Tag der Erde, Tag des Frosts

Schon gewusst…?

Die Dächer ihrer Häuser deckten die Wikinger für eine effektive Wärmedämmung mit Grassoden.
Im Inneren des Hauses brannte immer ein offenes Feuer. Rundherum bauten die Wikinger Bänke, die Schlaf- und Sitzplätze für die gesamte Familie boten.

  • Heil dir, Iwan!

    Ich habe vor kurzem mal zum Thema Baba Yaga recherchiert und bin so auch zu anderen Figuren aus der slawischen Mythologie gekommen. Auf jedenfall ging es am Ende dann um Väterchen Frost und darum das die Russen sogar seinen Geburtstag an einem festgelegten Tag feiern! Das ist aber wohl erst vor ein paar Jahrzehnten aufgekommen.

    Ist das mit dem Geburtstag für die Erde auch so, oder steckt da noch älteres Gedankengut hinter?





  • Hallo an alle!


    Wie angekündigt, wollten wir obengenannte Frage gern weiter erörtern, allerdings nicht in den Drei Nornen, sondern in einen eigenen Thread.


    Kleiner Zwischenwurf von 15:00 Uhr [27.04.] vom 08.04. 9:00: Ich wollte eigentlich nur eine kleine Erörterung verfassen, schreibe aber nun tatsächlich ein kleines Essay über meinen eigenen Gedankengang, der für euch alle wahrscheinlich eher langweilig und vor allem viel zu verworren sein wird. Sei's drum. Da er ziemlich lang geworden ist, folgen nun mehrere Kommentare hintereinander. Sei's drum. SOLL HIER ABER KEIN MONOLOG DES PHILHELLENISCHEN WENDENFREUNDES WERDEN, SONDERN DURCHAUS EINE DISKUSSION.


    Literaturverzeichnis:

    >> Bächtold-Stäubli, Hanns (Hrsg.): Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens, Berlin und New York: Walter de Gruyter, 1987.

    >> Haase, Felix: Volksglaube und Brauchtum der Ostslaven, Breslau/Wrocław: Verlag Gerhard Martin, 1939.

    >> Ovidius, Publius Naso: Fasti. Der Römische Festkalender, Stuttgart: Reclam, 2014.

    >> Reiter, Norbert: Das Glaubensgut der Slawen im europäischen Verbund, Wiesbaden: Harrassowitz, 2009.

    >> Sinjawskij, Andrej: Iwan der Dumme. Vom Russischen Volksglauben, Frankfurt am Main: Fischer, 1990.

    >> Zdeněk, Váňa: Mythologie und Götterwelt der slawischen Völker. Die geistigen Impulse Ost-Europas, Stutgart: Urachhaus, 1992.

    >> Zelenin, Dmitrij: Russische (Ostslavische) Volkskunde, Berlin und Leipzig: Walter de Gruyter & Co., 1927.


  • Es hat ein bisschen gedauert, weil ich wollte nur ein paar Zeilen nachschlagen, doch dann bekam ich eine Panik, da in meiner Hauptquelle zum 10. Mai als ostslawischer Feiertag der Mutter Erde folgendes steht:


    „Am duchov den' [духов день] (Seelentag: 10. Mai) darf man in keiner Weise die Erde bearbeiten, denn die Erde hat an diesem Tage ihren Namenstag, man muss ihr deshalb Ruhe geben.” (Haase 1939, S. 169)



    Hat der Autor hier etwas durcheinander gebracht? Der Seelentag ist in der Orthodoxen Kirche nämlich der Pfingstmontag und tatsächlich, auch der Pfingstmontag ist in Russland und der Ukraine mit abergläubischen Vorstellungen um die Erde verbunden. Ein kleiner Auszug aus dem russischsprachigen Wikipedia-Artikel (vom Google-Übersetzer übersetzt, von mir korrigiert hie und da (also die Übersetzung)) hierzu:


    1) „Для восточно-славянской традиции характерны поверья о том, что «Земля на Духов день — именинница»[5], потому, что «в этот день она сотворена»[7] (также «Земля — именинница на Симона Зилота»). ”

    = Die ostslawische Tradition ist durch den Glauben gekennzeichnet, dass „die Erde ein Geburtstagskind am Seelentag ist”[5], weil „sie an diesem Tag erschaffen wurde”[7] (auch „Die Erde ist ein Geburtstagskind an Simon dem Eiferer”).


