Herrschaftsformen der Germanen (Wahlkönigtümer)

Schon gewusst…?

Thor / Donar


Sohn des Odin und Gott des Donners. Kann gut essen, trinken und raufen. Feinde zermalmt er mit seinem Hammer Mjölnir. Kämpft öfter gegen die Midgardschlange.

  • In Skandinavien kann man meist von Wahlkönigtümern ausgehen, soweit Quellen vorliegen. Und offenbar haben da auch die Freien Bauern bei der Wahl eine Rolle gespielt, wie wir wiedermal bei Hakon dem Guten sehen. Welche Funktion die Jarle nun genau hatten weiß man nicht. Man geht ja davon aus, dass die skandinavischen Könige mit dem Christentum eben auch die Innenpolitische Machtstrukturen zu ihren Gunsten verlagern wollten.

    Generell sollte man auch nicht davon ausgehen, dass das überall einheitlich geregelt war. In Griechenland hatte auch jeder Stadtstaat eine eigene Regierungsform (die im Laufe der Zeit auch mal wechseln konnte). Warum sollte es bei germanischen Stämmen anders gewesen sein?



    Wahlkönigtümer sind die Regel im Mittelalter. Für die Abschaffung der Wahlkönigtümer in Skandinavien (Schweden und Dänemark-Norwegen haben wir sogar noch die Urkunden überliefert. Das geschah allerdings erst in der Frühen Neuzeit, eben mit Aufkommen des Absolutismus, als bestimmte Dynastien so viel Macht angehäuft hatten, dass sie ihre Ansprüche allein Durchsetzen konnten.


    Feudale Hierarchien ist ein schwieriger Begriff. Das "klassische" Lehnswesen (Feudum=Lehen) setzt sich dort vollständig durch, wo die Freien Bauern entmachtet werden. In Zentraleuropa mit Beginn des Hochmittelalters um 1000 in England erst nach der Normannischen Eroberung, in Weiten Teilen des HRR kommt es noch später oder nie dazu.

    Wäre mir neu, dass Skandinavien da Vorreiter gewesen wäre....




    Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren!

    Die Würde des Thor ist unantastbar... :vikinghammer:

  • Heil euch!

    Ich weiss nicht, ob das jetzt direkt hierher gehört oder nicht, aber über das Leben von Harald dem harten, gibt es die Trilogie "Herrscher des Nordens" von Ulf Schiewe, welche 1066 mit Haralds tod bei Stamford Bridge endet. Interessanterweise wird genau diese Schlacht, noch recht am Anfang des Historienromans "das zweite Königreich" von Rebecca Gable geschildert, wo es dann mit der Herrschaft, Willhelm des Eroberers weitergeht.

    So kann man auch was über Politik und Herrschaft im Mittelalter lernen!

  • Thomas Riis: Einführung in die Gesta Danorum von Saxo Grammaticus


    Thronfolge und Widerstandsrecht


    Schon Aksel E. Christensen bemerkte 1945, daß Saxo das dänische Königtum nicht als ursprünglich erblich betrachtet; unser Verfasser gibt uns aber zu verstehen, daß er diese Regierungsform vorzieht.232



    Betrachten wir im einzelnen die vielen von Saxo erwähnten Thronbesteigungen, so sehen wir, daß in den meisten Fällen der Sohn dem Vater folgte. Die übrigen Thronwechsel waren meistens zugunsten verwandter Nachfolger, z.B. aus der weiblichen Linie. So gehörten normalerweise die Herrscher der Königssippe an, entweder durch Abstammung oder durch Heirat; aber die Verehrung des königlichen Blutes reichte nicht dafür aus, daß man die Regierung einer Frau ohne Oberherrn oder Gatten akzeptierte: Statt Gurithas wurden neue Könige aus dem Volke erwählt. Nur in zwei anderen Fällen wurde der Herrscher außerhalb der Königssippe gefunden: Da man dachte, daß der Sohn Frothos III. in Rußland verstorben wäre, wurde Hiarnus als Verfasser des besten Gedichtes zum Gedächtnis des verstorbenen Königs erwählt, und da der König Haidanus II. keine Kinder hinterließ, setzte er vor seinem Tod den Gotenkönig Unguinus als seinen Nachfolger ein.233


