Die ältere Edda

Schon gewusst…?

Walhall (altnord. Valhöll ‚Wohnung der Gefallenen‘), auch Valhall, Walhalla oder Valhalla, eventuell verknüpft oder identisch mit dem Götterpalast Valaskjalf, ist in der nordischen Mythologie der Ruheort der in einer Schlacht gefallenen Kämpfer, die sich als tapfer erwiesen haben, der sogenannten Einherjer.

  • 1. Völuspâ.

    Allen Edeln gebiet ich Andacht,

    Hohen und Niedern von Heimdalls Geschlecht;

    Ich will Walvaters Wirken künden,

    Die ältesten Sagen, der ich mich entsinne,


    Riesen acht ich die Urgebornen,

    Die mich vor Zeiten erzogen haben.

    Neun Welten kenn ich, neun Aeste weiß ich

    An dem starken Stamm im Staub der Erde.


    Einst war das Alter, da Ymir lebte:

    Da war nicht Sand nicht See, nicht salzge Wellen,

    Nicht Erde fand sich noch Ueberhimmel,

    Gähnender Abgrund und Gras nirgend.


    Bis Börs Söhne die Bälle erhuben,

    Sie die das mächtige Midgard schufen.

    Die Sonne von Süden schien auf die Felsen

    Und dem Grund entgrünte grüner Lauch.


    Die Sonne von Süden, des Mondes Gesellin,

    Hielt mit der rechten Hand die Himmelrosse.

    Sonne wuste nicht wo sie Sitz hätte,

    Mond wuste nicht was er Macht hätte,

    Die Sterne wusten nicht wo sie Stätte hatten.


    Da gingen die Berather zu den Richterstühlen,

    Hochheilge Götter hielten Rath.

    Der Nacht und dem Neumond gaben sie Namen,

    Hießen Morgen und Mitte des Tags,

    Under und Abend, die Zeiten zu ordnen.


    Die Asen einten sich auf dem Idafelde,

    Hof und Heiligtum hoch sich zu wölben.

    (Uebten die Kräfte Alles versuchend,)

    Erbauten Essen und schmiedeten Erz,

    Schufen Zangen und schön Gezäh.


    Sie warfen im Hofe heiter mit Würfeln

    Und darbten goldener Dinge noch nicht.

    Bis drei der Thursen- töchter kamen

    Reich an Macht, aus Riesenheim.


    Da gingen die Berather zu den Richterstühlen,

    Hochheilge Götter hielten Rath,

    Wer schaffen sollte der Zwerge Geschlecht

    Aus Brimirs Blut und blauen Gliedern.


    Da ward Modsognir der mächtigste

    Dieser Zwerge und Durin nach ihm.

    Noch manche machten sie menschengleich

    Der Zwerge von Erde, wie Durin angab.


    Nyi und Nidi, Nordri und Sudri,

    Austri und Westri, Althiofr, Dwalin,

    Nar und Nain, Nipingr, Dain,

    Bifur, Bafur, Bömbur, Nori,

    Ann und Anarr, Ai, Miödwitnir.


    Weigr, Gandalfr, Windalfr, Thrain,

    Theckr und Thorin, Thror, Witr und Litr,

    Nar und Nyradr; nun sind diese Zwerge,

    Regin und Raswidr, richtig aufgezählt.


    Fili, Kili, Fundin, Nali,

    Hepti, Wili, Hannar und Swior,

    Billingr, Bruni, Bildr, Buri,

    Frar, Hornbori, Frägr und Loni,

    Aurwangr, Jari, Eikinskjaldi.


    Zeit ists, die Zwerge von Dwalins Zunft

    Den Leuten zu leiten bis Lofar hinauf,

    Die aus Gestein und Klüften strebten

    Von Aurwangs Tiefen Zum Erdenfeld.


    Da war Draupnir und Dolgthrasir,

    Har, Haugspori, Hläwangr, Gloi,

    Skirwir, Wirwir, Skafidr, Ai,

    Alfr und Yngwi, Eikinskjaldi.


    Fialar und Frosti, Finnar und Ginnar,

    Heri, Höggstari, Hliodolfr, Moin.

    So lange Menschen leben auf Erden,

    Wird zu Lofar hinauf ihr Geschlecht geleitet.


    Gingen da dreie aus dieser Versammlung,

    Mächtige milde Asen zumal,

    Fanden am Ufer unmächtig

    Ask und Embla und ohne Bestimmung.


    Besaßen nicht Seele, und Sinn noch nicht,

    Nicht Blut noch Bewegung, noch blühende Farbe.

    Seele gab Odhin, Hönir gab Sinn,

    Blut gab Lodur und blühende Farbe.


    Eine Esche weiß ich, heißt Yggdrasil,

    Den hohen Baum netzt weißer Nebel;

    Davon kommt der Thau, der in die Thäler fällt.

    Immergrün steht er über Urds Brunnen.


    Davon kommen Frauen, vielwißende,

    Drei aus dem See dort unterm Wipfel.

    Urd heißt die eine, die andre Werdandi:

    Sie schnitten Stäbe; Skuld hieß die dritte.

    Sie legten Looße, das Leben bestimmten sie

    Den Geschlechtern der Menschen, das Schicksal verkündend.


    Allein saß sie außen, da der Alte kam,

    Der grübelnde Ase, und ihr ins Auge sah.

    Warum fragt ihr mich? was erforscht ihr mich?

    Alles weiß ich, Odhin, wo du dein Auge bargst:


    In der vielbekannten Quelle Mimirs.

    Meth dringt Mimir allmorgentlich

    Aus Walvaters Pfand! wißt ihr was das bedeutet?


    Ihr gab Heervater Halsband und Ringe

    Für goldene Sprüche und spähenden Sinn.

    Denn weit und breit sah sie über die Welten all.


    Ich sah Walküren weiter kommen,

    Bereit zu reiten zum Rath der Götter.

    Skuld hielt den Schild, Skögul war die andre,

    Gunn, Hilde, Göndul und Geirskögul.

    Hier nun habt ihr Herians Mädchen,

    Die als Walküren die Welt durchreiten.


    Da wurde Mord in der Welt zuerst,

    Da sie mit Geeren Gulweig (die Goldkraft) stießen,

    In des Hohen Halle die helle brannten.

    Dreimal verbrannt ist sie dreimal geboren,

    Oft, unselten, doch ist sie am Leben.


    Heid hieß man sie wohin sie kam,

    Wohlredende Wala zähmte sie Wölfe.

    Sudkunst konnte sie, Seelenheil raubte sie,

    Uebler Leute Liebling allezeit.


    Da gingen die Berather zu den Richterstühlen,

    Hochheilge Götter hielten Rath,

    Ob die Asen sollten Untreue strafen,

    Oder alle Götter Sühnopfer empfahn.


    Gebrochen war der Burgwall den Asen,

    Schlachtkundge Wanen stampften das Feld.

    Odhin schleuderte über das Volk den Spieß:

    Da wurde Mord in der Welt zuerst.


    Da gingen die Berather zu den Richterstühlen,

    Hochheilge Götter hielten Rath,

    Wer mit Frevel hätte die Luft erfüllt,

    Oder dem Riesenvolk Odhurs Braut gegeben?


    Von Zorn bezwungen zögerte Thôr nicht,

    Er säumt selten wo er Solches vernimmt:

    Da schwanden die Eide, Wort und Schwüre,

    Alle festen Verträge jüngst trefflich erdacht.


    Ich weiß Heimdalls Horn verborgen

    Unter dem himmelhohen heiligen Baum.

    Einen Strom seh ich stürzen mit starkem Fall

    Aus Walvaters Pfand: wißt ihr was das bedeutet?


    Oestlich saß die Alte im Eisengebüsch

    Und fütterte dort Fenrirs Geschlecht.

    Von ihnen allen wird eins das schlimmste:

    Des Mondes Mörder übermenschlicher Gestalt.


    Ihn mästet das Mark gefällter Männer,

    Der Seligen Saal besudelt das Blut.

    Der Sonne Schein dunkelt in kommenden Sommern,

    Alle Wetter wüthen: wißt ihr was das bedeutet?


    Da saß am Hügel und schlug die Harfe

    Der Riesin Hüter, der heitre Egdir.

    Vor ihm sang im Vogelwalde

    Der hochrothe Hahn, geheißen Fialar.


    Den Göttern gellend sang Gullinkambi,

    Weckte die Helden beim Heervater,

    Unter der Erde singt ein andrer,

    Der schwarzrothe Hahn in den Sälen Hels.


    Ich sah dem Baldur, dem blühenden Opfer,

    Odhins Sohne, Unheil drohen.

    Gewachsen war über die Wiesen hoch

    Der zarte, zierliche Zweig der Mistel.


    Von der Mistel kam, so dauchte mich

    Häßlicher Harm, da Hödur schoß.

    (Baldurs Bruder war kaum geboren,

    Als einnächtig Odhins Erbe zum Kampf ging.


    Die Hände nicht wusch er, das Haar nicht kämmt' er,

    Eh er zum Bühle trug Baldurs Tödter.)

    Doch Frigg beklagte in Fensal dort

    Walhalls Verlust: wißt ihr was das bedeutet?


    In Ketten lag im Quellenwalde

    In Unholdgestalt der arge Loki.

    Da sitzt auch Sigyn unsanfter Geberde,

    Des Gatten waise: wißt ihr was das bedeutet?


    Gewoben weiß da Wala Todesbande,

    Und fest geflochten die Feßel aus Därmen.

    Viel weiß der Weise, sieht weit voraus

    Der Welt Untergang, der Asen Fall.

    Grässlich heult Gram vor der Gnupahöhle,

    Die Feßel bricht und Freki rennt.


    Ein Strom wälzt ostwärts durch Eiterthäler

    Schlamm und Schwerter, der Slidur heißt.


    Nördlich stand an den Nidabergen

    Ein Saal aus Gold für Sindris Geschlecht.

    Ein andrer stand auf Okolnir

    Des Riesen Biersaal, Brimir genannt.


    Einen Saal seh ich, der Sonne fern

    In Nastrand, die Thüren sind nordwärts gekehrt.

    Gifttropfen fallen durch die Fenster nieder;

    Mit Schlangenrücken ist der Saal gedeckt.


    Im starrenden Strome stehn da und waten

    Meuchelmörder und Meineidige

    (Und die Andrer Liebsten ins Ohr geraunt).

    Da saugt Nidhöggr die entseelten Leiber,

    Der Menschenwürger: wißt ihr was das bedeutet?


    Viel weiß der Weise, sieht weit voraus

    Der Welt Untergang, der Asen Fall.


    Brüder befehden sich und fällen einander,

    Geschwisterte sieht man die Sippe brechen.

    Der Grund erdröhnt, üble Disen fliegen;

    Der Eine schont des Andern nicht mehr.


    Unerhörtes eräugnet sich, großer Ehbruch.

    Beilalter, Schwertalter, wo Schilde krachen,

    Windzeit, Wolfszeit eh die Welt zerstürzt.


    Muspels Söhne spielen, der Mittelstamm entzündet sich

    Beim gellenden Ruf des Giallarhorns.

    Ins erhobne Horn bläst Heimdall laut,

    Odhin murmelt mit Mimirs Haupt.


    Yggdrasil zittert, die Esche, doch steht sie,

    Es rauscht der alte Baum, da der Riese frei wird.

    (Sie bangen alle in den Banden Hels

    Bevor sie Surturs Flamme verschlingt.)

    Grässlich heult Garm vor der Gnupahöhle,

    Die Feßel bricht und Freki rennt.


    Hrym fährt von Osten und hebt den Schild,

    Jörmungandr wälzt sich im Jötunmuthe.

    Der Wurm schlägt die Flut, der Adler facht,

    Leichen zerreißt er; los wird Naglfar.


    Der Kiel fährt von Osten, da kommen Muspels Söhne

    Ueber die See gesegelt; sie steuert Loki.

    Des Unthiers Abkunft ist all mit dem Wolf;

    Auch Bileists Bruder ist ihm verbündet.


    Surtur fährt von Süden mit flammendem Schwert,

    Von seiner Klinge scheint die Sonne der Götter.

    Steinberge stürzen, Riesinnen straucheln,

    Zu Hel fahren Helden, der Himmel klafft.


    Was ist mit den Asen? was ist mit den Alfen?

    All Jötunheim ächzt, die Asen versammeln sich.

    Die Zwerge stöhnen vor steinernen Thüren,

    Der Bergwege Weiser: wißt ihr was das bedeutet?


    Da hebt sich Hlins anderer Harm,

    Da Odin eilt zum Angriff des Wolfs.

    Belis Mörder mißt sich mit Surtur;

    Schon fällt Friggs einzige Freude.


    Nicht säumt Siegvaters erhabner Sohn

    Mit dem Leichenwolf, Widar, zu fechten:

    Er stößt dem Hwedrungssohn den Stahl ins Herz

    Durch gähnenden Rachen: so rächt er den Vater.


    Da kommt geschritten Hlodyns schöner Erbe,

    Wider den Wurm wendet sich Odins Sohn.

    Muthig trifft ihn Midgards Segner.

    Doch fährt neun Fuß weit Fiörgyns Sohn

    Weg von der Natter, die nichts erschreckte.

    Alle Wesen müßen die Weltstatt räumen.


    Schwarz wird die Sonne, die Erde sinkt ins Meer,

    Vom Himmel schwinden die heitern Sterne.

    Glutwirbel umwühlen den allnährenden Weltbaum,

    Die heiße Lohe beleckt den Himmel.


    Da seh ich auftauchen um andernmale

    Aus dem Waßer die Erde und wieder grünen.

    Die Fluten fallen, darüber fliegt der Aar,

    Der auf dem Felsen nach Fischen weidet.


    Die Asen einen sich auf dem Idafelde,

    Ueber den Weltumspanner zu sprechen, den großen.

    Uralter Sprüche sind sie da eingedenk,

    Von Fimbultyr gefundner Runen.


    Da werden sich wieder die wundersamen

    Goldenen Bälle im Grase finden,

    Die in Urzeiten die Asen hatten,

    Der Fürst der Götter und Fiölnirs Geschlecht.


    Da werden unbesät die Aecker tragen,

    Alles Böse beßert sich, Baldur kehrt wieder.

    In Heervaters Himmel wohnen Hödur und Baldur,

    Die walweisen Götter. Wißt ihr was das bedeutet?


    Da kann Hönir selbst sein Looß sich kiesen,

    Und beider Brüder Söhne bebauen

    Das weite Windheim. Wißt ihr was das bedeutet?


    Einen Saal seh ich heller als die Sonne,

    Mit Gold bedeckt auf Gimils Höhn:

    Da werden bewährte Leute wohnen

    Und ohne Ende der Ehren genießen.


    Da reitet der Mächtige zum Rath der Götter,

    Der Starke von Oben, der Alles steuert.

    Den Streit entscheidet er, schlichtet Zwiste,

    Und ordnet ewige Satzungen an.


    Nun kommt der dunkle Drache geflogen,

    Die Natter hernieder aus Nidafelsen.

    Das Feld überfliegend trägt er auf den Flügeln

    Nidhöggurs Leichen – und nieder senkt er sich.

    „Ich bin so etwas wie ein Antikörper der New-Age-Bewegung. Meine Funktion besteht darin, auf die Möglichkeit aufmerksam zu machen, hey, weißt du, einiges von all dem Kram könnte auch riesengroßer Quatsch sein!“


    Ceterum censeo progeniem hominum esse deminuendam.

  • Firnwulf

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  • 2. Grimnismâl.


    Das Lied von Grimnir.


    König Hraudung hatte zwei Söhne: der eine hieß Agnar, der andere Geirröd. Agnar war zehn Winter, Geirröd acht Winter alt. Da ruderten Beide auf einem Boot mit ihren Angeln zum Kleinfischfang. Der Wind trieb sie in die See hinaus. Sie scheiterten in dunkler Nacht an einem Strand, stiegen hinauf und fanden einen Hüttenbewohner, bei dem sie überwinterten. Die Frau pflegte Agnars, der Mann Geirröds und lehrte ihn schlauen Rath. Im Frühjahr gab ihnen der Bauer ein Schiff und als er sie mit der Frau an den Strand begleitete, sprach er mit Geirröd allein. Sie hatten guten Wind und kamen zu dem Wohnsitz ihres Vaters. Geirröd, der vorn im Schiffe war, sprang ans Land, stieß das Schiff zurück und sprach: fahr nun hin in böser Geister Gewalt. Das Schiff trieb in die See, aber Geirröd ging hinauf in die Burg und ward da wohl empfangen. Sein Vater war eben gestorben, Geirröd ward also zum König eingesetzt und gewann große Macht.


    Odhin und Frigg saßen auf Hlidskialf und überschauten die Welt. Da sprach Odhin: »Siehst du Agnar, deinen Pflegling, wie er in der Höhle mit einem Riesenweibe Kinder zeugt; aber Geirröd, mein Pflegling, ist König und beherscht sein Land.« Frigg sprach: »Er ist aber solch ein Neiding, daß er seine Gäste quält, weil er fürchtet es möchten zu viele kommen.« Odhin sagte, das sei eine große Lüge; da wetteten die Beiden hierüber. Frigg sandte ihr Schmuckmädchen Fulla zu Geirröd und trug ihr auf, den König zu warnen, daß er sich vor einem Zauberer hüte, der in sein Land gekommen sei, und gab zum Wahrzeichen an, daß kein Hund so böse sei, der ihn angreifen möge. Es war aber eine große Unwahrheit, daß König Geirröd seine Gäste so ungern speise; doch ließ er Hand an den Mann legen, den die Hunde nicht angreifen wollten. Er trug einen blauen Mantel und nannte sich Grimnir, sagte aber nicht mehr von sich, auch wenn man ihn fragte. Der König ließ ihn zur Rede peinigen und setzte ihn zwischen zwei Feuer und da saß er acht Nächte. König Geirröd hatte einen Sohn, der zehn Winter alt war und Agnar hieß nach des Königs Bruder. Agnar ging zu Grimnir, gab ihm ein volles Horn zu trinken, und sagte, der König thäte übel, daß er ihn schuldlos peinigen ließe. Grimnir trank es aus; da war das Feuer so weit gekommen, daß Grimnirs Mantel brannte. Er sprach:


    Heiß bist du, Flamme, zuviel ist der Glut:

    Laß uns scheiden, Lohe!

    Schon brennt der Zipfel, zieh ich ihn gleich empor,

    Feuer fängt der Mantel.


    Acht Nächte fanden mich zwischen Feuern hier,

    Daß mir Niemand Nahrung bot

    Als Agnar allein; allein soll auch herschen

    Geirröds Sohn über der Goten Land.


    Heil dir, Agnar, da Heil dir erwünscht

    Der Helden Herscher.

    Für einen Trunk mag kein Andrer dir

    Beßre Gabe bieten.


    Heilig ist das Land, das ich liegen sehe

    Den Asen nah und Alfen.

    Dort in Thrudheim soll Thôr wohnen

    Bis die Götter vergehen.


    Ydalir heißt es, wo Uller hat

    Den Saal sich erbaut.

    Alfheim gaben dem Freyr die Götter im Anfang

    Der Zeiten als Zahngebinde.


    Die dritte Halle hebt sich, wo die heitern Götter

    Den Saal mit Silber deckten.

    Walaskialf heißt sie, die sich erwählte

    Der As in alter Zeit.


    Sökkwabeck heißt die vierte, kühle Flut

    Ueberrauscht sie immer;

    Odhin und Saga trinken alle Tage

    Da selig aus goldnen Schalen.


    Gladsheim heißt die fünfte, wo golden schimmert

    Walhalls weite Halle:

    Da kiest sich Odhin alle Tage

    Vom Schwert erschlagne Männer.


    Leicht erkennen können, die zu Odhin kommen,

    Den Saal, wenn sie ihn sehen:

    Aus Schäften ist das Dach gefügt und mit Schilden bedeckt,

    Mit Brünnen die Bänke bestreut.


    Leicht erkennen können, die zu Odhin kommen

    Den Saal, wenn sie ihn sehen:

    Ein Wolf hängt vor dem westlichen Thor,

    Ueber ihm dreut ein Aar.


    Thrymheim heißt die sechste, wo Thiassi hauste,

    Jener mächtige Jote.

    Nun bewohnt Skadi, die scheue Götterbraut,

    Des Vaters alte Veste.


    Die siebente ist Breidablick: da hat Baldur sich

    Die Halle erhöht

    In jener Gegend, wo der Greuel ich

    Die wenigsten lauschen weiß.


    Himinbiörg ist die achte, wo Heimdall soll

    Der Weihestatt walten.

    Der Wächter der Götter trinkt in wonnigem Hause

    Da selig den süßen Meth.


    Volkwang ist die neunte: da hat Freyja Gewalt

    Die Sitze zu ordnen im Saal.

    Der Walstatt Hälfte wählt sie täglich;

    Odhin hat die andre Hälfte.


    Glitnir ist die zehnte; auf goldnen Säulen ruht

    Des Saales Silberdach.

    Da thront Forseti den langen Tag

    Und schlichtet allen Streit.


    Noatun ist die eilfte: da hat Niördr

    Sich den Saal erbaut.

    Ohne Mein und Makel der Männerfürst

    Waltet hohen Hauses.


    Mit Gesträuch begrünt sich und hohem Grase

    Widars Land Widi.

    Da steigt der Sohn auf den Sattel der Mähre

    Den Vater zu rächen bereit.


    Andhrimnir läßt in Eldhrimnir

    Sährimnir sieden,

    Das beste Fleisch; doch erfahren Wenige,

    Was die Einherier eßen.


    Geri und Freki füttert der krieggewohnte

    Herliche Heervater,

    Da nur von Wein der waffenhehre

    Odhin ewig lebt.


    Hugin und Munin müßen jeden Tag

    Ueber die Erde fliegen.

    Ich fürchte, daß Hugin nicht nach Hause kehrt;

    Doch sorg ich mehr um Munin.


    Thundr ertönt, wo Thiodwitnirs

    Fisch in der Flut spielt;

    Des Stromes Ungestüm dünkt zu stark

    Durch Walglaumir zu waten.


    Walgrind heißt das Gitter, das auf dem Grunde steht

    Heilig vor heilgen Thüren.

    Alt ist das Gitter; doch ahnen Wenige

    Wie sein Schloß sich schließt.


    Fünfhundert Thüren und viermal zehn

    Wähn ich in Walhall.

    Achthundert Einherier ziehn aus je einer,

    Wenn es dem Wolf zu wehren gilt.


    Fünfhundert Stockwerke und viermal zehn

    Weiß ich in Bilskirnirs Bau.

    Von allen Häusern, die Dächer haben,

    Glaub ich meines Sohns das gröste.


    Heidrun heißt die Ziege vor Heervaters Saal,

    Die an Lärads Laube zehrt.

    Die Schale soll sie füllen mit schäumendem Meth;

    Der Milch ermangelt sie nie.


    Eikthyrnir heißt der Hirsch vor Heervaters Saal,

    Der an Lärads Laube zehrt.

