die Ausgangssituation, wie auch die sozioökonomischen Verhältnisse im Nordeuropa der späten Völkerwanderunszeit.

    Über die Unzahl verschiedener Ursachen für die Plünderunszüge, deren Entwicklung und ihr letztendliches Ausklingen.

    Ebenso die Diaspora der Wikinger und wie diese Europa und Vorderasien für die nachfolgenden Jahrhunderte prägen wird.


    Abschließend richtet sich der Blick auf die Besiedlung des Westatlantik und die zahlreichen Enden der Wikingerzeit.

    Die "Christianisierung" und die ihr ursächlich zugrunde liegende Etablierung stabiler Königreiche.

    Die letzten großen Kriegszüge der neuen Könige gen Westen.

    Der langsame Verfall der großen Handelsplätze.


    All das verwebt Price zu einer einzigen, wohldurchdachten Erzählung.

    Mythos, Geschichte, archäologische Sachkultur.

    Alles ein Teil des großen Ganzen.

    Teil der selben Erzählung.

    Alles bleibt durchdrungen von der selben Neugierde, der selben Frage, "wer waren sie, diese Wikinger?"