    Schon jetzt können wir Bilanz ziehen: Nach Saxo gehören die dänischen Könige derselben königlichen Familie an. In den wenigen Fällen, in denen es anders war, wurden die neuen Herrscher entweder vom bisherigen designiert oder sie wurden gewählt. Als regierungsfähig sieht Saxo nicht nur die Mitglieder der männlichen Linie, denn er liefert mehrere Beispiele von Sukzessionen durch die weibliche Linie; jedoch kann eine Frau nicht allein herrschen. Dieses Prinzip wird durch die schottische Königin, die Amlet heiratete, sehr klar formuliert: Sie erzählt, daß sie Königin sei, und wenn ihr Geschlecht kein Hindernis wäre, könnte sie sich als Königin betrachten; jedoch wäre es korrekter zu sagen, daß degenige, den sie heiraten würde, auch König sein würde, indem sie das Reich mit ihrer Liebe verschenken würde. Die Herrschaft würde so der Hochzeit und die Hochzeit der Herrschaft entsprechen.234

    Von einigen Ausnahmen abgesehen, ist die dynastische Kontinuität ein so wichtiger Zug bei unserem Verfasser, daß man hier einwenden darf, ob sie mit Guritha nicht unterbrochen wurde?



    Als Frau war sie regierungsunfähig, weshalb man Herrscher aus dem Volk wählte, obwohl Guritha die einzige Erbin der Königssippe war. Ihr Gatte wurde nicht als König angesehen, obwohl er durch seine Großmutter väterlicherseits Urenkel des norwegischen Königs aus der alten dänischen Königssippe war. Der Ehemann Gurithas ist eher als Reichs Verweser anzusehen, denn er führte die Herrschaft für seinen Sohn. Also kein Bruch - im Kind werden zwei Zweige der Königssippe vereinigt.235

    Wir dürfen jetzt fragen, wie die Thronwechsel vor sich gingen: Wurden sie durch Wahl, durch Erbrecht, durch Designation oder durch Eroberung begründet, und unter welchen Bedingungen? Eine lange Reihe von Königen bestieg sowohl in der Sagenzeit als auch im 12. Jahrhundert den Thron durch eine Wahl. Interessant ist diejenige von 1137, als Erich III. (Erich Lamm) - Sohn der Tochter Erichs I., nur als Reichsverweser für den unmündigen Waldemar, Sohn Knud La- wards, gewählt wurde.236 In Wirklichkeit aber war Erich vollgültiger König, und eine Anerkennung Waldemars schon im Jahre 1137 läßt sich durch keine andere Quelle bestätigen.


    Während eines Feldzuges zur See gegen die Wenden wohl im Jahre 1166 schlugen die principes vor, Knud, den Sohn Waldemars I., als Mitregenten für den Fall zu wählen, daß der König plötzlich ums Leben kam. Waldemar ging natürlich gern auf den Vorschlag ein, und in einer contio (politischer Versammlung/Thingversammlung) wählten die Großen (primates) Knud, der so gewählter König wurde. Daß die Wähler principes beziehungsweise primates genannt werden, ist nur eine stilistische Variation ohne juristische Bedeutung. Nur ein Wähler, der Königssprößling Buris, enthielt sich der Wahl, denn seiner Meinung nach sei es gefährlich, zwei Könige zur selben Zeit zu haben, denn man könnte mehrere Beispiele von Kriegen unter Verwandten, auch zwischen Vater und Sohn, anfuhren. Nach der Wahl leisteten die Großen Knud den Eid, wohl das Homagium.237 Der Einwand des Buris war unangreifbar - die Bürgerkriege waren erst 1157 beendet worden - aber




    hinter ihm vermochte sich die eigene Ambition des Buris kaum zu verbergen. Er begann zu konspirieren, wurde um 1167 entlarvt und bestraft.

    Die Wahl des kleinen Knud - er scheint 1162 oder 1163 geboren zu sein - hängt übrigens mit der päpstlichen Anerkennung des Erbrechtes Knuds zusammen. Es war eine Gegenleistung für die königliche Genehmigung, daß Erzbischof Eskil heimkehren durfte,238 und die Initiative zur Wahl Knuds ging wohl von der Regierung aus. Das widerspricht nicht notwendigerweise Saxos Nachricht, daß die Großen die Wahl Knuds vorschlugen - es gehört zur Kunst, eine Versammlung so zu manipulieren, daß zuverlässige Leute in der Versammlung im voraus dazu aufgefordert wurden, den Mitgliedern Vorschläge im Sinne der Regierung zu unterbreiten.