    Von seinem Horngeweih tropft es nach Hwergelmir:

    Davon stammen alle Ströme.


    Sid und Wid, Sökin und Eikin, Swöll und Gunthro,

    Fiörm und Fimbulthul,

    Rin und Rennandi, Gipul und Göpul,

    Gömul und Geirwimul.

    Um die Götterwelt wälzen sich Thyn und Win,

    Thöll und Höll, Grad und Gunthorin.


    Wina heißt einer, ein anderer Wegswinn,

    Ein dritter Diotnuma.

    Nyt und Nöt, Nönn und Hrönn,

    Slid und Hrid, Sylgr und Ylgr,

    Wid und Wan, Wönd und Strönd,

    Giöll und Leiptr: diese laufen den Menschen näher

    Und von hier zur Hel hinab.


    Körmt und Oermt und beide Kerlaug

    Watet Thôr täglich,

    Wenn er reitet Gericht zu halten

    Bei der Esche Yggdrasils;

    Denn die Asenbrücke steht all in Lohe,

    Heilige Fluten flammen.


    Gladr und Gyllir, Gler und Skeidbrimir,

    Silfrintopp und Sinir,

    Gisl und Falhofnir, Gulltopp und Lettfeti:

    Diese Rosse reiten die Asen

    Täglich, wenn sie reiten Gericht zu halten

    Bei der Esche Yggdrasils.


    Drei Wurzeln strecken sich nach dreien Seiten

    Unter der Esche Yggdrasils:

    Hel wohnt unter einer, unter der andern Hrimthursen,

    Aber unter der dritten Menschen.


    Ratatöskr heißt das Eichhorn, das auf und ab rennt

    An der Esche Yggdrasils:

    Des Adlers Worte oben vernimmt es

    Und bringt sie Nidhöggern nieder.


    Der Hirsche sind vier, die mit krummem Halse

    An der Esche Ausschüßen weiden:

    Dain und Dwalin,

    Duneyr und Durathror.


    Mehr Würme liegen unter den Wurzeln der Esche

    Als Einer meint der unklugen Affen.

    Goin und Moin, Grafwitnirs Söhne,

    Grabakr und Grafwölludr,

    Ofnir und Swafnir sollen ewig

    Von der Wurzeln Zweigen zehren.


    Die Esche Yggdrasils duldet Unbill

    Mehr als Menschen wißen.

    Der Hirsch weidet oben, hohl wird die Seite,

    Unten nagt Nidhöggr.


    Hrist und Mist sollen das Horn mir reichen,

    Skeggöld und Skögul,

    Hlöck und Herfiötr, Hildur und Thrudr,

    Göll und Geirölul;

    Randgrid und Rathgrid und Reginleif

    Schenken den Einheriern Ael.


    Arwakr und Aswidr sollen immerdar

    Schmachtend die Sonne führen.

    Unter ihre Bugen bargen milde Mächte,

    Die Asen, Eisenkühle.


    Swalin heißt der Schild, der vor der Sonne steht,

    Der glänzenden Gottheit.

    Brandung und Berge verbrennten zumal,

    Sänk er von seiner Stelle.


    Sköll heißt der Wolf, der der scheinenden Gottheit

    Folgt in die schützende Flut;

    Hati der andre, Hrodwitnirs Sohn,

    Eilt der Himmelsbraut voraus.


    Aus Ymirs Fleisch ward die Erde geschaffen,

    Aus dem Schweiße die See,

    Aus dem Gebein die Berge, die Bäume aus dem Haar,

    Aus der Hirnschale der Himmel.


    Aus den Augenbrauen schufen gütge Asen

    Midgard den Menschensöhnen;

    Aber aus seinem Hirn sind alle hartgemuthen

    Wolken erschaffen worden.


    Ullers Gunst hat und aller Götter,

    Wer zuerst die Lohe löscht,

    Denn die Aussicht öffnet sich den Asensöhnen,

    Wenn der Keßel vom Feuer kommt.


    Iwalts Söhne gingen in Urtagen

    Skidbladnir zu schaffen,

    Das beste der Schiffe, für den schimmernden Freyr,

    Niörds nützen Sohn.


    Die Esche Yggdrasils ist der Bäume erster,

    Skidbladnir der Schiffe,

    Odhin der Asen, aller Rosse Sleipnir,

    Bifröst der Brücken, Bragi der Skalden,

    Habrok der Habichte, der Hunde Garm.


    Mein Antlitz sahen nun der Sieggötter Söhne,

    So wird mein Heil erwachen:

    Alle Asen werden Einzug halten

    Zu des Wüthrichs Saal,

    Zu des Wüthrichs Mal.


    Ich heiße Grimr und Gangleri,

    Herian und Hialmberi,

    Theckr und Thridi, Thudr und Udr,

    Helblindi und Har.


    Sadr und Swipal und Sanngetal,

    Herteitr und Hnikar,

    Bileigr, Baleigr, Bölwerkr, Fiölnir,

    Grimur und Glapswidr.


    Sidhöttr, Sidskeggr, Siegvater, Hnikudr,

    Allvater, Walvater, Atridr und Farmatyr;

    Eines Namens genügte mir nie

    Seit ich unter die Völker fuhr.


    Grimnir hießen sie mich bei Geirrödr,

    Bei Asmund Jalk;

    Kialar schien ich, da ich Schlitten zog;

    Thror dort im Thing;

    Widr den Widersachern;

    Oski und Omi, Jafnhar und Biflindi,

    Göndlir und Harbard bei den Göttern.


    Swidur und Swidrir hieß ich bei Söckmimir,

    Als ich den alten Thursen trog,

    Und Midwitnirs, des mären Unholds, Sohn

    Im Einzelkampf umbrachte.


    Toll bist du, Geirrödr, hast zuviel getrunken,

    Der Meth ward dir Meister.

    Viel verlorst du, meiner Liebe darbend:

    Aller Einherier und Odhins Huld.


    Viel sagt ich dir: du schlugst es in den Wind,

    Die Vertrauten trogen dich.

    Schon seh ich liegen meines Lieblings Schwert

    Vom Blut erblindet.


    Die schwertmüde Hülle hebt nun Yggr auf,

    Da das Leben dich ließ:

    Abhold sind dir die Disen, nun magst du Odhin schauen:

    Komm heran, wenn du kannst.


    Odhin heiß ich nun, Yggr hieß ich eben,

    Thundr hab ich geheißen.

    Wakr und Skilfingr, Wafudr und Hroptatyr,

    Gautr und Jalkr bei den Göttern,

    Ofnir und Swafnir: deren Ursprung weiß ich

    Aller aus mir allein.


    König Geirröd saß und hatte das Schwert auf den Knieen halb aus der Scheide gezogen. Als er aber vernahm, daß Odhin gekommen sei, sprang er auf und wollte ihn aus den Feuern führen. Da glitt ihm das Schwert aus den Händen, der Griff nach unten gekehrt. Der König strauchelte und durch das Schwert, das ihm entgegenstand, fand er den Tod. Da verschwand Odhin und Agnar war da König lange Zeit.

    „Ich bin so etwas wie ein Antikörper der New-Age-Bewegung. Meine Funktion besteht darin, auf die Möglichkeit aufmerksam zu machen, hey, weißt du, einiges von all dem Kram könnte auch riesengroßer Quatsch sein!“


    Ceterum censeo progeniem hominum esse deminuendam.

  • 3. Vafthrûdhnismâl.


    Das Lied von Wafthrudnir.

    Odhin.

    Rath Du mir nun, Frigg, da mich zu fahren lüstet

    Zu Wafthrudnirs Wohnungen;

    Denn groß ist mein Vorwitz über der Vorwelt Lehren

    Mit dem allwißenden Joten zu streiten.


    Frigg.

    Daheim zu bleiben, Heervater, mahn ich dich

    In der Asen Gehegen,

    Da vom Stamm der Joten ich stärker keinen

    Als Wafthrudnirn weiß.


    Odhin.

    Viel erfuhr ich, viel versucht ich,

    Befrug der Wesen viel;

    Nun will ich wißen wie's in Wafthrudnirs

    Sälen beschaffen ist.


    Frigg.

    Heil denn fahre, heil denn kehre,

    Heil dir auf deinen Wegen!

    Dein Witz bewähre sich, da du, Weltenvater,

    Mit Riesen Rede tauschest. –


    Fuhr da Odhin zu erforschen die Weisheit

    Des allklugen Joten.

    Er kam zu der Halle, die Ims Vater hatte;

    Eintrat Yggr alsbald.


    Odhin.

    Heil dir, Wafthrudnir! In die Halle kam ich

    Dich selber zu sehen.

    Zuerst will ich wißen, ob du weise bist

    Und ein allwißender Jote.


    Wafthrudnir.

    Wer ist der Mann, der in meinem Saal

    Das Wort an mich wendet?

    Aus kommst du nimmer aus unsern Hallen,

    Wenn du nicht weiser bist.


    Odhin.

    Gangradr heiß ich, die Wege ging ich

    Durstig zu deinem Saal.

    Bin weit gewandert, des Wirths, o Riese,

    Und deines Empfangs bedürftig.


    Wafthrudnir.

    Was hältst du und sprichst an der Hausflur, Gangradr?

    Nimm dir Sitz im Saale:

    So wird erkannt wer kundiger sei,

    Der Gast oder der graue Redner.


    Gangradr.

    Kehrt Armut ein beim Ueberfluß,

    Spreche sie gut oder schweige.

    Uebeln Ausgang nimmt Uebergeschwätzigkeit

    Bei mürrischem Manne.


    Wafthrudnir.

    Sage denn, so du von der Flur versuchen willst,

    Gangradr, dein Glück,

    Wie heißt der Hengst, der herzieht den Tag

    Ueber der Menschen Menge?


    Gangradr.

    Skinfaxi heißt er, der den schimmernden Tag zieht

    Ueber der Menschen Menge.

    Für der Füllen bestes gilt es den Völkern,

    Stäts glänzt die Mähne der Mähre.


    Wafthrudnir.

    Sage denn, so du von der Flur versuchen willst,

    Gangradr, dein Glück,

    Den Namen des Rosses, das die Nacht bringt von Osten

    Den waltenden Wesen?


    Gangradr.

    Hrimfaxi heißt es, das die Nacht herzieht

    Den waltenden Wesen.

    Mehlthau fällt ihm am Morgen vom Gebiß

    Und füllt mit Thau die Thäler.


    Wafthrudnir.

    Sage denn, so du von der Flur versuchen willst,

    Gangradr, dein Glück,

    Wie heißt der Strom, der dem Stamm der Riesen

    Den Grund theilt und den Göttern?


    Gangradr.

    Ifing heißt der Strom, der dem Stamm der Riesen

    Den Grund theilt und den Göttern.

    Durch alle Zeiten zieht er offen,

    Nie wird Eis ihn engen.


    Wafthrudnir.

    Sage denn, so du von der Flur versuchen willst,

    Gangradr, dein Glück,

    Wie heißt das Feld, wo zum Kampf sich finden

    Surtur und die selgen Götter?


    Gangradr.

    Wigrid heißt das Feld, da zum Kampf sich finden

    Surtur und die selgen Götter.

    Hundert Rasten zählt es rechts und links:

    Solcher Walplatz wartet ihrer.


    Wafthrudnir.

    Klug bist du, Gast: geh zu den Riesenbänken

    Und laß uns sitzend sprechen.

    Das Haupt stehe hier in der Halle zur Wette,

    Wandrer, um weise Worte.


    Gangradr.

    Sage zum ersten, wenn Sinn dir ausreicht

    Und du es weist, Wafthrudnir,

    Erd und Ueberhimmel, von wannen zuerst sie

    Kamen? kluger Jote!


    Wafthrudnir.

    Aus Ymirs Fleisch ward die Erde geschaffen,

    Aus dem Gebein die Berge,

    Der Himmel aus der Hirnschale des eiskalten Hünen,

    Aus seinem Schweiße die See.


    Gangradr.

    Sag mir zum andern, wenn der Sinn dir ausreicht

    Und du es weist, Wafthrudnir,

    Von wannen der Mond kommt, der über die Menschen fährt,

    Und so die Sonne?


    Wafthrudnir.

    Mundilföri heißt des Mondes Vater

    Und so der Sonne.

    Sie halten täglich am Himmel die Runde

    Und bezeichnen die Zeiten des Jahrs.


    Gangradr.

    Sag mir zum dritten, so du weise dünkst

    Und du es weist, Wafthrudnir,

    Wer hat den Tag gezeugt, der über die Völker zieht,

    Und die Nacht mit dem Neumond?


    Wafthrudnir.

    Dellingr heißt des Tages Vater,

    Die Nacht ist von Nörwi gezeugt.

    Des Mondes Mindern und Schwinden schufen milde Wesen

    Die Zeiten des Jahrs zu bezeichnen.


    Gangradr.

    Sag mir zum vierten, wenn dus erforscht hast

    Und du es weist, Wafthrudnir,

    Wannen der Winter kam und der warme Sommer

    Zuerst den gütgen Göttern?


    Wafthrudnir.

    Windswalir heißt des Winters Vater,

    Und Swasudr des Sommers.

    Durch alle Zeiten ziehn sie selbander

    Bis die Götter vergehen.


    Gangradr.

    Sag mir zum fünften, wenn dus erforscht hast

    Und du es weist, Wafthrudnir,

    Wer von den Asen der erste, oder von Ymirs Geschlecht

    Im Anfang aufwuchs?


    Wafthrudnir.

    Im Urbeginn der Zeiten vor der Erde Schöpfung

    Ward Bergelmir geboren.

    Drudgelmir war dessen Vater,

    Oergelmir sein Ahn.


    Gangradr.

    Sag mir zum sechsten, wenn du sinnig dünkst

    Und du es weist, Wafthrudnir,

    Woher Oergelmir kam den Kindern der Riesen

    Zuerst? allkluger Jote.


    Wafthrudnir.

    Aus den Eliwagar fuhren Eitertropfen

    Und wuchsen bis ein Riese ward.

    Dann stoben Funken aus der südlichen Welt

    Und Lohe gab Leben dem Eis.


    Gangradr.

    Sag mir zum siebenten, wenn du sinnig dünkst

    Und du es weist, Wafthrudnir,

    Wie zeugte Kinder der kühne Jötun,

    Da er der Gattin irre ging?


    Wafthrudnir.

    Unter des Reifriesen Arm wuchs, rühmt die Sage,

    Dem Thursen Sohn und Tochter.

    Fuß mit Fuß gewann dem furchtbaren Riesen

    Sechsgehäupteten Sohn.


    Gangradr.

    Sag mir zum achten, wenn man dich weise achtet,

    Daß du es weist, Wafthrudnir,

    Wes gedenkt dir zuerst, was weist du das älteste?

    Du bist ein allkluger Jötun.


    Wafthrudnir.

    Im Urbeginn der Zeiten, vor der Erde Schöpfung

    Ward Bergelmir geboren.

    Des gedenk ich zuerst, daß der allkluge Jötun

    Im Boot geborgen ward.


    Gangradr.

    Sag mir zum neunten, wenn man dich weise nennt

    Und du es weist, Wafthrudnir,

    Woher der Wind kommt, der über die Waßer fährt

    Unsichtbar den Erdgebornen.


    Wafthrudnir.

    Hräswelg heißt der an Himmels Ende sitzt

    In Adlerskleid ein Jötun.

    Mit seinen Fittichen facht er den Wind

    Ueber alle Völker.


    Gangradr.

    Sag mir zum zehnten, wenn der Götter Zeugung

    Du weist, Wafthrudnir,

    Wie kam Niördr aus Noatun

    Unter die Asensöhne?

    Höfen und Heiligtümern hundert gebietet er

    Und ist nicht asischen Ursprungs.


    Wafthrudnir.

    In Wanaheim schufen ihn weise Mächte

    Und gaben ihn Göttern zum Geisel.

    Am Ende der Zeiten soll er aber kehren

    Zu den weisen Wanen.


    Gangradr.

    Sag mir zum eilften, wenn der Asen Geschicke

    Du weist, Wafthrudnir,

    In Heervaters Halle was die Helden schaffen

    Bis die Götter vergehen?


    Wafthrudnir.

    Die Einherier alle in Odhins Saal

    Streiten Tag für Tag;

    Sie kiesen den Wal und reiten vom Kampf heim

    Mit Asen Ael zu trinken,

    Und Sährimnirs satt

    Sitzen sie friedlich beisammen.


    Gangradr.

    Sag mir zum zwölften, wenn der Götter Zukunft

    Du alle weist, Wafthrudnir,

    Von der Joten und aller Asen Geheimnissen

    Sag mir das Sicherste,

    Allkluger Jötun.


    Wafthrudnir.

    Von der Joten und aller Asen Geheimnissen

    Kann ich Sicheres sagen,

    Denn alle durchwandert die Welten hab ich,

    Neun Reiche bereist ich bis Nifelheim nieder;

    Da fahren die Helden zu Hel.


    Gangradr.

    Viel erfuhr ich, viel versucht ich,

    Befrug der Wesen viel.

    Wer lebt und leibt noch, wenn der lang besungne

    Schreckenswinter schwand?


    Wafthrudnir.

    Lif und Lifthrasir leben verborgen

    In Hoddmimirs Holz.

    Morgenthau ist all ihr Mal:

    Von ihnen stammt ein neu Geschlecht.


    Gangradr.

    Viel erfuhr ich, viel versucht ich,

    Befrug der Wesen viel.

    Wie kommt eine Sonne an den klaren Himmel,

    Wenn diese Fenrir fraß?


    Wafthrudnir.

    Eine Tochter entstammt der stralenden Göttin

    Eh der Wolf sie würgt:

    Glänzend fährt nach der Götter Fall

    Die Maid auf den Wegen der Mutter.


    Gangradr.

    Viel erfuhr ich, viel versucht ich,

    Befrug der Wesen viel.

    Wie heißen die Mädchen, die das Meer der Zeit

    Vorwißend überfahren?


    Wafthrudnir.

    Drei über der Völker Vesten schweben

    Mögthrasirs Mädchen,

    Die einzigen Huldinnen der Erdenkinder,

    Wenn auch bei Riesen auferzogen.


    Gangradr.

    Viel erfuhr ich, viel versucht ich,

    Befrug der Wesen viel.

    Wer waltet der Asen des Erbes der Götter,

    Wenn Surturs Lohe losch?


    Wafthrudnir.

    Widar und Wali walten des Heiligtums,

    Wenn Suturs Lohe losch.

    Modi und Magni sollen Miölnir schwingen

    Und zu Ende kämpfen den Krieg.


    Gangradr.

    Viel erfuhr ich, viel versucht ich,

    Befrug der Wesen viel.

    Was wird Odhins Ende werden,

    Wenn die Götter vergehen?


    Wafthrudnir.

    Der Wolf erwürgt den Vater der Welten:

    Das wird Widar rächen.

    Die kalten Kiefern wird er klüften

    Im letzten Streit dem starken.


    Gangradr.

    Viel erfuhr ich, viel versucht ich,

    Befrug der Wesen viel:

    Was sagte Odhin ins Ohr dem Sohn

    Eh er die Scheitern bestieg?


    Wafthrudnir.

    Nicht Einer weiß was in der Urzeit du

    Sagtest dem Sohn ins Ohr.

    Den Tod auf dem Munde meldet' ich Schicksalsworte

    Von der Asen Ausgang.

    Mit Odhin kämpft ich in klugen Reden:

    Du wirst immer der Weiseste sein.



    „Ich bin so etwas wie ein Antikörper der New-Age-Bewegung. Meine Funktion besteht darin, auf die Möglichkeit aufmerksam zu machen, hey, weißt du, einiges von all dem Kram könnte auch riesengroßer Quatsch sein!“


    Ceterum censeo progeniem hominum esse deminuendam.

  • 4. Hrafnagaldr Ôdhins.

    Odhins Rabenzauber.

    Allvater waltet, Alfen verstehen,

    Wanen wißen, Nornen weisen,

    Iwidie nährt, Menschen dulden,

    Thursen erwarten, Walküren trachten.


    Die Asen ahnten übles Verhängniss,

    Verwirrt von widrigen Winken der Seherin.

    Urda sollte Odhrörir bewachen,

    Wenn sie wüste so großem Schaden zu wehren.


    Auf hub sich Hugin den Himmel zu suchen;

    Unheil fürchteten die Asen, verweil er.

    Thrains Ausspruch ist schwerer Traum,

    Dunkler Traum ist Dains Ausspruch.


    Den Zwergen schwindet die Stärke. Die Himmel

    Neigen sich nieder zu Ginnungs Nähe.

    Alswidr läßt sie oftmals sinken,

    Oft die sinkenden hebt er aber empor.


    Nirgend haftet Sonne noch Erde,

    Es schwanken und stürzen die Ströme der Luft.

    In Mimirs klarer Quelle versiecht

    Die Weisheit der Männer. Wißt ihr was das bedeutet?


    Im Thale weilt die vorwißende Göttin

    Hinab von Yggdrasils Esche gesunken,

    Alfengeschlechtern Idun genannt,

    Die Jüngste von Iwalts ältern Kindern.


    Schwer erträgt sie dieß Niedersinken

    Unter des Laubbaums Stamm gebannt.

    Nicht behagt es ihr bei Nörwis Tochter,

    An heitere Wohnung gewöhnt so lange.


    Die Sieggötter sehen die Sorge Nannas

    Um die niedre Wohnung: sie geben ihr ein Wolfsfell.

    Damit bekleidet verkehrt sie den Sinn,

    Freut sich der Auskunft, erneut die Farbe.


    Wählte Widrir den Wächter der Brücke,

    Den Giallarertöner, die Göttin zu fragen

    Was sie wiße von den Weltgeschicken.

    Ihn geleiten Loptr und Bragi.


    Weihlieder sangen, auf Wölfen ritten

    Die Herscher und Hüter der Himmelswelt.

    Odhin spähte von Hlidskialfs Sitz

    Und wandte weit hinweg die Zeugen.


    Der Weise fragte die Wächterin des Tranks,

    Ob von den Asen und ihren Geschicken

    Unten im Hause der Hel sie wüsten

    Anfang und Dauer und endlichen Tod.


    Sie mochte nicht reden, nicht melden konnte sies:

    Wie begierig sie fragten, sie gab keinen Laut.

    Zähren schoßen aus den Spiegeln des Haupts,

    Mühsam verhehlt, und netzten die Hände.


    Wie schlafbetäubt erschien den Göttern

    Die Harmvolle, die des Worts sich enthielt.

    Jemehr sie sich weigerte, je mehr sie drängten;

    Doch mit allem Forschen erfragten sie nichts.


    Da fuhr hinweg der Vormann der Botschaft,

    Der Hüter von Herians gellendem Horn.

    Den Sohn der Nal nahm er zum Begleiter;

    Als Wächter der Schönen blieb Odhins Skalde.


    Gen Wingolf kehrten Widrirs Gesandte,

    Beide von Forniots Freunden getragen.

    Eintraten sie itzt und grüßten die Asen,

    Yggrs Gefährten beim fröhlichen Mal.