    2) Вплоть до начала XX века повсеместно было распространено поверье, что вечером накануне Святой Дух спускается на землю, «разливается по полям», появляется в домах. Считалось, что в Духов день земля беременна урожаем и поэтому её нельзя трогать: пахать, боронить, копать, засевать, вбивать колья и палки. По поверьям, в самый Духов день, перед восходом солнца, Мать Сыра-Земля открывает свои тайны: многие, помолясь Святому Духу, ходили «слушать клады», припадая к земле ухом (но утверждалось при этом, что открывались земные и подземные тайны только истинным праведникам, благочестивым людям)[10].

    = Bis Anfang des 20. Jahrhunderts war die Meinung weit verbreitet, dass der Heilige Geist am Abend, bevor er auf die Erde herabsteigt, „sich über die Felder ausbreitet“ und in den Häusern erscheint. Es wurde geglaubt, dass die Erde am Seelentag [Pfingstmontag] mit einer Ernte schwanger ist und daher nicht berührt werden kann: pflügen, eggen, graben, säen, Pfähle und Stöcke einschlagen. Dem Glauben nach enthüllt Mutter Feuchte Erde am Seelentag vor Sonnenaufgang ihre Geheimnisse: Viele, die zum Heiligen Geist gebetet hatten, gingen, um „den Schätzen zu lauschen“, und fielen mit den Ohren zu Boden (aber es war so argumentierte, dass irdische und unterirdische Geheimnisse nur wahrhaft rechtschaffenen, frommen Menschen offenbart würden)[10].


    Quelle: https://ru.wikipedia.org/wiki/Духов_день


    Der 10. Mai gilt tatsächlich als frühestmögliches Datum des Pfingstfestes, dieses ist allerdings ein bewegliches Datum, da es ja den 50-tägigen Festzyklus abschließt, der mit dem Osterfest eingeläutet wird und daher von diesem abhängig ist. Und dann verwendet die Orthodoxe Kirche ja eigentlich auch einen julianischen Kalender und fallen die Feiertage anders aus...

  • Wenn ich „10 мая” [10. Mai] und „Мать Сыра Земля” [Mutter Feuchte Erde] über Google suche, dann bestätigen die Suchergebnisse allerdings dieses Datum. Folgende Website, welche auch die alten Zaubergebete, die an diesem Tag zu sprechen waren, enthält, nennt neben dem Pfingstmontag/Seelentag eben auch den 10. Mai als Feiertag für die Erde mit dem Zusatz „nach alter Sitte”:

    https://traditio.wiki/Мать-Сыра-Земля_—_Именинница



    Tatsächlich erwähnt auch Haase (1939, S. 169):

    „An manchen Orten gilt der Tag Simons des Eiferers (20. Mai) als Namenstag der Erde [...]”.



    Bei Sinjawskij (1990, S. 200) lesen wir:

    „Man kannte auch den Namenstag der Mutter Feuchte Erde, der in verschiedenen Gegenden an verschiedenen Tagen gefeiert wurde. Das Volk glaubte, an diesem Tag habe Gott die Erde geschaffen. [...] An ihrem Namenstag darf die Mutter Erde nicht gestört werden: Es wird keine Grube gegraben, kein Beet umgestochen, keine Ackerfurche gezogen. Die Bauern knien an diesem Tag mehrmals nieder und küssen sie. Und in den Kirchen wird zu ihren Ehren ein Gottesdienst abgehalten.”