    Das zweite Thronfolgemodell ist jenes des Erbrechtes. Wir erinnern uns an die Erzählung vom alten König Wermund, dessen Sohn gegen die zwei Sachsen auf der Eiderinsel kämpfte - ohne Zweifel bereitete der Vater die künftige Regierung des Sohnes vor, und dieser betrachtete sich als Nachfolger des Vaters. Die Nachfolge Frothos III. war schwieriger, denn man glaubte in Dänemark, daß der Sohn im Ausland gestorben sei, weshalb ein neuer König gewählt wurde. Als sich herausstellte, daß Frothos Sohn am Leben war, wurde die Königswürde zur Streitfrage: Man hatte zwar einen König - dieser war aber unter falschen Voraussetzungen gewählt worden, und es gab den Sohn und natürlichen Nachfolger des verstorbenen Königs. Schließlich einigte man sich, den Prinzen aufgrund der Taten des verstorbenen Königs und wegen der Legitimität zur Regierungsübernahme aufzufordern. Fridlev, wie der Prinz hieß, akzeptierte unter der Bedingung, daß die Gesandten dem Hiarnus die Wahl zwischen der Abdankung und dem Krieg gegen Fridlev lassen würden (hier darf man den Krieg wohl als Gottesurteil auffassen).239 Auch in einem anderen Fall spricht Saxo von Abdankung zugunsten des Sohnes des verstorbenen Königs, auch wenn diesem sein Bruder auf dem Thron gefolgt war.240



    Während des 12. Jahrhunderts wurde das Erbrecht immer stärker hervorgehoben: Svend III. (1146-57) beklagte sich darüber, daß er keine Söhne hatte, deren Sukzession er vorbereiten sollte (quibus regnum parare debeat, also als Pflicht gesehen),241 und sowohl Knud VI. als auch Waldemar II. wurden als Erben des Vaters, Waldemars I., gesehen.242

    So konstatieren wir eine Reihe von Thronbesteigungen kraft Erbrechts. Vielleicht ist es kein Zufall, daß wir sie sowohl in der sagenhaften Geschichte Dänemarks als in der Geschichte des 12. Jahrhunderts finden - die Thronfolge durch Erbrecht hatte sich wahrscheinlich durch die Bürgerkriege aktualisiert, denn die Fraktionsfiihrer gehörten alle derselben Königssippe an.


    Betrachten wir jetzt die Sukzessionen kraft Designation, das heißt, daß der neue Herrscher schon vom Vorgänger erwählt und eventuell von den einschlägigen Gremien anerkannt worden war. Mehrmals konnte eine Designation sich als eine Mitregentschaft des Sohnes zu Lebzeiten des Vaters gestalten; das älteste Beispiel einer solchen Lage finden wir bei dem eponymen König Skjold, der gegen Ende seines Lebens den Sohn Gram als Mitregenten nahm, indem er ihn so als den künftigen König designierte.243 Mit diesem Beispiel zeigt Saxo, daß die Designation im dänischen Verfassungsleben uralt und daher durchaus akzeptabel war. Die Wahl Knuds VI. im Jahre 1166 und seine Krönung vier Jahre später bedeuteten auch eine Designation. Ein Sonderfall war es, als der legendäre König Olav die beiden Söhne als Könige und Nachfolger designierte; die Angelegenheiten des Reiches zur See und zu Lande sollten von je einem Bruder gelenkt werden, jedes Jahr aber sollten die Brüder ihre Ressorts wechseln.244 Dies ist eine Anspielung auf die Dyarchie, wie man sie unter Waldemar I. und Absalon kannte.


  • Mitunter hatte die Designation die Gestalt eines Sukzessionsabkom- mens; nach dem Tod Knuds des Großen behielt sein Sohn England und Dänemark, während Norwegen einen eigenen König nahm. Folgerichtig schlossen die beiden Herrscher das Abkommen, daß der länger lebende das Reich/die Reiche des anderen übernehmen solle. Auf ähnliche Weise einigten sich nach Saxo die Söhne Svend Estridsens, daß einer nach dem anderen den Thron besteigen sollte.245


    Allem Anschein nach geht Saxo hier von der Tatsache aus, daß die fünf Brüder nacheinander den Thron bestiegen; jedoch wahrscheinlich nicht, weil sie es so verabredet hatten, sondern eher, weil keiner bei seinem Tod mündige Söhne hinterließ.