    Sie wünschten dem Odhin, dem seligsten Asen,

    Lang auf dem Hochsitz der Lande zu walten;

    Den Göttern, beim Gastmal vergnügt sich zu reihen,

    Bei Allvater ewiger Ehren genießend.


    Nach Bölwerks Gebot auf die Bänke vertheilt,

    Von Sährimnir speisend saßen die Götter.

    Skögul schenkte in Hnikars Schalen

    Den Meth und maß ihn aus Mimirs Horn.


    Mancherlei fragten über dem Male

    Den Heimdal die Götter, die Göttinnen Loki,

    Ob Spruch und Spähung gespendet die Jungfrau –

    Bis Dunkel am Abend den Himmel deckte.


    Uebel, sagten sie, sei es ergangen,

    Erfolglos die Werbung, und wenig erforscht.

    Nur mit List gewinnen ließe der Rath sich,

    Daß ihnen die Göttliche Auskunft gäbe.


    Antwort gab Omi, sie Alle hörten es:

    »Die Nacht ist zu nützen zu neuem Entschluß.

    Bis Morgen bedenke Wer es vermag

    Glücklichen Rath den Göttern zu finden.«


    Ueber die Wege von Walis Mutter

    Nieder sank die Nahrung Fenrirs.

    Vom Gastmal schieden die Götter entlaßend

    Hroptr und Frigg, als Hrimfaxi auffuhr.

    „Ich bin so etwas wie ein Antikörper der New-Age-Bewegung. Meine Funktion besteht darin, auf die Möglichkeit aufmerksam zu machen, hey, weißt du, einiges von all dem Kram könnte auch riesengroßer Quatsch sein!“


    Ceterum censeo progeniem hominum esse deminuendam.

  • Da hebt sich von Osten aus den Eliwagar

    Des reifkalten Riesen dornige Ruthe,

    Mit der er in Schlaf die Völker schlägt,

    Die Midgard bewohnen, vor Mitternacht.


    Die Kräfte ermatten, ermüden die Arme,

    Schwindelnd wankt der weiße Schwertgott.

    Ohnmacht befällt sie in der eisigen Nachtluft,

    Die Sinne schwanken der ganzen Versammlung.


    Da trieb aus dem Thore wieder der Tag

    Sein schön mit Gestein geschmücktes Ross;

    Weit über Mannheim glänzte die Mähne:

    Des Zwergs Ueberlisterin zog es im Wagen.


    Am nördlichen Rand der nährenden Erde

    Unter des Urbaums äußerste Wurzel

    Gingen zur Ruhe Gygien und Thursen,

    Gespenster, Zwerge und Schwarzalfen.


    Auf standen die Herscher und die Alfenbestralerin;

    Die Nacht sank nördlich gen Nifelheim.

    Ulfrunas Sohn stieg Argiöl hinan,

    Der Hornbläser, zu den Himmelsbergen.



    „Ich bin so etwas wie ein Antikörper der New-Age-Bewegung. Meine Funktion besteht darin, auf die Möglichkeit aufmerksam zu machen, hey, weißt du, einiges von all dem Kram könnte auch riesengroßer Quatsch sein!“


    Ceterum censeo progeniem hominum esse deminuendam.

  • 5. Vegtamskvidha.

    Das Wegtamslied.

    Die Asen eilten all zur Versammlung

    Und die Asinnen all zum Gespräch:

    Darüber beriethen die himmlischen Richter,

    Warum den Baldur böse Träume schreckten?


    (Ihm schien der schwere Schlaf ein Kerker,

    Verschwunden des süßen Schlummers Labe.

    Da fragten die Fürsten vorschaunde Wesen,

    Ob ihnen das wohl Unheil bedeute?


    Die Gefragten sprachen: »Dem Tode verfallen ist

    Ullers Freund, so einzig lieblich.«

    Darob erschraken Swafnir und Frigg,

    Und alle die Fürsten sie faßten den Schluß:


    »Wir wollen besenden die Wesen alle,

    Frieden erbitten, daß sie Baldurn nicht schaden.«

    Alles schwur Eide, ihn zu verschonen;

    Frigg nahm die festen Schwur in Empfang.


    Allvater achtete das ungenügend,

    Verschwunden schienen ihm die Schutzgeister all.

    Die Asen berief er Rath zu heischen;

    Am Mahlstein gesprochen ward mancherlei.)


    Auf stand Odhin, der Allerschaffer,

    Und schwang den Sattel auf Sleipnirs Rücken.

    Nach Nifelheim hernieder ritt er;

    Da kam aus Hels Haus ein Hund ihm entgegen,


    Blutbefleckt vorn an der Brust,

    Kiefer und Rachen klaffend zum Biß,

    So ging er entgegen mit gähnendem Schlund

    Dem Vater der Lieder und bellte laut.

    Fort ritt Odhin, die Erde dröhnte,

    Zu dem hohen Hause kam er der Hel.


    Da ritt Odhin ans östliche Thor,

    Wo er der Wala wuste den Hügel.

    Das Wecklied begann er der Weisen zu singen,

    (Nach Norden schauend schlug er mit dem Stabe,

    Sprach die Beschwörung Bescheid erheischend)

    Bis gezwungen sie aufstand Unheil verkündend.


    Wala.

    Welcher der Männer, mir unbewuster,

    Schafft die Beschwerde mir solchen Gangs?

    Schnee beschneite mich, Regen beschlug mich,

    Thau beträufte mich, todt war ich lange.


    Odhin.

    Ich heiße Wegtam, bin Waltams Sohn,

    Wie ich von der Oberwelt sprich von der Unterwelt.

    Wem sind die Bänke mit Baugen (Ringen) bestreut,

    Die glänzenden Betten mit Gold bedeckt?


    Wala.

    Hier steht dem Baldur der Becher eingeschenkt,

    Der schimmernde Trank, vom Schild bedeckt.

    Die Asen alle sind ohne Hoffnung.

    Genöthigt sprach ich, nun will ich schweigen.


    Wegtam.

    Schweig nicht, Wala, ich will dich fragen

    Bis Alles ich weiß. Noch wüst ich gerne:

    Welcher der Männer ermordet Baldurn,

    Wird Odhins Erben das Ende fügen?


    Wala.

    Hieher bringt Hödr den hochberühmten,

    Er wird der Mörder werden Baldurs,

    Wird Odhins Erben das Ende fügen.

    Genöthigt sprach ich, nun will ich schweigen.


    Wegtam.

    Schweig nicht, Wala, ich will dich fragen

    Bis Alles ich weiß. Noch wüst ich gerne:

    Wer wird uns Rache gewinnen an Hödur,

    Und zum Bühle bringen Baldurs Mörder?


    Wala.

    Rindur im Westen gewinnt den Sohn,

    Der einnächtig, Odhins Erbe, zum Kampf geht.

    Er wäscht die Hand nicht, das Haar nicht kämmt er

    Bis er zum Bühle brachte Baldurs Mörder.

    Genöthigt sprach ich, nun will ich schweigen.


    Wegtam.

    Schweig nicht, Wala, ich will dich fragen

    Bis Alles ich weiß. Noch wüst ich gerne:

    Wie heißt das Weib, die nicht weinen will

    Und himmelan werfen des Hauptes Schleier?

    Sage das Eine noch, nicht eher schläfst du.


    Wala.

    Du bist nicht Wegtam, wie erst ich wähnte,

    Odhin bist du der Allerschaffer.


    Odhin.

    Du bist keine Wala, kein wißendes Weib,

    Vielmehr bist du dreier Thursen Mutter.


    Wala.

    Heim reit nun, Odhin, und rühme dich:

    Kein Mann kommt mehr mich zu besuchen

    Bis los und ledig Loki der Bande wird

    Und der Götter Dämmerung verderbend einbricht.

    „Ich bin so etwas wie ein Antikörper der New-Age-Bewegung. Meine Funktion besteht darin, auf die Möglichkeit aufmerksam zu machen, hey, weißt du, einiges von all dem Kram könnte auch riesengroßer Quatsch sein!“


    Ceterum censeo progeniem hominum esse deminuendam.

  • 6. Hâvamâl.


    Des Hohen Lied.

    Der Ausgänge halber bevor du eingehst

    Stelle dich sicher,

    Denn ungewiss ist, wo Widersacher

    Im Hause halten.


    Heil dem Geber! der Gast ist gekommen:

    Wo soll er sitzen?

    Athemlos ist, der unterwegs

    Sein Geschäft besorgen soll.


    Wärme wünscht der vom Wege kommt

    Mit erkaltetem Knie;

    Mit Kost und Kleidern erquicke den Wandrer,

    Der über Felsen fuhr.


    Waßer bedarf, der Bewirthung sucht,

    Ein Handtuch und holde Nöthigung.

    Mit guter Begegnung erlangt man vom Gaste

    Wort und Wiedervergeltung.


    Witz bedarf man auf weiter Reise;

    Daheim hat man Nachsicht.

    Zum Augengespött wird der Unwißende,

    Der bei Sinnigen sitzt.


    Doch steife sich Niemand auf seinen Verstand,

    Acht hab er immer.

    Wer klug und wortkarg zum Wirthe kommt

    Schadet sich selten:

    Denn festern Freund als kluge Vorsicht

    Mag der Mann nicht haben.


    Vorsichtiger Mann, der zum Male kommt,

    Schweigt lauschend still.

    Mit Ohren horcht er, mit Augen späht er

    Und forscht zuvor verständig.


    Selig ist, der sich erwirbt

    Lob und guten Leumund.

    Unser Eigentum ist doch ungewiss

    In des Andern Brust.


    Selig ist, wer selbst sich mag

    Im Leben löblich rathen,

    Denn übler Rath wird oft dem Mann

    Aus des Andern Brust.


    Nicht beßre Bürde bringt man auf Reisen

    Als Wißen und Weisheit.

    So frommt das Gold in der Fremde nicht,

    In der Noth ist nichts so nütze.


    Nicht üblern Begleiter giebt es auf Reisen

    Als Betrunkenheit ist,

    Und nicht so gut als Mancher glaubt

    Ist Ael den Erdensöhnen,

    Denn um so minder je mehr man trinkt

    Hat man seiner Sinne Macht.


    Der Vergeßenheit Reiher überrauscht Gelage

    Und stiehlt die Besinnung.

    Des Vogels Gefieder befing auch Mich

    In Gunlöds Haus und Gehege.


    Trunken ward ich und übertrunken

    In des schlauen Fialars Felsen.

    Trunk mag taugen, wenn man ungetrübt

    Sich den Sinn bewahrt.


    Schweigsam und vorsichtig sei des Fürsten Sohn

    Und kühn im Kampf.

    Heiter und wohlgemuth erweise sich Jeder

    Bis zum Todestag.


    Der unwerthe Mann meint ewig zu leben,

    Wenn er vor Gefechten flieht.

    Das Alter gönnt ihm doch endlich nicht Frieden,

    Obwohl der Sper ihn spart.


    Der Tölpel glotzt, wenn er zum Gastmal kommt,

    Murmelnd sitzt er und mault.

    Hat er sein Theil getrunken hernach,

    So sieht man welchen Sinns er ist.


    Der weiß allein, der weit gereist ist,

    Und Vieles hat erfahren,

    Welches Witzes jeglicher waltet,

    Wofern ihm selbst der Sinn nicht fehlt.


    Lange zum Becher nur, doch leer ihn mit Maß,

    Sprich gut oder schweig.

    Niemand wird es ein Laster nennen,

    Wenn du früh zur Ruhe fährst.


    Der gierige Schlemmer, vergißt er der Tischzucht,

    Schlingt sich schwere Krankheit an;

    Oft wirkt Verspottung, wenn er zu Weisen kommt,

    Thörichtem Mann sein Magen.


    Selbst Heerden wißen, wann zur Heimkehr Zeit ist

    Und gehn vom Grase willig;

    Der Unkluge kennt allein nicht

    Seines Magens Maß.


    Der Armselige, Uebelgesinnte

    Hohnlacht über Alles

    Und weiß doch selbst nicht was er wißen sollte,

    Daß er nicht fehlerfrei ist.


    Unweiser Mann durchwacht die Nächte

    Und sorgt um alle Sachen;

    Matt nur ist er, wenn der Morgen kommt,

    Der Jammer währt wie er war.


    Ein unkluger Mann meint sich Alle hold,

    Die ihn lieblich anlachen.

    Er versieht es sich nicht, wenn sie Schlimmes von ihm reden

    So er zu Klügern kommt.


    Ein unkluger Mann meint sich Alle hold,

    Die ihm kein Widerwort geben;

    Kommt er vor Gericht, so erkennt er bald,

    Daß er wenig Anwälte hat.


    Ein unkluger Mann meint Alles zu können,

    Wenn er sich einmal zu wahren wuste.

    Doch wenig weiß er was er antworten soll,

    Wenn er mit Schwerem versucht wird.


    Ein unkluger Mann, der zu Andern kommt,

    Schweigt am Besten still.

    Niemand bemerkt, daß er nichts versteht

    So lang er zu sprechen scheut.

    Nur freilich weiß wer wenig weiß

    Auch das nicht, wann er schweigen soll.


    Weise dünkt sich schon wer zu fragen weiß

    Und zu sagen versteht;

    Doch Unwißenheit mag kein Mensch verbergen,

    Der mit Leuten leben muß.


    Der schwatzt zuviel, der nimmer geschweigt

    Eitel unnützer Worte.

    Die zappelnde Zunge, die kein Zaum verhält,

    Ergellt sich selten Gutes.


    Mach nicht zum Spott der Augen den Mann,

    Der vertrauend Schutz will suchen.

    Klug dünkt sich leicht, der von Keinem befragt wird

    Und mit heiler Haut daheim sitzt.


    Klug dünkt sich gern, wer Gast den Gast

    Verhöhnend, Heil in der Flucht sucht.

    Oft merkt zu spät, der beim Male Hohn sprach,

    Wie grämlichen Feind er ergrimmte.


    Zu oft geschiehts, das sonst nicht Verfeindete

    Sich als Tischgesellen schrauben.

    Dieses Aufziehn wird ewig währen:

    Der Gast grollt dem Gaste.


    Bei Zeiten nehme den Imbiß zu sich,

    Der nicht zu gutem Freunde fährt.

    Sonst sitzt er und schnappt und will verschmachten

    Und hat zum Reden nicht Ruhe.


    Ein Umweg ists zum untreuen Freunde,

    Wohnt er gleich am Wege;

    Zum trauten Freunde führt ein Richtsteig

    Wie weit der Weg sich wende.


    Zu gehen schickt sich, nicht zu gasten stäts

    An derselben Statt.

    Der Liebe wird leid, der lange weilt

    In des Andern Haus.


    Eigen Haus, ob eng, geht vor,

    Daheim bist du Herr,

    Zwei Ziegen nur und dazu ein Strohdach

    Ist beßer als Betteln.


    Eigen Haus, ob eng, geht vor,

    Daheim bist du Herr.

    Das Herz blutet Jedem, der erbitten muß

    Sein Mal alle Mittag.


    Von seinen Waffen weiche Niemand

    Einen Schritt im freien Feld:

    Niemand weiß unterwegs wie bald

    Er seines Spers bedarf.


    Nie fand ich so milden und kostfreien Mann,

    Der nicht gerne Gab empfing,

    Mit seinem Gute so freigebig Keinen,

    Dem Lohn wär leid gewesen.


    Des Vermögens, das der Mann erwarb,

    Soll er sich selbst nicht Abbruch thun:

    Oft spart man dem Leiden was man dem Lieben bestimmt;

    Viel fügt sich schlimmer als man denkt.


    Freunde sollen mit Waffen und Gewändern sich erfreun,

    Den schönsten, die sie besitzen:

    Gab und Gegengabe begründet Freundschaft,

    Wenn sonst nichts entgegen steht.


    Der Freund soll dem Freunde Freundschaft bewähren

    Und Gabe gelten mit Gabe.

    Hohn mit Hohn soll der Held erwiedern,

    Und Losheit mit Lüge.


    Der Freund soll dem Freunde Freundschaft bewähren,

    Ihm selbst und seinen Freunden.

    Aber des Feindes Freunde soll Niemand

    Sich gewogen erweisen.

    Weist du den Freund, dem du wohl vertraust

    Und erhoffst du Holdes von ihm,

    So tausche Gesinnung und Geschenke mit ihm,

    Und suche manchmal sein Haus heim.


    Weist du den Mann, dem du wenig vertraust

    Und hoffst doch Holdes von ihm,

    Sei fromm in Worten und falsch im Denken

    Und zahle Losheit mit Lüge.


    Weist du dir Wen, dem du wenig vertraust,

    Weil dich sein Sinn verdächtig dünkt,

    Den magst du anlachen, und an dich halten:

    Die Vergeltung gleiche der Gabe.


    Jung war ich einst, da ging ich einsam

    Verlaßne Wege wandern.

    Doch fühlt ich mich reich, wenn ich Andere fand:

    Der Mann ist des Mannes Lust.


    Der milde, muthige Mann ist am glücklichsten,

    Den selten Sorge beschleicht;

    Doch der Verzagte zittert vor Allem

    Und kargt verkümmernd mit Gaben.


    Mein Gewand gab ich im Walde

    Moosmännern zweien.

    Bekleidet dauchten sie Kämpen sich gleich,

    Während Hohn den Nackten neckt.


    Der Dornbusch dorrt, der im Dorfe steht,

    Ihm bleibt nicht Blatt noch Borke.

    So geht es dem Mann, den Niemand mag:

    Was soll er länger leben?


    Heißer brennt als Feuer der Bösen

    Freundschaft fünf Tage lang;

    Doch sicher am sechsten ist sie erstickt

    Und alle Lieb erloschen.


    Die Gabe muß nicht immer groß sein:

    Oft erwirbt man mit Wenigem Lob.

    Ein halbes Brot, eine Neig im Becher

    Gewann mir wohl den Gesellen.


    Wie Körner im Sand klein an Verstand

    Ist kleiner Seelen Sinn.

    Ungleich ist der Menschen Einsicht,

    Zwei Hälften hat die Welt.


    Der Mann muß mäßig weise sein,

    Doch nicht allzuweise.

    Das schönste Leben ist dem beschieden,

    Der recht weiß was er weiß.


    Der Mann muß mäßig weise sein,

    Doch nicht allzuweise.

    Des Weisen Herz erheitert sich selten

    Wenn er zu weise wird.


    Der Mann muß mäßig weise sein,

    Doch nicht allzuweise.

    Sein Schicksal kenne Keiner voraus,

    So bleibt der Sinn ihm sorgenfrei.


    Brand entbrennt an Brand bis er zu Ende brennt,

    Flamme belebt sich an Flamme.

    Der Mann wird durch den Mann der Rede mächtig:

    Im Verborgnen bleibt er blöde.


    Früh aufstehen soll wer den Andern sinnt

    Um Haupt und Habe zu bringen:

    Dem schlummernden Wolf glückt selten ein Fang,

    Noch schlafendem Mann ein Sieg.


    Früh aufstehen soll wer wenig Arbeiter hat,

    Und schaun nach seinem Werke.

    Manches versäumt wer den Morgen verschläft:

    Dem Raschen gehört der Reichtum halb.


    Dürrer Scheite und deckender Schindeln

    Weiß der Mann das Maß,

    Und all des Holzes, womit er ausreicht

    Während der Jahreswende.


    Rein und gesättigt reit zur Versammlung

    Um schönes Kleid unbekümmert.

    Der Schuh und der Hosen schäme sich Niemand,

    Noch des Hengstes, hat er nicht guten.


    Zu sagen und zu fragen verstehe Jeder,

    Der nicht dumm will dünken.

    Nur Einem vertrau er, nicht auch dem Andern;

    Wißens dreie, so weiß es die Welt.


    Verlangend lechzt eh er landen mag

    Der Aar auf der ewigen See.

    So geht es dem Mann in der Menge des Volks,

    Der keinen Anwalt antrifft.


    Der Macht muß der Mann, wenn er klug ist,

    Sich mit Bedacht bedienen,

    Denn bald wird er finden, wenn er sich Feinde macht,

    Daß dem Starken ein Stärkrer lebt.


    Umsichtig und verschwiegen sei ein Jeder

    Und im Zutraun zaghaft.

    Worte, die Andern anvertraut wurden,

    Büßt man oft bitter.


    An manchen Ort kam ich allzufrüh;

    Allzuspät an andern.

    Bald war getrunken das Bier, bald zu frisch;

    Unlieber kommt immer zur Unzeit.


    Hier und dort hätte mir Labung gewinkt,

    Wenn ich des bedurfte.

    Zwei Schinken noch hingen in des Freundes Halle,

    Wo ich Einen schon geschmaust.


    Feuer ist das Beste dem Erdgebornen,

    Und der Sonne Schein;

    Nur sei Gesundheit ihm nicht versagt

    Und lasterlos zu leben.


    Ganz unglücklich ist Niemand, ist er gleich nicht gesund:

    Einer hat an Söhnen Segen,

    Einer an Freunden, Einer an vielem Gut,

    Einer an trefflichem Thun.


    Leben ist beßer, auch Leben in Armut:

    Der Lebende kommt noch zur Kuh.

    Feuer sah ich des Reichen Reichtümer freßen,

    Und der Tod stand vor der Thür.


    Der Hinkende reite, der Handlose hüte,

    Der Taube taugt noch zur Tapferkeit.

    Blind sein ist beßer als verbrannt werden:

    Der Todte nützt zu nichts mehr.


    Ein Sohn ist beßer, ob spät geboren

    Nach des Vaters Hinfahrt.

    Bautasteine stehn am Wege selten,

    Wenn sie der Freund dem Freund nicht setzt.


    Zweie gehören zusammen und doch schlägt die Zunge das Haupt.

    Unter jedem Gewand erwart ich eine Faust.


    Der Nacht freut sich wer des Vorraths gewiss ist,

    Doch herb ist die Herbstnacht.

    Fünfmal wittert es in fünf Tagen:

    Wie viel mehr im Monat!


    Wer wenig weiß, der weiß auch nicht,

    Daß Einen oft der Reichtum äfft;

    Einer ist reich, ein Andrer arm:

    Den soll Niemand narren.


    Das Vieh stirbt, die Freunde sterben,

    Endlich stirbt man selbst;

    Doch nimmer mag ihm der Nachruhm sterben,

    Welcher sich guten gewann.


    Das Vieh stirbt, die Freunde sterben,

    Endlich stirbt man selbst;

    Doch Eines weiß ich, das immer bleibt:

    Das Urtheil über den Todten.


    Volle Speicher sah ich bei Fettlings Sproßen,

    Die heuer am Hungertuch nagen:

    Ueberfluß währt einen Augenblick,

    Dann flieht er, der falscheste Freund.


    Der alberne Geck, gewinnt er etwa

    Gut oder Gunst der Frauen,

    Gleich schwillt ihm der Kamm, doch die Klugheit nicht;

    Nur im Hochmuth nimmt er zu.


    Was wirst du finden, befragst du die Runen,

    Die hochheiligen,

    Welche Götter schufen, Hohepriester schrieben?