  • Zwischen der Mutter Feuchte Erde und der Gottesgebährerin, wie Maria im ostslawischen Raum gemeinhin genannt wird, existiert eine enge Verbindung in der ostslawischen Vorstellungswelt. Wie vielerorts gingen Verehrung weiblicher Gottheiten auf die christliche Mutter Gottes über.


    Das mag vielleicht wie ein (neu)heidnischer Gemeinplatz anmuten, findet aber auch Anklang in der Forschung:

    Frau Holle und die Gottesmutter werden in Beziehung gesetz und können füreinander stehen.

    [...] Ebenfalls nicht gesponnen werden darf auch an Lichtmess (lat. Festum purificationis Beatae Mariae Virginis [2. Februar], wendisch Swěčkowa Marija). Übertretung hat Krankheit zur Folge. Diese Regel belegt, dass die Gottesmutter wie für die Frau Holle auch für die Murawa steht.” (Reiter 2009: S. 71-72).


    Endlich auch über die ostslawische Situation:

    „Als höchste göttliche Kraft ist sie [Gottesmutter] mit dem Schöpfer, mit dem Heiligen Geist, mit der Dreieinigkeit verbunden. Manchmal wird sogar gesagt, dass sie »Himmel und Erde, Sonne, Mond und Sterne geschaffen« habe. Ohne ihren Beistand kann nichts auf Erden geboren werden, weder Tier noch Mensch. In dieser Qualität, als Verkörperung des allem zugrunde liegenden mütterlichen Prinzips, weist das Bild der Gottesmutter große Ähnlichkeit mit der Mutter Feuchte Erde auf, manchmal überlagern sich beide, ohne aber endgültig zu verschmelzen. Die Mutter Feuchte Erde bleibt immer Verkörperung der unteren, irdischen Welt, und die Gottesmutter die der höheren, himmlichen. Aber infolge dieser Nachbarschaft werden einige Qualitäten der Gottesmutter auf die Mutter Feuchte Erde übertragen. Daraus ergibt sich, dass das im wesentlichen heidnische Bild der Mutter Feuchte Erde christianisiert, gereinigt und geheiligt wird. Die Mutter Feuchte Erde ist ebenfalls unsere Fürbitterin und Ernährerin.” (Sinjawskij 1990, S. 204-205)


    „Der russische Mensch hat drei Mütter, die einige Gemeinsamkeiten aufweisen:


    Die erste Mutter ist die Heilige Gottesmutter,

    Die zweite Mutter - die Feuchte Erde,

    Die dritter Mutter ist die, die den Schmerz auf sich nahm.


    Die dritte Mutter, die die Qual des Wochenbettes auf sich nahm, ist die leibliche Mutter. Der russische Volksglaube ist in vielem eine Religion der Mütterlichkeit. Das Christentum schließt sich unmittelbar an die uralten Sippenvorstellungen und den Ahnenkult an.” (Sinjawskij 1990, S. 205)

  • Der Mai ist traditionell der Marienmonat. Zumindest in der katholischen Kirche. Dem einschlägigen Wikipediaartikel zufolge stammt die älteste Attestierung einer besonderen im Mai stattfindenden Maria-Verehrung aus dem dreizehnten Jahrhundert. Ab Ende des 18. Jhs. etablierte der Mai sich dann wirklich als Marienmonat. Von Italien gelangte diese Frömmigkeitsform über die Schweiz, Frankreich und Belgien nach Deutschland und Österreich (https://de.wikipedia.org/wiki/Marienbrauchtum_im_Mai).


    Keinen Augenblick zweifel ich daran, dass wohl auch die Ostslawen bereits zu heidnischer Zeit und vor jeglichem Kontakt zum Christentum Frühlingsfeste zu Ehren ihrer Götter und Göttinnen feierten. Aber die Enge Beziehung zwischen der Mutter Erde und der Mutter Gottes, die bei den Ostslawen existiert, könnte erklären, warum gerade der Mai in den Quellen um die Verehrung der Mutter Feuchte Erde auftaucht (der 20. Mai, Tag des Simon des Eiferers, könnte aus der entfernten Ähnlichkeit zwischen dem Namen „Simon” und dem slawischen Wort für Erde erklärt werden: Ukr. und russ. Земля „Zemlja”, weißr. Зямля „Zjamlja”, slowakisch Zem, tschechisch Země, polnisch Ziemia, kaschubisch Zemia und ober- und niedersorbisch/wendisch Zemja).