    Mehrmals erörtert unser Verfasser die Grundsätze der Thronfolge, indem er die Geschichte zwischen dem Tod Svends II. im Jahre 1074 und dem Sieg Waldemars I. im Jahre 1157 erzählt. Die fünf Söhne Svends bestiegen den Thron entsprechend ihrem Alter, aber Saxo kann sich anscheinend nicht entscheiden, ob er das Primogeniturprinzip oder die Regierungsfähigkeit vorzieht.245 246

    Saxo gibt mehrere Beispiele der Kompetenz - wir erinnern an den Dichter, der wegen seines Grabgedichtes die Königswürde erhielt, sowie an die Kriegerin Hetha, die als Frau nicht allein regieren durfte. Die guten Taten des Vaters oder des Großvaters werden ferner als Qualifikation angesehen, und Erich, der den gleichnamigen König abzusetzen versuchte, wird als des Königtums unwürdig betrachtet, und zwar wegen seines Kampfes gegen ein wehrloses Kind.247 Auch war es die wegen Alters und Blindheit fast verschwundene Regierungsfähigkeit Wermunds, die die Sachsen zu ihren Prätentionen auf Dänemark anregte.248


    Den Konflikt der beiden Sukzessionsprinzipien sehen wir deutlich in der Darstellung der Königswahl vom Jahre 1074. Die Thronprätendenten waren Harald und dessen jüngerer Bruder, der spätere Knud der Heilige. Unser Verfasser fand den letzteren regierungsfähiger als




    Harald: Seine kriegerischen Taten waren so ruhmreich, daß sie an Knud den Großen erinnerten.249 Natürlich war Harald als der Altere Anhänger des Primogeniturprinzips, obwohl er sich als der Geeignetere darzustellen versuchte: Knud habe durch seine kriegerischen Unternehmen dem Volk nur Gefahr gebracht, und es wäre doch Unrecht, wenn die freundliche Gesinnung Haralds ihm den Weg zum Thron verbauen sollte. Harald versprach im übrigen, die harten und ungerechten Gesetze durch neue und mildere zu ersetzen. Nach seiner Wahl bot Harald dem Bruder die Mitherrschaft an, die Knud aber ablehnte.250 251


    Für die Zeit seiner Wallfahrt in den Nahen Osten setzte Erich I. zwei Reichsverweser ein: seinen ältesten Sohn Harald und den Lunder Bischof, und späteren Erzbischof, Asser. Saxo erwähnt nur Harald als Reichsverweser, was er wegen seines Alters wurde, aber durch seine Mißregierung und durch seinen schlechten Ruf verspielte er seine Chance, dem Vater auf dem Thron zu folgen. Auch bei der Wahl nach Erich I. spielten sowohl das Recht des Älteren als auch die Fähigkeit eine große Rolle, und Knud Laward wurde wegen seiner Herrscherfähigkeit zum Obodritenflirsten designiert, wobei der regierende Fürst die eigenen, regierungsunfähigen Söhne überging.2^1

    Wir haben die Anklage gegen Knud Laward und dessen Verteidigungsrede ausführlich diskutiert, und im ganzen Vorgehen sehen wir den Konflikt mehrerer Prinzipien: Nach dem Urheber der Anklage hätte Magnus im Falle einer Wahl weniger Chancen gegen Knud, weshalb der König die Sukzession durch die Beseitigung Knuds sichern sollte. Also Erbrecht (Magnus) gegen Wahlrecht und Regierungsfähigkeit (Knud).


    Die Thronfolge nach dem Tod Erichs II. (1137) erlaubt unserem Verfasser, die Grundsätze zu erörtern. Da der Sohn des verstorbenen Königs, Svend, minderjährig war wie auch die Söhne der beiden Rivalen und Vetter Magnus und Knud Laward, ergaben sich daraus gewisse Komplikationen. Ein Edelmann, Christian, fand den Sohn Knud La- wards, Waldemar, des Reiches für sehr würdig (regno dignissimum).



