Polytheist sucht Antworten!

Schon gewusst…?

Die Wikinger glaubten, dass Nordlichter die aufblitzende Rüstung und Speere der Walküren seien, die auftauchten, um getötete Kämpfer einzusammeln.

  • Guten Tag allerseits!


    Ich muss erstmal ganz offen und ehrlich gestehen, dass ich kein Heide bin. (Im herkömmlichen Sinne denke ich)


    Zumindestens kein Anhänger der "Asatru-Religion" oder sonstiger Verehrer Germanischer Gottheiten.


    Um ganz ehrlich zu sein tue ich mich schwer mit religiösen Praktiken, die über das Gebet (also Wortwechsel oder Meditation) hinaus gehen.


    Ich versuche gerade meine eigene Metaphysik zu errichten und ich komme nich aus den Gedanken, dass Gott nicht einer ist.


    Ich bin mir zu 80 % sicher, dass ich guten Gewissen von Göttern sprechen kann.


    Das einzige Problem ist, wer sind diese Götter?


    Ich bin hier um gerne mal mit Praktizierenden zu sprechen. Ich möchte hören, woher die Quellen des Glaubens stammen und wieso man ihnen vertrauen sollte.


    Und vorallem, wie alte Stammesgötter in einer Globalisierten Welt harmonieren. (Stichwort Interpretatio Romana bzw. Synkretismus)


    Ich bin vielleicht ein kleiner wissensdurstiger möchtegern Platon, aber ich möchte keinen Ärger. :vikinghammer:


    Hoffentlich finden wir gemeinsam Antworten.


    Dankeschön.

  • Moin, viel Spaß im Forum!


    Spontan würde ich Dir diese beiden kleinen Bücher empfehlen:


    Das erste ist der Ansatz einer rationalen Interpretation des Heidentums, erklärt dabei aber auch grundlegende Konzepte. Könnte eine interessante Sicht sein, wenn Du eher so aus der Ecke Agnostiker/ Skeptiker kommst.


    https://www.amazon.de/Aufgekl%…tum&qid=1619170900&sr=8-2


    Das zweite ist ein Buch über Shinto, die "Naturreligion" Japans, deren Kulte sich auch in der modernen Gesellschaft großer Beliebtheit erfreuen.


    https://www.amazon.de/Shinto-E…1619172043&s=books&sr=1-1

  • Folgendes ist alles nur meine persönliche Meinung. Ich erhebe keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit.


    Ich bin hier um gerne mal mit Praktizierenden zu sprechen. Ich möchte hören, woher die Quellen des Glaubens stammen und wieso man ihnen vertrauen sollte.

    Bei den alten heidnischen Völkern Europas bildetete die jeweilige Überlieferung die Quelle für den Kult. Die Sitte der Vorfahren gebot eben die Einhaltung bestimmter kultischer Handlungen. Eine andere Bezeichnung für beispielsweise den germanischen Glauben ist „Forn Sidr” oder „Firne Sitte” oder einfach „Alte Sitte”. Bei den alten Römern hieß das „Mos Maiorum”, die „Sitte der Vorfahren”. Und wieso man ihnen vertrauen sollte? Also eine Argumentation wie bei den missionierenden Religionen Christentum und Islam gibt es da nicht, weil dies nie notwendig war. Man hat sich einfach an die Traditionen gehalten, die man von Zuhause aus mitbekommen hat. Gerade so, wie viele auch heute Weihnachten und Ostern feiern, obwohl sie keine Christen sind (Weihnachten und Ostern sind ohnehin nicht ganz christlich, aber ich möchte jetzt nicht ausufern...). Ihr hohes Alter wirkte auch beeindruckend.


    Persönlich benutze ich unter anderem das Handbuch des deutschen Aberglaubens, das wahrscheinlich in jeder Bücherei einlesbar ist, gerade in Universitätsbibliotheken, gerne als Quelle für einheimische Bräuche. Ich selbst bin auch nicht der perfekte Asatruar, ich bewege mich eher zwischen Folketro, Ródna Wěra, Hellenismos und Religio Romana... deshalb bezeichne ich mich auch lieber einfach als „Heide”. Aber wie gesagt, die Edda wird von vielen natürlich genutzt.