    Daß nichts beßer sei als Schweigen.


    Den Tag lob Abends, die Frau im Tode,

    Das Schwert, wenns versucht ist,

    Die Braut nach der Hochzeit, eh es bricht das Eis,

    Das Ael, wenns getrunken ist.


    Im Sturm fäll den Baum, stich bei Fahrwind in See,

    Mit der Maid spiel im Dunkeln: manch Auge hat der Tag.

    Das Schiff ist zum Segeln, der Schild zum Decken gut,

    Die Klinge zum Hiebe, zum Küssen das Mädchen.


    Trink Ael am Feuer, auf Eis lauf Schrittschuh,

    Kauf mager das Ross und rostig das Schwert.

    Zieh den Hengst daheim, den Hund im Vorwerk.


    Mädchenreden vertraue kein Mann,

    Noch der Weiber Worten.

    Auf geschwungnem Rad geschaffen ward ihr Herz,

    Trug in der Brust verborgen.


    Krachendem Bogen, knisternder Flamme,

    Schnappendem Wolf, geschwätziger Krähe,

    Grunzender Bache, wurzellosem Baum,

    Schwellender Meerflut, sprudelndem Keßel;


    Fliegendem Pfeil, fallender See,

    Einnächtgem Eis, geringelter Natter,

    Bettreden der Braut, bruchigem Schwert,

    Kosendem Bären und Königskinde;


    Siechem Kalb, gefälligem Knecht,

    Wahrsagendem Weib, auf der Walstatt Besiegtem,

    Heiterm Himmel, lachendem Herrn,

    Hinkendem Köter und Trauerkleidern;


    Dem Mörder deines Bruders, wie breit wär die Straße,

    Halbverbranntem Haus, windschnellem Hengst,

    (Bricht ihm ein Bein, so ist er unbrauchbar):

    Dem Allen soll Niemand voreilig trauen.

    Frühbesätem Feld trau nicht zu viel,

    Noch altklugem Kind.

    Wetter braucht die Saat und Witz das Kind:

    Das sind zwei zweiflige Dinge.


    Die Liebe der Frau, die falschen Sinn hegt,

    Gleicht unbeschlagnem Ross auf schlüpfrigem Eis,

    Muthwillig, zweijährig, und übel gezähmt;

    Oder steuerlosem Schiff auf stürmender Flut,

    Der Gemsjagd des Lahmen auf glatter Bergwand.


    Offen bekenn ich, der beide wohl kenne,

    Der Mann ist dem Weibe wandelbar;

    Wir reden am Schönsten, wenn wir am Schlechtesten denken:

    So wird die Klügste geködert.


    Schmeichelnd soll reden und Geschenke bieten

    Wer des Mädchens Minne will,

    Den Liebreiz loben der leuchtenden Jungfrau:

    So fängt sie der Freier.


    Der Liebe verwundern soll sich kein Weiser

    An dem andern Mann.

    Oft feßelt den Klugen was den Thoren nicht fängt,

    Liebreizender Leib.


    Unklugheit wundre Keinen am Andern,

    Denn Viele befällt sie.

    Weise zu Tröpfen wandelt auf Erden

    Der Minne Macht.


    Das Gemüth weiß allein, das dem Herzen innewohnt

    Und seine Neigung verschließt,

    Daß ärger Uebel den Edeln nicht quälen mag

    Als Liebesleid.


    Selbst erfuhr ich das, als ich im Schilfe saß

    Und meiner Holden harrte.

    Herz und Seele war mir die süße Maid;

    Gleichwohl erwarb ich sie nicht.


    Ich fand Billungs Maid auf ihrem Bette,

    Weiß wie die Sonne, schlafend.

    Aller Fürsten Freude fühlt ich nichtig,

    Sollt ich ihrer länger ledig leben.


    »Am Abend sollst du, Odhin, kommen,

    Wenn du die Maid gewinnen willst.

    Nicht ziemt es sich, daß mehr als Zwei

    Von solcher Sünde wißen.«


    Ich wandte mich weg Erwiedrung hoffend,

    Ob noch der Neigung ungewiss;

    Jedennoch dacht ich, ich dürft erringen

    Ihre Gunst und Liebesglück.


    So kehrt ich wieder: da war zum Kampf

    Strenge Schutzwehr auferweckt,

    Mit brennenden Lichtern, mit lodernden Scheitern

    Mir der Weg verwehrt zur Lust.


    Am folgenden Morgen fand ich mich wieder ein,

    Da schlief im Saal das Gesind;

    Ein Hündlein sah ich statt der herlichen Maid

    An das Bett gebunden.


    Manche schöne Maid, wers merken will,

    Ist dem Freier falsch gesinnt.

    Das erkannt ich klar, als ich das kluge Weib

    Verlocken wollte zu Lüsten.

    Jegliche Schmach that die Schlaue mir an

    Und wenig ward mir des Weibes.


    Munter sei der Hausherr und heiter bei Gästen

    Nach geselliger Sitte,

    Besonnen und gesprächig: so schein er verständig,

    Und rathe stäts zum Rechten.


    Der wenig zu sagen weiß wird ein Erztropf genannt,

    Es ist des Albernen Art.


    Den alten Riesen besucht ich, nun bin ich zurück:

    Mit Schweigen erwarb ich da wenig.

    Manch Wort sprach ich zu meinem Gewinn

    In Suttungs Saal.


    Gunnlöd schenkte mir auf goldnem Seßel

    Einen Trunk des theuern Meths.

    Uebel vergolten hab ich gleichwohl

    Ihrem heiligen Herzen,

    Ihrer glühenden Gunst.


    Ratamund ließ ich den Weg mir räumen

    Und den Berg durchbohren;

    In der Mitte schritt ich zwischen Riesensteigen

    Und hielt mein Haupt der Gefahr hin.


    Schlauer Verwandlungen Frucht erwarb ich,

    Wenig misslingt dem Listigen.

    Denn Odhrörir ist aufgestiegen

    Zur weitbewohnten Erde.


    Zweifel heg ich ob ich heim wär gekehrt

    Aus der Riesen Reich,

    Wenn mir Gunnlöd nicht half, die herzige Maid,

    Die den Arm um mich schlang.


    Die Eisriesen eilten des andern Tags

    Des Hohen Rath zu hören

    In des Hohen Halle.

    Sie fragten nach Bölwerkr, ob er heimgefahren sei

    Oder ob er durch Suttung fiel.


    Den Ringeid, sagt man, hat Odhin geschworen:

    Wer traut noch seiner Treue?

    Den Suttung beraubt' er mit Ränken des Meths

    Und ließ sich Gunnlöd grämen.

    „Ich bin so etwas wie ein Antikörper der New-Age-Bewegung. Meine Funktion besteht darin, auf die Möglichkeit aufmerksam zu machen, hey, weißt du, einiges von all dem Kram könnte auch riesengroßer Quatsch sein!“


    Ceterum censeo progeniem hominum esse deminuendam.

  • Loddfafnirs-Lied.


    Zeit ists zu reden vom Rednerstuhl.

    An dem Brunnen Urdas

    Saß ich und schwieg, saß ich und dachte

    Und merkte der Männer Reden.


    Von Runen hört ich reden und vom Ritzen der Schrift

    Und vernahm auch nütze Lehren.

    Bei des Hohen Halle, in des Hohen Halle

    Hört ich sagen so:


    Dieß rath ich, Loddfafnir, vernimm die Lehre,

    Wohl dir, wenn du sie merkst.

    Steh Nachts nicht auf, wenn die Noth nicht drängt,

    Du wärst denn zum Wächter geordnet.


    Das rath ich, Loddfafnir, vernimm die Lehre,

    Wohl dir, wenn du sie merkst.

    In der Zauberfrau Schooß schlaf du nicht,

    So daß ihre Glieder dich gürten.


    Sie bethört dich so, du entsinnst dich nicht mehr

    Des Gerichts und der Rede der Fürsten,

    Gedenkst nicht des Mals noch männlicher Freuden,

    Sorgenvoll suchst du dein Lager.


    Das rath ich, Loddfafnir, vernimm die Lehre,

    Wohl dir, wenn du sie merkst.

    Des Andern Frau verführe du nicht

    Zu heimlicher Zwiesprach.


    Das rath ich, Loddfafnir, vernimm die Lehre,

    Wohl dir, wenn du sie merkst.

    Ueber Furten und Felsen so du zu fahren hast,

    So sorge für reichliche Speise.


    Dem übeln Mann eröffne nicht

    Was dir Widriges widerfährt:

    Von argem Mann erntest du nimmer doch

    So guten Vertrauns Vergeltung.


    Verderben stiften einem Degen sah ich

    Uebeln Weibes Wort:

    Die giftige Zunge gab ihm den Tod,

    Nicht seine Schuld.


    Gewannst du den Freund, dem du wohl vertraust,

    So besuch ihn nicht selten,

    Denn Strauchwerk grünt und hohes Gras

    Auf dem Weg, den Niemand wandelt.


    Das rath ich, Loddfafnir, vernimm die Lehre,

    Wohl dir, wenn du sie merkst.

    Guten Freund gewinne dir zu erfreuender Zwiesprach;

    Heilspruch lerne so lange du lebst.


    Altem Freunde sollst du der erste

    Den Bund nicht brechen.

    Das Herz frißt dir Sorge, magst du keinem mehr sagen

    Deine Gedanken all.


    Das rath ich, Loddfafnir, vernimm die Lehre,

    Wohl dir, wenn du sie merkst.

    Mit ungesalznem Narren sollst du

    Nicht Worte wechseln.


    Von albernem Mann magst du niemals

    Guten Lohn erlangen.

    Nur der Wackere mag dir erwerben

    Guten Leumund durch sein Lob.


    Das ist Seelentausch, sagt Einer getreulich

    Dem Andern Alles was er denkt.

    Nichts ist übler als unstät sein:

    Der ist kein Freund, der zu Gefallen spricht.


    Das rath ich, Loddfafnir, vernimm die Lehre,

    Wohl dir, wenn du sie merkst.

    Drei Worte nicht sollst du mit dem Schlechtern wechseln:

    Oft unterliegt der Gute,

    Der mit dem Schlechten streitet.


    Schuhe nicht sollst du noch Schäfte machen

    Für Andre als für dich:

    Sitzt der Schuh nicht, ist krumm der Schaft,

    Wünscht man dir alles Uebel.


    Das rath ich, Loddfafnir, vernimm die Lehre,

    Wohl dir, wenn du sie merkst.

    Wo Noth du findest, deren nimm dich an;

    Doch gieb dem Feind nicht Frieden.


    Das rath ich, Loddfafnir, vernimm die Lehre,

    Wohl dir, wenn du sie merkst.

    Dich soll Andrer Unglück nicht freuen;

    Ihren Vortheil laß dir gefallen.


    Das rath ich, Loddfafnir, vernimm die Lehre,

    Wohl dir, wenn du sie merkst.

    Nicht aufschaun sollst du im Schlachtgetöse:

    Ebern ähnlich wurden oft Erdenkinder;

    So aber zwingt dich kein Zauber.

    Willst du ein gutes Weib zu deinem Willen bereden

    Und Freude bei ihr finden,

    So verheiß ihr Holdes und halt es treulich:

    Des Guten wird die Maid nicht müde.


    Sei vorsichtig, doch seis nicht allzusehr,

    Am meisten seis beim Meth

    Und bei des Andern Weib; auch wahre dich

    Zum dritten vor der Diebe List.


    Mit Schimpf und Hohn verspotte nicht

    Den Fremden noch den Fahrenden.

    Selten weiß der zu Hause sitzt

    Wie edel ist, der einkehrt.


    Laster und Tugenden liegen den Menschen

    In der Brust beieinander.

    Kein Mensch ist so gut, daß nichts ihm mangle,

    Noch so böse, daß er zu nichts nützt.


    Haarlosen Redner verhöhne nicht:

    Oft ist gut was der Greis spricht.

    Aus welker Haut kommt oft weiser Rath;

    Hängt ihm die Hülle gleich,

    Schrinden ihn auch Schrammen,

    Der unter Wichten wankt.


    Das rath ich, Loddfafnir, vernimm die Lehre,

    Wohl dir, wenn du sie merkst.

    Den Wandrer fahr nicht an, noch weis ihm die Thür:

    Gieb dem Gehrenden gern.


    Stark wär der Riegel, der sich rücken sollte

    Allen aufzuthun.

    Gieb einen Scherf; dieß Geschlecht sonst wünscht

    Dir alles Unheil an.


    Dieß rath ich, Loddfafnir, vernimm die Lehre,

    Wohl dir, wenn du sie merkst:

    Wo Ael getrunken wird, ruf die Erdkraft an:

    Erde trinkt und wird nicht trunken.

    Feuer hebt Krankheit, Eiche Verhärtung,

    Aehre Vergiftung,

    Der Hausgeist häuslichen Hader.

    Mond mindert Tobsucht,

    Hundbiß heilt Hundshaar,

    Rune Beredung;

    Die Erde nehme Naß auf.

    „Ich bin so etwas wie ein Antikörper der New-Age-Bewegung. Meine Funktion besteht darin, auf die Möglichkeit aufmerksam zu machen, hey, weißt du, einiges von all dem Kram könnte auch riesengroßer Quatsch sein!“


    Ceterum censeo progeniem hominum esse deminuendam.

  • Odhins Runenlied.

    Ich weiß, daß ich hing am windigen Baum

    Neun lange Nächte,

    Vom Sper verwundet, dem Odhin geweiht,

    Mir selber ich selbst,

    Am Ast des Baums, dem man nicht ansehn kann

    Aus welcher Wurzel er sproß.


    Sie boten mir nicht Brot noch Meth;

    Da neigt' ich mich nieder

    Auf Runen sinnend, lernte sie seufzend:

    Endlich fiel ich zur Erde.


    Hauptlieder neun lernt ich von dem weisen Sohn

    Bölthorns, des Vaters Bestlas,

    Und trank einen Trunk des theuern Meths

    Aus Odhrörir geschöpft.


    Zu gedeihen begann ich und begann zu denken,

    Wuchs und fühlte mich wohl.

    Wort aus dem Wort verlieh mir das Wort,

    Werk aus dem Werk verlieh mir das Werk.


    Runen wirst du finden und Rathstäbe,

    Sehr starke Stäbe,

    Sehr mächtige Stäbe.

    Erzredner ersann sie, Götter schufen sie,

    Sie ritzte der hehrste der Herscher.


    Odhin den Asen, den Alfen Dain,

    Dwalin den Zwergen,

    Alswidr aber den Riesen; einige schnitt ich selbst.


    Weist du zu ritzen? weist du zu errathen?

    Weist du zu finden? weist zu erforschen?

    Weist du zu bitten? weist Opfer zu bieten?

    Weist du wie man senden, weist wie man tilgen soll?


    Beßer nicht gebetet als zu viel geboten:

    Die Gabe will stäts Vergeltung.

    Beßer nichts gesendet als zu viel getilgt;

    So ritzt' es Thundr zur Richtschnur den Völkern.

    Dahin entwich er, von wannen er ausging.


    Lieder kenn ich, die kann die Königin nicht

    Und keines Menschen Kind.

    Hülfe verheißt mir eins, denn helfen mag es

    In Streiten und Zwisten und in allen Sorgen.


    Ein andres weiß ich, des Alle bedürfen,

    Die heilkundig heißen.


    Ein drittes weiß ich, des ich bedarf

    Meine Feinde zu feßeln.

    Die Spitze stumpf ich dem Widersacher;

    Mich verwunden nicht Waffen noch Listen.


    Ein viertes weiß ich, wenn der Feind mir schlägt

    In Bande die Bogen der Glieder,

    So bald ich es singe so bin ich ledig,

    Von den Füßen fällt mir die Feßel,

    Der Haft von den Händen.


    Ein fünftes kann ich: fliegt ein Pfeil gefährdend

    Uebers Heer daher,

    Wie hurtig er fliege, ich mag ihn hemmen,

    Erschau ich ihn nur mit der Sehe.


    Ein sechstes kann ich, so Wer mich versehrt

    Mit harter Wurzel des Holzes:

    Den Andern allein, der mir es anthut,

    Verzehrt der Zauber, Ich bleibe frei.


    Ein siebentes weiß ich, wenn hoch der Saal steht

    Ueber den Leuten in Lohe,

    Wie breit sie schon brenne, Ich berge sie noch:

    Den Zauber weiß ich zu zaubern.


    Ein achtes weiß ich, das allen wäre

    Nützlich und nöthig:

    Wo unter Helden Hader entbrennt,

    Da mag ich schnell ihn schlichten.


    Ein neuntes weiß ich, wenn Noth mir ist

    Vor der Flut das Fahrzeug zu bergen,

    So wend ich den Wind von den Wogen ab

    Und beschwichtge rings die See.


    Ein zehntes kann ich, wenn Zaunreiterinnen

    Durch die Lüfte lenken,

    So wirk ich so, daß sie wirre zerstäuben

    Und als Gespenster schwinden.


    Ein eilftes kann ich, wenn ich zum Angriff soll

    Die treuen Freunde führen,

    In den Schild sing ichs, so ziehn sie siegreich

    Heil in den Kampf, heil aus dem Kampf,

    Bleiben heil wohin sie ziehn.


    Ein zwölftes kann ich, wo am Zweige hängt

    Vom Strang erstickt ein Todter,

    Wie ich ritze das Runenzeichen,

    So kommt der Mann und spricht mit mir.


    Ein dreizehntes kann ich, soll ich ein Degenkind

    In die Taufe tauchen,

    So mag er nicht fallen im Volksgefecht,

    Kein Schwert mag ihn versehren.


    Ein vierzehntes kann ich, soll ich dem Volke

    Der Götter Namen nennen,

    Asen und Alfen kenn ich allzumal;

    Wenige sind so weise.


    Ein funfzehntes kann ich, das Volkrörir der Zwerg

    Vor Dellings Schwelle sang:

    Den Asen Stärke, den Alfen Gedeihn,

    Hohe Weisheit dem Hroptatyr.


    Ein sechzehntes kann ich, will ich schöner Maid

    In Lieb und Lust mich freuen,

    Den Willen wandl ich der Weißarmigen,

    Daß ganz ihr Sinn sich mir gesellt.


    Ein siebzehntes kann ich, daß schwerlich wieder

    Die holde Maid mich meidet.

    Dieser Lieder, magst du, Loddfafnir,

    Lange ledig bleiben.

    Doch wohl dir, weist du sie,

    Heil dir, behältst du sie,

    Selig, singst du sie!


    Ein achtzehntes weiß ich, das ich aber nicht singe

    Vor Maid noch Mannesweibe

    Als allein vor ihr, die mich umarmt,

    Oder sei es, meiner Schwester.

    Beßer ist was Einer nur weiß;

    So frommt das Lied mir lange.


    Des Hohen Lied ist gesungen

    In des Hohen Halle,

    Den Erdensöhnen noth, unnütz den Riesensöhnen.

    Wohl ihm, der es kann, wohl ihm, der es kennt,

    Lange lebt, der es erlernt,

    Heil Allen, die es hören.

    „Ich bin so etwas wie ein Antikörper der New-Age-Bewegung. Meine Funktion besteht darin, auf die Möglichkeit aufmerksam zu machen, hey, weißt du, einiges von all dem Kram könnte auch riesengroßer Quatsch sein!“


    Ceterum censeo progeniem hominum esse deminuendam.

  • 7. Harbardhsliodh.


    Das Harbardslied.

    Thôr kam von der Ostfahrt her an einen Sand; jenseits stand der Fährmann mit dem Schiffe. Thôr rief:


    Wer ist der Gesell der Gesellen, der überm Sunde steht?


    Harbard antwortete:

    Wer ist der Kerl der Kerle, der da kreischt überm Waßer?


    Thôr.

    Ueber den Sund fahr mich, so füttr ich dich morgen.

    Einen Korb hab ich auf dem Rücken, beßre Kost giebt es nicht.

    Eh ich ausfuhr aß ich in Ruh

    Hering und Habermuß: davon hab ich noch genug.


    Harbard.

    Allzuvorlaut rühmst du dein Frühmal;

    Du weist das Weitre nicht:

    Traurig ist dein Hauswesen, todt deine Mutter.


    Thôr.

    Das hör ich nun hier, was das Herbste scheint

    Jedem Mann, daß meine Mutter todt sei.


    Harbard.

    Du hältst dich nicht, als hättest du guter Höfe drei:

    Barbeinig stehst du in Bettlersgewand,

    Nicht einmal Hosen hast du an.


    Thôr.

    Steure nur her die Eiche, die Stätte zeig ich dir,

    Doch Wem gehört das Schiff, das du hältst am Ufer?


    Harbard.

    Hildolf heißt er, der michs zu halten bat,

    Der rathkluge Recke, der in Radsei-sund wohnt.

    Er widerrieth mir, Strolche und Rossdiebe zu fahren:

    Nur ehrliche Leute und die mir lange kund sein.

    Sag deinen Namen, wenn du über den Sund willst.


    Thôr.

    Den sag ich dir frei, obgleich ich hier friedlos bin,

    Und all mein Geschlecht. Ich bin Odhins Sohn,

    Meilis Bruder und Magnis Vater,

    Der Kräftiger der Götter; du kannst mit Thôr hier sprechen.

    Ich habe zu fragen nun: wie heißest du?


    Harbard.

    Harbard heiß ich, ich hehle den Namen selten.


    Thôr.

    Was solltest du ihn hehlen, wenn du schuldlos bist?


    Harbard.

    Obschon ich nicht schuldlos bin, schütz ich mich doch leicht

    Vor Einem wie Du bist; mein Ende wüst ich denn nah.


    Thôr.

    Es dünkt mich beschwerlich zu dir hinüber

    Durchs Waßer zu waten und mein Gewand zu netzen;

    Sonst, Lotterbube, lohnt' ich wahrlich

    Deinen Stachelreden, stünd ich überm Sund.


    Harbard.

    Hier will ich stehen und dich erwarten.

    Du fandst wohl Keinen dir härtern seit Hrungnirs Tod.


    Thôr.

    Des gedenkst du nun, daß ich mit Hrungnir stritt,

    Dem starkherzgen Riesen, dem von Stein das Haupt war;

    Doch ließ ich ihn stürzen, in Staub sinken.

    Was thatest du derweil, Harbard?


    Harbard.

    Ich war bei Fiölwar fünf volle Winter

    Auf einem Eiland, das Allgrün heißt.

    Wir fochten und fällten die Feinde da,

    Versuchten Manches und freiten Mädchen.


    Thôr.

    Wie ward es da mit euern Weibern?


    Harbard.

    Wir hatten zierliche Weiber, wären sie zahmer gewesen;

    Wir hatten hübsche Weiber, wären sie uns holder gewesen.

    Aber Stricke wanden sie am Strand aus Sand,

    Gruben den Grund

    Aus tiefem Thal.

    Ich allein war allen überlegen mit List,

    Lag bei sieben Schwestern und genoß im Scherz ihre Gunst.

    Was thatest du derweil, Thôr?