    Die Mutter des Kindes zog es vor, die Herrschaft anderen, und nicht dem Kind zu übertragen, aber Christian stellte den kleinen Waldemar der contio (Thingversammlung) vor, indem er die guten Taten Knud La- wards lobte, die man durch die Wahl seines Sohnes belohnen solle. Da dieser mindeijährig sei, müßte man einen Reichsverweser, nämlich seinen Vetter Erich Lamm, wählen, und so geschah es nach Saxo. Hier zeigte sich die Regierungsfähigkeit als Prinzip stärker als das Erbrecht; Erich wurde auch wegen seines Mutes und wegen seiner militärischen Fähigkeiten gewählt.252


    Wir müssen jetzt die vierte Thronfolgeart untersuchen, nämlich die des gewaltsamen Todes des regierenden Königs. Hier lassen wir die zahlreichen Fälle außer Betracht, in denen der König im Kampf gegen den auswärtigen Feind getötet, vertrieben oder tributpflichtig gemacht wurde. Saxo tadelt nicht immer die Machtübernahme durch Gewalt, zur wendischen Sagenzeit würde der Königstöter das Reich seines Opfers erben.253 Mitunter war der Königsmord eine Tat der Rache zugunsten des Rächers, der seinem Opfer folgte. Für Saxo konnte die Rache Ehrenpflicht sein, und für seine Zeitgenossen war sie eine lebendige Wirklichkeit, deren Auswirkungen man um 1200 zu begrenzen versuchte.254


    Selbstverständlich gab es für den Königsmord Motive privater Natur, zum Beispiel das der Rache, aber für uns sind in diesem Zusammenhang nur die öffentlichen Motive wie die Unzufriedenheit wegen einer schlechten und ungerechten Regierung von Interesse. Der Sagenkönig Olo herrschte hart und grausam, und es kam vielleicht deswegen zu einer Verschwörung gegen ihn; jedenfalls tadelt Saxo ihn, indem er ihn als impius bezeichnet.255

    Ein ähnliches Motiv spielte eine Rolle im Aufstand gegen den heiligen König Knud; nach Saxo wurde die Bewegung durch den Königsbruder Oluf angeführt. Angeblich hätte der König mit zu harten Mitteln den Zehnten einzuführen versucht. In Odense hielt ein Auf



    ständischer eine Rede an die Volksmenge, in der er die Aufständischen als Hüter des Vaterlandes (tutores patriae) und Diener der Religion (pietatis ministri) bezeichnet, während der König als Tyrann bezeichnet wurde. Ferner sei die Beseitigung des Herrschers kein privates Verbrechen, wenn die öffentliche Freiheit verteidigt werde.256 Interessanterweise bezeichneten nach der passio, die wahrscheinlich 1095-1096 verfaßt wurde, die Aufständischen den König als Tyrannen.257


    Der Fall des Amlet ist komplizierter, denn die Motive des Königsmords sind sowohl privater als auch öffentlicher Art. Amlet muß den Tod des Vaters, des Idealkönigs, rächen, und der böse Onkel Fengo wird als der Gegensatz seines ermordeten Bruders beschrieben. Interessant ist, daß Saxo auch der patria ein Recht auf Rache zuspricht, denn der Frevler hat durch seine Taten dem Vaterland einen Makel zugefugt.258

    Der gewaltsame Tod von Amlets Vater, die nach mittelalterlichem Recht inzestuöse Heirat der Witwe mit ihrem Schwager (der übrigens der Mörder war), schließlich die Rache Amlets - alle Umstände weisen auf eine wirkliche Familientragödie hin. Durch den Mund Amlets beschreibt Saxo den toten Körper Fengos als impium, ein Wort, das er auch anderswo in ähnlichen Fällen verwendet.259 Mit diesem Ausdruck hebt unser Verfasser die erwähnten Ereignisse auf die religiös-moralische Ebene.