    Und vorallem, wie alte Stammesgötter in einer Globalisierten Welt harmonieren. (Stichwort Interpretatio Romana bzw. Synkretismus)

    Das kann jeder Heide und jede heidnische Kultgemeinde handhaben, wie er oder sie möchte. Von Germanen, Kelten, Slawen und Balten ist leider nicht bekannt, inwiefern sie eine bindende Theologie hatten. Bei Griechen und Römern, den europäischen Heidenvölkern, von denen wir am besten unterrichtet sind, war keine solche allgemeine Theologie vor der Spätantike vorhanden (und auch diese war nicht obligatorisch). Bedeutet also, dass es dir frei steht, deinen Stammesgott als höchsten Gott überhaupt zu denken, oder eben als Emanation eines höheren, unbekannten, undenkbaren Gottes... Deine Stammesgötter können die gleichen sein wie die deiner Nachbarn oder vollkommen von diesen verschieden. Das bleibt ganz allein dir überlassen. Die von den Vorfahren ererbten Kulthandlungen waren dem einzelen Heiden wichtig. Ob die Gottheit, der diese Kulthandlungen golten, nun identisch war mit einer Gottheit aus einem anderen Sprachraum oder nicht, war dabei eigentlich nicht so wichtig. Hauptsache, die Riten wurden so durchgeführt, wie das schon bei Oma und Opa getan wurde. Über die Götter kann man als Mensch doch sowieso nichts Genaues sagen. Vielleicht sind die deutsche Holda, die polnische Dzidzileya und die griechische Aphrodite ein und diesselbe Gottheit, vielleicht auch nicht. Zumal die deutsche Holda auch in vielen Zügen den Griechinnen Athene und Artemis gleicht.


    Das kannst du also halten, wie du magst. In der Spätantike entwickelte sich die Tendenz, all die vielen Götter der verschiedenen Völkerschaften des Vielvölkerreichs Rom als Erscheinungsformen einer überschaubaren Zahl an Gottheiten oder eben einer einzigen Gottheit zu erklären. Der Neuplatoniker Salustios aus dem vierten Jahrhundert beispielsweise meinte es gebe nur die zwölf "innerkosmischen" Gottheiten, die mit den zwölf Olympiern identisch sind, und alle anderen Götter seien Erscheinungsformen dieser Götter: Herakles und Dionysos seien Erscheinungsformen des Zeus, Asklepios und Helios des Apollon, die drei Grazien der Aphrodite usw. Ein anderer Philosoph aus dem vierten Jh. namens Macrobius sah in allen Göttern Erscheinungsformen des Sonnengottes: überhaupt herrschte die Tendenz einer Sonnenreligion und -theologie in der Spätantike. Aber diese wurde nirgendwo den Menschen auferlegt. Es handelt sich um eine Systematisierung, die vermutlich in kleinen Kreisen intellektueller Heiden (die für so etwas Zeit übrig hatten) ausgeübt wurde. Sonst blieben einfach alle Kulte weiter bestehen, wie sie schon seit Jahrhunderten bestanden und der kleine gallische Bauer wird ohnehin seiner lokalen Gottheit die im Brunnen oder Wald lebte, mehr Aufmerksamkeit gezollt haben als dem Deus Sol Invictus oder dem Iuppiter Optimus Maximus der herrschenden Schicht. Wobei der Sonntag und der Sonnengeburtstag am 25. Dezember für alle Bürger des römischen Reiches verbindlich war. Auch für die Bürgerinnen im Übrigen.


    Du siehst, viel Blabla, wenig Antworten.

  • Eines meiner Lieblingsbücher zum Thema heidnische Religion ist folgendes:


    https://www.amazon.de/Veyne-Gr…1619341576&s=books&sr=1-4


    Das mag jetzt vielleicht nur meine Meinung sein, aber ich denke schon, dass die griechisch-römische Religion durchaus stellvertretend für das europäische Heidentum stehen kann und dass das Religionsverständnis der alten Griechen und Römer, dass sich in vielen Bereichen ja auch mit dem der shintoistischen Japanern deckt, durchaus auch das der Germanen, Kelten, Slawen, Balten und anderer europäischer Heiden gewesen sein mag.

  • Das einzige Problem ist, wer sind diese Götter?

    Da könnte dir meine Definition gefallen:



    der glaube an die æsir, vanir und jötnar in ihrer spirituellen form ist für mich eine logische konsequenz aus meinem humanistischen weltbild, stellen die götter - für mich - doch nur sinnbilder für menschliche eigenschaften dar - thor für stärke, freyja für glück, loki für list und so weiter.

  • Ich versuche gerade meine eigene Metaphysik zu errichten

    Herzlich willkommen.