    Der Name des Monats ist lateinisch und im alten Rom reich an Feierlichkeiten. Gerade stelle ich fest, dass mein Reclam-Büchlein mit Ovids Fasti / Der Römische Festkalender nicht vollständig ist. Die Verse, wo von der Göttin Maia gesprochen wird, fehlen... Schade. Die deutsch-, polnisch-, serbisch-, englisch- und italienischsprachigen Wikipediaartikel zur römischen* Göttin Maia helfen mir weiter (und Google Translate):

    https://de.wikipedia.org/wiki/Maia_(r%C3%B6mische_Mythologie)

    https://pl.wikipedia.org/wiki/Maja_(mitologia_rzymska)

    https://sr.wikipedia.org/wiki/Maja_(boginja)

    https://en.wikipedia.org/wiki/Maia#Roman_Maia

    https://it.wikipedia.org/wiki/Maia_(pleiade)

    https://it.wikipedia.org/wiki/Maia_(divinit%C3%A0)




    Eine kurze Übersicht der Maifeiern im alten Rom:

    - 28.04. - 03.05.: Floralien, lockere Feierlichkeiten zu Ehren der Blumengöttin Flora „die nichts zu tun [hat] mit gestrengen Leuten, nicht mit solchen, die Würde zur Schau tragen: Sie will, dass ihr Fest dem einfachen Volke zugänglich ist.” (Ovid 2014, S. 191).


    - 01.05. Opfer an die altrömische Göttin Maia, die später mit der altgriechischen Maia gleichgesetzt wird, und als Göttin des Wachstums gilt und als solche mit anderen römischen Göttinen gleichgesetzt wird, u. A. auch mit den Erdgöttinnen Ops und Tellus. Der Monat könnte seinen Namen von dieser Göttin haben.


    - 09., 11. und 13. 05. : Opferhandlung für die Schatten der Toten, vor allem der „ruhelosen” Toten (Lemuren, Larven). Die Altvorderen hießen auf Latein maiores und davon könnte sich der Monatsname auch herleiten.


    - 15.05.: Fest der Kaufleute zu Ehren des Merkurs und seiner Mutter Maia.


    In Mai wurde außer der Maia noch einer anderen Göttin des Wachstums gedacht, der Dea Dia, einer oftmals ebenfalls mit anderen Erdgöttinnen gleichgesetzen Gottheit. Sie hatte ein bewegliches dreitägiges Fest im Mai, manchmal auch Anfang Juni, welches außerhalb Roms in einem Wäldchen von der Priesterschaft der Arvalbrüder gefeiert wurde. (https://de.wikipedia.org/wiki/Dea_Dia)


    Auch fand das Rosenfest im Mai statt, wenngleich ohne Fixdatum. Es richtete sich wohl nach dem Erblühen der Rosen und konnte dementsprechend auch im Juni stattfinden. Wie ich das verstanden habe, war es auch mehr ein privates Fest „mit dem der Beginn der schönen Jahreszeit und des fröhlichen Lebensgenusses gefeiert wurde. Um die Toten am Frühlingsfest teilhaben zu lassen, wurden in die Rosalien die von diesen ursprünglich getrennt begangenen Totengedenkfeiern, bei denen an den Gräbern Früchte und Blumen geopfert und zu Ehren der Verstorbenen Festessen veranstaltet wurden, integriert.” (Reiter 2009, S. 148-149)

    https://en.wikipedia.org/wiki/Rosalia_(festival)

    https://ru.wikipedia.org/wiki/Розалии_(праздник)

    https://it.wikipedia.org/wiki/Rosalia_(festività)

    https://nl.wikipedia.org/wiki/Rosalia_(Romeins_feest)