    Dieser Gebrauch des Wortes impius war römischer Art, denn impius war derjenige, der seine von den di parentes der Familie aufgelegten Pflichten nicht erfüllte und der so ihrer Rache anheimfiel. Cicero bezeichnet diejenigen als impii, die Verbrechen gegen die patria begangen hatten,260 wo der römische Staatsmann sie mit den Vatermördern vergleicht.261 Das römische Denken war nicht die einzige Quelle für Saxo. So forderte Amlet, den Leichnam Fengos zu verbrennen und die Asche zu verstreuen. Die posthume Strafe ist nicht die Einäscherung, sondern das Verstreuen der Asche, was an die Worte des alttestamentlichen Psal-



    misten erinnert, wenn er von den impii spricht, denn ihr Schicksal wäre die des Staubs, den der Wind von der Oberfläche der Erde wegweht (Ps. 1,4).

    Amlet charakterisierte den Usurpator Fengo als Tyrannen und dessen Regierung als Tyrannis; hier müssen die Worte einen durchaus negativen Sinn haben. Aber auch die Königswürde des Vaters Amlets wird als Tyrannis bezeichnet, hier hat das Wort einen neutralen Sinn, was auch anderswo bei Saxo vorkommt. Vielleicht wollte unser Verfasser seine Gelehrsamkeit mit einem Hinweis auf die Tyrannen des klassischen Altertums zeigen, denn ähnliches bemerken wir bei Otto von Freising.262 Daß schon im Altertum Tyrannus sowohl wertneutral als auch negativ aufgefaßt werden konnte, zeigt Seneca (De Clementia I, 12,1): Tyrannus a rege factis distat, non nomine (Der Tyrann unterscheidet sich vom König nicht durch den Namen, sondern durch die Taten). Die ganze Amletepisode ist ferner dadurch interessant, daß nach Amlet auch der patria die Pflicht oblag, sich vom Tyrannen zu befreien.263

  • Es ist nicht ganz deutlich, ob die Verschwörung gegen Olo wegen dessen Mißregierung angezettelt wurde; es ist daher sinnvoller, uns auf Amlet und Knud den Heiligen zu beschränken. Da der eine im 4. Buch und der andere im 12. Buch behandelt wird, dürfen wir sie vielleicht als Spiegelbilder ansehen: Der Mord Fengos war gerecht, der Mord Knuds - obwohl von seinen Widersachern als Tyrannenmord betrachtet - ungerecht, was durch die Hungerperiode der 1090er Jahre bestraft wurde.264


    Die Rede des Blacco in Odense zeigt einerseits einen deutlichen Unterschied zwischen dem König und dem Tyrannen, andererseits ein dem Volke zustehendes Widerstandsrecht; wie schon erwähnt, wird das Volk in diesem Zusammenhang als patriae tutores und pietatis ministros betrachtet. Es gibt in der Rede keine kirchlichen Anspielungen, was es wenig wahrscheinlich macht, daß unser Verfasser sich von John of Salisbury hat inspirieren lassen (obwohl Sven Aggesen ihn benutzte).265


    Wir haben gesehen, daß im Falle Amiets Saxo das Widerstandsrecht gegen den Tyrannen auf römische Sichtweise darstellte, und wir dürfen fragen, ob auch die römischen Ideen vom Tyrannenmord im Falle des Heiligen erscheinen. Cicero fragte, ob es ein Verbrechen sei, einen Tyrannen zu töten, was er mit »Nein« beantwortete, im Gegenteil wurde eine solche Tat durch die Römer als verdienstvoll betrachtet. Bedeutet es also, daß der Nutzen (utilitas) über die Moralität (honestas) siegt? Aber die Moralität folgt immer dem Nutzen (De officiis III, 4,19). Ferner ist für Cicero derTutor der Gegensatz zum Tyrannen - wir erinnern, daß die künftigen Mörder Knuds sich als patriae tutores betrachteten.266 Wahrscheinlich hat Saxo für die Erzählung über Knuds Tod aus den römischen Quellen geschöpft. Hierfür hatte er zwei Motive: erstens seine Vorliebe für das Altertum, also für die Interpretatio Romana der dänischen Geschichte, und zweitens wäre es unmöglich gewesen, die mittelalterliche Lehre vomTyrannenmord in einem Fall zu verwenden, wo der vermutliche Tyrann ein vomVerfasser selbst anerkannter Königsheiliger war.