    Thôr.

    Ich tödtete Thiassi, den übermüthigen Thursen,

    Auf warf ich die Augen des Sohnes Oelwalts

    An den heitern Himmel:

    Die wurden meiner Werke gröste Wahrzeichen,

    Allen Menschen sichtbar seitdem.

    Was thatest du derweil, Harbard?


    Harbard.

    Allerlei Liebeskünste übt' ich bei Nachtreiterinnen,

    Die ich mit List ihren Männern entlockte.

    Ein harter Riese, halt ich, ist Hlebard gewesen:

    Er gab mir seine Wünschelruthe, damit raubt' ich ihm den Witz.


    Thôr.

    Gute Gabe galtst du mit übelm Lohn.


    Harbard.

    Eine Eiche muß fallen, sonst fertigt man den Kahn nicht;

    Jeder sorgt für sich.

    Was thatest du derweil, Thôr?


    Thôr.

    Ich war im Osten, überwand der Riesen

    Böswillige Bräute, da sie zum Berge gingen.

    Uebermächtig würden die Riesen, wenn sie alle lebten,

    Mit den Menschen wär es in Mitgard aus.

    Was thatest du derweil, Harbard?


    Harbard.

    Ich war in Walland, des Kampfs zu warten,

    Verfeindete Fürsten dem Frieden wehrend.

    Odhin hat die Fürsten, die da fallen im Kampf,

    Thôr hat der Thräle (Knechte) Geschlecht.


    Thôr.

    Unter die Asen theiltest du ungleich die Menschen,

    Hättest du der Wünsche Gewalt.


    Harbard.

    Thôr hat Macht genug, aber nicht Muth.

    Aus feiger Furcht fuhrst du in den Handschuh,

    Trautest nicht mehr Thôr zu sein.

    Nicht wagtest du nur, so warst du in Noth,

    Zu niesen noch zu f – –, daß es Fialar hörte.


    Thôr.

    Harbard, Schändlicher! Zu Hel schickt' ich dich,

    Möcht ich über den Sund setzen.


    Harbard.

    Was solltest du überm Sund, wo du nichts zu schaffen hast?

    Was thatest du weiter, Thôr?


    Thôr.

    Ich war im Osten und wehrt' einem Fluß;

    Da griffen Swarangs Söhne mich an.

    Sie schlugen mich mit Steinen und schadeten mir nicht.

    Sie musten bald zuerst mich bitten um Frieden.

    Was thatest du derweil, Harbard?


    Harbard.

    Ich war im Osten mit Einer zu kosen,

    Spielte mit der schneeweißen und sprach lange mit ihr.

    Ich erfreute die goldschöne; der Scherz gefiel der Maid.


    Thôr.

    Da hattet ihr willige Weiber.


    Harbard.

    Da hätt ich bedurft, Thôr, deiner Hülfe,

    Die schleierweiße zu entwenden.


    Thôr.

    Die hätt ich dir gewährt, wär dazu Zeit gewesen.


    Harbard.

    Ich hätte dir auch vertraut; oder hättest du mich betrogen?


    Thôr.

    Bin ich denn so ein Fersenzwicker wie ein alter Schuh im Frühjahr?


    Harbard.

    Was thatest du weiter, Thôr?


    Thôr.

    Berserkerbräute bändigt' ich auf Hlesey:

    Das Aergste hatten sie getrieben, betrogen alles Volk.


    Harbard.

    Unrühmlich thatest du, Thôr, daß du Weiber tödtetest.


    Thôr.

    Wölfinnen waren es, Weiber kaum.

    Sie zerschellten mein Schiff, das ich auf Pfähle gestellt,

    Trotzten mir mit Eisenkeulen und vertrieben Thialsi.

    Was thatest du derweil, Harbard?


    Harbard.

    Ich war beim Heere, das eben hieher

    Kriegsfahnen erhob den Sper zu färben.


    Thôr.

    Des gedenkst du nun,

    Wie du auszogst uns zur Ueberlast.


    Harbard.

    Das büß ich dir gern mit goldnen Handringen

    Nach Schiedsrichterspruch, der uns versöhnen mag.


    Thôr.

    Woher hast du nur die Hohnreden all?

    Ich hörte niemals so höhnische.


    Harbard.

    Von den alten Leuten lernt ich sie,

    Die in den Wäldern wohnen.


    Thôr.

    Du giebst den Gräbern zu guten Namen,

    Wenn du sie Wälder- Wohnungen nennst.


    Harbard.

    So denk ich von der Art Dingen nun.

    Thôr.

    Deine Wortklugheit kommt dir noch übel,

    Wenn ich durchs Waßer wate.

    Lauter als ein Wolf wirst du aufschrein,

    Wenn ich dich mit dem Hammer haue.


    Harbard.

    Sif hat einen Buhlen, du wirst ihn bei ihr finden:

    Der erfahre deine Kraft, das frommt dir mehr.


    Thôr.

    Du redest nach deines Mundes Rath, nur recht mich zu kränken.

    Verworfner Wicht! ich weiß, daß du lügst.


    Harbard.

    Und ich sage, so ists! Säumig betreibst du die Fahrt.

    Schon wärst du weit, Thôr, wenn du verwandelt fuhrst.


    Thôr.

    Harbard, Schändlicher! Du hast mich hier so lang verweilt.


    Harbard.

    Dem Asathôr, wähnt' ich, wehrte so leicht nicht

    Ein Viehhirt die Fahrt.


    Thôr.

    Einen Rath will ich dir rathen; rudre die Fähre hieher.

    Hab ein Ende der Hader! Hole den Vater Magnis.


    Harbard.

    Fahr nur weg vom Sund, verweigert bleibt dir die Fahrt.


    Thôr.

    Weise mir nur den Weg, willst du mich nicht

    Ueber den Sund setzen.


    Harbard.

    Geringes verlangst du, doch lang ist der Weg:

    Eine Stunde zum Stocke, zum Stein eine andre.

    Den linken Weg wähle bis du Werland erreichst.

    Da trifft Fiörgyn Thôr ihren Sohn:

    Die wird ihm der Verwandten Wege zeigen

    Zu Odhins Land.


    Thôr.

    Komm ich heute noch hin?


    Harbard.

    Du erreichst es mit Eil bei noch obenstehender Sonne,

    Wenn ich erst von dannen ging.


    Thôr.

    Kurz wird noch unser Gespräch, da du nur spöttisch sprichst.

    Die verweigerte Ueberfahrt lohn ich ein andermal.


    Harbard.

    Fahr immer zu in übler Geister Gewalt!

    „Ich bin so etwas wie ein Antikörper der New-Age-Bewegung. Meine Funktion besteht darin, auf die Möglichkeit aufmerksam zu machen, hey, weißt du, einiges von all dem Kram könnte auch riesengroßer Quatsch sein!“


    Ceterum censeo progeniem hominum esse deminuendam.

  • 8. Hymiskvidha.


    Die Sage von Hymir.

    Einst nahmen die Walgötter die erwaideten Thiere,

    Zu schlemmen gesonnen noch ungesättigt:

    Sie schüttelten Stäbe, besahen das Opferblut,

    Und fanden, Oegirn fehle der Braukeßel.


    Saß der Felswohner froh wie ein Kind,

    Doch ähnlich eher der dunkeln Abkunft.

    Ihm in die Augen sah Odhins Sohn:

    »Gieb alsbald den Göttern Trank.«


    Der Ungestüme schuf Angst dem Riesen;

    Doch rasch erdachte der Rach an den Göttern:

    Er ersuchte Sifs Gatten: »Schaff mir den Keßel,

    So brau ich alsbald das Bier euch darin.«


    Den mochten nicht die mächtigen Götter

    Irgendwo finden, die Fürsten des Himmels,

    Bis Tyr dem Hlorridi getreulich sagte,

    Ihm allein, Auskunft und Rath:


    »Im Osten wohnt der Eliwagar

    Der hundweise Hymir an des Himmels Ende.

    Einen Keßel hat mein kraftreicher Vater,

    Ein räumig Gefäß, einer Raste tief.«


    Meinst du, den Saftsieder sollten wir haben? –

    »Mit List gelingt es ihn zu erlangen.«

    Sie fuhren schleunig denselben Tag

    Von Asgard hin zu des Uebeln Haus.


    Selbst stallt' er die Böcke, die stattlich gehörnten;

    Sie eilten zur Halle, die Hymir bewohnte.

    Der Sohn fand die Ahne, die er ungern sah;

    Sie hatte der Häupter neunmal hundert.


    Eine andre kam allgolden hervor,

    Weißbrauig, und brachte das Bier dem Sohn.


    »Verwandte der Riesen, ich will euch beide,

    Ihr kühnen Männer, unter Keßeln bergen.

    Manches Mal ist mein Geselle

    Gästen gram und grimmes Muthes.«


    Der übel Gesinnte spät Abends kam,

    Der hartmuthge Hymir, heim von der Jagd.

    Er ging in den Saal, die Gletscher dröhnten;

    Ihm war, als er kam, der Kinnwald gefroren.


    »Heil dir, Hymir, sei hohes Muths:

    Der Sohn ist gekommen in deinen Saal,

    Den wir erwartet von langem Wege.

    Ihm folgt hieher der Freund der Menschen,

    Unser Widersacher, Weor genannt.


    Du siehst sie sitzen an des Saales Ende;

    So bangen sie, daß die Säule sie birgt.«

    Die Säule zersprang von des Riesen Sehe,

    Und entzweigebrochen sah man den Balken.


    Acht Keßel fielen, und einer nur,

    Ein hart gehämmerter, kam heil herab.

    Vorgingen die Gäste; der graue Riese

    Faßt' ins Auge den Feind sich scharf.


    Wenig Gutes sagte der Geist ihm voraus,

    Als der Troldenbetrüber in den Vorsaal trat.

    Da sah man Stiere drei geschlachtet,

    Die alsbald zu braten gebot der Riese.


    Man ließ um den Kopf sie kürzen beide

    Und setzte sie zum Sieden ans Feuer.

    Sifs Gemahl, eh er schlafen ging,

    Zwei Ochsen Hymirs verzehrt' er allein.


    Da schien dem grauen Gesellen Hrungnirs

    Hlorridis Malzeit so mäßig nicht:

    »Nun müßen wir drei uns Morgen Abend

    Mit des Waidwerks Gewinn selber bewirthen.«


    Bereit war Weor ins Waßer zu rudern,

    Wenn der kühne Jötun den Köder gäbe.

    »Geh hin zur Heerde, wenn du das Herz hast,

    Zerschmettrer des Berggeschlechts, und suche den Köder.


    Ich weiß gewiss, dir wird nicht schwer

    Die Lockspeise vom Stier zu erlangen.«

    Zum Walde wandte sich Weor alsbald:

    Da fand er stehen allschwarzen Stier.


    Der Thursentödter, abbrach er dem Thiere

    Der beiden Hörner erhabnen Sitz.

    »Im Schaffen scheinst du schlimmer um Vieles,

    Lenker der Kiele, als in bequemer Ruh.«


    Da bat der Böcke Gebieter den Affengott,

    Ferner in die Flut das Seeross zu führen.

    Aber der Jötun gab ihm zur Antwort,

    Ihn lüste wenig, noch länger zu rudern.


    Da hob am Hamen Hymir der starke

    Zwei Wallfische aus den Wellen allein.

    Am Steuer inzwischen Odhins Erzeugter

    Festigte listig ein Fischseil Weor.


    An die Angel steckte der Irdischen Gönner

    Als Köder den Stierkopf zum Kampf mit dem Wurm.

    Gähnend haschte der gottverhaßte

    Erdumgürter nach solcher Atzung.


    Tapfer zog Thôr der gewaltige

    Den schimmernden Giftwurm zum Schiffsrand auf.

    Das häßliche Haupt mit dem Hammer traf er,

    Das felsenfeste, dem Freunde des Wolfs.


    Felsen krachten, Klüfte heulten,

    Die alte Erde fuhr ächzend zusammen:

    Da senkte sich in die See der Fisch.


    Nicht geheuer wars auf der Heimkehr dem Riesen:

    Der starke Hymir verstummte ganz;

    Wider den Wind nur wandt' er das Ruder:


    »Willst du die Hälfte haben der Arbeit:

    Entweder die Wallfische zur Wohnung tragen,

    Oder das Boot fest binden am Ufer?«


    Hlorridi ging und ergriff am Steven,

    Ohn erst auszuschöpfen das Schiff erfaßt' er

    Allein mit Rudern und Schöpfgeräth;

    Trug auch die Fische des Thursen heim

    In das keßelgleiche Berggeklüft.


    Aber der Jötun wie immer trotzig

    Mit Thôr um die Stärke stritt er aufs Neu:

    Der Macht ermangle der Mann, wie er rudre,

    Könn er dort den Kelch nicht zerbrechen.


    Als der dem Hlorridi zu Händen kam,

    Zerstückt' er den starrenden Stein damit:

    Sitzend schleudert' er durch Säulen den Kelch;

    In Hymirs Hand doch kehrt' er heil.


    Aber die freundliche Frille lehrt' ihn

    Wohl wichtgen Rath; sie wust ihn allein:

    »Wirf ihn an Hymirs Haupt: härter ist das

    Dem kostmüden Jötun als ein Kelch mag sein.«


    Der Böcke Gebieter bog die Kniee

    Mit aller Asenkraft angethan:

    Heil dem Hünen blieb der Helmsitz;

    Doch brach alsbald der Becher entzwei.


    »Die liebste Lust verloren weiß ich,

    Da mir der Kelch vor den Knieen liegt.

    Oft sagt' ich ein Wort; nicht wieder sag ichs

    Von heut an je; zu heiß ist der Trank!


    Noch mögt ihr versuchen ob ihr Macht habt,

    Aus der Halle hinaus zu heben die Kufe.«

    Zwei Mal ihn zu rücken mühte sich Tyr:

    Des Keßels Wucht stand unbewegt.


    Aber Modis Vater erfaßt' ihn am Rand,

    Stieg vom Estrich in den untern Saal.

    Aufs Haupt den Hafen hob sich Sifs Gemahl;

    An den Knöcheln klirrten ihm die Keßelringe.


    Sie fuhren lange eh lüstern ward

    Odhins Sohn sich umzuschauen:

    Da sah er aus Höhlen mit Hymir von Osten

    Volk ihm folgen vielgehauptet.


    Da harrt' er und hob den Hafen von den Schultern,

    Schwang den mordlichen Miölnir entgegen

    Und fällte sie all, die Felsungetüme,

    Die ihn anliefen in Hymirs Geleit.


    [Sie fuhren nicht lange, so lag am Boden

    Von Hlorridis Böcken halbtodt der eine.

    Scheu vor den Strängen schleppt' er den Fuß:

    Das hatte der listige Loki verschuldet.


    Doch hörtet ihr wohl (wer hat davon

    Der Gottesgelehrten ganze Kunde?),

    Welche Buß er empfing von dem Bergbewohner:

    Den Schaden zu sühnen gab er der Söhne zwei.]


    Kraftgerüstet kam er zum Göttermal

    Und hatte den Hafen, den Hymir beseßen.

    Daraus sollen trinken die seligen Götter

    Ael in Oegirs Haus jede Leinernte.



    „Ich bin so etwas wie ein Antikörper der New-Age-Bewegung. Meine Funktion besteht darin, auf die Möglichkeit aufmerksam zu machen, hey, weißt du, einiges von all dem Kram könnte auch riesengroßer Quatsch sein!“


    Ceterum censeo progeniem hominum esse deminuendam.

  • 9. Oegisdrecka.

    Oegirs Trinkgelag.

    Oegir, der mit anderm Namen Gymir hieß, bereitete den Asen ein Gastmal, nachdem er den großen Keßel erlangt hatte, wie eben gesagt ist. Zu diesem Gastmal kam Odhin und Frigg sein Weib. Thôr kam nicht, denn er war auf der Ostfahrt. Sif war zugegen, Thôrs Weib, desgleichen Bragi und Idun sein Gemahl. Auch Tyr war da, der nur Eine Hand hatte, denn der Fenriswolf hatte ihm die andre abgebißen, als er gebunden wurde. Da war auch Niörd und Skadi sein Weib, Freyr und Freyja, und Widar, Odhins Sohn. Auch Loki war da und Freys Diener Beyggwir und Beyla. Da waren noch viele Asen und Alfen.

    Oegir hatte zwei Diener, Funafengr und Eldir. Leuchtendes Gold diente statt brennenden Lichtes. Das Ael trug sich selber auf. Der Ort hatte sehr heiligen Frieden. Alle Gäste rühmten, wie gut Oegirs Leute sie bedienten. Loki, der das nicht hören mochte, erschlug den Funafengr. Da schüttelten die Asen ihre Schilde und rannten wider Loki und verfolgten ihn in den Wald und fuhren dann zu dem Mal. Loki kam wieder und sprach zu Eldir, den er vor dem Saale fand:


    Sage mir, Eldir, eh du mit einem

    Fuße vorwärts schreitest,

    Was für Tischgespräche tauschen hier innen

    Der Sieggötter Söhne?


    Eldir sprach:

    Von Waffen reden und ruhmvollen Kämpfen

    Der Sieggötter Söhne.

    Asen und Alfen, die hier innen sind,

    Keiner weiß von dir ein gutes Wort.


    Loki.

    Ein will ich treten in Oegis Hallen,

    Selber dieß Gelag zu sehn.

    Schimpf und Schande schaff ich den Asen

    Und mische Gift in ihren Meth.


    Eldir.

    Wiße, wenn du eintrittst in Oegis Halle,

    Selber dieß Gelag zu sehn,

    Und die guten Götter übergießest mit Schmach,

    Gieb Acht, sie trocknen sie ab an dir.


    Loki.

    Wiße das, Eldir, wenn mit einander wir

    In scharfen Worten streiten,

    Ueppiger werd ich in Antworten sein,

    Was du auch zu reden weist.


    Da ging Loki in die Halle. Jene aber, die darinnen waren, als sie ihn eingetreten sahen, schwiegen alle still.


    Loki sprach:

    Durstig komm ich in diese Halle

    Loptr den langen Weg

    Die Asen zu bitten, mir Einen Trunk

    Zu schenken ihres süßen Meths.


    Warum schweigt ihr still, verstockte Götter,

    Und erwiedert nicht ein Wort?

    Sitz und Stelle sucht mir bei dem Mal,

    Oder heißt mich hinnen weichen.


    Bragi.

    Sitz und Stelle suchen dir bei dem Mal

    Die Asen nun und nimmer.

    Die Asen wißen wohl wem sie sollen

    Antheil gönnen am Gelag.


    Loki.

    Gedenkt dir, Odhin, wie in Urzeiten wir

    Das Blut mischten beide?

    Du gelobtest, nimmer dich zu laben mit Trank,

    Würd er uns beiden nicht gebracht.


    Odhin.

    Steh denn auf, Widhar, dem Vater des Wolfs

    Sitz zu schaffen beim Mal,

    Daß länger Loki uns nicht lästere

    Hier in Oegis Halle.


    Da stand Widar auf und schenkte dem Loki. Als er aber getrunken hatte, sprach er zu den Asen:


    Heil euch, Asen, Heil euch Asinnen,

    Euch hochheiligen Göttern all,

    Außer dem Asen allein, der da sitzt

    Auf Bragis Bank.


    Bragi.

    Schwert und Schecken aus meinem Schatze zahl ich

    Und einen Baug (Ring) zur Buße,

    Daß du den Asen nicht Aergerniss gebest:

    Mache dir nicht gram die Götter.


    Loki.

    Ross und Ringe, nicht allzureich doch

    Weiß ich dich, Bragi, der beiden!

    Von Asen und Alfen, die hier inne sind,

    Scheut Keiner so den Streit,

    Flieht Geschoße Keiner feiger.


    Bragi.

    Ich weiß doch, wär ich draußen, wie ich drinne bin

    Hier in Oegis Halle,

    Dein Haupt hätt ich in meiner Hand schon;

    Also lohnt' ich dir der Lüge.


    Loki.

    Sitzend bist du schnell, doch schwerlich leistest dus,

    Bragi, Bänkehüter!

    Zum Zweikampf vor, wenn du zornig bist:

    Der Tapfre sieht nicht um und säumt.


    Idun.

    Ich bitte dich, Bragi, bei deiner Gebornen

    Und aller Wünschelsöhne Wohl,

    Sprich zu Loki nicht mit lästernden Worten

    Hier in Oegis Halle.


    Loki.

    Schweig, Idun! Von allen Frauen

    Mein ich dich die Männertollste:

    Du legtest die Arme, die leuchtenden, gleich

    Um den Mörder eines Bruders.


    Idun.

    Zu Loki sprech ich nicht mit lästernden Worten

    Hier in Oegis Halle;

    Den Bragi sänft ich, den bierberauschten,

    Daß er im Zorn den Zweikampf meide.


    Gefion.

    Ihr Asen beide, was ists, daß ihr euch

    Mit scharfen Worten streitet?

    Loptr träumt sich nicht, daß er betrogen ist,

    Ihn hier die Himmlischen haßen.


    Loki.

    Schweig du, Gefion! sonst vergeß ichs nicht

    Wie dich zur Lust verlockte

    Jener weiße Knabe, der dir das Kleinod gab,

    Als du den Schenkel um ihn schlangst.


    Odhin.

    Irr bist du, Loki, und aberwitzig,

    Wenn du Gefion gram dir machst:

    Aller Lebenden Looße weiß sie

    Ebenwohl als ich.


    Loki.

    Schweig nur, Odhin, ungerecht zwischen

    Den Sterblichen theilst du den Streit:

    Oftmals gabst du, dem du nicht geben solltest,

    Dem schlechtern Manne den Sieg.


    Odhin.

    Weist du, daß ich gab, dem ich nicht geben sollte,

    Dem schlechtern Manne den Sieg,

    Unter der Erde acht Winter warst du

    Milchende Kuh und Mutter

    [Denn du gebarest da:

    Das dünkt mich eines Argen Art].


    Loki.

    Du schlichest, sagt man, in Samsö umher

    Von Haus zu Haus als Wala.

    Vermummter Zauberer trogst du das Menschenvolk:

    Das dünkt mich eines Argen Art.


    Frigg.

    Euer Geschicke solltet ihr nie

    Erwähnen vor der Welt,

    Was ihr Asen beide in Urzeiten triebet:

    Die frühsten Thaten bergt dem Volk.


    Loki.

    Schweig du, Frigg! Fiörgyns Tochter bist du

    Und den Männern allzumild,

    Die Wili und We als Widrirs Gemahlin

    Beide bargst in deinem Schooß.


    Frigg.

    Wiße, hätt ich hier in den Hallen Oegirs

    Einen Sohn wie Baldur schnell,

    Nicht kämst du hinaus von den Asensöhnen,

    Du hättest schon zu fechten gefunden.


    Loki.

    Und willst du, Frigg, daß ich ferner gedenke

    Meiner Meinthaten,

    So bin ich Schuld, daß du nicht mehr schauen wirst

    Baldur reiten zum Rath der Götter.