    Der Anfang klingt schon mal sehr interessant.

    Das einzige Problem ist, wer sind diese Götter?

    Mich selbst überzeugt die Idee, die Götter zu allererst als Persönlichkeiten zu verstehen.

    Die eigentliche Natur ihrer Göttlichkeit ist für mich zwar interessant, spielt aber für meine Verehrung der Götter praktisch keine Rolle.

    Ich möchte hören, woher die Quellen des Glaubens stammen

    Das hängt ganz von der jeweiligen Strömung ab.

    Was Asatru/germanisches Heidentum als grobe "Oberbezeichnungen" angeht stammt der größte Teil der allgemein bekannten Quellen aus dem Island des 13. Jahrhunderts.

    Die bekanntesten Quellen wären:

    • Die Lieder-Edda - eine Sammlung von Liedern die sich inhaltlich mit den Göttern und mythischen Helden befasst
    • Die Edda des Snorri Sturlusson - Ein Lehrbuch für Dichter, in dem viele Mythen in Prosatext festgehalten wurden
    • Die Germania von Tacitus - teils anthropologische Abhandlung teils Propagandaschrift
    • Die Heimskringla - Eine Sammlung von Sagas über die skandinavischen Könige
    • Die Isländersagas - mehr 200 Erzählungen über zumeist einzelne Personen oder Familien aus Island von der späten Wikingerzeit bis ins Spätmittelalter. Insbesondere die Saga von Egil Skallagrimsson, die Saga von Brennu-Njall, die Saga von Erik dem roten und die Grönländersaga sind sehr bekannt und geben viel Auskunft über die Lebensrealität und Religion in der Wikingerzeit.
    • Sonstige skandinavische Sagas - bekannt währen z.B. die Saga von den Jomswikingern oder die Sagas von Ragnar Lodbrok
    • Die Geschichte der Dänen von Saxo Gramaticus - Teils ein früher Versuch der Geschichtsschreibung teils Sammlung von Sagas
    • Die Hamburger Kirchengeschichte von Adam von Bremen - ist vor allem für die einzige "Beschreibung" eines heidnischen Tempels und des dort stattfindenden Opferfestes bekannt
    • Der Reisebericht des Ibn Fadlan - eines der wenigen Zeugnisse das nicht aus Westeuropa stammt. Enthält die ausführlichste und zudem einzige nicht skandinavische Schilderung einer Schiffsbestattung

    Ab hier werden die Quellen zunehmend schwerer aufzutreiben:

    • Die verschiedenen Schriften von Beda Venerabilis - ein angelsächsischer Mönch der in der frühen Wikingerzeit gelebt hat. Seine Schriften enthalten viele Details über die Heiden unter den Angelsachsen.
    • Die VölvaÞattr - eine Erzählung über die "Hexenjagd" eines norwegischen Königs im 12. Jahrhundert (bekannt für die Beschreibung eines Rituals bei dem das beste Stück eines Pferdes eine große Rolle spielt)
    • Verschiedene Details vergraben in den englischen Chroniken
    • Einige wenige Erwähnungen in Byzantinischen und Arabischen Quellen

    Ich habe bestimmt schon wieder die Hälfte vergessen, aber die Eddas und die Isländersagas sind normalerweise schon mal ein guter Anfang um "ins Feeling" zu kommen.

    Für Kontext würde ich aber zunächst das hier empfehlen. Hier findest du meine Rezension dazu.


    Ich möchte hören, (...) wieso man ihnen vertrauen sollte.

    Sollte man nicht.

    Wir hängen keiner Buchreligion an.

    Jede Quelle hat "Fehler" oder ist zumindest durch die spezifische Perspektive des Autors beeinflusst.

    Jeder Heide geht damit anders um. Manche (wie ich z.B.) spielen Detektiv und versuchen eine "warscheinlichste Wahrheit" zu rekonstruieren, andere suchen eher ihre eigene "spirituelle Nachfolge".


    Und vorallem, wie alte Stammesgötter in einer Globalisierten Welt harmonieren. (Stichwort Interpretatio Romana bzw. Synkretismus)

    Zunächst einmal waren es nie so ganz Stammesgötter.

    Zu seiner Hochzeit war "das Heidentum" praktisch eine Weltreligion.

    Ich würde sagen wenn man die Götter vor allem als Personen versteht ändert sich vielleicht die Welt, nicht aber meine Beziehung zu den Göttern.