    Darüber hinaus erzählt Saxo von anderen Aufständen, die er unterschiedlich motiviert. Deijenige des Knud Magnussen und Waldemars I. gegen Svend III. waren durch die Machenschaften Svends verursacht; so war er durchaus verständlich und gerechtfertigt.267 Dies war für den Aufstand Olufs gegen Erich III. nicht der Fall: Oluf hatte den König um die Restitution des wegen väterlichen Hochverrats konfiszierten Besitzes gebeten, was der König abgelehnt hatte; so blieb Oluf nur der Aufstand, der ihn zu immer grausameren Taten führte, bis er schließlich den Roskilder Bischof töten ließ.268


    Der Aufstand Svend Gabelbarts gegen seinen Vater ist vom moralischen Standpunkt aus komplizierter. Zwar hatte Harald seine Untertanen zu streng behandelt, was die Empörung des Sohnes rechtfertigte. Seine Regierung war aber von Katastrophen geprägt bis zu dem Moment, als er den christlichen Glauben annahm. Von jetzt an herrschte er erfolgreich und gewann noch England dazu. Die Erzählung des wechselnden Glücks ist von Valerius Maximus stark beeinflusst.269

    So waren die Aufstände Svend Gabelbarts, Knud Magnussens und Waldemars gerecht, weil Harald Blauzahn vom Volk zu viel forderte und weil Svend III. vor allem gegen Waldemar arbeitete. Nochmals finden wir bei Saxo ein Widerstandsrecht, das dem römischen ähnlich ist, obwohl die Illoyalität des Herrn im Feudalrecht den Bruch von Seiten des Vasalls rechtfertigt.270


    Wir können folgern, daß fast alle Könige Dänemarks derselben Königssippe angehören. Der Thronwechsel findet normalerweise kraft Erbrechts oder kraft Wahl statt, während Designationen oder Sukzessionsabkommen weniger häufig sind. Die idoneitas - Regierungsfähigkeit - hat insofern Bedeutung, als eine ledige Frau als regierungsunfähig betrachtet wird und weil erfolgreiche militärische Taten als Qualifikation anzusehen sind. Wir konstatieren ferner, daß die Primogenitur für Saxo eine gewisse Rolle spielt, und daß ein römisch beeinflußtes Widerstandsrecht mitunter als Prinzip erscheint.

  • Die Könige die hier im Heimskringla beschreiben sind, sind meist Ynglinge, also Nachkommen von Frey, (bzw sogar Odin- Nörd - Frey). Ist halt die Frage, ob das Allgemeingut damals war, oder ob Snorri das nachträglich hinzugedichtet hat.


    Bei den Merowingern haben wir dann das typische Beispiel. Aus Respekt vor der mythischen Herkunft haben die Karolinger noch drei Generationen lang Merowinger als Marionetten einsetzen lassen, obwohl die Macht schon längst bei den Karolingern lag.


    Generell hält sich der Glaube an besonders edles/starkes Blut das ganze Mittelalter (und eigentlich die Neuzeit) hindurch. Herkunft aus einer edlen Dynastie ist immer auch ein Pluspunkt bei Königswahlen, bzw. oft sind auch nur Mitglieder solcher Dynastien berechtigt sich wählen zu lassen. Zum Teil sicherlich auch schon allein, weil sich bei solchen Dynastien i.d.R. politische Macht gebündelt hat und die halt Ärger machen würde, wenn jemand aus der anderen Dynastie gewählt werden würde. (Z.B brach im Grunde der 30. Jährige Krieg aus, weil man in Böhmen keinen Habsburger zum König wählte)

  • Heil euch!

    Viele skandinavische und angelsächsische Königshäuser, berufen sich ja auf einen göttlichen Urahn- wohl meist Woden oder Fro- Ing.

    Hat göttliches Blut eigentlich eine Rolle bei der Herrscherwahl gespielt?

    Noch als Ergänzung zu Ulfberths letztem Post.

    Die dänischen Könige sind mythologisch eng mit Odin verknüpft, eine Klare abkommenschaft wäre mir aber nicht bekannt.

    Sie berufen sich auf Sigurd und die Völsungen als Ahnen.

    Sigrdrifa wird wennich mich richtig erinnere auch als eine Tochter Odins bezeichnet, da könnte aber dichterische Poetik mit rein spielen.


    Auf den Rest gehe ich ein sobald ich etwas mehr Zeit zum Schreiben habe.

    Ich wage alles was dem Manne ziemt;
    Wer mehr wagt ist kein Mann!