    *Es gab im Mittelmeerraum tatsächlich zwei separate Göttinnen mit Namen Maia. Die altgriechische Maia war die Mutter des Hermes, eine arkadische Bergnymphe, Tochter des Atlas und auch eine der sieben Plejaden (das Siebengestirn). Die altitalische Maia war eine Göttin des Wachstums und Kultpartnerin des Feuergottes Vulkanus. Als die Hellenisierung der lateinischen Literatur stattfand und die griechische Mythologie auf römische Götter übertragen wurde, fiel die italische Maia vollständig mit der griechischen zusammen. Vulkanus wurde mit Hephäistos identifiziert und dementsprechend wurden seine Frauen Venus und Charis.

  • ES IST VERFUEHRERISCH, all diese Einzelteile zu einem kohärenten Bild zusammenzufügen.


    Wir stellen fest:

    - Die Ostslawen feierten den Geburtstag der Erde u. a. am 10. Mai.

    - Bei den Ostslawen existierte eine enge Verbindung zwischen einerseits der als Lebewesen gedachten Erde und der Gottesgebährerin Maria.

    - Der Mai gilt seit dem ausgehenden 18. Jhd. als Marienmonat in der katholischen Welt.

    - Im alten Rom wurde im Mai einer Erdgöttin geopfert.


    Nun könnte man daraus eine Kausalkette knüpfen:

    1. Die alten Römer feierten im Mai ihre Erd- und Fruchtbarkeitsgöttin Maia.

    2. Die Christen übertrugen diese Feierlichkeiten auf ihre „Göttin” (die keine sein sollte) Maria.

    3. Deswegen feiert man am 10. Mai mancherorts im ostslawischen Raum den Namenstag der Mutter Feuchte Erde.


    Problem ist eben nur, dass es zwar bereits im Mittelalter eine besondere Frömmigkeit zu Ehren der Maria im Mai gegeben haben soll, diese aber erst quasi kirchlich gefördert wurde zum Ende des 18. Jahrhunderts und das im katholischen Raum, nicht im russisch-orthodoxen. Auch wenn zwischen Mutter Feuchte Erde und der Gottesgebährerin in den ostslawischen Vorstellungen enge Verbindungen existierten, hat der 10. Mai als Namenstag der Erde mit dem Mai als Marienmonat wohl wenig zu tun, jedenfalls nicht direkt. Ich kann mir gut vorstellen, dass die altrömischen Kultfeiern im Mai durchaus ein Weiterleben in sowohl Ost wie West haben, diese Weiterleben allerdings unabhängig voneinander entstanden sein müssten.

  • Der Mai als Marienmonat im Westen könnte vielleicht wirklich auf altrömische Fruchtbarkeitskulte zu Ehren der Maia zurückgeführt werden.


    [SPOILER-ALARM: hier kommt Rotkäppchen vom Weg ab...]