    Freyja.

    Irr bist du, Loki, daß du selber anführst

    Die schnöden Schandthaten.

    Wohl weiß Frigg Alles was sich begiebt,

    Ob sie schon es nicht sagt.


    Loki.

    Schweig du, Freyja, dich vollends kenn ich:

    Keines Makels mangelst du;

    Der Asen und Alfen, die hier inne sind,

    Bist du Jedes Buhlerin.


    Freyja.

    Deine Zunge frevelt; doch fürcht ich, daß sie dir

    Wenig Gutes gellt.

    Abhold sind dir die Asen und die Asinnen,

    Unfröhlich fährst du nach Haus.


    Loki.

    Schweig du, Freyja, Gift führst du mit dir,

    Bist alles Unheils voll.

    Vor den Göttern umarmtest du den eigenen Bruder:

    So böser Wind entfuhr dir, Freyja!

    Niördr.

    Die Schöngeschmückten, das schadet nicht,

    Wählen Männer wie sie mögen;

    Des Verworfnen Weilen bei den Asen wundert nur,

    Der Kinder konnte gebären.


    Loki.

    Schweig du, Niördr, von Osten gesendet

    Als Geisel bist du den Göttern.

    Hymirs Töchter nahmen dich da zum Nachtgeschirre

    Und machten dir in den Mund.


    Niördr.

    Des Schadens tröstet mich, seit ich gesendet ward

    Fernher als Geisel den Göttern,

    Daß mir erwuchs der Sohn, wider den Niemand ist,

    Der für den Ersten der Asen gilt.


    Loki.

    Laß endlich, Niördr, den Uebermuth,

    Ich hab es länger nicht Hehl:

    Mit der eignen Schwester den Sohn erzeugtest du,

    Der eben so arg ist wie du.


    Tyr.

    Freyr ist der beste von allen, die Bifröst

    Trägt zu der hohen Halle:

    Keine Maid betrübt er, Keines Mannes Weib,

    Einen Jeden nimmt er aus Nöthen.


    Loki.

    Schweig du, Tyr! du taugst zum Kampfe nicht

    Zu gleicher Zeit mit Zweien.

    Deine rechte Hand ist dir geraubt,

    Fenrir fraß sie, der Wolf.


    Tyr.

    Der Hand muß ich darben; so darbst du Fenrirs.

    Eins ist schlimm wie das andre;

    Auch der Wolf ist freudenlos: gefeßelt erwartet er

    Der Asen Untergang.


    Loki.

    Schweig du, Tyr! deinem Weibe geschahs,

    Daß sie von mir ein Kind bekam.

    Nicht Pfenningsbuße empfingst du für die Schmach:

    Habe dir das, du Hanrei!


    Freyr.

    Gefeßelt liegt Fenrir vor des Flußes Ursprung

    Bis die Götter vergehen.

    So soll auch dir geschehn, wenn du nicht schweigen wirst

    Endlich, Unheilschmied.


    Loki.

    Mit Gold erkauftest du Gymirs Tochter

    Und gabst dem Skirnir dein Schwert.

    Wenn aber Muspels Söhne durch Myrkwidr reiten,

    Womit willst du streiten, Unselger?


    Beyggwir.

    Wär ich so edeln Stamms als Yngwi-Freyr,

    Und hätte so erhabnen Sitz,

    Morscher als Mark malmt' ich dich, freche Krähe,

    Und lähmte dir alle Gelenke.


    Loki.

    Was ist Winziges dort, das ich wedeln sehe

    Nach Speise schnappend?

    Dem Freyr in die Ohren bläst es immerdar,

    Und müht sich mit Mägdearbeit.


    Beyggwir.

    Beyggwir bin ich, bieder rühmen mich

    Die Asen all und Menschen.

    Behende helf ich hier, daß Hropts Freunde trinken

    Ael in Oegis Halle.


    Loki.

    Schweig du, Beyggwir, übel verstehst du

    Der Männer Mal zu ordnen.

    Unterm Bettstroh verbargst du dich feige,

    Wenn es zum Kampfe kam.


    Heimdal.

    Trunken bist du, Loki! vertrankst den Verstand:

    Laß endlich ab, Loki,

    Denn im Rausche reden die Leute viel

    Und wißen nicht was.


    Loki.

    Schweig du, Heimdal! In der Schöpfung Beginn

    Ward dir ein leidig Looß.

    Mit feuchtem Rücken fängst du den Thau auf

    Und wachst der Götter Wärter!


    Skadi.

    Lustig bist du, Loki; doch lange magst du nicht

    Spielen mit losem Schweif,

    Da auf die scharfe Kante des kalten Vetters bald

    Mit Därmen dich die Götter binden.


    Loki.

    Wenn auf die scharfe Kante des reifkalten Vetters

    Sie mich mit Därmen binden bald,

    So war ich der erste und auch der eifrigste,

    Als es Thiassi zu tödten galt.


    Skadi.

    Warst du der erste und auch der eifrigste,

    Als es Thiassi zu tödten galt,

    So soll aus meinem Hof und Heiligtum

    Immer kalter Rath dir kommen.


    Loki.

    Gelinder sprachst du zu Laufeyjas Sohn,

    Als du mich auf dein Lager ludst.

    Dessen gedenk ich nun, da es genauer gilt

    Unsre Meinthaten zu melden.


    Da trat Sif vor und schenkte dem Loki Meth in den Eiskelch und sprach:


    Heil dir nun, Loki, den Eiskelch lang ich dir

    Firnen Methes voll,

    Daß du mich eine doch von den Asenkindern

    Ungelästert laßest.


    Jener nahm den Kelch, trank und sprach:


    Du einzig bliebst verschont, wärest du immer keusch

    Und dem Gatten ergeben gewesen.

    Einen weiß ich und weiß ihn gewiss,

    Der auch den Hlorridi zum Hanrei machte.

    [Und das war der listige Loki.]


    Beyla.

    Alle Felsen beben, von der Bergfahrt kehrt

    Hlorridi heim.

    Zum Schweigen bringt er den, der hier mit Schmach belädt

    Die Götter all und Gäste.


    Loki.

    Schweig du, Beyla! du bist Beyggwirs Weib

    Und aller Unthat voll.

    Kein ärger Ungeheuer ist unter den Asenkindern,

    Ganz bist du mit Schmutz besudelt.


    Da kam Thôr an und sprach:


    Schweig, unreiner Wicht, sonst soll mein Hammer

    Miölnir den Mund dir schließen.

    Vom Halse hau ich dir die Schulterhügel,

    Daß dich das Leben läßt.


    Loki.

    Der Erde Sohn ist eingetreten:

    Nun kannst du knirschen, Thôr;

    Doch wenig wagst du, wenn du den Wolf bestehen sollst,

    Der den Siegvater schlingt.


    Thôr.

    Schweig, unreiner Wicht, sonst soll mein Hammer

    Miölnir den Mund dir schließen.

    Oder auf gen Osten werf ich dich,

    Daß kein Mann dich mehr erschaut.


    Loki.

    Deine Ostfahrten würden unbesprochen

    Allzeit beßer bleiben,

    Seit im Däumling du, Kämpe, des Handschuhs kauertest

    Und selbst nicht meintest Thôr zu sein.


    Thôr.

    Schweig, unreiner Wicht, sonst soll mein Hammer

    Miölnir den Mund dir schließen.

    Mit Hrungnis Tödter trifft diese Hand dich

    Und bricht dir alle Gebeine.


    Loki.

    Noch lange Jahre zu leben denk ich

    Trotz deiner Hammerhiebe.

    Hart schienen dir Skrymis Knoten;

    Du mustest der Malzeit darben

    Ob du vor Heißhunger vergingst.


    Thôr.

    Schweig, unreiner Wicht, sonst soll mein Hammer

    Miölnir den Mund dir schließen.

    Hrungnis Tödter schickt dich zu Hel hinab

    Hinter der Todten Gitterthor.


    Loki.

    Ich sang vor Asen, sang vor Asensöhnen

    Was ich auf dem Herzen hatte.

    Nun wend ich mich weg: dir weich ich allein,

    Denn ich zweifle nicht, daß du zuschlägst.


    Ein Mal gabst du, Oegir; nicht mehr hinfort

    Wirst du die Götter bewirthen.

    All dein Eigentum, das hier innen ist,

    Frißt die Flamme

    Und raschelt dir über den Rücken.


    Darauf nahm Loki die Gestalt eines Lachses an und entsprang in den Waßerfall Franangr. Da fingen ihn die Asen und banden ihn mit den Gedärmen seines Sohnes Nari. Sein anderer Sohn Narfi aber ward in einen Wolf verwandelt. Skadi nahm eine Giftschlange und hing sie auf über Lokis Antlitz. Der Schlange entträufelte Gift. Sigyn, Lokis Weib, setzte sich neben ihn und hielt eine Schale unter die Gifttropfen. Wenn aber die Schale voll war, trug sie das Gift hinweg: unterdessen träufelte das Gift in Lokis Angesicht, wobei er sich so stark wand, daß die ganze Erde zitterte. Das wird nun Erdbeben genannt.



    „Ich bin so etwas wie ein Antikörper der New-Age-Bewegung. Meine Funktion besteht darin, auf die Möglichkeit aufmerksam zu machen, hey, weißt du, einiges von all dem Kram könnte auch riesengroßer Quatsch sein!“


    Ceterum censeo progeniem hominum esse deminuendam.

  • 10. Thrymskvidha oder Hamarsheimt.

    Thryms-Sage oder des Hammers Heimholung.

    Wild ward Wing-Thôr als er erwachte

    Und seinen Hammer vorhanden nicht sah.

    Er schüttelte den Bart, er schlug das Haupt,

    Allwärts suchte der Erde Sohn.


    Und es war sein Wort, welches er sprach zuerst:

    »Höre nun, Loki, und lausche der Rede:

    Was noch auf Erden Niemand ahnt,

    Noch hoch im Himmel: mein Hammer ist geraubt.«


    Sie gingen zum herlichen Hause der Freyja,

    Und es war sein Wort, welches er sprach zuerst:

    »Willst du mir, Freyja, dein Federhemd leihen,

    Ob meinen Miölnir ich finden möge?«


    Freyja.

    Ich wollt es dir geben und wär es von Gold,

    Du solltest es haben und wär es von Silber. –


    Flog da Loki, das Federhemd rauschte,

    Bis er hinter sich hatte der Asen Gehege

    Und jetzt erreichte der Joten Reich.


    Auf dem Hügel saß Thrym, der Thursenfürst,

    Schmückte die Hunde mit goldnem Halsband

    Und strälte den Mähren die Mähnen zurecht.


    Thrym.

    Wie stehts mit den Asen? wie stehts mit den Alfen?

    Was reisest du einsam gen Riesenheim?


    Loki.

    Schlecht stehts mit den Asen, mit den Alfen schlecht;

    Hältst du Hlorridis Hammer verborgen?


    Thrym.

    Ich halte Hlorridis Hammer verborgen

    Acht Rasten unter der Erde tief,

    Und wieder erwerben fürwahr soll ihn Keiner,

    Er brächte denn Freyja zur Braut mir daher.


    Flog da Loki, das Federhemd rauschte,

    Bis er hinter sich hatte der Riesen Gehege

    Und endlich erreichte der Asen Reich.

    Da traf er den Thôr vor der Thüre der Halle,

    Und es war sein Wort, welches er sprach zuerst:


    Hast du den Auftrag vollbracht und die Arbeit?

    Laß hier von der Höhe mich hören die Kunde.

    Dem Sitzenden manchmal mangeln Gedanken,

    Da leicht im Liegen die List sich ersinnt.


    Loki.

    Ich habe den Auftrag vollbracht und die Arbeit:

    Thrym hat den Hammer, der Thursenfürst;

    Und wieder erwerben fürwahr soll ihn Keiner,

    Er brächte denn Freyja zur Braut ihm daher. –


    Sie gingen Freyja, die schöne zu finden,

    Und es war Thôrs Wort, welches er sprach zuerst:

    Lege, Freyja, dir an das bräutliche Linnen;

    Wir beide wir reisen gen Riesenheim.


    Wild ward Freyja, sie fauchte vor Wuth,

    Die ganze Halle der Götter erbebte;

    Der schimmernde Halsschmuck schoß ihr zur Erde:

    »Mich mannstoll meinen möchtest du wohl,

    Reisten wir beide gen Riesenheim.«


    Bald eilten die Asen all zur Versammlung

    Und die Asinnen all zu der Sprache:

    Darüber beriethen die himmlischen Richter,

    Wie sie dem Hlorridi den Hammer lösten.


    Da hub Heimdall an, der hellste der Asen,

    Der weise war den Wanen gleich:

    »Das bräutliche Linnen legen dem Thôr wir an,

    Ihn schmücke das schöne, schimmernde Halsband.


    Auch laß er erklingen Geklirr der Schlüßel

    Und weiblich Gewand umwalle seine Knie;

    Es blinke die Brust ihm von blitzenden Steinen,

    Und hoch umhülle der Schleier sein Haupt.«


    Da sprach Thôr also, der gestrenge Gott:

    »Mich würden die Asen weibisch schelten,

    Legt' ich das bräutliche Linnen mir an.«


    Anhub da Loki, Laufeyjas Sohn:

    »Schweig nur, Thôr, mit solchen Worten.

    Bald werden die Riesen Asgard bewohnen,

    Holst du den Hammer nicht wieder heim.«


    Das bräutliche Linnen legten dem Thôr sie an,

    Dazu den schönen, schimmernden Halsschmuck.

    Auch ließ er erklingen Geklirr der Schlüßel,

    Und weiblich Gewand umwallte sein Knie;

    Es blinkte die Brust ihm von blitzenden Steinen,

    Und hoch umhüllte der Schleier sein Haupt.


    Da sprach Loki, Laufeyjas Sohn:

    »Nun muß ich mit dir als deine Magd:

    Wir beide wir reisen gen Riesenheim.«


    Bald wurden die Böcke vom Berge getrieben

    Und vor den gewölbten Wagen geschirrt.

    Felsen brachen, Funken stoben,

    Da Odhins Sohn reiste gen Riesenheim.


    Anhob da Thrym, der Thursenfürst:

    »Auf steht, ihr Riesen, bestreut die Bänke,

    Und bringet Freyja zur Braut mir daher,

    Die Tochter Niörds aus Noatun.


    Heimkehren mit goldnen Hörnern die Kühe,

    Rabenschwarze Rinder, dem Riesen zur Lust.

    Viel schau ich der Schätze, des Schmuckes viel:

    Fehlte nur Freyja zur Frau mir noch.«


    Früh fanden Gäste zur Feier sich ein,

    Man reichte reichlich den Riesen das Ael.

    Thôr aß einen Ochsen, acht Lachse dazu,

    Alles süße Geschleck, den Frauen bestimmt,

    Und drei Kufen Meth trank Sifs Gemahl.


    Anhob da Thrym, der Thursenfürst:

    »Wer sah je Bräute gieriger schlingen? –

    Nie sah ich Bräute so gierig schlingen,

    Nie mehr des Meths ein Mädchen trinken.«


    Da saß zur Seite die schmucke Magd,

    Bereit dem Riesen Rede zu stehn:

    »Nichts genoß Freyja acht Nächte lang,

    So sehr nach Riesenheim sehnte sie sich.«


    Kusslüstern lüftete das Linnen der Riese;

    Doch weit wie der Saal schreckt' er zurück:

    »Wie furchtbar flammen der Freyja die Augen!

    Mich dünkt es brenne ihr Blick wie Glut.«


    Da saß zur Seite die schmucke Magd,

    Bereit dem Riesen Rede zu stehn:

    »Acht Nächte nicht genoß sie des Schlafes,

    So sehr nach Riesenheim sehnte sie sich.«


    Ein trat die traurige Schwester Thryms,

    Die sich ein Brautgeschenk zu erbitten wagte.

    »Reiche die rothen Ringe mir dar

    Eh dich verlangt nach meiner Liebe,

    Nach meiner Liebe und lautern Gunst.«


    Da hob Thrym an, der Thursenfürst:

    »Bringt mir den Hammer, die Braut zu weihen,

    Legt den Miölnir der Maid in den Schooß

    Und gebt uns zusammen nach ehlicher Sitte.«


    Da lachte dem Hlorridi das Herz im Leibe,

    Als der hartgeherzte den Hammer erkannte.

    Thrym traf er zuerst, den Thursenfürsten,

    Und zerschmetterte ganz der Riesen Geschlecht.


    Er schlug auch die alte Schwester des Joten,

    Die sich das Brautgeschenk zu erbitten gewagt.

    Ihr schollen Schläge an der Schillinge Statt

    Und Hammerhiebe erhielt sie für Ringe.

    So holte Odhins Sohn seinen Hammer wieder.



    „Ich bin so etwas wie ein Antikörper der New-Age-Bewegung. Meine Funktion besteht darin, auf die Möglichkeit aufmerksam zu machen, hey, weißt du, einiges von all dem Kram könnte auch riesengroßer Quatsch sein!“


    Ceterum censeo progeniem hominum esse deminuendam.

  • 11. Alvîssmâl.
    Das Lied von Alwis.

    Alwis.

    Gedeckt sind die Bänke: so sei die Braut nun

    Mit mir zu reisen bereit.

    Für allzuhastig hält man mich wohl;

    Doch daheim wer raubt uns die Ruhe?


    Thôr.

    Wer bist du, Bursch? wie so bleich um die Nase?

    Hast du bei Leichen gelegen?

    Vom Thursen ahn ich etwas in dir:

    Bist solcher Braut nicht geboren.


    Alwis.

    Alwis heiß ich, unter der Erde

    Steht mein Haus im Gestein.

    Warnen will ich den Wagenlenker:

    Breche Niemand festen Bund.


    Thôr.

    Ich will ihn brechen: die Braut hat der Vater

    Allein zu gewähren Gewalt.

    Ich war nicht daheim, da sie dir verheißen ward;

    Kein anderer giebt sie der Götter.


    Alwis.

    Wer ist der Recke, der sich rühmt zu schalten

    Ueber die blühende Braut?

    Als Landstreicher lästert dich Niemand:

    Wer hat dich mit Ringen berathen?


    Thôr.

    Wingthôr heiß ich, der weitgewanderte,

    Sidgranis Sohn.

    Wider meinen Willen erwirbst du das Mädchen nicht

    Noch das Jawort je.


    Alwis.

    So wünsch ich denn deine Bewilligung

    Und das Jawort zu gewinnen.

    Beßer zu haben als zu entbehren

    Ist mir das mehlweiße Mädchen.


    Thôr.

    Des Mädchens Minne mag ich dir,

    Weiser Gast, nicht weigern,

    Kannst du aus allen Welten mir kund thun

    Was ich zu wißen wünsche.


    Alwis.

    Versuch es, Wingthôr, da du gesonnen bist

    An des Zwerges Wißen zu zweifeln.

    Alle neun Himmel hab ich durchmeßen

    Und weiß von allen Wesen.


    Thôr.

    So sage mir, Alwis, da alle Wesen,

    Kluger Zwerg, du erkennst,

    Wie heißt die Erde, die allernährende,

    In den Welten allen?


    Alwis.

    Erde den Menschen, den Asen Feld,

    Die Wanen nennen sie Weg,

    Allgrün die Joten, die Alfen Wachstum,

    Lehm heißen sie höhere Mächte.


    Thôr.

    Sage mir, Alwis, da alle Wesen,

    Kluger Zwerg, du erkennst,

    Wie heißt der Himmel, der hoch sich wölbt,

    In den Welten allen?


    Alwis.

    Himmel den Menschen, den Himmlischen Dach,

    Windweber den Wanen,

    Riesen Ueberwelt, Elfen Glanzhelm,

    Zwergen Träufelthor.


    Thôr.

    Sage mir, Alwis, da alle Wesen,

    Kluger Zwerg, du erkennst,

    Wie heißt der Mond, den die Menschen schaun,

    In den Welten allen?


    Alwis.

    Mond sagen Sterbliche, Scheibe Götter,

    Bei Hel sagt man rollendes Rad,

    Sputer bei Riesen, Schein bei Zwergen,

    Jahrzähler aber bei Alfen.


    Thôr.

    Sage mir, Alwis, da alle Wesen,

    Kluger Zwerg, du erkennst,

    Wie heißt die Sonne, die den Geschlechtern leuchtet,

    In den Welten allen?


    Alwis.

    Sonne sagen Menschen, Gestirn die Seligen,

    Zwerge Zwergs Ueberlisterin,

    Lichtauge Joten, Alfen Glanzkreiß,

    Allklar der Asen Freunde.


    Thôr.

    Sage mir, Alwis, da alle Wesen,

    Kluger Zwerg, du erkennst,

    „Ich bin so etwas wie ein Antikörper der New-Age-Bewegung. Meine Funktion besteht darin, auf die Möglichkeit aufmerksam zu machen, hey, weißt du, einiges von all dem Kram könnte auch riesengroßer Quatsch sein!“


    Ceterum censeo progeniem hominum esse deminuendam.

  • Wie heißt die Nacht, die Nörwis Tochter ist,

    In den Welten allen?


    Alwis.

    Nacht bei den Menschen, Nebel den Göttern,

    Hülle höhern Wesen,

    Riesen Ohnelicht, Alfen Schlummerlust,

    Traumgenuß nennen sie Zwerge.


    Thôr.

    Sage mir, Alwis, da alle Wesen,

    Kluger Zwerg, du erkennst,

    Wie heißt die Saat, die da gesät wird,

    In den Welten allen?


    Alwis.

    Bei Menschen Saat, Samen bei Göttern,

    Gewächs bei den Wanen,

    Bei Riesen Atzung, bei Alfen Stoff,

    Bei Hel heißt sie wallende See.


    Thôr.

    Sage mir, Alwis, da alle Wesen,

    Kluger Zwerg, du erkennst,

    Wie heißt das Ael, das Alle trinken,

    In den Welten allen?


    Alwis.

    Bei Menschen Ael, bei Asen Bier

    Wanen sagen Saft,

    Bei Hel heißt es Meth, bei Riesen helle Flut,

    Geschlürf bei Suttungs Söhnen.


    Thôr.

    Aus Einer Brust alter Kunden

    Vernahm ich nie so viel.

    Mit schlauen Lüsten verlorst du die Wette,

    Der Tag verzaubert dich, Zwerg:

    Die Sonne scheint in den Saal.

    „Ich bin so etwas wie ein Antikörper der New-Age-Bewegung. Meine Funktion besteht darin, auf die Möglichkeit aufmerksam zu machen, hey, weißt du, einiges von all dem Kram könnte auch riesengroßer Quatsch sein!“


    Ceterum censeo progeniem hominum esse deminuendam.

  • 12. Skîrnisför.


    Skirnirs Fahrt.

    Freyr, der Sohn Niörds, hatte sich einst auf Hlidskialf gesetzt und überschaute die Welten alle. Da sah er nach Jötunheim und sah eine schöne Jungfrau aus ihres Vaters Haus in ihre Frauenkammer gehen. Daraus erwuchs ihm große Gemüthskrankheit. Skirnir hieß Freys Diener. Niördr bat ihn, Freyr zum Reden zu bringen. Da sprach:


    Skadi.