    Der 10. Mai als Namenstag der Mutter Feuchte Erde könnte meiner Meinung nach eher mit den Totenfeiern in Verbindung stehen. Im Mai/Juni feierten die alten Römer auch das Rosenfest, ein Frühlingsfest, das im Totenkult integriert wurde (oder andersherum): man wollte die Toten (alle, nicht nur die ruhelosen) Teil haben lassen am Frühlingsanfang. Es verlor zudem nie seinen Charakter eines reinen Volksfest, an dem auch Christen teilnahmen und von dem vielleicht die späteren Pfingstrosen herrühren. In Rom selbst bezeichnete man dieses Fest als dies rosationis, der Tag, an dem die Gräber mit Rosen bekränzt wurden. In Oberitalien waren es die tempora rosae, die Rosenzeiten. Auf dem Balkanteil des römischen Reiches sagte man dazu Rosalia, und dieser Begriff gelangte dann auch zu den Slawen (Rusalii, Rusalije) und dort wird es später teilweise zum Synonym zur Pfingstzeit. Zur Pfingstzeit verlassen auch die Rusalki (Sg. Rusalka) das Wasser und suchen Wald und Flur auf und lauern dort jenen Familienmitgliedern auf, die ihrer nicht gedacht haben. Die Rusalki gelten nämlich oft als slawisches Gegenstück zu unseren Nixen und Meerjungfrauen, sind allerdings nur in zweiter Linie Wassernymphen und in erster Linie die Seelen derer Frauen und Kinder, die einen frühzeitigen oder unnatürlichen Tod, oftmals gewaltsam und nicht selten durch Ertränken (aber eben nicht immer), gestorben sind. Das erinnert doch ungemein an die Lemuren und Larven der Römer, die im Mai von ihren lebenden Verwandten besänftigt wurden. Die Ukrainer wissen am meisten über die Rusalken, im Nordosten des europäischen Russlands ist dieser Begriff am wenigsten verbreitet, bei den Rumänen bedeuten Rusalken vor allem Wassernixen... Das alles entstammt dem Werk von Reiter (2009: 148-154).


    Gut, es sieht also so aus, als hätten sich zusammen mit dem Brauch im Mai Gräber mit Rosen zu bekränzen auch alte Vorstellungen von vorzeitig und deshalb ruhelosen Verstorbenen mit der Pfingstzeit verbunden und diese gelangten über den römischen Balkan und später wohl über Byzanz zu den Slawen, wo sie sich mit deren Totenkult vermischt haben mögen. Doch was hat das nun noch mit der Mutter Erde, der Feuchten, zu tun? Ich bemühe Sinjawskij (1990, S. 198):

    „Also klagt und weint bitterlich

    Die Mutter Feuchte Erde vor Gott dem Herrn:

    Schwer ist es, die Menschen auf mir zu tragen,

    Schwerer noch ist es, die Menschen in mir zu ertragen,

    Die Sünder und Ungerechten.”


    Die Vorstellung der Erde als Totengöttin begegnet uns auch schon bei Griechen und Römern („Nicht alles ist wahr, was die Römer oder Griechen gesagt haben”, wie Tschechows Titelfigur des Romans Der schwarze Mönch meinte), wo die Göttinnen Demeter-Ceres und Gaia auch als Beschützerinnen der Toten zu Buche stehen. (Quelle?)


    Rotkäppchen, Du bist vom Weg abgekommen.




    Fazit: Ich weiß nicht, warum es der 10. Mai sein soll.

  • So, und nun noch zu unserem Freund Väterchen Frost:


    „Die Ukrainer und Weißrussen laden auch den Frost zur Kutja [Brei aus gekochten Weizen- oder Gerstenkörnern mit Honig und Mohn, ein typisches Weinachtsessen bei den Ukrainern und Weißrussen] ein, wobei sie an die Wand klopfen, das Fenster öffnen und dazu sagen: Мороз, Мороз! Иди кутю есть, а если не хочешь, то уже не ходи совсем! (Frost, Frost! Komm die Kutja essen, willst du es aber nicht, so komm gar nicht!). Die Großrussen bewirten den Frost am Gründonnerstag, ebenfalls einem Gedenktage, mit Hafermehlbrei.” (Zelenin 1927, S. 375)


    Diese Art von „märchenhaften Animismus” liebe ich ja sehr. Ob die Ukrainer und Weißrussen als sie noch Heiden waren, exakt am 6. Januar ein Fest für den Gott des Winters und Frostes hatten, nehme ich nicht direkt an. Erstens Mal weil die heidnischen Ukrainer und Weißrussen ja nicht den römischen Kalender hatten, sondern ihre eigene Zeitrechnung, und zweitens weil die Russen dann wohl nicht am Gründonnerstag, sondern auch zu Weihnachten den Frost bewirten würden... wobe diese letzte Annahme nicht zwangsläufig ist, aber damit meine ich, dass Ukrainer, Weißrussen und Großrussen als sie heidnisch waren, noch EINE Sprachgemeinschaft waren, aus der dann später die drei ostslawischen Sprachgemeinschaften hervorgingen.