    Steh nun auf, Skirnir, ob du unsern Sohn

    Magst zu reden vermögen

    Und das zu erkunden, wem der kluge wohl

    So bitterböse sei.


    Skirnir.

    Uebler Antwort verseh ich mich von euerm Sohne,

    Wenn ich die Red an ihn richte

    Um das zu erkunden, wem der kluge wohl

    So bitterböse sei.


    Sage mir, Freyr, volkwaltender Gott,

    Was ich zu wißen wünsche:

    Was weilst du allein im weiten Saal,

    Herr, den heilen Tag?


    Freyr.

    Wie soll ich sagen dir jungem Gesellen

    Der Seele großen Gram?

    Die Alfenbestralerin leuchtet alle Tage,

    Doch nicht zu meiner Liebeslust.


    Skirnir.

    Dein Gram mag so groß nicht sein,

    Daß du ihn mir nicht sagen solltest.

    Theilten wir doch die Tage der Jugend:

    So mögen wir Zwei uns Zutraun schenken.


    Freyr.

    In Gymirs Gärten sah ich gehen

    Mir liebe Maid.

    Ihre Arme leuchteten und Luft und Meer

    Schimmerten von dem Scheine.


    Mehr lieb ich die Maid als ein Jüngling mag

    Im Lenz seines Lebens.

    Von Asen und Alfen will es nicht Einer,

    Daß wir beisammen seien.


    Skirnir.

    Gieb mir dein rasches Ross, das mich sicher

    Durch die flackernde Flamme führt;

    Gieb mir das Schwert, das von selbst sich schwingt

    Gegen der Reifriesen Brut.


    Freyr.

    Nimm denn mein rasches Ross, das dich sicher

    Durch die flackernde Flamme führt;

    Nimm mein Schwert, das von selbst sich schwingt

    In des Beherzten Hand.


    Skirnir sprach zu dem Rosse:

    Dunkel ists draußen: wohl dünkt es mich Zeit

    Ueber feuchte Berge zu fahren.

    Wir beide vollführens, fängt uns nicht beide

    Jener kraftreiche Riese.


    Skirnir fuhr gen Jötunheim zu Gymirs Wohnung. Da waren wüthige Hunde an die Thüre des hölzernen Zaunes gebunden, der Gerdas Saal umschloß. Er ritt dahin, wo der Viehhirt am Hügel saß und sprach zu ihm:


    Sage mir, Hirt, der am Hügel sitzt

    Und die Wege bewacht,

    Wie mag ich schauen die schöne Maid

    Vor Gymirs Grauhunden?


    Der Hirt.

    Bist du dem Tode nah oder todt bereits

    (Mann auf der Mähre Rücken?),

    Zu sprechen ungegönnt bleibt dir immerdar

    Mit Gymirs göttlicher Tochter.


    Skirnir.

    Kühnheit steht beßer als Klagen ihm an,

    Der da fertig ist zur Fahrt.

    Bis auf Einen Tag ist mein Alter bestimmt

    Und meines Lebens Länge.


    Gerda.

    Welch Getöse ertönen hör ich

    Hier in unsern Hallen?

    Die Erde bebt davon und alle Wohnungen

    In Gymirsgard erzittern.


    Die Magd.

    Ein Mann ist hier außen von der Mähre gestiegen

    Und läßt sie im Grase grasen.


    Gerda.

    Bitt ihn einzutreten in unsern Saal

    Und den milden Meth zu trinken,

    Obwohl mir ahnt, daß hier außen sei

    Meines Bruders Mörder.


    Wer ist es der Alfen oder Asensöhne,

    Oder weisen Wanen?

    Durch flackernde Flamme was fuhrst du allein

    Unsre Säle zu schauen?


    Skirnir.

    Bin nicht von den Alfen noch den Asensöhnen,

    Noch den weisen Wanen;

    Durch flackernde Flamme doch fuhr ich allein

    Eure Säle zu schauen.


    Der Aepfel eilf hab ich allgolden,

    Die will ich, Gerda, dir geben,

    Deine Liebe zu kaufen, daß du Freyr bekennst,

    Daß dir kein liebrer lebe.


    Gerda.

    Der Aepfel eilf nehm ich nicht an

    Um eines Mannes Minne,

    Noch mag ich und Freyr, dieweil wir athmen beide,

    Je zusammen sein.


    Skirnir.

    Den Ring geb ich dir, der in der Glut lag

    Mit Odhins jungem Erben.

    Acht entträufeln ihm ebenschwere

    In jeder neunten Nacht.


    Gerda.

    Den Ring verlang ich nicht, der in der Lohe lag

    Mit Odhins jungem Erben.

    In Gymisgard bedarf ich Goldes nicht:

    Mir schont der Vater die Schätze.


    Skirnir.

    Siehst du, Mädchen, das Schwert, das scharfe, zaubernde,

    Das ich halt in der Hand?

    Das Haupt hau ich vom Hals dir ab,

    So du dich ihm weigern willst.


    Gerda.

    Zu keiner Zeit werd ich Zwang erdulden

    Um Mannesminne.

    Wohl aber wähn ich, gewahrt dich Gymir,

    Daß ihr Kühnen zum Kampfe kommt.


    Skirnir.

    Siehst du, Mädchen, das Schwert, das scharfe, zaubernde,

    Das ich halt in der Hand?

    Seine Schneide erschlägt den alten Riesen,

    Fällt deinen Vater todt.


    Mit der Zauberruthe zwingen werd ich dich,

    Maid, zu meinem Willen.

    Dahin wirst du kommen, wo Kinder der Menschen

    Dich nicht mehr sollen sehen.


    Auf des Aaren Felsen in der Frühe sollst du sitzen,

    Weg von der Welt gewandt zu Hel.

    Speise sei dir widriger als Wem auf Erden

    Der menschenleide Midgardswurm.


    Ein scheusliches Wunder wirst du draußen,

    Daß Hrimnir dich angafft, dich Alles anstarrt.

    Weitkunder wirst du als der Wächter der Götter:

    Gaffe denn hervor am Gitter.


    Einsamkeit und Abscheu, Zwang und Ungeduld

    Mehren dir Trübsinn und Thränen.

    Sitze nieder, so sag ich dir

    Des Leides schwellenden Strom,

    Den zweischneidigen Schmerz.


    Riegel sollen dich ängsten all den Tag

    Hier im Gehege der Joten.

    Vor der Hrimthursen Hallen sollst du den heilen Tag

    Dich krümmen kostberaubt,

    Dich krümmen kostverzweifelt.

    Leid für Lust wird dir zum Lohn,

    Mit Thränen trägst du dein Unglück.


    Mit dreiköpfigem Thursen theilst du das Leben

    Oder alterst unvermählt.

    Sehnsucht scheucht dich

    Von Morgen zu Morgen;

    Wie die Distel dorrst du, die sich gedrängt hat

    In des Ofens Oeffnung.


    Zum Hügel ging ich, ins tiefe Holz,

    Zauberruthen zu finden:

    Zauberruthen fand ich.


    Gram ist dir Odhin, gram ist dir der Asenfürst,

    Freyr verflucht dich.

    Flieh, üble Maid, bevor dich vernichtet

    Der Götter Zauberzorn.


    Hört es, Joten, hört es, Hrimthursen,

    Suttungs Söhne, ihr Asen selber!

    Wie ich verbiete, wie ich banne

    Mannes Gesellschaft der Maid,

    Mannes Gemeinschaft.


    Hrimgrimnir heißt der Riese, der dich haben soll

    Hinterm Todtenthor,

    Wo verworfene Knechte in knotige Wurzeln

    Dir Geißenharn gießen.

    Anderer Trank wird dir nicht eingeschenkt,

    Maid, nach deinem Willen,

    Maid nach meinem Willen!


    Ein Thurs (Th) schneid ich dir und drei Stäbe:

    Ohnmacht, Unmuth, Ungeduld.

    So schneid ich es ab wie ich es einschnitt,

    Wenn es Noth thut so zu thun.


    Gerda.

    Heil sei dir vielmehr, Held, und nimm den Eiskelch

    Firnen Methes voll.

    Ahnte mir doch nie, daß ich einen würde

    Vom Stamm der Wanen wählen.


    Skirnir.

    Meiner Werbung Erfolg wüst ich gesichert gern

    Eh ich mich hinnen hebe.

    Wann meinst du in Minne dem mannlichen Sohn

    Des Niördr zu nahen?


    Gerda.

    Barri heißt, den wir beide wißen,

    Stiller Wege Wald:

    Nach neun Nächten will Niörds Sohne da

    Gerda Freude gönnen.


    Da ritt Skirnir heim. Freyr stand draußen, grüßte ihn und fragte nach der Zeitung:


    Sage mir, Skirnir, eh du den Sattel abwirfst

    Oder vorrückst den Fuß,

    Was du ausgerichtet hast in Riesenheim

    Nach meiner Meinung und deiner.


    Skirnir.

    Barri heißt, den wir beide wißen,

    Stiller Wege Wald:

    Nach neun Nächten will Niörds Sohne da

    Gerda Freude gönnen.


    Freyr.

    Lang ist Eine Nacht, länger sind zweie:

    Wie mag ich dreie dauern?

    Oft daucht' ein Monat mich minder lang

    Als eine halbe Nacht des Harrens.



    „Ich bin so etwas wie ein Antikörper der New-Age-Bewegung. Meine Funktion besteht darin, auf die Möglichkeit aufmerksam zu machen, hey, weißt du, einiges von all dem Kram könnte auch riesengroßer Quatsch sein!“


    Ceterum censeo progeniem hominum esse deminuendam.

  • 13. Grôgaldr.

    Groas Erweckung.

    Wache, Groa, erwache, gutes Weib,

    Ich wecke dich am Todtenthor.

    Gedenkt dir des nicht? Zu deinem Grab

    Hast du den Sohn beschieden.


    »Was bekümmert nun mein einziges Kind?

    Welch Unheil ängstet dich,

    Daß du die Mutter anrufst, die in der Erde ruht,

    Menschliche Wohnungen längst verließ?«


    Zu übelm Spiel beschiedst du mich, Arge:

    Die mein Vater umfing

    Lud an den Ort mich, den kein Lebender kennt,

    Eine Frau hier zu finden.


    »Lang ist die Wanderung, die Wege sind lang,

    Lang ist der Menschen Verlangen.

    Wenn es sich fügt, daß sich erfüllt dein Wunsch,

    So lacht dir günstiges Glück.«


    Heb ein Lied an, das heilsam ist,

    Kräftige, Mutter, dein Kind.

    Unterwegs fürcht ich den Untergang,

    Allzujung eracht ich mich.


    »So heb ich zuerst an ein heilkräftig Lied,

    Das Rinda sang der Ran:

    Hinter die Schultern wirf was du beschwerlich wähnst,

    Dir selbst vertraue selber.


    Zum Andern sing ich dir, da du irren sollst

    Auf weiten Wegen wonnelos:

    Der Urd Riegel sollen dich allseits wahren,

    Wo du Schändliches siehst.


    Zum Dritten sing ich dieß, wenn wo verderblich

    Flutende Flüße brausen,

    Der reißende, rauschende rinne dem Abgrund zu,

    Vor dir versand er und schwinde.


    Dieß sing ich zum Vierten, so Feinde dir dräuend

    Am Galgenweg begegnen,

    Ihnen mangle der Muth, die Macht sei bei dir

    Bis sie zum Frieden sich fügen.


    Dieß sing ich zum Fünften, so Feßeln sich dir

    Um die Gelenke legen,

    Lösende Glut gießt dir mein Lied um die Glieder,

    Der Haft springt von der Hand,

    Von den Füßen die Feßel.


    Dieß sing ich zum Sechsten, stürmt die See

    Wilder als Menschen wißen,

    Sturm und Flut faß in den Schlauch,

    Daß sie frohe Fahrt gewähren.


    Dieß sing ich zum Siebenten, wenn dich schaurig umweht

    Der Frost auf Felsenhöhen,

    Kein Glied verletze dir der grimme Hauch,

    Noch soll er die Sehnen dir straff ziehn.


    Dieß sing ich zum Achten, überfällt dich

    Die Nacht auf neblichem Wege,

    Nichts desto minder mag dir nicht schaden

    Ein getauftes todtes Weib.


    Zum Neunten sing ich dir, wird dir Noth mit dem Joten,

    Dem schwertgeschmückten, zu reden,

    Wortes und Witzes sei im bewusten Herzen

    Fülle dir und Ueberfluß.


    Nun fahre getrost der Gefahr entgegen,

    Dich mag kein Hinderniss hemmen.

    Ich stand auf dem Stein an der Schwelle des Grabs

    Und ließ mein Lied dir erklingen.


    Nimm mit dir, Sohn, der Mutter Worte

    Und behalte sie im Herzen:

    Heils genug hast du immer

    Dieweil mein Wort dir gedenkt.«



    „Ich bin so etwas wie ein Antikörper der New-Age-Bewegung. Meine Funktion besteht darin, auf die Möglichkeit aufmerksam zu machen, hey, weißt du, einiges von all dem Kram könnte auch riesengroßer Quatsch sein!“


    Ceterum censeo progeniem hominum esse deminuendam.

  • 14. Fiölsvinnsmâl.

    Das Lied von Fiölswidr.

    Vor der Veste sah er den Fremdling nahn,

    Den Riesensitz ersteigen.


    Wächter (Fiölswidr).

    Welch Ungethüm ists, das vor dem Eingang steht,

    Die Waberlohe umwandelnd?


    Wes verlangt dich hier, was erlauerst du?

    Was willst du, Freundloser, wißen?

    Auf feuchten Wegen hebe dich weg von hier,

    Hier ist deines Bleibens nicht, Bettler!


    Fremdling.

    Welch Ungethüm ists, das vor dem Eingang steht,

    Und weigert dem Wanderer Gastrecht?

    Gönnst du nicht Gruß und Wort, so bist du gar nichts werth:

    Hebe dich heim von hinnen.


    Fiölswidr.

    Fiölswidr heiß ich und habe klugen Sinn,

    Bin meines Mals nicht milde.

    Zu diesen Mauern magst du nicht eingehn:

    Rechtloser, hebe dich hinnen.


    Fremdling.

    Von Augenweide wendet sich ungern

    Wer Liebes sucht und Süßes.

    Die Gürtung scheint zu glühen um goldne Säle:

    Hier möcht ich Frieden finden.


    Fiölswidr.

    Welcher Eltern Kind bist du, Knabe, geboren;

    Welchem Stamm entstiegen?


    Fremdling.

    Windkaldr heiß ich, Warkaldr hieß mein Vater,

    Des Vater war Fiölkaldr.


    Sage mir, Fiölswidr, was ich dich fragen will

    Und zu wißen wünsche:

    Wer schaltet hier das Reich besitzend

    Mit Gut und milder Gabe?


    Fiölswidr.

    Menglada heißt sie, die Mutter zeugte sie

    Mit Swafr, Thorins Sohne.

    Die schaltet hier das Reich besitzend

    Mit Gut und milder Gabe.


    Windkaldr.

    Sage mir, Fiölswidr, was ich dich fragen will

    Und zu wißen wünsche:

    Wie heißt das Gitter? nie sahn bei den Göttern

    So üble List die Leute.


    Fiölswidr.

    Thrymgialla (Donnerschall) heißt es, das haben drei

    Söhne Solblindis gemacht.

    Die Feßel faßt jeden Fahrenden,

    Der es hinweg will heben.


    Windkaldr.

    Sage mir, Fiölswidr, was ich dich fragen will

    Und zu wißen wünsche:

    Wie heißt die Gürtung? nie sahn bei den Göttern

    So üble List die Leute.


    Fiölswidr.

    Gastropnir heißt sie, ich habe sie selber

    Aus des Lehmriesen Gliedern erbaut

    Und so stark gestützt, daß sie stehen wird

    So lange Leute leben.


    Windkaldr.

    Sage mir, Fiölswidr, was ich dich fragen will

    Und zu wißen wünsche:

    Wie heißen die Hunde? ich hatte so grimmige

    Lange nicht im Land gesehen.


    Fiölswidr.

    Gifr heißt einer und Geri der andre,

    Weil dus zu wißen wünschest.

    Eilf Wachten müßen sie wachen

    Bis die Götter vergehen.


    Windkaldr.

    Sage mir, Fiölswidr, was ich dich fragen will

    Und zu wißen wünsche:

    Ob Einer der Menschen eingehn möge

    Dieweil die schnaufenden schlafen.


    Fiölswidr.

    Abwechselnd zu schlafen war ihnen auferlegt

    Seit sie hier Wächter wurden:

    Einer schläft Tags, der Andre Nachts,

    Und so mag Niemand hinein.


    Windkaldr.

    Sage mir, Fiölswidr, was ich dich fragen will

    Und zu wißen wünsche:

    Giebt es keine Kost, sie kirre zu machen

    Und einzugehn weil sie eßen?


    Fiölswidr.

    Zwei Flügel siehst du an Windofnirs Seiten,

    Weil dus zu wißen wünschest.

    Das ist die Kost, sie kirre zu machen

    Und einzugehn weil sie eßen.


    Windkaldr.

    Sage mir, Fiölswidr, was ich dich fragen will

    Und zu wißen wünsche:

    Wie heißt der Baum, der die Zweige breitet

    Ueber alle Lande?


    Fiölswidr.

    Mimameidr heißt er, Menschen wißen selten

    Aus welcher Wurzel er wächst.

    Niemand erfährt auch wie er zu fällen ist,

    Da Schwert noch Feur ihm schadet.


    Windkaldr.

    Sage mir, Fiölswidr, was ich dich fragen will

    Und zu wißen wünsche:

    Welchen Nutzen bringt der weltkunde Baum,

    Da Feur noch Schwert ihm schadet?


    Fiölswidr.

    Mit seinen Früchten soll man feuern,

    Wenn Weiber nicht wollen gebären.

    Aus ihnen geht dann was innen bliebe:

    So wird er der Leute Lebensbaum.


    Windkaldr.

    Sage mir, Fiölswidr, was ich dich fragen will

    Und zu wißen wünsche:

    Wie heißt der Hahn auf dem hohen Baum,

    Der ganz von Golde glänzt?


    Fiölswidr.

    Widofnir heißt er, der im Winde leuchtet

    Auf Mimameidis Zweigen.

    Beschwerden schafft er, und schwerlich raubt

    Den Schwarzen Wer sich zur Speise.


    Windkaldr.

    Sage mir, Fiölswidr, was ich dich fragen will

    Und zu wißen wünsche:

    Ist keine Waffe, die Widofnir möchte

    Zu Hels Behausung senden?


    Fiölswidr.

    Häwatein heißt der Zweig, Loptr hat ihn gebrochen

    Vor dem Todtenthor.

    In eisernem Schrein birgt ihn Sinmara

    Unter neun schweren Schlößern.


    Windkaldr.

    Sage mir, Fiölswidr, was ich dich fragen will

    Und zu wißen wünsche:

    Mag lebend kehren, der nach ihm verlangt

    Und will die Ruthe rauben?


    Fiölswidr.

    Lebend mag kehren, der nach ihm verlangt

    Und will die Ruthe rauben,

    Wenn das er schenkt was Wenige besitzen,

    Der Dise des leuchtenden Lehms.


    Windkaldr.

    Sage mir, Fiölswidr, was ich dich fragen will

    Und zu wißen wünsche:

    Giebts einen Hort, den man haben mag,

    Der die fahle Vettel freut?


    Fiölswidr.

    Die blinkende Sichel birg im Gewand,

    Die in Widofnirs Schweife sitzt,

    Gieb sie Sinmara'n, so wird sie gerne

    Die blutige Ruthe dir borgen.


    Windkaldr.

    Sage mir, Fiölswidr, was ich dich fragen will

    Und zu wißen wünsche:

    Wie heißt der Saal, der umschlungen ist

    Weise mit Waberlohe?


    Fiölswidr.

    Glut wird er genannt, der weisend sich dreht

    Wie auf des Schwertes Spitze.

    Vor dem seligen Hause soll man immerdar

    Nur von Hörensagen hören.


    Windkaldr.

    Sage mir, Fiölswidr, was ich dich fragen will

    Und zu wißen wünsche:

    Wer hat gebildet was vor der Brüstung ist

    Unter den Asensöhnen?


    Fiölswidr.

    Uni und Iri, Bari und Ori,

    Warr und Wegdrasil,

    Dorri und Uri, Dellingr und Atwardr,

    Lidskialfr, Loki.


    Windkaldr.

    Sage mir, Fiölswidr, was ich dich fragen will

    Und zu wißen wünsche:

    Wie heißt der Berg, wo ich die Braut,

    Die wunderschöne, schaue?


    Fiölswidr.

    Hyfiaberg heißt er, Heilung und Trost

    Nun lange der Lahmen und Siechen.

    Gesund ward jede, wie verjährt war das Uebel,

    Die den steilen erstieg.


    Windkaldr.

    Sage mir, Fiölswidr, was ich dich fragen will

    Und zu wißen wünsche:

    Wie heißen die Mädchen, die vor Mengladas Knieen

    Einig beisammen sitzen?


    Fiölswidr.

    Hlif heißt Eine, die Andere Hlifthursa,

    Die dritte Dietwarta,

    Biört und Blid, Blidur und Frid,

    Eir und Oerboda.


    Windkaldr.

    Sage mir, Fiölswidr, was ich dich fragen will

    Und zu wißen wünsche:

    Schirmen sie Alle, die ihnen opfern,

    Wenn sie des bedürfen?


    Fiölswidr.

    Jeglichen Sommer, so ihnen geschlachtet

    Wird an geweihtem Orte,

    Welche Krankheit überkommt die Menschenkinder,

    Jeden nehmen sie aus Nöthen.


    Windkaldr.

    Sage mir, Fiölswidr, was ich dich fragen will

    Und zu wißen wünsche:

    Mag ein Mann wohl in Mengladas

    Sanften Armen schlafen?


    Fiölswidr.

    Kein Mann mag in Mengladas

    Sanften Armen schlafen,

    Swipdagr allein: die sonnenglänzende

    Ist ihm verlobt seit Langem.


    Windkaldr.

    Auf reiß die Thüre, schaff weiten Raum,

    Hier magst du Swipdagr schauen.

    Doch frage zuvor ob noch erfreut

    Mengladen meine Minne.


    Fiölswidr.

    Höre, Menglada! ein Mann ist gekommen:

    Geh und beschaue den Gast.

    Die Hunde freuen sich, das Haus erschloß sich selbst,

    Ich denke, Swipdagr sei's.


    Menglada.

    Glänzende Raben am hohen Galgen

    Hacken dir die Augen aus,

    Wenn du das lügst, daß der Verlangte endlich

    Zu meiner Halle heimkehrt.


    Von wannen kommst du? wo warst du bisher?

    Wie hieß man dich daheim?

    Nenne genau Namen und Geschlecht,

    Bin ich als Braut dir verbunden.


    Swipdagr.

    Swipdagr heiß ich, Solbiart hieß mein Vater,

    Her führten mich windkalte Wege.

    Urdas Ausspruch ändert Niemand,

    Ob er unverdient auch träfe.


    Menglada.

    Willkommen seist du, mein Wunsch erfüllt sich,

    Den Gruß begleite der Kuss.

    Unversehenes Schauen beseligt doppelt

    Wo rechte Liebe verlangt.


    Lange saß ich auf liebem Berge

    Dich erharrend Tag um Tag;

    Nun geschieht was ich hoffte, da du heimgekehrt bist,

    Süßer Freund, in meinen Saal.


    Swipdagr.

    Sehnlich Verlangen hatt ich nach deiner Liebe

    Und du nach meiner Minne.

    Nun ist gewiss, wir beide werden

    Miteinander ewig leben.



    „Ich bin so etwas wie ein Antikörper der New-Age-Bewegung. Meine Funktion besteht darin, auf die Möglichkeit aufmerksam zu machen, hey, weißt du, einiges von all dem Kram könnte auch riesengroßer Quatsch sein!“


    Ceterum censeo progeniem hominum esse deminuendam.

  • 15. Rîgsmal.


    Das Lied von Rigr.

    So wird gesagt in alten Sagen, daß Einer der Asen, der Heimdall hieß, auf seiner Fahrt zu einer Meeresküste kam. Da fand er ein Haus und nannte sich Rigr. Und nach dieser Sage wird dieß gesungen:


    Einst, sagen sie, ging auf grünen Wegen

    Der kraftvolle, edle, vielkundige As,

    Der rüstige, rasche Rigr einher.


    Weiter wandelnd des Weges inmitten

    Traf er ein Haus mit offener Thür.

    Er ging hinein, am Estrich glüht' es;

    Da saß ein Ehpaar, ein altes, am Feuer,

    Ai und Edda in übelm Gewand.


    Zu rathen wuste Rigr den alten;

    Er saß zu beiden der Bank inmitten,

    Die Eheleute zur Linken und Rechten.


    Da nahm Edda einen Laib aus der Asche,

    Schwer und klebricht, der Kleien voll.

    Mehr noch trug sie auf den Tisch alsbald:

    Schlemm in der Schüßel ward aufgesetzt,

    Und das beste Gericht war ein Kalb in der Brühe.


    Auf stand darnach des Schlafes begierig

    Rigr, der ihnen wohl rathen konnte,

    Legte zu beiden ins Bett sich mitten,

    Die Eheleute zur Linken und Rechten.


    Da blieb er drauf drei Nächte lang,

    Dann ging er und wanderte des Wegs inmitten.

    Darnach vergingen der Monden neun.


    Edda genas, genetzt ward das Kind,

    Weil schwarz von Haut geheißen Thräl.


    Es begann zu wachsen und wohl zu gedeihn.

    Rauh an den Händen war dem Rangen das Fell,

    Die Gelenke knotig (von Knorpelgeschwulst),

    Die Finger feißt, fratzig das Antlitz,

    Der Rücken krumm, vorragend die Hacken.


    In Kurzem lernt' er die Kräfte brauchen,

    Mit Bast binden und Bürden schnüren.

    Heim schleppt' er Reiser den heilen Tag.


    Da kam in den Bau die Gängelbeinige,

    Schwären am Hohlfuß, die Arme sonnverbrannt,

    Gedrückt die Nase Thyr die Dirne.


    Breit auf der Bank alsbald nahm sie Platz,

    Ihr zur Seite des Hauses Sohn.

    Redeten, raunten, ein Lager bereiteten,

    Da der Abend einbrach, der Enk und die Dirne.


    Sie lebten knapp und zeugten Kinder,

    Geheißen, hört ich, Hreimr und Fiosnir,

    Klur und Kleggi, Kefir, Fulnir,

    Drumbr, Digraldi, Dröttr und Höswir,

    Lutr und Leggialdi. Sie legten Hecken an,

    Misteten Aecker, mästeten Schweine,

    Hüteten Geißen und gruben Torf.


    Die Töchter hießen Trumba und Kumba,

    Oeckwinkalfa und Arinnefja;

    Ysja und Ambatt, Eikintiasna,

    Tötrughypia und Trönubenja.

    Von ihnen entsprang der Knechte Geschlecht.


    Weiter ging Rigr gerades Weges,

    Kam an ein Haus, halboffen die Thür.

    Er ging hinein, am Estrich glüht' es;

    Da saß ein Ehpaar geschäftig am Werk.


    Der Mann schälte die Weberstange,

    Gestrält war der Bart, die Stirne frei.

    Knapp lag das Kleid an, die Kiste stand am Boden.


    Das Weib daneben bewand den Rocken

    Und führte den Faden zu feinem Gespinst.

    Auf dem Haupt die Haube, am Hals ein Schmuck,

    Ein Tuch um den Nacken, Nesteln an der Achsel:

    Afi und Amma im eigenen Haus.


    Rigr wuste den Werthen zu rathen;

    Auf stand er vom Tische des Schlafs begierig.

    Da legt' er zu beiden ins Bette sich mitten,

    Die Eheleute zur Linken und Rechten.


    Da blieb er drauf drei Nächte lang;

    (Dann ging er und wanderte des Wegs inmitten.)

    Darnach vergingen der Monden neun.

    Amma genas, genetzt ward das Kind

    Und Karl geheißen; das hüllte das Weib.

    Roth wars und frisch mit funkelnden Augen.


    Er begann zu wachsen und wohl zu gedeihn:

    Da zähmt' er Stiere, zimmerte Pflüge,

    Schlug Häuser auf, erhöhte Scheuern,

    Führte den Pflug und fertigte Wagen.


    Da fuhr in den Hof mit Schlüßeln behängt

    Im Ziegenkleid die Verlobte Karls;

    Snör (Schnur) geheißen saß sie im Linnen.

    Sie wohnten beisammen und wechselten Ringe,

    Breiteten Betten und bauten ein Haus.


    Sie zeugten Kinder und zogen sie froh:

    Halr und Drengr, Höldr, Degn und Smidr,

    Breidrbondi, Bundinskeggi,

    Bui und Boddi, Brattskeggr und Seggr.


    Die Töchter nannten sie mit diesen Namen:

    Snot, Brudr, Swanni, Swarri, Spracki,

    Fliod, Sprund und Wif, Feima, Ristil.

    Von den Beiden entsprang der Bauern Geschlecht.


    Weiter ging Rigr gerades Weges;

    Kam er zum Saal mit südlichem Thor.

    Angelehnt wars, mit leuchtendem Ring.


    Er trat hinein, bestreut war der Estrich.

    Die Eheleute saßen und sahen sich an,

    Vater und Mutter an den Fingern spielend.


    Der Hausherr saß die Sehne zu winden,

    Den Bogen zu spannen, Pfeile zu schäften;

    Dieweil die Hausfrau die Hände besah,

    Die Falten ebnete, am Aermel zupfte.


    Im Schleier saß sie ein Geschmeid an der Brust,

    Die Schleppe wallend am blauen Gewand;

    Die Braue glänzender, die Brust weißer,

    Lichter der Nacken als leuchtender Schnee.


    Rigr wuste dem Paare zu rathen,

    Zu beiden saß er der Bank inmitten,

    Die Eheleute zur Linken und Rechten.


    Da brachte die Mutter geblümtes Gebild

    Von schimmerndem Lein, den Tisch zu spreiten.

    Linde Semmel legte sie dann

    Von weißem Weizen gewandt auf das Linnen.


    Setzte nun silberne Schüßeln auf

    Mit Speck und Wildbrät und gesottnen Vögeln;

    In kostbaren Kelchen und Kannen war Wein:

    Sie tranken und sprachen bis der Abend sank.


    Rigr stand auf, das Bett war bereit.

    Da blieb er drauf drei Nächte lang:

    Dann ging er und wanderte des Weges inmitten.

    Darnach vergingen der Monden neun.


    Die Mutter gebar und barg in Seide

    Ein Kind, das genetzt und genannt ward Jarl.

    Licht war die Locke und leuchtend die Wange,

    Die Augen scharf wie Schlangen blicken.


    Daheim erwuchs in der Halle der Jarl:

    Den Schild lernt' er schütteln, Sehnen winden,

    Bogen spannen und Pfeile schäften,

    Spieße werfen, Lanzen schießen,

    Hunde hetzen, Hengste reiten,

    Schwerter schwingen, den Sund durchschwimmen.


    Aus dem Walde kam der rasche Rigr gegangen,

    Rigr gegangen ihn Runen zu lehren,

    Nannte mit dem eignen Namen den Sohn,

    Hieß ihn zu Erb und Eigen besitzen

    Erb und Eigen und Ahnenschlößer.


    Da ritt er dannen auf dunkelm Pfade

    Durch feuchtes Gebirg bis vor die Halle.

    Da schwang er die Lanze, den Lindenschild,

    Spornte das Ross und zog das Schwert.

    Kampf ward erweckt, die Wiese geröthet,

    Der Feind gefällt, erfochten das Land.


    Nun saß er und herschte in achtzehn Höfen,

    Vertheilte die Schätze, Alle beschenkend

    Mit Schmuck und Geschmeide und schlanken Pferden.

    Er spendete Ringe, hieb Spangen entzwei.


    Da fuhren Edle auf feuchten Wegen,

    Kamen zur Halle vom Hersir bewohnt.

    Entgegen ging ihm die Gürtelschlanke,

    Adliche, artliche, Erna geheißen.


    Sie freiten und führten dem Fürsten sie heim,

    Des Jarls Verlobte ging sie im Linnen.

    Sie wohnten beisammen und waren sich hold,

    Führten fort den Stamm froh bis ins Alter.


    Bur war der älteste, Barn der andere,

    Jod und Adal, Arfi, Mögr,

    Nidr und Nidjungr; Spielen geneigt

    Sonr und Swein, sie schwammen und würfelten;

    Kundr hieß Einer, Konur der jüngste.


    Da wuchsen auf des Edeln Söhne,

    Zähmten Hengste, zierten Schilde,

    Schälten den Eschenschaft, schliffen Pfeile.


    Konur der junge kannte Runen,

    Zeitrunen und Zukunftrunen;

    Zumal vermocht er Menschen zu bergen,

    Schwerter zu stumpfen, die See zu stillen.


    Vögel verstand er, wuste Feuer zu löschen,

    Den Sinn zu beschwichtigen, Sorgen zu heilen.

    Auch hatt er zumal acht Männer Stärke.


    Er stritt mit Rigr, dem Jarl, in Runen,

    In allerlei Wißen erwarb er den Sieg.

    Da ward ihm gewährt, da war ihm gegönnt,

    Selbst Rigr zu heißen und runenkundig.


    Jung Konur ritt durch Rohr und Wald,

    Warf das Geschoß und stellte nach Vögeln.


    Da sang vom einsamen Ast die Krähe:

    »Was willst du, Fürstensohn, Vögel beizen?

    Dir ziemte beßer – –

    Hengste reiten und Heere fällen!


    Dan hat und Danpr nicht schönere Hallen,

    Erb und Eigen nicht reicher als Ihr.

    Doch können sie wohl auf Kielen reiten,

    Schwerter prüfen und Wunden hauen.«


    (Schluß scheint zu fehlen.)

    „Ich bin so etwas wie ein Antikörper der New-Age-Bewegung. Meine Funktion besteht darin, auf die Möglichkeit aufmerksam zu machen, hey, weißt du, einiges von all dem Kram könnte auch riesengroßer Quatsch sein!“


    Ceterum censeo progeniem hominum esse deminuendam.

  • 16. Hyndluliod.

    Das Hyndlalied.

    Freyja.

    Wache, Maid der Maide, meine Freundin, erwache!

    Hyndla, Schwester, Höhlenbewohnerin.

    Nacht ists und Nebel; reiten wir nun

    Wallhall zu, geweihten Stätten.


    Laden Heervatern in unsre Herzen:

    Er gönnt und giebt das Gold den Werthen.

    Er gab Hermodur Helm und Brünne,

    Ließ den Siegmund das Schwert gewinnen.


    Giebt Sieg den Söhnen, giebt Andern Sold,

    Worte Manchem und Witz den Mannen,

    Fahrwind den Schiffern, den Skalden Lieder,

    Mannheit und Muth dem heitern Mann.


    Dem Thôr werd ich opfern, werd ihn erflehen,

    Daß er günstig immerdar sich dir erweise,

    Ob freilich kein Freund der Riesenfrauen.


    Nun wähl aus dem Stall deiner Wölfe Einen,

    Und laß ihn rennen mit dem Runenhalfter.


    Hyndla.

    Dein Eber ist träg Götterwege zu treten;

    Ich will mein Ross, das rasche, nicht satteln.


    Verschmitzt bist du, Freyja, daß du mich versuchst

    Und also die Augen wendest zu uns.

    Hast du den Mann doch dahin zum Gefährten,

    Ottar den jungen, Innsteins Sohn.


    Freyja.

    Du faselst, Hyndla, träumt dir vielleicht?

    Daß du sagst, mein Geselle sei mein Mann.

    Meinem Eber glühn die goldnen Borsten,

    Dem Hildiswin, den herlich schufen

    Die beiden Zwerge Dain und Nabbi.


    Laß uns im Sattel sitzen und plaudern

    Und von den Geschlechtern der Fürsten sprechen,

    Den Stämmen der Helden, die Göttern entsprangen.

    Darüber wetteten um goldnes Erbe

    Ottar der junge und Angantyr.


    Wir helfen billig, daß dem jungen Helden

    Sein Vatergut werde nach seinen Freunden:


    Er hat mir aus Steinen ein Haus errichtet,

    Gleich dem Glase nun glänzen die Mauern,

    So oft tränkt' er sie mit Ochsenblut.

    Immer den Asinnen war Ottar hold.


    Die Reihen der Ahnen rechne nun her

    Und die entsprungnen Geschlechter der Fürsten.

    Welche sind Skiöldunge? welche sind Skilfinge?

    Welche sind Oedlinge? welche sind Ynglinge?

    Welche sind Wölfinge? welche sind Wölsunge?

    Wer stammt von Freien? wer stammt von Hersen

    Unter den Männern, die Midgard bewohnen?


    Hyndla.

    Ottar, du bist von Innstein gezeugt,

    Alf dem Alten ist Innstein entstammt.

    Alf von Ulfr, Ulfr von Säfar,

    Aber Säfar von Swan dem Rothen.


    Deines Vaters Mutter, die festlich geschmückte,

    Hle-Dis, wähn ich, hieß sie, die Priesterin.

    Ihr Vater war Frodi, Friant ihre Mutter.

    Uebermenschlich schien all dieß Geschlecht.


    Ali war der Männer mächtigster einst,

    Halfdan der alte der hehrste der Skiöldungen.

    Bekannt sind die Kämpfe, die die Kühnen fochten;

    Ihre Thaten flogen zu des Himmels Gefilden.


    Sein Schwäher Eymund half ihm, der höchste der Männer,

    Den Sygtrygg schlug er mit kaltem Schwert.

    Almweig ehlicht' er, die edle Frau;

    Almweig gebar ihm achtzehn Söhne.


    Daher die Skiöldunge, daher die Skilfinge,

    Daher die Oedlinge, daher die Ynglinge,

    Daher die Wölfinge, daher die Wölsunge,

    Daher die Freien, daher die Hersen,

    Die Blüte der Männer, die Midgard bewohnen.

    Dieß all ist dein Geschlecht, Ottar du Blöder!


    Hildigunna war der Hehren Mutter,

    Swawas Tochter und des Seekönigs.

    Dieß ist all dein Geschlecht, Ottar du Blöder!

    Dieß wiß und bewahre: willst du noch mehr?


    Dag hatte Thora, die Heldenmutter:

    Dem Stamm entstiegen der Streiter beste:

    Fradmar und Gyrdr und beide Freki,

    Am, Jösur, Mar und Alf der Alte.

    Dieß wiß und bewahre: willst du noch mehr?


    Ketil ihr Freund, der Erbe Klypis,

    War deiner Mutter Muttervater.

    Frodi ward früher als Kari,

    Aber der älteste Alf geboren.

    Die nächste war Nanna, Nöckis Tochter,

    Ihr Sohn der Vetter deines Vaters.

    Alt ist die Sippe, ich schreite weiter.

    Ich kannte beide Brodd und Hörfi:

    Dieß all ist dein Geschlecht, Ottar du Blöder!


    Isolf und Asolf, Oelmods Söhne

    Und Skurhildens, der Tochter Skeckils.

    Auf steigt dein Ursprung zu vielen Ahnen.

    Dieß all ist dein Geschlecht, Ottar du Blöder!


    Gunnar, Balkr, Grimr, Ardskafi,

    Jarnskiöldr, Thorir und Ulf, der Gähnende. –

    (Herwardr, Hiörwardr, Hrani, Angantyr)

    Bui und Brami, Barri und Reifnir,

    Tindr und Tyrfinger, zwei Haddinge:

    Dieß all ist dein Geschlecht, Ottar du Blöder!


    Zu Sorgen und Arbeit hatte die Söhne

    Arngrim gezeugt mit Eyfura,

    Daß Schauer und Schrecken von Berserkerschwärmen

    Ueber Land und Meer gleich Flammen lohten:

    Dieß ist all dein Geschlecht, Ottar du Blöder!


    Ich kannte beide, Brodd und Hörfi

    Dort am Hofe Hrolfs des Alten.

    Die alle stammen von Jörmunreck,

    Dem Eidam Sigurds – ich sage dirs –

    Des volkgrimmen, der Fafnirn erschlug.


    So war der König dem Wölsung entstammt,

    Und Hiördisa von Hraudungr,

    Eylimi aber von den Oedlingen.

    Dieß all ist dein Geschlecht, Ottar du Blöder!


    Gunnar und Högni waren Giukis Erben,

    Desgleichen Gudrun, Gunnars Schwester.

    Nicht war Guttorm von Giukis Stamm,

    Gleichwohl ein Bruder war er der beiden.

    Dieß all ist dein Geschlecht, Ottar du Blöder!


    Harald Hildetann, Hröreks Erzeugter,

    Des Ringverschleudrers, war Audas Sohn.

    Auda die überreiche war Iwars Tochter,

    Aber Radbard Randwers Vater.

    Dieß waren Helden den Göttern geweiht,

    Dieß all ist dein Geschlecht, Ottar du Blöder!


    Eilfe wurden der Asen gezählt,

    Als Baldur beschritt die tödlichen Scheite.

    Wali bewährte sich werth ihn zu rächen,

    Da er den Mörder des Bruders bemeisterte.

    Dieß all ist dein Geschlecht, Ottar du Blöder!


    Baldurn erzeugte Buris Erbe.

    Freyr nahm Gerda, Gymirs Tochter,

    Den Riesen anverwandt und der Aurboda.

    So war auch Thiassi verwandt mit ihr,

    Der hochmüthige Thurse, dessen Tochter Skadi war.


    Vieles erwähnt ich, mehr noch weiß ich;

    Wißt und bewahrt es: wollt ihr noch mehr?


    Von Hwednas Söhnen war Haki der schlimmste nicht;

    Hwednas Vaters war Hiörwardr.

    Heidr und Hrossthiof sind Hrimnirn entstammt.


    Von Widolf kommen die Walen alle,

    Alle Zaubrer sind Wilmeidis Erzeugte.

    Die Sudkünstler stammen von Swarthöfdi,

    Aber von Ymir alle die Riesen.


    Vieles erwähnt ich, mehr noch weiß ich;

    Wißt und bewahrt es: wollt ihr noch mehr?


    Geboren ward Einer am Anfang der Tage,

    Ein Wunder an Stärke, göttlichen Stamms.

    Neune gebaren ihn, der Frieden verliehn hat,

    Der Riesentöchter am Erdenrand.


    Gialp gebar ihn, Greip gebar ihn,

    Ihn gebar Eistla und Angeyja,

    Ulfrun gebar ihn und Eyrgiafa,

    Imdr und Atla und Jarnsaxa.


    Dem Sohn mehrte die Erde die Macht,

    Windkalte See und Sonnenstralen.

    Vieles erwähnt ich, mehr noch weiß ich;

    Wißt und bewahrt es: wollt ihr noch mehr?


    Den Wolf zeugte Loki mit Angurboda,

    Den Sleipnir empfing er von Swadilfari.

    Ein Scheusal schien das allerabscheulichste:

    Das war von Bileistis Bruder erzeugt.


    Ein gesottnes Herz aß Loki im Holz,

    Da fand er halbverbrannt das steinharte Frauenherz.

    Lopturs List kommt von dem losen Weibe;

    Alle Ungethüme sind ihm entstammt.


    Meerwogen heben sich zur Himmelswölbung

    Und laßen sich nieder, wenn die Luft sich abkühlt.

    Dann kommt der Schnee und stürmische Winde:

    Das ist das Ende der ewigen Güße.


    Allen überhehr ward Einer geboren;

    Dem Sohn mehrte die Erde die Macht.

    Ihn rühmt man der Herrscher reichsten und grösten,

    Durch Sippe gesippt den Völkern gesamt.


    Einst kommt ein Andrer mächtiger als Er;

    Doch noch ihn zu nennen wag ich nicht.

    Wenige werden weiter blicken

    Als bis Odhin den Wolf angreift.


    Freyja.

    Reiche das Ael meinem Gast zur Erinnerung,

    Daß Bewustsein ihm währe von deinen Worten

    Am dritten Morgen, und deiner Reden all,

    Wenn Er und Angantyr die Ahnen zählen.


    Hyndla.

    Nun scheide von hier, zu schlafen begehr ich:

    Wenig erlangst du noch Liebes von mir.

    Lauf in Liebesglut Nächte lang,

    Wie zwischen Böcken die Ziege rennt.


    Du liefst bis zur Wuth nach Männern verlangend;

    Mancher schon schlüpfte dir unter die Schürze.

    Lauf in Liebesglut Nächte lang,

    Wie zwischen Böcken die Ziege rennt.


    Freyja.

    Die Waldbewohnerin umweb ich mit Feuer,

    So daß du schwerlich entrinnst der Stätte.

    (Lauf in Liebesglut Nächte lang,

    Wie zwischen Böcken die Ziege rennt.)


    Hyndla.

    Feuer seh ich glühen, die Erde flammen:

    Sein Leben muß ein Jeder lösen.

    So reiche das Ael Ottar deinem Liebling:

    Der Meth vergeb ihm, der giftgemischte.


    Freyja.

    Wenig verfangen soll dein Fluch,

    Obgleich du, Riesenbraut, ihm Böses sinnst.

    Schlürfen soll er segnenden Trank:

    Ottar, dir erfleh ich aller Götter Hülfe.



    „Ich bin so etwas wie ein Antikörper der New-Age-Bewegung. Meine Funktion besteht darin, auf die Möglichkeit aufmerksam zu machen, hey, weißt du, einiges von all dem Kram könnte auch riesengroßer Quatsch sein!“


    Ceterum censeo progeniem hominum esse deminuendam.