    Bevor ich abdrifte. Ich glaube, es haben sich einfach ganz natürlich Bräuche an christlichen Feiertagen gehaftet, die entweder wirklich noch aus heidnischer Zeit stammen, oder die in christlicher Zeit zwar entstanden, dennoch den Geist des Heidentums/Animismus atmen.


    Einen märchenhaften animistischen Brauch aus dem deutschsprachigen Raum, den ich zuweilen auch pflege, ist die Bewirtung des Windes, wenn dieser zu stark weht. Dann brachte man ein Speiseopfer aus Mehl dar (was im Wind zerstäubt) und sagte: Hier hast Du, lieber Wind, für Dich und auch Dein Kind!


    Zu Väterchen Frost noch Folgendes: Er ist ja auch der Gabenbringer in Russland, und das wohl nicht erst seit 1917, wie ich lange Zeit annahm, aber er ist nicht vollständig erfunden, wie manchmal behauptet wird, beziehungsweise: er ist nicht nur zum Zwecke des Gabenbringers erfunden. Der „ostslawische” Kollege unserer Brüder Grimm, ALexander Afanasjew, zeichnete das Märchen vom personifizierten Frost auf, der ganz ähnlich der Frau Holle einem fleißigen Mädchen Reichtum, ihre faule und bösartige Stiefschwester hingegen den Tod brachte.

    Der Website https://www.russlandjournal.de/russland/vaeterchen-frost/ zufolge, ist Väterchen Frost von Anfang an, als der 1. Januar als Jahresanfang unter Peter dem Großen Anfang des 18. Jhs. eingeführt wurde, als Gabenbringer tätig und nicht, wie ich dachte, erst nach 1917 als Gegenstück zum kirchlichen Nikolaus (im Gegenteil, offenbar war er dann erstmal 20 Jahre nicht mehr willkommen). Aber das könnt ihr selbst nachlesen auf der Website. Hier findet ihr auch den Geburtstag: 18. November, allerdings erst seit 2005 festgelegt. So sieht man Mal. Ist es darum weniger heidnisch? Für mich nicht.


    Und nun bin ich vorerst FERTIG!

  • >> Zdeněk, Váňa: Mythologie und Götterwelt der slawischen Völker. Die geistigen Impulse Ost-Europas, Stutgart: Urachhaus, 1992.

    Lohnt sich das, das Buch ist mittlerweile seit Jahren vergriffen und nur noch für so um die 100 Euro zu haben.

    „Ich bin so etwas wie ein Antikörper der New-Age-Bewegung. Meine Funktion besteht darin, auf die Möglichkeit aufmerksam zu machen, hey, weißt du, einiges von all dem Kram könnte auch riesengroßer Quatsch sein!“


    Ceterum censeo progeniem hominum esse deminuendam.

  • Lohnt sich das, das Buch ist mittlerweile seit Jahren vergriffen und nur noch für so um die 100 Euro zu haben.

    Gilt ja als Standardwerk und ist an und für sich natürlich sehr umfangreich. Persönlich muss ich allerdings gestehen, dass ich öfters im Haase (1939) oder Reiter ( 2009) schnökere. Aber es ist schon sehr umfassend und nicht umsonst ein Standardwerk.


    Ich denke, dass ich damals auch einen solch hohen Preis für den Zdeněk zahlte... Reiter und Zelenin (1927) waren übrigens nicht billiger... Ich weiß, ich kann nicht mit Geld umgehen...


    Mein Ratschlag ist immer: Erst Mal in einer Bücherei (in diesem Falle wohl eher Universitätsbibliothek) nachschlagen. Ankieken. Ihr wisst ja inzwischen: Der Mensch muss kieken im Leben.